cover

Ayoub ist zu Hause rausgeflogen, genauso wie seine besten Freunde. Zusammen mit dem hübschen, etwas schlichten Fouad und dem Halbafrikaner Maurice schlägt er seine Zeit in ihrem belgischen Heimatdorf tot und versucht, irgendwie über die Runden zu kommen. Und dann ist da noch Kevin, ein überdrehter junger Konvertit, der sich selbst in Karim umgetauft hat. Die vier wollen rein ins Leben. Sie wollen Spaß haben und Mädchen finden und eine Perspektive, aber sie bleiben isoliert, abgeschoben auf die Strafbank der Gesellschaft. Authentisch, drastisch und mit scharfem, hintergründigem Humor beschreibt El Azzouzi, wie die Clique erst in die Kriminalität abrutscht und sich dann allmählich radikalisiert. Ayoub, der weder mit Gewalt noch Islamismus etwas am Hut hat, muss miterleben, wie die Situation Schritt für Schritt eskaliert. Einen Teil der Freunde wird es noch weiter ins Aus treiben, die anderen nach Syrien in den Dschihad.

›Wir da draußen‹ erzählt, wie aus ganz normalen jungen Männern Täter werden und was mit Menschen passiert, für die sich niemand interessiert.

autor

© Frederik Buyckx

Fikry El Azzouzi, geboren 1978 in Temse, Belgien, ist ein flämischer Autor marokkanischer Herkunft. Er machte sich einen Namen als Kolumnist und Dramatiker und wurde u. a. mit dem Autorenpreis für Theaterkunst 2013 ausgezeichnet. 2010 erschien sein Debütroman ›Het Schapenfeest‹, 2014 folgte die Novelle ›De handen van Fatma‹ (2014). ›Wir da draußen‹ ist das erste Buch El Azzouzis, das auf Deutsch erscheint. Er lebt in Antwerpen.

 

Ilja Braun studierte Germanistik und Theater-, Film-, und Fernsehwissenschaft in Erlangen, Glasgow und Berlin. Er übersetzt aus dem Niederländischen und Englischen u. a. Stefan Brijs, Tess Franke und Toine Heijmans.

FIKRY EL AZZOUZI

WIR DA DRAUSSEN

ROMAN

Aus dem Niederländischen
von Ilja Braun

1

Es gibt Tage, da wirft er mich raus auf die Straße wie Sperrmüll. Nur dass Sperrmüll abgeholt wird, mich lassen sie stehen. Ich hab Verständnis für ihn, seine Wutanfälle sind Teil einer Aggressionsstörung, dafür kann er nichts. Bei meinem Vater ist es wie mit einer Katze, die nicht anders kann als Mäuse fangen. Oder mit einer Mücke, die aus Instinkt heraus Blut saugt.

Er muss instinktiv seine Dominanz zur Geltung bringen. Zeigen, wer der Herr im Haus ist.

Ja, Vater, ich weiß Bescheid, du bist der Herr in deinem Haus. Das bezweifelt auch niemand. Du hast dein Territorium schon lange vor meiner Geburt abgesteckt. Aber musst du mich wirklich in die eisige Kälte rausschicken, nur weil ich manchmal abends erst um elf nach Hause komme?

Ich soll mich benehmen wie ein Mann, sagst du. Aber dann behandle mich auch so. Ich meine, elf Uhr – bitte! Manche Leute arbeiten zu der Zeit. Manche setzen sich an den Esstisch. Manche gehen tanzen. Manche gehen beten.

Elf Uhr ist doch wohl eine super Zeit, um nach Hause zu kommen. Wenn ich jetzt betrunken wäre oder zugekokst – ja, dann könnte ich das verstehen. Dann hättest du alles Recht der Welt, mich einen Kopf kürzer zu machen. Ich würde dir sogar höchstpersönlich das Messer reichen.

Merkt dieser Mann eigentlich, dass sein Verhalten nicht ganz normal ist? Wer schickt denn bitte seinen unschuldigen Sohn einfach so in die Nacht hinaus? Das ist für Fünfzehnjährige lebensgefährlich. Wenn sie nicht gerade Ayoub heißen. Wie zufälligerweise ich. Aber alle sagen bloß Youb. Kurz und kraftvoll. Das passt.

Du kannst es dir vielleicht nicht vorstellen, lieber Leser, aber ich bin überzeugt, dass die Väter dieses zurückgebliebenen Kaffs sich einzig aus dem Grund in der Moschee treffen, um über die richtigen Strafen für ihre Söhne zu diskutieren. Ich sehe es genau vor mir. Sagt der eine Vater: »Mein Sohn ist zu groß und zu kräftig geworden für den Gürtel. Ich kann ihn nicht mehr richtig bestrafen.«

Sagt der andere: »Dann wirf ihn raus. Zeig ihm, dass du der Herr im Haus bist. Zeig ihm, dass du allein König Mohammed VI. deines Hauses bist. Lass ihn vom Regen und von der Kälte kosten.«

Die anderen Väter stehen daneben, zupfen an ihren Bärten und nicken zustimmend. Vielleicht stoßen sie mit ihren Minztee-Gläsern an und trällern dazu ein Liedchen: »Wirf ihn raus, wirf ihn raus, raus aus deinem warmen Haus.«

Okay, das mit dem Lied ist ein bisschen drüber. Aber man muss diese Väter mit eigenen Augen gesehen haben, um zu wissen, wie bescheuert sie sind. Wie auch immer, ich bin nicht dazu da, Lieder zu dichten. Oder Väter zu erziehen. Dafür gibt es Psychologen, die so ein Verhalten erklären können.

