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Albert Vigoleis Thelen

MEINE HEIMAT

BIN ICH SELBST

Briefe 1929–1953

Herausgegeben und mit einem Vorwort

von Ulrich Faure und Jürgen Pütz

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eBook 2010

© 2010 DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Zero, München

Umschlagabbildung: © Dr. Leo Fiethen

ISBN eBook: 978-3-8321-8517-6

ISBN app: 978-3-8321-8536-7

 

Gefördert durch die

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QUATSCHVERZAPFER, PRALLERZÄHLER UND PHANTASIEMASCHINENBETREIBER

Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit. Das mag sich auch Albert Vigoleis Thelen gedacht haben, als er einen Ausspruch seiner heranwachsenden Nichte und seines Neffen recht prominent in seinen Briefen platzierte und ihn auffällig oft wiederholte: »Quatschverzapfer«.

So nannten Klaus und Hanna Thelen ihren Onkel, nachdem er im Kreise der Familie seine Geschichten zum Besten gegeben hatte. Geschichten aus seinem Leben. Aus Mallorca, Portugal und der niederrheinischen Provinz.

Nun spielt der Begriff des Quatschverzapfers in der Germanistik bis heute keine bedeutende Rolle. Wahrscheinlich hat er diese Wissenschaft, die sich immerhin qua Definition mit der deutschen Sprache und Literatur in ihrer historischen und gegenwärtigen Erscheinungsform beschäftigt, überhaupt noch nicht erreicht. Das ist durchaus bedauerlich, trifft doch dieser Terminus technicus aus Kindermund die Sache ziemlich genau. So genau, dass ihm nur Eckhard Henscheid einen ähnlich passenden Begriff an die Seite zu stellen vermochte. Er nannte Thelen in einem F.A.Z.-Artikel vom 4.1.1994 unter der wunderbaren Überschrift »Planstellen der Literatur« völlig zu Recht einen »Prallerzähler«.

Quatschverzapfer und Prallerzähler. Wer das hört und Thelens Texte gelesen hat, insbesondere die Insel des zweiten Gesichts, der wird, je nach Temperament, entweder laut in die Hände klatschen oder leise in sich hineinlächeln. Denn er weiß, wie nahe die weisen Drei, also Hanna Thelen, Klaus Thelen und Eckhard Henscheid der Wahrheit gekommen sind.

Albert Vigoleis Thelen ist ein geborener Erzähler. Ein humoristischer und ein abschweifender Erzähler. Einer, der im Autobiographischen startet, aber recht schnell auf die fiktionale Bahn gerät. Und zwar immer dann, wenn er reale Geschichten durch seine »Phantasiemaschine« laufen lässt. Wie Thelen es etwa mit den Memoiren eines bekannten, aber namenlosen Schweizers vorhatte, die er zu Papier bringen sollte. Auftraggeber war der Sohn des Mannes, und Thelen schreibt am 3.1.1939 (Brief 45) an seinen niederländischen Verleger Meulenhoff: »der junge wird den ollen nicht so leicht wiedererkennen, wenn ich ihn mal durch meine phantasiemaschine gedreht habe. denn daß ich eigene erlebnisse und gaukeleien einflechte, ist schon festbeschlossen.« Das Projekt kam nicht zustande, aber die besagte Maschine hat Thelen zum Glück bei der Niederschrift seiner eigenen Erinnerungen vielfach in Gang gesetzt.

Quatschverzapfer und Phantasiemaschine. Allein diese beiden Wortgeschenke, die nebenbei wertvolle Interpretationshilfen für Thelens gesamtes Prosawerk darstellen, wären Grund genug, seine Briefe zu edieren. Aber beileibe nicht der einzige Grund. Denn spätestens die Veröffentlichung eines hundertseitigen Konvoluts mit Thelen-Briefen in Band 199 der Literaturzeitschrift die horen (2000) machte auf einen Schatz aufmerksam, den es zu bergen galt.

Albert Vigoleis Thelen hat von 1929–1989 geschätzte 15 000 Briefe geschrieben. Die Anzahl ist auch deshalb so groß, weil Thelen sich nach dem ausbleibenden Erfolg seines zweiten Erinnerungswerks Der schwarze Herr Bahßetup weitgehend vom Schreiben für die Öffentlichkeit zurückzog. Seine produktive schriftstellerische Leistung floss überwiegend in die Korrespondenz, sodass er selbst einerseits meinte, er habe sich in seinen Briefen verschleudert, und die Briefe andererseits als »wichtigen teil meiner schriftstellerei« (Brief 80) bezeichnete. Und umgekehrt, aus Sicht seines Werkes, schreibt er während der Niederschrift der Insel: »meine schreiberei hat immer noch epistuläre anklänge.« (Brief 210)

Kurzum: Thelens Briefe und sein Werk sind nicht frei von gegenseitigen Beeinflussungen, und seine Briefe stellen einen wichtigen Teil seines literarischen Gesamtwerks dar. Zudem ist bei einem Autor, der sich in einem schöpferischen Zeitraum von mehr als 50 Jahren nur zur Veröffentlichung von zwei Erinnerungswerken, vier Gedichtbänden, einer Erzählung und einer Handvoll Übersetzungen durchringen konnte, die Erweiterung seines Œuvres mehr als willkommen.

Was erwartet die Leser der Briefe, und wie wurden diese Briefe zusammengetragen? Insgesamt hat Thelen in mindestens fünf Sprachen (Deutsch, Niederländisch, Spanisch, Portugiesisch und Englisch) mit mehreren Hundert Adressaten korrespondiert. Die Briefe sind über ganz Europa verstreut, und allein die Beschaffung glich einem langfristigen Abenteuer. Wobei das Wort »langfristig« durchaus wörtlich zu nehmen ist.

Für den vorliegenden sowie die beiden weiteren geplanten Bände konnten die Herausgeber auf fünf Hauptquellen zurückgreifen. Zunächst und in erster Linie auf die beiden Privatarchive von Leo Fiethen und Jürgen Pütz, in denen seit nahezu 30 Jahren Brieforiginale und Briefkopien gesammelt werden. Hier befinden sich u.a. die gesamte Korrespondenz mit der Familie, die davon getrennte mit Bruder Julius Thelen, die umfangreichen Briefwechsel mit den Verlegern Diederichs und Olms, die Korrespondenz mit dem Claassen Verlag sowie zahlreiche kleinere Briefwechsel. Die wichtigsten öffentlichen Einrichtungen sind das Stadtarchiv in Viersen (umfangreiche Briefsammlung kleinerer und größerer Briefwechsel aus sechs Jahrzehnten), das Letterkundig Museum in Den Haag (hauptsächlich niederländische Korrespondenz, u.a. mit Thelens Ursprungsverleger van Oorschot, den Verlegern Salm und Kollár sowie mit deutschen und niederländischen Autoren) und das Literaturarchiv in Marbach am Neckar (wichtiger und sehr umfangreicher Briefwechsel mit dem Buchhändlerehepaar Barbara und Peter Jud). An weitere Briefe gelangten die Herausgeber durch Aufrufe in den einschlägigen Feuilletons.

Das Gesamtmaterial ist so umfangreich, dass die Ausgabe auf drei Bände angelegt ist.

