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Mitten im süddeutschen Niemandsland, in einem Talkessel, in dem es immer ein bisschen kälter und dunkler ist als anderswo, liegt die Kleinstadt Wartenburg. Der Heimatort von Thea Dombrowski, die nicht gedacht hätte, dass es sie jemals wieder hierher verschlagen würde. Mit ihrer kleinen Tochter Mari ist sie gerade aus Berlin zurück zu ihrer Mutter gezogen, die ihr eine Stelle als Redakteurin bei der Lokalzeitung vermittelt hat. Obwohl sich Thea Mühe gibt, fällt es ihr schwer, ihren Platz im starren Gefüge der Kleinstadt zu finden. Doch gerade als sie glaubt, es keinen Tag länger hier auszuhalten, geschieht ein Mord: Ein Mädchen aus einer russlanddeutschen Aussiedlerfamilie stirbt qualvoll in einem Feuer. Zusammen mit ihrem alten Schulfreund Daniel, mittlerweile Kriminalhauptkommissar der Polizeidirektion Wartenburg, sucht Thea nach Spuren in diesem Fall – und steckt plötzlich tiefer in den Ermittlungen, als ihr lieb ist.

Conny Schwarz, aufgewachsen in Süddeutschland, verlagerte während des Studiums Mitte der Neunzigerjahre den Lebensmittelpunkt nach Berlin. Es folgten diverse Tätigkeiten für Film und Fernsehen sowie ausgedehnte Auslandsaufenthalte in Italien und Südfrankreich. Heute lebt Conny Schwarz mit zwei Kindern in Berlin und im Havelland.

Conny Schwarz

DAS MÄDCHEN IM FEUER

Kriminalroman

 

DAS MÄDCHEN IM FEUER

PROLOG

Der Morgen dämmerte. Der Wald rings herum nahm langsam Konturen an. Lucian Dimitru umfasste das Lenkrad seines Scania mit beiden Händen und blickte auf die Uhr am Armaturenbrett: 5:53 Uhr. Die Straße führte steil hinunter ins Tal. Nieselregen benetzte die Scheibe. Die Dunkelheit begann sich in kleine Einheiten aufzulösen, in Wolkenfetzen, die der Wind vor sich hertrieb, in einen bleiernen Himmel, der tief über den Wipfeln der Bäume hing. Im Scheinwerferlicht tauchte ein Reh auf. Etwa dreißig Meter vor ihm wechselte es ohne Eile die Straßenseite. Er trat auf die Bremse. Bloß kein Wildunfall jetzt. Er hupte, und mit einem Satz verschwand das Reh im Unterholz. Kurz darauf spürte er einen plötzlichen Druck auf der Blase. Schon wieder. Irgendwo hatte er gelesen, dass starker Harndrang ein Symptom für Diabetes sei. Sobald er zu Hause war, würde er zum Arzt gehen. Lästig jedenfalls, auch ohne Diabetes. Bei dem Termindruck, unter dem er stand, konnte er es sich nicht leisten, alle paar Kilometer anzuhalten. Die Straße machte eine weite Rechtskurve. Er drosselte die Geschwindigkeit, die Tachonadel fiel und bewegte sich auf die 40 zu. Im Radio wurde ein Soultitel gespielt. Kreischende Frauenstimmen konnte er nicht ertragen. Er schaltete das Radio aus.

Dann sah er das Parkplatzschild. Schön, dass sie hier ein Herz für blasenschwache Trucker haben, dachte er und setzte den Blinker.

Er fuhr auf den Parkplatz und brachte den Lastwagen zum Stehen. Außer ihm war kein Mensch hier. Umso besser. Den Motor ließ er laufen. Er kletterte aus dem Führerhaus. Der Regen war stärker geworden, und ein böiger Wind fegte talwärts. Auf einem Grünstreifen standen ein Tisch und zwei Bänke aus Holz, die bei besserem Wetter zum Picknick einluden. Lucian ging ein paar Meter über den aufgeweichten Rasen auf einen Busch zu. Während er seine Blase erleichterte, trug der Wind eine Plastiktüte über seinen Kopf hinweg in Richtung Tal. Er sah ihr nach, bis sie hinter der Buschreihe verschwand. Jetzt erst bemerkte er, dass das Parkplatzgelände dahinter noch weiter ging. Er konnte das Dach eines Hauses erkennen. Es schien aus Holz zu sein. Etwas irritierte ihn. Er brauchte einen Moment, um festzustellen, was es war: In das Brummen des Motors mischte sich ein weiteres Geräusch, das sich in regelmäßigen Abständen wiederholte. Lucian machte den Reißverschluss seiner Hose zu und ging um die Buschreihe herum. Auf dem hinteren Teil des Geländes war der halbherzige Versuch unternommen worden, einen Kinderspielplatz anzulegen. Das Dach gehörte zum Turm einer Rutsche. Jetzt entdeckte er die Plastiktüte wieder. Der Pfosten der Schaukel hatte ihren Flug gestoppt. Sie lag wie ein toter Käfer im Gras. Ein Karussell, eines jener runden Podeste mit einem Antriebsrad in der Mitte, drehte sich leise quietschend im Kreis. Aber warum drehte es sich? Der Spielplatz lag verlassen. Hier war niemand. Lucian ging zögernd auf das Spielgerät zu. Erst als er fast dort war, bemerkte er die Frau. Sie lag mit dem Bauch auf dem Karussell und stieß sich mit dem Fuß vom Boden ab. Immer weiter. Sie blutete aus mehreren Wunden, und das linke Bein war unter dem Knie abgeknickt wie das Bein eines Streichholzmännchens. Sie schien ihre letzte Kraft dafür aufzuwenden, sich vorwärtszubewegen, und nicht zu bemerken, dass sie sich immer nur im Kreis drehte. Wie lange schon, fragte sich Lucian, bevor er sich übergeben musste.

I.

Es war kurz nach sechs. Er konnte nicht sagen, wie lange sie bereits ziellos umhergefahren waren.

Er versuchte, ihren Blick zu meiden, und konzentrierte sich auf die Straße und die schäbige Morgendämmerung da draußen.

Wenigstens beschimpfte sie ihn nicht mehr. Wahrscheinlich hatte sie alles gesagt. Sie hatte ihren Kopf auf die Rücklehne sinken lassen und starrte ihn die ganze Zeit von der Seite an. Ihr Mund war leicht geöffnet, wie ein bedrohlicher dunkler Schlund, aus dem jederzeit wieder Worte hervorbrechen konnten. Worte, die ihn trafen, Worte, vor denen er in Deckung ging, Worte wie »Schuld« und »Sünde«.

Ihre rechte Hand, die noch immer das Handy umfasst hielt, lag auf ihrem Schoß.

Die Scheibenwischer schmierten. Er beugte sich nach vorne, um besser sehen zu können, und ein wenig auch, um ihrem Blick auszuweichen. Eine meterhohe Betonverschalung sicherte den Hang zur Linken, und ihm war, als führe er in einen Tunnel. Er betete um Licht am Ende des Tunnels, wie er es so oft getan hatte in seinem Leben.

Die Straße machte eine Kurve. Die Scheinwerfer seines Wagens glitten über die Fassade eines heruntergekommenen Flachdachbaus. Das Neonschild mit dem Namen des Lokals pulsierte über der Eingangstür: »Highway«. So sehr er Lokale dieser Art verabscheute, so beruhigend wirkte in diesem Augenblick das blinkende Neonlicht auf ihn. Vielleicht, weil es so vertraut war. Hier war seine Heimat. Hier war alles, was er liebte.

