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Auf einem Kinderbauernhof in Amsterdam verschwindet am helllichten Tag ein kleiner Junge. Trotz tagelanger Suche bleibt er unauffindbar. Die Polizei ist höchst alarmiert und leitet eine groß angelegte Suchaktion ein. Wie sich zeigt, ist der Vorfall bloß der Anfang. Überall in Nordholland werden Kinder vermisst gemeldet, und bald verfolgt das ganze Land fieberhaft das mediale Geschehen. Maud Mertens, die Leiterin der Ermittlungen, gerät immer stärker unter Druck. Schon einmal hat die altgediente Kommissarin durch eine falsche Entscheidung den Tod eines Kindes mitverschuldet, und sie beginnt zu zweifeln, ob sie die Richtige für diesen Job ist. Unterstützung erhält sie von der jungen Kriminalistik-Studentin Kyra Slagter, deren Schwester vor Jahren spurlos verschwunden ist und die Mertens bereits in einem anderen Fall »ungebeten« assistierte: ein ungleiches Paar, das sich dennoch perfekt ergänzt. Als eine erste Kinderleiche auftaucht, ist klar: Die Täter schrecken vor nichts zurück – und jede Minute zählt.

Autor

© Y. Compier Ceejay

Isa Maron, geboren 1965, ist Autorin mehrerer er folgreicher Kriminalromane und gilt in den Niederlanden als eine der Meisterinnen ihres Genres. Ihr Debüt ›Passiespel‹ wurde 2008 als bester Frauen-Thriller des Jahres ausgezeichnet.

 

Bei DuMont in der Reihe der Nordsee-Morde bisher erschienen:
Band 1: Dunkle Flut (März 2016)
Band 2: Kalte Brandung (September 2016)
Band 3: Schwarzes Wasser (Juni 2017)

ISA MARON

KALTE

BRANDUNG

DIE NORDSEE-MORDE

Ein neuer Fall für
Maud Mertens und Kyra Slagter

Aus dem Niederländischen
von Stefanie Schäfer

KALTE BRANDUNG

1

 

»Jesse?«

Sophie Verster steht am Zaun bei den Eseln, an einem der hinteren Gehege des Kinderbauernhofs. Ihr Atem kondensiert zu kleinen weißen Wölkchen. Suchend wandert ihr Blick die Umgebung ab, streift die Besucher. Heute ist nicht viel los. Der Weg zu den Pfauen liegt verlassen da, und nur weiter vorn zwischen den Hühnern und Enten stehen ein paar Erwachsene mit Kindern.

»Jesse?«

Wo steckt er nur? Immer entfernt er sich von ihr, ohne ihr Bescheid zu sagen. Sie lässt ihr Handy in die Jackentasche gleiten. Schafe, Esel, eine leere Weide mit schiefen Zäunen, gesäumt von einem Wassergraben. Er ist nirgendwo zu sehen.

»Jesse!«, ruft sie jetzt leicht gereizt.

Wieder schaut sie bei den Schafen und dem Gehege am Ende des Weges nach, sucht weiter hinter den Büschen am Spielplatz. Kein Jesse. Mist!

Sie kehrt um und bleibt an einem verwitterten grünen Picknicktisch stehen. Eben war er noch da. Er stand mit dem Päckchen Hühnerfutter in den Händen direkt neben ihr und beobachtete die Esel. Sie hatte nur kurz zum Handy gegriffen und auf die Nachricht einer Freundin geantwortet. Als sie wieder aufsah, war er weg.

Einfach weg.

Sie rennt in Richtung des Eingangs, dorthin, wo die Hühner sind. Vielleicht ist er schon vorgegangen, um sie zu füttern. Aber auch da ist er nicht.

»Jesse!«, ruft sie wieder.

Es hilft nichts. Wenn er sie hören könnte, würde er schon kommen. Der Kleine ist nicht verschlagen. Er gehört nicht zu denen, die andere ärgern oder provozieren.

Wo ist er nur?

»Jesse!« Ihre Stimme klingt schrill. Sie dreht sich einmal um die eigene Achse. Sie rennt wieder zurück, obwohl sie dort schon zwei Mal nachgeschaut hat. Sie kann nicht glauben, dass er plötzlich verschwunden ist.

Jesse ist nicht auf dem Weg zum Eingang und auch nicht im hinteren Bereich. Sie steht an den Außengehegen des Kinderbauernhofs, wo der Weg endet und in einem Knick zum Hinterausgang führt, einem Tor, das abgeschlossen ist. Der Bauernhofgeruch schlägt ihr plötzlich auf den Magen; feuchtes Holz und Schlamm, gemischt mit Hühnerdreck und Eselkacke. Sie läuft zum Zaun, der das Gelände begrenzt und hinter dem die schmale Straße zum Noordhollands Kanaal verläuft. Sie drückt die Klinke des Tors hinunter. Abgeschlossen. Er kann hier unmöglich allein hinausgeschlüpft sein.

Sophie stellt sich auf die Zehenspitzen, beugt sich so weit wie möglich über den Zaun und blickt hilflos die Straße hinunter. Komm schon, Jesse, zeig dich. Links, bei der Mühle, ist er nicht. Rechts, am Eingang des Bauernhofs, auch nicht. Sie lässt sich zurücksinken, umklammert das Gitter und rüttelt daran. Der Zaun ist zu stabil und zu hoch, als dass Jesse darüberklettern könnte. Er muss noch irgendwo hier drin sein. Sie kehrt zur Eselweide zurück.

Die Tiere stehen reglos auf dem kahlen Auslauf. Nur ein kurzer Augenblick ist verstrichen, seitdem Sophie bemerkt hat, dass Jesse nicht mehr neben ihr stand. Mein Gott, sie ist sein Kindermädchen und für ihn verantwortlich. Schon seit Jahren vertraut ihr Ilonka van Dijk Jesse an.

Sophie läuft es kalt den Rücken hinunter, und einen Moment lang dreht sich alles um sie herum in schwindelerregendem Tempo. Sie sieht nur noch lang gezogene Streifen, während sie allein dort steht, in der Totenstille, im Auge des Sturms, bis jemand die Notbremse zieht, alles anhält und ihr ist, als drehe nur sie selbst sich weiter bis zur Übelkeit.

»Jesse!«

Sie kann nicht anders, als ihn wieder und wieder zu rufen. Sophie rennt los, zwischen den Sträuchern hindurch zurück zu dem kleinen, versteckten Spielplatz. Dort muss er sein!

Niemand.

Eine knallblaue Plastikrutsche endet verlassen im Sandkasten. Eine schwarz-weiße Spielzeugkuh ist liegen geblieben. Daneben ein Schild: Spielen ist fein, aber Aufräumen muss sein. Der Deckel der Plastikkiste, in die das Spielzeug gehört, ist geöffnet. Sie rennt darauf zu. Vielleicht versteckt er sich. Vielleicht spielt er ihr doch einen Streich.

Kein Jesse.

Sie rennt an der Wippe vorbei, springt hinter die Bank und schaut noch einmal im Gebüsch nach. Das kann doch nicht sein! Verdammt noch mal, Jesse, wo bist du? Sie überquert den Spielplatz und zwängt sich hektisch durch die Hecke hindurch, zurück zum Weg und zu dem kleinen Platz am Eingang.

»Jesse!«

Das hier ist der kleinste Streichelzoo der Welt. Zwei Esel, ein paar Schafe, ein Dutzend Ziegen. Wie kann er verschwunden sein?