Band 1 (1929–1953) umfasst die Jahre des Aufbaus, des Exils und der Suche nach einer literarischen Standortbestimmung bis zum Erscheinen der Insel, Band 2 (1954–ca. 1977) die Jahre des Erfolgs und des Rückzugs und Band 3 (ca. 1978–1989) die Zeit der Wiederentdeckung und der späten Veröffentlichungen.

Bei aller Freude über die Materialfülle und den zum Teil hohen Unterhaltungswert war zu keinem Zeitpunkt die Veröffentlichung sämtlicher Briefe geplant. Zu oft vermittelt Thelen dieselben Informationen an diverse Briefpartner, zu ermüdend wirken, besonders in den späteren Jahren, die Klagen über gesundheitliche Probleme, und zudem: Wo wäre der Verlag, der eine mindestens zehnbändige Thelen-Briefausgabe riskierte?

Aber auch die nun geplante dreibändige Ausgabe liefert eine repräsentative Auswahl des Thelenschen Briefwerks. Aufgenommen wurden insbesondere Briefe, die Informationen enthalten über:

– Thelens Biographie (die Zeit auf Mallorca, Leben im Exil, Orts- und Wohnungswechsel, wichtige Reisen, persönliche Entwicklungen, Erfolge und Niederlagen)

– Thelens Werk (frühe Verlagskorrespondenzen, Übersetzungen, sein Engagement für Teixeira de Pascoaes, eigene Texte, Verlagssuche sowie die lückenlose und überaus spannende Entstehungsgeschichte der Insel)

– Zeitgeschichte (aufkeimender Nationalsozialismus, Krieg, Exilsituation, das Leben als Staatenloser, Nachkriegsalltag).

In der Summe glänzen Thelens Briefe nicht in erster Linie durch die großen Namen der Briefempfänger. Zwar gibt es Briefe etwa an Thomas Mann, Hermann Hesse, Harry Graf Kessler und Albert Schweitzer, aber z. B. die niederländischen Autoren, mit denen Thelen in den frühen Jahren korrespondierte, sind in Deutschland nahezu unbekannt. Den Glanz liefern nicht die fremden Juwelen. Thelen strahlt in seinen Briefen allein: durch seine stilistischen Galoppsprünge, seine humoristischen Pirouetten, erzählerischen Eskapaden und, immer wieder, durch seine Neologismen. Thelen erfindet – auch in seinen Briefen. Er erfindet Wörter und Geschichten. Wie etwa die wunderbare und unglaubliche Geschichte, die er am 9.3.1944 (Brief 87) erzählt: In einer Straßenbahn im Porto weht der Wind das Taschentuch einer jungen Frau in den Schoß des ihr gegenübersitzenden Herrn. So weit, so alltäglich. Aber Thelen denkt die Geschichte weiter, dreht sie durch seine »Phantasiemaschine« und lässt sie in einem Drama enden, das eine enorme Dynamik entwickelt. In diesen und zahlreichen weiteren Fällen lässt Thelen in seinen Briefen Literatur stattfinden. Zur Freude seiner Leser.

Ein Großteil der hier abgedruckten Briefe, insbesondere in den frühen Jahren, ist an niederländische Autoren gerichtet. Den Kontakt zu ihnen suchte Thelen schon von Deutschland aus, um in den Literaturbetrieb einzusteigen – zunächst als Übersetzer.

Befreundet ist Thelen mit Menno ter Braak, einem der führenden Essayisten seiner Zeit; und ter Braak beschäftigt Thelen unter Pseudonym jahrelang als Rezensenten für deutsche Exilliteratur. Befreundet ist er mit dem bedeutenden Lyriker Hendrik Marsman, der zum Entsetzen seiner Frau anlässlich eines Zwischenstopps auf der Reise nach Rom bei den Thelens kurzerhand den gemeinsamen Urlaub abbricht, um Thelen bei der Übersetzung von Pascoaes zur Hand zu gehen. Ein guter Freund ist der rund 15 Jahre ältere Jan Greshoff, ebenfalls ein bedeutender Lyriker, der vor dem Einmarsch der Nazis sein Heil in Südafrika sucht; nicht zu reden von den Autorenfreunden Albert Helman (Lou Lichtveld), Victor Emanuel van Vriesland oder Edgar du Perron. Helman und Greshoff werden den Krieg überleben – ter Braak, Marsman und du Perron nicht. Alle sind sie bis heute dem deutschen Lesepublikum unbekannt geblieben.

Bleibt die Frage, was den Leser über das Geschilderte hinaus konkret erwartet. Deshalb folgt hier ein kurzer Überblick über den Inhalte der Briefe.

Schon früh, im Alter von 25 Jahren, beginnt Thelen eigene Texte anzubieten. Unter anderem, was bislang unbekannt war, ein Hörspiel mit dem Titel 1914 (Brief 5). Doch seine Versuche, in die Welt der Literatur einzusteigen, gestalten sich mühsam. Den zum Teil naiv vorgetragenen Anfragen folgen Absagen der Verlage. Aber Thelen lässt nicht locker und bietet neben eigenen Texten Übersetzungen aus dem Niederländischen an. Ebenfalls mit wenig Erfolg. Dennoch zeigen die Versuche, dass er fest entschlossen ist, nach Studien der deutschen Sprache und Literatur, der Niederlandistik und der Zeitungswissenschaften seinen Lebensunterhalt mit Literatur zu bestreiten.

Das Ausbleiben des Erfolgs trug wahrscheinlich mit dazu bei, dass Thelen, gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Beatrice Bruckner, im August 1931 Deutschland verließ. Die vordergründige Absicht, auf Mallorca Beatricens Bruder Peter Zwingli Bruckner zur Seite zu stehen, erscheint nach Lektüre der Briefe in einem neuen Licht. Thelen hatte nichts zu verlieren. In Deutschland hinterlässt er kaum etwas. In einem der ersten Briefe von Mallorca schreibt er, dass seine Lebensgefährtin und er keineswegs daran denken, gleich wieder abzureisen. Ganz im Gegenteil: »alles das wird es uns möglich machen, hier zu leben«, schreibt er am 8.8.1931 (Brief 14).

Briefe von Mallorca sind leider Mangelware; vieles wird verloren gegangen sein. Deshalb sind die 14 vorliegenden Briefe von der Insel um so wertvoller. Die meisten von ihnen sind sehr umfangreich und äußerst unterhaltsam, auch, aber längst nicht nur, wegen der sogenannten »Hurenabenteuer«, in die Thelens Schwager geraten war.

Aufschlussreich wird für die Thelen-Forschung ein Vergleich der Mallorca-Briefe mit seinem 20 Jahre später erschienenen Erinnerungswerk Die Insel des zweiten Gesichts sein. Deshalb gibt es in den Anmerkungen zur vorliegenden Briefausgabe immer wieder Hinweise auf inhaltsidentische Stellen. Wobei eines ganz deutlich festzuhalten ist: Der Autor der Briefe, Albert Vigoleis Thelen, ist nicht identisch mit dem Vigoleis der Insel. Wissenschaftlich betrachtet, ist Vigoleis eine literarische und damit eine erfundene Figur, eben der »Doppelgänger seiner selbst«, wie Thelen schon im Motto seiner Insel klarstellt. Dieses Motto ist nachweislich vor der Niederschrift des Buches sozusagen als Kompositionsprinzip des Autors festgehalten worden. Klar ist aber auch, dass Thelen ein beziehungsreiches Spannungsverhältnis zwischen dem Protagonisten Vigoleis und sich selbst als Autor aufgebaut hat. Genauere Auskunft hierüber gibt die bislang erschienene Sekundärliteratur.