Für einen Moment schien ihm wieder möglich, dass sein Leben ganz normal weitergehen könnte. Für einen Moment schien denkbar, dass alles gut werden würde.

Die Scheibenwischer schmierten derart, dass er sie kurz ausschaltete. Die Straße führte nun geradewegs auf den Ortseingang zu. Er konnte bereits schemenhaft die Fußgängerbrücke erkennen, die sich wie ein dunkler Riegel vor den langsam heller werdenden Himmel schob. Die feinen Regentropfen hatten sich über die Fensterscheibe gebreitet wie ein Schleier, nein: wie ein engmaschiges Netz, in dem er sich verfangen würde. Schnell schaltete er die Scheibenwischer wieder ein.

Die Brücke schien sich auf merkwürdige Art verändert zu haben. Sie war über Nacht lebendig geworden. Die Brücke bewegte sich.

Auch sie hatte es jetzt bemerkt.

»Was ist da los?«, fragte sie.

Auf der Brücke standen dunkel gekleidete Gestalten. Es mussten etwa fünfzehn sein. Sie sahen auf ihn herab. Im fahlen Licht des Morgens schimmerten ihre Gesichter weiß. Sie hatten starre Züge und sahen alle gleich aus. Über die gesamte Breite der Brücke stand geschrieben: »Werde unsterblich«.

II.

»Mama! Mama! Ich hab dein Auge gefunden!« Wie ein Gnom hockte Mari auf ihrer Brust und versuchte, eine Murmel in den vernarbten Krater zu bugsieren, der statt des rechten Auges in ihrem Gesicht klaffte.

Was in einem Moment der Albernheit seinen Ursprung gehabt hatte, war inzwischen ihr allmorgendliches Aufstehritual: Auge finden – mal war es ein Radiergummi, mal ein Bonbon oder wie heute eine Murmel –, durchkitzeln, kreischen, lachen, frühstücken. Aber heute war Thea nicht nach Durchkitzeln zumute. Ihr Schädel drohte zu platzen. Sie richtete sich stöhnend auf und blinzelte. Irgendwie musste sie ihre Tochter loswerden, die jetzt auf dem Bett auf und ab sprang wie ein Gummiball.

»Geh schon mal runter zu Oma, Schatz.«

»Da war ich schon drei Stunden.«

Thea sah auf die Uhr: 10:30 Uhr. Mist. Verschlafen.

»Oma hat gesagt, ich soll dich wecken.« Maris Stimme klang auf bedrohliche Weise unternehmungslustig.

»Ich komm gleich nach, okay?«

»Kitzeln?«

»Heute mal nicht, Mausi.«

»Menno.«

Thea betrachtete ihre Tochter. Die Enttäuschung hatte ihr eine Falte in die Stirn gegraben. Um ihre Nase herum tanzten ein paar vereinzelte Sommersprossen, und die blonden Haare waren von Ute zu einem Pferdeschwanz gebunden worden. Mari sah ihr geradezu bestürzend ähnlich, bis auf das Auge, das sie mehr hatte – und bis auf die Augenfarbe, wie Thea vermutete: Maris Augen waren grün, ihres war garantiert rot unterlaufen, so wie sie sich heute fühlte.

»Aber nicht so doll kreischen heute, ja? Mama hat Kopfschmerzen.«

Mari nickte, strahlte und fing schon an zu kreischen, bevor Thea sie überhaupt berührte.

Thea war gestern Abend, zum ersten Mal seit ihrer Ankunft aus Berlin, »in die Stadt« gegangen, also ins Zentrum, nach Downtown-Wartenburg, in die einzige Geschäftsstraße, die es hier gab. Ute hatte angeboten, Mari ins Bett zu bringen. »Mach dir mal einen richtig schönen Abend«, hatte sie gesagt. Und das hatte sie dann wohl irgendwie getan.

Gegen halb sieben war sie aufgebrochen. Wartenburg lag unten im Talkessel. Der mittelalterliche Stadtkern war umstellt von protzigen Neubauten. Links ragte der Kirchturm von Maria Hilf über die Bäume, ein avantgardistischer Sechzigerjahre-Bau, dessen Dreiecksform ein aufgeblähtes Segel darstellen und Aufbruch symbolisieren sollte. Auf der gegenüberliegenden Talseite, in den Hang hineingebaut, das Kreiskrankenhaus, das sie an den Neubau der BND-Zentrale in Berlin erinnerte. Sein schmutziger Beton hatte die Farbe des Abendhimmels. Nach Westen hin zerfaserte Wartenburg in ein Industriegebiet. Die Firmengebäude glitzerten wie Ufos aus einer fernen Galaxie und gaben dem Stadtbild den letzten Rest.

Der Fluss, der das Tal durchzog, zerschnitt die Stadt in zwei Hälften. Theas Blick verharrte einen Moment lang auf der Brücke unter ihr. Das war das Nadelöhr, das jeder überwinden musste, der etwas auf der anderen Seite des Flusses zu tun hatte. Schlagartig verlor sie die Lust auf einen »schönen Abend«. Was hatte sie bloß geritten?

Sie wollte gerade umdrehen und nach Hause gehen, als bei Greiners die Terrassentür geöffnet wurde und jemand in den Garten trat. Sie konnte nicht erkennen, ob es ER war oder SIE, es interessierte sie auch nicht. Nur schnell weg. Eine Plauderei mit den Greiners war das Letzte, was sie jetzt brauchen konnte. Die Gespräche hier verliefen wie in der Fernsehwerbung: mein Haus, mein Auto, meine Tochter, die glückliche Ärztin, mein Sohn, der erfolgreiche Jurist.

Thea blieb nichts anderes übrig, als talwärts zu flüchten, die steile Treppe hinunter, vorbei am Kindergarten und den schmucken Einfamilienhäuschen aus den Siebzigern. Früher hatten sich die Nachbarn nach Feierabend in ihren Häusern verbarrikadiert, heute schoben all diese Häuser Zellwucherungen in Form von Terrassen und Wintergärten vor sich her. Überall dieses Bedürfnis nach Licht. Und überall die gleichen Gartenmöbel aus geflochtenem Plastik, zum Teil mit Planen zugedeckt, auf denen sich Regenwasser sammelte. Der Wind strich über die Pfützen. In jedem der Gärten wuchs eine bestimmte Sorte Blumen, die Thea nicht kannte und die irgendwie dreckig aussah.

Nach drei Treppenabsätzen erreichte sie endlich die Hauptstraße, froh, dass ihr bis auf eine Katze niemand begegnet war. Sie war die einzige Fußgängerin auf dem schmalen Gehsteig. Frisch polierte Oberklassewagen rauschten an ihr vorbei. Sie erreichte die Brücke, und dort, mitten über dem Fluss, passierte das Unvermeidliche: Ein roter Golf kam ihr entgegen und verlangsamte das Tempo. Thea stand wie versteinert im Gewitter der Lichthupe. Das Fenster wurde heruntergekurbelt, und eine Frau mit praktischem Kurzhaarschnitt und gesunder Gesichtsfarbe winkte ihr strahlend zu.

