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Westafrika, Mitte des 18. Jahrhunderts. Die kleine Aminata lebt mit ihren Eltern in einer friedlichen Dorfgemeinschaft. Doch der Sklavenhandel blüht, auf den Plantagen der neuen Kolonien braucht man Arbeitskräfte, und die britischen Machthaber sind skrupellos. Als Aminata elf Jahre alt ist, wird ihr Dorf überfallen und sie gefangen genommen. Auf einem Frachter bringt man sie mit vielen anderen Sklaven nach Amerika, wo sie an einen Großgrundbesitzer verkauft wird. Während der Wirren des Unabhängigkeitskriegs gelingt Aminata die Flucht. Über Umwege folgt sie ihrem Herzen zurück nach Afrika und von dort nach London, um für die Befreiung der Schwarzen zu kämpfen. Ihre Geschichte ist das eindrückliche Porträt einer unglaublich starken Frau, die es geschafft hat, schwierigste Bedingungen zu überleben und dabei immer auch anderen zu helfen. Es ist eine Geschichte, die man nicht wieder vergisst, voller Hoffnung und Zuversicht.

 

Lawrence Hill wuchs in den sechziger Jahren in Toronto auf. Er arbeitete als Reporter in Kanada, Europa und den USA und reiste als freiwilliger Helfer nach Kamerun, Mali und in den Niger. Lawrence Hill wohnt mit seiner Frau und fünf Kindern in Burlington, Ontario. Ich habe einen Namen ist sein erster ins Deutsche übersetzter Roman. Er gewann dafür u. a. den Commonwealth Writers’ Prize.

Lawrence Hill

ICH HABE EINEN NAMEN

Roman

Aus dem Englischen von
Werner Löcher-Lawrence

 

 

 

Für meine Tochter und Seelenverwandte
Geneviève Aminata

 

 

 

Vorgelegt habe ich dir Leben und Tod,

Segen und Fluch!

So wähle denn das Leben!

Fünftes Buch Mose, 30:19

 

 

 

So füllen Geografen, auf den Afrika-Karten,

Ihre Lücken mit Bildern von wilden Arten,

Und auf unbewohnbare Hügelwellen

Setzen sie Elefanten, wo Städte fehlen.

Jonathan Swift

BUCH EINS

Und jetzt bin ich alt

{London, 1802}

Ich scheine Schwierigkeiten mit dem Sterben zu haben. Eigentlich sollte ich gar nicht so lange leben. Aber ich kann immer noch riechen, wenn mit dem Wind Ärger heranweht, genauso wie ich euch sagen kann, ob es Hähnchenhälse oder Schweinefüße sind, die da im Eisentopf über dem Feuer in ihrem Saft blubbern. Und meine Ohren sind auch immer noch so gut wie die eines Jagdhundes. Die Leute denken, wenn man nicht mehr aufrecht wie ein Grünschnabel dasteht, ist man taub. Oder dass man nur noch Kürbispampe im Kopf hat. Als ich neulich an einem Treffen mit einem Bischof teilnahm, sagte eine der Gesellschaftsdamen zu einer anderen: »Wir müssen diese Frau möglichst bald ins Parlament bringen. Wer weiß, wie lange sie noch unter uns ist?« So krumm mein Rücken auch sein mochte, stieß ich ihr doch einen Finger zwischen die Rippen. Sie ließ ein Quieken hören und fuhr zu mir herum. »Vorsicht«, sagte ich zu ihr, »vielleicht überlebe ich Sie noch!«

Es muss einen Grund geben, warum ich in all diesen Ländern gelebt und all diese Überquerungen des Ozeans überlebt habe, während so viele andere Kugeln zum Opfer gefallen sind oder ganz einfach die Augen geschlossen haben und nicht weiterleben wollten. In jenen frühen Tagen, als ich frei war und nichts anderes kannte, habe ich mich oft von unserem Grundstück geschlichen und bin in die große Akazie geklettert, Vaters Koran auf dem Kopf balancierend. Auf einen Ast habe ich mich gesetzt und mich gefragt, ob ich wohl jemals all die Geheimnisse dieses Buches entschlüsseln würde. Ich ließ die Beine baumeln, legte das Buch zur Seite, das einzige übrigens, das ich in Bayo je zu Gesicht bekommen hatte, und sah hinaus auf das Flickmuster aus Lehmwänden und Strohdächern. Die Leute waren ständig in Bewegung. Frauen trugen Wasser vom Fluss herauf, Männer schmiedeten Eisen im Feuer, und junge Burschen kamen triumphierend aus dem Wald zurück, wo sie Stachelschweine gefangen hatten. Es ist schrecklich viel Arbeit, an das Fleisch eines Stachelschweins heranzukommen, aber wenn die Jungs sonst nichts Wichtiges zu tun hatten, störte sie das nicht. Sie kappten die Stacheln, zogen den Tieren die Haut ab, schnitten die Innereien heraus und übten an den lächerlich kleinen Körpern den Umgang mit ihren scharfen Messern. Ich war damals glücklich und fühlte mich frei, ohne dass es mir in den Sinn gekommen wäre, über meine Sicherheit nachzudenken.

Ich bin dem gewaltsamen Tod immer entronnen, so nahe er mir gekommen ist, habe aber meine Kinder verloren und nicht mit ihnen leben und sie großziehen dürfen, so wie meine Eltern mich zehn, elf Jahre großgezogen haben, bis unser gemeinsames Leben zerstört wurde. Ich hatte meine Kinder nur kurz für mich, weswegen sie heute nicht hier bei mir sind, mir mein Essen kochen und frisches Stroh in meine Matratze füllen, mir einen Umhang gegen die Kälte bringen und in dem Wissen mit mir am Feuer sitzen, dass sie aus meinen Lenden hervorgegangen sind und unsere gemeinsamen Momente die erfüllendsten meines ganzen Lebens waren. Wir haben keine gemeinsame Geschichte, und heute kümmern sich andere um mich, aber das ist in Ordnung. Dennoch ist es nicht das Gleiche, als wenn einen sein eigen Fleisch und Blut bis zum Grab umsorgt. Ich sehne mich danach, meine Kinder in die Arme zu schließen, und auch Enkel, wenn es die denn gibt. Ich vermisse sie wie Glieder, die man mir vom Körper abgetrennt hat.

Ich habe hier in London ungeheuer viel zu tun. Es heißt, ich soll König George treffen. Um mich herum ist ein ganzer Trupp Abolitionisten, vollbärtiger, dickbäuchiger, kahlköpfiger Gegner der Sklaverei, die den Zucker boykottieren, aber nach Tabak stinken und bis spät in die Nacht Kerze um Kerze entzünden, während sie an ihren Strategien feilen. Die Abolitionisten sagen, sie haben mich nach England geholt, damit ich ihnen helfe, den Lauf der Geschichte zu ändern. Nun, wir werden sehen. Aber wenn ich so alt geworden bin, muss es schließlich einen Grund dafür geben.

