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Tilman Rammstedt

Der Kaiser von China

Roman

 

 

 

 

Es ist viel Raum in den Hautfalten des Buddha.

Chinesisches Sprichwort

 

 

für Mariana

 

 

 

Dass mein Großvater zu dem Zeitpunkt, als mich seine vorletzte Postkarte erreichte, bereits tot war, konnte ich nicht wissen. Ich hatte sie ungelesen beiseitegelegt, so wie ich auch die vorangegangenen Postkarten ungelesen beiseitegelegt hatte. Gemeinsam mit den Rechnungen und Wurfsendungen, zwischen denen sie fast täglich lauerten, bildeten sie unter dem Schreibtisch einen immer waghalsigeren Stapel, den ich mit einer alten Zeitung abdeckte, auch wenn das wenig half, ich wusste schließlich, was sich darunter verbarg.

Seit zehn Tagen spielte sich fast alles unter dem Schreibtisch ab. Auf Händen und Füßen kroch ich herum und bewegte mich nur noch in den von außen nicht sichtbaren Bereichen des Zimmers, die Knie mit Spülschwämmen gepolstert. Ich schlief unterm Schreibtisch, ich schmierte mir Brote dort, ich zeichnete einen Sternenhimmel auf die Unterseite der Tischplatte und wartete darauf, dass die zwei Wochen vorbei waren, dass ich glaubhaft aus China zurück sein konnte, um das, was es zu erklären gab, irgendwie zu erklären, eine Erklärung für meinen Großvater, eine für Franziska, eine für meine Geschwister, wenn sie mich bis dahin nicht entdeckt hatten. So schnell wie möglich musste ich mir etwas einfallen lassen, für Postkarten war da keine Zeit, die konnten so lange warten, und auch mein Großvater, so glaubte ich zu wissen, konnte so lange warten, und dann kam der Anruf, und das mit dem Warten hatte sich erübrigt.

Selbstverständlich war ich nicht ans Telefon gegangen, seit zehn Tagen schon war ich nicht mehr ans Telefon gegangen, auf dem Anrufbeantworter hörte ich eine Frau, die mich um einen Rückruf bat. »Es ist dringend«, sagte sie, aber ich ahnte schon, dass das nicht stimmte, dass ich es mit dem Undringlichsten der Welt zu tun hatte, trotzdem rief ich zurück, und aus meinem Großvater wurde ein toter Großvater, aus seiner Postkarte wurde seine vorletzte Postkarte und aus mir etwas sehr Verwirrtes und sehr Einsilbiges. »Ja«, sagte ich ein paar Mal, und »Nein« sagte ich und »Gut«, obwohl nichts gut war, weil ich nun zwar ein Problem weniger hatte, dafür aber etliche neue, und ich legte auf, nahm die vorletzte Postkarte v0m Stapel und glaubte zu wissen, dass ich traurig war.

Auf der Vorderseite der Postkarte war die Statue eines dicken Mannes zu sehen, der inmitten einer goldenen Blüte auf einem Elefanten saß, die Rückseite war wieder übersät mit den winzigen knorrigen Buchstaben meines Großvaters, die zu entziffern mir schon immer schwergefallen war, die nun aber, wie ich feststellte, zu vollkommener Unlesbarkeit verkommen waren, selbst mit einer Lupe konnte ich keine wiederkehrenden Strukturen ausmachen, noch nicht einmal die Vokale eingrenzen. Bevor ich aufgab, hatte ich ein »Gut« entdeckt, ein »Berg« und ein »Morgen« oder »Mögen« oder »Magen«, aber ganz sicher war ich mir da nicht.

Nur der letzte Satz war deutlich geschrieben, größer als der Rest und genau wie die Adresse in Druckbuchstaben, so tief in die Karte gekerbt, dass sie sich auf der Rückseite spiegelverkehrt in den Elefanten drückten. »Du hättest mitkommen sollen«, stand da, und dahinter hatte mein Großvater ein keilförmiges Ausrufezeichen gesetzt, das mich endgültig davon überzeugen sollte, dass es sich um keine nette Floskel handelte, um keinen Ausdruck des zugeneigten Bedauerns, sondern um eine handfeste Enttäuschung, um einen Vorwurf, eine Drohung, und weil es nun seine vorletzte Karte geworden war, drohte es erst recht, als ob er nicht gestorben wäre, wenn ich ihn begleitet hätte, als ob sein Herz dann nicht auf einmal ausgesetzt hätte, oder wenn, dann wenigstens in China, aber am besten gar nicht, er hätte sich, wenn ich mitgekommen wäre, nur kurz an mir festhalten müssen, »Nichts, mir ist nur etwas schwindelig«, hätte er gesagt, und ich hätte ihn zu einer Parkbank gebracht, ihm eine Flasche Wasser gekauft, weil mir nichts anderes eingefallen wäre, weil auch nichts anderes nötig gewesen wäre, »Geht schon wieder«, hätte mein Großvater nach ein paar Minuten gesagt und seinen Kamm rausgeholt, die Frisur wäre sein größtes Problem gewesen.