»Thea! Wart mal!«

Die Frau war etwa in ihrem Alter, so Mitte, Ende dreißig. Wahrscheinlich hätte Thea wissen müssen, wer sie war, aber sie wollte nicht. Jedes Gesicht, in dem ein Erkennen aufblitzte, machte ihr die Enge bewusst, vor der sie geflüchtet war. Wie damals, als am nächsten Tag jeder genau wusste, was sie am Abend zuvor getrieben hatte, fühlte sie sich sofort wieder beobachtet und überwacht. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte sie sich schlicht geweigert, auch nur einen Fuß auf diese Brücke zu setzen. Sie hatte eine regelrechte Phobie entwickelt, mit Angstschweiß, Atemnot und allem drum und dran. Zum Glück war das Gymnasium wie das Haus ihrer Mutter am Südhang gelegen, Thea hatte also nicht zwingend über die Brücke gemusst. Und Ute hatte das, was sie als »den neuesten Spleen ihrer Tochter« bezeichnete, achselzuckend toleriert.

Dem Golf saß mittlerweile ein silbern-metallic-farbener 7er-BMW mit Felgen aus der NASA-Weltraumforschung im Nacken und hupte wütend. Die strahlende Frau musste weiterfahren, was Thea zum Anlass nahm, die Schultern hochzuziehen, den Schritt zu beschleunigen und sich keinesfalls umzudrehen. Nicht dass Rotbäckchen auf die Idee kam, anzuhalten oder umzukehren oder so was. Thea war erleichtert, als sie die Brücke hinter sich gelassen hatte. Hier war Einbahnstraße. Rote Golfs mit roten Bäckchen müssten einmal um das Zentrum herum fahren, was nach Theas Berechnungen mindestens … zwei Minuten dauern würde.

Die Geschäftsstraße war tot, die Läden waren bereits seit einer Stunde geschlossen. Sie musste feststellen, dass in Wartenburg noch immer punkt 18 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt wurden und ab 19 Uhr nur noch ein paar versprengte Jugendliche auf den Bänken vor den geschlossenen Geschäften saßen wie brütende Albatrosse. Sie blinzelten müde vor sich hin und rotzten auf den Boden. Alle sahen gleich aus, aber als Thea an ihnen vorbeiging, stellte sie fest, dass eine Gruppe auf Deutsch, eine auf Russisch und die nächste auf Griechisch oder Türkisch rotzte.

Sie schlenderte ein paar Mal unentschlossen die Hauptstraße auf und ab und überlegte, ob sie sich im »Bistro Piccadilly« oder doch lieber im »Goldenen Adler« einen »schönen Abend« machen sollte. Mannis Kleiderladen war zum Herrenausstatter mutiert, die Winterkollektion bereits eingetroffen und das Schaufenster weihnachtlich dekoriert. Es war September, verdammt! Regen setzte ein, und sie musste zusehen, dass sie irgendwo unterkam. Das nächstgelegene Lokal war – Ironie des Schicksals – das »Papa’s«. Ausgerechnet.

Andere Städte hatten Jugendzentren, Clubs, womöglich sogar Discos oder Kinos. Wartenburg hatte das »Papanikou«, kurz und liebevoll »Papa’s« genannt. Drei Jahre lang, zwischen ihrem sechzehnten Lebensjahr und dem Tag, als sie das Abiturzeugnis in der Tasche hatte und Wartenburg endlich verlassen konnte, war das »Papa’s« so was wie ihr zweites Wohnzimmer gewesen. Die Fassade war neu, aber drinnen war alles noch wie damals. Schummriges Licht, von irgendwoher dröhnte der obligatorische Gute-Laune-Sirtaki. Es roch nach altem Fett und abgestandenem Rauch. Neu war nur die Dame hinter dem Tresen. Knallrote Lippen, giftgrüner Lidschatten, schwarze Wimpern, schwarze Haare, schwarzer Pulli. Thea starrte sie fasziniert an. Die Dame starrte unbeeindruckt zurück.

»Was derfess sein?«, fragte sie mit dieser eigentümlichen Mischung aus griechischem Akzent und einheimischem Dialekt, wie sie unter Einwanderern der ersten Generation verbreitet war.

»Prrosst!«, sagte sie, als sie Thea das gewünschte Bier vor die Nase knallte und einen Strich auf den Deckel malte. Thea nahm einen Schluck und sah sich im Raum um. Der Billardtisch wurde von einem Trupp Halbwüchsiger belagert, der offenbar auch vor dem Regen geflüchtet war. Auf der schmutzigen Wand dahinter prangten noch immer die unbeholfenen Kritzeleien, mit denen sie sich verewigt hatten, wann immer Papa Nikos mal nicht hingesehen hatte. Möglich, dass über die Jahre noch ein paar Schmierereien dazugekommen waren, aber die waren künstlerisch genauso wenig ambitioniert wie damals. Es ging mehr um den Inhalt als um die Form: FUCK ESTABLISHMENT, FUCK YUPPIES. Zu ihrer Freude entdeckte Thea sogar das mysteriöse FUCK ULL wieder, über dessen Bedeutung sie einen ganzen Sommer lang die wildesten Theorien entwickelt hatten.

Am Tresen saßen drei Männer. Glücklicherweise kannte sie keinen von ihnen. Sie wirkten auf eine irritierende Art gut erhalten, als seien sie immer schon hier und immer schon Mitte vierzig gewesen. Thea musste an das Berliner Naturkundemuseum vor der Renovierung denken, an die ausgestopften Keiler in ihren Schaukästen, die den DDR-Staub noch im Fell trugen. Einer der Männer musste ihren Blick als Interesse missdeutet haben, vielleicht war er auch einfach nur gelangweilt, jedenfalls drehte er ihr den Oberkörper zu.

»Ich kenn dich irgendwoher.«

»Glaub ich nicht.«

Er trug Seehundbart und Nickelbrille und sah ein bisschen aus wie Günter Grass.

»Du gehörst doch zur Bielafinger Clique.«

»Ich gehör zu gar keiner Clique.«

Der Typ wirkte nicht überzeugt. Trotzdem hoffte Thea, dass das Gespräch damit beendet war. Aber da winkte er bereits die Grellgeschminkte heran und raunte ihr zu: »Noch ne Runde mit Schuss.«

Thea überlegte: Sie hatte keine Lust, mit den drei Männern zu trinken. Sie wollte alleine und möglichst unerkannt an der Theke stehen und warten, bis es aufhörte zu regnen. Andererseits war ihr Bier fast leer, sie würde sich also sowieso ein neues bestellen müssen. Jetzt die Einladung abzulehnen und dann kurz darauf ein eigenes Bier zu bestellen, wäre ein klarer Affront. Das kam ihr auch nicht richtig vor. Sie hatte nichts gegen den Typen, er war ihr einfach nur scheißegal. Das hatten er und das Leben gemeinsam: Thea wollte ihre Ruhe, und beide ließen sie ihr nicht.

»Prost!«, sagte der Typ und schob Bier und Ouzo über den Tresen. »Ich heiße Jürgen.«

Thea nickte ihm zu, versuchte nicht zu lächeln, trank und schwieg. Der Sirtaki bestäubte ihr Herz wie Puderzucker, es ging um eine große unerfüllte Liebe und das Meer, vermutete sie, und nach drei weiteren Runden hatte sie das Bedürfnis, Jürgen mitzuteilen, wie sehr sie es verabscheute, wieder hier zu sein. Ihr Leben hatte sich im Kreis gedreht, sie hatte sich ein paar Narben abgeholt und stand jetzt wieder genauso da wie vor zwanzig Jahren. Nur schlechter, denn sie konnte nicht mehr hoffnungsvoll von hier aufbrechen. Und sie hatte nur noch ein Auge. Es war zum Kotzen.