Nach dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs im Juli 1936 und Thelens Flucht von Mallorca beginnen für Beatrice und ihn die Jahre der Verfolgung und des Exils. Da Beatrice Schweizerin ist, suchen die beiden zunächst Zuflucht in ihrer Heimat. Doch die Schweiz will sie nicht. Nach Deutschland können sie auch nicht zurück, da Thelen sich auf Mallorca offen gegen die Nationalsozialisten gestellt hat. Wo also sollen sie hin? Portugal ist eine Option und sogar die Rückkehr nach Mallorca vorstellbar. »wir wissen immer noch nicht, was mit uns geschieht«, schreibt Thelen am 14.1.1939 (Brief 46) an Meulenhoff, »wir sind natürlich skeptisch wie jedes gejagte wild.« Nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen und dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verschärft sich die Lage nochmals, und die beiden landen nach einer dramatischen Reise schließlich auf dem Weinschloss von Teixeira de Pascoaes bei Amarante im Norden Portugals.

Thelen hatte das Werk von Pascoaes auf Mallorca kennengelernt, hatte begonnen, es zu übersetzen und auch Kontakt zu dem Schriftsteller und Mystiker aufgenommen. Dessen Einladung nimmt Thelen gerne an, beabsichtigt aber, wie aus Brief 59 hervorgeht, seine Gastfreundschaft nur ein halbes Jahr in Anspruch zu nehmen. Zudem wollten Beatrice und Albert Vigoleis Thelen Portugal nur als Zwischenstation für eine Weiterreise nach Übersee nutzen (Brief 57). Aber die beiden werden fast acht Jahre, bis Anfang 1947, in Portugal bleiben.

Obwohl Thelens Briefe an Pascoaes im Herbst 2000 veröffentlicht wurden (Weidle Verlag, Bonn), bieten die jetzt zugänglich gemachten Briefe über Pascoaes zahlreiche zusätzliche Detailinformationen über den Portugiesen sowie Thelens Verhältnis zu ihm. So scheint Thelen die wirtschaftliche Abhängigkeit von Pascoaes stärker belastet zu haben, als bislang angenommen wurde: »seit nunmehr drei jahren und einem monat liegen wir dem guten mann in allem auf der tasche.« (Brief 80) Diese Situation wird sich bis zum Ende des Aufenthalts nicht ändern. Aufschlussreich sind auch Thelens Kommentare zum Testament von Pascoaes, dessen schwieriges Verhältnis zu seiner Familie (»thelen, du wirst sehen, nicht einmal im tode wird meine familie mich achten …«, Brief 222) sowie die überraschende Äußerung Thelens, dass Pascoaes »menschlich keinen großen wert gehabt« habe. (Brief 225)

Diese Aussage verwundert umso mehr, als Thelens grenzenlose Bewunderung für das Werk des Portugiesen während der gesamten Zeit seines Aufenthalts auf dessen Schloss – und auch danach – ungebrochen ist. Die Briefe dokumentieren zum Beispiel Thelens Bemühungen, Pascoaes für den Literatur-Nobelpreis vorzuschlagen. Thelen bittet auch Thomas Mann, sich in diese Richtung zu engagieren. Doch Mann gebraucht das Vorschlagsrecht, das er als Nobelpreisträger hat, seit Jahren für Hermann Hesse.

Festzuhalten bleibt, dass Thelen und seine Frau die Zeit während der Nazidiktatur mit Hilfe von Pascoaes überlebt haben. »Wir waren auf seinem Hof sicher«, schreibt Thelen 1952 an Meulenhoff, »7 Jahre, und das in einer Zeit, wo unsere Freunde in Auschwitz vergast wurden.« (Brief 221) Daraus resultiert auch die biographisch bemerkenswerte Tatsache, dass Beatrice und er die portugiesische Sprache seit den 1940er-Jahren zu ihrer Alltagssprache erhoben und lebenslang beibehalten haben. (Brief 207) Diese Sprache, so betonten sie später vielfach in Gesprächen, rettete ihnen das Leben.

Zwei Jahre nach Beendigung des Kriegs verlassen die Thelens Portugal und übersiedeln in die Niederlande. Für den Schriftsteller Thelen, der immer noch fest entschlossen ist, seinen Lebensunterhalt mit Literatur zu bestreiten, wird sich die Entscheidung, nach Amsterdam zu gehen, als Glücksgriff erweisen. Hier – und nicht in Deutschland – bestehen Kontakte zu schreibenden Kollegen und zu Verlagen.

Aber zunächst ist Thelen extrem unzufrieden, hadert mit seinem Schicksal und gerät in eine depressive Phase. »abgesehen von meinen laufenden arbeiten an übersetzungen (die mir wie die ganze literatur zum halse heraushängen)«, schreibt er am 3.3.1948 (Brief 111) an seinen Bruder Ludwig, »verdämmere ich meine tage und die schlaflosen nächte mit dem schreiben von gedichten. das sind keine angenehmen zustände, ich versinke immer tiefer in eine weltfremde und selbstfeindliche sphäre […].«

Thelens Krise ist nur zu verständlich. Er ist 44 Jahre alt, schreibt Gedichte, die keiner druckt, und arbeitet an Übersetzungen, mit denen er kaum etwas verdient. Er spricht von der »addition der alltagssorgen«, den »tage[n] der stillen beschränkung« und davon, »wie sehr wir dem stand der kleinen leute zugeschrieben sind«. (Brief 126) Und er hadert mit seiner Situation als mittelloser Schriftsteller: »ich habe viel zu tun, leider nur literarisches, was nichts oder kaum etwas einbringt. immer wieder ertappe ich mich dabei, lieber ein schuster geworden zu sein als das undefinierbare, was ich nun bin.« (Brief 134)

Thelen bleibt Schriftsteller, und das »Undefinierbare« soll schon bald Konturen bekommen. Er wird ein eigenes großes Werk verfassen und diesen Schritt als »meine Emanzipation« (Brief 190) empfinden. Es wird sogar ein Bestseller werden. Doch den Erfolg wird er sich weitere drei Jahre hart erarbeiten müssen. Mit einem Paukenschlag meldet sich Thelen schließlich in der kahl geschlagenen Literaturlandschaft Deutschlands zu Wort und wird von der Literaturkritik euphorisch gefeiert. Die Insel ist das literarische Ereignis des Jahres 1953.

Was in der Insel geschildert wird, erlebte Thelen in den 1930er-Jahren. Aufgeschrieben hat er es zu Beginn der Fünfziger. Die Planung der Niederschrift eigener Erinnerungen liegt genau in der Mitte. Dabei beabsichtigt Thelen zunächst nicht, über seine spanischen Jahre, sondern über seine Erlebnisse in Portugal zu berichten. Er bezieht sich auf seinen Aufenthalt auf Schloss Pascoaes und in Travanca do Monte, einem Bergdorf oberhalb des Schlosses, wenn er am 4.10.1942 (Brief 81) schreibt: »Es wird dies ein neues Hauptstück in meinen künftigen Memoiren, die sicher mal im Rhein-Verlag erscheinen und von vielen Freunden schon seit Jahren mit Spannung erwartet werden.« Der Adressat dieser Zeilen ist der Verleger Meulenhoff, der auch gemeint ist, wenn Thelen knapp zwei Monate später an seine Mutter schreibt: »mein holländischer verleger bittet mich in seinem letzten brief, ihm für seinen verlag ein buch reiseerinnerungen zu schreiben.« Wobei deren Inhalt bereits seine »seltsamen abenteuer vor allem in spanien« (Brief 83) sein sollen.

