Cover

Titel

Martin Kluger

DIE GEHILFIN

Roman

Impressum

Vollständige eBook-Ausgabe der im DuMont Buchverlag, Köln

erschienenen Taschenbuchausgabe, 1. Auflage 2014

© 2006 DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Lübbeke Naumann Thoben, Köln

Umschlagmotive: © akg-images/Erich Lessing

ISBN eBook: 978-3-8321-8667-8

www.dumont-buchverlag.de

Zitat

Only the impossible lasts forever; with

time, it is made accessible.

Djuna Barnes, Nightwood

Widmung

Für Maureen

Inhalt

Erstes Buch  Henrietta

1 Darf ich diese Tür öffnen?

2 Der Wassertropfen

3 Wie sie über die Brücke geht

4 Die erhängte Maus

5 ›Fai un respiro profondo‹

6 Ein Märzabend

7 Die Aufteilung der Welt

8 Philadelphia

9 Vorsichtige Vögel

10 Vater unser

11 Zwei Wutanfälle

12 Das gelbe Kleid

Zweites Buch  Henry

1 Dr. Berserker

2 Der Löwe des Ostens

3 Sturmwarnung

4 ›Ich geh schon mal vor‹

5 Engel für Henry Wittig

6 Die rote Kammer

7 Das Weib fragt

8 Nadelöhr

9 Und eine Liebe …

10 Emily

Drittes Buch  Silhouette

1 1900

2 Lebenslauf einer Frau

3 Du-Nie-Wieda

4 Nacht der Nächte

5 Herzfehler

6 ›The Game of Sweet Revenge‹

7 Die weißen und die schwarzen Tasten

8 Ich bin du

9 Ein Kuhhandel

Erstes Buch

Henrietta

1 Darf ich diese Tür öffnen?

Henriettas Vater war Tischler, er besaß eine eigene kleine Werkstatt in der Langen Straße. Kein glücklicher Name für eine Straße, meinte er, sie ist am Ende so lang, daß kein Kunde zu mir findet. Doch die Leute wollten seine Stühle und Schränke, und besonders seine Tische, denn er stand in dem Ruf, einen Tisch für jeden Gebrauch und jeden Geschmack binnen eines Tages und einer Nacht anzufertigen. Warum warten?, dachten die Leute, wenn es in der Langen Straße so fix geht und auch nicht mehr kostet als bei Tischlern in kürzeren Straßen. Paul mußte sich gar nicht groß anstrengen, seine Hände arbeiteten wie von allein, und er sang dabei: ›Ist dein Herz noch ledig, schick es nach Venedig.‹ Sein Herz war aber nicht ledig, es gehörte Luise, der Zigeunerin aus dem Havelland. Luise war keine echte Zigeunerin, für so eine hätte Paul Mahlow auch keine Verwendung gehabt, aber sie hatte schwarze Augen und gekräuseltes schwarzes Haar, in dem sie rote und gelbe Bänder trug, und war von ihrer Familie verstoßen worden, wegen Träumerei, fortwährendem Singen und Aufmüpfigkeit. Der Dorfschullehrer hatte ihr schwiemelige Augen gemacht, und sie hatte ihn mit einem Buch erschlagen, wovon er nur allmählich genesen wollte, er fühlte sich in seiner Ehre gekränkt, Bücher waren ihm heilig. Luise wanderte also los und war tagelang von Wiesen und Nebel umgeben, bis sie irgendwann am Horizont das Häusermeer der Stadt sah. Auch wer das Meer noch nie gesehen hat und gar nichts davon weiß, verspürt Sehnsucht danach, will hin und hinein und nie mehr hinaus.

Luise ernährte sich ihren Hals als Korbmachergehilfin, aber der Korbmacher war unmusikalisch und setzte sie bald auf die Straße. Sie fand Arbeit als Bedienung in einer Eßhalle, da ging es so lärmend zu, daß ihre Lieder gar nicht gehört wurden und man sie in Ruhe ließ. Und in jeder freien Minute sang Luise mit den Leierkastenmännern in den Höfen und auf den Brücken, aus reiner Freude am Singen, was eigentlich verboten war, denn zum öffentlichen Singen brauchte man Lizenz vom Amt. Ein Blauer wollte sie an der Jannowitzbrücke in Gewahrsam nehmen, Luise riß sich los, glitt auf den regennassen Bohlen der Brücke aus und wäre um ein Haar von einem Pferdekarren überrollt worden, der eine Ladung Holz in die Lange Straße lieferte, vielleicht geradewegs zu Paul, aber das konnte sie nicht wissen, niemand weiß das.