»Allss Scheiße bss auf Mari«, war alles, was sie sagte.

»Was?«, fragte Jürgen.

Noch zwei Runden, und Jürgen traute sich zu fragen, was mit ihrem Auge passiert war.

»Ssss war ein Ssssbirscher Tiger«, setzte sie an, merkte aber sofort, dass es keinen Sinn hatte. Ihr standen heute nicht mehr genug Vokale zur Verfügung, um die Geschichte ordentlich zu erzählen, also sagte sie: »Schsss, Günter.«

Während sie nach draußen wankte, grübelte sie darüber nach, dass sie zum Abschied einfach »Ade« hätte sagen sollen, wie alle hier. Zwei Vokale auf einen Streich.

Es gab drei Wege, die den Berg hinauf zum Haus ihrer Mutter führten, aber sie hatte keinen von ihnen gefunden. Die verdammten Treppen waren einfach fort gewesen. Ohne sie war der Berg furchtbar steil. Eine Tortur. Einige Szenen fehlten. Das Nächste, woran sie sich erinnern konnte, war ein Gemüsebeet. Und ein Bewegungsmelder. Licht flammte auf, und sie erkannte das Haus und den Garten: Das Gemüsebeet gehörte den Ullreichs, und sie stand mitten drin. FUCK ULL! Die Ullreichs waren ihr in diesem Zusammenhang noch nie in den Sinn gekommen! Der Regen zog im Scheinwerferlicht Fäden. Noch zwei Gärten, und sie war zu Hause.

»Ich muss dir ganz dringend was zeigen!« Mari hüpfte aufgeregt vor Thea herum und zupfte an ihrem Pyjama.

»Ich komme, Schatz!« Thea griff ohne hinzusehen in die Augenklappenkiste. Sie erwischte die mit dem Playboy-Bunny aus Strassperlen und streifte sie über den Narbenkrater in ihrem Gesicht. Der Tag konnte beginnen.

Als sie mit Mari ins Wohnzimmer trat, stand Ute vor dem Fenster und schaute in den Garten. Der Tisch war liebevoll gedeckt, aber die Spuren der Verwüstung waren nicht zu übersehen. Mari hatte also bereits gefrühstückt. Ute hatte die Haare hochgesteckt. Sie trug einen Morgenmantel und hatte eine Kaffeetasse in der Hand.

»Morgen«, krächzte Thea. Ute wandte sich zu ihr um.

»Gott, wie siehst du denn aus!« Ihre Stimme klang eher abschätzig als mitfühlend. »Aspirin?«

»Gerne«, sagte Thea. Ihre Mutter war vielleicht nicht besonders einfühlsam, aber sie war pragmatisch. In solchen Momenten war Thea froh darum.

»Schau dir das mal an, Mama!« Mari zerrte sie zum Fenster und deutete aufgeregt in den Garten. »Das war bestimmt ein Wildschwein!«

Das Blumenbeet war noch schlimmer verwüstet als der Frühstückstisch. Alles, was dem nahenden Herbst bis jetzt tapfer getrotzt hatte, war über Nacht niedergewalzt worden.

»Die Rosenkugeln sind kaputt«, sagte Ute, als sie mit einem Wasserglas zurückkam, in dem sich die Tablette bereits auflöste.

»Danke.« Thea starrte in die milchige Flüssigkeit.

»Wir hatten hier noch nie Wildschweine«, sagte Ute. Sie wirkte verblüfft. »Muss ein Riesenvieh gewesen sein«, fügte sie nach kurzer Pause hinzu.

Thea hätte ihr ziemlich genau Auskunft darüber geben können, wie groß das Wildschwein gewesen war, beließ es aber bei einem unbestimmten Laut, der Erstaunen ausdrücken sollte. Zum Glück klingelte in diesem Moment das Telefon. Ute ging ran. »Thea!«, sagte sie dann, streckte ihr den Hörer entgegen und grimassierte etwas, was Thea als »Dein Chef!« deutete.

Der Chef wollte wissen, was sie verdammt noch mal treibe, er habe den ganzen Morgen versucht, sie zu erreichen. (Mist, wo war ihr Handy?) Es gebe zu tun, und sie solle sich sofort aufmachen. Sie sprang unter die Dusche, streifte die erstbesten Klamotten über, und als sie ihre Cowboystiefel anzog, stellte sie fest, dass sie über und über mit Erde beschmiert waren. An der Sohle des linken Stiefels hafteten ein paar Blütenblätter von der dreckigen Sorte.

Ihr Magen revoltierte, als sie das Krankenhaus betrat, das viele Weiß blendete ihr Auge. Sie hatte am Telefon ihr Bestes gegeben, um herauszufinden, worum es eigentlich ging, aber entweder wusste Rainer, der Redaktionsleiter, selbst nicht viel, oder sie war einfach noch nicht in der Verfassung, ihn zu verstehen. So viel war jedenfalls klar: Letzte Nacht war eine schwer verletzte Frau auf dem Rastplatz an der Bundesstraße gefunden worden. Die Umstände klangen derart mysteriös, dass Rainer eine Story witterte. Thea sollte dranbleiben. Sie hatte vergeblich ihr Handy gesucht und sich dann über den Festnetzanschluss ihrer Mutter mit dem Polizeirevier in Verbindung gesetzt, wo man sie auf später vertröstete. Der zuständige Beamte befinde sich derzeit noch im Krankenhaus zur Beweisaufnahme. Thea beschloss, ihn dort abzupassen und sich Informationen aus erster Hand zu beschaffen.

An der Rezeption erkundigte sie sich nach dem Weg zur Intensivstation. Die Schwester starrte sie an wie eine Erscheinung. Thea musste zugeben, dass das Playboy-Bunny keine gute Wahl für diese Situation war. Sie hatte in der Eile vergessen, es zu wechseln. Allerdings fiel ihr keine Augenklappe ein, die passend gewesen wäre, also scheiß drauf.

»Innere. Dritter Stock rechts«, sagte die Schwester.

Thea fuhr mit dem Aufzug nach oben und ging den Flur entlang, bis zur Schleuse der Intensivstation. Kein Mensch war zu sehen. Von weit her war ein gleichmäßiges Piepen zu hören, ansonsten herrschte Stille. Eine Yuccapalme und ein paar Bilder an der Wand, die aussahen, als hätte die Frau des Chefarztes sie gemalt, spiegelten Normalität vor. Thea fragte sich, ob hinter der Schleuse wohl auch Bilder hingen. Sie trat ans Fenster. Der Regen hatte große Pfützen auf dem Besucherparkplatz zurückgelassen. Daneben stand eine Kiefer, in deren Ästen sich ein Plastikflugzeug verfangen hatte.

Mit einem schmatzenden Geräusch öffnete sich die Schleuse hinter ihr. Ein Mann um die vierzig mit kurz geschorenen Haaren und bulliger Statur trat auf den Flur. Sein Gesicht sah verquollen aus, entweder hatte er viel getrunken oder viel geweint oder beides. Er ging mit gesenktem Blick an ihr vorbei. Den Jungen, der ihm folgte, schätzte Thea auf fünfzehn oder sechzehn. Sein Gesicht war starr und schmal. Seine dunklen Haare waren streng gescheitelt und hinten und an den Seiten kurz rasiert. Er trug eine schwarze Bomberjacke und sah Thea so direkt an, dass sie irritiert war. Sie wusste nicht, ob sie ihm zulächeln oder ihn einfach ignorieren sollte, aber da war er auch schon an ihr vorbeigegangen. Der Aufzug öffnete sich. Die beiden stiegen ein.