»Du hättest mitkommen sollen«, mich ärgerte dieser Satz, ich hörte, wie er ihn aussprach, wie er das »hättest« betonte, wie sich seine Augenbrauen nach unten wölbten, wie er mich danach anblickte, als ob er eine Antwort erwarte, die richtige Antwort natürlich: Ja, stimmt, Großvater, ich hätte mitkommen sollen, das war ein Fehler, du hast mal wieder recht gehabt. Mein Großvater hatte gern recht, mein Großvater hatte angeblich alles immer schon vorher gewusst, du hättest einen Schirm mitnehmen sollen, du hättest auf den Stadtplan schauen sollen, du hättest viel mehr Fremdsprachen lernen sollen, du hättest den Pullover separat waschen sollen, du hättest das Steak bestellen sollen. Mein Großvater war stets beleidigt, wenn man nicht auf ihn gehört hatte, dabei konnte man nie auf ihn hören, weil er einem immer erst im Nachhinein mitteilte, was man alles hätte anders machen sollen, aber ihn habe ja keiner gefragt, und schau, jetzt bist du nass, und schau, jetzt haben wir uns verfahren, und schau, jetzt bin ich tot.

Ja, ich hätte mitkommen sollen, und nein, ich war nicht mitgekommen, und ich wusste, es sah so aus, als hätte ich ihn sitzen lassen, ich wusste, es sah so aus, als hätte ich ihn betrogen, ich wusste auch, dass ich ihm das alles irgendwie hätte erklären können, aber nun war das nicht mehr nötig. Und ich wusste beim besten Willen nicht, ob es angemessen war, darüber erleichtert zu sein.

Dass auch die vorletzte Postkarte nicht aus China kam, war leicht zu erkennen. Sie war mit einer deutschen Briefmarke frankiert, das Bild des dicken goldenen Mannes war aus irgendeinem Reiseprospekt herausgerissen und notdürftig über eine Gratispostkarte geklebt worden, eine Ecke hatte sich bereits gelöst, ein Eisbär kam darunter zum Vorschein. Fast alle Karten, die mir mein Großvater in den letzten Wochen geschrieben hatte, waren derart überklebt, manchmal nicht einmal das, einige zeigten Fachwerk, und beim aufgedruckten »Viele Grüße aus dem Westerwald« war das »dem Westerwald« durchgestrichen und handschriftlich durch ein »Schanghai« ersetzt worden.

Natürlich überraschte es mich kaum, dass mein Großvater China schließlich doch nicht erreicht hatte, achttausend Kilometer, dafür war das Auto einfach zu alt, dafür war auch mein Großvater einfach zu alt, dafür hätte man vor allem auch einen Pass benötigt, und einen Pass hatte mein Großvater ja offenbar nicht dabei, auch keinen Personalausweis, keinen Führerschein, nicht einmal seine Kundenkarte für den Supermarkt, nichts habe man bei ihm gefunden, hatte mir die Frau am Telefon gesagt, nur diese angefangene Postkarte mit meinem Namen darauf. Und warum hatte er die nicht noch fertig schreiben können? Warum hatte er die nicht noch schnell eingeworfen? Dann hätte niemand bei mir angerufen, dann könnte ich ihn mir jetzt vergnügt im Auto vorstellen, wahrscheinlich im Gespräch mit einer attraktiven Anhalterin, die er an irgendeinem Rastplatz mitgenommen hatte, dann müsste ich jetzt nicht so schnell wie möglich in den Westerwald fahren, um meinen Großvater zu identifizieren, dann wüsste ich jetzt nicht, wie wenig nah er China am Ende gekommen war.

