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Ernst H. Gombrich zählt zu den großen Gelehrten des 20. Jahrhunderts. Dabei war ihm die einzigartige Fähigkeit gegeben, Zusammenhänge nicht von seinem Standpunkt, dem des Wissenden, sondern vom Standpunkt des Wissbegierigen aus zu betrachten. Im Alter von nur 25 Jahren wagte er sich 1935 daran, eine Weltgeschichte für junge Leser zu schreiben. Ohne jemals langatmig zu werden, schildert er spannend und mit einem aufmerksamen Blick fürs Detail die komplizierte Entwicklung der Menschheit von den Höhlenmenschen bis zum Ersten Weltkrieg. Ihm gelingt der große Bogen, ohne Probleme und Geschehnisse der Vergangenheit zu banalisieren oder gar auszublenden. Die Geschichte der Menschheit, erzählt von einem großen Gelehrten: so fesselnd wie ein Roman, so kenntnisreich wie eine Enzyklopädie. Ernst H. Gombrichs Weltgeschichte ist längst ein Klassiker geworden.

 

Ernst H. Gombrich (1909  2001) war ein britischer Kunsthistoriker österreichischer Herkunft, der am Warburg Institute in London wirkte. Gombrich gilt als einer der weltweit angesehensten Kunsthistoriker. Er hat nicht nur die Grundfragen der Kunstwissenschaft neu durchdacht, sondern auch Brücken zu Nachbardisziplinen von der experimentellen Psychologie bis zur Humanismusforschung und der Geschichte der Rhetorik geschlagen.

ERNST H. GOMBRICH

EINE KURZE
WELTGESCHICHTE
FÜR JUNGE LESER

 

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Für Ilse
 
Wie du stets dir’s angehört
Also stets dir’s angehört
 
Wien, Oktober 1935
London, Februar 1998

INHALT

          Vorwort

  1      Es war einmal

Vergangenheit und Erinnerung · Bevor es Menschen gab · Rieseneidechsen · Erde ohne Leben · Sonne ohne Erde · Was ist Geschichte?

  2      Die größten Erfinder, die es je gegeben hat

Der Heidelberger Unterkiefer · Der Neandertaler Mensch · Vorgeschichte · Das Feuer · Die Werkzeuge · Höhlenmenschen · Das Sprechen · Das Malen · Das Zaubern · Eiszeit und ältere Steinzeit · Jüngere Steinzeit · Pfahlbauten · Bronzezeit · Menschen wie du und ich

  3      Das Land am Nil

König Menes · Ägypten · Eine Hymne an den Nil · Der Pharao · Die Pyramiden · Die Religion der alten Ägypter · Die Sphinx · Hieroglyphen · Papyrus · Der Umsturz im Alten Reich · Echnatons Reformen

  4      Sonntag, Montag …

Mesopotamien heute · Die Grabungen in Ur · Tontafeln und Keilschrift · Hammurabis Gesetze · Sternenkult · Die Herkunft der Wochentagsbezeichnungen · Nebukadnezar

  5      Vom einzigen Gott

Palästina · Abraham aus Ur · Der Turm zu Babel · Die Sintflut · Die ägyptische Knechtschaft · Moses und das Jahr des Auszugs · Saul, David, Salomo · Die Teilung des Reiches · Vernichtung Israels · Das Prophetentum · Babylonische Gefangenschaft · Rückkehr · Altes Testament und Messias-Glaube

  6      D.U. K.A.N.N.S.T. L.E.S.E.N.

Die Buchstabenschrift · Die Phönizier und ihre Handelsniederlassungen

  7      Helden und ihre Waffen

Die Lieder Homers · Schliemanns Grabungen · Seeräuberkönige · Kreta und das Labyrinth · Die dorische Wanderung · Die Heldenlieder · Die griechischen Stämme und ihre Kolonien

  8      Ein ungleicher Kampf

Die Perser und ihr Glaube · Kyros erobert Babylon · Kambyses in Ägypten · Das Reich des Dareios · Aufstand der Ionier · Der erste Rachezug · Der zweite Rachezug und die Schlacht bei Marathon · Der Zug des Xerxes · Die Thermopylen · Die Schlacht bei Salamis

  9      Zwei kleine Städte in einem kleinen Land

Die Olympischen Spiele · Das Orakel zu Delphi · Sparta und die spartanische Erziehung · Athen · Drakon und Solon · Volksversammlung und Tyrannis · Die Zeit des Perikles · Philosophie · Plastik und Malerei · Architektur · Theater