»Hallo Thea«, hörte sie eine vertraute Stimme hinter sich sagen.

Sie drehte sich um. Dunkles Haar, markante Nase und ein paar Falten, die das Gesicht besser strukturierten als früher. Daniel.

Im August 1992, kurz bevor der Mob in Rostock-Lichtenhagen das Ausländerwohnheim abfackelte, hatte sich Daniel Seiler auf dem Futon in ihrem Zimmer niedergelassen und war dort sitzen geblieben, ein knappes halbes Jahr lang. Natürlich hatte Thea mitbekommen, dass der kleine Daniel – er war eine Klasse unter ihr – hoffnungslos in sie verliebt war, es hatte sie nur nicht interessiert. Also hatte Daniel trotz seiner Schüchternheit beschlossen, die Sache offensiv anzugehen. Und da saß er nun jeden Nachmittag wie festgetackert, schwieg und lächelte.

Anfangs hatte sie noch versucht, ein Gespräch mit ihm zu führen. Sie fragte ihn nach seiner Meinung zu den ausländerfeindlichen Übergriffen, zur Wende und spielte ihm zwanzigtausendmal die A-Seite von This Mortal Coil, »It’ll End in Tears« vor, was immer und passenderweise damit endete, dass sie Tränen in den Augen hatte, während Daniel stumm lächelte. Irgendwann ging sie dazu über, seine Anwesenheit zu ignorieren, ihre Hausaufgaben zu machen, Briefe zu schreiben oder zu lesen (Camus, »Der Fremde«). Ihre demonstrative Missachtung konterte Daniel, indem er ihr kleine, selbst gebastelte Aufmerksamkeiten mitbrachte: Hinterglasbilder von ihren Lieblingstieren (Islandpferde, Königsadler), Schneckenhausskulpturen, Kekse in Blumenform. Alles Dinge, die nicht dazu angetan waren, das Herz eines Mädchens zu erobern, das sich gerade die Haare wasserstoffblond gefärbt, dunkle Balken unter die Augen gemalt und mit blutroter Farbe »Meine Seele brennt« über sein Bett gepinselt hatte.

Die Zeit verging. Beim Brandanschlag von Mölln im November 1992 starben drei Menschen, und da es in Wartenburg sonst niemanden zu interessieren schien und Daniel sich nicht wehrte, veranstaltete sie mit ihm zusammen die kleinste Lichterkette gegen Ausländerhass, die es in Deutschland je gegeben hat: Sie erwarb bei Edeka drei Packungen Friedhofslichter, baute sie auf dem Boden ihres Zimmers auf und setzte sich neben Daniel auf den Futon. Sie verbrachten den ganzen Nachmittag damit, stumm in die Flammen zu schauen, und Thea fühlte Schmerz und Trauer. Und für einen kurzen Moment fühlte sie sich Daniel sehr nah.

Aber als er ihr zwei Tage später einen riesigen Baumpilz schenkte, den sie sich an einer handgeknüpften Kordel um den Hals hängen sollte, war endgültig Schluss. Von da an ließ sie sich verleugnen, wann immer Daniel an ihrer Haustür klingelte. Thea blieb hart, und Daniel hatte das Haus der Familie Dombrowski nie wieder betreten.

»In der Kantine gibt’s ganz guten Kaffee. Wollen wir …?« Offenbar hatte er inzwischen das Sprechen gelernt.

»Ist grade schlecht. Ich bin dienstlich hier.«

»Stell dir vor: ich auch.« Er sah sie an, und sein Lächeln schien ihr plötzlich überhaupt nicht mehr schüchtern und unbeholfen zu sein, es war sogar im Gegenteil …

»Nein! Du bist Polizist geworden?«

»Kriminalhauptkommissar, um genau zu sein. Ich habe gerade den Unfallforensiker eingewiesen.«

Thea hatte ihre Überraschung noch nicht überwunden, als sie kurz darauf in der menschenleeren Kantine saßen. Der Boden war grau wie der Himmel draußen und mit Kratzspuren übersät. Der Kaffee war wirklich gut, auch wenn es Thea seltsam erschien, dass man sogar im Kreiskrankenhaus Wartenburg nur noch Latte macchiato statt Filterkaffee bekam. Sie trank in vorsichtigen Schlucken und hoffte inständig, dass ihr Magen mitmachen würde. Irgendwo klapperte Geschirr.

Glücklicherweise hatte Daniel genauso wenig Interesse daran, Sentimentalitäten auszutauschen wie sie und kam direkt zum Punkt. »Ich fürchte, ich muss dich enttäuschen. Wir wissen noch so gut wie gar nichts.«

»Woher weißt du, dass ich für den ›Anzeiger‹ arbeite? Ich bin doch noch gar nicht lange hier?«

Das ist eine ausgesprochen dämliche Frage, Thea, wir sind hier in Wartenburg, wir wissen alles über dich. Das sagte er nicht, dazu war er zu höflich, aber das drückte seine Miene aus, und Thea war ihre Frage bereits peinlich.

»Was ist überhaupt passiert?«, schob sie schnell nach.

»Ein Lastwagenfahrer hat Agnes Albrecht gegen sechs Uhr heute Morgen gefunden.«

Agnes Albrecht. Irgendetwas presste ihr den Magen zusammen.

»Agnes … Günther«, murmelte sie vor sich hin. Daniel blickte sie erstaunt an.

»Günther ist ihr Mädchenname. Du kanntest sie?«

»Entschuldige mich kurz.« Thea sprang auf und eilte zum Klo, um sich zu übergeben. Als sie danach vor dem Spiegel stand und sich am Rand des Waschbeckens festklammerte, hasste sie sich. Sie war so damit beschäftigt gewesen, sich selbst zu bemitleiden, dass sie nichts um sich herum wahrgenommen hatte. Sie hatte Agnes im roten Golf auf der Brücke nicht erkannt. Agnes hatte mit ihr sprechen wollen, aber sie war davongelaufen, aus Angst, sich eingestehen zu müssen, dass sie ihr Leben vor die Wand gefahren hatte. Der Spiegel war milchig, ihr Gesicht ebenso trüb wie die Kacheln, die es einrahmten. Nur das Playboy-Bunny glitzerte im Schein der Neonröhre.

Thea kannte Agnes seit der Grundschule. Sie waren bis zur zehnten Klasse zusammen aufs Gymnasium gegangen und zeitweise sogar befreundet gewesen. Doch nach der Zehnten beendeten Agnes’ Eltern, alteingesessene Bauern, die Schullaufbahn ihrer Tochter. Sie betrachteten es als überflüssig, dass sie Abitur machte und studierte, und das, obwohl Agnes immer Klassenbeste gewesen war. Schließlich sollte sie einmal den Hof übernehmen, und welcher Bauer braucht schon Abitur?

Später hatte Agnes dann jahrelang versucht, Kontakt mit Thea zu halten. Sogar in Berlin waren immer wieder Briefe von ihr angekommen, die Thea meist nicht einmal geöffnet hatte. Bloß keine Erinnerung an das alte Leben in Wartenburg. Und so hatten sie sich schließlich aus den Augen verloren.