Ich muss gut und gerne neunhundert Meter bis zum Waschsalon laufen, um zu sehen, wer sonst noch so von seinem Vater rausgeschmissen worden ist. Willkommen in Waasdorp. Eigentlich ist es hier überall ziemlich ausgestorben, aber man kommt sich trotzdem wie im Zoo vor. Bei jedem Schritt saust mir das Kreischen der Schimpansen in den Ohren, das Trompeten der Elefanten und das Zischeln der Schlangen. Die Menschen sind wie Tiere, es macht einen verrückt, es fehlt die Luft zum Atmen. Trotzdem achte ich immer auf meinen Gang. Man muss mit Stil und Selbstbewusstsein unterwegs sein hier auf der Straße, sonst unterscheidet man sich nicht von den alten Männern auf der Suche nach ihren Rollatoren. Ich will es dir erklären: ein bisschen zurücklehnen, die Brust etwas rausdrücken, den rechten Arm locker schlenkern lassen. Die linke Hand in die Hosentasche, die ist eh nur zum Arschabwischen da. Das ist der Drarrie-Gang.

Bin ich etwa der Erste im Waschsalon? Ich hoffe echt, dass ich hier nicht die ganze Nacht allein rumsitzen muss. Letztes Mal habe ich mich aus lauter Verzweiflung auf den Bügeltisch gelegt. Bin eingeschlafen und erst am nächsten Morgen wieder aufgewacht. Mit steifem Nacken, kaputtem Rücken und übersäht von Mückenstichen.

Auf die Gefahr hin, dass ich die ganze Nacht alleine bleibe, habe ich zur Sicherheit ein Notizbuch mitgenommen. Von jetzt an schreibe ich immer alles auf, was ich erlebe, wenn ich zu Hause rausgeschmissen werde. Noch weißt du es nicht, lieber Leser, aber ich habe ein ausgesprochen interessantes Leben, und Schreiben ist nicht besonders schwer, schon gar nicht für ein Genie wie mich. Die paar Bücher, die ich gelesen hab, waren allesamt totlangweilig oder schlicht unlesbar. Das kann ich wirklich besser. Nicht, dass Schreiben jetzt so was Besonderes wäre. Warum ich es trotzdem mache? Sorry, aber warum rauchen Leute, obwohl sie das umbringt? Warum fressen Dicke fetten Fraß? Warum schlagen Eltern ihre Kinder? Die Antwort ist so einfach wie die Frage: Es ist stärker als du selbst.

Ich setz mich schon mal in die Ecke hinter dem Bügeltisch. Da kann ich mich gut konzentrieren. Außerdem bin ich dann raus aus dem Sichtfeld der Bullen, und ich werde nicht von Leuten gestört, die im Vorbeigehen durch die Scheibe glotzen.

Du fragst dich bestimmt, warum wir uns ausgerechnet einen Waschsalon ausgesucht haben. Im Waasdorp ist einfach nichts anderes offen. Hier kommt man zumindest unter, ohne dass es gleich was kostet. Sobald es dunkel wird, gehen hier die Vorhänge zu, und die Kneipen machen dicht. Bis auf die Schwarze Maria. Die bleibt offen. Hinter dem Tresen steht eine alte Dame mit silbergrauem Haar, das früher mal schwarz war, und kümmert sich um frustrierte Rentner. Sie leiht ihnen ein Ohr, und wer weiß, was sie ihnen sonst noch anbietet. Die Alten sehen immer so unschuldig aus, aber je älter man wird, desto schmutziger wird die Fantasie. Ich spreche aus Erfahrung. Als Kind war ich im Kopf noch die Unschuld pur.

Bei der Schwarzen Maria sind wir nicht willkommen. Ich kann sie schon verstehen. Wir wirken bedrohlich auf ihre Kunden. Wir sind jung, sehen gut aus und riechen auch noch gut. Während die alten Leute … Wo soll ich da überhaupt anfangen? Graue Haare auf dem Kopf, in der Nase und in den Ohren. Müffelaroma. Das einzige Erfolgserlebnis ihres Tages ist ein erfolgreicher Stuhlgang. Wenn ein Furz in der Luft hängt, wissen sie nicht, ob sie’s selbst waren oder ihr kläffender Köter, so dement sind sie nämlich. Alte Leute haben entweder schlechte Zähne oder gar keine, während meine blendend weiß sind. Schon mal versucht, mit einem zahnlosen Opa ein Gespräch zu führen? Ich sag dazu nur: Tfu. Vergiss es, Alter.

