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Tilman Rammstedt

Erledigungen vor der Feier

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there is too much history,

too much biography between us

Belle and Sebastian

für James und für Sophie

Sommer   Niemanden schien es zu interessieren, ob und wie und wann Dinge oder Menschen zusammentrafen. Die Jahreszeiten rutschten einem durch die Finger, und wenn man im Mai jemanden fragte, was er im Sommer vorhabe, hieß es: Wegfahren, wenn es geht, und sei’s nur an die Ostsee. Das war die allgemeine Situation. Genauer waren es L. und ich, die nicht zusammentrafen, oder wenn, dann nur örtlich und zeitlich, ohne damit viel anfangen zu können. Genauer war es natürlich auch L., die, von mir im Mai nach ihren Sommerplänen befragt, mit dieser kräfteraubenden Unverbindlichkeit antwortete, sodass es unmöglich war, irgendeine Position zu verlassen.

Man schlief nicht miteinander. Auch wenn es dafür wenig Gründe gab. Zahllose Nächte gemeinsam auf der Hundertzwanzigzentimetermatratze, nur so viel Körpernähe, wie dort nicht zu vermeiden war, hin und wieder Küsse zur Begrüßung, zum Abschied, ohne je eine bedenkliche Sekundenzahl zu erreichen, in der die Lippen aufeinander lagen, ohne je eine Zunge durch die Zähne zu lassen, die Tabuzonen für die Hände auf dem Körper des anderen waren bekannt. Erst Mitte Juli, nach einer weiteren Hundertzwanzigzentimeternacht, einem weiteren Frühstück, bei dem man leicht vergessen konnte, dass wieder nichts geschehen war, das man in irgendwelche Kategorien hätte einordnen müssen, traute ich mich wieder, nach dem August zu fragen, dem August, in dem Berlin beinah so unerträglich wie im Januar wird, dem August, in dem man entweder vor dem Sommer kapituliert oder ihn unterwandert, dem August, der in L.s Kalender mit einem Buntstift als möglicher Ferienmonat markiert war. Das hatte sie schon Anfang des Jahres getan, als sie noch Kanada, Ostafrika oder zumindest Portugal als Ziele dieses Urlaubs angab. Von der Ostsee war damals noch nicht die Rede gewesen.

Auch jetzt nicht, auch Mitte Juli nicht, auch nicht bei diesem Frühstück mit mehr Zigaretten als nötig, mit der Kaffeetasse in der Hand, mit Schlaf in den Augen und mit L.s Körper im Bademantel, L.s Körper, den ich in der Nacht wieder nur an unproblematischen Stellen berührt hatte. Die Ostsee wurde nicht erwähnt. Sie stand plötzlich in einer Reihe mit Kanada, mit Ostafrika und Portugal, wurde zu einem entfernten Ziel, über das man sich im Winter Gedanken macht, auch wenn der Winter Mai heißt. Der Juli zählt nun aber definitiv nicht mehr zum Winter, da konnte auch L. sich nichts vormachen, und die Buntstiftmarkierung wurde plötzlich zur Bedrohung, zu einem Dokument des Scheiterns, einem Scheitern, das L. verachtete und das ihr schlechte Laune bereitete, und mit einer schlecht gelaunten L. wollte ich nicht wegfahren, selbst wenn ich es dürfte, selbst wenn es nur an die Ostsee wäre, für drei Tage, vielleicht eine Woche. Und weil L. in ihrem Bademantel gut gelaunt aussah, weil wir keine Zigaretten mehr hatten, weil die Sonne schien und es zwar nicht heiß, aber immerhin Sommer war, schlug ich vor, das zu tun, was Liebespaare an solchen Tagen machen, was das Letzte wäre, was ich mit L. machen wollte, wenn wir ein Liebespaar wären, weil es dann so gezwungen aussähe, was jetzt aber erlaubt war, weil wir kein Liebespaar waren und vielleicht nur deshalb nicht miteinander schliefen und uns nichts über die Augen und Hände des anderen erzählten, um diese Dinge tun zu können, diese Dinge, die sonst Liebespaare tun. Ich schlug vor, einen Ausflug zu machen.