Eines Wintermorgens schaute Paul von seiner Arbeit auf und sah die singende Luise im stockdunklen, verschneiten Hof der Werkstatt. Sie sang ›Ist dein Herz noch ledig, schick es nach Venedig‹, und Pauls lediges Herz machte sich postwendend auf den Weg zu ihr. Zwar hatte Paul seiner Mutter auf dem Sterbebett versprechen müssen, nie eine Rothaarige oder Schwarzhaarige zu heiraten oder, schlimmer noch, eine rothaarige oder schwarzhaarige Katholische, denn sie waren alle falsche Katzen, doch er konnte sein Herz nicht mehr aufhalten, es war schon unterwegs.

Paul und Luise gehen im Tiergarten spazieren, es ist Sonntag, Paul trägt Hut, den er lüftet und schwenkt, als der Kaiser mit seinen Kindern in der kaiserlichen Schlittenkutsche vorbeifährt, der Schnee fällt von den Bäumen, und Schnee bleibt an Luises Wimpern hängen. Schon den ganzen Nachmittag sucht Paul einen Baum, hinter dem er Luise vielleicht küssen könnte, jetzt ist, dem Kaiser sei Dank, ein Notfall eingetreten. Paul zieht Luise hinter einen Ahornbaum und haucht ihre Wimpern an, die Schneekrumen schmelzen und rutschen ihre Wangen hinab, es ist nicht weit zu ihrem Mund.

Vor dem ersten Kuß sagt Luise: Das wußte ich. Paul versteht nicht, wie sie etwas wissen kann, bevor es geschieht. Luise dreht und wendet einen Tannzapfen im letzten Licht des Tages, schau doch mal, es sind hundert kleine Tische. Paul sieht keine Tische an dem Zapfen. Hundert kleine Dächer, hundert kleine Dachziegel, hundert Schuhlöffel. Alles, was wir für neu halten und heutig, ist vielleicht immer schon dagewesen, sagt Luise, auch wir beide, es mischt sich, aber es ist immer das gleiche. Das sind ihre überkandidelten Gedanken, und Paul läßt sie ihr, so sind Frauen eben, sie müssen geheiratet werden.

Weil ihre Familie sie verstoßen hat, bringt Luise keine Aussteuer in die Ehe, dafür hat sie ein süßes Geheimnis. Als frisch Vermählte lassen sich Paul und Luise im Atelier Noack vor einem römischen Panorama photographieren, auf der Photographie ist das süße Geheimnis noch nicht zu sehen.

Paul, der in seiner Werkstatt unter der Hobelbank geschlafen hat, übernimmt die Wohnung der säumigen Zahler über der Werkstatt, zwei Zimmer und ein halbes, die säumigen Zahler ziehen ihren Karren durch den Regenmatsch der Langen Straße, irgendwann sind sie nur noch kleine Flecken am Horizont. Paul hat ihnen zwei Zuckerstangen gegeben, für einen Spiegel mit Entenornamenten. Paul zimmert Tisch, Spind, Schrank, Stühle und Bettstelle aus Mahagoni und eine Wiege aus Birke, er schnitzt einen Spielmann der Gardeinfanterie für seinen ersten Sohn, den er Wilhelm nennen will, aus Dankbarkeit für den Schnee und dafür, daß der Kaiser ihn nicht zum Krieg bestellt hat. Der nächste wird dann Paul heißen. Luise fegt singend die Späne zusammen, kocht, wäscht und schaut ihrem Mann aus den Augenwinkeln bei der Arbeit zu. Eines Nachts, als er von welkem Laub begleitet aus der Kutscherkneipe geweht kommt, überrascht sie ihn mit technischen Zeichnungen. Sie hat seine Handgriffe und Arbeitsschritte aus dem Kopf aufgezeichnet und numeriert. Sie hat eine Idee, wie Paul seine Kunst des Tischemachens verbessern, die Natur des Holzes wirksamer nutzen kann. Es ist alles im Holz, es ist alles schon da, du mußt es dir nur nutzbar machen, sagt sie. Paul ist müde und gereizt, in der Kneipe hat er beim Würfeln verloren, die Würfelaugen verfolgen ihn, ihm wird ganz schwindelig, als Luise ihm nun auch noch mit Zahlen kommt und vorschlägt, er möge den sechsten vor dem fünften Schritt machen. Paul zerreißt die Zeichnungen, sie streiten, Luise klaubt die Papierschnipsel vom Fußboden, Paul sperrt Luise aus, soll das Weibsbild im Hof beim Köter schlafen. Luise legt sich neben den Kettenhund, der sie aus Augenschlitzen beobachtet.