Ich könnte noch die ganze Nacht über die abkotzen, aber ich hör jetzt mal auf. Schlecht über alte Leute zu reden ist harām und außerdem Zeitverschwendung. Die sind eh nicht mehr lange am Start.

Ach ja, es gibt auch noch ein Teehaus für Marokkaner und andere nichtweiße Bevölkerungsgruppen, die gern Tee trinken, würfeln oder sonst was spielen. Einen Verein nennen wir Drarries so ein Teehaus.

Ich sollte eigentlich nicht über meine eigene Bevölkerungsgruppe herziehen, aber wir Marokkaner sind die Übelsten, Verlogensten und Perversesten von allen. Doch manchmal findet man in dem Misthaufen eine verborgene Perle. Eine Perle mit Namen Ayoub.

Wir müssen leider draußen bleiben. Wir haben eine zu große Klappe, suchen immer nur Streit und haben keinen Respekt vor den Alten. Respekt, hallo? Die sind vielleicht zehn Jahre älter, aber sehen fünfzig Jahre älter aus und erwarten, dass wir vor ihnen auf die Knie fallen und ihnen die Hände küssen. Scheiß auf den Verein. Der Waschsalon ist eh besser. Da gibt es Automaten mit Cola, Kaffee und Schokoriegeln. Und noch einen mit was zu futtern. Was es da zum Glück nicht gibt, sind debile alte Männer mit hässlichen Fressen und Megadoppelkinn, die sich den ganzen Tag verliebt anglotzen und Tee schlürfen.

Ich komme nicht richtig in den Schreibfluss rein, kann mich nicht konzentrieren. Aber keine Sorge, ich probier’s nachher einfach noch mal. Nur was mache ich bis dahin? Kann doch wohl nicht sein, dass meine Freunde alle brav zu Hause sitzen und Fernsehen gucken.

»Was soll ich machen?«, schreie ich.

Ein bisschen mit meinem Handy rumdaddeln? Viel zu langweilig. Liegestütze, Crunches? Viel zu anstrengend. Ich bin nicht so sportlich wie Fouad, der den ganzen Tag nur trainiert. Ah genau, ich schicke Fouad eine Nachricht: Wo steckst du? Bin im Waschsalon.

Seine Eltern lassen Fouad nicht mehr rein. Na ja, vor allem sein Vater. Seine Mutter findet sich damit ab und schiebt Kummer. So ist das mit Müttern. Wenn Fouads Vater das Haus verlässt, geht er schnell rein, um zu duschen, zieht sich eine frische Unterhose an und stopft sich was zu fressen ins Maul.

Er hängt jetzt schon seit ein paar Wochen draußen rum. Streunt durch die Straßen wie ein Penner. Er selbst findet es nicht so schlimm. Ich glaube, es gefällt ihm sogar ganz gut. Kein Genöle mehr, kein Rumgetue, und du kannst machen, worauf du Bock hast. Brauchst keine Rechenschaft abzulegen, wenn du erst im Dunkeln nach Hause kommst. Die ultimative Freiheit.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Polizei hier beim Waschsalon vorbeischaut und mir sagt, dass ich mich verpissen soll. Dann kann ich auch rumstreunen, zusammen mit Fouad oder mit Karim oder mit Maurice. Alleine ist man eben alleine. Obwohl ich mich zusammen mit den anderen manchmal sogar noch einsamer fühle als jetzt.

»Ewa, Youb, wieder rausgeschmissen oder was?«, fragt Karim. Grinsend kommt er in den Waschsalon hineinspaziert.

»Nein, ich find’s hier voll unterhaltsam. Guck mir grad so die Waschmaschinen und Trockner an.«

»Und warum versteckst du dich da in der Ecke? Hast dir gerade einen runtergeholt, was? Soll ich noch mal kurz rausgehen, bis du fertig bist?« Karim lacht laut.

Okay, kurz zur Erklärung: Karim heißt eigentlich Kevin. Der eigentlich Kevin heißende Karim ist so weiß wie ein Glas Milch an einem schläfrigen Sonntagvormittag. Er ist das einzige Weißbrot von uns. Warum er mit Drarries loszieht? Weil er sich bei uns gut fühlt. Nenn ihn bloß nicht Kevin, dann dreht er komplett durch. Karim ist bei uns eine Minderheit, und deshalb übernimmt er die meisten Angewohnheiten von der Mehrheit. Das nennt man Integration. Sagen wir, Kevin ist ein Konvertit. Er hat jedenfalls alle Eigenschaften eines Konvertiten. Manchmal wird er sogar richtig gläubig, fängt an zu beten, trägt allen Ernstes eine Galabiya und läuft ständig mit erhobenem Zeigefinger rum. Nein, das stimmt nicht. Er erhebt den Zeigefinger nicht, er sticht uns damit ins Auge! Aber zum Glück dauern diese Anfälle nicht lange. Er steht viel zu sehr unter dem schlechten Einfluss der Drarries.