Nicht an die Ostsee, dafür war es zu spät, dafür hätte L. eine Tasche packen müssen, und plötzlich wäre es eine Reise geworden. Nicht die Ostsee also, sondern Rheinsberg, Chorin, der Spreewald oder zumindest Köpenick. Ungewohnt schnell einigten wir uns auf Köpenick, vielleicht, weil man auch ohne Eisenbahn nach Köpenick kommt, und mit einer Eisenbahn hätten wir dann schließlich auch ebenso gut an die Ostsee fahren können oder nach Portugal.

In Köpenick gibt es eine Tramstation, die Freiheit heißt und an der L. aus diesem Grund unbedingt aussteigen wollte, was ich albern fand. Sie meinte, ich sei langweilig, ich meinte, sie sei kitschig, und dann war die Tram schon weitergefahren, mit L., die beleidigt war, und mit mir, der sich schämte. Wären wir ein Liebespaar, hätten wir uns jetzt gestritten. So schwiegen wir nur, was nicht weiter auffiel. Dass man mit guten Freunden auch schweigen kann, weiß ich. Was daran so besonders sein soll, weiß ich nicht. Mir fallen nur wenige Dinge ein, die einfacher erscheinen als Schweigen. Und auch wenn die Frage, ob L. und ich nun gute Freunde seien oder nicht, mich stets in Bedrängnis gebracht hat, so schwiegen wir manchmal gemeinsam, was ja schließlich einfach war, und manchmal redeten wir gemeinsam, was beinah genauso einfach war, und manchmal war es einer von uns, der redete, während der andere schwieg, und das war in den meisten Fällen vielleicht die beste Lösung. Schön hier, sagte L. zum Beispiel in diesem Fall, und ich sagte nichts.

Wir setzten uns ans Wasser, obwohl es das gleiche Wasser war, das wir beinah jeden Tag sahen, auch ohne einen Ausflug zu machen. Am Wasser sitzen jedoch, zumindest für einige Zeit, alle gern. Am Wasser zu sitzen ist Konsens. L. summte vor sich hin, die Sonne schien vor sich hin, das Wasser plätscherte vor sich hin, und ich sah ihnen dabei zu. Alle hatten ihre Beschäftigungen, und wir begannen, uns zu langweilen. Langeweile heißt bei Ausflügen zwar nicht Langeweile, sondern Entspannung, aber das half wenig. Es gab keine Schiffe, denen man hätte nachschauen können, und auch keine Wellen, wie es sie gegeben hätte, wären wir an die Ostsee gefahren, um uns ans Wasser zu setzen, Wellen, die einem das Gefühl vermitteln, irgendetwas würde geschehen. Ich merkte, wie L. unruhig wurde, doch weil man bei einem Ausflug nicht sofort nach der Ankunft wieder umkehren kann, um ins Kino oder irgendwo anders hinzugehen, blieben wir sitzen und aßen Schokolade.

Ich versuchte mir vorzustellen, wie es wäre, L. jetzt zu küssen. Es gelang nicht. Man kann nicht plötzlich mit solchen Vorstellungen anfangen, nur weil einem langweilig ist. Der Kuss selbst erschien dabei gar nicht so problematisch, auch Küssen gehört schließlich zu den einfacheren Tätigkeiten im Leben, vielleicht sogar zu denen, die einfacher sind, als gemeinsam zu schweigen. Schwieriger war es, sich vorzustellen, was wir anschließend gemacht hätten, außer weiter aufs Wasser zu schauen. Irgendwann hätten wir wohl gelacht, wie man halt lacht, und dann hätten wir uns noch einmal geküsst, weil uns nichts anderes eingefallen wäre, weil man beim Küssen nicht sprechen muss, weil küssen auf jeden Fall einfacher ist als sich geküsst haben, und am Abend hätten uns die Lippen wehgetan, und die Verabschiedung wäre umständlich geworden.

Wir saßen dicht beieinander, die Entfernung zwischen unseren Mündern betrug vielleicht zwanzig Zentimeter. Ich konnte ihre Creme mit irgendwelchen hauteigenen Coenzymen riechen, und als sie sich zu mir umdrehte und mich ansah, erschreckte mich dieser Blick. Für Sekunden zwar nur, zwei, höchstens drei, dann drehte sie sich wieder weg, und wir rauchten eine Zigarette, an beinah einem gemeinsamen Ort, zu beinah einer gemeinsamen Zeit. Das heißt nicht viel.

