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DuMonts Digitale Kriminal-Bibliothek

Herausgegeben von Volker Neuhaus

Charlotte MacLeod wurde 1922 in Kanada geboren und wuchs in Massachusetts, USA, auf. Sie studierte am Boston Art Institute und arbeitete danach kurze Zeit als Werbetexterin. 1964 begann sie, Detektivromane für Jugendliche zu veröffentlichen, 1978 erschien der erste Band ihrer ›Balaclava‹-Serie, 1979 folgte der erste Titel der ›Boston‹-Reihe, die begeisterte Zustimmung fanden und ihren Ruf als zeitgenössische große Dame des Kriminalromans begründeten. Für ihr Werk erhielt MacLeod fünf American Mystery Awards sowie den Nero Wolfe Award. Im Januar 2005 starb Charlotte MacLeod im Alter von 82 Jahren in Lewiston im US-Staat Maine.

Charlotte MacLeod

Arbalests Atelier

Aus dem Englischen
von Beate Felten-Leidel

Kapitel 1

»Bist du ganz sicher, Max, dass ich nicht doch mitkommen soll?«

Sarah Kelling Bittersohn sah besorgt zu, wie ihr Gatte vorsichtig die Treppe ihres ererbten Backsteinhauses hinunterstieg. Ererbt von den Kellings, nicht von den Bittersohns. Die Kellings hatten zu den Ersten gehört, die Reverend William Blaxton ihre sechs Schilling für ein Stück Land auf der Halbinsel Massachusetts überreichten und für John Winthrop als ersten Gouverneur der Massachusetts Bay Colony stimmten. Sie hatten ihn auch gegen Vizegouverneur Thomas Dudley dabei unterstützt, Boston als Hauptstadt durchzusetzen. Selbstverständlich hatte ihre Seite den Sieg davongetragen. Die Kellings hatten schon immer ein untrügliches Gespür für Gewinner gehabt und stets auf das richtige Pferd gesetzt.

Seit vierhundert Jahren residierten Mitglieder des Kelling-Clans auf dem Beacon Hill. Auch Sarah war dort geboren und aufgewachsen. Selbst nachdem sie zum zweiten Mal geheiratet hatte und an die Nordküste nach Ireson’s Landing gezogen war, hatte sie es nicht übers Herz gebracht, das Haus in der Tulip Street zu verkaufen, das sie von ihrem ersten Mann und Vetter ihres Vaters um fünf Ecken geerbt hatte. Inzwischen lebten ihr Cousin Brooks Kelling und seine Frau Theonia dort, spielten Hausmeister, bezahlten die laufenden Kosten und kümmerten sich um die zahllosen Reparaturen, die ein so altes Haus erforderte.

Selbstverständlich nutzten die Bittersohns das Haus weiterhin als Absteigequartier, wann immer ihnen der Sinn danach stand. Eigentlich hatten sie gar nicht vorgehabt, den Sommer auf dem Beacon Hill zu verbringen, bis Max, von Beruf Privatdetektiv und auf die Wiederbeschaffung von gestohlenen Kunstwerken spezialisiert, mit einem komplizierten Beinbruch und mehreren gebrochenen Rippen im Massachusetts General Hospital gelandet war. Die Verletzungen hatte er sich bei einer Auseinandersetzung mit zwei gewissenlosen Personen zugezogen, die sich partout nicht freiwillig von dem mit viel Mühe gestohlenen Goya trennen wollten.

Inzwischen waren die Rippen wieder ordentlich zusammen-gewachsen, und das Bein sprach gut auf die Therapie an. Max hatte das Gehwägelchen gegen Krücken eingetauscht und diese schließlich durch einen eleganten Spazierstock mit Silberknauf ersetzt, der einst Sarahs Großonkel Frederick gehört hatte. Frederick Kelling war vor einigen Jahren zur heimlichen Erleichterung vieler und unverhohlenen Freude weniger verschieden und ruhte nun in der Familiengruft der Kellings. Während der vergangenen Wochen hatten Sarah und Max gemeinsam kleine Spaziergänge unternommen, waren die Charles Street hinabgeschlendert, zum Krankenhaus gegangen, in dem Max weiterhin behandelt wurde. Manchmal hatten sie auch die Public Gardens besucht, wo es Bänke zum Ausruhen und genug zu sehen gab.

Sie hatten sogar begonnen, die Back Bay in alphabetischer Reihenfolge zu durchwandern, hatten Arlington, Berkeley und Clarendon abgehakt, gefolgt von Dartmouth und Exeter. Fairfield, Gloucester und Hereford hatte Max noch nicht in Angriff genommen, doch er war voller Hoffnung. Heute nun hatte er beschlossen, sich allein hinauszuwagen, was Sarah nur zu gut verstehen konnte. Ein Mann, der es gewohnt war, durchs Leben zu schreiten, als kämpfe er unablässig gegen einen Hurrikan von vierzig Meilen pro Stunde, ertrug es sicher nur schwer, urplötzlich in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt zu sein und auch noch ständig von einer überfürsorglichen Gattin umsorgt zu werden.

Eigentlich fand Sarah, dass sie zurück ins Haus gehen und Max sich selbst überlassen sollte, doch sie brachte es einfach nicht fertig. Die Bürgersteige der Tulip Street mit ihren roten Backsteinpflastern gehörten zur Stadtgeschichte Bostons und sahen ohne Zweifel malerisch aus, doch für einen Mann mit Spazierstock und einem Stahlnagel im Oberschenkelknochen waren sie höllisch gefährlich. Sie waren schmal, holperig und von Generationen von Füßen, ganz zu schweigen von manch unerschrockenem Hinterteil, so abgenutzt und glatt, dass man leicht auf ihnen ausgleiten konnte. Mit riesigen Lettern in die Annalen von Beacon Hill eingegangen war die Zeit, als die Stadtväter plötzlich auf die Idee kamen, die alten Steine herauszureißen und durch modernen, pflegeleichten, ebenen Asphalt zu ersetzen. Die traditionsbewussten Anwohner hatten die bösartigen Bestrebungen vereitelt, indem sie sich einfach mit ihren durch den ständigen Genuss von Baked Beans in die Breite gegangenen Gesäßen auf ihre geliebten Ziegelsteine pflanzten und sich erst wieder erhoben, als die Barbaren fort waren.

Frederick Kelling hatte seinerzeit diesen historischen Feldzug angeführt und dabei eben jenen Spazierstock mit sich geführt, der Max mittlerweile als Stütze diente. Cousin Brooks hatte vorsichtshalber eine rutschfeste Gummispitze auf der Stockzwinge befestigt. Auch schien Max sicher auf den Beinen zu sein, jedenfalls sah es nicht so aus, als würde er stolpern oder ausrutschen. Sarah brachte ihn bis zur Ecke, warf ihm eine Kusshand zu, als er sich umdrehte, um ihr zu winken, und ging zurück in ihr Haus.

Max beabsichtigte, die Beacon Street zu überqueren und durch den Boston Common zu seinem Büro im ziemlich großen Little Building zu gehen. Seit er mit Sarah verheiratet war, hatte sich sein Einmannbüro zu einem richtigen Familienbetrieb entwickelt. Brooks, erfahrener Ornithologe und umfassend gebildet wie ein Renaissance-Mensch, legte beim Stellen von Schurken ein noch größeres Geschick an den Tag als beim Einfangen und Beringen von Vögeln. Theonia, halb Grande Dame, halb wahrsagende Zigeunerin, sprang mit ihren unzähligen Talenten ein, wann immer die Situation es erforderte. Selbst Sarah ging mit auf die Pirsch, soweit es ihre Zeit zuließ, auch wenn ihre Fachgebiete normalerweise Recherchen und der zunehmend schwierigere Papierkrieg waren.