Fa heißt in meiner Sprache »Vater«. Ba heißt »Fluss«, und auch »Mutter«. In meiner frühen Kindheit war meine Ba wie ein Fluss, der mich durch die Tage trug und nachts mit Sicherheit umgab. Der Großteil meines Lebens ist vorbei, aber auch heute noch sind Fa und Ba meine Eltern, sind älter und klüger als ich, und ich höre ihre Stimmen, manchmal tief und bedächtig, dann wieder leicht wie eine hübsche Melodie. Ich erinnere mich, dass sie mich vor Ungemach bewahrt und vorsichtig um die Kochfeuer und in den kühlen Schatten unseres Hauses geführt haben. Ich sehe meinen Vater noch vor mir, wie er mit einem spitzen Stock fließende arabische Sätze in den harten Boden kratzt und vom fernen Timbuktu erzählt.

Wenn ich ganz für mich bin und die Abolitionisten einmal nicht um mich herumwirbeln, wenn ich nicht an dieser Delegation teilnehmen oder meine Unterschrift unter jene Petition setzen soll, wünsche ich mir, dass meine Eltern noch da wären und sich um mich kümmerten. Ist das nicht merkwürdig? Dass ich, eine schwache, alte schwarze Frau, die in ihrem Leben mehr Wasser überquert hat, als dass sie sich noch an all die Tage auf See erinnern könnte, die mehr Wegstunden hinter sich gebracht hat als ein Karrengaul, dass ich nur von Dingen träume, die ich nicht haben kann: von Kindern und Enkeln, die ich lieben möchte, und Eltern, die sich um mich kümmern.

Vor ein paar Tagen haben sie mich in eine Londoner Schule gebracht, wo ich mich mit den Kindern unterhalten habe. Ein Mädchen fragte, ob es stimme, dass ich die berühmte Meena Dee sei, von der alle Zeitungen schrieben. Ihre Eltern, sagte sie, glaubten nicht, dass ich an so vielen Orten gelebt hätte. Ich bestätigte ihr, dass ich Meena Dee sei, aber sie könne mich ruhig Aminata Diallo nennen, denn so habe ich als Kind geheißen. Mit dem Vornamen hatten wir eine Weile zu tun. Beim dritten Mal hatte sie es. Aminata. Vier Silben. So schwer ist es wirklich nicht. A-mi-na-ta, sagte ich. Sie sagte, sie würde sich wünschen, dass ich ihre Eltern kennenlernte. Und ihre Großeltern. Ich erwiderte ihr, wie wunderbar es sei, dass sie ihre Großeltern noch habe. Liebe sie, sagte ich, liebe sie von ganzem Herzen. Liebe sie jeden Tag. Sie wollte wissen, warum ich so schwarz sei. Ich fragte sie, warum sie so weiß sei. Sie sagte, sie sei so auf die Welt gekommen. Da geht’s mir genauso, antwortete ich. Ich kann sehen, dass du mal ziemlich schön gewesen sein musst, obwohl du so schwarz bist, sagte sie. Du wärst noch hübscher, wenn in London mal die Sonne schiene, antwortete ich. Sie fragte mich, was ich äße. Mein Großvater sagt, er wettet, du isst rohen Elefanten. Ich sagte ihr, dass ich noch nie was von einem Elefanten abgebissen hätte, in meinem Leben aber schon hungrig genug gewesen sei, dass ich es probiert hätte. Drei- bis vierhundert hätte ich schon von ihnen gejagt, sagte ich, es aber nie geschafft, sie daran zu hindern, durch die Dörfer zu trampeln, oder einen von ihnen so lange festzuhalten, dass ich in Ruhe hätte reinbeißen können. Sie lachte und sagte, sie wolle wissen, was ich wirklich äße. Das Gleiche wie du, erklärte ich ihr. Glaubst du, ich finde hier in den Straßen von London einen Elefanten? Würste, Eier, Hammeleintopf, Brot, Krokodile, all die ganz normalen Sachen würde ich essen. Krokodile?, fragte sie. Ich sagte, ich hätte nur sehen wollen, ob sie mir richtig zuhört. Sie sagte, sie sei eine sehr gute Zuhörerin, und ob ich ihr nicht bitte eine Gespenstergeschichte erzählen könne.

Schätzchen, sagte ich, mein ganzes Leben ist eine Gespenstergeschichte. Dann erzähl sie mir, sagte sie.

Wie ich ihr gesagt habe, heiße ich Aminata Diallo. Ich bin die Tochter von Mamadu Diallo und Sira Kulibali. Geboren bin ich in Bayo, drei Monde Fußmarsch von der Getreideküste Westafrikas entfernt. Ich bin eine Bambara. Und eine Fulbe. Ich bin beides, aber das erkläre ich später. Ich denke, dass ich 1745 geboren wurde, vielleicht auch kurz vorher oder nachher. Und ich schreibe diesen Bericht. Von Anfang bis Ende. Für den Fall, dass ich sterbe, bevor ich fertig werde, habe ich John Clarkson, einem der ruhigeren Abolitionisten und dem einzigen, dem ich wirklich traue, das Versprechen abgenommen, nichts daran zu verändern. Seine Abolitionisten-Freunde hier in London wollten von mir einen kurzen, vielleicht zehnseitigen Aufsatz darüber, warum der Handel mit Menschen eine Abscheulichkeit ist und gestoppt werden muss. Den habe ich ihnen geliefert, und er ist in ihrem Büro verfügbar.

Ich habe eine tiefdunkle Haut. Einige Leute sagen, sie ist blauschwarz. Meine Augen geben kaum etwas von mir zu erkennen, und das gefällt mir so. Misstrauen, Verachtung, Widerwillen, ich mag solche Gefühle nicht öffentlich zur Schau stellen. Manche sagen, dass ich einmal ungewöhnlich schön war, aber ich wünsche keiner Frau Schönheit, die nicht frei ist und selbst bestimmen kann, wessen Hände sie und ihren Körper für sich beanspruchen.

Viel Schönheit ist mir nicht geblieben. Da ist nichts mehr von den runden, sich wölbenden Hinterbacken, die in England, dem Land der flachen Hinterteile, so ungewöhnlich sind. Nichts mehr von den starken, strammen Schenkeln und den Waden, rund und fest wie reife Äpfel. Meine Brüste hängen nach unten, während sie einst doch wie stolze Vögel in die Höhe strebten. Aber ich habe noch alle Zähne, bis auf einen, und säubere sie jeden Tag. Für mich ist eine saubere, weiß schimmernde volle Zahnreihe etwas Schönes, und sie mir drei-, viermal am Tag gründlich mit einem Zweig zu putzen, erhält sie mir so. Ich weiß nicht, warum, aber die glühendsten Abolitionisten scheinen den schlimmsten Mundgeruch zu haben. Einige Männer aus meiner Heimat kauen so oft Kolanüsse, dass sie ganz orangefarbene Zähne haben. Die Abolitionisten übertreffen sie jedoch noch mit ihrem Kaffee, Tee und Tabak.