China, ausgerechnet China, als ob es die Nordsee nicht gäbe, als ob es den Harz nicht gäbe, nicht Rügen, nicht Frankreich, keinen Gardasee, es musste China sein, China und nichts anderes. »Ich will darüber nicht diskutieren«, hatte mein Großvater gesagt, und ich hatte gesagt, das treffe sich gut, weil ich darüber nämlich auch nicht diskutieren wolle, China komme nicht in Frage, und ich verschränkte die Arme, und mein Großvater auch, obwohl er nur noch einen Arm hatte, den rechten, doch den konnte er so geschickt um seinen linken Hemdsärmel wickeln, dass es aussah, als handelte es sich um zwei intakt verschränkte Arme, und dann schauten wir uns lange an, mein Großvater möglichst entschlossen und ich möglichst spöttisch, um ihm zu zeigen, was für eine ganz und gar lächerliche Idee China doch sei, und dann sagte mein Großvater: »Ich sterbe.«

Man darf so einen Satz nicht überbewerten, auch im Nachhinein nicht, auch nicht jetzt, da mein Großvater schon wieder recht behalten hatte. »Du stirbst nicht«, sagte ich deshalb, obwohl das natürlich in jedem Fall eine Lüge gewesen wäre, doch ich wollte es als Argument einfach nicht zulassen, ich wollte nicht zu demjenigen gemacht werden, der letzte Wünsche ausschlägt, ich wollte sachlich bleiben, weil ich sachlich betrachtet natürlich im Recht war und China völlig unmöglich, aber Sterbenden gegenüber zählt Rechthaben wenig, das wusste mein Großvater und hatte deshalb auch sicherheitshalber schon früh mit dem Sterben begonnen. Mein Großvater starb nämlich schon, solange ich denken kann, wahrscheinlich sogar länger, und erst kurz vor seinem Tod hat er damit aufgehört. In meinen frühesten Erinnerungen an ihn schaut er mich schon ernst an und sagt: »Bald werde ich nicht mehr da sein«, und zeigt dann auf alle möglichen Dinge, die ich nach seinem Ableben erben solle, das Ölbild mit den galoppierenden Pferden, den dolchartigen Brieföffner, den Dreh-Aschenbecher, all das, was man damals bewunderte. Jahre später fand ich heraus, dass er dieselben Gegenstände auch meinen Geschwistern versprochen hatte, mit dem gleichen verschwörerischen Zwinkern, mit dem gleichen »Das bleibt aber unser kleines Geheimnis«. Ich habe ihn nie zur Rede gestellt, denn zum einen hatten Bild und Brieföffner längst ihren Reiz verloren, zum anderen war es bereits zur Gewohnheit geworden, auf die Todesankündigungen meines Großvaters nur noch mit einem Nicken zu antworten. Keiner in der Familie widersprach ihm mehr, keiner sagte: »Du wirst bestimmt hundert Jahre alt«, weil es immer wahrscheinlicher schien, dass er tatsächlich hundert Jahre alt werden würde. Bei jedem Arztbesuch, dem stets lange Verabschiedungsrituale vorausgingen, wurde die schon fast unheimliche Konstitution meines Großvaters neu bestätigt. Bis vor wenigen Monaten besaß er noch alle eigenen Zähne, bis vor wenigen Monaten brauchte er nur zum Lesen eine Brille, und selbst dabei ließ er sie aus Eitelkeit meist weg, trotz zunächst zahlloser Zigaretten und dann zahlloser Nikotinkaugummis versahen Lunge und Herz noch lange vorbildlich ihren Dienst, und es hätte wohl keinen überrascht, wenn ihm irgendwann der linke Arm wieder nachgewachsen wäre.

Doch dann fiel seinem Körper schließlich doch noch auf, dass dieser Zustand längst nicht mehr seinem Alter entsprach, und innerhalb kürzester Zeit holte er nach, was er zuvor versäumt hatte. Muskeln erschlafften, Arterien verstopften, Gelenke schwollen an, Ohren wuchsen. Von jedem Arztbesuch brachte mein Großvater seitdem ein neues Medikament mit. Lag früher bei den Mahlzeiten mitunter eine halbe Tablette neben seinem Glas, so erstreckte sich die Reihe nun allmählich über die ganze Breite seines Tellers, »Ach ja, mein Nachtisch«, sagte er, bevor er sie mit immer zittrigeren Fingern einzeln von der Tischdecke auflas und, den Mund angewidert verzogen, herunterschluckte. Mein Großvater achtete immer genau darauf, dass wir anderen auch ja zuschauten, dass wir genau mitbekamen, was er da auf sich nahm. Vermutlich mit Absicht ließ er manchmal eine Kapsel fallen. »Lass nur«, sagte er, wenn jemand von uns sie unter dem Tisch suchen ging, machte aber selbst keine Anstalten, sich zu bücken, und nahm die wiedergefundene Tablette ohne ein Wort des Dankes entgegen.