Thea drehte den Wasserhahn auf und spülte sich den Mund aus. Auf dem Weg zurück in die Kantine nahm sie sich fest vor, Agnes zu helfen, so gut sie konnte.

»Alles klar?«, fragte Daniel.

Thea nickte und fand, dass er etwas sehr Verantwortungsvolles und Beruhigendes ausstrahlte. Dann erzählte sie ihm knapp von ihrer Freundschaft mit Agnes und von ihrer gestrigen Begegnung auf der Brücke. Daniel horchte auf.

»Wann genau war das?«

»Keine Ahnung. Am Abend. Irgendwann zwischen sieben und halb acht. Meinst du, die haben hier einen Schnaps?«

»Glaub ich nicht«, sagte Daniel und sah sie auf eine Weise an, dass Thea sich genötigt fühlte, etwas von »großer Aufregung« zu stammeln. Dann fiel ihr eine Frage ein, die sie aus der Situation retten konnte.

»Vor der Intensivstation sind mir zwei Typen begegnet. Der ältere hatte so einen Bürstenhaarschnitt und der junge war …«

»Das waren Bert Albrecht und Marco, der Sohn«, sagte Daniel. Er musste ihre Irritation bemerkt haben, denn er fügte hinzu: »Du wusstest nicht, dass sie einen Sohn hat?«

»Nein. Ich weiß nur, dass Agnes ziemlich früh geheiratet hat. Und dass sie zusammen mit ihrem Mann den Hof von ihren Eltern übernommen hat. Aber Bert habe ich nie kennengelernt und den Sohn …« Die Nachricht von Marcos Geburt war sehr wahrscheinlich ungeöffnet in einen Neuköllner Mülleimer gewandert.

»Was genau ist mit ihr passiert?«, fragte Thea.

»Das versuchen wir gerade herauszufinden. Sie hat schwere Verletzungen an den Beinen und am Kopf. Ob durch einen Unfall oder durch andere Gewalteinwirkung wissen wir nicht.«

»Heißt das … sie kann nicht sprechen?« Thea war alarmiert.

»Sie liegt im Koma.«

Für einen Moment saßen sich Thea und Daniel schweigend gegenüber.

»Was sagen die Ärzte?«, fragte Thea schließlich.

»Die Chance, dass sie wieder aufwacht, liegt bei fünfzig Prozent.«

»Das heißt, sie haben keine Ahnung.«

»Nein, das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass sie aufwacht oder eben nicht, ist gleich groß«, sagte Daniel, und Thea fragte sich, ob er das wirklich so oberlehrerhaft gemeint hatte. Daniel kramte in seiner Tasche herum und reichte ihr ein Papier und seine Visitenkarte über den Tisch.

»Hier ist die vorläufige Pressemitteilung. Da steht alles drin, was wir bis jetzt wissen. Es ist nicht viel, aber trotzdem. Es wäre gut, ihr würdet schon mal einen Zeugenaufruf drucken.«

Thea überflog den Text, ohne ihn wirklich zu begreifen. Daniel warf einen Blick auf die Uhr und stand auf.

»Ich muss zurück aufs Revier. Wenn du weitere Infos brauchst …«

»… ruf ich dich an.« Sie wedelte mit der Visitenkarte.

»Mach das.«

Er reichte ihr zum Abschied die Hand.

»War schön, dich zu sehen.«

Als sie aus dem Krankenhaus trat, fiel ihr auf, dass Daniel sie gar nicht auf ihr Auge angesprochen hatte. Aus Taktgefühl oder aus Desinteresse? Sie zündete sich eine Zigarette an, stieg ins Auto und startete den Motor.

III.

Als er in der Mitte der Brücke angekommen war, trat er ans Geländer. Unter ihm rauschte der Verkehr entlang.

Vom Parkplatz hinter dem »Highway« fuhr ein rot lackierter Truck auf die Bundesstraße. Flammen umzüngelten die Fahrerkabine. Der Lastwagen war so hoch, dass er nur knapp unter der Brücke hindurchpasste. Wenn er seinen Fuß durch die Gitterstäbe streckte, müsste er ihn eigentlich berühren können, dachte er. Doch bevor er es ausprobieren konnte, war der Lastwagen bereits verschwunden.

So wie er jetzt hatten hier im Licht des frühen Morgens die Gestalten mit den weißen Gesichtern gestanden und auf ihn herabgesehen. Reglos. Als hätten sie auf ihn gewartet. Das Bild ließ ihn nicht mehr los. Es konnte kein Zufall sein, dass sie genau in diesem Moment hier oben gestanden hatten. So wenig wie alles andere auf dieser Welt ein Zufall war.

Er musste vertrauen. Er musste sich ganz in Seine Hand begeben. Werde unsterblich.

IV.

Der Weg, der zum Hof der Albrechts führte, war übersät mit Schlaglöchern, in denen das Wasser stand. Sie musste langsam fahren, der Boden war völlig aufgeweicht. Aus Angst, stecken zu bleiben, parkte Thea den Wagen ein Stück oberhalb des Hofes und marschierte die letzten paar Meter zu Fuß durch den Matsch. Sie spürte, wie die Feuchtigkeit durch die Sohlen ihrer Cowboystiefel kroch. Hin und wieder raschelte es im Unterholz. Müll und Plastikschrott säumten den Weg. Nach fünfzig Metern öffnete sich der Wald und Thea stand auf einer Streuobstwiese, die steil zum Tal hin abfiel. An ihrem Ende, auf einem leicht abgeflachten Plateau, lag der Hof.

In regelmäßigen Abständen waren jetzt wuchtige Schläge zu hören. Sie kamen aus der Scheune, die quer zum Hang stand und den Hof gegen die Wiese hin abgrenzte. Thea ging zögernd darauf zu.

Ein oder zweimal war sie als Kind hier gewesen. Sie hatten zwischen den Obstbäumen Fangen gespielt und in der Scheune Verstecken. Am deutlichsten erinnerte sich Thea an die gelben Klebstreifen, die überall im Haus von der Decke gehangen hatten. Wie schwarze Trauben klebten die Fliegen daran, manche lebten noch, zappelten und brummten im Todeskampf. Auch auf den Leberwurstbroten, die Agnes’ Mutter ihnen hingestellt hatte, saßen nach wenigen Minuten Fliegen. Agnes hatte ihr angesehen, dass sie sich ekelte, was Thea wiederum furchtbar leidgetan hatte. Sie hatten nie darüber gesprochen und blieben weiter befreundet, aber Agnes hatte sie danach nicht mehr zu sich nach Hause eingeladen.

Thea betrachtete das Gebäude. Eine Hälfte des Scheunendachs war neu gedeckt. Der übrige Teil war mit Plastikplanen notdürftig gegen den Regen geschützt worden. Wenn das Dach noch vor Wintereinbruch fertig werden sollte, würde man sich beeilen müssen. Im rechten Winkel zur Scheune stand das bescheidene Wohnhaus. Neben der Haustür lehnte ein altertümliches Mofa. Als Thea auf den betonierten Hof trat, schoss ein Bullterrier mit gefletschten Zähnen auf sie zu und wurde im letzten Moment von einer Kette zurückgerissen. Sein Kläffen war ohrenbetäubend.

»Ruhig, Wotan.« Bert Albrecht trat aus der Scheune. Er trug nur ein geripptes Unterhemd und schwitzte. In der Rechten hielt er eine Axt. Offensichtlich hatte er Holz gehackt. Seine Art, das Unglück zu bewältigen? Wotan jedenfalls gehorchte und verhielt sich ruhig.