Mein Haar ist zum größten Teil ausgefallen, und die verbliebenen Strähnen sind grau, aber immer noch gelockt und liegen mir dicht am Kopf. Ich tu nicht groß damit herum. Die East India Company importiert leuchtend bunte Seidenschals nach London, und für die gebe ich hin und wieder gern ein paar Schillinge aus. Einen davon binde ich mir immer um, wenn ich geholt werde, um die Abolitionistenbewegung zu schmücken. Direkt über meiner rechten Brust sind die Initialen GO zu lesen, in einem kleinen, etwa einen Zoll weiten Kreis. Ja, ich trage ein Brandzeichen und kann nichts tun, um mich von der Narbe zu befreien. Seit meinem elften Lebensjahr trage ich dieses Zeichen, habe aber erst kürzlich erfahren, wofür die Initialen eigentlich stehen. Wenigstens kann sie keiner sehen. Da gefallen mir die beiden hübschen Mondsicheln, zwei zarte, schmale Sicheln, auf meinen Wangenknochen schon besser. Ich habe diese Schönheitsmale immer geliebt, auch wenn die Londoner sie staunend anstarren.

Ich war groß für mein Alter, als ich entführt wurde, habe dann aber aufgehört zu wachsen und bin deshalb nur ein Meter siebenundfünfzig groß, wobei ich, um die Wahrheit zu sagen, auch die nicht mehr ganz erreiche. Ich lehne leicht zu einer Seite und bevorzuge mein rechtes Bein. Meine Zehennägel sind gelb, dick und verkrustet und lassen sich kaum mehr schneiden, und meine Zehen stehen leicht in die Höhe, statt sich flach auf den Boden zu legen. Aber das macht nichts, schließlich habe ich Schuhe, und keiner verlangt von mir, dass ich renne oder größere Strecken zurücklege.

Meine liebsten Dinge habe ich gerne nahe bei meinem Bett. Dazu gehört ein blauer Glastiegel mit Hautcreme. Abends reibe ich mir die fahlen Ellbogen und Knie damit ein. Nach dem Leben, das ich gelebt habe, kommt mir die weiße Masse wie ein magischer Luxus vor. Reib dich ganz mit mir ein, scheint sie mir zu sagen, und ich gewähre dir und deinen Falten noch ein, zwei Tage.

Die Hände sind das Einzige an mir, worauf ich noch stolz bin. Sie allein lassen meine frühere Schönheit erahnen, sind schlank, dunkel und glatt, trotz allem, und die Nägel sind hübsch eingefasst, immer noch rund und schimmern rosa. Ich habe wundersam schöne Hände und lege sie gern auf Dinge, die ich mag, Baumrinde oder das Haar von Kindern, und bevor meine Zeit abläuft, würde es mir gefallen, sie auch noch einmal auf den Körper eines guten Mannes zu legen, so sich die Gelegenheit dazu bietet. Aber nichts, weder ein Männerkörper noch ein guter Schluck Whiskey oder ein pfefferiger Hammeleintopf aus der alten Heimat, würde mir so eine Freude bereiten, wie ein Baby in meinem Bett atmen zu hören, einen Enkel, der sich an mich kuschelt. Manchmal wache ich morgens auf und die Sonne scheint in mein kleines Zimmer. Der einzige Wunsch, der mich dann erfüllt, neben dem Bedürfnis nach dem Nachttopf und einer Tasse Tee mit Honig, besteht darin, mich zurücklegen zu können und ein Kind im Arm zu haben. Die Stimme eines kleinen Kindes anschwellen und versiegen zu hören. Die Magie zu spüren, wenn sich die winzige Hand, ohne recht zu wissen, was sie tut, auf meine Schulter oder mein Gesicht legt.

Heute nähren mich die Männer, die den Sklavenhandel beenden wollen. Sie haben mich mit genug Kleidern versorgt, um die klamme Nässe Londons abzuwehren. Ich schlafe in einem so bequemen Bett, wie ich es seit meiner frühen Kindheit nicht hatte, als mich meine Eltern so viel weiches Gras, wie ich nur wollte, unter die gewebte Matte stopfen ließen. Mir nicht über mein Essen, meine Unterkunft und meine Kleidung Gedanken machen zu müssen, ist schon etwas Besonderes. Was tut der Mensch, wenn er nicht ums Überleben kämpfen muss? Nun, ich kämpfe für die Sache der Abolitionisten, und das braucht Zeit und ermüdet mich ungeheuer. Ich gerate mitunter immer noch in Panik, wenn ich von den großen weißen, energischen Männern umgeben bin. Wenn sie sich um mich drängen, um mir Fragen zu stellen, muss ich an das heiße Eisen denken, das über meiner Brust glühte.

Zum Glück habe ich nicht so viele öffentliche Auftritte, und mir bleibt viel Zeit zum Lesen, dem ich verfallen bin wie andere Leute dem Alkohol oder dem Tabak. Und sie lassen mir Zeit zum Schreiben. Ich habe ein Leben gelebt, von dem sich zu berichten lohnt, meine eigene persönliche Gespenstergeschichte. Und welchen Sinn hätte dieses Leben gehabt, würde ich die Gelegenheit nicht ergreifen, davon zu erzählen? Manchmal verkrampft sich meine Hand nach einer Weile und mein Rücken oder Nacken schmerzt, wenn ich zu lange am Tisch sitze, aber sonst verlangt die Schreiberei wenig. Nach allem, was ich durchgemacht habe, geht das runter wie Wurst mit Soße.

Lasst mich mit einer Warnung an all die beginnen, die auf diese Seiten stoßen. Traut keinen großen Wassern und überquert sie nicht. Wenn du, lieber Leser, eine afrikanische Färbung hast und man bringt dich an eine weite Küste, verteidige deine Freiheit mit allen nötigen Mitteln. Entwickle ein Misstrauen gegen die Farbe Rosa. Rosa wird für die Farbe der Unschuld gehalten, die Farbe der Kindheit, aber wenn sie sich im Licht der ersterbenden Sonne über das große Wasser breitet, folge nicht ihrem Pfad. Direkt darunter liegt der bis ins Unendliche reichende Friedhof von Kindern, Müttern und Männern. Ein Schauder erfasst mich, wenn ich an all die Afrikaner denke, die dort unten herumtreiben. Bei jeder neuen Fahrt über den Ozean hatte ich das Gefühl, über unbegrabene Tote hinwegzugleiten.

Manche Menschen sehen im Sonnenuntergang ein Schauspiel außerordentlicher Schönheit und einen Beweis für die Existenz Gottes. Aber welche gutwillige Macht würde den menschlichen Geist verhexen wollen, indem sie den Weg in die Sklaverei rosafarben erstrahlen lässt? Lass dich nicht von der schönen Farbe täuschen, ergib dich nicht ihrer Verlockung.

Wenn ich den König getroffen und ihm meine Geschichte erzählt habe, möchte ich hier begraben werden, in der Erde Londons. Afrika ist meine Heimat, aber ich bin so viel herumgekommen, dass es für fünf Leben reichen würde, und ich will nicht noch einmal losmüssen. Genug ist genug.

Kleine Hände waren gut

{Bayo, 1745}

Ganz gleich, wann und wo in meinem Leben, hat mich der Duft von Pfefferminztee immer zurück in meine Kindheit in Bayo getragen. Durch die Hände von Händlern, die viele Monde lang mit Bündeln auf dem Kopf unterwegs waren, gelangten magische Dinge in unser Dorf, genauso oft, wie Menschen daraus verschwanden. Ganze Dörfer und Städte wurden mit Mauern umgeben und Wachen mit vergifteten Speeren aufgestellt, um das Verschleppen von Männern zu verhindern, aber wenn vertraute Händler kamen, öffneten sich die Türen und die Dorfbewohner versammelten sich, um deren Waren zu bewundern.