Winter   Jetzt ist Winter, sagt L., und ich glaube ihr. L. kennt sich aus mit den Jahreszeiten. Frühling, Sommer, Herbst, Winter, das sind nicht nur Worte für sie, das sind Kategorien, in denen man die Welt wahrnimmt, wenn man nur aufmerksam genug ist. Den Winter erkennt man daran, dass alle bei Heißgetränken zusammensitzen, um über Nebenkosten zu reden, und darüber, wo man Sylvester verbringt. Im Winter steigt man in die U-Bahn, und wenn man wieder ins Freie tritt, ist es dunkel. Das hat mir L. erklärt. Sie hat mir auch erklärt, dass der Winter die beste aller Jahreszeiten ist, die klarste, die ehrlichste, dass es die Jahreszeit ist, der man noch am ehesten trauen kann, weil man nicht geblendet wird von der Sonne, nicht von den bunten Blättern und auch nicht von den Hormonen. Ich höre L. bei alldem zu, auch wenn ich weiß, dass sie mir im Frühling, wie sie es immer tut, erklären wird, dass der Frühling die beste Jahreszeit ist, im Sommer ist es dann der Sommer und im Herbst der Herbst. Manche würden sagen, L. sei unentschlossen. Sie selbst sagt, sie gehe eben mit der Zeit.

Ich mache mir sonst wenig Gedanken um die Jahreszeiten. Im Herbst ziehe ich einen Mantel an, im Frühling ziehe ich ihn wieder aus. So einfach ist das. Dennoch mag ich den Winter gerne, weil L. dann zur Winter-L. wird, und die Winter-L. bereitet viel Freude. Die Winter-L. ist stets eingepackt in Pullover und Mäntel, in Schals, Handschuhe, Muffs und Ohrenwärmer. Die Winter-L. nimmt viel Platz ein. Die Winter-L. kann sich kaum bewegen in ihrem Kälteschutz. Die Winter-L. braucht immer mehrere Minuten, um sich aus ihrer Rüstung zu schälen, Minuten, in denen ich beobachten kann, wie aus der Winter-L. allmählich wieder die L. wird, die ich aus dem Herbst, dem Frühling und Sommer kenne.

Mit der Winter-L. treffe ich mich häufig zu Heißgetränken, und wir reden nicht über Nebenkosten und nur manchmal über Sylvester, wir wissen ja auch so, dass es Winter ist. Mit der Winter-L. rede ich über andere Dinge, doch ich gebe zu, nicht immer ganz aufmerksam zu sein, weil die Winter-L. sich nie entscheiden kann, ob es ihr zu warm oder zu kalt ist, und deshalb zieht sie verschiedene Teile ihrer Verpackung im Laufe des Gesprächs immer wieder an und immer wieder aus, und dann lässt sie, mit Absicht, wie ich vermute, einen Handschuh fallen, und dann verheddert sie sich in einem Pulloverärmel, und der Schal hängt im Kaffee, und ich freue mich sehr, und die Winter-L. fragt: Hörst du mir überhaupt zu, und ich sage: Ja, aber das ist gelogen.

Wenn L. sagt, dass jetzt Winter ist, dann hat das seine Gründe. Der Winter bedeutet L. mehr als Nebenkosten und Sylvester, mehr als die Kälte und der Schnee und der Regen und der Schneeregen und die Dunkelheit, die immer zu früh kommt. Im Winter wird L. besinnlich, vorsätzlich, wie sie behauptet. Im Winter schaut sie mich lange an und erzählt mir von ihrer Schulzeit, von ihren Jugendlieben, ihren Brieffreundinnen und anderen Dingen aus der Zeit, bevor wir uns kannten, der Zeit, die mich, wenn ich ehrlich bin, nicht sehr interessiert. Nur im Winter wird mir bewusst, dass L. überhaupt über eine Vergangenheit verfügt, und nur im Winter fragt mich L. manchmal nach meiner. Ich glaube, sie tut das nur aus Höflichkeit, und ich antworte knapp und ausweichend. L. wechselt das Thema. Wollen wir noch etwas trinken, fragt sie. Und ich schlage vor, woanders hinzugehen, weil ich will, dass sie sich wieder einpackt in ihre Pullover und Schals und anderen Winterdinge, und dann packt sie sich ein, und ich denke daran, dass es in zwei Monaten schon wieder wärmer wird, dass dann eine Schicht nach der anderen von L.s Verpackung verschwindet, und wenn sie dann, irgendwann im April vermutlich, sagen wird: Jetzt ist Frühling, trägt sie höchstens noch eine Jacke. Was schaust du so traurig, fragt sie. Ich denke an die Zukunft, sage ich. L. nickt verständnisvoll. Sie kennt sich aus mit Jahreszeiten. Sie weiß, wie man im Winter denkt.