Und im Grunde war es ja sogar die schwindende Gesundheit meines Großvaters, die den Anlass gab, ihm eine Reise zu schenken. »Wer weiß, wie lange er überhaupt noch reisen kann«, hatte mein ältester Bruder gesagt, und uns anderen war nichts Besseres eingefallen, eine Woche über Pfingsten, man würde ein paar Urlaubstage nehmen, gemeinsam würde man das schon durchstehen, aber dann sprang erst meine ältere Schwester ab, angeblich irgendetwas mit einer Projektwoche, und dann mein zweitältester Bruder, angeblich irgendetwas mit einer dringenden Abgabe, und weil es nun ohnehin keine komplette Enkelreise mehr werden würde, schlug meine jüngere Schwester vor zu losen, »Wir müssen uns ja nicht alle die Feiertage versauen«, sagte sie, und mein Streichholz war das kürzeste, daran bestand kein Zweifel, und die anderen beiden gaben sich nicht einmal die Mühe, ihre Erleichterung zu unterdrücken, meine jüngere Schwester ballte sogar kurz die Faust, und mein ältester Bruder schlug mir etwas zu fest auf den Rücken. »Kopf hoch«, sagte er und meinte es wohl aufmunternd, aber es klang wie ein Befehl. Ob sie das für so eine gute Idee hielten, dass nun ausgerechnet ich mit unserem Großvater wegfahren solle, fragte ich, doch die anderen winkten ab. »Vielleicht ist es wirklich am besten so«, befanden sie einhellig, »dann habt ihr endlich mal wieder Zeit füreinander«, obwohl es genau das war, wovor ich mich fürchtete.

Es war unmöglich auszumachen, ob sich mein Großvater über unser Geschenk freute, das nun eher zu meinem Geschenk geworden war, auch wenn sich die anderen natürlich an den Kosten beteiligen würden, das sei ja keine Frage, versicherten sie mir. Er hatte den Gutschein genauso ausdruckslos studiert und dann beiseitegelegt wie all die anderen Geschenke, das gerahmte Familienfoto, den Cognac, den Marilyn-Monroe-Bildband. »Keith unternimmt mit dir eine Reise«, erklärte mein zweitältester Bruder, wieder etwas zu laut und etwas zu fröhlich, wie er in letzter Zeit immer mit unserem Großvater sprach. »Wir wären ja gern alle mitgefahren, aber du weißt ja«, und mein Großvater wusste natürlich nicht, wie sollte er auch, er fuhr sich unablässig mit der Zunge die Zähne entlang, seitdem er die Teilprothese hatte, machte er das ständig, und schaute meinen zweitältesten Bruder dabei verständnislos an. »Eine Reise wohin?«, fragte er schließlich. »Wohin du schon immer mal wolltest«, sagte meine jüngere Schwester, und sie hätte es besser nicht gesagt. Denn am nächsten Morgen, noch im Schlafanzug, sagte mein Großvater »China«, und am Mittag sagte er es noch immer, und am Abend schon wieder, und als ich ihm Prospekte zeigte, Prag, Masuren, Korfu, schaute er gar nicht hin. »China«, sagte er, »Geschenkt ist geschenkt«, sagte er und dass er darüber nicht diskutieren wolle, und dann wurde ein Arm verschränkt und das Sterben ins Spiel gebracht.

»Und selbst, wenn du sterben würdest«, hatte ich gesagt, »wäre das ein Grund mehr, nicht nach China zu fahren. China ist weit, China ist anstrengend, in China versteht dich kein Arzt«, und mein Großvater hatte gelächelt, sein trauriges Lächeln, das ihm keiner so schnell nachmachte, und er sagte leise, dass er es in diesem Fall vorziehen würde, gar nicht wegzufahren, er wünsche mir viel Spaß auf Korfu, und dann vertiefte er sich in seinen Marilyn-Monroe-Band, und ich blieb länger vor ihm stehen, als ich wollte und sah ihm zu, wie er den Zeigefinger vor dem unglaubwürdig häufigen Umblättern immer wieder zur Zunge führte. »Wie du willst«, sagte ich, um dann schleunigst den Raum zu verlassen, das Haus zu verlassen und mich, so weit es eben ging, zu entfernen.