Als Max außer Gefecht gesetzt war, hatten sie nach besten Kräften allein weitergemacht. Sobald er wieder in der Lage war, einen Telefonhörer zu halten, hatte er endlose sündhaft teure Ferngespräche mit den vielen freien Mitarbeitern geführt, die in den verschiedensten Teilen der Welt für ihn tätig waren. Brooks und Theonia hatten die nötigen Reisen übernommen. Sarah war zu Hause geblieben und hatte sich um Max und ihren kleinen Sohn Davy gekümmert, unterstützt von ihren beiden Getreuen Mariposa und Charles. Sarah hatte die beiden nach dem Tod ihres ersten Mannes als Butler und Zimmermädchen eingestellt. Damals war sie aufgrund ihrer finanziellen Probleme gezwungen gewesen, das Backsteinhaus vorübergehend in eine Pension umzuwandeln.

Davy konnte bereits laufen und sprechen und legte den gleichen Forscherdrang an den Tag wie sein Vater. Nach Sarahs Meinung war es nun höchste Zeit, das Personal um ein Kindermädchen oder eine Sekretärin oder möglicherweise sogar beides zu erweitern. Sie war jedoch noch nicht dazu gekommen, die nötigen Einstellungsgespräche zu führen. Max sann gerade über die damit verbundenen Vor- und Nachteile nach und marschierte zügig durch den Park, da sein Bein glücklicherweise nicht allzu sehr schmerzte, als seine Aufmerksamkeit plötzlich durch eine Dampfpfeife abgelenkt wurde, die seinen Namen schrillte.

»Ah, mein Gott, der umwerfende Max! Was ist dir passiert?«

Die Sonne blendete ihn. Aber vielleicht war es auch gar nicht die Sonne, und er wurde nur von Dutzenden kleinen Spiegelchen angestrahlt. Sie befanden sich auf einem weißen Gazeschal, der ungefähr so lang war wie jener, der Isadora Duncan zum Verhängnis geworden war, als er sich im Reifen ihres Wagens erfing und die Bedauernswerte strangulierte. Die Enden dieses Schals flatterten jedoch leicht und harmlos im Sommerwind, etwa eineinhalb Meter hinter der Trägerin, einer groß gewachsenen, hageren, eleganten Erscheinung. Sie trug ein schwarzes Satinkostüm, schätzungsweise von anno 1912, mit weißen Aufschlägen und einen geschlitzten Humpelrock, der ihr das Gehen gerade noch ermöglichte, aber nicht sonderlich bequem machte. Schwarze Ziegenlederhandschuhe, ein zusammengerollter schwarzer Sonnenschirm und ein breitkrempiger Strohhut ähnlichen Alters wie das Kostüm, geschmückt mit den Schwanzfedern mehrerer Hähne und ziemlich keck auf einer Seite getragen, verliehen dem ungewöhnlichen Ensemble den allerletzten Schliff.

»Mein Gott!« sagte Max.

Die Frau unter dem Hut schien seine Reaktion amüsant zu finden. »Keine Sorge, bin nur ich. Nicht mal Engel auf niedrigster Stufe, auch wenn ich bin bestrebt, mein Image aufzubessern. Du siehst mich jetzt als ehrbare Bostoner Dame.«

»Ach ja?«

Max hatte Lydia Ouspenska schon in vielen bizarren Verkleidungen und in Begleitung der sonderbarsten Personen gesehen, von denen man auch mit viel Fantasie nur sehr wenige als ehrbar hätte bezeichnen können. Einige waren kleine Diebe gewesen, andere Trickbetrüger, wieder andere Dealer, die mit schlechten, wenn nicht sogar falschen Drogen handelten. Einer war sogar ein richtig großes Tier gewesen, Betrüger, Dieb und Mörder in einer Person. Soweit Max wusste, war Lydia nie bewusst in irgendwelche Gaunereien verwickelt gewesen. Doch die meisten kleinen Fische hatten sie auf irgendeine Weise benutzt, und dem wirklich dicken Fisch wäre es fast gelungen, sie umzubringen.

Sarah und Max hatten die halbtote Russin damals ins Krankenhaus gebracht und eine schreckliche Nacht lang ausgeharrt, um herauszufinden, ob das alte Mädchen wieder aufwachen würde oder nicht. Was zum Teufel hatte sie jetzt wieder angestellt? Max umfasste den Knauf von Onkel Freds Spazierstock noch ein wenig fester und steuerte auf eine Bank zu.

»Setz dich, Lydia, und entlaste deinen Sonnenschirm. Wir haben uns ja seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen. Wo hast du dich denn die ganze Zeit aufgehalten?«

Max hätte besser ein anderes Verb für seine Frage gewählt, denn die Gräfin Ouspenska, wie Lydia sich mit Vorliebe anreden ließ, hielt sich nicht auf, sondern wurde ausgehalten. Vorausgesetzt natürlich, sie fand den geeigneten Mann. Während der letzten Jahre war ihr Leben als Halbweltdame alles andere als einfach gewesen. Soweit er wusste, hatte sich die alternde Sirene ihren kargen Lebensunterhalt zuletzt durch das Malen antiker byzantinischer Ikonen verdient und ihre Werke durch einen ihrer so genannten Freunde verkaufen lassen. Da sie eine echte Künstlerin war, hatte sie einige meisterhafte Kopien angefertigt. Doch die Arbeit war äußerst zeitaufwendig, und ihr angeblicher Freund hatte sie mit dem Verkaufspreis todsicher betrogen und hauptsächlich in die eigene Tasche gewirtschaftet. Als Max Lydia das letzte Mal gesehen hatte, war sie spindeldürr und bleich wie ein Gespenst gewesen.

Inzwischen war sie mehr schlank als hager. Die erschreckend hohlen Wangen hatten sich so weit gefüllt, dass ihre Besitzerin eher an eine Modezeichnung von Erté als an eine Kohlezeichnung von Käthe Kollwitz erinnerte. Ob sich ihr Teint verbessert hatte, war ohne umfangreiche Abtragungen nicht feststellbar, doch ihre Kriegsbemalung war ein echtes Kunstwerk byzantinischen Stils. Ihre dunklen Augen strahlten. Sie hatte sogar ihre Zähne in Ordnung bringen lassen und war nicht länger die Ruine einer ehemals schönen Frau, sondern eine schöne Frau, die mit Würde und Eleganz älter wurde. Lydia legte ihren Schal zusammen, nahm auf der Bank Platz und ignorierte mit stolzer Miene die Taubenexkremente.

»Ich halte mich auf in Boston, aber nicht mehr in Fenway-Studios. Gefällt dir mein chapeau

»Dein Hut ist großartig. Deine ganze Aufmachung ist großartig. Du siehst wirklich großartig aus, Lydia.«

»Du klingst langweilig, Bittersohn. Wie ist dir ergangen? Wo ist dein hübscher Hausdrachen?«

»Daheim und hütet unser Baby. Wir haben nämlich einen Sohn.« Max griff nach seiner Brieftasche, doch Lydia hielt ihn am Handgelenk fest.