»Mein Kind ist weg!«, ruft Sophie. Väter und Mütter blicken erschrocken in ihre Richtung. »Ein kleiner Junge! Jesse!!«

»Wie sieht er aus?«, fragt ein Vater, der mit zwei kleinen Kindern inmitten der Hühnerschar steht.

»Blaue Jacke, Jeans, blonde Locken, blaue Mütze«, antwortet sie außer Atem.

Kyra Slagter sitzt am Fußende ihres Doppelbetts und starrt die Wand mit den Informationen über Sarina an. Ihr Foto in der Mitte, eine Karte von Texel – wo sie vor vier Jahren spurlos verschwunden ist – mit der Strecke, die sie gelaufen ist, Stichworte aus Zeugenaussagen: Kleidung, Ortsnamen, der Name des Jungen, mit dem sie sich dort offenbar getroffen hat, Kopien der perfide Hoffnung erweckenden Ansichtskarten, die vier Jahre nach dem Absendedatum plötzlich bei ihnen aufgetaucht sind.

Vor gut einem Jahr wollte ihre Mutter sie daran hindern, sich weiterhin so intensiv mit dem Verschwinden ihrer älteren Schwester zu befassen. Sie hatte von ihr verlangt, die Sachen von der Wand zu nehmen, sich auf die Schule zu konzentrieren anstatt auf Sarina, auf Dinge, die sie beeinflussen könne, so sagte sie, anstatt auf solche, die weit außerhalb ihrer Reichweite lägen.

Außerhalb ihrer Reichweite. Ihre eigene Schwester. Das konnte sie nicht hinnehmen.

Diese Phase liegt nun hinter ihnen. Kyra ist inzwischen neunzehn und studiert Kriminalistik an der Hochschule von Amsterdam. Sie hat vieles durchgemacht im letzten Jahr – nicht zuletzt während ihrer verrückten Suche nach dem Mörder ihres Lehrers Marc Gaullier –, das ihre Position gegenüber ihrer Mutter verändert hat.

Sarina lacht sie an. Blondes Haar umrahmt ein mageres Gesicht. Große grünbraune Augen und volle rote Lippen, genau wie ihre. Eine merkwürdige Vorstellung, dass sie jetzt genauso alt ist wie Sarina auf dem Foto. Etwas älter sogar.

Wo bist du hingegangen, Schwester? Was ist mit dir geschehen?

Ihr Handy, das neben ihr auf dem Bett liegt, fängt an zu summen. Sophie. Komisch, dass sie anruft, sonst schreibt sie immer.

»Hallo«, meldet sich Kyra, und sofort sprudelt es aus Sophie heraus.

»Jesse ist weg«, keucht sie außer Atem. »Ich bin mit ihm zum Kinderbauernhof gegangen, und plötzlich war er verschwunden. Könntest du bitte zu ihm nach Hause fahren und nachsehen, ob er da ist? Ich möchte lieber hierbleiben, falls er doch noch auftaucht. Ich kapiere das nicht! Auf einmal war er weg.«

»Bin schon unterwegs«, erwidert Kyra. »Ich nehme den Roller. Hast du Ilonka angerufen?«

»Ich trau mich nicht.«

»Ruf auf jeden Fall die Polizei.«

»Ja. Das sollte ich. Ich –«, Sophies Stimme versagt. »Er kann doch nicht … Ich versteh das nicht.«

»Was hat er an?«

»Eine Jeans, eine blaue Jacke und eine blaue Mütze, so ein leuchtendes Blau.«

Kyra schlüpft in ihre Schuhe und eilt die Treppe hinunter. Rollerschlüssel. Wintermantel, Handschuhe. Schnell.

Sophie kann nicht fassen, dass er weg ist. Die wenigen Besucher des Kinderbauernhofs helfen bei der Suche. Sie hat noch einmal im hinteren Bereich des Geländes nachgeschaut, in den Gehegen der Pfaue und der Hühner, im kleinen Eselstall. Ihr fällt kein Fleckchen mehr ein, an dem sie nicht schon zweimal gewesen wäre. Vielleicht hat sie bei der Ziegenweide nicht richtig nachgesehen, oder er ist doch am Spielplatz. Jetzt steht sie in dem kleinen Haus des Verwalters.

»Könnte er nach Hause gegangen sein?«, fragt eine Mitarbeiterin, eine kleine Frau mit üppigem Busen. Sie trägt ein graues, fleckiges T-Shirt mit einem verwaschenen Mickymaus-Aufdruck und hat die Stirn in Falten gelegt.

»Eine Freundin von mir ist hingefahren und sieht nach, aber er würde nie einfach so nach Hause laufen. Er würde auf jeden Fall Bescheid sagen.«

»Ich rufe die Polizei«, sagt die Frau.

Sophie nickt wie betäubt, dann stürzt sie zur Tür hinaus.

»Ich schau noch mal bei den Ziegen nach!« Sie reißt das Gatter auf, rennt über das Gras, an dem alten Traktor vorbei, zur Hütte mit den Heuballen, die mitten auf dem hintersten Feld steht. Sie keucht. Das kann nicht wahr sein! Der ganze Bauernhof ist umzäunt, für kleine Kinder ist es unmöglich, über den Zaun oder durch ihn hindurch zu kommen. Sie rennt über das Feld. Nichts. Auch nicht hinter dem Zaun. Die Wiese außerhalb des Geländes liegt verlassen da. Wie ist das möglich? Es scheint, als seien ihre Gedanken in einer Endlosschleife gefangen, ein sich ewig wiederholender Refrain.

Sie rennt um die Heuscheune herum zum Misthaufen, wo ein paar Hühner scharren. Dort sucht eine Mutter nach Jesse.

»Nichts«, sagt die Frau. »Tut mir leid.«

Sophie rennt zurück zum Haus des Verwalters.

»Er ist wirklich nirgendwo«, stößt sie hervor. Sophie atmet tief ein, doch der Sauerstoff scheint nicht in ihre Lungen zu dringen. Fünf Jahre Jesse hüten verdichten sich in diesem einen Moment. Er ist zwei, und sie bauen Türme aus Bauklötzen. Er ist fünf, und sie lesen Benjamin Blümchen. Jetzt ist er sieben und findet sich viel zu groß für einen Babysitter. Er kann doch nicht plötzlich weg sein?

»Setzen Sie sich doch mal hin«, sagt die Frau mit dem Mickymaus-T-Shirt. »Wir haben die Polizei gerufen, sie sind unterwegs. Jan? Hast du Tee da?«

Der Mann steht auf. Seine wässrigen Augen verschwinden fast unter seinen üppigen Augenbrauen. Sie soll sich hinsetzen, sagen sie. Wie kann sie sich setzen, wo sie doch suchen muss? Doch wo soll sie suchen? Ihr fällt kein Ort mehr ein.

»Haben Sie außerhalb des Hofes nachgesehen?«, fragt der Mann, während er ihr eine Tasse dampfenden Tee reicht. »Am Kanal?«

Sophie erstarrt.

Kyra rast mit ihrem Roller über den Deich, flitzt zwischen den Absperrpfosten am Florapark hindurch und wünscht sich, die Kiste würde schneller fahren. Es ist eiskalt, und sie ist froh, dass sie die dicke Winterjacke angezogen hat. Sie fährt ohne zu zögern am Kinderbauernhof vorbei und biegt nach ein paar Metern links in die Siedlung ein, in der Sophie und Jesse wohnen. Sie stellt ihren Roller im Vorgarten von Sophies Haus ab und springt über den niedrigen Zaun, um bei den Eltern von Jesse zu klingeln. Keine Reaktion.

