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DuMonts Digitale Kriminal-Bibliothek

Herausgegeben von Volker Neuhaus

Charlotte MacLeod wurde 1922 in Kanada geboren und wuchs in Massachusetts, USA, auf. Sie studierte am Boston Art Institute und arbeitete danach kurze Zeit als Werbetexterin. 1964 begann sie, Detektivromane für Jugendliche zu veröffentlichen, 1978 erschien der erste Band ihrer ›Balaclava‹-Serie, 1979 folgte der erste Titel der ›Boston‹-Reihe, die begeisterte Zustimmung fanden und ihren Ruf als zeitgenössische große Dame des Kriminalromans begründeten. Für ihr Werk erhielt MacLeod fünf American Mystery Awards sowie den Nero Wolfe Award. Im Januar 2005 starb Charlotte MacLeod im Alter von 82 Jahren in Lewiston im US-Staat Maine.

Charlotte MacLeod

Jodeln und Juwelen

Aus dem Englischen
von Beate Felten-Leidel

Vor der Küste von Maine liegen zahlreiche Inseln. Vielleicht ist irgendwo dort tatsächlich Piratengold versteckt, denn Maine ist ein verzauberter Staat, in dem alles möglich ist. Dennoch sind Ort, Personen und Ereignisse dieses Romans auch diesmal nichts als fein gesponnenes Seemannsgarn. Soweit die Verfasserin in Erfahrung bringen konnte, existiert außerhalb dieser Buchdeckel keine Insel namens Pocapuk, und falls dem Leser eine meiner fiktiven Personen bekannt vorkommen sollte, handelt es sich entweder um einen Zufall oder reines Wunschdenken.

Kapitel 1

»Für so etwas bin ich einfach zu alt.«

Warum musste ihr das ausgerechnet jetzt einfallen? Sie stand bereits auf dem Fenstersims, und aus dem Zimmer hinter ihr quoll schwarzer Rauch, der ihr in Nase und Rachen drang, so dass ihr übel wurde. Zwei Stockwerke unter ihr bildeten Feuerwehrmänner in schwarzen Uniformen einen Kreis und hielten ein Sprungtuch für sie bereit. Sie konnte die verschwitzten roten Gesichter unter den gelben Helmen sehen. Alle schauten mit ernsten Mienen zu ihr hoch. Sie sah auch die Menschenmenge hinter der Absperrung, Erwachsene mit vor Angst geballten Händen, halbhysterische Jugendliche, die »Springen! Springen!« kreischten.

Emma sprang. Landete sicher und wohlbehalten. Mitten im Sprungtuch. Federte hoch. Ließ sich nach hinten fallen. Setzte sich auf und winkte der Menge zu. Die Zuschauer applaudierten. Das Sprungtuch wurde vorsichtig auf den Boden heruntergelassen, dann half man ihr beim Aufstehen. Emma schüttelte dem Einsatzleiter die Hand, rückte ihr Tirolerhütchen zurecht, klopfte sich die olivgrünen Kniebundhosen ab, zog ihre Jacke gerade, winkte ein letztes Mal und verschwand hinter den Löschfahr-zeugen. Die Feuerwehrmänner nahmen ihre Helme ab, drehten sie um und begannen mit dem Einsammeln von milden Gaben. Sie sammelten nicht etwa für sich selbst, sondern für Feuerwehrmann Bechleys Witwe.

Es war wirklich nett von Mrs. Kelling, sie so tatkräftig zu unterstützen. Aber auf Emma Kelling hatten sie bisher immer zählen können, wenn Not am Mann gewesen war. Sie war es auch gewesen, die das heutige Spektakel organisiert hatte, nachdem sie erfahren hatte, dass das Geld aus der Versicherung und dem Hilfsfond für bedürftige Feuerwehrleute nicht ausreichte, um den Lebensunterhalt einer verzweifelten Frau mit schlimmen Krampfadern, drei kleinen Kindern, einer pflegebedürftigen Schwiegermutter und einer Riesenhypothek zu sichern.

Die Feuerwehrleute hatten ihre Geschicklichkeit im Umgang mit Haken und Leiter bereits eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Sie hatten einen alten Hühnerstall in die Luft gejagt und einen Miniwaldbrand gelegt, indem sie einen von der Parkverwaltung gestifteten Reisighaufen und zwei ehemals elegante Alleebäume, die leider an der Ulmenkrankheit dahinsiechten und ohnehin vernichtet worden wären, den Flammen übergeben hatten.

Die Piraten von Pleasaunce, die normalerweise auf Operetten von Gilbert und Sullivan spezialisiert waren, hatten ein Potpourri aus beliebten Oldies gesungen, unter anderem »Smoke gets in your Eyes« und »I don’t want to set the World on Fire«. Hauptchanteuse Jenicot Tippleton hatte einige Schmachtfetzen zum Besten gegeben und eine – zumindest für ihre Maßstäbe – feurige Imitation von Rita Hayworths »Fire Down Below« vorgeführt.

Als Großes Finale hatten die Piraten mehr oder weniger aus dem Stegreif ein Kurzmusical aufgeführt, das auf dem Ohrwurm »The Fireman’s Bride« basierte. Mit Ausnahme von Emmas drei Enkeln trugen alle rote Kleidung. Klein-Bed spielte einen Feuerwehr-Dalmatiner und war entsprechend schwarzweiß getupft. Wally und Jem stellten das Vorder- bzw. Hinterteil eines feurigen Rappen dar und waren vor einen antiken Schlauchwagen gespannt, der einst ihrem verstorbenen Großvater gehört hatte. Beddoes Kelling war zeitlebens ein begeistertes Mitglied der freiwilligen Feuerwehr gewesen. Sein Helm hing immer noch in seinem ehemaligen Arbeitszimmer.

Beddoes hatte vor vielen Jahren sein eigenes Orchester vor allem deshalb gegründet, weil er auf keinen Fall mit Tubaspielen aufhören wollte. Wie schon sein Vater vor ihm war auch er stolzes Mitglied der Harvard Band gewesen. Sein Sohn und Namensträger Beddoes Kelling III, der von seiner Familie und seinen Freunden immer noch Bed Junior genannt wurde, hatte diese Tradition weitergeführt. Bed Junior hockte gerade oben auf einem der Löschfahrzeuge und begleitete seine Mitmusiker mit enthusiastischem Umtata. Sogar Beddoes Kelling IV nahm bereits Tubastunden. Als kleiner Junge hatte er zwar von einer Karriere als Quarterback in einer American Footballmannschaft geträumt, doch als echter Kelling wusste er, was man von ihm erwartete, und fügte sich ergeben in sein Schicksal.

Im Großen und Ganzen war es ein wunderbarer Nachmittag gewesen. Jetzt war alles vorbei, nun kam nur noch das Essen. Emma löste sich von einer Gruppe Jugendlicher, die lautstark nach einem Autogramm auf ihrem Kaugummipapier verlangten, und eilte schnurstracks zum Erfrischungspavillon. Sie hatte sich ihren Tee redlich verdient und würde sich keinen Tropfen davon entgehen lassen.

Wie erwartet wurde sie überall im Pavillon gebeten, sich dazuzusetzen, doch sie lächelte nur freundlich und begab sich zu dem kleinen Tisch ganz hinten in der Ecke, wo Marcia Pences liebenswürdige alte Mutter, Adelaide Sabine, ganz allein saß.