Weihnachten soll Wilhelm auf die Welt kommen, aber er will noch nicht, und Paul lädt die Hebamme zu Nüssen und Wein ein. Neujahr ist sie wieder da und läßt Paul und Luise wieder mit einer leeren Wiege zurück. Als Paul sie fünf Tage später holen will, weil Luise vor Schmerzen nicht aufhört zu schreien und ihr Gesicht blau anläuft, ist die Hebamme zu einer anderen Geburt unterwegs. Die Hebamme der Großen Frankfurter Straße ist unbekannt verzogen, ihre Nachbarn munkeln, sie erwarte selbst ein Kind, von unbekanntem Vater. Paul eilt zurück in die Lange Straße, spannt ein geliehenes Pferd und Wagen an und bringt die schreiende Luise in die Königliche Charité. Dort steht er nur im Weg, also geht er in die nächste Kneipe. Seine Havelländerin mit den wilden Augen und den überkandidelten Ideen wird das schon schaffen.

Die nächste Kneipe heißt Zum Siechen, hier stemmen Kranke und Medizinstudenten brüderlich vereint die Biere und singen im Chor: ›Das ist der Doktor Dieffenbach, der Doktor der Doktoren, er schneidet Arm und Beine ab, macht neue Nas und Ohren‹. Die Stimmung aus Todesnähe, Trotz und Traum ist ansteckend, es wird spät und später. Ein Bursche des Stabsarztes muß Paul aus der Kneipe holen, auf der Frauenabteilung kommen ihnen der junge dujour-Arzt und eine Diakonisse entgegen. ›Gestatten, von Leyden‹, sagt der junge Arzt, ›sie ist tot. Beileid.‹ ›Sie lebt‹, sagt die Diakonisse Mariechen Baltuttis, deren Oberlippe ein Milchbärtchen ziert, ›Glückwunsch.‹ Die Diakonisse öffnet ein Fenster. Die Nacht ist eiskalt und schwarzweiß, kein Sternbild ist zu sehen.

Im Schein der Blendlaterne und im Zustand der Biertrance nimmt Paul Abschied. Was kann ich tun, mein Herz, ich konnte nichts tun. Luises toter Mund ist weit aufgerissen. So kann Paul ihr nicht den letzten Kuß geben. Doktor von Leyden versucht, Luises Lippen zu schließen, es ist nicht leicht, schließlich muß er den Mund mit einem Riemen zubinden.

Aber das Kind lebte. Luises süßes Geheimnis, ihre letzte überkandidelte Idee bestand darin, daß es ein Mädchen war. Was nun, fragte Paul das Bierglas, das ihm ein Medizinstudent im Siechen unter die gerötete Nase gestellt hatte, was sollte er mit dem Wurm, ohne Frau? Der Medizinstudent, der Pauls Schmerz auf Pauls Rechnung teilte, verschaffte für eine Summe Geldes dem Wurm eine Amme auf der Frauenabteilung der Charité, es war die Herzogin von Polen oder Italien, jedenfalls eine hochgestellte Ausländerin oder ausländische Hochstaplerin, die unter falschem Namen ihr Kind geboren hatte und nur eines einzigen deutschen Wortes mächtig war: warum?