Sie klingelt noch einmal. Nichts. Sie schaut durchs Fenster. Ruft durch den Briefschlitz. Wenn Jesse da wäre, würde er bestimmt aufmachen. Sie läuft zurück und klingelt bei Sophie, aber ihre Mutter Linda öffnet auch nicht. Im Haus auf der anderen Straßenseite bemerkt sie eine Bewegung. Sie geht hinüber und klingelt.

»Haben Sie Jesse gesehen?«, fragt sie die ältere Dame.

»Ich habe ihn mit Sophie weggehen sehen«, antwortet die Frau. »So vor etwa einer Stunde.«

»Und danach ist er nicht wieder aufgetaucht?«

»Nein.«

»Er ist also nicht allein zurückgekommen«, stellt Kyra fest.

»Was ist denn?«, fragt die Frau. »Sucht ihr ihn? Vielleicht ist er bei Tim, seinem Freund, der wohnt in Nummer siebenundzwanzig.« Sie deutet auf ein Haus ein Stück die Straße hinunter.

»Vielen Dank!«, ruft Kyra und ist auch schon weg.

»Ist Jesse hier?«, fragt sie die Frau, die ihr öffnet, erkennt aber an dem erstaunten Gesichtsausdruck, dass er nicht da ist.

»Nein, den habe ich heute noch nicht gesehen. Warum?«

Kyra fischt das Handy aus der Tasche, hebt zum Dank die Hand und rennt zurück zu ihrem Roller.

»Sophie? Hier ist er nicht. Weder zu Hause noch bei seinem Freund Tim. Keiner hat ihn gesehen. Habt ihr inzwischen die Polizei gerufen?«

Kurz hört sie zu.

»Bleib, wo du bist«, antwortet sie. »Ich fahre noch mal die Strecke von hier zum Kinderbauernhof ab, vielleicht entdecke ich ihn doch noch irgendwo. Ich bin gleich da.«

Sie fährt zurück, etwas langsamer jetzt, und blickt sich aufmerksam um. Sie dreht noch eine Extrarunde durch die kleinen Straßen rund um Jesses Haus. Es ist Mitte November, und in ein paar Tagen ist Nikolaus, viele Häuser sind schon weihnachtlich geschmückt. In einer Stunde wird es dunkel sein. Sie müssen sich mit der Suche beeilen.

Kyra verlässt das Wohnviertel und überquert die Holzbrücke zum Kanal. Nirgendwo ein kleiner blonder Junge. Sie kennt Jesse gut. Er ist ein liebes Kerlchen, wahnsinnig klug. Er hat ihr das Schachspielen beigebracht – jedenfalls hat er ihr erklärt, was jede Schachfigur darf und was nicht –, weil ihm »Mensch ärgere dich nicht« zu einfach ist. Verdammt, wo steckt er bloß?

Kurz vor der Unterführung bleibt sie stehen und blickt den Weg zur Grundschule hinunter. Ein langer, gerader Weg, an dem ein Wasserlauf entlangführt. Nichts. Sie schaut noch einmal zurück zum Wasser, zu den Bäumen und dem Schilf am Ufer. Nichts.

Sie fährt weiter. Kurz hinter dem Krankenhaus hält sie noch einmal an. Vielleicht ist er dort auf den Fahrradweg abgebogen? Doch in der Ferne sieht sie nur eine ältere Frau mit einem Hund. Autos fahren vorbei. Ein kleiner, hüpfender Junge in einer blauen Jacke ist nirgendwo zu sehen.

Kaum hundert Meter vor dem Kinderbauernhof sieht sie etwas im Kanal treiben, etwa drei Meter vom Ufer entfernt. O Gott! Sie schreit den Leuten zu, die am Eingang des Bauernhofs stehen.

»Kommt schnell!« Sie stellt den Roller auf die Straße und rennt zum Ufer. Etwas Blaues. Etwas Knallblaues. Es schnürt ihr die Kehle zu. Aber er hat doch bestimmt das Seepferdchen? Das hat man doch, wenn man sieben ist …

Sie blickt sich um und sieht ein paar Leute auf sich zulaufen. Wie tief ist das Wasser hier? Zwei Meter? Drei? Vier? In der Mitte verläuft eine Fahrrinne, die von großen Schiffen benutzt wird. Mein Gott, Jesse … Das knallblaue Ding kann nur seine Mütze sein. Kyra zieht ihre dicke Jacke aus und springt in den Kanal. Das Wasser ist so kalt, dass es ihr sofort die Luft aus den Lungen presst. Mit zwei Zügen hat sie das blaue Ding erreicht und holt es aus dem Wasser. Tatsächlich, eine Mütze aus blauer Baumwolle.

Hinter sich hört sie ein Klatschen, und ein Junge taucht auf.

»Du da lang!«, sagt er und deutet an Kyra vorbei. Er hat recht. Jesse kann überall sein. Kyra wirft die Mütze ans Ufer, wo sich inzwischen eine Gruppe von Leuten versammelt hat. Sie taucht unter. Das eiskalte Wasser fließt ihr in die Ohren, über den Kopf und in den Nacken. Sie versucht, irgendetwas zu erkennen, aber das Wasser ist trübe. Wo sie auch hinsieht, überall ist nur dieser grünbraune Nebel. Verzweifelt tastet sie um sich; durch die heftigen Bewegungen geht ihr die Luft aus und sie muss wieder auftauchen. Wie lange dauert es, bis ein siebenjähriges Kind untergeht? Es zappelt doch, schreit, es kann doch Wasser treten? Es geht doch nicht sofort unter? Hatte Jesse vielleicht Stiefel an? Heißt es nicht: Stiefel aus, wenn man ins Wasser fällt. Denn die laufen voll und ziehen einen hinunter. Stimmt das? Wo soll sie suchen? Wo? Sie atmet tief ein und taucht wieder unter. Diesmal versucht sie, den Grund zu erreichen, und tastet dort panisch herum. Schlick. Steine. Zweige. Etwas Scharfkantiges. Sonst nichts.

Jesse!, ruft es in ihrem Kopf. Komm zu mir!

Sie muss wieder rauf. Schöpft Atem. Taucht viel zu schnell wieder unter. Die Panik ergreift sie immer heftiger. Sie kann ihn nicht finden! Der Kanal ist viel zu breit, und wahrscheinlich herrscht hier Strömung. Vielleicht ist er in die Mitte des Kanals getrieben, der in Richtung Ringstraße fließt, oder, schlimmer noch, weiter in Richtung Schleuse. Noch einmal holt sie Luft und taucht wieder unter. Sie versucht, systematisch am Ufer entlangzuschwimmen, greift mit den Armen weit um sich und entfernt sich mit jedem Zug ein Stück weiter vom Ufer, hin zur Mitte des Kanals. Sie hat das Gefühl, dass der Kanal ein Schlammpfuhl, groß wie ein Fußballfeld, ist. Sie sucht überall rings um sich, aber er könnte doch auch über ihr treiben, unter ihr, schräg neben ihr, er kann überall sein. Sie sieht nicht einmal ihre eigenen Beine, so trüb ist es hier. Es hat keinen Sinn … Außer Atem kommt sie wieder nach oben und flucht. Halt deine Gedanken beisammen! Such! Such!

»Nichts!«, ruft der Junge, der mit ihr ins Wasser gesprungen ist, und schwimmt auf sie zu. Sie hat sich ein ganzes Stück weit vom Ufer entfernt. Zu ihrer Linken sieht sie einen Mann im Wasser suchen.