Mrs. Sabine trug den breitkrempigen flachen grauen Strohhut, den sie sich 1927 für Ascot zugelegt hatte. Eigentlich sah der Hut immer noch recht passabel aus, dachte Emma. Was man von der armen Adelaide leider nicht sagen konnte. Vor ihr standen eine Tasse Tee und ein Teller mit Obsttörtchen, doch sie hatte beides kaum angerührt. Emma holte sich einen Stuhl und setzte sich zu der alten Dame. »Adelaide, wie schön, Sie zu sehen. Darf ich Ihnen Gesellschaft leisten?«

»Liebend gern. Ich warte auf Marcia und Parker« – Marcia war Adelaides Tochter und Parker entweder ihr Schwiegersohn oder ihr Enkel, je nachdem ob sie Parker II oder Parker III meinte – »aber wenn mich meine alten Ohren nicht täuschen, spielen sie noch. Ihre reizende Mrs. Heatherstone hat mir diese köstlichen Törtchen gebracht. Darf ich Ihnen eins davon anbieten?«

»Nein, danke, im Moment nicht. Ich brauche zuerst etwas Herzhaftes. Aus dem Fenster zu springen macht hungrig, wissen Sie. Diesmal war es sogar richtig aufregend. Einer der Männer hat eine Rauchbombe hinter mir gezündet. Wahrscheinlich stinke ich wie ein Räucherhering.«

»Ganz und gar nicht«, erwiderte die alte Dame höflich. »Ich bedaure sehr, dass ich nicht dabei sein konnte, aber ich hätte die vielen Menschen nicht ertragen. Außerdem habe ich ihre Vorführung im Damenclub während der Brandschutzwoche gesehen. Ich weiß wirklich nicht, wie Sie das immer schaffen. Haben Sie denn gar keine Angst?«

»Wahrscheinlich hätte ich das, wenn Bed noch leben würde. Aber nach seinem Tod sind mir Leib und Leben nicht mehr so wichtig.« Einer betagten Witwe konnte Emma ihre Gefühle ruhig anvertrauen. Die jungen Leute wollten nichts davon hören und regten sich immer schrecklich auf, wenn sie so etwas sagte.

Doch selbst Mrs. Sabine schien ihr nicht zu glauben. »Unsinn. Sie haben noch ein langes Leben vor sich. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich Sie höchstens auf fünfundfünfzig schätzen.«

Das war sicher ein wenig übertrieben, auch wenn man Emma Kelling durchaus als stattliche Erscheinung bezeichnen konnte, falls dieser Ausdruck überhaupt noch in Mode war. Sie besaß einen frischen Teint, hielt sich gerade, und ihr Haar war genauso blond wie eh und je. Vielleicht sogar noch ein bisschen blonder. Selbst die Falten standen ihr gut. Sie schlüpfte aus ihrer Tweedjacke und enthüllte eine lindgrüne langärmelige Seidenbluse, ab sechzig blieb einem ja leider nichts anderes übrig, als sich mit seinen schrumpeligen Ellbogen abzufinden, und hielt hoffnungvoll nach jemandem Ausschau, der sie bedienen konnte. »Aber Ihnen geht es wieder ein wenig besser, nicht wahr, Adelaide?«

»Jedenfalls besser als letzten Winter. Aber ich bin immer noch recht wackelig auf den Beinen. Marcia besteht darauf, dass ich diesen Sommer nicht auf die Insel fahre, und mein Arzt ist derselben Meinung. Er sagt, er hätte mich lieber in seiner Nähe.«

»Und wie fühlen Sie sich – oh, vielen Dank, Mrs. Heatherstone.«

Natürlich brauchte Emma nur so lange zu warten, bis die Nachricht von Mrs. Kellings Ankunft das Küchenzelt erreicht hatte. Und selbstverständlich bekam sie umgehend ihren Earl Grey Tee und ihre Lieblingssandwiches. Außerdem wurde sie von der obersten Küchenfee persönlich bedient. Mr. und Mrs. Heatherstone führten Emma seit siebenunddreißig Jahren den Haushalt. Wie immer waren sie tatkräftig und gut gelaunt eingesprungen, bereit, ihre Mrs. Kelling bei jedem noch so exzentrischen Unterfangen nach besten Kräften zu unterstützen. Sie waren schon mit größeren Menschenmengen als dieser fertig geworden. Selbst wenn sie manchmal erst wenige Stunden vorher erfahren hatten, was ihnen blühte, hatten sie sich noch nie beklagt. Doch jetzt hatten sie sich den ganzen Sommer frei genommen. Was sollte Emma ohne ihre beiden guten Geister bloß anfangen? Sie kämpfte ihre momentane Verzweiflung nieder und wandte sich wieder der gebrechlichen alten Dame am Tisch zu. »Und wie fühlen Sie sich bei dem Gedanken, nicht auf Ihre Insel fahren zu können?«

Mrs. Sabine griff nach ihrer Gabel und spießte ein winziges Stück Erdbeertörtchen auf. »Ehrlich gesagt ist es mir ziemlich egal, Emma. Ich rede mir zwar das Gegenteil ein, weil Pocapuk Island seit vielen Jahren zu meinem Leben gehört. Aber die Fahrt dorthin ist lang und anstrengend, und wenn man erst einmal dort ist, hat man eine Menge Arbeit. Hier kümmert sich Marcia rührend um mich, und es ist so angenehm, Freunde wie Sie in der Nähe zu wissen, dass es mir nichts ausmacht, hier zu bleiben. Doch meine Abwesenheit wird auf der Insel für ziemlich viele Probleme sorgen, und ich weiß noch nicht, was ich tun soll. Sie haben von den Cottages gehört, nehme ich an?«

»Aber sicher. Bed und ich haben vor vielen Jahren sogar einmal in einem der Häuschen übernachtet, als wir die Küste von Maine erkundet haben. Sie können sich bestimmt nicht mehr daran erinnern, Sie hatten ja im Laufe der Jahre Hunderte von Gästen dort. Haben Sie für diesen Sommer schon jemanden eingeladen?«

»Leider ja. Aber wahrscheinlich kennen Sie keinen von ihnen. Ich habe die meisten selbst noch nie getroffen. George und ich sind im Laufe der Jahre dazu übergegangen, Künstlern unsere Cottages als Sommerateliers zur Verfügung zu stellen. Wir haben sie immer unsere ›Genies‹ genannt. Maler, Schriftsteller, Leute, die ein ruhiges Refugium brauchen, um zu arbeiten, und selbst keine finanziellen Ressourcen besitzen.«

Das war sehr ladylike ausgedrückt. Emma hatte von den armen Schluckern der Sabines gehört. »Einige Ihrer Protegés sind inzwischen erfolgreiche Künstler geworden, soweit ich weiß.«

»Viele von ihnen hatten schon damals sehr gute Arbeiten vorzuweisen«, erwiderte Mrs. Sabine ein wenig spitz. »Außerdem waren unsere Gäste immer recht interessant. Einige mehr, andere weniger, wie ich zugeben muss. Aber im Großen und Ganzen hat es uns viel gegeben. Und man braucht sie nicht zum Kommen zu überreden. In den letzten Jahren, besonders seit Georges Tod, wird es nämlich zunehmend schwieriger, Feriengäste zu finden. Auf der Insel kann es einem allein schnell langweilig werden, wenn man nicht gerade ein Einsiedler ist, was ich keineswegs bin. Und das Leben ist heute auch nicht mehr so wie früher, aber das brauche ich Ihnen ja sicher nicht zu erzählen. Alte Freunde sterben oder werden zu hoffnungslosen Pflegefällen wie ich. Und die jungen Leute haben Interessanteres zu tun als ihre Zeit damit zu verplempern, einer alten Frau zuzuhören, die im Schaukelstuhl sitzt und ihnen etwas vorschnarcht oder ständig von den guten alten Zeiten schwatzt.«

»Sie sprechen mir aus der Seele«, murmelte Emma.