10      Der Erleuchtete und sein Land

Indien · Mohendjo-Daro, eine Stadt aus der Zeit Urs · Die Einwanderung der Inder · Indogermanische Sprachen · Kastenwesen · Brahma und die Seelenwanderung · »Das bist du« · Der Königssohn Gautama · Die Erleuchtung · Erlösung vom Leid · Nirwana · Buddhas Anhänger

11      Ein großer Lehrer eines großen Volkes

China vor Christi Geburt · Der Kaiser von China und die Fürsten · Bedeutung der chinesischen Schrift · Konfuzius · Der Sinn der Formen und Bräuche · Die Familie · Herrscher und Untertan · Laotse · Das Tao

12      Das größte Abenteuer

Der Peloponnesische Krieg · Der delphische Krieg · Philipp von Makedonien · Die Schlacht von Chäronea · Verfall des Perserreiches · Alexander der Große · Thebens Zerstörung · Aristoteles und sein Wissen · Diogenes · Eroberung Kleinasiens · Der gordische Knoten · Schlacht bei Issus · Eroberung von Tyrus und Ägypten · Alexandria · Schlacht bei Gaugamela · Zug nach Indien · Porus · Alexander als Herrscher des Ostens · Alexanders Tod und die Nachfolger · Hellenismus · Die Bibliothek von Alexandria

13      Von neuen Kämpfern und Kämpfen

Italien · Rom und die Gründungssage · Ständekämpfe · Die Zwölftafelgesetze · Römischer Charakter · Roms Einnahme durch die Gallier · Eroberung Italiens · Pyrrhus · Karthago · Der erste Punische Krieg · Hannibal · Der Zug über die Alpen · Quintus Fabius Maximus · Cannä · Letztes Aufgebot · Scipios Sieg über Hannibal · Eroberung Griechenlands · Cato · Karthagos Zerstörung

14      Ein Feind der Geschichte

Kaiser Qin Shi Huangdi · Die Bücherverbrennung · Die Fürsten von Tsin und der Name »China« · Die chinesische Mauer · Die Herrscherfamilie der Han · Gelehrte Beamte

15      Die Herrscher der westlichen Welt

Römische Provinzen · Straßen und Wasserleitungen · Die Legionen · Die beiden Gracchen · Brot und Spiele · Marius · Die Cimbern und Teutonen · Sulla · Sklavenkriege · Julius Cäsar · Die Kämpfe in Gallien · Sieg im Bürgerkrieg · Kleopatra · Die Kalenderreform · Cäsars Ermordung · Augustus und das Kaisertum · Die Künste

16      Die frohe Botschaft

Jesus Christus · Die Lehren der Bergpredigt · Das Kreuz · Paulus an die Korinther · Der Kaiserkult · Nero · Der Brand Roms · Die ersten Christenverfolgungen · Katakomben · Titus zerstört Jerusalem · Die Zerstreuung der Juden

17      Wie man im Reich und an seinen Grenzen lebte

Zinshäuser und Villen · Thermen · Das Kolosseum · Die Germanen · Arminius und die Schlacht im Teutoburger Wald · Der Limes · Fremde Kulte der Truppen · Trajans Kämpfe in Dazien · Marc Aurels Kämpfe bei Wien · Soldatenkaiser · Verfall Italiens · Ausbreitung des Christentums · Reichsreform des Diokletian · Die letzte Christenverfolgung · Konstantin · Gründung Konstantinopels · Die Teilung des Reiches · Das Christentum als Staatsreligion

18      Das Gewitter

Die Hunnen · Die Westgoten · Die Völkerwanderung · Attila · Leo der Große · Romulus Augustulus · Odoaker und das Ende des Altertums · Die Ostgoten und Theoderich · Ravenna · Justinian · Das Corpus iuris und die Hagia Sophia · Das Ende der Goten · Die Langobarden

19      Die Sternennacht beginnt

Finsteres Mittelalter? · Glaube und Aberglaube · Säulenheilige · Benediktiner · Die Rettung des antiken Erbguts · Bedeutung der Klöster im Norden · Die Taufe Chlodwigs · Rolle des Klerus im Merowingerreich · Bonifatius

20      Es ist kein Gott außer Allah, und Mohammed ist sein Prophet

Das Wüstenland Arabien · Mekka und die Kaaba · Mohammeds Herkunft und Leben · Verfolgung und Flucht · Medina · Der Kampf mit Mekka · Die letzte Predigt · Die Eroberung Palästinas, Persiens, Ägyptens · Der Brand der alexandrinischen Bibliothek · Belagerung Konstantinopels · Eroberung Nordafrikas und Spaniens · Schlacht bei Tours und Poitiers · Die Kultur der Araber · Die arabischen Ziffern