»Das schaffen wir nicht!«, ruft der Junge. »Tut mir leid. Vielleicht müssen wir das den Tauchern überlassen.«

Den Tauchern, hat er gesagt. Die kommen natürlich gleich. Spürhunde. Und ein ganzer Trupp Polizisten. Aber sie werden zu spät kommen. Wenn er hier irgendwo im Wasser ist …

»Komm ans Ufer«, sagt der Junge. »Es ist viel zu kalt.«

Jetzt erst merkt Kyra, wie unterkühlt sie ist. Wie lange schwimmt sie schon in diesem eiskalten Kanal? Ihr ganzer Körper kribbelt, und jede Bewegung fühlt sich an, als schnitte sie sich an hundert Messern.

»Nein«, sagt sie leise. Plötzlich ist sie todmüde und das Ufer sehr weit weg. Sie schaut zu dem Jungen. Sein Gesicht scheint sich in das von Jesse zu verwandeln, in Todesangst, mit weit aufgerissenen Augen. Noch einmal holt sie tief Luft und taucht unter. Mit weit ausgestreckten Armen pflügt sie durch das Wasser. Er muss hier irgendwo sein! Wenn er doch nur in ihre Richtung käme, wenn sie doch nur an der richtigen Stelle suchte … Plötzlich fühlt sie etwas Glitschiges an ihrer rechten Hand. Es ist sofort wieder weg. Sie dreht sich um und greift danach.

Da, erwischt! Sie packt es und schießt an die Oberfläche, aber noch bevor sie oben ist, weiß sie: Was immer es ist, es ist zu weich, zu leicht, es ist nicht Jesse. Sie zieht es mit einem Arm aus dem Wasser und erkennt eine Jacke. Einen Moment lang ist sie gelähmt vor Angst und glaubt, die blaue Jacke von Jesse zu sehen, doch dann erkennt sie, dass die Jacke dunkelgrün und von einem Erwachsenen ist. Ein Ärmel ist völlig ausgefranst. Sie schreit auf vor Wut und Enttäuschung.

»Komm jetzt«, sagt der Junge wieder. Er treibt neben ihr. Das Haar klebt in Strähnen an seinen Wangen, Wasser rinnt ihm aus der Nase. »Wir müssen raus.«

»Nein«, flüstert Kyra. Angenommen, er ist hier? Ganz in meiner Nähe. Angenommen, er treibt knapp unter mir? Oder nur einen Meter entfernt, dort, in der Mitte des Kanals. Dann hätte ich ihn fast, beinahe. Dann könnte ich ihn retten, aber wenn ich jetzt rausgehe, ist er verloren. Noch einmal taucht sie unter, merkt aber, dass sie es nicht mehr schafft, dass sie nur noch ein paar Sekunden unten bleiben kann und zu wenig Kraft hat, um weiterzusuchen.

»Komm mit«, wiederholt der Junge mit einem Gesichtsausdruck, der keine Widerrede duldet.

Langsam schwimmen sie zurück ans Ufer. Vor sich sieht Kyra bereits den anderen Schwimmer aus dem Wasser klettern. Sie müssten wirklich länger suchen, aber Kyra kann Arme und Beine kaum noch bewegen. Sie sind schwer wie Blei, das Wasser ist wie Sirup. Sobald sie das Ufer erreicht hat, muss sie sich hinlegen, kurz ausruhen, vielleicht sogar schlafen.

Sie zittert. Dass einem so entsetzlich kalt sein kann … Kyras Inneres fühlt sich an wie ein vereister Hohlraum, wie ein leerer Gefrierschrank, in dem sich eine dicke Eisschicht an den Wänden gebildet hat. Sie erreichen das Ufer. Kyra sucht Halt an der Kanalmauer, aber sie ist mindestens einen Meter hoch. Sie schafft es nicht, sich daran hochzuziehen. Erschöpft lässt sie sich zurückgleiten.

»Raus da!«, sagt jemand über ihr. »Beeil dich! Gleich bist du unterkühlt!«

Kyra versucht erneut, sich hochzuziehen, aber ihre Arme sind plötzlich wie aus Gummi. Sie kommt keinen Zentimeter hoch. Schlaffe Kuh, beschimpft sie sich, du musst raus aus dem Wasser. Die anderen haben recht. Mit aller Kraft versucht sie es erneut und sinkt keuchend wieder hinab.

»Noch mal!«, ruft die Stimme.

Irgendjemand schiebt sie von hinten, ein anderer zieht an ihrem Arm, und dann liegt sie im Gras, zähneklappernd und zitternd. »Aufstehen, bewegen, und dann rein«, befiehlt die strenge Stimme. Es ist der Junge. Wie kommt der denn plötzlich hierher? Er war doch gerade noch im Wasser neben ihr?

»Du auch«, murmelt Kyra. »Du auch.«

Sie rappelt sich auf, und er legt einen Arm um sie. Dann bugsiert er Kyra in Richtung des kleinen Verwaltergebäudes.

»Gebt ihnen heißen Kaffee!«, ruft jemand. »Dreht die Heizung auf! Holt Decken!«

»Jesse?«, fragt Kyra. »Habt ihr ihn? Wo ist Sophie?«

In dem Moment hört sie die Sirenen zweier Einsatzfahrzeuge. Polizei. Feuerwehr. Gott sei Dank.

Maud Mertens eilt hinter Niels Bingsten her zum Dienstwagen. Ein Kind wird vermisst. Der Verwalter des Kinderbauernhofs hat angerufen. Das Kindermädchen des Jungen ist außer sich. Sie hat mithilfe der anderen Besucher das ganze Gelände abgesucht. Der Junge ist seit fast einer halben Stunde spurlos verschwunden. Der Bruchteil eines Menschenlebens, ein verschwindend kleiner Splitter Zeit, aber eine Ewigkeit, wenn dein Kind weg ist. Niels hat das Auto schon gestartet, als Maud die Tür aufreißt. Sie lässt sich auf den Beifahrersitz fallen, und sie rasen los, noch bevor sie sich angeschnallt hat. Wahrscheinlich falscher Alarm. In neunundneunzig von hundert Fällen ist es ein Sturm im Wasserglas und das Kind bis zu ihrem Eintreffen bereits gefunden, aber bei dieser einen Ausnahme ist die Zeit ihr schlimmster Feind. Oder ihr bester Verbündeter. Je schneller sie im Einsatz sind, desto größer die Chance, dass der Junge gefunden wird. Jesse van Dijk. Sieben Jahre. Wohnhaft in Banne Noord, dem Viertel in der Nähe des Kinderbauernhofs

»De Buiktuin«, sagt Mertens, während sie zu dem zerfurchten Gesicht ihres Kollegen aufblickt. »Kennst du den?«

»Ja«, antwortet Bingsten. Er beißt die Zähne zusammen. Vor ihnen schleicht ein Auto die Straße entlang, obwohl sie mit Sirene und Blaulicht fahren. »Liegt hinten am Kanal. Hau ab, du Arsch!«

Als sich endlich eine Lücke auftut, überholt Bingsten das Auto und schneidet es fies beim Einscheren. Mertens sieht den Fahrer fluchen und gestikulieren. Na klar doch.

Bingsten fährt über die Kanalbrücke, biegt links ab ins Wohngebiet und schlängelt sich durch ein Labyrinth kleiner Straßen, bis er die Schleuse am Buiksloterdijk erreicht. Dort verlässt er den Deich und fährt am Wasser entlang zum Kinderbauernhof.

Maud fasst zusammen, was zu tun ist, falls sich der kleine Junge wirklich als unauffindbar erweist. Sie brauchen einen Suchtrupp, Spürhunde, Taucher. Vielleicht auch eine Meldung über AMBER Alert, der Initiative für vermisste Kinder. Der Koordinator für Vermisstenfälle wurde bereits informiert und organisiert den Ablauf. Jesses Fall wurde vom diensthabenden Staatsanwalt als dringend eingestuft. Maud schließt die Augen und versucht, den bleischweren Klumpen im Magen wegzuatmen.