Es half nichts, irgendwann mußte Paul von seinem Tisch im Siechen aufstehen, wo man sich so rührend um ihn kümmerte und die Siechen ihre traurigen, trotzigen Geschichten erzählten, und unter den schneebeladenen, erinnerungsbeladenen Bäumen zum Amt laufen, das Wurm zu melden. An der Jannowitzbrücke schreckte ihn ein Affe aus seinen Gedanken an frühere Tage. Der Affe sprang von Passant zu Passant, erst jetzt bemerkte Paul, daß es ein Kind im Affenkostüm war, es wollte die Leute animieren, einen kleinen Jahrmarkt zu besuchen, der die Feiertage überdauert hatte. In einem verluderten Höllenloch zwischen zwei rußigen Häusern drehte sich im trüben Licht einer Gasfunzel das leere Pferdchenkarussell, die Bude bot bröcklige Brezeln und Zuckerwerk an, das löchrige Zelt verhieß eine Begegnung mit den heiligen drei Königen aus dem Morgenland, ein Pierrot balancierte über einem Häuflein schwärzlichen Schnees. Paul hielt den Affen am Ohr fest: bist du Junge oder Mädchen? Der Affe nahm seinen Kopf ab. Sag mir deinen Namen. Henrietta, sagte der Affe, aber man nennt mich Du-Nu-Wieda.

Geburtsurkunde

Vor dem unterzeichnenden Standesbeamten erschien heute, der Persönlichkeit nach durch Gesellenbrief anerkannt, der Tischler Paul Mahlow, wohnhaft zu Berlin Lange Straße 63, evangelischer Religion, und zeigte an, daß von der Luise Mahlow geborene Wittig, seiner Ehefrau (bei der Geburt verstorben), wohnhaft bei ihm, zu Berlin in der Charité am sechsten Januar des Jahres um sechs ein viertel Uhr ein Kind weiblichen Geschlechts geboren worden sei, welches den Vornamen Henrietta erhalten habe.

Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben: Paul Mahlow.

Der Standesbeamte

In Vertretung Bernicke

Die Geburtsurkunde fand Henrietta erst nach ihrem fünften Geburtstag, hinter dem Spiegel mit den Entenornamenten, dem einzigen Einrichtungsgegenstand, der Vater aus seiner Zeit als Ehemann und Tischler geblieben war. Da konnte sie schon lesen, das Lesen hatte sie mit einer Schnelligkeit erlernt, die sogar Geheimrat Virchow kurios vorkam. Die Milch der Amme, meinte Mariechen Baltuttis vielsagend, das war in Wahrheit die Milch der Herzogin Galeshka Moravioff, der Herzogin von Warschau. Aber niemand wußte Genaues, am wenigsten Henrietta. Es gab einen Sommer, da wollte Henrietta, auch Jette, Etta oder ›die kleine Mahlowsche‹ genannt, heim in die russische Provinz, dem Vaterland ihrer hochwohlgeborenen Amme. An Bücher kam sie kaum heran, sie lernte das Lesen, indem sie mit den Wörtern der Krankenblätter in der 1ten Medizinischen Klinik und der Pathologie spielte. Zeichen, Buchstaben, Wörter sprangen in ihren Kopf und blieben und gründeten Familien, sie brauchte sich gar nicht anzustrengen.

Luises Leichnam war verbrannt worden, selbst als Tote mochte ihre Familie nicht für sie sorgen, und Paul, den die ausländische Amme und sein eigener Kummer kosteten und der Gott, seine Kirchen und seine Friedhöfe verfluchte, vergrub das Holzkästchen mit der Asche an der Böschung der Jannowitzbrücke. Er markierte die Stelle mit dem Spielmann, den er für seinen ungeborenen Sohn geschnitzt hatte, aber nach der ersten Schneeschmelze war der Spielmann verschwunden.

Pauls geschickte Hände, die wie von allein gearbeitet hatten, wurden langsamer. Die Maschinen in den neuen Möbelfabriken arbeiteten schneller. Paul nahm Schlafburschen auf, die zur Miete in der Langen Straße beitrugen. Nächtelang wanderte er durch den Nebel, immer an der Spree entlang, immer bis zum Humboldthafen, bis er gegenüber die Laternenaugen der Charité sah und die anrührenden Stimmen der glücklichen Kranken aus dem Siechen hörte.