Papa machte Schmuck, und eines Tages tauschte er eine goldene Kette gegen eine bauchige, metallene Teekanne mit einem langen, schmalen, gewundenen Ausguss ein. Der Händler sagte, die Kanne komme von der anderen Seite der Wüste und bringe jedem, der daraus trinke, Glück und ein langes Leben.

In der Nacht darauf, als ich längst im Bett lag und schlief, strich mir Papa über die Schulter. Er glaubte, ein Schlafender habe eine verletzliche Seele und verdiene es, sanft geweckt zu werden.

»Komm und trink eine Tasse Tee mit uns«, sagte er.

Ich kroch aus dem Bett, lief hinaus und kletterte auf Mutters Schoß. Alle anderen im Dorf schliefen, die Hähne waren ruhig, und die Sterne schimmerten wie die Augen einer ganzen Stadt ängstlicher Männer, die ein schreckliches Geheimnis kannten.

Mama und ich sahen zu, wie Papa die dicken, gefalteten Blätter einer Bananenstaude benutzte, um die Teekanne von drei brennenden Ästen zu nehmen. Er öffnete ihren Deckel, der an geheimnisvollen Scharnieren hing, und benutzte einen entrindeten Stock, um Honig von einer Bienenwabe in den blubbernden Tee zu kratzen.

»Was machst du da?«, flüsterte ich.

»Ich süße den Tee«, sagte er.

Ich ging mit der Nase heran. In der Kanne schwammen frische Pfefferminzblätter, und ihr Duft schien von fernen Orten zu berichten.

»Hmm«, sagte ich und atmete ihn ein.

»Wenn du die Augen schließt«, sagte Papa, »kannst du den Weg bis nach Timbuktu riechen.«

Meine Mutter legte mir eine Hand auf die Schulter, atmete den Duft ebenfalls ein und seufzte.

Ich fragte Papa, wo genau Timbuktu liege. Weit weg, sagte er. War er schon einmal da gewesen? Ja, sagte er, einmal. Timbuktu liege am mächtigen Joliba-Fluss, und er habe die Reise unternommen, um zu beten, zu lernen und seinen Geist zu verfeinern, was jeder Gläubige tun solle. Das ließ in mir den Wunsch entstehen, auch meinen Geist zu verfeinern. Etwa die Hälfte der Bewohner Bayos waren Muslime, aber Papa war der Einzige, der einen Koran besaß und lesen und schreiben konnte. Ich wollte wissen, wie breit der Joliba war. Konnte man ihn überqueren wie die Wasserläufe bei Bayo? Nein, sagte Papa, der Joliba sei zehnmal so breit, wie ein Mann einen Stein werfen könne. So einen Fluss vermochte ich mir nicht vorzustellen.

Als der Tee stark genug und mit dem Geschenk der Bienen gesüßt war, hob Papa die Kanne weit in die Höhe und goss die heiße Flüssigkeit in eine kleine Kalebasse für mich, in eine für Mutter und in eine für sich. Er verschüttete nicht einen Tropfen, stellte die Kanne zurück auf die Glut und warnte mich, ich solle den Tee erst abkühlen lassen.

Ich schloss die Hände um die warme Kalebasse und sagte: »Erzähl noch mal, wie ihr, du und Mama, euch kennengelernt habt, Papa.«

Ich liebte die Geschichte, wie die beiden eigentlich nie aneinander hätten Gefallen finden sollen, Mama eine Bambara und Papa ein Fulbe. Ich liebte es, wie die Geschichte dem Unmöglichen trotzte. Die beiden hätten sich nie kennenlernen, geschweige denn eine Familie gründen sollen.

»Es war reines Glück«, sagte Papa, »sonst wärst du nie geboren worden.«

Nur eine Regenzeit vor meiner Geburt war Papa mit einigen anderen Fulbe-Männern aus Bayo aufgebrochen. Sie waren fünf Sonnen unterwegs, um ihre Sheabutter auf einem fernen Markt gegen Salz einzutauschen. Auf dem Nachhauseweg schenkten sie dem Häuptling eines gastfreundlichen Bambara-Dorfes ein kleines Säckchen Salz. Der Häuptling lud sie zum Essen, Ausruhen und Übernachten ein, und während sie beim Essen saßen, sah Papa Mama vorbeigehen. Sie trug eine Schale mit drei Süßkartoffeln und einer Kalebasse Ziegenmilch auf dem Kopf. Papa bewunderte ihren weichen Gang, den aufrechten Kopf, das gehobene Kinn und die Rundung ihres Rückens, die langen starken Beine und die rotgefärbten Fersen.

»Sie wirkte ernst und verlässlich. Mit ihr war eindeutig nicht zu spaßen«, sagte Papa. »Ich wusste sofort, dass sie meine Frau werden würde.«

Mama nippte an ihrem Tee und lachte. »Ich hatte zu tun«, sagte sie, »und dein Vater war mir im Weg. Ich wollte zu einer Frau, die ein Baby bekam.«

Mama selbst hatte noch keine Kinder, aber schon viele Babys mit auf die Welt gebracht. Papa besuchte Mamas Vater und fragte nach ihr. Er erfuhr, dass Mamas erster Mann vor vielen Monden verschwunden war, kurz nachdem sie geheiratet hatten. Die Leute nahmen an, dass er entweder tot oder verschleppt worden war. Papas Frau war kurz zuvor an einem Fieber gestorben. Er war schon vor seiner und ihrer Geburt mit ihr verlobt worden.

Mama wurde geholt, um Papa zu sehen. Dafür musste sie die Frau allein lassen, die das Baby bekam, und das sagte sie ihm. Papa lächelte und sah die Muskeln hinten in ihren Beinen, als sie zurück zu ihrer Arbeit ging. Die Verhandlungen darüber, wie er Mamas Vater für den Verlust seiner Tochter entschädigen würde, gingen weiter. Am Ende einigten sie sich auf sechs Ziegen, sieben Eisenbarren, zehn Kupfer-Manillas und vierhundert aufgereihte Kaurischnecken.

Es waren unruhige Zeiten, und ohne all die Wirren wäre eine Hochzeit zwischen einer Bambara und einem Fulbe nie erlaubt worden. Menschen verschwanden, und die Leute in den Dörfern waren so besorgt, Menschenhändlern in die Hände zu fallen, dass sie Verbindungen zu ihren Nachbarn knüpften. Jäger und Fischer taten sich zu größeren Gruppen zusammen, und die Männer verbrachten Tage damit, Mauern um Städte und Dörfer zu bauen.