Es war jetzt früher Nachmittag, das behauptete zumindest der Radiowecker, den ich unter den Schreibtisch gestellt hatte und aus dem ich manchmal, das Ohr an den Lautsprecher gedrückt, leise Musik hörte. Ich selbst hatte das Gefühl für die Tageszeiten längst verloren. Auch tagsüber schlief ich, so viel ich konnte, und war enttäuscht, wenn ich dann feststellte, dass es nur eine halbe Stunde gewesen war.

Ich würde unverzüglich losfahren, hatte ich der Frau am Telefon versprochen, das war vor über fünf Stunden gewesen, und auf ein paar mehr kam es nun wohl auch nicht mehr an. Ich begann, ein paar Sachen zusammenzupacken, viel würde ich nicht brauchen, ich hatte nicht vor, länger zu bleiben. Ein kurzer Blick, das würde reichen, ich nicke, und dann wird mein Großvater wieder zurückgeschoben in die unförmige Kühlwand, das kannte ich alles aus Filmen. Es wird ein großer, kahler Saal sein, das glatte Licht der Neonröhren, die Pathologin trägt natürlich einen weißen Kittel und schaut diskret zu Boden. »Es tut mir sehr leid«, sagt sie dann und versucht nicht einmal, das aufrichtig klingen zu lassen.

Und vielleicht wäre es sogar besser, noch eine Nacht abzuwarten, alles ein wenig sacken zu lassen, vielleicht wäre es heute noch zu früh, vielleicht würde ich heute meinen Großvater gar nicht erkennen. Vielleicht hatte ich auch nur Angst, dass er selbst jetzt wieder mit China anfangen würde.

Natürlich war er noch nie in China gewesen, fast nirgendwo war er schon gewesen, wie sich herausstellte, er hatte den europäischen Kontinent niemals verlassen, Deutschland niemals verlassen, war nur einmal der holländischen Grenze recht nahe gekommen und einmal, wohlwollend betrachtet, der dänischen. Er hatte noch nie in einer ausländischen Währung bezahlt, nie jemanden fragen müssen, ob er vielleicht Deutsch verstehe, Fremdsprachen beherrschte er, bis auf wenige, nur ihm verständliche Worte Englisch, keine.

»Und warum ausgerechnet gleich China?«, hatte ich ihn am Tag nach seinem Geburtstag am Telefon gefragt. Seit acht Uhr hatte er mich fast pausenlos angerufen, dass ich ausreichend Deodorant einpacken müsse, so was gebe es in China nämlich nicht, dass ich festes Schuhwerk brauche, ob ich gegen Malaria geimpft sei. »Mein Gott, du warst doch noch nicht einmal in Österreich«, rief ich, und mein Großvater sagte nichts, sagte lange nichts, so lange, bis ich fragte: »Bist du noch da?«

»Ja«, sagte er. »Ich will nicht nach Österreich«, sagte er. »Ich habe keine Zeit mehr für Österreich«, sagte er, und jetzt war ich es, der schwieg, denn ja, bei genauer Betrachtung wollte auch ich nicht nach Österreich, jedenfalls nicht mit meinem Großvater, bei genauer Betrachtung wollte ich nirgendwo hin mit ihm, auf keinen Berg, an keinen Strand, in keine Wüste, kein Museum, kein Thermalbad, ich wollte nicht unnötig lange in zweisprachigen Speisekarten mit ihm blättern, auf keinen Aussichtspunkten mit ihm schweigen, nicht abends beim Wein lächerlich früh behaupten, dass man vom vielen Laufen ganz erschöpft sei, um ja keine Gelegenheit zuzulassen, in der man endlich einmal wieder Zeit füreinander hatte, und vielleicht war China bei genauer Betrachtung der einzig vernünftige Vorschlag, weil einem dort wahrscheinlich selbst zweisprachige Speisekarten wenig halfen, weil man dort abends beim Reiswein wahrscheinlich tatsächlich erschöpft war, weil es dort nicht so schlimm wäre, sich nicht zu verstehen, weil man auch alles andere nicht verstand, und wahrscheinlich gäbe es dort von allem viel zu viel, nur keine Zeit füreinander, und am Ende wüsste man bestenfalls gar nicht mehr, wofür man die auch hätte gebrauchen können, alles Unausgesprochene zwischen uns hätte sich mit China gefüllt, und mir fiel auf einmal wieder ein, wie ich als Kind ein paar Tage lang geglaubt hatte, dass mein Großvater ein Chinese sei.