Frühling   Jetzt hat sich L. auch noch den Frühling ausgedacht. Ich wende ein: Frühling kann man sich nicht ausdenken. Frühling gibt es schon. Und nur weil er so unzuverlässig ist, heißt das nicht, dass man ihn gleich neu erfinden darf. L. wendet ein, dass ich ein Besserwisser sei und sie sich schließlich ausdenken dürfe, was sie wolle. L. denkt sich vieles aus, die Wohnungen und Häuser, in denen sie mal leben möchte, Ehemänner und Lebensabschnittsgefährten, Berufe, ihre ganze Zukunft, und manchmal auch ihre Vergangenheit. Sie denkt sich Namen aus, für sich, für mich, für ihre Kinder und für Tiere, die es nicht gibt, die es aber geben sollte, findet L. Sie erfindet neue Gesetze, sogar neue Naturgesetze, manchmal auch ganze Planeten. Planeten, auf denen man aus Komplimenten etwas kochen kann, zum Beispiel.

Ich finde das amüsant und manchmal ein wenig anstrengend, weil meine Rolle dabei klar ist, ich muss mich für die Realität einsetzen. Ich bin der Anwalt der Wirklichkeit. Ist doch alles ganz okay, so wie es ist, sage ich, und L. sagt: Ganz okay, ganz okay. Du musst ja nicht mitkommen, wenn ich auf den anderen Planeten ziehe.

Heute hat sie sich also den Frühling ausgedacht. Seit Tagen schon beklagte sie sich über den real existierenden Frühling oder besser den real nicht existierenden, da bisher nur vom Kalender vorgeschriebenen Frühling und übertrug diese Enttäuschung auf mich: Na, ist immer noch alles so wahnsinnig okay für dich, findest du deine Realität immer noch so toll? Bisschen nass ist sie, deine Realität, ein bisschen kalt, oder? Und ich habe sie unterbrochen: L., du redest Unsinn, und sie hat gesagt, das sei ja kein Wunder, wenn man sich nicht einmal auf den Frühling verlassen könne.

Der eigentliche Grund für ihre Wut hatte, glaube ich, etwas mit einem Kleid zu tun, einem Kleid, das sie sich vor ein paar Tagen gekauft hatte und von dem sie mir seitdem erzählt. Wie es aussieht, und wie sie darin aussieht, und wie gut sie sich vorstellen könne, damit zu spät zu einer Verabredung zu erscheinen, angerauscht zu kommen, und der, der an der Ecke oder so auf sie wartet, will gerade mit seinen Vorwürfen beginnen, muss sich aber selbst unterbrechen, und statt böse zu sein, ist er entzückt. Mensch, schönes Kleid, steht dir gut, echt, soll er dann sagen. Ein guter Plan, findet L.

L. redet viel von dem Kleid, doch eigentlich geht es ihr um die Situation. Das Kleid dient nur als Vorwand, denn L.s Eitelkeit ist eine szenische Eitelkeit. Noch wichtiger als gut auszusehen ist ihr, gut dazustehen. Ich bot ihr an, den Part des Wartenden zu übernehmen, und L. willigte ein. Aber nur, betonte sie, wenn ich es dann auch ernst meinte mit dem Entzücktsein.

Doch bisher hat sich der Frühling einfach nicht an Kalenderabmachungen gehalten, bisher hat er Kleidertragen noch nicht zugelassen, hat L.s Szene nicht zugelassen, und L. ist immer ungeduldiger geworden, und heute rief sie an und sagte: Es reicht. Genug. Jetzt denk ich mir meinen eigenen Frühling aus. Viel Spaß, dachte ich, sagte das aber nicht, sondern: Schön, und wie sieht er aus, dein Frühling? L. zögerte. L. zögert selten. L. sagt lieber Unsinn als zu zögern. Wenn L. zögert, dann verheißt das nichts Gutes. Ich weiß nicht genau, sagte sie schließlich. Erst habe sie gedacht, man müsse den Frühling bestellen können, wie beim Teleshopping, wie eine Pizza oder eine Blaskapelle. Dann hielt sie es doch für besser, wenn Frühling keine Zeit, sondern ein Raum sei, kein kleiner Raum,