Papa brachte Mama nach Bayo. Er machte Schmuck aus feinen Gold- und Silberstreifen und reiste viel, um ihn auf Märkten anzubieten und in Moscheen zu beten. Manchmal kam er mit dem Koran oder anderen arabischen Schriftstücken zurück. Lesen und Schreiben zu lernen, sei nichts für Mädchen, sagte er, gab aber nach, als er sah, wie ich versuchte, mit einem Stock arabische Worte in den Sand zu schreiben. So zeigte er mir denn zu Hause in unserer Hütte, wie man mit einem Schilfrohr, gefärbtem Wasser und Pergament umging. Nur meine Mutter erfuhr davon. Ich lernte, Sätze auf Arabisch zu schreiben, zum Beispiel Allahu Akbar (Gott ist groß) oder La ilaha illa Allah (Es gibt keinen Gott außer Gott).

Immer wenn wir zwei allein waren, sprach Mama ihr heimisches Bambara, sie hatte aber auch viel Fulfulde gelernt, und von Papa einige Gebete. Manchmal sah ich, wie sich eine Schar Fulbe-Frauen mit den Ellbogen anstieß und gegenseitig aufzog, wenn Mama sich vorbeugte und mit einem angespitzten Stock Al-hamdu li-llah (Gelobet sei Gott) in die Erde kratzte, um den Dorffrauen zu beweisen, dass sie einige arabische Gebete gelernt hatte. Nicht weit davon zerstießen Frauen Hirse. Sie taten das mit schweren hölzernen Stößeln, groß wie Menschenbeine, glatt wie Babyhaut und hart wie Stein. Wenn sie diese Stößel in die Mörser fahren ließen, klang es, als begleiteten Trommler ein Lied. Zwischendurch legten sie Pausen ein, um Wasser zu trinken und ihre schwieligen Hände zu betrachten, während Mama die Worte wiederholte, die sie von Papa gelernt hatte.

Als ich kam, hatte Mama im Dorf längst Achtung gewonnen. Wie die anderen Frauen auch säte sie Mais und Hirse und sammelte Sheanüsse. Sie trocknete die Nüsse in einem holzbeheizten Ofen und zerstieß sie in ihrem Mörser, um Öl daraus zu gewinnen. Das meiste davon behielt sie für uns, aber etwas stellte sie zur Seite. Damit half sie den Frauen bei der Geburt ihrer Babys. Mama war sehr gefragt, wenn eine Frau ein Kind zur Welt brachte. Einmal half sie sogar einem Esel, dessen Fohlen nicht kommen wollte. Sie hatte ein friedvolles Lächeln, wenn sie glücklich war und sich sicher fühlte. Seit ich ihr entrissen wurde, habe ich jeden Tag an dieses Lächeln gedacht.

Ich weigerte mich zunächst, das Licht der Welt zu erblicken. Papa sagte, ich hätte meine Mutter dafür bestraft, mich zu empfangen. Endlich rief Mama nach Papa.

»Sprich mit deinem Kind«, sagte sie, »ich werde langsam müde.«

Papa legte die Hand auf Mamas Bauch. Er ging mit dem Mund nahe an ihren Nabel, der wie eine blütenlose Tulpe daraus hervordrängte.

»Mein Sohn«, sagte Papa.

»Du weißt nicht, ob wir einen Sohn darin haben«, sagte Mama.

»Wenn du dir noch mehr Zeit lässt, stehen wir am Ende vielleicht sogar mit einer Ziege da«, sagte Papa. »Aber du hast mich gebeten, etwas zu sagen, und ich denke an einen Sohn. Also, lieber Sohn, komm da jetzt raus. Du hast es dir gut gehen lassen, hast geschlafen und dich an deine Mutter geklammert. Komm da jetzt raus oder es setzt was.«

Papa behauptete, dass ich ihm aus dem Bauch geantwortet hätte.

»Ich bin kein Junge«, hätte ich gesagt, »und bevor ich herauskomme, müssen wir reden.«

»Dann rede.«

»Um herauszukommen, brauche ich heiße Maiskuchen, eine Kalebasse frische Milch und ein schönes Getränk, das die Ungläubigen aus einem Baum zapfen …«

»Keinen Palmwein«, unterbrach mich mein Vater. »Nicht für jemanden, der Allah fürchtet. Aber die Kuchen will ich dir bringen, wenn du Zähne hast, und Mama sorgt für die Milch. Und wenn du brav bist, gebe ich dir eines Tages eine bittere Kolanuss. Allah hat nichts gegen Kolanüsse.«

Und so kam ich heraus. Ich glitt aus meiner Mutter wie ein Otter vom Flussufer.

Als kleines Kind trug mich meine Mutter auf dem Rücken. Sie holte mich nach vorn, wenn ich hungrig war, und reichte mich unter den Frauen des Dorfes herum, aber für gewöhnlich war ich in ihren rot-orangenen Stoff gewickelt und hing tief hinten auf ihrem Rücken, ob sie nun zum Markt ging, Hirse zu Mehl stampfte, Wasser vom Brunnen holte oder Frauen beim Gebären half. Ich weiß noch, wie ich mich wunderte, als ich mit ein, zwei Jahren zu laufen begann, warum nur die Männer dasaßen, Tee tranken und sich unterhielten, während die Frauen immer zu tun hatten. Ich kam zu dem Schluss, dass Männer schwach waren und ausruhen mussten.

Sobald ich laufen konnte, machte ich mich nützlich. Ich sammelte Sheanüsse und kletterte auf Bäume, um Mangos, Avocados, Orangen und andere Früchte zu pflücken. Ich musste die Babys anderer Frauen halten und dafür sorgen, dass sie zufrieden waren. Es war durchaus in Ordnung, wenn ein Mädchen, das erst drei oder vier Regenzeiten alt war, sich um ein Baby kümmerte, dessen Mutter anderes zu tun hatte. Einmal jedoch schlug mich Fanta, die jüngste Frau des Häuptlings, weil sie mich dabei erwischt hatte, wie ich versuchte, ein Baby an meiner Brust saugen zu lassen.

In meiner achten Regenzeit hörte ich Geschichten von Männern aus anderen Dörfern, die von einfallenden Kriegern verschleppt oder sogar von den eigenen Leuten verkauft worden waren, doch es sah nie so aus, als könnte auch mir so etwas passieren. Schließlich war ich eine frei geborene Muslimin. Ich kannte einige arabische Gebete und trug die stolzen Mondsicheln oben auf meinen Wangenknochen. Die Sicheln sollten mich schöner machen, mich aber gleichzeitig auch als Gläubige unter den Dorfbewohnern ausweisen. Es gab drei Gefangene im Dorf, drei Ungläubige, und sogar die Kinder wussten, dass es einem Muslim nicht erlaubt war, einen anderen Muslim gefangen zu halten. So glaubte ich, sicher zu sein.