»Wenn du Babyfotos zeigst, ich rufe sofort nach Polizei und behaupte, dass du mich belästigst. Ist zu deprimierend, dass sich wunderbarer Max verwandelt in bon bourgeois Papa mit Kind auf Knie und vielleicht bald sogar Kahlkopf. Wo ist beau boulevardier Champagne Charlie von damals?«

Max Bittersohn hatte immer gearbeitet, als Schüler, als Student, und natürlich auch seit seinem Examen. Sein Haar war dicht und voll. Seine Ausflüge ins »süße Leben« waren selten, kurz und rein beruflicher Art gewesen. Er zuckte mit den Achseln.

»Bist du sicher, dass du mich nicht mit ein paar anderen Herren der Schöpfung verwechselst?«

»Ist möglich«, gab Lydia zu. »Manchmal man verliert Übersicht. Was mich betrifft, ich bin tief im Herzen immer noch Bo-hèmienne. Aber weniger, seit ich einträgliche Arbeit gefunden habe bei sympathischem Arbeitgeber mit regelmäßigem Einkommen.«

»Für welchen Arbeitgeber arbeitest du denn?« erkundigte sich Max.

»Für den Auferstehungsmann.«

»Burke oder Hare?«

»Ha! Du machst Witz! Versuch ja nicht, dich zu machen lustig über mich, frecher Kerl. Ich weiß Bescheid über Burke und Hare. Mein Auferstehungsmann ist kein Leichenräuber, der ausgräbt Tote, um Medizinstudenten für wissenschaftliche Studien zur Verfügung zu stellen. Er weckt große Kunst aus Mülltonne zu neuem Leben. Manchmal auch nicht so große Kunst, bloß sentimentale Sachen, die sind schöne Souvenirs wie meine Briefe mit blauen Schleifen, aber wen stört schon? Solange Kunden bezahlen, wir sind glücklich, alles für sie zu erwecken.«

Max war ein hochintelligenter Mann und verstand daher sofort, wovon die selbst ernannte Gräfin sprach. »Du meinst, du arbeitest als Restauratorin?«

»Mais oui, mon Towarischtsch. Ich restauriere. Er restauriert. Sie restaurieren. Wir alle restaurieren. In unserem Atelier hat jeder Spezialgebiet. Meins ist byzantinische Ikonen, figurez-vous. Außerdem ich vergolde. Bei byzantinische Malerei es gibt viel Gold, wie ich dir bestimmt nicht brauche zu sagen. Und auch Bilderrahmen, Bucheinbände, illuminierte Manuskripte und et cetera haben viel Gold. Kommt allerdings mehr et cetera zu uns in Atelier als Ikonen. Und auch in Kirchen man kann nicht abnehmen von Wand Heiligenscheine und viele andere et cetera. Müssen neu vergoldet werden, also ich mache sogar Hausbesuche bei Heiligen und Märtyrern. Ist sehr erhebend, aber ich arbeite lieber in Atelier in Gesellschaft von Mitkünstler. Diese Woche ich vergolde Käfig für alten Vogel, der mich würde am liebsten reinsetzen, glaube ich. Aber ich mache keine Techtelmechtel mit Kunden, ist nicht gut für Image von Firma. Außerdem Barto macht mir Hölle heiß, wenn er mich erwischt.«

»Ist Barto der so genannte Auferstehungsmann?«

»Natürlich.«

»Scheint mir ein strenges Regime zu führen. Wie heißt er denn richtig?«

»Barto ist Bartolo Arbalest. Ist möglich, dass du nicht kennst?«

»Noch nie von ihm gehört. Und ich dachte immer, ich würde alle Restaurateure in Boston und Umgebung kennen. Wo hat er denn seine Werkstatt?«

»Ich darf nicht sagen. Niemand soll wissen. Ist top secret.«

»Ach ja? Und wie kommt Arbalest dann an seine Kunden?«

»Durch Empfehlungen von Galerien, Auktionatoren, Antiquitätenhändler. Kunde ruft an wegen Termin oder antwortet unter Chiffre. Ist zu eigener Sicherheit, sagt Barto. Wenn Diebe nicht wissen, wo sind Kunstschätze von Kunden, sie kommen nicht und stehlen. Niemand beschwert sich, wenn Sicherheitsmaßnahmen sind Grund für Geheimhaltung. So braucht Barto auch nicht viel zahlen für Versicherung, bloß das er sagt nicht. Er geht zu Kunden, schätzt Wert von Kunstwerk, schlägt Preis für Auferstehung vor, und Kunde kann zustimmen oder sein lassen. Aber fast immer sie stimmen zu. Bartolo ist geschickter Überredungskünstler. Expertenarbeit, zuverlässig, mit schriftlicher Garantie, keine Anrufe außerhalb von Geschäftsstunden. Barto ist wirklich erstklassiger Geschäftsmann.«

»Klingt so.« Was Max betraf, klang Bartolo Arbalest außerdem wie ein waschechter Schwindler. »Wieso denn keine Anrufe außerhalb der Geschäftszeit?«

»Weil Bartolo kocht von sechs bis acht. Wir essen um acht, ist wichtiges Ritual und sehr erhebend. Wir tragen grüne Samtkittel, große weiche Barette und schöne Seidenkrawatten in Rembrandtstil. Ich bin einzige ohne Bart, ist angenehmer Kontrast.«

»Davon bin ich überzeugt«, meinte Max galant. »Und warum die Kittel und Barett?«

»Ist viel bedeutender als Suppe und Fisch essen mit alberner kleiner Fliege wie Schnurrbart von Katze. Wir sind Anhänger von neuer Renaissance, und so wir ziehen uns auch an.«

»Und nach dem Essen schleckt ihr einträchtig die Teller sauber?«

»Pfui, Bittersohn, Vaterschaft hat dich gemacht dumm. Für Geschirr gibt es Magd in Bauernkostüm mit hochgerollten Ärmeln. Auch für Hausputz und Bettenmachen. Schlafstätten sind hanseatischer Stil, mit echten Federbetten. Wir sind vornehmer Haufen, das du kannst glauben.«

»Kann ich mir gut vorstellen«, erwiderte Max ein wenig zerstreut. »Willst du damit andeuten, dass du mit der gesamten Truppe bei Arbalest wohnt?«

»Nicht Truppe. Gilde. Ist altehrwürdige Sitte für Meister und Gehilfen zusammen zu leben, wenn auch nicht oft praktiziert seit vielleicht fünfzehntem Jahrhundert. Bloß damals Lehrlinge wurden nicht bezahlt und mussten am Leben gehalten werden, weil sie wurden ausgebeutet. Großer Vorteil von Zusammenleben ist, dass jeder kommt rechtzeitig ins Atelier und ist bereit für gute Arbeit. Bartolo sorgt für alles. Ist einfach perfekt. Nur Fliegen erlaubt er nicht, wie ich schon habe gesagt.«

»Er erlaubt keine Fliegen?« Max war außer sich. »Wie zum Teufel will Arbalest eine mittelalterliche Gilde ohne Fliegen leiten?«