Drei Jahre später, Thelen lebt immer noch in Portugal, greift er das Thema eines eigenen Werks in einem Brief an den bisher in keiner Verlags- und Exilgeschichte auffällig gewordenen Verleger Koloman Kollár wieder auf: »dann werde ich mich wohl oder übel daran machen müssen, endlich meine Reiseerlebnisse aus fünfzehn Jahren zu Papier zu bringen für Meulenhoff, der sie schon seit langem erwartet. […] Unglücklicherweise habe ich die ärgsten Hemmungen, mich selbst als den Mittelpunkt eines Buches erscheinen zu lassen.« (Brief 90)

Und als Thelen dann wenig später wieder an Meulenhoff schreibt, er erlebe auf dem Gut von Pascoaes Geschichten, die »von keinem so ohne weiteres geglaubt werden« (Brief 91), drängt sich der Eindruck auf, er werbe geradezu für ein solches Werk bzw. suche einen Verleger. Denn er fährt fort: »Wenn ich Mut und Talent hätte, ein Buch daraus zu machen, es könnte ein Bestseller werden.«

Er sollte Recht behalten und tatsächlich einen Bestseller schreiben, der aber weder im Rhein-Verlag noch bei Meulenhoff erscheinen wird. Die Gründe sind die schon erwähnten Kontakte in Amsterdam. Wie er am 19.3.1947 seiner Mutter mitteilt, wird er dort »mitglied eines sehr exklusiven künstlerklubs« (Brief 101). Im drei Tage später formulierten Brief an Barbara und Peter Jud wird aus dem exklusiven Klub ein »künstlerkreis« (Brief 102). Entscheidend aber ist, dass Thelen immer wieder aufgefordert wird, seine Geschichten zu erzählen und diesen Aufforderungen als geborener Quatsch- und Prallerzähler auch gern nachkommt.

Als geradezu schicksalhaft kann die Tatsache bezeichnet werden, dass an jenen Treffen ein niederländischer Verleger teilnahm, der von Thelens Erzählungen ebenso begeistert war wie die übrigen Teilnehmer. In einem rückblickenden Brief an den Schweizer Verleger Max Rascher schildert Thelen eines der Treffen so: »Im Hause eines mir befreundeten Schriftstellers kam das Gespräch auf die Memoirenliteratur im allgemeinen. Ich äußerte mich ziemlich gewagt über eine Art Erinnerungswerk, das ich ›angewandte Erinnerungen‹ nennen würde, wenn es überhaupt einem unberühmten und unbekannten Menschen zugebilligt sei, welche zu veröffentlichen. Ein paar Tage später erschien bei mir zuhause ein Verleger, der dem Gespräche beigewohnt hatte, und legte mir einen unterzeichneten Vertrag vor: bitte schreiben Sie mir ein Buch in dem von Ihnen angedeuteten Sinne. Ich war dadurch so in die Enge getrieben, daß ich den Kontrakt unterschrieb und dann mir selber buchstäblich einen Tritt versetzte und zu schreiben begann.« (Brief 190)

Der Verleger ist Geert van Oorschot, Herrscher über einen mittelständischen Verlag in Amsterdam und als ehemaliger Hafenarbeiter eine wahrlich exotische Figur der niederländischen Verlagsszene. Die Lektüre der jetzt vorliegenden Briefe belegt, dass Die Insel des zweiten Gesichts ohne van Oorschot nie erschienen wäre. Vielleicht wäre van Oorschot mit seinem Angebot vorsichtiger gewesen, wenn er das Ergebnis, zumindest aber den Umfang des Werks, geahnt hätte. Der Niederländer hatte zugegriffen, nachdem er Thelen hatte erzählen hören. Doch er steht auch dann noch bedingungslos zu seinem Autor, als das Manuskript auf gewaltige 1500 Seiten anwächst. »geert ist nicht kleinzukriegen«, schreibt Thelen am 5.3.1953 (Brief 231) an die Juds. Und das wird er seinem Verleger und Entdecker lebenslang zugute halten. Auch als später Zwistigkeiten rund um die Insel beginnen und ein Ausmaß annehmen, das die Lieferbarkeit des Buches in Frage stellt, hält Thelen zu ihm und nimmt ihn in Schutz: »mein Freund Geert ist die lauterste Seele der Welt; an ihm ist kein Arg«. (Brief 280)

Deutschen Verlegern ist das Werk »zu mächtig«; so etwa Caspar Witsch (Kiepenheuer & Witsch), der zudem nicht glaubt, »daß für spanische abenteuer heute in deutschland genügend interesse sei. dies im offiziellen schriftwechsel. mündlich teilte der verleger dem van oorschot mit, die »anti-nationalistische mentalität« sei der grund, weshalb sie eigentlich ablehnten. (Brief 227 vom 10.2.1953) Andere deutsche Verleger hegen andere Bedenken, die Insel in ihr Programm aufzunehmen.

Van Oorschot aber ist weiterhin fest entschlossen, eine Veröffentlichung der Insel auch ohne deutschen Partner allein für den niederländischen Markt zu wagen, und dennoch ist er gut beraten, sich trotz aller Rückschläge um einen deutschen Lizenznehmer zu kümmern. Das Ergebnis ist bekannt. Nach zahlreichen Bemühungen und diversen Umwegen wird der Eugen Diederichs Verlag die Insel in Deutschland, Österreich und der Schweiz in Lizenz vertreiben.

Dabei zauderte Dr. Peter Diederichs bis zum Schluss. Und im Grunde kann man ihm dies nicht übel nehmen, denn das – in der späteren Druckfassung – tausendseitige Erinnerungswerk über Mallorca, diese Parodie auf die Memoirenliteratur, die im Gewand eines Schelmenromans daherkommt, passt eigentlich nicht in sein Verlagsprogramm. Die Briefe belegen, dass es letztlich seine Frau war, Dr. Ursula Diederichs, die dringend dafür plädierte, sich das Werk des unbekannten Thelen nicht entgehen zu lassen. Bei Thelen hört sich das so an: »sie, charmante kleine hexe, hätte gerne ›so was‹ im verlag, und sie wollte immer wieder neue geschichten daraus hören und triezte ihren peter, der sagte: nur rowohlt kann so was heute bringen, mit: aber muß denn rowohlt immer alles haben?« (Brief 231 vom 5.3.1953)

Rowohlt muss nicht immer alles haben, und Rowohlt bekommt auch nicht immer alles. Ursula Diederichs setzt sich durch, und Peter Diederichs wird sein Einlenken nicht bereuen. Er inszeniert eine hervorragende Pressekampagne und hat maßgeblichen Anteil an dem Erfolg des Buchs, das am 1.11.1953 gleichzeitig in den Niederlanden und in Deutschland erscheint. Und Thelen wird Ernst Rowohlt mit den Worten zitieren: »Verdammt, die ›Insel‹ ist mir dadurch gegangen …« (Brief 267 vom 27.11.1953).