Auch mein Vater sagte, dass es so sei, als ich mit all den Geschichten zu ihm kam, welche die Kinder im Dorf sangen: dass irgendwer irgendwann nachts kommen würde, um mich aus meinem Bett zu stehlen. Ein paar von ihnen meinten, jemand aus unserem eigenen Volk, ein Fulbe, werde es tun, andere warnten mich vor dem Volk meiner Mutter, den Bambara, und wieder andere redeten von den geheimnisvollen Toubabu, den weißen Männern, die keiner von uns je zu sehen bekommen hatte. »Hör nicht auf das, was die dummen Kinder sagen«, beruhigte mich Papa. »Bleib nur nahe bei deiner Mama und mir und lauf nicht allein durch die Gegend, dann passiert dir schon nichts.« Mama war nicht ganz so zuversichtlich. Sie warnte Papa davor, so weite Reisen zu unternehmen, um seinen Schmuck zu verkaufen und in Moscheen zu beten. Ein- oder zweimal, als ich eigentlich abends längst hätte schlafen sollen, hörte ich sie streiten. »Reise nicht so weit«, sagte Mama, »es ist nicht sicher. Und Papa sagte: »Wir reisen in einer Gruppe, mit Pfeilen und Keulen. Und welcher Mann sollte sich schon mit mir messen wollen?« Worauf Mama sagte: »Das habe ich alles schon gehört.«

Mama nahm mich mit, wenn die Frauen ganz dick und von innen angeschwollen waren. Ich sah zu, wie sie mit schnellen Handgriffen Babyhälse von Nabelschnüren befreite, sah sie in Frauen hineingreifen und mit der anderen Hand draußen auf den Leib drücken, um das Baby zu drehen. Ich sah, wie sie sich die Hände mit Öl einrieb und die Öffnung der Frau massierte, damit sich die Haut lockerte und nicht riss. Mama sagte, manchen Frauen werde dort unten etwas weggeschnitten und sie würden nur schlecht wieder zusammengefügt. Ich fragte, wie sie das meine. Darauf zertrümmerte sie eine alte, wertlose Tonschale, vermischte die Scherben, nahm ein oder zwei davon weg und sagte mir, ich solle sie wieder zusammensetzen. Ein paar Stücke konnte ich zusammenkleben, aber sie waren schartig, ragten vor und passten nicht richtig.

»Genau so«, sagte Mama.

»Was ist mit einer solchen Frau?«

»Vielleicht überlebt sie. Oder sie verliert zu viel Blut und stirbt. Es kann auch sein, dass sie erst stirbt, wenn sie versucht, ihr erstes Baby auf die Welt zu bringen.«

Ich sah zu, wenn Mama Frauen half, ihre Babys zu bekommen. Sie hatte immer eine ganze Reihe Ziegenlederbeutel dabei, und ich lernte die Namen all der zerstoßenen Blätter, getrockneten Rinden und Kräuter. Um mich zu testen, versuchte ich vorauszuahnen, wann sie eine Frau dazu ermutigte, ihren zitternden Körper zur letzten großen Anstrengung zu bringen. Von der Art, wie die Frau sich bewegte, wie sie atmete und roch, wie ihr ein fast schon tierisches Geräusch tief aus der Kehle kam, wenn die Wehen ihren Höhepunkt erreichten, versuchte ich darauf zu schließen, wann sie zum letzten Pressen ansetzen würde. Mama brachte für gewöhnlich eine Antilopenblase mit einem Getränk mit, das sie aus bitteren Tamarinden und Honig gemacht hatte. Wenn die Frau nach etwas zu trinken rief, füllte ich ein wenig davon in eine Kalebasse und gab sie ihr. Ich war stolz darauf, helfen zu können, stolz, dass man sich auf mich verlassen konnte.

Wenn Mama wieder einem Baby in einem anderen Dorf auf die Welt geholfen hatte, gab ihr die Familie Seife, Öl und Fleisch, und Mama aß mit den Leuten und lobte mich als ihre kleine Helferin. Meine erste Nabelschnur habe ich mit sieben Regenzeiten durchschnitten. Das Messer fest in der Hand, habe ich geschnitten und geschnitten, bis das zähe Ding nachgab. Eine Regenzeit später habe ich die Babys beim Herauskommen in Empfang genommen. Noch etwas später brachte mir meine Mutter bei, wie man in eine Frau hineinfasste, die Hand mit warmem Öl eingerieben, und die richtige Stelle fand, um sagen zu können, ob die Tür weit genug geöffnet war. Ich gewann Erfahrung darin, und Mama sagte, es sei gut, mich dabei zu haben, weil meine Hände so klein seien.

Mama begann mir zu erklären, wie sich mein Körper verändern würde. Bald würde ich zu bluten beginnen, sagte sie, und um die Zeit herum würden einige Frauen ein kleines Ritual an mir ausführen. Ich wollte mehr über dieses Ritual wissen. Es werde bei allen Mädchen gemacht, wenn sie bereit sind, eine Frau zu werden, sagte sie. Als ich sie drängte, es mir genauer zu erklären, sagte sie, ein Teil meiner Weiblichkeit werde abgeschnitten, damit ich als sauber, rein und bereit für die Ehe betrachtet würde. Das beeindruckte mich nicht allzu sehr, und ich sagte ihr, dass ich es mit dem Heiraten nicht zu eilig hätte und die Behandlung nicht wolle. Mama sagte, niemand werde ernst genommen, der nicht verheiratet sei, und dass sie und Papa mir bald schon ihre Pläne für mich erläutern wollten. Ich sagte, dass ich mich noch an das erinnerte, was sie mir darüber erzählt habe, wie manchen Frauen ihre Weiblichkeit zerschnitten und nicht richtig wieder zusammengesetzt würde. Mein Einwand ließ sie so ungerührt, dass ich mir Sorgen machte.

»Haben sie es bei dir auch gemacht?«, fragte ich sie.

»Natürlich«, sagte sie, »sonst hätte mich dein Vater niemals geheiratet.«

»Hat es wehgetan?«

»Mehr noch als eine Geburt, aber es dauert nicht lange. Es ist nur eine kleine Berichtigung.«

»Aber ich habe doch nichts falsch gemacht, was muss da berichtigt werden?«, sagte ich. Mama lachte darauf nur, und ich versuchte es mit etwas anderem. »Einige Mädchen haben mir erzählt, dass Salima aus dem Nachbardorf im letzten Jahr gestorben ist, als sie es bei ihr gemacht haben.«

»Wer hat das gesagt?«

»Das ändert nichts«, sagte ich und gebrauchte damit einen ihrer Ausdrücke. »Aber stimmt das?«

»Die Frau, die es bei Salima gemacht hat, war eine Närrin. Sie war ungeübt und wollte zu viel. Ich kümmere mich um dich, wenn es so weit ist.«

Wir beendeten das Thema und hatten nie wieder die Möglichkeit, darüber zu sprechen.

In unserem Dorf gab es einen starken, freundlichen Mann namens Fomba. Er war ein Woloso, wie in der Sprache meiner Mutter ein Gefangener in zweiter Generation genannt wurde. Seit seiner Geburt schon gehörte er unserem Häuptling. Fomba war kein frei geborener Muslim und lernte nie richtig auf Arabisch zu beten, aber manchmal kniete er sich mit Papa und den Gläubigen hin und sah in Richtung der aufgehenden Sonne.

Fomba hatte muskulöse Arme und dicke Beine. Er war der beste Schütze des Dorfes. Einmal habe ich gesehen, wie er sechzig Schritte von einem Baum zurücktrat, auf dem eine Eidechse saß, den Bogen spannte und seinen Pfeil abschoss. Er traf die Eidechse mitten in den Leib und nagelte sie an den Baum.