21      Ein Eroberer, der auch herrschen kann

Die Merowinger und die Hausmeier · Das Frankenreich · Karl der Große · Kämpfe in Gallien, Italien und Spanien · Die Awaren · Kampf gegen die Sachsen · Die Heldenlieder · Die Kaiserkrönung · Harun al Raschids Gesandtschaft · Teilung und Verfall des Karolingerreiches · Svatopluk · Die Wikinger · Die Normannenreiche

22      Ein Kampf um die Herrschaft über die Christenheit

Osten und Westen zur Karolingerzeit · Kulturblüte in China · Der Einfall der Magyaren · König Heinrich · Otto der Große · Österreich und die Babenberger · Lehenswesen und Hörigkeit · Hugo Capet · Die Dänen in England · Geistliches Lehen · Der Investiturstreit · Gregor VII. und Heinrich IV. · Canossa · Robert Guiscard und Wilhelm der Eroberer

23      Ritterliche Ritter

Ritter und Reiter · Burgen · Leibeigene · Edelknabe, Knappe, Ritterschlag · Pflichten des Ritters · Minnedienst · Turniere · Ritterliche Dichtung · Das Nibelungenlied · Der 1. Kreuzzug · Gottfried von Bouillon und die Eroberung Jerusalems · Die Bedeutung der Kreuzzüge

24      Kaiser in der Ritterzeit

Friedrich Barbarossa · Tauschhandel und Geldwirtschaft · Die italienischen Städte · Das Kaiserreich · Mailands Widerstand und Fall · Das Fest der Schwertleite in Mainz · Der Dritte Kreuzzug · Friedrich II. · Guelfen und Ghibellinen · Innozenz III. · Die Magna Charta · Die Verwaltung Siziliens · Das Ende der Staufer · Dschingis Khan und die Mongoleneinfälle · Die kaiserlose Zeit und das Faustrecht · Die Kyffhäuser-Sage · Rudolf von Habsburg · Sieg über Ottokar · Gründung der habsburgischen Hausmacht

25      Von den Städten und ihren Bürgern

Märkte und Städte · Kaufleute und Ritter · Das Zunftwesen · Der Bau der Kathedralen · Bettelmönche und Bußprediger · Juden- und Ketzerverfolgungen · Die babylonische Gefangenschaft der Päpste · Der Hundertjährige Krieg mit England · Jeanne d’Arc · Höfisches Leben · Universitäten · Karl IV. und Rudolf der Stifter

26      Eine neue Zeit

Die Florentiner Bürger · Humanismus · Die Wiedergeburt des Altertums · Blüte der Kunst · Leonardo da Vinci · Die Medici · Renaissancepäpste · Die neuen Ideen in Deutschland · Die Buchdruckerkunst · Das Schießpulver · Karls des Kühnen Untergang · Maximilian, der letzte Ritter · Landsknechte · Kämpfe in Italien · Maximilian und Dürer

27      Eine neue Welt

Der Kompass · Spanien und die Eroberung von Granada · Kolumbus und Isabella · Die Entdeckung Amerikas · Die Neuzeit · Kolumbus’ Schicksal · Die Konquistadoren · Hernán Cortés’ Mexiko · Montezumas Untergang · Die Portugiesen in Indien

28      Ein neuer Glaube

Bau der Peterskirche · Luthers Thesenanschlag · Hus als Luthers Vorgänger · Verbrennung der Bulle · Karl V. und sein Reich · Die Plünderung Roms · Der Wormser Reichstag · Luther auf der Wartburg · Die Bibelübersetzung · Zwingli · Calvin · Heinrich VIII. · Die Erfolge der Türken · Teilung des Reiches

29      Die kämpfende Kirche

Ignatius von Loyola · Das Konzil von Trient · Gegenreformation · Die Bartholomäusnacht · Philipp II. von Spanien · Schlacht bei Lepanto · Abfall der Niederlande · Elisabeth von England · Maria Stuart · Untergang der Armada · Englische Handelsniederlassungen in Amerika · Die indischen Handelskompanien · Anfänge des englischen Weltreiches

30      Eine entsetzliche Zeit

Der Prager Fenstersturz · Der Dreißigjährige Krieg · Gustav Adolf · Wallenstein · Der Westfälische Friede · Deutschlands Verwüstung · Hexenverfolgungen · Das Werden des wissenschaftlichen Weltbildes · Naturgesetze · Galilei und sein Prozess

31      Ein unglücklicher und ein glücklicher König

Karl I. Stuart · Cromwell und die Puritaner · Englands Aufstieg · Das Jahr der »glorreichen Revolution« · Frankreichs Reichtum · Die Politik Richelieus · Mazarin · Ludwig XIV. · Ein Lever des Königs · Versailles · Die Geldquellen der Regierung · Bauernnot · Raubkriege