Lydia Ouspenska zuckte mit den Achseln und beschäftigte sich mit ihrem Schal. »Fliegen sind zwar authentischer, wie ich muss zugeben, aber bleiben an Farbe und Gold kleben und stören mit Gesumme und Herumfliegen Konzentration von Künstler. Ergebnis von Abstimmung von Gildenmitglieder war hundert Prozent gegen Fliegen, weil keiner will, dass Flügel und Füße und zerquetschte Fliegenleichen geben Kunstwerken mehr Authentizität, als Kunden gefällt. Ich muss jetzt gehen. Ich soll finden Trüffel für Bartos Pastete.«

»Hättest du dann nicht lieber ein Schwein mitnehmen sollen, um sie zu erschnüffeln?«

»Du bist amüsant, Bittersohn, aber nicht sehr. Ich komme mal chez vous vorbei für Dinner, wenn Barto hat freien Abend und lässt sich Moo-goo-gai-pan mit Glückskeksen kommen.«

»Das wäre großartig, Lydia, wir würden uns sehr freuen. Ich sage Sarah, sie soll dich anrufen. Wie ist deine Telefonnummer?«

»Barto erlaubt keine Privatanrufe für Mitglieder von Gilde. Ich komme unerwartet wie Zahnfee und überrasche euch. Au revoir, mon bon bourgeois

»Bis bald, Mrs. Rembrandt.«

Lydia und ihr Schal schwebten in Richtung Charles Street davon, wahrscheinlich zu Deluca’s Feinkostladen, vermutete Max. Lydia hatte sicher wenig Lust, in ihren Stöckelschuhen große Entfernungen zurückzulegen. Konnte das bedeuten, dass sich Bartolo Arbalests mittelalterliche ménage irgendwo ganz in der Nähe befand? Oder dass Lydia sich ausnahmsweise eine Fahrt mit der U-Bahn gegönnt hatte?

Die selbst ernannte Gräfin war inzwischen sicher alt genug, um einen Seniorenpass beantragen zu können. Normalerweise ließ sie sich derartige Sonderleistungen nie entgehen, die Frage war nur, ob sie willens war, ihr wahres Alter zu enthüllen. Vielleicht verdiente sich einer von Bartos Künstlern nebenher ein wenig Geld mit dem Fälschen von U-Bahn-Fahrscheinen. Max hielt sich mit einer Hand an der Bank fest, bohrte die Spitze seines Spazierstocks fest in den Sand zu seinen Füßen, hievte sich hoch und zuckte dabei nur ein- oder zweimal vor Schmerz zusammen. Bis zum Büro war es nicht mehr weit. Er hoffte nur, dass Brooks sich nicht gerade wegen eines dringenden Einsatzes außer Haus befand.

Nein, Brooks war da und freute sich, ihn zu sehen. »Was für eine nette Überraschung. Und noch dazu ganz allein! Und ohne Probleme?«

»Ich bin mir nicht ganz sicher«, sagte Max. »Ich habe im Park zufällig eine alte Freundin von dir getroffen. Du erinnerst dich doch sicher noch an Lydia Ouspenska?«

»Natürlich. Wer könnte sie je vergessen? Aber im Park? Jetzt sag bloß nicht, sie ist so tief gesunken, dass sie dort bettelt.«

»Oh nein, sie wollte Trüffel kaufen und nahm die Abkürzung durch den Common. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie je so gut ausgesehen hat wie heute. Anscheinend isst sie jetzt regelmäßig, und es geht ihr prächtig. Behauptet sie jedenfalls. Und sie hat eine feste Anstellung als Vergolderin in einer Gilde. Schon mal vom Auferstehungsmann gehört?«

»Ja, der Name sagt mir etwas. Ich nehme an, du meinst damit nicht die Leichenschänder, die arme Tote aus ihren Gräbern zu holen pflegten, sondern einen gewissen Bartolo Arbalest, der einen kleinen Laden in der Third Avenue in New York besitzt und dort Antiquitäten und dergleichen restauriert. Ziemlich gekonnt übrigens, wenn ich mich recht erinnere. Er trägt einen Kittel und ein Barett und trimmt sich den Bart im Stil des verstorbenen Rembrandt van Rijn.«

»Stimmt haargenau. Name, Barett, Bart, alles richtig. Nur die Adresse ist falsch, es sei denn, Lydia legt bei ihren Einkäufen Riesenstrecken zurück und pendelt zwischen Boston und New York hin und her. Wenn ich sie richtig verstanden habe, lebt Arbalest jetzt hier in Boston. Er hat hier ein Haus gemietet oder gekauft, das groß genug ist, um nicht nur für ihn und seine Werkstatt – Verzeihung, ich meine natürlich für sein Atelier – genug Platz zu haben, sondern auch für Lydia und diverse andere Kunsthandwerker, die für ihn arbeiten. Eine alte Renaissance-Sitte, behauptet Lydia. Jeder ist auf eine andere Technik der Restaurierung spezialisiert.«

Brooks nickte. »Welch hübsche Sitte. Sind die beiden – äh …?«

»Lydia sagt, sie sei die Einzige ohne Bart, doch das ist wenig hilfreich. Jedenfalls versammeln sich jeden Abend sämtliche Mitbewohner zum großen Gelage und tragen dabei Samtkittel und Barette, und Barto, wie sie ihn nennt, sorgt für das Bankett. Es sei denn, er ist nicht in der richtigen Stimmung. Dann lässt er Glückskekse kommen.«

»Weißt du was, Max, ich könnte mir vorstellen, dass Lydia tatsächlich die Wahrheit gesagt hat. Bartolo hat mir mal einen Job angeboten. Das war natürlich noch damals in New York. Ich hatte keine Ahnung, dass er inzwischen hier lebt. Eine der Bedingungen war, dass ich mich genauso anziehen sollte wie er. Samtkittel, großes weiches Barett und eine dieser albernen locker gebundenen Seidenkrawatten, die immer ins Terpentin oder was weiß ich fallen, wenn man sich vorbeugt. Ich habe ihm dargelegt, dass dies nicht mein Stil sei, und das war das Ende vom Lied.«

»Wie lange ist das her?«

»Oh, schon ziemlich lange. Etwa zwanzig Jahre, würde ich sagen. Ich muss mal nachdenken, wann genau es war. Ich bin damals ganz schön rumgekommen, musst du wissen. Ich hatte schon mit den Vortragsreisen aufgehört, aber noch nicht mit den Vogelimitationen bei Kindergeburtstagen und der Arbeit im Wilkins Museum angefangen. Die Kinderfeste haben mir übrigens Riesenspaß gemacht. Vielleicht lässt du mich mal eine Party für Davy arrangieren, wenn er ungefähr acht ist. Acht ist ein gutes Alter für Vogelimitationen.«

»Gern. Davy macht jetzt schon die Häher in Ireson’s Landing nach. Er flitzt herum, rudert mit den Armen und kreischt.« Max lächelte ein wenig kläglich. »Lydia meint übrigens, ich hätte mich in einen bon bourgeois verwandelt.«

»Pah, woher will sie das wissen? Max, diese ganze Gesichte klingt wirklich hochinteressant. Meinst du nicht auch, dass wir Bartolo bald mal einen unverbindlichen kleinen Besuch abstatten sollten?«

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Kapitel 2

»Klingt gut«, sagte Max. »Aber wahrscheinlich ist das gar nicht so einfach. Ich habe Lydia nach der Adresse gefragt, aber sie wollte sie mir nicht verraten. Angeblich will Bartolo nicht, dass jemand sie erfährt. Auch seine Kunden nicht.«