»Unsinn! Sie wissen gar nicht, wovon ich rede. Dazu müssen Sie erst noch zehn Jahre älter werden. Jedenfalls lief es darauf hinaus, dass die Insel in den letzten Jahren fast nur von mir und den Künstlern bewohnt wurde. Einer erzählt es dem anderen, wissen Sie, und dann bekommt man plötzlich ein Empfehlungsschreiben und kann schlecht Nein sagen. In diesem Jahr hat ein Freund von Parker oder vielmehr ein Freund eines Freundes mir einen russischen Dichter empfohlen. Er klingt recht sympathisch, wenn auch ein klein wenig düster. Dann hat sich ein gewisser Professor Wont an mich gewandt. Er und eine Gruppe anderer Künstler hofften, den Sommer auf der Insel verbringen zu dürfen, um an einem gemeinsamen Projekt zu arbeiten, irgendetwas Historisches, soweit ich verstanden habe. Es klang leider alles ein wenig vage. Er hat versprochen, mir den organisatorischen Teil abzunehmen. Daher habe ich ihm freie Hand bei der Belegung der Cottages gelassen und mir eingeredet, ich würde schon da sein und mich um sie kümmern. Was daraus geworden ist, sehen Sie ja selbst. Eigentlich müsste ich schon längst in meinem Haus auf der Insel sein und alles vorbereiten. Stattdessen hocke ich hier herum.«

»Können die Leute denn nicht ohne Sie zurechtkommen?«

»Das ist auf Pocapuk gar nicht so einfach. In den Cottages gibt es keine Kochgelegenheit. Bisher haben wir es immer so gehalten, dass unsere Gäste irgendwann zwischen halb acht und halb zehn zum Frühstücksbuffet ins Haus kamen und sich bei der Gelegenheit ein Lunchpaket mitnahmen, wenn sie Lust dazu hatten. Gegen sechs bekamen sie dann von uns im Haus ein frühes Abendessen und ein paar Drinks. George und ich hielten es für angebracht, dass die Gäste für ihr Nachtmahl auch ein wenig fleißig sein mussten«, Mrs. Sabine lachte verhalten, »außerdem schienen sie Gefallen an unserer Gesellschaft zu finden. Daher habe ich diese Tradition fortgeführt.«

»Das ist ja wohl das wenigste«, sagte Emma. »Die Leute haben Glück, dass sie Ihnen nicht bei der Hausarbeit helfen müssen.«

»Oh, über mangelnde Hilfe konnte ich mich nie beklagen. Es gibt immer genug Studenten auf der Suche nach einem Sommerjob, und ich habe einen äußerst fähigen, sehr netten Hausmeister, der sich einfach um alles kümmert. Vincent heißt er. Ein Freund von ihm bekocht uns alle, und gemeinsam sorgen sie dafür, dass wir jedes Jahr genügend Dienstpersonal haben. Sie wissen ja sicher selbst, wie schwierig es sein kann, wenn man das Haus voller Gäste hat und dann von vorübergehend eingestelltem und häufig unqualifiziertem Personal umgeben ist. Die ganze Zeit ist man damit beschäftigt, ihnen zu erklären, was genau getan werden soll, und dafür zu sorgen, dass es tatsächlich getan wird. Ich schaffe das in meinem Alter einfach nicht mehr, und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass ich es irgendwann wieder kann. Eigentlich ist es gar nicht so schlimm, zum alten Eisen zu gehören, wenn man sich erst einmal an den Zustand gewöhnt hat. Aber Schluss mit der Jammerei. Haben Sie auch etwas auf dem Herzen? Oder sind Sie wunschlos glücklich?«

»Wer ist das schon! Ich muss leider zwei ganze Monate lang ohne meine Heatherstones auskommen. Ihr Sohn hält sich mit seiner Familie in England auf und hat seine Eltern eingeladen nachzukommen. Die Gelegenheit konnten sie sich einfach nicht entgehen lassen. Ich hätte an ihrer Stelle genau dasselbe getan. Aber ich fürchte, dass ich ohne die beiden nicht sonderlich gut zurechtkommen werde. Mein Sohn Walter und seine Familie wohnen den Sommer über bei mir. Bei ihnen hat es gebrannt, irgendein Kurzschluss, Gott sei Dank steht das Haus noch. Aber Sie können sich vorstellen, wie alles aussieht, der Rauch und das Löschwasser haben ziemlichen Schaden angerichtet. Daher haben sie beschlossen, das Haus komplett renovieren zu lassen und es möglichst schnell hinter sich zu bringen.«

»Dann sind Sie wenigstens nicht ganz so allein.« Mrs. Sabine nahm sich noch ein winziges Stück von ihrem Törtchen. Emma biss in ihr Shrimpsandwich und seufzte.

»Nein, an Gesellschaft mangelt es mir wirklich nicht. Klein-Wally und Klein-Em haben unzählige Freunde, und all ihre Cousins und Cousinen sind überglücklich, sie endlich in ihrer Nähe zu haben. Ich liebe meine Familie zwar sehr, aber ich habe mir, ehrlich gesagt, schon ernsthaft überlegt, ob ich nicht auf die Galapagos-Inseln flüchten soll. Oder in die Antarktis. Ich hatte gehofft, ich könnte so lange in die Pension meiner Nichte Sarah ziehen, aber das klappt leider nicht – Adelaide, mir kommt gerade eine wunderbare Idee! Was halten Sie davon, wenn ich Sie auf Ihrer Insel vertrete?«

Mrs. Sabine legte ihre Gabel auf den Tisch und griff gerührt nach der Hand ihres Gegenübers. »Emma, meine Liebe, etwas Besseres könnte mir gar nicht passieren! Ich wäre all meine Probleme auf einen Schlag los! Aber wollen Sie sich das wirklich antun?«

»Adelaide, versetzen Sie sich bitte einmal in meine Lage. Meine Schwiegertochter Kippy, so nennen wir Kristina immer, ist in der Schweiz zur Schule gegangen. Ich finde es wirklich reizend, dass sie dort Jodeln gelernt hat, sie scheint sogar ein richtiges Naturtalent zu sein. Und ich kann auch sehr gut verstehen, dass sie Walter das Jodeln beigebracht hat. Und als dann die Kinder kamen, konnte ich es gar nicht abwarten, bis die süßen Frätzchen endlich ihr erstes Jodolahiti trällerten. Aber dass sie sich jeden Morgen stundenlang anjodeln müssen, noch bevor ich meinen Frühstückskaffee getrunken habe, wird mir doch gelegentlich ein klein wenig viel.«