Die Kälte ist so tief in jede Faser ihres Körpers gekrochen, dass Kyra das Gefühl hat, ihre Knochen hätten sich in Eiszapfen verwandelt. Es ist der kälteste neunzehnte November seit Jahren.

»Alles ausziehen«, befiehlt der Sanitäter.

Sie starrt ihn an.

»In den nassen Klamotten kriege ich dich nicht warm«, sagt der Mann. Er hat kurze graue Haare und eine Nase wie ein Boxer. Er ist freundlich, aber streng. »Wenn du es nicht machst, mach ich es.«

Sie nickt, legt die alte Pferdedecke auf das Bett im Notarztwagen und fängt an, sich auszuziehen. »Ich habe eine Winterjacke dabei«, sagt Kyra. »Die ist trocken. Soll ich sie anziehen? Eine Mütze habe ich auch.« Sie schaut den Sanitäter an und hat das Gefühl, ziemlich dummes Zeug zu reden. Zweifellos wird man ihr spezielle Wärmedecken, vielleicht sogar eine elektrische Heizdecke geben. Sie bibbert immer noch, aber ihr Kopf wird allmählich wieder klarer.

»Gleich vielleicht«, sagt der Sanitäter und breitet eine Art Aluminiumfolie auf der Rolltrage aus. Er rubbelt Kyra grob mit einem Handtuch ab, und nachdem sie sich hingelegt hat, faltet er die Foliendecke um sie. Er zieht das Kopfende ein wenig hoch, trocknet ihr langes blondes Haar und setzt ihr die Mütze auf. Dann legt er noch eine Decke und ihre Jacke über sie und reicht ihr eine heiße Tasse Tee.

»Du hast Glück gehabt«, sagt er. »Deine Körpertemperatur war runter auf 33,4 Grad. Wäre sie unter dreiunddreißig gefallen, wäre es wirklich ernst geworden.«

»Jesse«, wiederholt Kyra. »Hat man ihn inzwischen gefunden?«

»Keine Ahnung. Ich bin für dich verantwortlich, mein Kollege kümmert sich um deinen Freund und seinen Vater.«

»Meinen Freund?«

»Der Junge, der auch in den Kanal gesprungen ist. Ist das nicht dein Freund?«

Kyra schüttelt den Kopf und trinkt ihren Tee. Sie weiß nicht einmal, wie der Junge heißt. Sie spürt, wie ihr unter der schützenden Schicht der Decken allmählich wärmer wird. Ihre Anspannung lässt nach, aber das Gefühl drohenden Unheils wird sie nicht los. Wenn Jesse gefunden worden wäre, hätte ihr das bestimmt jemand gesagt.

Sie trinkt den Rest Tee aus und lässt den Kopf auf die Trage sinken. Wie konnte er sich nur Sophies Aufsicht entziehen? Das passt überhaupt nicht zu ihr, und im Übrigen passt es auch nicht zu Jesse, einfach so zu verschwinden oder ins Wasser zu fallen. Er büxt zwar manchmal aus, entfernt sich aber nie weiter als ein paar Meter. Richtig weggelaufen ist er noch nie.

Kyras Gedanken mahlen unablässig und hasten hin und her, von dem Gespräch mit Jesses Nachbarin zur rasenden Fahrt mit dem Roller, der Suche in den Straßen und der Suche unter Wasser. O Gott, das Wasser. So kalt, so unbarmherzig. Wenn er nur nicht da drin liegt! Bitte nicht! Obwohl sie dort nach ihm gesucht hat. Und nicht nur sie. Der Mann, der Junge …

»Könnten Sie gleich mal nachfragen, wie er heißt?«, bittet Kyra.

Der Sanitäter schaut sie fragend an.

»Der Junge«, erklärt sie. »Den Sie für meinen Freund gehalten haben. Ich wüsste gerne, wie er heißt.«

»Mache ich«, verspricht der Mann und lacht. »Ich fülle nur schnell meine Papiere aus. Und dann müssen wir mal überlegen, wie wir an trockene Kleidung kommen. Vielleicht können wir dich auch einfach zu Hause absetzen.«

Kyra nickt. Sie muss wieder raus, um bei der Suche zu helfen.

2

 

»Tommy, gehst du mal schnell mit Anouk zur Toilette? Sie muss Pipi.«

Seine Mutter hebt nicht mal den Kopf, während sie ihn fragt. Sie sucht in ihrer Tasche nach einem Taschentuch, wie sie immer irgendwie auf der Suche nach einem Taschentuch ist, um Rotz, Blut oder Schokoladenreste damit abzuwischen.

»Aber …«, beginnt er. Jonas und Max laufen bereits zu den Seehunden. Sie sind zusammen losgerannt, um rechtzeitig zur Fütterung zu kommen, aber dann ist Caitlin hingefallen, diese blöde Freundin seiner kleinen Schwester Anouk. Sie mussten stehen bleiben und kommen jetzt garantiert zu spät, weil Caitlin heult und Anouk Pipi muss.

»Jetzt nicht, Tom, tu einfach mal, was ich dir sage.«

Seine Mutter streicht sich eine lose Strähne hinters Ohr und zupft ein Papiertaschentuch aus dem Päckchen. Sie blickt ihn immer noch nicht an und runzelt die Stirn. Caitlin brüllt, als würde ihr Bein abgesägt. Die Schürfwunde an ihrem Knie ist so klein, dass man das Blut kaum sieht. Manchmal wünschte Tom, er hätte keine kleine Schwester. Mädchen sind alle furchtbar blöd.

Seufzend nimmt er Anouk an die Hand. »Komm schnell«, sagt er und rennt zurück zu den Toiletten, wo er schon mindestens zehn Mal gewesen ist, weil andauernd irgendeiner Pipi musste. Er hasst die Geburtstagsfeier seiner Schwester. Er konnte nicht mal zum Training, denn er darf weder allein zu Hause bleiben noch allein mit dem Rad zum Fußballverein fahren, obwohl er seiner Mutter schon hundertmal gesagt hat, dass das für ihn kein Problem ist. Er ist elf und in der sechsten Klasse. Von der Schule fährt er auch allein nach Hause, aber aus irgendeinem Grund ist das für Mama etwas anderes.

Und heute musste er mit in den Zoo. Das einzig Gute ist, dass Jonas und Max mit dabei sind, seine Freunde, die Söhne von Mamas Freundin Lisette, die auch mitgekommen ist, um zu helfen.

»Jetzt beeil dich doch mal«, mahnt Tommy Anouk, die er hinter sich her zieht. Kleine Schwestern können nicht rennen. Echt nicht. Sie hüpfen, schlendern oder trödeln. Das können sie.

»Nicht so schne-hell«, quengelt Anouk.

Tommy seufzt und geht etwas langsamer.

»Du willst doch auch sehen, wie die Seehunde Fisch zu essen bekommen, oder?«, fragt er so lieb wie möglich und drängt sie zum Eingang der Toiletten. Glücklicherweise steht keine Schlange davor. Anouk nickt.

»Geh mal schnell Pipi machen, ich warte hier auf dich.«

Es ist viel ruhiger als vorhin. Alle anderen haben sich natürlich schon längst einen guten Platz am Rand des Seehundbeckens gesucht. Hoffentlich beeilt sich Anouk. Hoffentlich hat sie nicht wieder Schwierigkeiten mit ihrer Strumpfhose und ihrer Hose und ihrem Anorak. Wie immer. Bestimmt muss er eine Stunde lang auf sie warten.