Karims Problem ist, dass er sich immer beweisen muss. Er will noch dunkelhäutiger und gläubiger sein als wir. Nach außen hin wirkt er gar nicht so, aber von innen sieht er aus wie der finsterste Muslim mit Hennabart, Gebetsmütze, Galabiya und den neuesten Nike Air Max. Und er will immer noch cooler und krasser sein als wir. Aber manchmal geht er zu weit. Nein, das stimmt nicht, Karim geht immer zu weit.

Zum Beispiel letzte Woche, als er zum Rathaus gegangen ist, um sich offiziell in Karim umbenennen zu lassen. Der Beamte fragte ihn, warum er einen schönen Namen in einen hässlichen ändern lassen wolle. Er solle doch froh sein über den Namen, den seine Mutter für ihn ausgesucht habe. Er sollte doch stolz sein auf seine Herkunft.

Karim ist total ausgerastet. Er ist sowieso immer kurz vorm Explodieren. Dachte wohl, der Typ hätte seine Mutter beleidigt. Oder, noch schlimmer, nach ihrer Telefonnummer gefragt. Keine Ahnung, was in den Köpfen der Bekehrten so vor sich geht.

Jedenfalls hat der Beamte die Prügel seines Lebens kassiert. Nicht, dass Karim ihn umbringen wollte, aber viel hat nicht gefehlt. Als er hinterher vor dem Rathaus stand und noch eine rauchen wollte, hat die Polizei ihn mitgenommen. Er musste die Nacht in einer Zelle verbringen. Am nächsten Tag ist er wieder hingegangen und wollte immer noch seinen Namen ändern lassen. Damit der Beamte merkte, dass er nicht unterzukriegen war. Aber der Beamte lag wegen seiner Verletzungen im Krankenhaus, und stattdessen saß Karim eine hübsche junge Frau gegenüber. Sie erklärte, es sei unglaublich kompliziert, seinen Namen ändern zu lassen. Und unglaublich teuer. Andersherum, also Karim in Kevin zu verändern, wäre es kein Problem gewesen, und auch noch spottbillig. Karim wurde total verlegen, ihre Stimme jagte ihm kalte Schauder über den Rücken. Er bedankte sich höflich und ging raus. Im Nachhinein hat er total bereut, sie nicht nach ihrer Nummer gefragt zu haben. Aber bilde dir besser dein eigenes Urteil über Karim. Mir fällt dazu nur ein einziges Wort ein: behindert.

Immerhin, Karim entscheidet selbst, wann er das Haus verlässt. Rausgeworfen wird er nie. Der Glückliche hat aber auch keinen Vater, sondern nur eine Mutter. Karims Mutter ist nicht ganz in der Spur, sie hat ein Alkoholproblem. Ertränkt sich selbst Abend für Abend in Trappistenbier. Darum hängt Karim abends lieber draußen rum. Und weil er mit uns solidarisch sein will.

In seinen heimlichen Fantasien stellt Karim sich einen Vater vor, der ihm zeigt, wo der Hammer hängt. Einen Vater, der seine Mutter verprügelt. Das hätte die betrunkene Hexe mal verdient. Guck nicht so empört. Das sind nicht meine Worte, sondern die von Karim. Weißt du, warum Karim mit uns loszieht? Weil er bei uns er selbst sein kann. Karim ist nicht ganz in der Spur. Ich bin auch nicht ganz in der Spur. Ist keiner von uns.

»Was kritzelst du denn da? Keine Zeit für mich, oder was? Willst du zeigen, wie schlau du bist? Den Intellektuellen raushängen lassen? Demnächst kommst du bestimmt mit so ’ner Hipsterbrille an. Was schreibst du denn da, was über mich? Schreib mal was über mich, ich bin echt interessant. Eigentlich müsste mal jemand ein Buch über mein Leben schreiben. Über was ich so mitgemacht hab. Ich würd’s auch selbst machen, aber ich hab zu viel zu tun. Außerdem krieg ich von Wörtern das Kotzen und von den ganzen Buchstaben Stress und Kopfweh«, sagt Karim.

Ich zucke mit den Schultern und schreibe weiter. Meine Freunde leiden allesamt an Größenwahn.

»Weißt du, was ich gestern geträumt habe? Ich weiß, das ist ein bisschen schräg, aber ich habe geträumt, dass ich meine Mutter aufesse. Lebend! Ich sollte ihr die Hände abschneiden, und dann sollte ich die in einer Pfanne braten, mit bisschen Zwiebeln und Knoblauch. Ihre Hände sollten nicht verloren gehen, das wollte sie so, sie sollten noch zu was nütze sein. In meinem Traum schmeckten die richtig gut, und meine Mutter konnte keine Dose mehr aufmachen und kein Glas mehr halten. Vielleicht wär das die Lösung für ihr Problem«, sagt Karim.