»Meine Güte! Jodeln sie denn tatsächlich so viel?«

»Das ist nur die Spitze des Eisbergs«, erwiderte Emma düster. »Sie haben vier Kakadus, die ebenfalls begnadete Jodler sind. Selbst der Jagdhund würde liebend gern mitmachen, schafft es aber nicht so ganz, wenn Sie verstehen, was ich meine. Muss ich noch mehr sagen?«

»Bitte hören Sie auf, ich kann nicht mehr!« Mrs. Sabine konnte sich kaum halten vor Lachen und tupfte sich bereits mit einem wunderschönen schneeweißen Leinentaschentuch, das schwach nach Lavendel duftete, die Augen ab. »Ich muss zugeben, dass es Ihnen beträchtlich schlimmer geht als mir. Oh, hören Sie doch, sie singen wieder!«

Das Löschfahrzeug parkte unmittelbar vor dem Erfrischungszelt. Die Piraten von Pleasaunce waren alle an Bord und sangen ein letztes Mal gemeinsam das Lied von der Braut des Feuerwehrmannes, die es nicht länger zu Hause am heimischen Herd hielt.

»Bed hat immer behauptet, das Lied würde von mir handeln«, gestand Emma. »Ich kann mir übrigens genau vorstellen, was er gesagt hätte, wenn er mich heute bei meinem Fenstersprung gesehen hätte. Aber wenn ich mich recht erinnere, hat es mit der Frau im Lied kein gutes Ende genommen.«

Mrs. Sabine lächelte immer noch. »Sie würden nie etwas Unziemliches tun, Emma.«

»Wann hätte ich in meinem Alter dazu noch Gelegenheit?« Emma stand auf und griff nach ihrer Jacke. »Dann gehe ich am besten gleich nach Hause und packe, meinen Sie nicht? Ich müsste nur noch die Schlüssel abholen. Wann passt es Ihnen denn am besten?«

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Kapitel 2

Da sich die Jodler bereits häuslich bei ihr niedergelassen hatten, konnte Emma problemlos abreisen. Kippy und die Kakadus würden sich schon um den Haushalt kümmern. Das Packen für den langen Aufenthalt ging Emma leicht von der Hand, denn sie war gut organisiert und wusste ziemlich genau, welches Wetter sie im Sommer auf der Insel erwartete. Daher legte sie außer der üblichen leichten Sommerkleidung auch warme Pullover und Strickjacken, bequeme Röcke aus Samt oder Cord und praktische langärmelige Blusen in den Koffer. Keine Abendkleider, die würde sie dort bestimmt nicht brauchen. Ihr Schmuck konnte im Safe bleiben. Die ausgefallenen Klunker, die Klein-Em immer so gern auf Kunsthandwerkermärkten für sie aussuchte, waren genau das Richtige für einen Haufen Künstler.

Künstler im weitesten Sinne des Wortes. In der Gruppe gab es nur zwei Maler, wenn die Liste stimmte, die Adelaide Sabine ihr gegeben hatte. Lisbet Quainley war Malerin und Joris Groot Illustrator. Was bedeutete, dass Emma bei Groot wahrscheinlich erkennen konnte, was er auf sein Papier bannte, bei Miss Quainley dagegen auf wilde Mutmaßungen angewiesen war. Aber vielleicht war es auch genau umgekehrt. Heutzutage war alles möglich.

Der Mensch, der die Gästeliste für Adelaide zusammengestellt hatte, war Historiker. Angeblich wollte er irgendetwas recherchieren, auch wenn Emma sich beim besten Willen nicht vorstellen konnte, warum er sich dazu ausgerechnet Pocapuk Island ausgesucht hatte. Er hieß Everard Wont und klang ganz so, als stamme er aus einem Buch von Barbara Pym. Außerdem gab es noch einen Krimiautor, der wahrscheinlich mit unbewegter Miene dasitzen würde, während Wont redete wie ein Wasserfall, mutmaßte Emma. Historiker redeten unablässig. Emma kannte unzählige Vertreter dieser Gattung, sowohl Profis als auch Amateure. Einen Krimischriftsteller hatte sie dagegen noch nie getroffen. Sie stellte sich die Vertreter dieser Spezies immer als Damen mittleren Alters vor, die merkwürdig gekleidet waren und mit unzähligen Katzen in abgelegenen Häusern lebten. Doch der Name Black John Sendick ließ eher auf ein männliches Wesen schließen.

Außerdem brachte Wont einen Psychologen mit, wenn Adelaide ihn richtig verstanden hatte. Adelaides Angaben zu dieser Person waren ausgesprochen vage gewesen. Sie wusste nicht einmal genau, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelte. Vielleicht ein bisschen von beidem. Auch der Name, Alding Fath, war leider nicht sonderlich hilfreich.

Das Schlusslicht der Liste bildete ein gewisser Graf Alexei Vassilovich Radunov. Angeblich war er Dichter. Adelaide hätte es eigentlich besser wissen müssen. Der Titel war höchstwahrscheinlich falsch, und sein Träger mittellos und weniger mit Poesie beschäftigt als darauf erpicht, einer reichen alten Witwe solange wie möglich auf der Tasche zu liegen. Aber vielleicht war er auch ganz interessant. Das waren Ganoven schließlich häufig.

Die Gruppe bestand somit aus vier Männern und zwei Frauen, Emma inbegriffen, und einer Person unbestimmten Geschlechts. Emma hoffte inständig, dass Alding eine Frau war oder wenigstens so aussah. Sonst würde die Sitzordnung am Dinnertisch nie aufgehen, obwohl sie selbst nicht genau wusste, warum ihr das so wichtig schien.

Was die Gestaltung etwaiger Mußestunden betraf, hatte Adelaide sie beruhigt. »Sie können sich darauf verlassen, dass es Ihnen auf der Insel nie langweilig wird. Man kann wunderschöne Spaziergänge machen, wenn man so etwas mag, oder Vögel beobachten und alle möglichen Pflanzen bewundern. Und das Meer verändert sich unablässig. Ich persönlich kann nie genug davon bekommen. Und lästige Insekten gibt es Gott sei Dank auch nicht. Jedenfalls keine stechenden.«

»Freut mich zu hören«, hatte Emma erwidert. »Wenn mich etwas sticht, schwillt die Stelle immer sofort an und juckt wie verrückt. Wie steht es mit Büchern? Gibt es eine Bibliothek oder etwas Ähnliches auf der Insel?«

»Aber selbstverständlich, meine Liebe. Wie könnte es anders sein, bei so vielen Schriftstellern? Sie finden bestimmt genügend Lesestoff, keine Angst. Außerdem gibt es einen Plattenspieler, jedes Schlafzimmer verfügt über ein Radio, und einen Fernsehapparat haben wir auch. Es gibt sogar ein Klavier, falls Sie Ihre Noten mitnehmen wollen. Vincent sorgt dafür, dass es gestimmt ist.«

Vincent sorgte anscheinend für alles. So war es bisher immer gewesen. Emma brauchte sich um gar nichts zu kümmern, Vincent würde wissen, was zu tun war. Vincent wusste einfach alles.