Wochenlang hobelte, hämmerte und feilte er an einem einzigen Eßtisch, den der Kunde längst vergessen hatte, dann zerhackte er ihn. Er verkaufte die Möbel, die er für sich und Luise und seinen ungeborenen Sohn gezimmert hatte. Er behielt nur den Spiegel mit den Entenornamenten, denn wenn er seine zappelige, laut lachende Tochter vor diesen Spiegel hielt, wurde sie ruhig und vertiefte sich in ihren eigenen Anblick. Sie lachte und lachte, das dumme Gör. Sie lachte an Ziehtagen, wenn Paul die billige, maschinell gefertigte Bettstelle aus erbärmlich gehobeltem Kienholz auf den Karren lud und sie durch die Stadt zu einer neuen Bleibe zogen, die noch finsterer und feuchter war als die vorige. Sie lachte, wenn sie mit den Nachbarskindern und deren Müttern am laufenden Meter Putzfransen fabrizierte, während Paul sich in der Möbelfabrik mit dem Vorarbeiter kloppte und in der Steingutfabrik, der Textilfabrik, der Bürstenfabrik in immer längere Dämmerzustände fiel und ein ums andere Mal entlassen wurde.

Dringend suchte er, um seine Lage zu bessern, eine neue Frau. Doch die schneidigen Mädchen, die in den Kneipen der Molkenstraße servierten, kamen ihm schnell auf die Schliche, wenn aus der Truhe für die schmutzige Wäsche dieses Lachen kam. Und die jungen romantischen Bonnen, die im Tiergarten die Kinderwagen ihrer Herrschaft schoben, sahen seinen schwimmenden Augen an, ahnten, spürten, rochen, daß er seinen Schwur schon getan, seine Liebe schon vergeben, verwirkt hatte. Wie eine Maus auf der Suche nach ihrem Mäuseloch umzirkelte er in immer kleiner werdenden Kreisen den Siechen. Hatte man ihm dort nicht zugehört und Verständnis für ihn aufgebracht und ihm geholfen? Er schlüpfte hinein und kam tagelang nicht wieder zum Vorschein. Otto Buss, der Vater der neuen Nachbarskinder in der Keibelstraße, mit denen Henrietta bis in die späte Nacht Knopflöcher nähte, machte Paul schließlich ausfindig und erlag ebenfalls dem Sirenengesang der Kranken und ihrer zukünftigen Ärzte, erst weitere zwei Tage später tauchten sie gemeinsam wieder auf. Paul schuldete dem Faktotum des Geheimrats Virchow achtunddreißig Helle und vierzig Kümmel, und das war sein Glück.

Endlich, dieses eine Mal, hatte sein Hang zu Bier und Zeitverlangsamung, dem er nach Luises Tod mehr und mehr anheimgefallen war, ein kleines Lächeln auf Fortunas Lippen gezaubert. Seine merkwürdig eingeschränkte, auf seine Mitverlorenen begrenzte, aber um so tiefere Menschlichkeit, sein unwillkürliches Gespür für die Zusammenhänge des Leidens, das er in den Kneipen der Stadt geschärft hatte, kamen ihm nun in der großen Krankenstadt zugute. Besonders in der Nebenabteilung der 1ten Medizinischen Klinik der Charité, Station der blutspukkenden Schwindsüchtigen, die das Personal nur schaudernd betrat, verstand er das Dahinschwinden, das Schnappen nach letzter Luft sofort als sein eigenes Dilemma, als Entbehrung und Entehrung, und sprach zu diesen Kranken wie ein alter Freund, wie ein Weggefährte. Und nachdem er für Geheimrat Virchows Faktotum Handlangerdienste im Wert von achtunddreißig Hellen und vierzig Kümmel verrichtet hatte, stellte ihn der große Mann höchstpersönlich als Krankenwärter ein, zu zwei Mark achtzig Pfennig Tageslohn.