Er muss sich mal wieder mit einer meiner Großmütter gestritten haben, welche, weiß ich nicht mehr, jedenfalls war es sehr laut, und irgendwann rief er: »Und ich bin der Kaiser von China.« Sein Amt beeindruckte mich damals weniger als seine Herkunft, und ich erzählte es überall herum, nicht alle glaubten mir. Warum ich dann nicht aussähe wie ein Chinese, wurde ich gefragt, und ich sagte: »Das kommt noch«, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie Chinesen eigentlich aussahen. Alle gleich, wurde behauptet, und ich stellte mir ein Land vor, in dem es von meinem Großvater nur so wimmelte, in dem in jedem Auto mein Großvater saß, in dem morgens aus jedem Haus mein Großvater trat, sich von meinem Großvater verabschiedete, um seine Kinder, fünf sehr kleine Großväter, zur Schule zu bringen. Ein paar Tage später kam die Wahrheit dann ans Licht. »Du bist kein Chinese«, sagte ich zu meinem Großvater. »Wie du meinst«, sagte er.

Damals gefiel mir die Vorstellung von einem Land voller Großväter noch, doch jetzt am Telefon erschien sie mir schrecklich, ein einziger reichte mir, ein einziger war mir eigentlich schon zu viel, und darum ging es, nicht um China oder Korfu oder Österreich.

»Bist du noch da?«, fragte jetzt er, und jetzt war ich es, der sagte: »Ja, noch bin ich da«, dann legte ich auf.

Ich bin mir nicht sicher, mit wie vielen meiner Geschwister ich tatsächlich verwandt bin. Es ist aber davon auszugehen, dass ich mit den meisten von ihnen zumindest ein Elternteil gemeinsam habe. Noch dunkel kann ich mich an die Geburt meiner jüngeren Schwester erinnern, ich war damals vier, und wir besuchten alle gemeinsam meine Mutter im Krankenhaus. »Da seid ihr ja«, rief sie mit noch etwas schwacher Stimme, doch später wurde deutlich, dass sie beim Namen meines zweitältesten Bruders lange überlegen musste, und auch meine ältere Schwester betrachtete sie immer so zaghaft, als sei sie sich nicht ganz sicher, dieses Mädchen schon einmal gesehen zu haben.

Ich kann also nur unterstellen, dass es sich bei dieser Frau im Krankenhaus um meine leibliche Mutter gehandelt hat, und außer diesem Leiblichen damals hatten wir nicht viel miteinander zu tun. Schon seit frühester Kindheit wohnte ich bei meinem Großvater, dem ich natürlich auch nur unterstellen kann, dass er mein leiblicher Großvater ist. Es besteht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen ihm und meiner Mutter, das Kinn, die kurzen Finger, das muss genügen, allen weitergehenden Fragen wich er stets aus. Als ich einmal ein Foto bei ihm fand, das ihn als jungen Mann mit einem Mädchen auf den Schultern zeigt, fragte ich ihn, ob das meine Mutter sei. Er nahm das Foto, betrachtete es kurz mit zusammengekniffenen Augen, dann gab er es mir zurück und sagte: »Wahrscheinlich.«

Mein Großvater hielt vieles für wahrscheinlich, dass noch Milch da war, dass bald Sommerferien seien, dass in Australien das Wasser verkehrt herum abfließe, er verkroch sich ganz und gar in seine Wahrscheinlichkeiten, manchmal nannte er auch die dazugehörigen Prozentzahlen, ganz sicher könne man sich bei nichts, bei gar nichts sein, belehrte er uns, und wenn einer von uns altklug widersprach: »Außer, dass man stirbt«, sagte mein Großvater: »Das ist in der Tat sehr wahrscheinlich.«