Plötzlich bemerkt er, wie kalt seine Hände sind, und steckt sie tief in die Jackentaschen. Er schaut hinüber zum Affenkäfig. Verrückte Viecher, so lustig. Wäre es nicht cool, fünf Arme zu haben? Oder besser fünf Hände, denn ein Affe kann mit den Füßen greifen wie mit Händen und sich auch mit dem Schwanz überall festhalten. Wie wäre es wohl, wenn man hoch oben durch die Baumwipfel fliegen könnte? Wenn man sich mit seinen fünf Händen von Ast zu Ast schwingen könnte, wenn man wie ein Vogel durch die Luft fliegen und sich dann wieder an den Zweigen auffangen könnte, ohne Angst herunterzufallen?

»Can you help me?«, fragt ihn plötzlich jemand. Ein großer Mann sitzt ein paar Meter weiter an der Mauer. Er hockt neben einer Tasche. »I cannot«, sagt er. »I cannot …« Er beendet den Satz nicht und schaut Tommy etwas belämmert an. Er sieht ein bisschen aus wie sein Lehrer in der Schule. Auch so lang und dünn, mit diesen dicken Lippen, aber ganz anderen Haaren. Zögernd geht Tommy einen Schritt auf ihn zu.

»I cannot …«, wiederholt der Mann. Er lacht entschuldigend. »My sister …«, sagt er dann. Aha, noch einer mit einer nervigen Schwester. Da sieht man mal, dass die alle gleich sind. Tommy fragt sich plötzlich, wo diese Schwester wohl ist, denn der kleine Platz vor den Toiletten ist leer. Und was hat die Tasche mit dieser unsichtbaren Schwester zu tun?

»It’s a surprise«, sagt der Mann und lacht. Vielleicht hat seine Schwester auch Geburtstag. Mama hat Anouk ebenfalls eine Überraschung versprochen, gleich, wenn sie nach Hause kommen. Dann bekommt sie das Päckchen, das Opa und Oma aus Spanien geschickt haben.

»Look«, sagt der Mann leise, als wolle er Tommy ein großes Geheimnis verraten. Er zieht die Augenbrauen hoch und nickt ihm aufmunternd zu. Aus ein paar Schritten Entfernung versucht Tommy zu erkennen, was in der Tasche ist. Es ist klein. Er geht noch einen Schritt vor. Ist es etwa das, was er sich sehnlichst zum Geburtstag gewünscht – und natürlich nicht bekommen hat?

»I cannot …«, seine Stimme klingt sanft, zögerlich, als ob er etwas vorbereitet … Tommy sieht ihn überrascht an. Was macht er hier mit einem Katzenbaby? Auf einmal drückt ihm der Mann etwas aufs Gesicht, und alles wird dunkel.

3

 

»Wir kennen uns doch«, spricht Maud die junge Frau an. Sie stehen im Verwaltergebäude. Der Gasofen in der Ecke des Raumes bullert, und trotzdem ist es eiskalt. »Du hast doch am Damstede Abi gemacht?«

Sophie nickt. Sie hält Maud eine blaue Mütze hin. Maud nimmt sie in die Hand. Sie ist klatschnass.

»Die gehört Jesse«, sagt sie verzweifelt. »Sie lag im Kanal. Da müssen Sie suchen. Ich glaube, er ist …« Sie fängt an zu weinen. »Kyra hat schon im Wasser nach ihm gesucht«, fährt sie fort. »Zusammen mit einem Jungen und dessen Vater, aber sie haben ihn nicht gefunden.«

»Kyra?«, fragt Maud erstaunt. Was hat Kyra hier zu suchen? Zuerst taucht sie im Fall Marc Gaullier auf, und jetzt schon wieder. Sie schuldet Kyra noch Informationen. Die Akte ihrer vermissten Schwester Sarina wurde zwar wieder geöffnet, aber bisher gibt es noch keine neuen Erkenntnisse.

»Kyra ist meine beste Freundin, ich habe sie sofort angerufen, als Jesse weg war«, flüstert Sophie heiser, als könne sie Mauds Gedanken lesen. »Ich habe sie gebeten, bei Jesse zu vorbeizufahren und nachzusehen, ob er vielleicht dort ist. Ich habe mich nicht getraut, hier wegzugehen.«

Sophie hält inne. Sie zieht die Schultern hoch und schüttelt den Kopf. Sie scheint noch etwas sagen zu wollen, bringt aber kein Wort mehr heraus. Das arme Mädchen ist so fahlweiß wie der Himmel heute. Eine Kaltfront ist im Anzug, Schnee wurde vorhergesagt.

»Bitte suchen Sie ihn im Kanal, die Mütze …« Sie starrt auf die blaue Mütze in Mauds Händen. Wasser tropft auf den Boden.

»Wie heißt du?«, fragt Maud, die sich nicht mehr an den Namen der jungen Frau erinnern kann. »Ich möchte dir gerne ein paar Fragen stellen, und dann entscheiden wir, welche Maßnahmen wir ergreifen müssen.«

»Ich heiße Sophie Verster.«

Jetzt fällt es Maud wieder ein. Sie hatte sie damals wegen des ermordeten Lehrers verhört, zusammen mit einer Reihe anderer Schülerinnen und Schüler.

»Erzähl mir bitte noch einmal in wenigen Worten, was genau passiert ist«, fordert Maud sie auf. »Schnell!«

»Er war … auf einmal verschwunden«, stottert Sophie. »Gerade hat er noch neben mir gestanden, dann war er plötzlich weg. Das war vor –«, sie schaut auf die Uhr und fängt wieder an zu weinen, »vierzig Minuten.«

Sophie hält schon die ganze Zeit eine Tasse Tee in der Hand, hat aber noch kein Schluck getrunken. Sie setzt sich auf einen Hocker und verschwindet fast in ihrer dicken Winterjacke und unter ihrer Beanie-Mütze. Maud kennt es nur allzu gut, dieses Entsetzen und den lähmenden Schock, die bewirken, dass man kein vernünftiges Wort mehr aus einem Zeugen herausbekommt. Sie hat es bei einem Autofahrer erlebt, der ein Kind angefahren hatte, bei einem Mann, dessen schwangere Frau durch einen unglücklichen Sturz von der Speichertreppe ums Leben gekommen war, beim Zeugen eines tödlichen Überfalls, bei so vielen Menschen. Sie weiß genau, wie sich das anfühlt. Sie hat diese eiskalte Angst kennengelernt, dieses nackte Entsetzen, das jeden klaren Gedanken blockiert.

»Okay«, sagt Maud und schaut auf die Uhr. Die Zeit drängt. »Noch einmal: Bist du wirklich sicher, dass er nicht einfach nach Hause gegangen ist?«

»Fragen Sie Kyra«, erwidert Sophie und ballt die Fäuste. »Sie ist im Krankenwagen. Jesse ist nicht zu Hause. Sie müssen im Kanal suchen!« Ihre Stimme erstirbt, und ihr scheint klar zu werden, dass eine Suche im Kanal nicht mehr viel nützen würde.