Fortan trank er nur noch sonnabends, in der Molkenritze am Molkenmarkt, denn der Geheimrat hatte ihm den Siechen verboten und an seine neue Berufsehre appelliert: Du gehörst jetzt zur großen Familie der Charité, du hast jetzt eine Stellung in der Welt, Mahlow. Aber das Wurm blieb ihm lästig, es hing an ihm, hing an seiner Hand, immerfort griff es danach. Gewiß, er hatte sie lieb, sie war sein Fleisch und Blut, doch mehr noch Luises Fleisch und Blut, denn mit jedem Jahr sah Henrietta ihr ähnlicher und erinnerte ihn, und er dachte über den Tannzapfen nach und ihre Worte: Es mischt sich, aber es ist immer das gleiche. Und immer beobachtete sie ihn, die kleine Luise, forschte ihn aus mit ihren schwarzen, wenig vertrauenerweckenden Äffchenaugen, noch im Schlaf beobachtete sie ihn.

Die paar Pfennige, die das Wurm bei der Heimarbeit mit den Bussens verdiente, reichten kaum für die tägliche Mahlzeit, deren Zubereitung Paul sowieso lästig war. Um sonnabends mehr in den Taschen klingen zu haben, sparte er schon am Pferdebus, marschierte lieber früh um sechs durch die halbe Stadt zur Arbeit, immer häufiger nun mit seiner lachenden Tochter, die er in den Winkeln der Krankenstadt versteckte und mit Suppe, Brei und Brot vom Tisch der Wärter versorgte. Bald fand er heraus, daß sie das Lachen auch lassen, sich in ein Nichts und Niemand, einen Gegenstand, eine Säule im Pathologiesaal verwandeln konnte, nur um in seiner Nähe zu sein, und Henrietta wurde zum blinden Passagier. Bis Mariechen Baltuttis den kleinen Hutständer mit den großen Augen in der Wärterkemenate entdeckte und Dr. von Leyden rief, den schweigenden Zeugen der Geburtsmordnacht, der den Direktor Geheimrat Spinola rief, den Henrietta mit ›Herr Spinatrat‹ anredete. Diese Betitelung fand Geheimrat Virchow, der heimliche König der Charité, der mit Spinola gar nicht konnte, so lustig, daß er Henrietta vom blinden Passagier zum augenzwinkernd geduldeten Maskottchen beförderte. Aber bitte an der kurzen Leine, Mahlow. Paul wußte nicht recht, was er davon halten sollte, daß seine Tochter ihn nun mit Duldung von ganz oben verfolgen und beobachten durfte.

Zentimeter um Zentimeter machte Henrietta die Leine länger, die Erwachsenen bemerkten es nicht einmal. Die riesige, rotsteinerne Krankenstadt, die Hallen und Säle, die endlosen Flure, die Verliese und Dachausgucke wurden ihr Palast, die dujour-Ärzte ihr Hofstaat, und sie lernte Brocken der Palastsprache, die eine geheime Sprache war. Beweis, beweisen, wo ist der Beweis, ist das bewiesen? lauteten die Parolen im Palast, die Kranken verstanden bloß Bahnhof. Henriettas Neugier und Schaulust waren größer als ihr Hunger, sie verzichtete lieber auf Backpflaumen als auf Kehlkopfspiegelungen, Beinamputationen, Abortausräumungen, und am aufregendsten war der Pathologiesaal, wo Geheimrat Virchow unter einer längst stehen gebliebenen Uhr, von der die Ziffern fielen, seinen Studenten erklärte, warum die nackten Toten tot waren. Die Zellen waren schuld, die Zeit und die Zelle, erklärte er. Vulnerant omnes, ultima necat lautete die Inschrift im morschen Holz der Uhr, doch wollte keiner Henrietta die Bedeutung übersetzen, selbst als sie beweisen konnte, daß sie in der Lage war, die Buchstaben laut zu lesen, jeden einzelnen für sich, e und c und a, ein Vogel hätte nicht klarer gepiepst.