Ganz so einfach war es bestimmt nicht. Emma war sich in diesem Punkt ziemlich sicher. Nachdem Adelaide die Verantwortung für ihre Insel los war, nahm sie das Privileg älterer Leute für sich in Anspruch und begann, in der Vergangenheit zu schwelgen. Sie schwärmte von den wundervollen Sommern, die sie hätte genießen können, wenn das Leben ihr nicht jedes Mal einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Fatalerweise war immer irgend ein Künstler mit einer tyrannischen Mutter oder einer nörgelnden jungen Geliebten aufgekreuzt. Oder mit einem brüllenden Baby, das ihm die rachsüchtige Ex-Gattin in letzter Minute aufgehalst hatte, mit der konkreten Absicht, seine Kreativität bereits im Keim zu ersticken. In der einen Gruppe war ein Trunkenbold oder ein Drogensüchtiger gewesen, in der anderen jemand, der ausgerechnet beim ersten Donnerschlag eines schweren Sturms alle Symptome einer akuten Blinddarmentzündung zeigte und unter unvorstellbaren Schwierigkeiten sofort zum Festland transportiert werden musste. Oder jemand reagierte allergisch auf alles, was Vincents Freund kochte, bis besagter Freund schließlich entnervt das Küchenhandtuch warf.

Während des Flugs von Massachusetts nach Maine malte sich Emma zum Zeitvertreib in leuchtenden Farben aus, was alles schief gehen konnte, und überlegte sich interessante Bewältigungsstrategien. Es hatte sich bewährt, stets mit dem Schlimmsten zu rechnen, dann konnte man wenigstens angenehm überrascht sein, wenn die Katastrophen ausblieben.

Den Großteil ihres Gepäcks hatte sie bereits vorausgeschickt. Außer der Tasche aus Gobelinstoff, in der sich ihr Portemonnaie, ihre Schlüssel und ihre Kosmetika befanden, dazu eine Ersatzperücke, eine Garnitur saubere Unterwäsche für alle Fälle und ein Foto ihres verstorbenen Gatten in voller Feuerwehrmontur, das sie immer bei sich trug, hatte sie im Flugzeug nur eine arg mitgenommene Reisetasche dabei, in deren Tiefen die Krone und der Schmuck der Feenkönigin ruhten.

Eigentlich war Emma für den Schmuck gar nicht mehr zuständig, denn sie hatte inzwischen Parker III und Jenicot Tippleton offiziell die Leitung der Piraten von Pleasaunce übertragen. Die Piraten hatten beschlossen, während der nächsten Saison Iolanthe aufzuführen, mit Parker als Strephon und Jenicot als Phyllis. Eine Sängerin, die Emma Kelling als Feenkönigin ersetzen konnte, musste allerdings noch gefunden werden.

Man bat sie zwar ständig, wenigstens dieses eine Mal noch die Rolle zu übernehmen, doch Emma blieb hart. Ihre Stimme war erschöpft, ihre Bühnenzeit war abgelaufen. Doch wie ein altes Feuerwehrpferd beim vertrauten Klang der Brandsirene, verspürte sie immer noch unbändige Lust, wenigstens nebenher zu galoppieren. Hinter der Bühne gab es unzählige kleine Arbeiten, die sie besser erledigen konnte als jeder andere, und dazu gehörte auch das Ausbessern des Schmucks.

Sie hatte ihn damals bei Woolworth erstanden, als Glanz und Glamour noch groß in Mode waren und kitschiger Glasschmuck beliebt und preiswert. Seitdem hatten sie ihn für viele Aufführungen gebraucht. Inzwischen waren die Fassungen etlicher Stücke verbogen oder verschmutzt, und einige Steine waren trüb oder fehlten gar. Die Armbänder, Halsketten, Stirnreife und Broschen waren zwar völlig wertlos, doch bei den heutigen Preisen war es ziemlich aufwendig, sie zu ersetzen, wenn man überhaupt vergleichbare Schmuckstücke fand.

Emma hatte die ramponierte Sammlung vom Speicher geholt, die einzelnen Stücke kopfschüttelnd näher untersucht und war auf der Stelle in ein Bastelgeschäft gegangen. Dort hatte sie Klebstoff, Silberfarbe, eine Drahtzange und mehrere Tütchen mit falschen Diamanten gekauft. All dies lag jetzt in der abgenutzten Reisetasche aus schwarzem Leder, in der die Feenklunker schon immer aufbewahrt worden waren, auch wenn Emma den Grund dafür beim besten Willen nicht mehr wusste.

Die Tasche hatte fast hundert Jahre auf dem Buckel und passte eigentlich überhaupt nicht zu einer makellos gepflegten älteren Dame, was Emma nicht auffiel, und sie andernfalls auch nicht weiter gestört hätte. Nach der Landung löste sie ihren Sicherheitsgurt, nahm Tasche und Reisetasche, schaute nach, ob die Kronjuwelen auch in Sicherheit waren, trug ihre Habseligkeiten aus dem Flugzeug und suchte sich ein Taxi.

»Ich möchte die Fähre nach Pocapuk kriegen«, teilte sie dem Fahrer mit.

»Ob man Ihnen die gibt, weiß ich nich’«, witzelte der Fahrer, »aber vielleicht lässt man Sie mitfahren, wenn Sie sich ’ne Fahrkarte kaufen. Is’ das Ihr ganzes Gepäck?«

Er nahm ihr das Gepäckstück aus der Hand, woraufhin der alte Verschluss endgültig seinen Geist aufgab und die Tasche aufsprang. »Jessas! Was issen das? Etwa die Kronjuwelen?«

»Sehr richtig«, sagte Emma. »Und ich würde sie gern selbst tragen, wenn es Ihnen nichts ausmacht.«

»Zu Befehl. Wie sind Sie denn an die Klunker gekommen? Ham Sie etwa den Schatz gehoben?«

»Welchen Schatz?«

»Den von Pocapuk. Sagen Sie bloß, Sie ham noch nie davon gehört. Wenn’s nichts Besseres zu berichten gibt, schreiben die hier in der Zeitung immer drüber.«

»Das muss mir wohl entgangen sein. Wessen Schatz ist es denn?«

»Das Zeug gehört dem, der es findet, nehm’ ich mal an. Zuerst hat es Pocapuk gehört. Nach dem is’ ja auch die Insel benannt. Wie Pocapuk in Wirklichkeit geheißen hat, weiß ich nich’, falls er überhaupt ’nen andren Namen hatte. Angeblich soll er Blackbeards Cousin gewesen sein oder zu Käptn Kidds Crew gehört haben un’ sich selbständig gemacht haben, nachdem man Kidd aufgeknüpft hat. Jedenfalls hat Pocapuk seine Schaluppe auf Pocapuk Island immer kielgeholt.«

»Kielgewas?«

»An Land gezogen und die Algen abgekratzt, damit sie schneller segelte. Einige sagen, dass sie ’ne Pinasse oder ’ne Barkentine war. Keine Ahnung, was stimmt. Is’ schon ewig her und lockt sowieso keinen mehr hinterm Ofen vor.«

»Und wie ist der Mann an den Schatz gekommen?« half Emma nach.