»Wie kommt er denn ohne Adresse an seine Aufträge?«

»Man kontaktiert ihn entweder telefonisch oder schriftlich über eine Chiffre, woraufhin Bartolo dem potentiellen Kunden einen Besuch abstattet. Er macht einen Kostenvoranschlag, wickelt die Leute mit viel Gerede ein und nimmt das Kunstwerk mit. Wenn es fertig restauriert ist, bringt er es zurück und kassiert sein Geld. Oder vielmehr den Rest, ich kann mir kaum vorstellen, dass er eine Arbeit ohne Anzahlung beginnt.«

»Er wäre verrückt, wenn er es täte«, sagte Brooks. »Denkst du genauso über diese komische Geschichte wie ich? Wie finden ihn seine Kunden? Durch die Mafia?«

»Ja, ich denke genauso darüber, und nein, tun sie nicht, wenn Lydia die Wahrheit sagt. Sie behauptet, dass die Leute durch Empfehlungen von Galerien und Auktionshäusern von ihm hören. Vielleicht ist sie falsch informiert, vielleicht lügt sie auch, beides wäre ihr durchaus zuzutrauen. Nehmen wir einmal an, es handelt sich nicht um Diebesgut. Kannst du dir vorstellen, dass jemand, der ein wertvolles Kunstwerk besitzt und bereit ist, es zu einem sicher horrenden Preis von Bartolo restaurieren zu lassen, dämlich genug ist, Bartolo das kostbare Stück einfach mitzugeben? Noch dazu, ohne seine Adresse zu kennen und ohne eine absolut bombensichere Garantie für seine Ehrlichkeit zu haben?«

»Klar kann ich das. Denk doch nur an Cousine Apollonia. Oder Onkel Frederick, obwohl man sich bei ihm nie sicher sein konnte. Der alte Fred hat sich immer wunders was auf seine exzellente Menschenkenntnis eingebildet. Daher wurde er auch durchschnittlich einmal die Woche übers Ohr gehauen. Aber ich verstehe sehr gut, worauf du hinauswillst, Max. Hatte Lydia eine Erklärung für die Geheimniskrämerei?«

»Sie behauptet, es geschehe aus Sicherheitsgründen. Bartolos offizielle Erklärung lautet, dass er durch die Geheimhaltung seiner Adresse potentielle Diebe davon abhalten will, bei ihm einzubrechen und die Kunstwerke seiner Kunden zu klauen.«

»Klingt plausibel«, musste Brooks zugeben. »Wenn auch nicht sehr.«

»Lydia hat außerdem noch erwähnt, dass Bartolo auf diese Weise Unsummen für die Diebstahlversicherung spart.«

»Auch das muss natürlich bedacht werden.«

»Zudem soll Barto, wie sie ihn nennt, über eine außergewöhnliche Überzeugungskraft verfügen.«

»Da hat sie Recht«, stimmte Brooks zu. »Wer mit Bartolo Arbalest redet, hat den Eindruck, eine Audienz beim Erzbischof von Canterbury zu haben. Ich hatte zwar noch nicht das Vergnügen, besagten Erzbischof persönlich zu treffen, doch so ungefähr fühlt man sich in Bartolos Gegenwart. Ja, ich kann mir lebhaft vorstellen, dass er den meisten Menschen so ungefähr alles aufschwatzen kann.«

»Trotzdem hat er dich nicht dazu bringen können, ein Barett zu tragen.«

»Vergiss nicht, dass ich ein Kelling bin, mein Junge. Ich habe eine harte Schule durchmachen müssen. Aber irgendwie fällt es mir schwer, mir Bartolo als Komplizen eines Hehlers vorzustellen, falls du darauf hinauswillst. Gestohlene Kunstwerke so zu tarnen, dass sie unbemerkt außer Landes geschmuggelt werden können, so in die Richtung?«

»Soll vorkommen, oder? Wo liegt das Problem?«

»Nun ja, ich weiß zwar, dass sich die Zeiten ändern und mit ihnen auch die Menschen, aber als ich Bartolo Arbalest damals kannte, hatte er einen sehr merkwürdigen Ruf, wenn man bedenkt, in welchem Viertel er arbeitete. Es hieß, er sei absolut gewissenhaft und auf schon geradezu peinliche und ekelhafte Weise unbestechlich. Auch wenn ich mir Lydia Ouspenska nur schwer mit jemandem vorstellen kann, der nicht korrupt ist. Ach herrje, ich hoffe, sie steckt nicht wieder in Schwierigkeiten.«

»Das hoffe ich auch. Vielleicht sollte ich Sarah anrufen.«

»Gute Idee. Sarah kann Lydia wirklich gut leiden, weißt du. Sie mag andere Menschen. Ich weiß auch nicht, von wem sie das hat. Ihre Eltern hatten ungefähr so viel Gefühl wie zwei tiefgefrorene Goldmakrelen. Obwohl ich immer den Eindruck hatte, aus Elizabeth hätte vielleicht etwas werden können, wenn sie nicht Walter geheiratet und so auf Thoreau abgefahren wäre. Aber warum willst du Sarah mit in die Sache hineinziehen? Soll ich nicht einfach losmarschieren und –«

»Lydia kennt dich viel zu gut, sie würde dich in Nullkommanichts bemerken. Mal sehen, wer das schon wieder – ach, du bist’s, Kätzele. Was ist denn los? Nein, mir geht’s gut. Ich bin hier im Büro mit Brooks. Hör zu, ich habe eben auf dem Weg hierher zufällig Lydia Ouspenska getroffen. Wahrscheinlich ist sie gerade bei Deluca’s. Ich möchte, dass ihr jemand folgt. Meinst du, Charles oder Mariposa könnten das übernehmen? Allerdings kennt Lydia Charles, er müsste sich also ziemlich gut verkleiden. Mariposa hat sie, glaube ich, noch nie gesehen. Okay, beide oder einer von ihnen. Sag ihnen aber bitte, dass es sehr eilig ist. Lydia trägt altmodische schwarze Sachen mit weißen Aufschlägen. Und einen schwarzen Hut, groß wie ein Wagenrad und ziemlich einseitig getragen. Zudem hat sie einen Sonnenschirm bei sich, sie dürfte also kaum zu übersehen sein. Nein, nicht beschatten, ich will nur wissen, wohin sie ihre Trüffel trägt. Das überlasse ich ganz dir, Schatz. Dann bis später.«

Max legte auf. »Sarah macht jetzt einen kleinen Spaziergang mit Davy. Sie wird versuchen, Lydia an der Ecke Beacon Street aufzuhalten und so lange in ein Gespräch zu verwickeln, bis Charles sich den falschen Schnurrbart angeklebt hat und gemeinsam mit Mariposa übernehmen kann. Schade, dass Theonia unterwegs ist, sie hätte bestimmt wieder eine ausgezeichnete Stadtstreicherin abgegeben. Hast du schon was von ihr gehört?«

»Vor ungefähr einer Stunde«, sagte Brooks mit stillem Stolz. »Die Miniaturen waren genau dort, wo du vermutet hast. Ich soll Theonia und Mrs. DeMorgan in der Back Bay treffen und zum Essen ins Copley ausführen. Dort will Theonia ihr die Sachen übergeben, und ich werde das Honorar kassieren. Kannst du die Stellung hier im Büro bis gegen drei halten? Der Mensch, dem die Degas-Ballerina gestohlen wurde, wollte heute noch hereinschauen.«

»Kein Problem. Gibt es sonst noch was?«

Die beiden unterhielten sich eine Weile aufs Angenehmste über die diversen Missetaten, an deren Aufklärung sie momentan arbeiteten, und dachten sich interessante Lösungsmöglichkeiten aus. Dann machte sich Brooks zu seiner Verabredung auf, und Max hängte sich wie üblich ans Telefon. Als Brooks von seiner Lunchverabredung mit den beiden Damen zurückkam, hatte Max bereits einiges an Arbeit geschafft und sogar ein oder zwei neue Aufträge an Land gezogen. Den Scheck hatte Brooks unterwegs bei der Bank eingereicht.