Der Häuptling schickte Fomba jeden Tag auf die Jagd und erließ ihm dafür das Säen und Hirseernten. Fomba schien die Regeln und Abläufe der Feldarbeit sowieso nicht ganz zu begreifen und auch nicht zu wissen, wie man in einer Gruppe zusammenarbeitete. Die Kinder liefen Fomba gern durchs Dorf hinterher und beobachteten ihn. Er hielt den Kopf meist komisch zur Seite geneigt, und manchmal gaben wir ihm ein Tablett mit leeren Kalebassen und sagten, er solle es auf dem Kopf balancieren, nur um zu sehen, wie sie ihm herunterrutschten und auf den Boden krachten. Fomba ließ das wieder und wieder mit sich machen.

Wir ärgerten ihn gnadenlos, aber er schien es uns nicht übel zu nehmen. Er lächelte nur und ließ Sachen mit sich machen, die uns von jedem anderen Erwachsenen in Bayo eine Tracht Prügel eingetragen hätten. Manchmal versteckten wir uns hinter einer Mauer und beobachteten Fomba heimlich, wie er mit der Asche eines Feuers spielte. Das war eine seiner Lieblingsbeschäftigungen. Lange nachdem die Frauen ihr Kochen beendet, wir unsere Hirsebällchen mit Soße gegessen und die Töpfe mit Bananenblattasche gesäubert hatten, kam Fomba mit einem Stock und stocherte in der Asche herum. Einmal fing er fünf Hühner mit einem Fischernetz. Er holte eines nach dem anderen daraus hervor, drehte ihnen die Hälse um, rupfte und säuberte sie, nahm sie aus, steckte sie auf eine spitze Eisenstange und hielt sie über ein Feuer, um sie zu braten.

Fanta, die jüngste Frau des Häuptlings, kam vom Hiersemehlmachen gelaufen und schlug ihm ins Gesicht.

Es kam mir komisch vor, dass er sich nicht verteidigte. »Die Kinder brauchen Fleisch«, war alles, was er sagte.

Fanta schimpfte. »Sie brauchen kein Fleisch, solange sie noch nicht arbeiten«, sagte sie. »Dummer Woloso, du hast gerade fünf Hühner verschwendet.«

Unter Fantas Blicken briet Fomba die Hühner fertig, zog sie vom Spieß, zerteilte sie und gab uns Kindern die Stücke. Ich nahm ein kochend heißes Bein und griff nach einem Blatt, um meine Finger zu schützen. Warmer Saft lief mir das Kinn herunter, als ich das braune Fleisch aß und den Knochen zerbiss, um das Mark herauszusaugen. Am Abend hörte ich, wie Fanta ihrem Mann sagte, er solle Fomba schlagen, aber der weigerte sich.

Eines Tages sollte Fomba eine Ziege töten, die plötzlich angefangen hatte, Kinder zu beißen, und sich verhielt, als hätte sie den Verstand verloren. Fomba fing die Ziege, zwang sie dazu, sich hinzusetzen und streichelte ihr den Kopf, um sie zu beruhigen. Dann zog er das Messer aus seinem Lendenschurz und schnitt ihr die Kehle durch. Die Ziege lag still in Fombas Armen und starrte ihn an wie ein Baby, während sie heftig pulsierend blutete, schwächer wurde und starb. Fomba hatte sich dabei nicht besonders klug hingesetzt und war voller Blut, und so stand er anschließend mitten im Dorf und rief nach heißem Wasser. Die Frauen zerstampften Hirse, und Fanta sagte, sie sollten ihn ignorieren. Aber Mama mochte Fomba. Ich hatte einmal abends gehört, wie sie Papa sagte, dass Fanta den Woloso schlecht behandele. Deshalb war ich nicht überrascht, als Mama ihren Stößel zur Seite legte, einen teuren Metalleimer nahm, etliche Kalebassen heißes Wasser hineingoss und ihn Fomba brachte, der damit in der Waschecke verschwand.

Für mich hatte der Metalleimer etwas Magisches. Eines Tages schlich ich mich in Fantas runde, strohgedeckte Hütte, suchte den Eimer und trug ihn zur Tür, wo das Licht besser war. Der Eimer war aus glattem, gerundetem Metall, und die Sonne spiegelte sich darin. Das Metall war dünn, aber ich konnte es nicht biegen. Ich drehte ihn um und schlug mit den Handgelenken darauf. Das Metall schluckte das Geräusch. Es hatte keinen Charakter, keine Persönlichkeit und taugte nicht zum Musikmachen. Es klang nicht wie ein Stück Ziegenleder, das stramm über eine Trommel gespannt war. Es hieß, der Eimer stamme von den Toubabu, und ich fragte mich, was für Menschen das sein mussten, die solche Dinge erfanden.

Ich versuchte den Eimer am runden Handgriff hin und her zu schwingen. In dem Moment kam Fanta, riss ihn mir aus der Hand und hängte ihn an einen Haken an der Wand. Ich bekam eine Ohrfeige.

»Was machst du ohne Erlaubnis in meinem Haus?«

Klatsch.

»Ich wollte doch nur …«

»Du hast hier nichts anzurühren.«

Klatsch.

»Du kannst mich nicht so schlagen. Ich sag’s meinem Vater.«

Klatsch.

»Ich schlage dich, wenn ich es will. Und er wird dich auch schlagen, wenn er hört, dass du dich hier hereingeschlichen hast.«

Fanta kam vom Hirsesäen in der brütenden Sonne und hatte Schweißperlen auf der Lippe. Ich sah, dass sie Besseres zu tun hatte, als den ganzen Tag dazustehen und mich zu schlagen, duckte mich und rannte aus ihrer Hütte. Ich wusste, dass sie mir nicht folgen würde.

Papa war einer der größten Männer in Bayo. Es hieß, dass er jeden anderen Mann im Dorf zu Boden ringen konnte. Eines Tages rief er mich und hockte sich tief auf den Boden. Ich kletterte auf seinen Rücken und weiter auf seine Schultern, und da saß ich dann, größer als alle Dorfbewohner, die Beine vor seiner Brust, die Hände in seinen. Er trug mich aus dem ummauerten Dorf, ich ritt auf seinen Schultern.

»Wenn du so stark bist und so schönen Schmuck machen kannst«, sagte ich, »warum nimmst du dir dann nicht eine zweite Frau? Unser Häuptling hat vier Frauen!«

Er lachte. »Vier Frauen kann ich mir nicht leisten, mein Kleines. Und warum brauche ich mehr Frauen, wenn ich mit deiner Mutter schon alle Hände voll zu tun habe? Der Koran sagt, ein Mann muss seine Frauen gleich behandeln, wenn er mehr als nur eine will. Aber wie sollte ich je eine Frau so behandeln wie deine Mutter?«

»Mama ist schön«, sagte ich.

»Mama ist stark«, sagte er. »Schönheit kommt und geht. Die Stärke bleibt dir für immer.«

»Was ist mit alten Leuten?«

»Die sind die Stärksten von allen, denn sie haben länger gelebt als wir, und sie sind weise«, sagte er und tippte sich gegen die Schläfe.

Am Rand des Waldes blieben wir stehen.