Aber eine kleine Restchance schien er selbst dabei noch zu wittern, und in den letzten Monaten, seitdem sein Körper den angemessenen Verfall aufholte, klammerte er sich an diese Restchance mit einer Ausdauer, die man bei ihm sonst nicht vermutet hätte. Sein Ehrgeiz, nicht zu sterben, wurde nach und nach zu einer ausgewachsenen Obsession. Alle paar Tage mussten wir mit ihm zum Friedhof, wo er dann Grab um Grab abschritt und triumphierend »Jünger«, »Viel jünger«, »Fast gleich alt« rief, und wenn es doch jemand gewagt hatte, erst in gesetztem Alter zu sterben, notierte er sich die genauen Daten, die er dann in die Liste über seinem Schreibtisch übertrug. 79 Jahre 282 Tage, 81 Jahre 6 Tage, 88 Jahre 129 Tage, manche auf der Liste hatte er in den vergangenen Monaten noch überholt, ein paar Namen konnte er noch durchstreichen, dann rief er uns schnell alle zusammen. »Glückwunsch, Großvater«, sagten wir im Chor, und er winkte ab: »Danke, aber noch ist nichts erreicht.«

Sein später Wunsch, alle zu überleben, nahm schon bald beängstigende Formen an. Der Tod war nicht nur sein Gegner, er wurde auch mehr und mehr zu seinem Gehilfen, genüsslich las er uns beim Frühstück die Todesanzeigen vor, »Das war ein gutes Wochenende«, jedem vorbeifahrenden Krankenwagen sah er hoffnungsvoll nach, er entwickelte eine verdächtige Vorliebe für Katastrophenfilme, und erst in letzter Sekunde konnten wir eines Nachmittags verhindern, dass er die Schildkröte meiner jüngeren Schwester beerdigte. »Sie war klinisch tot, ehrlich«, behauptete er, auch wenn sie in der kaum knöcheltiefen Grube sichtlich mit den Beinen zappelte.

Es gab Momente in den vergangenen Monaten, in denen wir uns ernsthaft Gedanken um unsere Sicherheit machten. Wenn einer von uns nur hustete, horchte mein Großvater sofort auf, »Das klingt aber gar nicht gut«, und es war nicht Sorge, was da in seiner Stimme mitschwang. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir das alles nur einbildete, aber die Vorfälle häuften sich. Meinem ältesten Bruder schenkte er ständig Wein nach, auch wenn dieser betont hatte, noch fahren zu müssen, meine ältere Schwester berichtete von Kratzspuren am Kabel ihres Föhns, und als ich vor einigen Monaten einen Kasten Wasser die steile Treppe hinunter in den Keller trug, schaltete mein Großvater auf einmal das Licht aus. »Entschuldigung«, sagte er, als ich mich umgehend beschwerte, machte das Licht aber auch dann nicht wieder an.

Ungefähr zu dieser Zeit begann mein Großvater auch, meine Geschwister und mich zu bezichtigen, ihm nach dem Leben zu trachten. Andauernd stimmte angeblich etwas mit seiner Medikation nicht, andauernd wurde ihm angeblich Butter ins Essen gemischt, obwohl er doch auf sein Cholesterin zu achten hatte, andauernd wurden angeblich von irgendwem Fenster geöffnet, damit er sich den Tod hole. »Aber nicht mit mir, meine Lieben«, sagte er dann. »Mit mir nicht.«

Natürlich wusste mein Großvater, dass er sehr wahrscheinlich nicht unsterblich war und es trotz aller Bemühungen und Vorsichtsmaßnahmen auch niemals werden würde. Ich vermute, dass er beharrlich hoffte, irgendwann zu alt zum Sterben zu sein, irgendwann vom Tod einfach vergessen zu werden, so wie man hofft, von der Telefongesellschaft vergessen zu werden, nachdem man alle Mahnungen ignoriert hat und der Anschluss einfach immer weiterfunktioniert, weil niemand mehr weiß, dass man ihn überhaupt noch besitzt.

Und in der Tat ist es schwer vorstellbar, dass er nun tatsächlich tot sein soll, dass er sein Leben vollständig zu Ende gebracht hat, weil er sonst nie etwas zu Ende brachte. Früher, als es noch Großmütter gab, manche im passenden Alter, manche nur wenige Jahre älter als wir, hatten sie ihn, eine nach der anderen und in fast identischen Worten, immer wieder dazu aufgefordert, doch in aller Herrgottsnamen endlich einmal etwas fertig zu machen, die Steuererklärung, die seit Jahren unbeabsichtigt zweifarbige Pergola, das Puzzle auf dem Wohnzimmertisch, das uns schon gar nicht mehr auffiel, oder zumindest den Namen für die Katze. »Friedrich oder Vincent« steht bis heute auf ihrem Holzkreuz im Garten.