»Ihr die Hände abhacken? Aber sie kann doch auch ohne Hände trinken, mit Strohhalm.«

»Idiot. Du musst immer alles kaputtmachen.«

»Ich kapier nur nicht, wieso du willst, dass deine Mutter aufhört zu trinken. Freu dich doch, und genieß deine Freiheit.«

»Warum erzähle ich auch einem Vollpfosten wie dir von meinen Träumen?«, fragt Karim mit einem Seufzer. Draußen geht eine Frau mit einer roten Jacke vorbei. Karim schaut ihr hinterher.

»Komm, wir gehen hinterher«, sagt er. »Die ist bestimmt betrunken. So was riech ich auf Kilometer gegen den Wind.«

»Und dann? Die pisst sich doch höchstens in die Hose oder verläuft sich vor Schreck. Was weiß ich, wie das bei Betrunkenen so abgeht. Übrigens behauptest du dauernd, nachts wären alle betrunken. Vielleicht geht sie einfach ganz normal nach Hause.«

»Komm, bisschen plaudern, bisschen lachen, bisschen rwina, und die Nacht ist rum«, meint Karim.

»Du willst, dass sie Angst kriegt?«

»Ja. Ist doch lustig. Vielleicht fass ich sie kurz an. Wusstest du, dass manche Frauen erotische Fantasien haben, wie sie in einer dunklen Gasse von Männern angefasst werden? Und zwar erst recht von jungen, gut aussehenden Männern. Yallah, Youb, wir lassen ihren Traum Wirklichkeit werden!«

Da gebe ich ihm hundertpro recht. Also, was die erotischen Obsessionen von Frauen für Drarries betrifft.

Kurz zögere ich, ob ich mitgehen soll. Aber alles ist besser, als die ganze Nacht auf einer Waschmaschine zu hocken.

Nur schnell noch aufschreiben, dass ich und Karim jetzt einer Frau mit roter Jacke hinterherlaufen, um sie zu erschrecken. Vielleicht greifen wir nach ihrer Handtasche, aber das ist unwahrscheinlich. Wie ich Karim kenne, greift er eher nach ihrem Hintern, auch wenn ihr das nicht gefallen wird. Ich kritzle hastig ein paar Zeilen in mein Notizbuch. Dann unterbreche ich mich, schüttele den Kopf und streiche den letzten Satz. Ich muss anscheinend noch viel lernen.

»Jetzt komm schon«, ruft Karim.

Ich springe von der Waschmaschine runter, und wir machen uns auf. In einiger Entfernung ist sie noch zu sehen, eine große, schlanke Frau. Wir rennen los. Fünf Meter hinter ihr werden wir langsamer, schlendern gemächlich weiter. Karim stößt ein Zischen aus. Ich auch. Die Frau dreht sich nicht um.

»Was die für schöne schwarze Stiefel hat. Waren bestimmt teuer. Das ist Leder, ich kann es riechen«, sagt Karim und zieht geräuschvoll Luft ein. »Junge Dame, was Sie für eine schöne rote Jacke haben!«

Ihr Gang wird nervös. Wir sind wie Wölfe. Angst können wir riechen.

»Und was für schöne braune Haare sie hat. Sehen nicht mal gefärbt aus. Riechen bestimmt auch gut. Junge Dame, dürfte ich vielleicht mal an Ihren Haaren riechen?«, fragt Karim.

Wir halten uns die Hand vor den Mund, um nicht loszuprusten.

»Und was sie für schöne lange Beine hat«, sage ich. »Schlank und muskulös, wie man sie sich wünscht. Passen perfekt zu ihrer roten Jacke und dem schwarzen Rock. Wie sie wohl von vorne aussieht? Hoffentlich genauso gut wie von hinten.«

»Ich werde ganz wuschig, wenn ich nur dran denke«, sagt Karim mit zittriger Stimme.

Die Frau umklammert ihre kleine lederne Handtasche.

»Und was sie für eine schöne Tasche hat. Sehr stilvoll«, sagt Karim. »Ei, was da wohl drin ist«

»Mit Sicherheit was Wertvolles. Die Frau hat schließlich Klasse. Sie trieft nur so davon«, rufe ich.

»Wie bitte? Sie trieft? Hat sie den Tripper, oder was? So ein schmutziges Wort, Alter! Bestimmt kann sie das gar nicht leiden, dich und deine schmutzigen Ausdrücke. Jetzt lass sie mal in Ruhe, Youb. Nein heißt Nein. – Obwohl, wenn ich mir ihren Arsch genauer anschaue. So schön, so groß, so rund und so allein«, singt Karim und bricht dann über seinen eigenen Witz in ein schallendes Gelächter aus.

Ohne Vorwarnung stürmen wir auf die Frau zu, überholen sie, drehen uns zu ihr um und schauen ihr in die Augen. Ängstlich erwidert sie unseren Blick. Der schlottern ganz klar die Knie. »Schön!«, sagt Karim mit breitem Grinsen.

»Sehr schön«, sage ich. »Vor allem ihre rote Jacke.«

»Junge Dame, was haben Sie für große Augen.«

»Junge Dame, was haben Sie für einen großen Mund.«

»Junge Dame, was haben Sie für große Titten.«

»Junge Dame, was haben Sie für einen großen Hintern.«

»Junge Dame, was haben Sie für große …«

Karim fällt nichts mehr ein, also bleiben wir stehen und lassen die Frau, die so schön eigentlich gar nicht ist, vorbeigehen.