»Wir schicken sicherheitshalber trotzdem eine Streife vorbei«, sagt Maud und fragt nach der Adresse. Niels Bingsten greift sofort zum Handy. »Vielleicht ist er inzwischen doch dort aufgetaucht.«

»Ich kapier’ das nicht!«, ruft Sophie plötzlich aufgebracht. »Wir haben ganz hinten gestanden, bei den Eseln, und da ist nichts, überhaupt nichts, nur ein Zaun. Wenn er weggelaufen ist, muss er an mir vorbeigekommen sein. Das hätte ich doch gesehen! Ich kapier’ das einfach nicht.«

»Du warst dort mit Jesse allein?«, wiederholt Maud betont. Polizeiarbeit besteht aus ständigen Wiederholungen. Nichts ist wahrscheinlicher, als sich in Details zu irren. Details, die den entscheidenden Unterschied ausmachen können. Sophie nickt.

»Du hast einen Moment nicht aufgepasst, und dann war er weg?«

Wieder nickt Sophie. »Wir haben überall gesucht«, flüstert sie. »Erst ich allein, dann haben mir die anderen Besucher und Mitarbeiter hier geholfen. Kyra, ein Junge und ein Mann haben im Kanal nach ihm getaucht.«

»Hast du Jesses Eltern angerufen?«, fragt Maud, und es klingt fast wie ein Vorwurf.

»Wo ist Jesse?«, gellt eine Stimme direkt hinter Maud. Angst und Wut vermischen sich darin. Jesses Mutter steht in der Tür, das blonde Haar wirr, das aufgedunsene Gesicht gerötet, der Blick fassungslos. »Wo ist Jesse?«

Eine schmerzliche Stille folgt. Maud Mertens räuspert sich.

»Das ist seine Mütze«, sie blickt auf Mauds Hände und wird leichenblass. »O Gott, die gehört Jesse!«

»Bitte setzen Sie sich einen Moment«, sagt Maud. Jan, einer der Verwalter des Kinderbauernhofs, springt erschrocken auf, um der Frau Platz zu machen, die keuchend hereingeplatzt ist.

»Setzen?« Die Frau streckt die Hände aus, als wolle sie die Mütze ergreifen, und lässt sie dann schlaff gegen ihren langen schwarzen Mantel sinken. »Ich soll mich hinsetzen?«

»Können wir bitte eine Tasse Tee für die Dame bekommen?«, fragt Maud den Verwalter. »Nur einen Augenblick«, fügt sie hinzu und winkt Niels.

»Soll ich alles Nötige veranlassen?«, fragt er sofort.

Maud nickt. Sie denkt an eine andere Mutter, eine, die während des Verhörs emotionslos am Tisch saß und eiskalt behauptete, so viele blaue Flecken hätte ihr Kind doch gar nicht.

»Ja, ich denke, wir müssen alle Register ziehen«, sagt Maud zu ihrem Kollegen. Er nickt. Maud wendet sich wieder Jesses Mutter zu, die sie leichenblass anstarrt.

»Es wurde bereits überall nach Ihrem Sohn gesucht«, erklärt Maud ernst, fasst die Frau am Ellbogen und führt sie sanft zu dem leeren Stuhl. Sophie sitzt, in sich zusammengesunken, vor dem heißen Ofen.

»Sophie hat nach ihm gesucht, unterstützt von den Besuchern und den Mitarbeitern«, erklärt Maud. »Auch Passanten haben mitgeholfen – das gesamte Terrain wurde gründlich durchkämmt. Mein Kollege fordert jetzt Suchtrupps an, die sich die weitere Umgebung vornehmen. Eine Freundin von Sophie, Kyra Slagter, ist bereits bei Ihnen zu Hause gewesen und hat dort nachgesehen. Da ist er nicht. Wir haben zur Sicherheit noch einmal jemanden zu Ihnen nach Hause geschickt, um abzuwarten, ob er dort auftaucht. Drei Leute, darunter Kyra, haben im Kanal gesucht, aber nichts gefunden.«

Maud würde die Mutter gern beruhigen, aber was kann sie sagen?

»Die meisten vermissten Kinder tauchen innerhalb weniger Stunden wieder auf«, sagt sie. »Das ist eine Tatsache.«

Die Frau setzt sich, und Jan drückt ihr eine Tasse Tee in die Hand, die sie sofort auf den Tisch neben sich stellt und ignoriert. Maud sieht ihr an, wie ihr die Fragen durch den Kopf schießen. Fragen, die auch sie sich stellt, für die sie sich aber Zeit nehmen muss. Ruhe bewahren und systematisch vorgehen, das ist jetzt das Allerwichtigste.

»Wie kann er denn einfach so verschwinden?«, fragt die Mutter an Sophie gewandt, wütend und ängstlich zugleich.

»Er hat direkt neben mir gestanden«, antwortet die junge Frau. »Direkt neben mir, da habe ich eine Nachricht bekommen und ganz kurz auf mein Handy geschaut.«

»Diese scheiß Handys!«, fährt die Mutter sie an. »Das ist das Einzige, was ihr jungen Leute könnt, ständig mit euren Handys rumspielen, und dabei vergesst ihr alles um euch herum!«

»Ich habe nur eine Nachricht gelesen«, erwidert Sophie. »Nur eine einzige.«

»Eine Hundestaffel ist unterwegs.« Maud zählt auf, was sie alles tun werden, um Jesse zu finden. »Ein Helikopter mit Wärmekameras ist angefordert, und Polizeitaucher werden eingesetzt.« Maud versucht, den Blick der Mutter zu erhaschen. »Dass seine Mütze im Wasser lag, heißt noch lange nicht, dass er nicht ganz woanders sein kann.«

»Du hättest auf ihn aufpassen sollen!«, giftet Jesses Mutter Sophie an. »Du!«

Sophie presst die Lippen zusammen. Maud nickt Bingsten zu, der gerade wieder das Verwalterhäuschen betritt.

»Bring Sophie bitte zu Kyra«, sagt sie, und während Niels Sophie am Arm nimmt und hinausführt, wendet sich Maud wieder an Jesses Mutter.

»Wir tun alles, was in unserer Macht steht.« Sie zieht einen Stuhl heran und setzt sich der verzweifelten Frau gegenüber. »Ich möchte Ihnen gerne einige Fragen stellen.«

»Wie kann das sein?«, stößt die Mutter hervor. »Wie kann er einfach verschwinden? Sophie sollte doch auf ihn aufpassen. Er ist erst sieben …«

Ihre Stimme versagt.

»Ich bin Maud Mertens«, stellt sich Maud vor. »Kripo Amsterdam.«

»Ilonka van Dijk«, sagt die Frau, kaum hörbar.

»Passt Sophie regelmäßig auf Jesse auf?«, fragt Maud.

Die Frau nickt.

»Waren Sie bei der Arbeit?«

»Ja.«

»Und Jesses Vater?«

»Auch bei der Arbeit. Er ist im Außendienst.« Ilonka van Dijk schüttelt den Kopf und wiederholt: »Ich kann es nicht fassen. Ich kann es einfach nicht fassen.«

»Leben Sie und Jesses Vater zusammen?« Maud wappnet sich gegen eine aggressive Reaktion, die aber nicht kommt.

»Ja, wir leben zusammen«, antwortet Ilonka. »Unsere Ehe ist nicht zerrüttet, wir sind nicht geschieden. Wir haben mit niemandem Streit. Und Geld haben wir auch keines …« Sie beginnt an zu weinen. »Wenn er nicht … im Wasser ist … Dann hat ihn jemand mitgenommen. Aber warum? Was wollen die mit ihm?«

»Sie gehen davon aus, dass ihn jemand mitgenommen hat?«, fragt Niels Bingsten mit barscher Stimme. Wütend blickt Jesses Mutter zu ihm auf.