Virchow untersuchte ihren Kopf (die Schädelform läßt auf Begabung schließen, sagte er und schrieb es in ein Heft), schenkte ihr einen Tuschkasten, den sie stets bei sich trug und der nachts ihr Kopfkissen war. Sie durfte Geheimrat Virchow sogar Onkel Rudi nennen, taufte ihn bei sich Zellenzwerg, aber es war ihr nicht gestattet, durch eines seiner Mikroskope die kranken Zellen zu betrachten, die es nicht gab, die er sich ausgedacht hatte wie Vater den schwarzen Hund, der ihn neuerdings von der Molkenritze nach Hause verfolgte. Sie fand es heraus, als sie einen heimlichen Blick durchs Okular wagte: nichts, nix, nischte. Die Doktoren und Professoren der Charité untersuchten das Nichts. Sie sprach mit niemandem darüber, es blieb ihr Geheimnis. Unheimlich auch das Zimmer, in dem Onkel Rudi viel verschwand, um zu schreiben und nachzudenken, Eintritt verboten.

›Na, kleine Parze, wie war’s in der Schule?‹ sagte Onkel Rudi. Sie ging jetzt mit dem Nachbarmädchen Anna Buss in die Volksschule, das hieß: Anna trottete müde und mißmutig, Henrietta mit ihren langen Beinen machte lange Schritte, denn sie liebte die Schule, Tafel, Kreide, Fibel, sie malte sich einen Trichter aus, durch den alles Wissen der Welt in ihren Kopf geschüttet werden sollte, und jeden Morgen wurde der Trichter breiter. Im Nu lernte sie schreiben, der Lehrer wollte nicht glauben, was er sah, stellte sie zur Strafe in die Ecke, wo sie leise lachte, dafür zog er ihr das Lineal über die Finger, die anderen Kinder hatten ihre Freude.

›Darf ich diese Tür öffnen?‹ fragte Henrietta. Sie stand vor Onkel Rudis Arbeitszimmer, er wollte gerade hineingehen. Er nahm seine Nikkelbrille ab und behauchte die Gläser.

›Besser mit mir als allein und heimlich‹, seufzte er.

Es war die Schatzkammer des Palasts. Hängende und stehende und sitzende Skelette, ja sogar eines, das leicht vorgebeugt und grinsend seinen Fuß auf einen Hocker mit Papieren stellte, Totenschädel aller Größen und Formen, Knochen über Knochen, ein Paradies für die Köter der Keibelstraße wäre es gewesen, aber König Virchow nannte es sein Menschenmuseum zum Wohle der Menschheit, seine Schatzkammer des Wissens. Wenn im Palast von der Menschheit gesprochen wurde, waren immer die anderen gemeint, das hatte Henrietta herausgefunden, die Habenden. Aber sogar die endeten als Hundeknochen. Und dann die riesigen Einweckgläser, in denen keine geklauten Birnen aus Köpenick schwammen, sondern tote Säuglinge mit zwei kirschkleinen Köpfen oder vier Augen oder gar keinem Auge, und ganz hinten das Glas der Gläser, das winzige Wesen, dem eine dritte Hand aus dem Nabel wuchs. Mißbildungen, die kommen vor in der Natur, das hat mit den Zellen zu tun und teleologischen Unwägbarkeiten, über die wir noch zu wenig wissen, sagte Onkel Rudi. Totgeboren, das kommt vor, das hätte dir auch passieren können bei deiner Stirnlage.

Eine dritte Hand, von der niemand wußte, eine gute starke Hand, stärker als Säbel und Pistolen, die Gutes und Großes vollbringen konn-te, während die beiden anderen Hände das Nötige und Übliche verrichteten, und von der niemand wußte. Vater hatte den Eierkoks vergessen und schickte sie zum dritten Mal hinunter auf die Straße? Kein Problem, sie war Henry der Held, besaß eine dritte Hand, die aus Henrys Nabel direkt zum Kohlenhändler fuhr. Otto Buss zog der armen Anna den Schürhaken über die Stirn? Henrys dritte Hand brach ihm jeden Knochen im Leib. Der Lehrer brummte Strafarbeiten auf, nur so zum Quälen? Die dritte Hand erledigte sie spielend. Und blätterte zusätzliche Seiten in zusätzlichen Fibeln um, die Henry nachtsüber schrieb, damit Henrietta sie tagsüber lesen konnte.