Mein Großvater nickte dann stets einsichtig, sortierte ein paar Quittungen oder legte einen Puzzlestein an, dann suchte er sich schnell eine neue Aufgabe, die verkalkte Kaffeemaschine, das verhedderte Telefonkabel, Glückwunschkarten für noch längst nicht nahende Geburtstage, irgendetwas, von dem er behaupten konnte, dass es nun wirklich dringender sei.

Und weil mein Großvater natürlich auch diese neuen Tätigkeiten nicht zu Ende führte und sich als Ausrede dafür noch neuere suchen musste, bestand das ganze Haus, das ganze Leben meines Großvaters aus Anfängen, überall stieß man auf aufgeschlagene Bücher, auf angebissene Brötchen, einzelne Schuhe, hörte Geschichten, die mitten im Satz, mitten im Wort abbrachen, immer noch standen die Namen fast aller vergangenen Großmütter auf unserem Briefkasten, und manchmal, wenn er angekündigt hatte, jetzt schlafen zu gehen, traf man ihn eine halbe Stunde später mitten im Flur stehend an. »Ich bin auf dem Weg«, sagte er dann schnell.

Wo ich denn bleiben würde, fragte die Frau aus dem Krankenhaus auf meinem Anrufbeantworter. Ihre Stimme war angestrengt freundlich, im Hintergrund hörte ich etwas, das wie eine Säge klang, aber ich hoffte, mir das nur einzubilden. Sie selbst sei noch bis achtzehn Uhr da, sagte sie, der Nachtdienst wisse aber Bescheid. Und den Pass meines Großvaters sollte ich natürlich mitbringen, oder seinen Ausweis, die Geburtsurkunde, irgendein offizielles Dokument eben. Bevor sie auflegte, sagte sie noch: »Dann bis hoffentlich gleich«, das letzte Wort sang sie fast, als wären wir zu einem Abendessen verabredet, auf das sie sich schon lange freute.

Von der Reiseauskunft erfuhr ich, dass die Fahrt in das westerwäldische Kaff achtzig Minuten dauern würde, einmal umsteigen, erst Regionalexpress, dann Regionalbahn. Gut zwei Wochen war mein Großvater unterwegs nach China gewesen, und nun war nicht einmal ein Zuschlag erforderlich. Die Züge fuhren alle zwei Stunden, auch danach hatte ich mich erkundigt. »Danke«, hatte ich gesagt, war wieder zurück unter den Schreibtisch gekrochen und hatte die Postkarten aus dem Stapel gesucht, die mein Großvater mir seit seiner Abreise geschrieben hatte. Ich fand elf davon, ohne zu wissen, ob das alle waren, ohne mich an ihre Reihenfolge zu erinnern. Ich suchte irgendeinen Hinweis, doch alles blieb unleserlich, nur einzelne Worte, Teilsätze, die mich in ihrer Zusammenhanglosigkeit ärgerten, »Styropor« ärgerte mich, »Vorspeisenteller« ärgerte mich, »aber wieder ein gutes Körpergefühl« ärgerte mich besonders, damit war nichts anzufangen, das interessierte mich alles nicht.

Ich wusste nicht genau, nach was für einem Hinweis ich suchte, aber mein Großvater hatte doch wissen müssen, dass er es nicht bis nach China schaffen würde, dass er ohne Ausweis schon von Glück hätte sagen können, überhaupt Österreich zu erreichen, und ein Ausweis war ja bei ihm nicht gefunden worden, den hatte er wohl nicht für nötig erachtet. Ganz gleich wie stur er sich manchmal stellte, hatte er doch einfach wissen müssen, dass er auf diese Weise nicht weit kommen würde, und wenn es nicht der Westerwald geworden wäre, dann halt irgendein anderer Wald, irgendeine andere Kreisstadt, irgendetwas, das mit China beim besten Willen nicht verwechselt werden konnte, und China war dann ja irgendwann keine Frage mehr gewesen, auch wenn er davon nichts hatte hören wollen. »Natürlich fahren wir«, hatte er immer wieder gesagt, manchmal auch mehrfach hintereinander, manchmal so leise, dass es gar nicht an mich gerichtet sein konnte.