Weißt du, was ihr Blick verraten hat? Ich sag’s dir: Dem Jungen mit dem dunklen Teint wollte sie gerne noch mal irgendwo begegnen, aber dann alleine. Der beknackte Belgier konnte ihr gestohlen bleiben.

Wir gehen zurück zum Waschsalon.

»Und, wie fandest du’s?«

»Nicht so toll, ehrlich gesagt. Wird allmählich langweilig, Frauen Angst zu machen. Ich glaube, wir sind zu alt dafür. Sollten uns mal was anderes einfallen lassen.«

»Warum hast du ihr nicht die Handtasche weggenommen? Das war doch die Gelegenheit.«

»Was hab ich gerade gesagt? Sind wir noch zwölf, oder was? Außerdem habe ich einen tadellosen Charakter«, sagt Karim.

Dann fängt er von den Roten Teufeln an, der belgischen Nationalmannschaft. Dass Marc Wilmots endlich entlassen werden müsste. Marc Wilmots sei echt nicht der richtige Trainer für Belgien, meint Karim. Zu weiß und zu geleckt.

»Wer ist Marc Wilmots?«, frage ich scheinheilig.

»Der Trainer der Roten Teufel! Du hast echt keinen Schimmer von gar nichts. Du interessierst dich einfach für nichts, oder? Schreib das mal auf: Ich bin ein Schriftsteller, der sich für nichts interessiert.«

»Von wegen. Ich interessiere mich für mich selbst.«

»Hast du dich mal gefragt, warum die Funktionäre da alle Weiße sind? Bei den Roten Teufeln sind die Spieler fast alle schwarz, aber trainiert werden sie von einem Weißbrot. Nie drüber nachgedacht? Nein, natürlich nicht, du mit deiner Me-myself-and-I-Mentalität. Ich erklär’s dir, aber vergiss nicht, es in dein Tagebuch zu schreiben, Mister Guck-mal-wie-schlau-ich-bin-ich-kann-’nen-Stift-halten. Gleich und Gleich gesellt sich gern. Das ist bei Tieren so und bei Menschen auch. So läuft das eben. Wenn es um Spitzenjobs geht, holen die Weißen nie die Immigranten. Die dürfen als Affen aufs Spielfeld, aber mehr auch nicht. Glaubst du im Ernst, das sind alles so super Fußballer? Na okay, vielleicht sind sie auch gute Fußballer, aber vor allem müssen sie dumm sein. Rassisten, wir leben in einer Welt voller Rassisten. Merk dir das, wenn du das nächste Mal ein Spiel guckst. Ich unterstütze die Roten Teufel jedenfalls nicht mehr. Ich werde erst wieder Fan, wenn sie einen schwarzen Trainer kriegen oder einen Moslem in den Vorstand holen«, sagt Karim.

»Tarnon, du redest echt Schwachsinn. Außerdem ist das total unlogisch. Was hast du denn zum Beispiel bei uns zu suchen? Gleich und gleich gesellt sich gern? Müsstest du dann nicht mit Weißbroten losziehen? Denk an deine Zukunft. Solltest dich besser an deine Artgenossen halten. Dann würdest du auch mal einen Spitzenjob kriegen und einen dicken BMW fahren. CEO Karim Van De Walle«, sage ich.

»Fick Spitzenjobs und fick meinen Familiennamen! Erstens: Ich hab mehr schwarze Zeiten gesehen als du, also bin ich auch schwärzer als du. Machst du dir vielleicht eine Vorstellung davon, wie es ist, ohne Vater aufzuwachsen? Nein, machst du nicht, dazu bist du viel zu blöd und egoistisch. Zweitens: Ich verkaufe meine Seele nicht, an niemanden. Du würdest noch deinen Arsch hergeben für einen Dürüm. Ich bin sogar sicher, dass ein ordentlich gerollter Dürüm perfekt in deinen Arsch reinpassen würde. Drittens: Ich bin vielleicht ein fauler Sack, kann ja sein, aber du bist ein noch viel größerer, du merkst es bloß nicht.«

»Weißt du, was dein Problem ist?«, frage ich. »Du bist neidisch, dass du früher von keinem Vater misshandelt wurdest.«

Karim wird leicht blass, stottert ein bisschen rum, schaut mich ein paar Sekunden lang eindringlich an und sagt: »Weißt du, was mir jetzt erst auffällt? Warum nennen sie sich eigentlich die Roten Teufel? Wollen sie Reklame machen für Satan? Wollen sie, dass wir den Teufel unterstützen? Ich hätte es wissen müssen. Der Teufel ist überall, und Fußball ist ein Sport, den der Teufel erfunden hat.«

Plötzlich hören wir ein Hupen. Es ist Fouad, mit einer hellgrünen Vespa. Er trägt eine Ray-Ban und einen weißen Helm mit italienischen Flaggen an den Seiten.