»Er ist garantiert nicht weglaufen. Er ist erst sieben. Zu Hause gibt es keine Probleme. Jesse ist ein ruhiges Kind. Er ist sehr intelligent. Er hat vor zwei Tagen erst ein Kaninchen bekommen. Er würde nie … Er kann doch nicht einfach …« Einen Moment lang schweigt sie. »Er hat sein Seepferdchen«, fährt sie fort. »Er kann schwimmen. Er hat regelmäßig am Schwimmunterricht teilgenommen.« Wieder beginnt sie zu weinen.

»Hat er ein eigenes Handy?«, fragt Maud. »Wenn ja, würde ich es gerne sofort orten lassen.«

Ilonka van Dijk schaut auf. »Er ist erst sieben! Natürlich hat er noch kein Handy.«

Sie schluckt.

»Er hat sich eines gewünscht, aber ich war dagegen.«

4

 

»Ich kann ihr nicht mehr in die Augen schauen«, schluchzt Sophie. »Was soll ich bloß sagen?«

»Irgendwann muss es sein, Sophie.« Kyra hat kein Mitleid mit ihrer Freundin. Es gehört nun einmal dazu, und außerdem ist es typisch für Sophie, sich jeder Verantwortung zu entziehen. Obwohl sie natürlich begreift, wie schwer es für ihre Freundin sein muss. Sie legt einen Arm um sie, und schweigend sitzen sie nebeneinander auf der Rolltrage im Notarztwagen.

Kyra fühlt sich etwas besser, aber die Kälte steckt ihr immer noch in den Knochen. Ihr Kiefer pocht an den Stellen, an denen sie vor sechs Monaten operiert wurde.

Wie ungerecht, erst von einem Vollidioten zusammengeschlagen zu werden, um dann monatelang unter den Nachwirkungen zu leiden. Dabei hat sie noch Glück gehabt. Das andere Opfer ihres Angreifers, Julia Hazelbrecht, die Frau, die er zuerst entführt hatte, war schlimmer dran gewesen. Kyra hat sie nach ihrer Befreiung nicht mehr gesehen. Julia könne es nicht ertragen, ihr zu begegnen, hat es geheißen. Später vielleicht, wenn sie ein bisschen darüber hinweggekommen sei. Momentan wolle sie die schrecklichen Erinnerungen erst einmal verdrängen. Kyra hält es für sinnlos, irgendetwas zu verdrängen. Ihre Mutter hat sich in den letzten Jahren geweigert, über Sarinas Verschwinden zu sprechen, und hat der Sache damit keinen guten Dienst erwiesen.

»Wir finden ihn bestimmt«, sagt Kyra und weiß, dass sie sich damit weit aus dem Fenster lehnt. »Als ich acht war, habe ich mich mal mit einem Freund und seinem Roller auf den Weg gemacht. Er hat behauptet, er wüsste, wie man zum Bijenkorf kommt. Dort hingen die großen Zwarte-Piet-Figuren an der Fassade, die an einem Seil rauf- und runterklettern, weißt du, die fand ich klasse, und da sind wir einfach losgezogen, ohne irgendjemandem Bescheid zu sagen. Es war dann aber viel weiter, als er gedacht hatte, und am Hauptbahnhof hatten wir uns dann endgültig verlaufen. Also sind wir nach einer Weile mit der Fähre wieder zurückgefahren. Wir waren fast drei Stunden unterwegs. Unsere Mütter waren stinksauer. Sie hatten uns überall gesucht.«

Sophie wischt sich die Tränen weg.

»Vielleicht hast du recht«, sagt sie.

Die Tür des Notarztwagens öffnet sich, und Maud Mertens kommt herein. Der kalte Luftzug lässt Kyra schaudern. Draußen hört sie das alarmierende Knattern eines Helikopters.

In der Enge des Notarztwagens steht ihnen Mertens gegenüber. Sie trägt einen schwarzen Wollmantel, der ihr strenges Aussehen betont.

»Wie geht’s dir, Kyra?«

»Besser, vielen Dank. Und?«

»Wir haben ihn noch nicht gefunden. Zwei Teams durchkämmen die Umgebung, auch mit Spürhunden, und die Taucher müssten jeden Moment eintreffen. Es dauert eben alles seine Zeit.«

Es ist seltsam, Maud Mertens im Zusammenhang mit einem neuen Fall wiederzusehen. Kyra denkt an Marc Gaullier, den Kunstlehrer ihrer Schule, der an einem frühen Maimorgen tot an einem Laternenpfahl am Ufer des IJ hing. Ihr Bruder Jarno und der Fährschiffer hatten die Leiche entdeckt, und Jarno hatte sie sofort angerufen. Eine Woche später hatte der Fall eine sehr merkwürdige Wendung genommen, und sie war in große Schwierigkeiten geraten. Durch ihre eigene Schuld, hatte sie sich im Nachhinein eingestehen müssen. Nachdem Maud sie aus den Fängen des Verrückten befreit hatte, an den sie am liebsten nicht mehr denken würde, haben sie noch ein paarmal miteinander gesprochen. Um den Fall abzuschließen natürlich, aber auch über ihre Schwester Sarina. Und über die mysteriösen Ansichtskarten, die sie vier Jahre nach Sarinas Verschwinden von ihr erhalten hatten. Nie hätte Kyra gedacht, dass die Erklärung dafür so einfach war.

»Sophie und ich haben uns gerade schon über Jesses Verschwinden unterhalten«, sagt Maud und fährt mit einer Hand durch ihr halblanges dunkelbraunes Haar. »Aber ich habe auch noch ein paar Fragen an dich.«

Kyra erzählt Maud von Sophies Anruf und zählt auf, wo sie gesucht und mit wem sie in Jesses Straße gesprochen hat. Und sie erzählt von ihrer Suche unter Wasser.

»Er muss ganz in Sophies Nähe entführt worden sein«, fügt sie hinzu.

»Entführt?«, fragt Maud scharf und starrt Kyra mit ihren hellgrauen Augen an.

»Jesse kann gut schwimmen«, fährt Kyra fort. »Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger kann ich mir vorstellen, dass er ertrunken … dass er im Wasser ist. Deswegen muss er vom Kinderbauernhof entführt worden sein. Oder er ist weggelaufen. Wurde der Zaun schon genau untersucht? Hat er doch irgendwo ein Loch?«

»Aber warum hätte er das tun sollen?«, unterbricht sie Sophie. »Wieso?«

»Der Zaun wird augenblicklich untersucht«, antwortet Maud.

»Entweder er ist durch ein Loch gekrochen und weggelaufen«, fährt Kyra fort, »oder jemand hat ihn einfach mitgenommen.«

»Aber dann hätte er doch geschrien«, wendet Sophie ein. »Er sieht niedlich aus, aber er ist sehr weit für sein Alter. Er würde nie einfach so mit jemandem mitgehen oder sich entführen lassen, ohne Krach zu schlagen.«

»Das werden wir alles untersuchen«, sagt Maud. »Von euch will ich nur wissen, ob ihr irgendetwas Ungewöhnliches gesehen habt. Denkt noch einmal gründlich nach.«

»Nein, alles war ganz normal«, antwortet Sophie, und auch Kyra schüttelt den Kopf.

»Bist du dir hundertprozentig sicher?«, fragt Maud.

»Zweihundertprozentig«, antwortet Sophie.

»Ein Auto, ein Kleinbus? Einen einzelnen Mann oder eine Frau? Ein Paar ohne Kinder?«

Wieder schütteln Sophie und Kyra ihre Köpfe.

»Und trotzdem muss irgendetwas Seltsames passiert sein«, überlegt Kyra. »Irgendetwas haben wir übersehen, ordnen es nicht richtig ein, oder …« – sie schweigt einen Moment und denkt nach – »halten es einfach nicht für möglich.«