»Geht Aminata allein auch so weit weg?«, fragte er.

»Nie«, sagte ich.

»Wo geht es zum mächtigen Joliba, dem Fluss der vielen Kanus?«

»Da entlang«, sagte ich und deutete nach Norden.

»Und wie weit ist es?«

»Zu Fuß vier Sonnen«, sagte ich.

»Würdest du gerne einmal die Stadt Ségou sehen?«, fragte er.

»Ségou am Joliba?«, fragte ich. »Ja. Wenn ich auf deinen Schultern reiten darf.«

»Wenn du alt genug bist, vier Sonnen lang zu gehen, werde ich mit dir hinwandern.«

»Und ich werde reisen und meinen Geist verfeinern«, sagte ich.

»Davon ist nicht die Rede«, sagte er. »Deine Aufgabe ist es, eine Frau zu werden.«

Papa hatte mir bereits beigebracht, ein paar Gebete auf Arabisch zu schreiben. Bestimmt würde er mir noch mehr zeigen. Alles zu seiner Zeit.

»Mamas Dorf liegt da drüben, fünf Sonnen entfernt«, sagte ich und deutete nach Osten.

»Da du so schlau bist, tu jetzt mal so, als wäre ich blind, und zeig mir den Weg nach Hause.«

»Verfeinern wir damit meinen Geist?«

Er lachte. »Zeig mir den Weg nach Hause, Aminata.«

»Geh da entlang, an dem Affenbrotbaum vorbei.«

So weit kamen wir leicht. »Und jetzt dort lang, nimm den Weg dort. Aber pass auf, Mama hat da gestern drei weiße Skorpione gesehen.«

»Braves Mädchen, und jetzt?«

»Weiter geradeaus, wir kommen in unser Dorf. Die Mauern sind so dick und so hoch wie zwei Männer. Jetzt gehen wir hinein. Begrüße den Wachposten.«

Papa lachte und winkte dem Posten zu. Wir kamen am rechteckigen Haus des Häuptlings und den vier runden Hütten seiner Frauen vorbei.

»Sag mir, wenn wir bei Fantas Hütte sind.«

»Warum, Papa?«

»Vielleicht sollten wir hineingehen und auf deinem Lieblingseimer trommeln.«

Ich lachte und schlug ihm spielerisch auf die Schulter. Flüsternd sagte ich ihm, dass ich die Frau nicht mochte.

»Du musst Respekt lernen«, sagte Papa.

»Aber ich respektiere sie nicht«, sagte ich.

Papa blieb einen Moment lang stehen und klopfte mir aufs Bein. »Dann musst du lernen, deinen fehlenden Respekt zu verbergen.«

Papa ging weiter, und kurz darauf kamen uns zwei Frauen entgegen.

»Mamadu Diallo«, rief eine meinem Papa zu, »das ist nicht die Art, deine Tochter zu erziehen. Sie hat Beine, um zu gehen.«

Der richtige Name meines Vaters war Mohammed, aber alle muslimischen Männer im Dorf hießen so, also nannte er sich Mamadu, um sich von ihnen zu unterscheiden.

»Aminata und ich haben einen kleinen Schwatz gehalten«, erklärte mein Vater den Frauen, »und da brauchte ich ihre Ohren nahe bei meinem Mund.«

Die Frauen lachten. »Du verwöhnst sie.«

»Keinesfalls. Ich bringe ihr bei, mich so zu tragen, wenn ich einmal alt bin.«

Die Frauen krümmten sich vor Lachen und schlugen sich auf die Schenkel. Wir verabschiedeten uns, und ich dirigierte Papa am abgeschirmten Badeplatz vorbei, vorbei auch an der im Schatten stehenden Bank fürs Palavern und den runden Hütten, in denen Hirse und Reis gelagert wurden. Und dann trafen Papa und ich Fanta, die Fomba am Ohr hinter sich herzog.

»Dummer Kerl«, sagte sie.

»Hallo, vierte Frau des Häuptlings«, sagte Papa.

»Mamadu Diallo«, sagte sie.

»Hast du heute keinen Gruß für mein kleines Mädchen?«, fragte Papa.

Fanta zog eine Grimasse und sagte: »Aminata Diallo.«

»Und warum ziehst du den armen Fomba so hinter dir her?«, sagte Papa. Sie hatte den Mann immer noch am Ohr.

»Er hat einen Esel zum Brunnen geführt, und der ist reingefallen«, sagte sie. »Setz das verwöhnte Mädchen ab, Mamadu Diallo, und hilf uns, den Esel da wieder herauszuholen, bevor er uns das Trinkwasser verdirbt.«

»Wenn du Fomba loslässt, helfe ich dir mit dem Esel.«

Papa holte mich von seinen Schultern herunter, und Fomba und ich sahen zu, wie er und einige andere Männer Ranken an einen Jungen banden und ihn tief in den Brunnen hinunterließen. Der Junge band noch mehr Ranken um den Esel und wurde wieder hochgezogen. Dann hievten Papa und die Männer den Esel aus dem Brunnen. Das Tier schien unberührt von der Sache und war alles in allem in besserem Zustand als Fombas Ohr.

Ich wollte, dass Papa mir zeigte, wie man Ranken um den Bauch eines Esels band. Vielleicht würde er mir alles beibringen, was er wusste. Es würde niemandem wehtun, wenn ich Lesen und Schreiben lernte. Vielleicht würde ich eines Tages die einzige Frau oder überhaupt einer der wenigen Dorfbewohner sein, die den Koran lesen konnten und die wunderbar dahinfließende arabische Schrift beherrschten.

Eines Tages wurden Mama und ich vom Hirsemahlen zu einer Geburt in Kinta gerufen, das vierte Dorf in Richtung der untergehenden Sonne. Die Männer waren gerade beim Unkrautjäten auf den Hirsefeldern, und so kam Fomba mit seinem Bogen und einem Köcher voller vergifteter Pfeile mit, um uns zu beschützen. In Kinta angekommen, bekam er einen Tee und konnte sich ausruhen. Mama und ich machten uns an die Arbeit. Die Geburt zog sich vom Vormittag bis in den Abend, und als Mama das Baby endlich herausgeholt, gewickelt und seiner Mutter an die Brust gelegt hatte, waren wir todmüde. Wir aßen ein paar Hirsekuchen mit scharfer Gumbosoße, die ich so gerne mochte, und bevor wir den Rückweg antraten, warnten uns die Frauen des Dorfes, nicht auf dem großen Pfad zu gehen, da dort kürzlich erst fremde Männer gesehen worden seien, die in keinem der benachbarten Dörfer bekannt waren. Die Frauen fragten, ob wir nicht lieber über Nacht bleiben wollten. Meine Mutter sagte Nein, weil auch eine Frau in Bayo jeden Moment mit einem Baby niederkommen könne, und so machten wir uns bereit. Die Dorfbewohner gaben uns einen Wassersack mit, dazu drei lebende, an den Füßen zusammengebundene Hühner und als besonderes Dankeschön einen metallenen Eimer, gerade so einen wie den von Fanta, in dem Mama Fomba das Wasser gebracht hatte, als der voll mit dem Blut der Ziege gewesen war.