»Wajuu Hulk, wie kommst du an einen Scooter, und dann auch noch an so ’nen Oldtimer? Ist dir klar, wie teuer die Dinger sind? Kann ich den mal fahren?«, fragt Karim.

»Ray-Ban, italienischer Helm und Lederjacke. Zehma chataar! Zehma-Style! Blöd nur, dass du in die Jacke erst noch reinwachsen musst, oder ist das XXXXL? Und dazu deine Schweißfüße in den abgefuckten Nikes – geht so«, sage ich und lache.

»Ihr Opfer seid doch nur neidisch!«, ruft Fouad. »Frauen interessieren sich nur für zwei Dinge: dein Äußeres und das, was du in der Hose stecken hast. Nämlich dein Geld«, sagt Fouad und reibt einen imaginären Geldschein zwischen den Fingern.

Ich streiche über seine Handschuhe. »Und die hier sind aus Leder, stimmt’s? Hast du jemanden überfallen? Oder einen Job gefunden? Tellerwäscher? Besorg mir auch mal ’nen Job, ich will auch Geld verdienen.«

»Lass mich mal fahren«, drängelt Karim.

Fouad versucht ihn abzuwimmeln, aber wie üblich bleibt Karim hartnäckig. Sie kabbeln sich eine Weile, bis Fouad irgendwann seufzt und sagt: »Bis zum Ende der Straße. Kein Stück weiter.«

»Warum trägst du eigentlich im Dunkeln eine Sonnenbrille?«, frage ich.

»Stil. Alles eine Frage von Stil«, sagt Fouad, der es sich plötzlich anders überlegt hat und die Vespa nicht abgeben will. Er weiß genau, dass Karim sich nie im Leben dran halten wird, nur bis zum Ende der Straße zu fahren.

Karim zieht am Lenker, er lässt nicht locker. Die beiden sind kurz davor, sich zu prügeln. Wegen einer Vespa. Aber das ist zumindest schon mal ein Fortschritt. Früher haben sie sich um eine süße Waffel oder einen Schluck Cola gekloppt.

Nachdem Karim mehrfach auf Gott, seine Mutter und die heiligen Bücher geschworen hat, darf er schließlich doch eine Probefahrt machen. Dabei ist ihm gerade vermutlich nichts so egal wie Gott, seine Mutter und die heiligen Bücher.

»Du Schwachkopf, vor morgen siehst du den nicht wieder.«

»Was sollte ich denn machen? Er hat nicht aufgehört mit dem Gequengel. Der hätte sich den kleinen Finger abgehackt, um einmal mit dem Ding zu fahren«, sagt Fouad.

»Wo hast du die Vespa her?«, frage ich.

»Lange Geschichte. Erzähl ich dir später mal«, sagt Fouad.

Zehma, großes Geheimnis. Typisch Fouad. Lauter Geheimnisse, alles total mysteriös. Und am Ende ist meistens nichts dahinter.

Weil es kalt und nieselig ist, setzen wir uns in den Waschsalon. Ich reibe die Hände aneinander, kratze mich am Kopf und mache mir eifrig Notizen. Fouad guckt komisch zu mir rüber. Dann zieht er seine Jacke, seinen Pullover und seine sonstigen Klamotten aus, bis auf die Boxershorts, und fängt eifrig mit Liegestützen an.

»Warum ziehst du dich jetzt aus? Die Leute denken noch, wir sind zemmers

»Ist gerade so schön ruhig hier. Wenn ich trainiere, möchte ich dabei meine Muskeln sehen können. Das ist motivationssteigernd. Schade, dass hier keine Spiegel sind. Aber das Glas spiegelt ja auch ein bisschen. Guck dir mal meine Brustmuskulatur an. Und die Arme. Stahlhart! Und hier, mein Sixpack. Bist du debil, Alter? Guck mal her!«

Kurz werfe ich einen Blick auf ihn.

»Weißt du, was der Unterschied ist zwischen mir und den meisten Bodybuildern? Ich hab auch was an den Beinen. Die meisten haben so magere Spaghetti-Beinchen. Zieh dir mal meine Waden rein. Hey, Youb! Meine Waden! Warum guckst du nicht? Hast du jemals solche Megawaden gesehen?«, ruft Fouad.