Die beiden spielten ernsthaft mit dem Gedanken, Feierabend zu machen, den Anrufbeantworter einzuschalten und nach Hause zu gehen, um herauszufinden, was ihre Geheimagenten über Lydia Ouspenska in Erfahrung gebracht hatten, als eine schlanke, dunkle Gestalt zur Tür hereinschlüpfte und diese lautlos hinter sich zuzog.

»Ah«, sagte Max. »Da kommt ja der kleine braune Mann mit dem Blasrohr. Suchst du immer noch nach dem Auge des Götzen, Bill?«

»Klaro. Hi, Brooks. Wie geht’s denn so, Maxie?«

Bill Jones, wie er sich am liebsten anreden ließ, trug das, was er immer trug, ein Baumwollhemd, das er während der letzten Woche entweder gewechselt hatte oder auch nicht, eine leichte Baumwollhose in einem noch etwas schlechteren Zustand, und abgetragene Mokassins. Keine Socken, die trug Bill nur während der Monate, die ein R im Namen hatten. Außerdem besaß er einen schmuddeligen alten Regenmantel, den er bei diesem Wetter allerdings kaum benötigte. Die Sommersonne hatte seine Haut dunkel wie die eines Beduinen gebrannt, auch wenn ein Teil seiner Farbe möglicherweise einfach Schmutz war.

Wer ihn so sah, wäre sicher nie auf die Idee gekommen, dass Bill Jones der kleine Bruder eines der reichsten griechischen Importeure in Boston war. Außerdem war er ein erfolgreicher Werbegrafiker, dessen Vorstellung von einer ausschweifenden Nacht im Besuch einer Dichterlesung gipfelte, und zwar möglichst in Begleitung einer attraktiven Radcliffe-Studentin, die entweder bereits Auszeichnungen von Phi Beta Kappa erhalten hatte oder gerade dabei war. Die Tatsache, dass Bill früher oft nach dergleichen exquisiten Verlustierungen zu Lydia Ouspenskas ehemaliger Wohnung in den Fenway-Studios gepilgert war und dort mit ihr das Bett geteilt hatte, tat seiner Moral keinen Abbruch. Ihre Beziehung war, wie Lydia selbst stets betont hatte, rein plutonisch, und das Bett hatten sie nur geteilt, weil Lydia keine zweite Matratze besaß. Bill kam Max wie gerufen.

Möglicherweise war Bill auf der Suche nach Wilkie Collins’ »Mondstein«. Nach irgendetwas suchte er immer. Für gewöhnlich waren es Informationen, aus keinem besonderen Grund übrigens, Bill wusste nur einfach gern über alles Bescheid.

Da er absolut ehrlich und äußerst diskret war, fand Bill stets eine Menge heraus, gab davon allerdings nur sehr wenig weiter. Für Max war er ein unschätzbarer Freund und Verbündeter. Dabei erwartete er keinerlei Gegenleistungen, außer vielleicht gelegentlich zum Abendessen in die Tulip Street eingeladen zu werden, wo er Theonia und Sarah verstohlen bewundernde Blicke aus seinen ausdrucksvollen dunklen Augen zuwerfen konnte. Wahrscheinlich war es kein Zufall, dass er ausgerechnet jetzt auf der Bildfläche erschien. Es war durchaus möglich, dass er Max durch den Park gefolgt war, um sicherzugehen, dass er heil zu Hause ankam. Unbemerkt gute Taten zu begehen, war Bills Spezialität.

Eigentlich verhielt er sich stets unauffällig, selbst wenn er redete. Er sprach nicht, er hauchte, und selbst dies nur äußerst selten. Er schien nicht einmal zu atmen. Dabei konnte er seine Gedanken überaus beredt in Worte kleiden, wenn ihm danach war. Doch meistens beschränkte er sich auf Schulterzucken, viel sagende Blicke und ausdrucksvolle Bilder, die er in die Luft malte. Seine Hände waren kaum größer als Sarahs. Momentan flatterten sie umher wie zwei aufgeregte Sperlinge auf der Jagd nach demselben Brotkrumen und konnten kaum erwarten, alles zu kommentieren, was Max zu sagen hatte. Max tat ihm den Gefallen.

»Meinem Bein geht es gut, Bill. Wahrscheinlich weißt du schon, dass Lydia Ouspenska nicht mehr in den Fenway-Studios wohnt. Ich habe sie eben auf dem Weg hierher getroffen, sie sah wirklich toll aus. Hast du sie in der letzten Zeit mal gesehen?«

»Nei-ein. Sie ist einfach –« Bill berichtete mit Händen und Schultern, wie seine alte Freundin Lydia aus seinem Leben entschwunden war. »Ich dachte schon, sie wäre –« tot oder mit irgendeinem Mann auf und davon. Dass Lydia mit einer Frau durchgebrannt sein könnte, war so undenkbar, dass er dafür keine Handbewegung verschwendete. »Was macht sie –«

»Angeblich arbeitet sie für den Auferstehungsmann. Kennst du ihn?«

Bill mimte eine aufgebahrte Leiche. Max schüttelte den Kopf. »Nein, so nicht. Unser Mann restauriert Antiquitäten und Gemälde. Er nennt sich Bartolo Arbalest. Brooks sagt, er habe früher in New York gearbeitet.«

Bill hob die Brauen. »Sind sie –?«

»Aber sicher. Lydia wohnt bei ihm, aber nur im plutonischen Sinn, soweit ich weiß. Arbalest zieht es vor, mit seinen Gehilfen unter einem Dach zu leben, um sicherzugehen, dass sie morgens pünktlich im Atelier erscheinen.«

Bill zeigte den Anflug eines Lächelns. »Das macht Lydia mit? Dann muss er aber ziemlich überzeugend sein. Wo ist seine –«

»Gute Frage«, sagte Max. »Wir hoffen, dass wir es bald wissen.«

»Hat Lydia nicht –?«

»Ihre Lippen sind versiegelt. Sie behauptet, Arbalest habe seine Heinzelmännchen zu absolutem Stillschweigen verpflichtet, und zwar aus Sicherheitsgründen.«

»Hey-y-y.«

Bill fabrizierte einige ziemlich beunruhigende Luftbilder. Brooks, der die Pantomime stillschweigend genossen hatte, nickte.