Es schneit und schneit. Sie kneift die Augen zusammen: Wenn man anders schaut, wird alles anders. Die Menschen lösen sich in tausend Punkte auf. Bleiche Boote stecken im Fluß fest. Mit spitzem Stein ritzt sie in ihr Spreemäuerchen an der Jannowitzbrücke Ihr werdet euch noch wundern. Vorgelesen, genehmigt und unterschrieben von Henrietta Mahlow (bei der Geburt am Leben geblieben).

Ich muß dir etwas beichten, hat Mariechen Baltuttis gesagt, die Henrietta gern das Leben schwer macht, manchmal jedoch feuchte Augen dabei bekommt. Es ist Henriettas siebter Geburtstag, und Mariechen hat gebeichtet, daß sie das Kleid der Mutter an sich genommen habe, bevor die Mutter verbrannt wurde, es sei ein so hübsches blaues Kleid gewesen, zu schade für den Ofen, sie habe es verkaufen wollen, aber das Gewissen, und dann habe sie es gewaschen und ganz hinten in ihren Schrank gelegt, vor dem Waschen aber eine Ecke Papier im Ärmel gefunden, von einem zerrissenen Blatt. Weil Henrietta viel besser lesen könne als ihr Vater, hat Mariechen ihr die Ecke Papier überreicht, behutsam, mit spitzen Fingern, wie der Herr Jesus, zu dem sie betet, in Gestalt der Oblate überreicht wird. Henrietta hat die Schrift auf dem Papier mit der Schrift auf der Rückseite der Hochzeitsphotographie verglichen, es ist die Schrift der toten Mutter. Mariechen Baltuttis hat versprochen, ihr das blaue Kleid zurückzugeben, sobald sie hineingewachsen sei. Henrietta hat die Ecke Papier in Onkel Rudis Schatzkammer versteckt, in einem Spalt hinter dem Einweckglas, in dem Henry mit der dritten Hand für immer und ewig schwimmt. Sie hat Vater die Ecke Papier verschwiegen. An einem der unzähligen Sonnabende des Jahres hatte er sie in sein bierseliges Vertrauen gezogen und von dem Streit mit Mama und von den zerrissenen Zeichnungen erzählt.

Die Hochzeitsphotographie ist im Lauf der Zeit vom Bord neben der Bettstelle zum Brett über der schimmeligen Anrichte und schließlich in den Schrank unter Pauls zwei Hemden gewandert, den kleinen silbernen Rahmen hat er verkauft. Auf der Rückseite sagt Paul, daß er Luise liebe, seine Schrift ist krakelig, die Buchstaben sehen aus wie Hasenschlingen. Luise, die tagelang durch Wiesen und Nebel gegangen ist, bis sie irgendwann am Horizont das Häusermeer sah, in dem auch Paul lebte, hat mit kleinen Spatzenspuren daruntergesetzt, daß sie ihr Glück nun gefunden habe.

Die Katzen der Keibelstraße hatten sich heftig. Henrietta wachte auf, ihre Haut klebte an ihr, könnte man die Haut doch ausziehen wie den Kittel. Es waren gar nicht die Katzen, es waren Sägegeräusche unten im Hof, und sie dachte: Es ist alles nur ein Traum gewesen, das ist mein Vater, der Tischler, sein Platz im Bett ist leer, er arbeitet an einem neuen Tisch, gleich wird Mama kommen, mich küssen, mit mir lachen und singen, wir stehen auf einem Fassadenbalkon und blicken ins Freie. Sie taumelte zum Fenster und schaute hinaus. Unten hielt eine alte Frau eine erschlagene Katze am Schwanz und warf sie über die Kackbude in den Nachbarhof. Alle anderen schliefen noch vor Erschöpfung. Henrietta knabberte sich die Fingernägel sauber. Wieder ein Sonntag. Sie konnte baden gehen, eintunken und, nur die Augen über dem Wasser, zuschauen, wie die Spree vorbeifloß.

Es war kein Traum gewesen, all das war geschehen. Aber, wie die Herzogin von Polen gesagt hätte: warum? Warum ihr und nicht den toten Säuglingen in den Einweckgläsern?