»Thea Dombrowski. Haben Sie einen Moment?«

»Ja?«

Obwohl der Regen wieder stärker geworden war, machte Bert Albrecht keine Anstalten, Thea ins Haus zu bitten. Sie sah sich gezwungen, selbst die Initiative zu ergreifen.

»Könnten wir vielleicht reingehen?«

»Was?«

Er schien sie nicht gehört zu haben und starrte sie nur weiter unverwandt an.

»Hier ist es etwas feucht zum Reden. Finden Sie nicht?«

Bert Albrechts Miene blieb ausdruckslos. Langsam wurde er Thea unheimlich. Sie blickte verunsichert auf die Axt in seiner Hand. Endlich sagte er: »Kommen Sie« und stapfte, ohne die Axt wegzulegen, voran.

Im Hausflur roch es muffig. Schmutzige Gummistiefel lagen achtlos durcheinander. An einer halb aus der Wand gerissenen Garderobe hingen eine grobe Strickjacke und mehrere zerschlissene Anoraks. Eine schmale, wurmzerfressene Stiege führte in die oberen Räume. Zwei Stufen fehlten. Von oben drang laute, aggressive Musik zu ihnen herunter. Den Text konnte Thea nicht verstehen, trotzdem war klar, worum es ging: um Hass.

»Mach leiser«, schrie Albrecht nach oben, so laut, dass Thea zusammenzuckte. Eine Tür wurde zugeschlagen. Die wummernden Bässe waren trotzdem weiter zu hören. Thea spürte sie im Magen. Ihre Übelkeit meldete sich zurück.

Bert Albrecht führte sie durch die linke der beiden Flurtüren in die Küche. Thea musste den Kopf einziehen, so niedrig war der schmale Durchgang. Die Fliegenfallen waren verschwunden. Überhaupt erkannte sie die Küche nicht wieder. Der Verputz war von den Wänden geschlagen, und obwohl man ein neues Isofenster eingesetzt hatte, war der Raum furchtbar dunkel. Über dem Spülbecken hatte man damit begonnen, die Wand zu kacheln; weitere Fliesen stapelten sich in Kartons in einer Ecke des Raumes. In der Mitte standen – genau abgezählt – drei alte Stühle um einen staubbedeckten Küchentisch. Die Albrechts steckten offensichtlich mitten in der Sanierung des Bauernhauses. Und offensichtlich empfingen sie selten Besuch.

Bert Albrecht ließ sich wortlos auf einen der Stühle fallen, die Axt legte er auf den Tisch. »Ich bin eine alte Freundin Ihrer Frau«, sagte Thea.

»Ich weiß.«

»Sie wissen, wer ich bin?« Thea war überrascht.

»Agnes hat viel von Ihnen erzählt.«

Thea erschrak, als plötzlich etwas an ihren Beinen entlangstrich. Eine getigerte Katze, die offenbar die ganze Zeit unter dem Tisch gesessen hatte.

»Ja, wir … waren … befreundet.«

Die Katze begann eingehend ihre Stiefel zu untersuchen. Sie sah alt und räudig aus. Eines ihrer Ohren war zur Hälfte abgerissen, und ihr linkes Auge tränte verdächtig. Hallo Kollege, dachte Thea bitter.

»Es tut mir sehr leid, was passiert ist.«

»Agnes hat Sie immer beneidet.«

»Mich?« Thea lachte auf und wollte gerade sagen, sie sei höchstens um ihre Augenklappensammlung zu beneiden, doch zum Glück biss sie sich noch rechtzeitig auf die Lippen. Tatsächlich hatte Agnes allen Grund, sie zu beneiden. Man brauchte sich nur umzusehen. Die Armut lag wie ein schmutziger Schleier über dem ganzen Haus, sogar die Katze war ein Sonderposten. Und oben polterte der Hass. Ob Agnes jemals in ihrem Leben im Urlaub gewesen war?

»Ich kann mir vorstellen, dass es hier draußen ganz schön einsam werden kann«, sagte Thea schließlich, weil ihr nichts Besseres einfiel. Sie stellte fest, dass sie keine Ahnung vom Leben ihrer ehemaligen Freundin hatte.

»Bis vor einem halben Jahr hatten wir wenigstens noch die Schweine.« Bert Albrecht verscheuchte eine Fliege. Wollte er damit sagen, dass es mit den Schweinen weniger einsam gewesen war? Ihr Mund fühlte sich plötzlich trocken an wie eine Cornflakestüte.

»Dürfte ich vielleicht ein Glas Wasser haben?«

Bert Albrecht nickte, machte aber keine Anstalten, ihr eines zu bringen. Also stand Thea selbst auf und scheuchte dadurch die Katze hoch. Sie tappte gekränkt auf die Tür zu, und Thea bemerkte, dass sie hinkte. Das Tier wurde ihr immer sympathischer.

In der Spüle lagen schmutzige Teller und eine leere Dose Katzenfutter. Als Thea an den Küchenschrank trat, um sich ein Glas herauszunehmen, knirschte etwas unter ihren Füßen. Der Boden war mit Glasscherben übersät. Bert Albrecht machte ein Geräusch, das wie ein Grunzen klang.

»Was wollen Sie überhaupt hier?«

Die Frage kam so barsch und unvermittelt, dass Thea zusammenzuckte. Sie drehte den Hahn auf und ließ Wasser ins Glas laufen.

»Ich arbeite für den ›Anzeiger‹. Ich kann Ihnen vielleicht helfen, herauszufinden, was passiert ist.«

Als sie sich wieder Bert Albrecht zuwandte, lag sein Kopf auf der Tischplatte neben der Axt. Sein massiger Körper wurde von Heulkrämpfen geschüttelt. Thea drehte verlegen ihr Glas Wasser in der Hand.

»Soll ich besser gehen?«

Keine Antwort. Bert Albrecht schluchzte nur umso heftiger. Thea kam sich plötzlich bescheuert vor. Was hatte sie denn geglaubt, hier erreichen zu können? Entschlossen stellte sie das Glas ab und griff nach ihrer Handtasche. Sie zog eine Visitenkarte aus ihrem Portemonnaie und legte sie vor Albrecht auf den Tisch.

»Wenn ich irgendwas für Sie tun kann … rufen Sie an, okay?«

Er reagierte nicht. Da fiel ihr ein, dass sie immer noch nicht wusste, wo ihr Handy abgeblieben war.

Als Thea aus dem Haus trat, begann Wotan wieder wütend zu kläffen. Sie ging an ihm vorbei. Als der betonierte Teil des Hofes endete, drehte sie sich noch einmal um. Ganz kurz sah sie am Fenster im oberen Stock des Wohnhauses ein Gesicht. Es war starr und weiß. Nach wenigen Sekunden verschwand es wie eine Geistererscheinung. Thea schaute wie gebannt zum Fenster hinauf, während Wotan unablässig kläffte. Doch die Gestalt blieb verschwunden. Es musste Marco gewesen sein. Aber was war mit seinem Gesicht gewesen? Eine Maske? Der Hof war ihr unheimlich. Sie wollte hier weg.