»Das fragen wir uns auch, Bill. Nicht dass es uns etwas angeht, wogegen sich Arbalest zu schützen versucht«, fügte Brooks hinzu, denn der Ehrenkodex der Kellings war streng, jedenfalls stellenweise. »Dennoch sollten wir versuchen, es herauszufinden«, meinte er nach kurzem Nachdenken. Schließlich hatte selbst der Ehrenkodex der Kellings Cousine Mabel noch nie von etwas abgehalten. »Lydia sagt, dass Barto, wie sie ihn nennt, auf diese Weise verhindern will, dass potentielle Diebe erfahren, wo sich die kostbaren Kunstwerke seiner Kunden befinden. Außerdem spart er so die horrenden Versicherungskosten. Möglicherweise sagt sie sogar die Wahrheit.«

Woraufhin alle drei einvernehmlich mit den Achseln zuckten und sich bei dieser amüsanten Vorstellung ein Grinsen nicht verkneifen konnten. Dann wedelte Bill wieder mit den Händen herum.

»Und wie bekommt er –«

»Seine Aufträge? Durch Hausbesuche, behauptet Lydia. Als ich Bartolo vor einigen Jahren in New York kennen lernte, hatte er ein richtiges Ladengeschäft. Die Leute kamen einfach mit ihren Duccios unter dem Arm zu ihm, und er retuschierte die kahlen Stellen. Heute lässt er sich anscheinend von den vornehmeren Galerien und Auktionshäusern weiterempfehlen. Eine Steigerung seines Image zur Rechtfertigung höherer Preise, nehme ich an. Max, hat Lydia zufällig erwähnt, ob Bartolo in einem Leichenwagen bei seinen Kunden vorfährt?«

»Teufel auch, ich habe völlig vergessen, sie danach zu fragen. Aber er will bestimmt möglichst wenig Aufsehen erregen, wenn er sonst schon so geheimnisvoll tut. Wundert mich nur, dass Lydia frei herumlaufen darf.«

»Darf sie wahrscheinlich gar nicht«, meinte Brooks. »Außer für gelegentliche Besorgungen. Keine Trüffel im Haus zu haben, zählt bei ihm vielleicht als Notlage. Du weißt ja, wie Amateurköche sind. Du warst längere Zeit nicht im Einsatz, Max, aber ich bin sozusagen jeden Tag unterwegs. Das Gleiche gilt für Theonia und Charles. Falls Lydia wirklich so frei herumlaufen würde, hätte einer von uns sie bestimmt längst gesehen.«

»Es sei denn, die Werkstatt befindet sich irgendwo in einem Vorort.«

Was sicher nicht der Fall war. Max vermutete eher, dass Arbalest sich ein renoviertes altes Mietshaus in der Back Bay zugelegt hatte. Lydia hatte keine genauen Angaben darüber gemacht, wie viele Personen in dem Haus wohnten, doch bestimmt hatte jeder sein eigenes Schlafzimmer. Es sei denn, Arbalest trieb sein Konzept vom Zusammenleben in einer mittelalterlichen Gilde auf die Spitze und ließ seine Helfer in Schafspelze gehüllt unter den Werkbänken schlafen. Lydia hätte dies sicher nicht viel ausgemacht, sie hatte schon mit unbequemeren Schlafstätten vorlieb nehmen müssen.

»Aber ich habe nicht das Geringste von ihr gehört«, sagte Brooks, »seit Ernie Haire nicht mehr in Boston ist. Und schon gar nicht, seit Bartolo Arbalest hier ist. Bartolo hat auf mich nie den Eindruck eines Menschen gemacht, der sein Licht unter den Scheffel stellt. Die ganze Geheimniskrämerei scheint mir eher darauf hinzudeuten, dass er in New York Schwierigkeiten hatte und untertauchen möchte, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Ich wollte, wir wüssten, was das alles bedeutet. Irgendwie macht man sich doch Sorgen. Lydia hat ungefähr so viel gesunden Menschenverstand wie ein gewöhnliches Blässhuhn.«

»Gewöhnlich fand ich Lydia eigentlich nie«, widersprach Max. Gewöhnlich waren nur die Männer, mit denen sie sich mit Vorliebe abgab, doch das brauchte er nicht eigens zu erwähnen. »Wir wollen uns nicht die Haare raufen, bevor unsere Geheimagenten Genaueres herausgefunden haben. Was gibt es sonst noch an Neuigkeiten, Bill?«

Es gab ziemlich viel, und Bill berichtete äußerst gestenreich darüber. Jedenfalls mehr gestenreich als verbal. Brooks machte sich sorgfältig Notizen in seinem persönlichen Geheimcode und nickte hin und wieder, wenn eine Information genau in eines der diversen Puzzles passte, an denen er und Max gerade bastelten. Sie hatten bereits zwei Fälle auf ihrer Liste erfolgreich abgehakt und diskutierten gerade interessiert ein Gerücht, das Bill über Quellen aus Montenegro und Lima erreicht hatte, als die Karikatur eines Bilderbuchanarchisten der alten Bolschewikenschule ins Zimmer platzte.

»Hallo, Dmitri«, sagte Max. »Setz dich und park deine Bombe.«

»Potzblitz, ich bin enttarnt!«

Es war niemand anderer als Charles C. Charles, der etwa ein halbes Pfund buschiges schwarzes Kunsthaar von Schädel und Kinn schälte, die dazugehörigen Brauen abnahm und sich nunmehr als Lord Peter Wimsey präsentierte. Nur das Monokel hatte er in der Eile vergessen.

Charles war ausgebildeter Schauspieler und hatte in Sarahs ehemaliger Pension einen wunderbaren Butler abgegeben, hatte sich jedoch notgedrungen in einer Kunststofffabrik etwas nebenher verdienen müssen. Seit Max Bittersohns Unfall hatte er einen Großteil der Laufarbeit für die Detektei übernommen und in seiner neuen Funktion mehr Rollen gespielt als in seiner gesamten Zeit an Bostons Bühnen. Als er den Klebstoff von seinem Kinn pflückte, verwandelte er sich erneut, diesmal in Sergeant Charles C. Charles, CID. Doch zuerst gestattete er sich ein kurzes Aparte.

»Mariposa ist zurück zum Haus gegangen. Ihr deuchte, Moddom benötige möglicherweise ihre Hülfe in der Küche. Und jetzt, Sirs, kommen wir zu meinem Bericht. Der Order gemäß nahmen M. und ich an der Ecke Charles und Beacon Street so schnell wie möglich Verbindung zu Mrs. B und Sohn auf. Da sie bereits ein Gespräch mit Gräfin O. führte, hielten wir uns unbemerkt in ihrer Nähe auf. Wir warteten, bis besagte Gräfin sowohl Mrs. B als auch deren Söhnchen D mehrmals geküsst hatte und Anstalten machte, den Fußgängerüberweg zu nehmen und den Public Garden zu betreten.«

»Sie meinen den PG?« erkundigte sich Max.

»Sehr richtig, Sir, wenn Sie dies vorziehen, Sir. Die Zielperson trug eine winzige braune Papiertüte, was M und mir Grund zu der Annahme gab, dass die Operation Trüffelsuche einen erfolgreichen Abschluss gefunden hatte. Die Tatsache, dass es sich um eine so kleine Tüte handelte, veranlasste M und mich zu der Schlussfolgerung, dass die Gräfin nicht genug Geld für die Tätigung weiterer Einkäufe bei sich hatte. Anderenfalls hätte sie dies zweifellos getan. Weder die Größe ihrer Handtasche noch der Schnitt ihres Kostüms schienen sonderlich geeignet für einen Ladendiebstahl, zudem war O in dieser Hinsicht noch nie sonderlich talentiert. Sie hätte möglicherweise etwas in ihren Sonnenschirm gleiten lassen können, doch im Laden behielt man sie sicher gut im Blick. Schließlich ist die Gräfin dort keine Unbekannte.«

»Kurz und gut, ihr seid ihr gefolgt.« Wenn man ihn nicht rigoros bremste, tendierte Charles dazu, seine Rollen allzu sehr auszuschmücken. Max wollte die Sache so schnell wie möglich auf den Punkt bringen.