»Angeblich von ’ner spanische Galeone irgendwo unten am Bermuda Dreieck. Wer’s glaubt wird selig, sag’ ich da nur. Warum soll ausgerechnet immer da sowas passieren? Könnte doch genauso gut hier passieren, wenn’s denn überhaupt passiert. Alles Quatsch, wenn Sie mich fragen. Irgendein Typ namens Aint oder so hat sich neulich im Fernsehen den Mund drüber fusselig geredet. Angeblich hat Pocapuk die Galeone überholt, nach Strich und Faden beschossen und is’ dann mit gezückten Entermessern an Bord und hat die gesamte Besatzung abgestochen. Einen nach dem anderen, wie Schafe auf der Schlachtbank. So ’ne Galeone war genauso schwerfällig wie ’ne Badewanne auf Rollschuhen, wissen Sie. Menschenskind, die hätte man wahrscheinlich genauso gut mit ’nem Walfänger und ’nem guten Harpunier gekriegt.«

Emma hatte irgendwo zwischen Bermuda Dreieck, Schaluppe und Barkentine ein wenig die Orientierung verloren. »Dann hat Pocapuk also die Galeone tatsächlich geentert?« Die Fahrt dauerte nicht mehr lange und der Fall begann sie zu interessieren. Adelaide hatte keinen Ton von dem versteckten Schatz gesagt.

»Na klar. Hab’ ich doch eben gesagt, oder? Pocapuk hat alle Spanier, die noch übrig waren, über die Planke geschickt, die Löcher im Schiffsleib geflickt und is’ dann mit der Galeone den ganzen Weg bis zur Insel zurückgesegelt. Er ganz allein, nur mit ’ner Katze un’ zwei spanischen Matrosen, die er noch übrig gelassen hatte, damit sie sich um die Segel kümmern konnten.«

»Sind Sie ganz sicher, was die Katze betrifft?«

»Das is’ doch wohl sonnenklar, oder? Pocapuk hätte nie im Leben ’ne Katze umgebracht. Er war kein schlechter Pirat, nich’ so wie die anderen damals. Außerdem bringt’s Unglück, wenn man ’ne Schiffskatze abmurkst. Seine Männer sollten ihm in der Schaluppe folgen, aber die ham sich einfach selbständig gemacht, un’ keiner hat sie je wieder gesehen. Also hat Pocapuk den Schatz vergraben un’ die beiden Spanier umgebracht, damit ihre Geister für immer den Schatz bewachen, so wie man das damals eben gemacht hat. Dann hat er die Galeone mit ihrem eigenen Pulvermagazin hochgejagt und is’ mit dem Rettungsboot un’ der Katze un’ ’nem dicken Sack voll Golddublonen an Land gerudert.«

»Und was wurde aus ihm und der Katze?«

»Tja, das weiß keiner. Einige sagen, er hat sich ’nen neuen Namen zugelegt, sich die Klamotten von dem spanischen Käptn angezogen un’ is’ ab nach Boston. Un’ da hat er sich dann zum Bürgermeister wählen lassen. Würd’ mich nich’ wundern, wenn’s stimmt.«

»Aber er ist nie zurückgekommen, um den restlichen Schatz zu holen?«

»Wozu hätte er den noch gebraucht? Er hatte doch schließlich die Hand in der Kasse, oder?«

Emma hatte mehrfach gehört, dass einige Bürger von Maine Massachusetts als das Reich des Bösen im Süden ansahen, und ließ sich daher auf keine Diskussion ein. Irgendwie wurde sie den Gedanken nicht los, dass dieser gewisse Aint, den der Taxifahrer vorhin erwähnt hatte, in Wirklichkeit Everard Wont hieß. »Aber Pocapuk Island ist doch ziemlich klein«, sagte sie. »Wieso hat denn bisher keiner den Schatz gefunden? Hat man denn nicht danach gesucht?«

»Wie verrückt sogar. Die Insel is’ wer weiß wie oft umgegraben worden. Ein Wunder, dass sie nich’ längst gesunken is’. Aber mit den Spaniern is’ nich’ zu spaßen. Einige Schatzgräber sind bei so genannten Unfällen umgekommen, andre ham’s mit der Angst gekriegt oder einfach nichts gefunden. Schließlich hatten alle die Nase voll un’ sind weg. Dann kam irgendso’n Millionär aus Boston, hat sich ’nen Riesenkasten von Haus bauen lassen, überall Verbotsschilder aufgestellt und den Hafenmeister so gut geschmiert, dass hier keiner mehr graben darf, auch wenn er noch so scharf drauf is’. Wolln Sie da etwa hin?«

»Sehr richtig. Ich bin die neue Haushälterin«, fügte Emma aus einer Laune heraus hinzu.

»Ach ja? Da müssen Sie sich wohl mächtig fein machen für die Herrschaften, wie?«

»Ganz und gar nicht. Warum sollte ich?« Doch dann verstand Emma, worauf der Mann hinauswollte. »Um Gottes willen, Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass der Schmuck hier echt ist? Es ist bloß Theaterschmuck, den ich reparieren will.«

Der Fahrer erwiderte nichts auf diese Erklärung. Sie befanden sich inzwischen in der Nähe der Docks, und der Verkehr wurde immer dichter. Er fuhr den Wagen so nahe an die Rampe heran, wie es ihm möglich war, stieg jedoch nicht aus und half ihr auch nicht mit dem Gepäck. »Ham Sie schon ’ne Fahrkarte?«

»Ja, habe ich.«

Es war gar nicht so einfach, Tasche und Reisetasche fest zu halten und gleichzeitig nach dem Geld zu fischen, um den Fahrer zu bezahlen. Emma gab ihm ein größeres Trinkgeld als geplant, weil sie keine Lust hatte, auch noch mit dem Wechselgeld zu jonglieren. Die Augen des Mannes verengten sich zu Schlitzen. Er nahm das Geld wortlos entgegen und fuhr wieder los.

Die anderen Passagiere hasteten bereits auf die Fähre, daher hastete Emma ebenfalls. Zu ihrem Ärger war die Schnalle nun ganz kaputt, jetzt konnte man die Tasche nicht mehr richtig schließen. Sie bemerkte, dass einige Leute interessierte Blicke auf den glitzernden Schmuck warfen, der durch den Spalt zwischen den Griffen sichtbar war. Sie konnte sich zwar nicht vorstellen, dass sich jemand von dem unechten Zeug täuschen ließ, nahm aber trotzdem den blau gemusterten Liberty-Seidenschal, den sie zu ihrem Leinenkostüm trug, und stopfte ihn in die Tasche, so dass der Inhalt nicht mehr zu sehen war. »Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste«, war zwar ein Motto, dem sie normalerweise kaum Bedeutung zumaß, doch sie sah keinen Grund, sich ihr neues Abenteuer schon am Anfang durch einen unerfreulichen Zwischenfall verderben zu lassen.

Die Fähre erinnerte sie an die alte Uncateena, mit der sie, Bed und die Kinder vor Jahren von Woods Hole nach Pocapuk Island gefahren waren. Es gab ein Kabinendeck mit genügend Platz, um darauf umherzugehen oder sich zu setzen, ein Oberdeck, auf das sie keinen Fuß zu setzen gedachte, denn schließlich hatte sie keine Lust, sich nach Strich und Faden durchpusten zu lassen, und ein großes Tor im Schiffsrumpf, durch das Fahrzeuge und Fracht direkt ins Schiffsinnere rollten. Es fuhren immer noch Autos hinein, sie hätte sich also gar nicht so zu beeilen brauchen.