Aus dem Quatschverzapfer Thelen ist ein Bestsellerautor geworden. Doch schon bald ziehen dunkle Wolken auf in Gestalt eines Streits zwischen dem Thelen-Entdecker und Urverleger Geert van Oorschot und dem Lizenznehmer Peter Diederichs. Als Diederichs Exemplare der Insel nachbeziehen will, erhöht van Oorschot unangemessen den Preis. Und den Niederländer befallen Ängste, sein Autor, dessen Erfolg sich naturgemäß in Deutschland abspielt, könne ihm untreu werden. Thelen belasten die Zwistigkeiten außerordentlich. Aber damit sind wir schon im Jahr 1954 und längst im nächsten Band …

Köln, im März 2010

Ulrich Faure und Jürgen Pütz

ZUR EDITION

Alle hier abgedruckten Briefe folgen dem Wortlaut Thelens. Auch seine, wie er es nannte, »minuskeltipperei« wurde grundsätzlich beibehalten, mit einer Ausnahme: Aus dem Niederländischen rückübersetzte Briefe werden »normal« wiedergegeben. Offensichtliche Tippfehler wurden stillschweigend korrigiert. Nicht angetastet wurden hingegen Eigenheiten der Schreibweise; so z. B. das durchgängige »ect«, das Thelen statt »etc« setzt, der Wechsel zwischen p.p. und pp, der gelegentliche Gebrauch von »Täge« statt »Tage« oder die gleichberechtigte Verwendung von »Manuskript« und »Manuscript«.

Von zahlreichen Briefen sind nur unkorrigierte Durchschläge erhalten – offensichtliche Tippfehler wurden auch hier korrigiert. Unbekannt bleibt, was Thelen nach der Maschinenschrift per Hand hinzufügte. Durchschläge in dieser Edition tragen grundsätzlich keine Unterschrift. Das symbolisierte Kreuz, das Thelen etwa ab 1941 hinter seinen Namen setzte, wird hier mit einem + wiedergegeben.

Die Frage der Rechtschreibung ist bei Thelen zumeist die Frage, welche Umlaute ihm auf der Schreibmaschine zur Verfügung standen. Erst Ende 1950 hatte Thelen eine Maschine mit dem Buchstaben ß, und dennoch fiel er immer wieder in seine alte Gewohnheit zurück, ss statt ß zu tippen, deshalb finden sich in späteren Briefen oft Mischungen in der Schreibweise.

Auslassungen sind durch eckige Klammern […] gekennzeichnet. Thelen hat oft an verschiedene Briefpartner Gleichlautendes geschrieben – in solchen Fällen haben sich die Herausgeber leicht zu Auslassungen entschließen können. Detailliert lassen sich in Thelens Briefen auch Korrekturanweisungen bei Übersetzungen verfolgen – das alles wiederzugeben hätte den Rahmen dieser Ausgabe deutlich gesprengt.

Ab 1938/39 geht Thelen dazu über, immer längere Passagen auf Niederländisch in seine Korrespondenz einzustreuen. Wurden bis dahin einzelne niederländische Wörter in Fußnoten erläutert, werden später längere niederländische Passagen gleich auf Deutsch wiedergegeben und kenntlich gemacht.

Handschriftliche Ergänzungen Thelens stehen ebenfalls in eckigen Klammern. Die Kommentare und Anmerkungen beschränken sich auf die nötigsten Angaben.

Nicht alle Anspielungen und in den Briefen genannte Personen haben sich ergründen lassen, da nur in den seltensten Fällen Gegenbriefe erhalten sind.

Die Verweise auf Insel-Stellen beziehen sich auf folgende seitenidentische Ausgaben: Claassen 1992, Büchergilde Gutenberg o.J., dtv ab 1999 (mehrere Auflagen), Deutscher Bücherbund o.J. (Bibliothek des 20. Jahrhunderts), Claassen 2003 (Ausgabe zum 100. Geburtstag Thelens mit einem Nachwort von Jürgen Pütz) und List Taschenbuch 2005 (identisch mit der »Geburtstagsausgabe«).

1] An: Dr. Franz A. Pfeiffer, München

Süchteln, 5.9.1929

Sehr geehrter Herr Verleger1,

gestatten Sie uns, mit einem Verlagsvorschlag an Sie heranzutreten, –

Seinerzeit bat uns der philosophische Schriftsteller Alexander, Grossfürst von Russland2, seine Werke ins Deutsche zu übertragen. Da wir glauben, dass auch in Deutschland Interesse für die Arbeiten dieses Mannes besteht, legen wir Ihnen einen Teil der Übertragung des Werkes VOTRE AME (Paris 1924, Editions de la France Contemporaine) zur gefälligen Durchsicht vor. Sie können sich dann leicht über die geistige Grundhaltung des Buches orientieren.

Indem wir Sie bitten, uns Ihre Stellungnahme mitzuteilen, zeichnen wir

ergebenst

Albert Vigoleis Thelen

Beatrice Bruckner3

  1. Verlag Hermann Rinn; der Verleger Hermann Rinn (1895–1974) war Mitherausgeber des Kunstwart. Pfeiffer dürfte Lektor gewesen sein.
  2. Alexander Michailowitsch Romanow (1866–1933). Seine Autobiographie erschien 1932 bei List.
  3. Beatrice Adele Bruckner (27.10.1901–19.1.1992), Thelens Lebensgefährtin und spätere Frau (Heirat am 6.7.1934 in Barcelona), war laut Thelen indianischen Ursprungs mit Verwandtschaft in Nord- und Südamerika (vgl. Brief 83 vom 1.12.1942). Sie lernten sich im Frühjahr 1928 auf der Kölner Pressa kennen, wo Thelen für ihren Bruder Albert Theophil Bruckner (vgl. Brief 13 vom 5.7.1931, FN 2) arbeitete. Sie blieben über mehr als 60 Jahre ein Paar und fungieren als Protagonisten in Thelens Erinnerungswerk Die Insel des zweiten Gesichts. Beatrice hat Thelen zeitlebens bedingungslos unterstützt, in schwierigen Zeiten den Unterhalt als Verlagsangestellte und Privatlehrerin verdient und wahrscheinlich auf eine Karriere als Pianistin verzichtet, vgl. Brief 162 vom 13.4.1951.

2] An: S. Fischer Verlag, Berlin

Süchteln, 19.10.1929

Sehr geehrter Herr Verleger, ich habe die Absicht, den jüngst bei Allert de Lange, Amsterdam, erschienenen holländischen Roman »Langs de paden der liefde« von Siegfried van Praag1 ins Deutsche zu übertragen. – Herr van Praag ist bereit, mir das Recht der Übersetzung einzuräumen, falls ich ihn mit einem führenden deutschen Verlagshaus in Verbindung bringe. Es wäre mir nun sehr erwünscht, wenn Sie mir mitteilen würden, ob Sie eventuell bereit sind, diesen holländischen Dichter in einer Übersetzung herauszubringen, damit ich Herrn van Praag weiteren Bericht geben kann, sofern Sie nicht selbst eine Verbindung mit dem Dichter suchen wollen. – In Heft I der Monatsschrift für Literaturfreunde »Die Literatur«2 (Oktober 1929) hat Simon Koster3 in seinem holländischen Brief orientierend über den Roman ausgesagt. Indem ich Ihrer sehr geschätzten Antwort entgegensehe, verbleibe ich

Ihr aufrichtig ergebener

Albert Vigoleis Thelen

  1. Siegfried E. van Praag (1899–2002). Das Buch erschien 1928.
  2. Die Monatsschrift für Literaturfreunde, herausgegeben von Dr. Ernst Heilborn, erschien von 1898 bis 1944 in der Deutschen Verlags-Anstalt.
  3. Simon Koster, niederl. Journalist. »Holländischer Brief« war eine Rubrik der Zeitschrift.