»Oh ja, Sir, das haben wir, Sir, meine Partnerin und ich. Will sagen, wir sind der Gräfin O zu einer Adresse gefolgt, die sich auf der – darf ich jetzt Marlborough Street sagen? Das M habe ich schließlich schon benutzt.«

»Es sei Ihnen gestattet«, versicherte Max. »Zwischen Arlington und Berkeley?«

»Nein, Berkeley und Clarendon, auf der Beacon-Seite. Es ist das Haus mit den verzierten Eisengittern an sämtlichen Fenstern, sowohl unten als auch oben. Neue Gitter. Jedenfalls ziemlich neu. Die Tür ist in einem unangenehmen olivgrünen Farbton gestrichen. Darauf prangt ein Türklopfer aus Messing mit einem Gesicht.«

»Jemand, den wir kennen?«

»Ich hoffe nicht. Es ist eher ein symbolisches Gesicht, wie ein Satyr, eine Dryade oder vielleicht auch ein Wasserspeier. Ich kenne mich mit Dryaden nicht allzu gut aus. Kein glänzendes Messing. Die andere Sorte.«

»Ist der Türklopfer ein wesentlicher Bestandteil des Berichts?« erkundigte sich Brooks und versuchte, seine Ungeduld zu verbergen.

»Oh ja, absolut wesentlich, da die Zielperson ihn ergriff, um an die Tür zu klopfen«, fügte Charles im Interesse lückenloser Berichterstattung hinzu. »M und ich gingen ein kurzes Stück weiter und blieben dann stehen. M entfernte einen imaginären Stein aus ihrem Schuh, während ich zu meinem zuverlässigen Rückblick-o-skop griff, in der Hoffnung, auf diese Weise sehen zu können, wer sie hereinließ. Leider wurde die Tür nur so weit geöffnet, dass Gräfin O hineinschlüpfen konnte. Ich konnte nur eine Hand mit Farbflecken darauf erkennen und ein kleines Stück eines grünen Samtärmels in etwa demselben Farbton wie die Tür.«

»Großartig, Charles, genau das wollten wir wissen. Sie haben sich hoffentlich die Hausnummer gemerkt?«

»Nein, Mr. Brooks. Es gab nämlich keine. Natürlich war es einfach, sie mit Hilfe der Nummern an den anderen Häusern zu rekonstruieren, aber die eigentlichen Metallziffern, die sich vermutlich einst dort befanden, waren verschwunden. Da ich leicht weitsichtig bin, konnte ich sogar die kleinen Nagellöcher an der Stelle erkennen, wo man die Zahlen entfernt hatte.«

»Wirklich sehr interessant. Meinst du nicht auch, Max?«

»Durchaus. Hervorragende Arbeit, Charles. Gibt es ein ähnliches Haus in der Straße?«

»Nein, es ist das Einzige mit Gittern vor sämtlichen Fenstern und einer olivfarbenen Tür mit Türklopfergesicht. Es befindet sich zwischen der roten Tür mit dem neoklassizistischen Klopfer und der lila Tür mit der altmodischen Drehklingel in der Mitte. Man kann es unmöglich verfehlen. Wir gingen weiter bis zur Clarendon Street. Dann trennten wir uns, und ich eilte zurück durch den schmalen Weg auf der Rückseite, getarnt mit meiner Red-Sox-Kappe, für den Fall, dass jemand zufällig aus dem Fenster schauen sollte. Ich wollte nachsehen, ob die Fenster an der Rückseite des Hauses ebenfalls vergittert sind. Das sind sie, und zwar ohne Ausnahme.«

»Und Lydia ging direkt dorthin, nachdem sie sich von Sarah verabschiedet hatte, ohne einen Umweg zu machen oder stehen zu bleiben und mit noch jemandem zu sprechen?«

»Wie eine Taube, die dem heimatlichen Schlag zustrebt, Mr. Max. Auch wenn es ganz und gar nicht zu ihr passt. Halten Sie es für möglich, dass sie eine Gehirnoperation oder etwas Ähnliches hinter sich hat? Ich hatte mal einen winzigen Auftritt in einem Stück, in dem ein verrückter Wissenschaftler etwas mit der wunderschönen Heldin anstellte, woraufhin sie sich in einen Roboter verwandelte. Sie tat alles, was er wollte, ohne Zögern und Fragen. Mein Satz lautete: ›Herr des Himmels, Chavender! Pauline, der ehemals übermütige Wildfang, gehorcht jeder Laune dieses üblen Subjekts Dr. Testoob, ohne zu zögern oder zu fragen.‹ Dem Stück war leider kein sonderlich großer Erfolg beschieden.«

Vignette

Kapitel 3

»Wie bedauerlich«, meinte Max. »Aber man kann schließlich nicht jedes Mal Triumphe feiern. Haben Sie sonst noch jemanden in der Nähe des Hauses bemerkt?«

»Ein paar Passanten«, erwiderte Charles. »Aber nichts Auffälliges, falls Sie das meinen. Niemand, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf den Eingangsstufen saß und das Haus beobachtete oder etwas Derartiges. Aber auf dem Weg hinter Arbalests Haus habe ich jemanden gesehen, der mir tatsächlich ein wenig merkwürdig vorkam. Er war mit gymnastischen Übungen beschäftigt.«

»Was genau hat er denn gemacht?«

»Er sprang in die Luft, klatschte die Hände über dem Kopf zusammen, schwang die Beine. Das übliche Aerobic-Zeug, wissen Sie. Mir fiel vor allem auf, dass er dabei einen leuchtend roten Jogginganzug trug. Mit langen Ärmeln und Beinen. In voller Montur sozusagen. An einem heißen Tag erschien mir dies recht ungewöhnlich, man hätte eigentlich Shorts und ein T-Shirt erwartet.«

»Vielleicht wollte er durch das Schwitzen sein Gewicht reduzieren«, meinte Brooks.

»Kann sein, aber soweit man es bei dem weiten Sweatshirt überhaupt erkennen konnte, hatte der Mann kein Gramm Fett zu viel an sich. Er war etwa so groß wie Bill, nur dunkler, und hatte glattes Haar. Aber er war kein Schwarzer oder Mexikaner, eher – ich weiß auch nicht. Vielleicht ein Inder oder Malaie. Ich konnte sein Gesicht nicht richtig erkennen. Als ich näher kam, beugte er sich nach vorn und schwang den Kopf hin und her. Ich will dem Ganzen wirklich keine unnötige Bedeutung zumessen. Vielleicht haust er ja nur in einem winzigen Apartment, in dem für Gymnastikübungen kein Platz ist. Oder seine Gattin sammelt kostbares Porzellan und schickt ihn nach draußen, weil sie Angst hat, er könnte etwas zerbrechen.«