Die Besitzer der Autos wollten sicher nicht nach Pocapuk, denn für Fahrzeuge war die Insel viel zu klein. Die Sabines hatten damals bei Emmas und Beds Besuch noch einen Ponywagen besessen. Inzwischen hatten sie einen elektrischen Buggy, wie sie von Adelaide erfahren hatte, mit dem Gepäck, Vorräte und Gäste vom Dock abgeholt wurden.

Pocapuk war die letzte Anlegestelle auf der Fährenroute, wurde allerdings nur nach vorheriger Absprache angefahren. Somit würde Emma das Deck sicher bald für sich allein haben, es sei denn, einige der Sommergäste waren zufällig ebenfalls an Bord. Emma würde es zu gegebener Zeit herausfinden. Sie wählte einen Liegestuhl auf der Seite, die ihrer Meinung nach während der Fahrt im Schatten liegen würde, und verstaute Tasche und Reisetasche darunter. Dann sorgte sie dafür, dass der cremefarbene breitkrempige Hut, der ihr schon so viele Sommer lang gedient hatte, vorn und achtern sicher mit Hutnadeln verankert war, und machte es sich bequem.

Von ihrem Sitzplatz aus hatte Emma einen guten, wenn auch langweiligen Blick auf die Docks und den Parkplatz. Das Taxi, mit dem sie gekommen war, stand neben dem Fahrkartenhäuschen. Wahrscheinlich wurde in Kürze eine andere Fähre erwartet, und der Fahrer hoffte wohl, einen Fahrgast zu finden, der zurück zum Flughafen wollte. Momentan stand er neben seinem Wagen, schwatzte mit einem Mann, der eine Schirmmütze trug und zwischendurch immer wieder zu reden aufhörte und stattdessen wild mit den Armen herumwedelte, um den Autos zu zeigen, wie sie zu fahren hatten. Ohne viel Erfolg, soweit Emma sehen konnte.

Vielleicht unterhielten sich die beiden über den Schatz von Pocapuk. Die Geschichte war eigentlich ganz interessant, wenn auch für eine frisch gebackene Schlossherrin auf Zeit nicht gerade beruhigend. Was würde passieren, wenn Schriftsteller und Maler Wind von der Sache bekamen und begannen, Adelaides Blumenbeete umzugraben?

Aber warum sollten sie so etwas tun? Keiner ihrer Vorgänger hatte es getan, sonst hätten die Sabines sicher keine Sommergäste mehr eingeladen. Wahrscheinlich war die Geschichte ohnehin erfunden. Emma kannte die Bücher von Edward Rowe Snow und wusste, dass so gut wie jede Insel an der zerklüfteten Nordatlantikküste ihre eigene Geschichte mitsamt Piratengold und Geisterwächtern hatte. Adelaide hatte sicher nichts davon verlauten lassen, weil sie einen erfundenen Schatz nicht für erwähnenswert hielt. Oder weil sie davon ausgegangen war, dass Emma die Geschichte bereits kannte. Vielleicht hatte sie es auch nur vergessen. Adelaides Gedächtnis war leider nicht mehr das beste.

Außerdem hatten sie viele andere Dinge besprechen müssen. Die Zeit war ohnehin knapp bemessen gewesen, wenn man bedachte, wie viele heiße Eisen Emma noch aus dem Feuer hatte holen müssen, bevor sie endlich abreisen konnte. Das gesammelte Geld hatte ausgereicht, um Feuerwehmann Bechleys Witwe und ihrer Familie über die ersten Hürden hinwegzuhelfen und ihr zu zeigen, dass die Stadt hinter ihr stand. Die Bank hatte sich großzügig bereit erklärt, die Hypothek unter günstigeren Bedingungen weiterlaufen zu lassen, nachdem Emma, Cousin Frederick und Cousine Mabel, die wichtigsten Kunden der Bank, ein paar ernste Worte mit dem Bankdirektor gewechselt hatten. Mabel war zwar normalerweise nicht gerade hilfsbereit, ließ sich jedoch nie zweimal bitten, wenn es darum ging, jemandem für einen guten Zweck die Hölle heiß zu machen. Einige hiesige Ladeninhaber hatten der Familie großzügige Einkaufsgutscheine zukommen lassen. Emma selbst hatte heimlich tausend Dollar zum Ergebnis aus der Wohltätigkeitsveranstaltung dazugelegt, Frederick weitere tausend. Cousine Mabel hatte einige sarkastische Bemerkungen beigesteuert, mehr hatte ohnehin niemand von ihr erwartet.

Die Fähre war startklar, die Sirene schrillte, die Laufplanke wurde eingeholt. Die großen Tore im Schiffsrumpf wurden geschlossen und gesichert, die Matrosen warfen die dicken Taue von den Pollern, die Schiffsschrauben begannen, das Wasser aufzuwühlen. Am Fahrkartenhäuschen redete Emmas ehemaliger Taxifahrer immer noch wie der Alte Seemann in Coleridges berühmter Ballade auf sein Gegenüber mit der Schirmmütze ein. Vielleicht war er der Meinung, dass er für heute genug verdient hatte, dachte Emma. Es war dumm von ihr gewesen, ihm so ein fettes Trinkgeld zu geben.

Oh je, jetzt hatte er sie auch noch entdeckt. Er brüllte dem anderen Mann etwas ins Ohr und zeigte dabei viel sagend zu ihr hoch. Oder zeigte er etwa auf die alte Reisetasche, die ihr momentan als Fußschemel diente? Es war zwar albern, aber Emma wünschte sich von Herzen, der Verschluss wäre nicht ausgerechnet in dem Moment kaputtgegangen, als der Mann die Tasche in der Hand hielt.

Die Fähre legte ab und verließ tuckernd den Hafen. Der Tag, den James Russell Lowell in seinem Gedicht Die Vision von Sir Launfal beschrieben hatte, musste ähnlich schön gewesen sein, dachte Emma.

Außerdem war dies die erste Gelegenheit seit langem, einfach nur dazusitzen und auszuspannen. Gestern Abend war sie mit ihrem Sohn den weiten Weg nach Boston gefahren und hatte die Heatherstones zum Flughafen gebracht. Heute Morgen war sie früh aufgestanden, um noch letzte Vorkehrungen zu treffen, das riesige Abschiedsfrühstück zu vertilgen, das ihre Enkel liebevoll für sie vorbereitet hatten, und sich von Schwiegertochter nebst Hund zum Springfield Airport kutschieren zu lassen. Obwohl keiner von beiden während der Fahrt gejodelt hatte, stellte Emma jetzt fest, dass sie mit den Nerven ziemlich am Ende war.

Das monotone Tuckern der Fähre und das Klatschen der Wellen gegen den Schiffsrumpf waren zwar laut, aber irgendwie entspannend. Emma hatte sich einen guten Sitzplatz ausgesucht, sie saß weder direkt in der Sonne, noch im Fahrtwind, außerdem befand sich niemand in ihrer unmittelbaren Nähe. Der Liegestuhl war weit bequemer als sie erwartet hatte. Da sie eine relativ lange Fahrt vor sich hatte und nicht genau wusste, was sie am Ende ihrer Reise erwartete, war es eigentlich am vernünftigsten, einfach die Augen zu schließen und ein kleines Nickerchen zu machen.