3] An: Willem Kloos, ’s-Gravenhage

Süchteln, 21.11.1929

Hochverehrter Herr Willem Kloos1,

verzeihen Sie im voraus gütigst, wenn ich mich als ein Unbekannter heute an Sie wende. Doch ist das die endliche Ausführung eines Planes, den ich seit langem mit mir herumtrage, und es ist wohl der geradeste Weg, den ich in meiner Angelegenheit tun kann. – Ich arbeite als Übersetzer niederländischer Prosa-Literatur – doch sage ich besser: ich habe begonnen, als solcher zu arbeiten. Von Herrn Siegfried van Praag habe ich das Übersetzungsrecht zu seinem Roman LANGS DE PADEN DER LIEFDE2 erhalten. Fischer in Berlin ist an dem Buch interessiert. Er hat mich gebeten, das Manuskript zur Durchsicht einzureichen. Doch es lockt mich, weitere Werke in deutschen Übertragungen herauszubringen, um so für die bei uns noch so wenig bekannte nachbarliche Literaturprovinz zu werben. Nun bin ich aus finanzieller Beschränkung nicht in der Lage, so auf der Höhe der niederländischen Neuerscheinungen zu bleiben, wie ich es als Übersetzer doch eigentlich sollte. Mit Ausnahme des NIEUWE GIDS3, den ich an der Kölner Universität noch manchmal Gelegenheit habe einzusehen, fehlt mir sozusagen jegliches bibliographische Hilfsmittel. Und dann kann ich mir auch nicht alle die angebotenen Bücher kaufen, um zu prüfen, ob sie sich für den Deutschen Büchermarkt eignen, ob ich sie mit gutem Gewissen einem Deutschen Verleger empfehlen kann. Ich habe deshalb die sehr grosse und wohl auch vermessene Bitte an Sie, hochverehrter Herr Kloos: würden Sie die Freundlichkeit haben, mir einige Prosawerke zu nennen, die auch über die Grenzen Ihres Landes hinaus von Bedeutung sind? Oder: gibt es eine Stelle, von der ich jeweils die nötigen Informationen beziehen kann? – Es handelt sich natürlich nur für die anfängliche Zeit dieser meiner Bemühungen, denn wenn ich die ersten Verlagsverträge fest in Händen habe, werden wohl die Mittel reichen, dass ich mich in Ihrem Lande nach allem umtun kann. Noch eins: widerspricht es den im niederländischen Verlagswesen herrschenden Gepflogenheiten, wenn ich bei besonders gerühmten Büchern die Verleger um Freiexemplare angehe? – Ich hätte mich gerne Ihrer Sprache bedient, doch gelingt mir nicht jede Wendung so wie es sollte, und ich fürchte allzusehr die heimlichen Germanismen. Doch hoffe ich auf Ihr gütiges Verstehen.

Ich darf wohl annehmen, dass Sie diesen Brief nicht als Belästigung empfinden und danke schon im voraus für Ihre geschätzte Bemühung.

Mit dem Ausdruck der tiefsten Verehrung

Ihr aufrichtig ergebener

Albert Vigoleis Thelen

  1. Willem Kloos (1859–1938), niederl. Dichter und Repräsentant der in den Achtzigerjahren des 19. Jh. beginnenden literarischen Bewegung der Achtziger (Tachtiger); sie markiert den Beginn der modernen niederl. Literatur. 1929 allerdings war Kloos’ Stern bereits im Sinken.
  2. Vgl. Brief 2 vom 19.10.1929.
  3. Seit 1885 erscheinende niederl. Literaturzeitschrift, Sprachrohr der Bewegung der Achtziger.

4] An: S. Fischer Verlag, Berlin

Süchteln, 27.11.1929

Sehr geehrte Herren,

ich lege Ihnen heute die mit Ihrem Schreiben vom 22. Oktober 29 erbetenen Unterlagen über den Roman »Langs de paden der liefde« zur gefälligen Durchsicht vor. Ich darf wohl annehmen, dass das Material genügt, ein Bild über das vorgeschlagene Werk zu formen1. Selbstverständlich bin ich sofort bereit, weitere übertragene Teile zur Lesung einzureichen und, falls es Ihnen erforderlich scheint, das Gesamtmanuskript des Romans. – Die Referate stammen aus der Feder anerkannter niederländischer Dichter und Kritiker. Ich habe sie als die Wesentlichsten aus einer Fülle von Besprechungen ausgewählt, die mir Herr van Praag zur Verfügung stellte. Natürlich stimmen sie nicht in allem auf’s Letzte überein, aber es geht aus allen die Bedeutung hervor, die man in den Niederlanden dem letzten Roman des jungen Dichters beilegt. Die Arbeiten von Uyldert2 und Hiegentlich3 enthalten gleichzeitig Inhaltsangaben in einem Umfang, wie ihn das handlungsarme Buch bedingt. Die Entwicklungsgeschichte einer süchtigen Seele vollzieht sich an jagend gehäuftem äusserem Geschehen, Rahel, die Heldin des Romans, tritt uns entgegen als der sucherische Mensch, der still aber voller Drängnis die Wege geht, die das Innen vorschreibt. »Langs de paden der liefde« nennt der Dichter diese Erzählung, das heisst zu deutsch etwa: Wege der Liebe. Doch der niederländische Titel sagt mehr aus, als es eine sinngemässe Verdeutschung vermag. Und das Wort »Liebe« lässt Vermutungen entstehen, die das Buch nicht erfüllt. Ich habe deshalb Herrn van Praag einen anderen Titel vorgeschlagen, der dem Wesen des Werkes mehr gerecht wird. Er heisst: RAHELS WEGE ZU GOTT. Van Praag hat sich mit dieser Änderung einverstanden erklärt.

Die Proben meiner Übertragung, die Sie erhalten, haben dem Dichter selbst vorgelegen. In einem Brief vom 24. cr.4 teilt er mir seine Zufriedenheit mit der »liebevollen« Übersetzung mit. Sollte es nun zu einem Abschluss mit Ihrem Hause kommen, so beabsichtigt Herr van Praag, die endgültige Niederschrift meiner Arbeit noch einmal durchzusehen. Sie haben also die Gewissheit, dass die Verdeutschung den Anforderungen des Autors entspricht.

Das Buch erschien 1928 in der Reihe »Moderne Niederländische Romane« bei Allert de Lange5 in Amsterdam. Es umfasst 241 Seiten.

Ich hoffe, dass Sie mit meinen Ausführungen zufrieden sind und zeichne, zu weiteren Diensten gerne bereit,

Ihr aufrichtig ergebener

  1. S. Fischer lehnt den Roman am 6.12.1929 ab.
  2. Maurits Uyldert (1881–1966), niederl. Autor.
  3. Jacob Hiegentlich (1907–1940), niederl. Autor. Er debütierte im Alter von 15 Jahren.
  4. Lat. currentis: »des laufenden« Jahres oder Monats.
  5. 1880 gegründeter Verlag, der 1933 auf Initiative der Frau von Siegfried van Praag, Hilda van Praag-Sanders, eine deutsche Exilabteilung erhält – daraus wird neben Querido einer der bedeutendsten deutschen Exilverlage in den Niederlanden.