»Waden sprechen mich nicht so an. Außer bei Frauen.«

»Ich hatte heute echt einen guten Tag. Ich hab gut geschlafen und gut gegessen. Erst mal ein kräftiges Frühstück. Zehn Eier, aber nur das Eiweiß. Dann eine Schale Haferflocken mit Magermilch, eine Banane und eine Schale Magerjoghurt. Ein paar Ergänzungsmittel und Vitamine hab ich mir auch reingezogen. Stunde später dann trockenen Reis und gekochtes Hühnchen. Hast du mal gekochtes Huhn gegessen? Echt ein Fraß, aber für den Körper ist es gut. Viele Leute wissen das gar nicht, aber bei den Muskeln dreht sich alles um die richtige Ernährung. Der Tag fängt gut an, wenn ich gut gegessen hab. Was kritzelst du denn da dauernd? Seit wann bist du Shakespeare? Shakespeare – ist das richtig, oder wie spricht man den Namen aus? Was glaubst du, Alter, dass ich keine Schriftsteller kenne, oder was? Dass ich irgendein Idiot bin? Hey, Youb, kann man mit Schreiben Geld verdienen? Schreib mal was über mein Leben, das wird ein Bestseller! Da will ich dann aber ein paar Prozent abhaben. Du als Schriftsteller, das glaubt mir keiner, haha! Das ist echt zum Lachen, du bist doch in allem das totale Mittelmaß. Willst du’s nicht lieber mal mit Stricken versuchen? Da kommt zumindest was bei raus, ab und zu ein warmer Schal.« Fouad ist aus der Puste.

»Soll ich etwa ein Buch über jemanden schreiben, der in Boxershorts Liegestütze macht? Was ist daran bitte so interessant? Außer du willst vielleicht Karriere als Stripper machen.«

»Wo du’s grad sagst: Meinst du nicht, das wäre was für mich? All die Ladies, die meinen Körper angeifern. Die nach der Show mehr von mir wollen. Was ist eigentlich mit dir, Youb? Wann fängst du endlich mal mit Training an? Du hast eine Körperhaltung wie ein Sack. Oder wie einer von den Alten auf dem Weg zur Moschee. Dein Äußeres sagt anderen, wer du bist, vergiss das nicht. Was sagt dein Äußeres, wer du bist? Nichts. Wann hast du das letzte Mal gepumpt?«

»Vor ein paar Monaten. Als mein Reifen platt war.«

Fouad seufzt und guckt mich schief an.

»Hör auf, immer so bescheuert zu gucken und zu seufzen. Eins ist sicher: Am Ende lässt auch dein Körper dich im Stich.«

»Aber bis dahin sehe ich wenigstens gut aus. Im Gegensatz zu dir. Wie willst du dich eigentlich verteidigen, mit diesen dünnen Ärmchen?«, fragt Fouad.

»Dafür hab ich ein Messer.«

»Du hast auch auf alles eine Antwort. Wusstest du eigentlich, dass ich noch mal so ’ne kleine Aufbau-Kur machen werde?«

»Na dann viel Erfolg! Aber such dir diesmal wen anders, der dir die Nadel in den Arsch sticht.«

Okay, lieber Leser, ich erzähl dir, was ich mit Fouad gemacht habe. Vor langer, langer Zeit … Nein, das stimmt nicht, es ist genau genommen erst sechs Monate her. Noch vor sechs Monaten habe ich Fouad über drei Wochen jeden Tag eine Injektionsnadel mit Anabolika in seinen behaarten Arsch gejagt. Dem englischen Text auf der Verpackung zufolge war das Zeug für Rinder. Ich hab’s ihm gesagt, aber er fand es nur umso interessanter. Stiere hätten enorme Muskeln, meinte er. Erst wollte ich mich weigern. Nicht weil es Anabolika für Tiere waren, Fouad ist ja eh ein Rindviech. Aber bin ich etwa seine Krankenschwester?

Ich habe ihn ignoriert, bin nicht ans Telefon gegangen, hab seine SMS nicht beantwortet. Tagelang hat er rumgeheult und mir Vorwürfe gemacht, ich sei kein guter Freund. Es werde doch jetzt Sommer, und da wolle er möglichst gut aussehen. Ich würde ihn sabotieren und ihm den Erfolg nicht gönnen. Einfach weiterzutrainieren würde ihm viel zu lange dauern, und außerdem würde es auch nichts mehr bringen.

Irgendwann bin ich eingeknickt. Die Desinfektion mit Alkohol habe ich ihm allerdings selbst überlassen. Das ging mir dann doch zu weit. Er sollte sich nicht einbilden, ich wollte ihm einen Liebesdienst erweisen. Mir war die ganze Geschichte zuwider, und das sollte er auch spüren.

Die Wirkung war unübersehbar. Fouad verwandelte sich immer mehr in einen Gorilla. Wohlgemerkt in einen Gorilla mit Eiterpickeln. Sein Gang. Der Geruch seiner Haut. Vom Gestank seines Atems ganz zu schweigen. Der glasige Blick aus dem schief hängenden Kopf. Und wenn man sich mit ihm unterhielt, kam er immer ganz nah, als wollte er einen im nächsten Augenblick auffressen. Fouad sprach auch nicht mehr, er schrie nur noch. Ich weiß nicht, was für ein Zeug ich ihm da gespritzt hab, aber es machte einen anderen Fouad aus ihm. So eine Art Pseudo-Hulk.

Es war ja wohl nicht meine Schuld, was da mit ihm passierte. Wenn er unbedingt Aufmerksamkeit erregen wollte, brauchte er sich hinterher nicht zu beschweren, wenn er Krebs, einen Herzschlag oder was weiß ich für schreckliche Krankheiten von dem Mist bekam.