Wind kam auf, wühlte in den Baumwipfeln und peitschte ihr den Regen ins Gesicht. Sie beeilte sich, zurück zu ihrem Auto zu kommen. Sie schloss den Volvo auf, setzte sich auf den Fahrersitz und hielt die Füße nach draußen. Nachdem sie die Sohlen ihrer Cowboystiefel mehrmals gegeneinander geschlagen hatte, um sie vom gröbsten Matsch zu befreien, schloss sie die Tür, startete den Motor und legte den Rückwärtsgang ein. Ein Weg zweigte in den Wald ab. Hier konnte sie wenden.

Die Bundesstraße führte in einem großen Bogen um Agnes’ Grundstück herum. Der Parkplatz, auf dem man sie gefunden hatte, war keine zwei Kilometer entfernt. Vielleicht würde sie dort Antworten finden. Sie legte den ersten Gang ein, schaltete die Scheibenwischer eine Stufe höher und gab Gas.

Fünf Minuten später war sie am Ziel. Sie setzte den Blinker, musste aber feststellen, dass der Parkplatz mit Absperrband gesichert war. Zudem standen Streifenwagen und eine Menge Polizisten herum. Also fuhr sie weiter und stellte den Volvo hinter der Kurve auf einem Waldweg ab. Sie schnappte sich ihre Kamera aus dem Handschuhfach, das dringend mal wieder aufgeräumt werden musste. Es quoll über vor CDs mit Kinderliedern, Landkarten, Rechnungsbelegen. Sie schloss es schnell wieder, stieg aus dem Wagen und wickelte sich fest in ihren Parka. Mit hochgezogenen Schultern stapfte sie los, die Bundesstraße entlang zurück zum Parkplatz.

Nachts waren hier kaum Fahrzeuge unterwegs, jetzt aber donnerten unablässig Lkws an ihr vorbei und hüllten sie in einen feuchten Nebel. Die Straße führte in einer weiten Kurve mit starkem Gefälle talwärts. Sie war nicht besonders breit und für den Lastwagenverkehr denkbar ungeeignet. Immer wieder passierten hier Unfälle. Allerdings kam es selten vor, dass sich ein Fußgänger auf die Straße verirrte. Ein bergauf kriechender Lkw beschoss sie mit der Lichthupe. Einen Augenblick lang starrte sie das Gefährt an, dann konnte sie den Fahrer erkennen. Sein rundes, unrasiertes Gesicht klebte hinter der Seitenscheibe, mit Zunge und Hand gestikulierte er obszön und gut gelaunt in Theas Richtung, bis er ihre Augenklappe bemerkte und den Truck fast gegen die Leitplanke gesetzt hätte. Thea winkte ihm grinsend nach.

Kurz darauf hatte sie den Parkplatz erreicht. Das Flatterband umspannte das Gelände weiträumig und verwehrte ihr den Zugang zu dem kleinen Spielplatz, der unmittelbar an das eigentliche Parkplatzgelände grenzte. Sechs Gestalten in weißen Overalls durchkämmten das Gras zwischen den verlassenen Spielgeräten. Sie wirkten wie aus einem dieser Endzeitfilme, in denen eine Seuche die halbe Menschheit hinweggerafft hatte.

Hier also hatte man Agnes gefunden. Doch wie war sie hierher gekommen? Selbst wenn man vom Wahrscheinlichsten ausging – dass sie Opfer eines Unfalls geworden war –, blieb immer noch die Frage, was sie mitten in der Nacht hier draußen gemacht hatte.

Eine junge Polizeibeamtin in Uniform trat auf sie zu und lächelte verbindlich. »Kann ich Ihnen weiterhelfen?« Thea stellte sich vor, zeigte ihren Presseausweis und bat darum, einige Bilder machen zu dürfen. Die Beamtin wirkte verunsichert. Die kriminaltechnische Untersuchung sei noch in vollem Gange, und sie wisse nicht … Sie reckte den Hals und sah sich nach Unterstützung um. Offensichtlich war die Situation neu für sie. Thea wartete geduldig, während die Polizistin zu einer Gruppe von Männern in Zivil trat, die vom gegenüberliegenden Spielplatzrand aus das Geschehen beobachteten und ernst und konzentriert miteinander redeten. Erst als die Polizistin ihn ansprach, erkannte Thea in einem der Männer Daniel. Er nickte zur Begrüßung nur knapp in ihre Richtung. Dann wandte er sich wieder seinen Kollegen zu.

Die Polizistin kam zu ihr zurück. »Also. Ich hab den zuständigen Kommissar gefragt. Sie können Ihre Fotos machen. Aber bitte hinter der Absperrung bleiben. Okay?«

»Kann ich kurz mit Herrn Seiler persönlich sprechen?«

Die Beamtin schüttelte den Kopf. »Wie gesagt, die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Wir stehen hier sehr unter Druck, deswegen …« Sie ließ den Satz in der Luft hängen.

»Gibt es irgendwelche neuen Erkenntnisse?«

Die Beamtin zog bedauernd die Schultern nach oben. »Tut mir leid. Darüber kann ich Ihnen nichts sagen.«

Es war sinnlos. Thea bedankte sich enttäuscht und schoss ein paar Fotos. Das Licht war trübe. Dennoch, so hoffte sie, würden die Beamten in den weißen Overalls für einen gewissen Effekt sorgen.

Eine Weile blieb sie unschlüssig stehen. Ihr Blick schweifte über die steile Böschung, die den Parkplatz von der Straße trennte und jetzt ebenfalls mit einem Band abgesperrt war. Der durchweichte Boden war aufgewühlt und zwischen regennassem Laub und Gras trat die blanke Erde zutage. Offenbar hatte jemand versucht, die Böschung hochzugelangen, und war immer wieder auf dem glitschigen, laubbedeckten Boden abgerutscht. Ob die Spuren von Agnes stammten? Das ewige Dröhnen der Lastwagen begann Thea auf die Nerven zu gehen. Sie entschied, dass sie hier nichts weiter tun konnte, nicht für den Moment wenigstens. Sie warf einen letzten Blick auf Daniel, der sich gerade in intensivem Zwiegespräch mit einem der Overalls befand und keine Notiz von ihr nahm. Dann machte sie noch ein paar Fotos von den Spuren und ging zurück zum Wagen.

Auf dem Weg in die Redaktion hielt sie vor dem »Papa’s«, schaltete die Warnblinkanlage an und sprang aus dem Wagen. Der Gastraum war völlig leer, Sirtaki lief, und die Grellgeschminkte stand hinter dem Tresen, als hätte sie ihn seit gestern Abend nicht verlassen. Sie rauchte und verzog keine Miene, als Thea zu ihr trat.

»Tag«, sagte Thea, »hab ich vielleicht mein Handy hier vergessen?«

»Hab koi Handy.«

»Sind Sie sicher? Vielleicht hat ja die Putzfrau heute früh beim Saubermachen …«

»Koi Handy.«

»Haben Sie denn mit der Putzfrau gesprochen, vielleicht hat sie ja …«

»Gibt koi Putzfrrrau.«

Thea gab auf. Sie nickte der Grellgeschminkten zu, verließ das »Papa’s« und fluchte, als sie den Strafzettel sah, der hinter ihrer Windschutzscheibe klemmte. Nicht mal zwei Minuten parken konnte man in dieser Stadt, ohne erwischt zu werden. Sie stopfte den Zettel zu dem übrigen Müll ins Handschuhfach und fuhr weiter. Wo, verdammt noch mal, war ihr Handy abgeblieben?

Als sie in die Redaktion kam, waren bis auf die Redaktionsassistentin alle ausgeflogen.