Doch Emma wollte nicht schlafen. Man sah immer so albern aus, wenn man mit offenem Mund und schlaffem Hals im Liegestuhl lag. Vielleicht würde eine Tasse Kaffee sie wieder munter machen. Sie stand auf und begab sich in die Kajüte, wo es eine Art Erfrischungsstand gab.

Wie erwartet war es dort brechend voll. Fahrgäste drängelten sich an der Theke oder versuchten, sich mit Tabletts voller Softdrinks und Hotdogs den Weg durch die Menge zu bahnen. Emma gelang es gerade noch, ohne größere Verrenkungen aus dem Gewusel wieder herauszukommen. Dabei bekam sie allerdings einen Stoß in die Rippen, der so schmerzhaft war, dass sie sich umdrehte, um den Rowdy mit einem Blick zu stellen. Doch sie konnte nicht mehr ausmachen, wer von den vielen Menschen ihr den Stoß verabreicht hatte. Emma trug ihren Kaffee zum Liegestuhl und nippte versuchsweise daran. Er schmeckte so scheußlich, dass sie sofort noch einen Schluck zu sich nahm, in der Hoffnung, sich geirrt zu haben. Was leider nicht der Fall war. Trotzdem zwang sie sich, die Hälfte der Tasse zu trinken, und stellte den Rest unter ihren Stuhl. Dann versuchte sie, ihre Aufmerksamkeit auf das Taschenbuch zu lenken, das sie als Reiselektüre mitgenommen hatte.

Der Kaffee wirkte alles andere als belebend. Das Taschenbuch fiel ihr aus der Hand. Emma machte sich nicht einmal die Mühe, es aufzuheben.

Vignette

Kapitel 3

Sie lag auf ihrem Liegestuhl und hatte alle Viere von sich gestreckt. Ihr Rock war bis zu den Knien hoch gerutscht, ihr Kopf schmerzte zum Zerspringen. Sie hatte einen scheußlichen Geschmack im Mund. Ärgerlich über sich selbst setzte Emma sich auf, strich ihren Rock glatt und schaute nach ihrem Gepäck. Die Gobelintasche war Gott sei Dank noch da, sie befand sich direkt neben ihr im Liegestuhl, wo Emma sie vernünftigerweise eingezwängt hatte. Geld, Scheckheft, Kreditkarten, ihr Goldfüller und das blaue Notizbuch, in das sie alles Wissenswerte über das Haus der Sabines eingetragen hatte, lagen nach wie vor darin. Ihre Perücke, die Unterwäsche und das Foto von Beddoes Kelling nebst Schlauchwagen ruhten ebenfalls sicher und wohlbehalten an ihrem Platz. Sie nahm ihr Puderdöschen, öffnete es, um einen Blick in den Spiegel zu werfen, und machte sich auf das Schlimmste gefasst.

Sie bot einen grauenhaften Anblick. Ihr Gesicht war gerötet, der Hut verrutscht. Ihre Augen sahen äußerst merkwürdig aus, die Pupillen waren auf Stecknadelgröße geschrumpft. Es kam sicher nicht von der Sonne, denn Emma hatte die Augen die ganze Zeit fest geschlossen gehabt, außerdem lag ihre Deckseite inzwischen im Schatten.

Sie konnte sich nicht erklären, wie ihr das hatte passieren können. Was in aller Welt war in dem Kaffee gewesen? Sie warf einen Blick unter den Liegestuhl, um nach dem Kaffeebecher zu sehen, doch der Becher war fort. Genau wie ihre Reisetasche.

War es möglich, dass man ihr ein Schlafmittel verabreicht hatte? Emma neigte außerhalb des Theaters nicht zu melodramatischen Exzessen, doch ihre Nichte Sarah war mit einem Privatdetektiv verheiratet und fand sich häufig in weit bizarreren Situationen wieder. Sarah und Emma waren sogar einmal gemeinsam betäubt und beraubt worden. Ja, so musste es gewesen sein. Warum sonst hätte jemand außer der Tasche auch noch den Becher mitgenommen? Auch auf einer Fähre gab es sicher Medikamente, bestimmt hatte irgendjemand Valium oder ein Mittel gegen Seekrankheit dabei. Bei ihr hätte wahrscheinlich schon ein Aspirin gewirkt. Sie hatte sich vorhin so müde gefühlt, dass es sicher kinderleicht gewesen war, sie außer Gefecht zu setzen.

Die Fähre musste zumindest einmal angelegt haben, während Emma im Kaffeekoma gelegen hatte, denn soweit sie sehen konnte waren deutlich weniger Passagiere an Bord als bei der Abfahrt. Die Tasche war wohl von einem der Passagiere mit an Land genommen worden. Oder vielleicht doch nicht? Ein Blick in das Innere hätte eigentlich genügen müssen, um alle Illusionen des Diebes zu zerstören. Vielleicht hatte er seine enttäuschende Beute irgendwo auf der Fähre zurückgelassen. Emma stand auf, griff nach ihrer Tasche und machte sich auf die Suche.

Der Feenschmuck war völlig wertlos und auch die Reisetasche war keine Kostbarkeit, doch Diebstahl war ein persönlicher Affront. Und Affronts nahm Emma Kelling nicht einfach sang- und klanglos hin.

Das Personal, das sie finden konnte, war leider nicht sehr hilfreich. Man wies sie lediglich auf die Schilder hin, die überall verkündeten, dass für das Gepäck von Passagieren keine Haftung übernommen werde. Ein junger Mann erklärte sich zwar bereit, die Augen offen zu halten, klang jedoch nicht besonders überzeugend. Emma beschloss, die Fähre auf eigene Faust zu inspizieren.

Natürlich war nirgends eine alte schwarze Ledertasche zu sehen. Sie erfuhr, dass die Fähre nicht nur einmal, sondern sogar zweimal angelegt hatte, während sie sich in ihrem entstellenden Stupor befunden hatte. Als sie schließlich in den Schiffsrumpf vorgedrungen war, der an eine Höhle für Bergtrolle erinnerte und zum Gotterbarmen nach Autoabgasen stank, sah sie, dass nur noch drei Fahrzeuge übrig waren. Außerdem gab es einen Container mit Lebensmitteln, deren Ziel laut Aufkleber Pocapuk Island war, wie sie erleichtert feststellte. Vincents Vorbereitungen liefen anscheinend bereits auf Höchsttouren.

Der einzige für diesen Bereich der Fähre zuständige Matrose war entweder einsamer oder gelangweilter als seine Kollegen auf den Decks, jedenfalls hörte er sich Emmas Geschichte geduldig an. Nein, er habe niemanden bemerkt, der mit einer alten schwarzen Ledertasche von Bord gegangen sei. Es sei auch keiner der Passagiere nach unten gekommen, um ein zusätzliches Gepäckstück im Wagen zu verstauen. Doch wenn sie wolle, sei er gern bereit, ihr bei der Suche zu helfen. Die Wagenschlüssel befanden sich noch in den jeweiligen Fahrzeugen, für den Fall, dass sie verstellt werden mussten, bevor die Eigentümer zu ihnen konnten.