5] An: Literarische Leitung des Frankfurter Rundfunksenders, Frankfurt

Süchteln, 17.2.1930

Sehr geehrte Herren,

ich möchte mir gestatten, Ihnen die Niederschrift eines Hörspiels (»1914«)1 zur gefälligen Prüfung vorzulegen. – Falls diese Prüfung ergibt, dass Sie einer Aufführung näher treten wollen, so wäre natürlich meinerseits noch manche Arbeit zu leisten: Arbeit, die sich bei der Einübung ergeben kann und Arbeit etwa bezüglich der Komposition. Denn ich möchte gerne dem Komponisten näher darlegen, wie ich mir die Schlussmusik denke. Ich habe sie die »Symphonie des Blutes« genannt, eben weil es die Aufgabe der Schlussmusik sein soll, alle Begeisterung und Verzweiflung, alle Not und allen Tod des Krieges anzudeuten und vorahnend zu umreissen. Die Regieanmerkungen, die ich jeweils eingefügt habe, sollen nur Hinweise sein, sie sind keinesfalls endgültig gefasst. – Ich darf wohl annehmen, dass Sie die Lesung der ja wenig umfangreichen Niederschrift vornehmen, andernfalls bitte ich höfl. um Rücksendung des Manuscriptes.

Hochachtungsvoll ergebenst

  1. Der Text der in anderen Anschreiben »Hörfolge« genannten Arbeit ist nicht erhalten. Thelen bietet ihn auch dem Westdeutschen Rundfunk in Köln, dem Ostmarken Rundfunk in Königsberg und der »Deutschen Stunde« in Bayern an, erhält aber von allen Sendern Absagen. Thelen versucht hier zum ersten Mal, einen eigenen Text unterzubringen.

6] An: Victor Emanuel van Vriesland, Amsterdam

Süchteln, 18.3.1930

[Brief auf Niederl.]

Sehr geehrter Herr van Vriesland1 ,

per Drucksache habe ich gestern den dritten Teil meiner Übersetzung2 an Sie abgeschickt. – Manche Nacht habe ich über dem nicht immer hellen Werk zugebracht, aber nun, da der erste Anlauf vollbracht ist, möchte ich ein Wort aus Timmermans Bruegel-Buch3 gebrauchen: Gottseidank, dass es geschafft ist, ich habe lange daran gearbeitet, aber viel Glück damit gehabt. – Lange daran gearbeitet, aber Sie werden sagen, dass es nichts ist im Vergleich mit der Zeit, die Sie dafür aufgewendet haben. – Den zweiten und dritten Teil habe ich, wo es möglich war, wörtlicher übersetzt, um die Eigenart Ihres Stils zu wahren. Ich glaube sagen zu dürfen, dass mir das einigermassen geglückt ist, was ich von einer Übersetzung fordere: dass man den ursprünglichen Autor liest und nicht den Übersetzer. Aber das letzte Wort dazu muss ich Ihnen überlassen.

Ich füge Ihnen eine Seite Probeübersetzung des oben genannten Teils hinzu. Ich habe versucht, das niederrheinische Idiom zu verwenden, es ist breit und nicht so spitz wie z. B. der Berliner Dialekt. In einigen Tagen werde ich Ihnen dieselbe Seite auch im Idiom der Berliner Mittelklasse schicken; Sie können dann sehen, was das beste ist4 .

Ich hoffe, dass ich Ihnen nicht zu sehr auf die Nerven gehe mit meinen Probeübersetzungen und dass Sie nachsichtig sein werden mit den Fehlern in meiner Arbeit (und diesem Brief).

Mit kollegialem Gruss bin ich hochachtungsvoll

  1. Victor Emanuel van Vriesland (1892–1974), niederl. Schriftsteller, Kritiker und Essayist. Ab 1945 Vorsitzender des niederl. PEN. Am 24.12.1929 schreibt er Thelen, es sei immer sein Wunsch gewesen, auf Deutsch zu erscheinen. Da die Probeübersetzung »einen ernsthaften Eindruck mache«, erlaube er sich, Thelen eine ganze Reihe (nicht erhaltener) kritischer Anmerkungen zu unterbreiten.
  2. Thelen übersetzte den 1926 bei Querido erschienenen Debütroman Het afscheid van de wereld in drie dagen (Abschied von der Welt in drei Tagen). Die Übersetzung hat er – wie so vieles – später vernichtet (Vgl.: Hans Ester: »Gespräch mit Albert Vigoleis Thelen«. In: Albert Vigoleis Thelen. Hrsg. v. Jattie Enklaar und Hans Ester, Amsterdam 1988, S. 8–18.).
  3. Felix Timmermans (1886–1947), niederl. Schriftsteller. Gemeint ist die Biographie Pieter Bruegel, die 1928 auf Niederländisch und Deutsch erschien.
  4. Van Vriesland dankt Thelen am 24.3.1930 (auf Deutsch): »Sie haben eine grosze und ungeheuer schwere Arbeit geleistet.«

7] An: Victor Emanuel van Vriesland, Amsterdam

Süchteln, 8.7.1930

Sehr geehrter Herr van Vriesland,

ich bestätige Ihnen gerne den Empfang des Manuscriptes und Ihres Briefes vom 4. cr. – Mit aufrichtiger Freude habe ich gesehen, dass Sie keine Zeit und Mühe gescheut haben, meine Arbeit einer ausserordentlich sorgfältigen Durchsicht zu unterziehen. Ich bin Ihnen dafür vielmals zu Dank verpflichtet. Ohne diese Ihre Mitarbeit hätte ich die Übertragung ja niemals gut abliefern können, es sei denn, dass ich eine sehr freie Nachgestaltung daraus gemacht hätte. Dann hätte aber das Buch seinen eigentlichen Wert verloren. Ich kann Ihnen auch die Versicherung geben, daß ich Ihre Anmerkungen vollständig aufnehmen werde, auch wenn es hie und da gegen den deutschen Stilgebrauch gehen sollte. Ich erkenne klar, dass nur so die Übersetzung dem Original gleichkommen kann, soweit das bei der Eindeutschung eben möglich ist. Die Ihrerseits aufgewandte Arbeit wird nicht umsonst gewesen sein. – Ihre Wünsche bezüglich der Abrechnungen, Verfasserexemplare und Kritiken werde ich selbstverständlich erfüllen. – Dass Sie Rilkes Cornett [sic] übertragen haben1, interessiert mich sehr. Ich verdanke Rilke innerlich viel, und seine Bücher sind für mich allesamt Kostbarkeiten, die ich hüte wie einen Schatz. Es freut mich sehr, dass Sie mir ein Exemplar der Übertragung schicken wollen. – Wegen der Dialektangelegenheit werde ich mich noch an Sie wenden.

Ich habe Ihnen diesmal wiederum deutsch geschrieben. Die Gründe kennen Sie wohl und Sie werden es mir nicht verargen.

Indem ich Sie freundlichst grüsse, verbleibe ich bis auf weiteres

Ihr dankbar ergebener

Albert Vigoleis Thelen

  1. Van Vriesland hat es in seinem Brief ebenso falsch geschrieben.

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Der Übersetzer van Vriesland widmet Rilkes »Cornet« seinem Übersetzer Thelen

© Thelen-Sammlung Dr. Leo Fiethen

8] An: Victor Emanuel van Vriesland, Amsterdam

Süchteln, 3.9.1930

Sehr geehrter Herr van Vriesland,

entschuldigen Sie bitte, dass ich Ihre Zeilen vom 21. August noch nicht beantwortete; wegen mancherlei Arbeiten habe ich es immer wieder aufgeschoben. Heute mahnt mich aber Ihr Brief vom 1. cr. an das Versäumnis. Ich danke Ihnen vielmals für Ihre Bemühungen um den Dialektmonolog. Ich habe da nur ganz wenig ändern müssen, die allermeisten Ausdrücke und Formulierungen gaben genau das Original wieder, was Sie natürlich nicht so beurteilen können. Da gibt es in diesem Dialekt z. B. Ausdrücke, die je nach Stellung und Betonung verschiedene Bedeutung haben. Ich habe sie aber nach Möglichkeit nun ausgemerzt, da nur einer, der den Dialekt sehr gut beherrscht, diese Unterschiede herausspüren kann. Den Monolog habe ich mit einer Anmerkung versehen, der [sic] im Wesentlichen das aussagt, was Sie mir in früheren Briefen mitteilten.

Die Anmerkung lautet so: Der nachfolgende Monolog ist im Original in einer kleinbürgerlichen Sprache geschrieben, die gewissermassen ein allgemeingültiges, sozusagen synthetisches Mixtum compositum aller Grossstadtdialekte darstellt, ohne direkt an Amsterdam, Rotterdam oder Haag gebunden zu sein. Da es in Deutschland einen solchen Klassendialekt ohne lokale Farbe nicht gibt, wurde für die Übersetzung eine niederrheinische Mundart gewählt, da diese dem Original noch am ehesten gerecht wird. – Anm. des Übers.

Ist das so nach Ihrem Sinne?

Vielen Dank für die Aufsuchung der Bibelstelle. Ich werde die Sache nun so lösen: ich übersetze ganz wörtlich Ihren Text, also »verflucht sei ein Jeglicher, der das Fleisch stellt zu seinem Arm«. Dann merke ich an: Dieser Ausspruch ist eine freie Traumvariation des Bibelwortes aus Jeremias, 17,5 (folgt wörtlich der Luthertext). Auch diese Fussnote werde ich als Anm. des Übers. kennzeichnen. Ich glaube, dass dann die Stelle vom Leser verstanden wird.

Heute erhielt ich einen Brief von Prof. Dr. Kippenberg, dem Leiter des Insel-Verlages1, dem ich die Übersetzung angeboten habe. Er schreibt, dass eine überaus starke Inanspruchnahme des Verlages ihn zwingt, allem neu an ihn Herantretenden gegenüber äußerste Zurückhaltung zu üben. Deshalb könne er die Übersetzung des Vrieslandbuches nicht in der Insel erscheinen lassen. – Infolge des eminenten wirtschaftlichen Zusammenbruches in Deutschland wird noch mancher grosse Verleger ähnlich bescheiden, und dann: in Deutschland steht der Kitsch zur Zeit in grosser Blüte, Kitsch geht immer, für ernsthafte Werke hat der deutsche Leser leider leider kein Geld. Jedoch werde ich meine Bemühungen mit grossem Eifer betreiben. In den nächsten Tagen gehen Durchschläge an Drei Masken2, Propyläen3, Pieper [sic]4 und Zsolnay5. Diese sind alle stark am Auslande interessiert.

Wegen der geschäftlichen Dinge werde ich Ihnen schreiben, sobald ein Verleger zugreift, da die Art der Vertragsschliessung von den jeweiligen Vereinbarungen abhängt. Ist es mir möglich, 12% der broschierten Ausgabe als Tantieme zu erreichen, so habe ich für die heutige Zeit sehr gut abgeschlossen. Ich werde Sie über alles genau unterrichten.

Indem ich Ihnen nochmals für Ihre Mitarbeit danke, verbleibe ich mit freundlicher Begrüssung

Ihr sehr ergebener

Albert Vigoleis Thelen

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Liste Thelens, nach der er Verlage für van Vrieslands »Abschied von der Welt in drei Tagen« anschrieb

© Stadtarchiv Viersen

  1. 1899 wurde die Zeitschrift Die Insel gegründet. Ihr wurde 1901 ein Verlag angeschlossen, der 1905 nach Leipzig übersiedelte, mit Anton Kippenberg (1874–1950) als Verleger. 1912 gründete Kippenberg die »Insel-Bücherei«, Rilkes Cornet war der erste Band.
  2. Drei Masken wurde 1910 in München als Bühnen- und Musikverlag gegründet. Bereits 1912 verlegte Gründer Ludwig Friedmann das Unternehmen nach Berlin. 1920 rief er in München unter gleichem Namen einen musikliterarischen Buchverlag ins Leben. Ende der Zwanzigerjahre wurde der Buchverlag ausgegliedert.
  3. 1919 übernahm Ullstein die aufwendigsten Titel des Georg Müller Verlags und gründete den Propyläen-Verlag mit Ausgaben der Weltliteratur, der berühmten Kunstgeschichte, aber auch mit einer Theaterabteilung, die Brecht und Feuchtwanger, Horváth und Zuckmayer betreute. Zum erfolgreichsten Propyläen-Titel wurde Im Westen nichts Neues von Remarque.
  4. Gemeint ist Piper, der 1904 unter dem Namen R. Piper & Co. gegründete Verlag von Reinhard Piper (1879–1953). Arno Holz ist der erste Autor. 1919 wird eine 22-bändige Dostojewski-Ausgabe abgeschlossen. Mit dem Almanach Der Blaue Reiter erscheint 1912 eine der bedeutendsten künstlerischen Programmschriften des Jahrhunderts.
  5. Literarischer Verlag, gegründet 1923 von Paul Zsolnay (1895–1961) in Wien. Erstes Buch des Verlags ist Franz Werfels Verdi (1924).

9] An: Victor Emanuel van Vriesland, Amsterdam

Süchteln, 20.9.1930

Sehr geehrter Herr Van Vriesland,

mit vielem Dank will ich Ihnen eben den Empfang des Besprechungsmaterials mitteilen. Ich werde nun die Arbeiten sichten und übersetzen; wo es tunlich ist, nur in den wesentlichsten Exzerpten, die der Verleger für Bauchbinde oder Prospekt verwerten kann. – Nun befinden sich Durchschläge bei ALBERT LANGEN1, PIPER und bei der DEUTSCHEN VERLAGS-ANSTALT STUTTGART2. Letzterer Verlag will prüfen, ob das Werk in das augenblickliche Verlagsprogramm passt. Innerhalb drei Wochen gedenke ich die Stellungnahme dieser Häuser zu wissen, inzwischen korrespondiere ich noch mit KURT WOLFF3, MALIK4 und DREI MASKEN. Ich hoffe bestimmt, dass ich mit der Übersetzung Erfolg habe, wenn ich auch sonst solchen Bemühungen gegenüber ziemlich skeptisch eingestellt bin. Das augenblickliche Literaturgetriebe hier in Deutschland – von den Arrivierten alter Prosa abgesehen – ist dem wirtschaftlichen Notstande sehr adaequat: Tohuwabohu. Auch an Übersetzungen wird das Unmöglichste verlegt. –