32      Was mittlerweile im Osten Europas geschah

Die Eroberungen der Türken · Aufstand in Ungarn · Belagerung von Wien · Johann Sobieski und der Entsatz Wiens · Prinz Eugen · Iwan der Schreckliche · Peter der Große · Gründung Petersburgs · Karl XII. von Schweden · Ritt nach Stralsund · Ausbreitung der russischen Macht

33      Die wirklich neue Zeit

Die Aufklärung · Duldung, Vernunft und Menschlichkeit · Kritik an der Aufklärung · Preußens Aufstieg · Friedrich der Große · Maria Theresia · Das preußische Heer · Die große Koalition · Der Siebenjährige Krieg · Joseph II. · Aufhebung der Leibeigenschaft · Überstürzte Reformen · Der amerikanische Unabhängigkeitskrieg · Benjamin Franklin · Menschenrechte und Sklaven

34      Umwälzung mit Gewalt

Katharina die Große · Ludwig XV. und Ludwig XVI. · Bei Hof · Grundherrliche Gerichtsbarkeit · Rokoko · Marie Antoinette · Einberufung der Generalstände · Der Sturm auf die Bastille · Die Volkssouveränität · Die Nationalversammlung · Die Jakobiner · Guillotine und Revolutionstribunal · Danton · Robespierre · Schreckensherrschaft · Verurteilung des Königs · Der Sieg über das Ausland · Die Vernunft · Das Direktorium · Nachbarrepubliken

35      Der letzte Eroberer

Napoleon auf Korsika · Nach Paris · Belagerung von Toulon · Die Eroberung von Italien · Die ägyptische Expedition · Der Staatsstreich · Konsulat und Code Napoléon · Kaiser der Franzosen · Sieg bei Austerlitz · Das Ende des Römischen Reiches Deutscher Nation · Franz I. · Kontinentalsperre · Sieg über Russland · Spanien und der Guerillakrieg · Aspern und Wagram · Die deutsche Erhebung · Die große Armee · Rückzug aus Russland · Schlacht bei Leipzig · Der Wiener Kongress · Napoleons Rückkehr aus Elba · Waterloo · St. Helena

36      Mensch und Maschine

Das Biedermeier · Dampfmaschine, Dampfschiff, Lokomotive, Telegraf · Spinnmaschine und mechanischer Webstuhl · Kohle und Eisen · Maschinenstürmer · Sozialistische Gedanken · Marx und seine Lehre vom Klassenkampf · Liberalismus · Die Revolutionen von 1830 und 1848

37      Jenseits der Meere

China bis ins 18. Jahrhundert · Der Opiumkrieg · Der Taiping-Aufstand · Chinas Verfall · Japan um 1850 · Revolution für den Mikado · Modernisierung Japans mit fremder Hilfe · Amerika seit 1776 · Die Sklavenstaaten · Der Norden · Abraham Lincoln · Der Bürgerkrieg

38      Zwei neue Reiche in Europa

Europa nach 1848 · Kaiser Franz Joseph und Österreich · Der Deutsche Bund · Frankreich unter Napoleon III. · Russland · Der Niedergang Spaniens · Die Befreiung der Balkanvölker · Kampf um Konstantinopel · Das Königreich Sardinien · Cavour · Garibaldi · Bismarck · Heeresreform gegen die Verfassung · Schlacht bei Königgrätz · Sedan · Gründung des Deutschen Kaiserreiches · Die Pariser Kommune · Bismarcks Sozialreform · Die Entlassung

39      Um die Verteilung der Erde

Die Industrie · Märkte und Rohstoffgebiete · England und Frankreich · Der Russisch-Japanische Krieg · Italien und Deutschland · Das Wettrüsten · Österreich und der Osten · Ausbruch des Ersten Weltkriegs · Neue Waffen · Revolution in Russland · Eingreifen Amerikas · Das Friedensdiktat · Fortschritte der Wissenschaft · Ende

40      Das Stückchen Weltgeschichte, das ich selbst erlebt habe – ein Rückblic

Das Anwachsen der Bevölkerung der Erde · Die Niederlage der Mittelmächte im Ersten Weltkrieg · Die Aufhetzung der Massen · Das Verschwinden der Toleranz aus dem politischen Leben in Deutschland, Italien, Japan und Sowjetrussland · Die Wirtschaftskrise und der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs · Propaganda und Wirklichkeit · Die Ermordung der Juden · Die Atombombe · Die Segnungen der Wissenschaft · Der Zusammenbruch der kommunistischen Systeme · Internationale Hilfsaktionen als Anlass zur Hoffnung

          Lebenslauf und Veröffentlichungen Ernst H. Gombrichs

VORWORT

Mein Großvater, Ernst Gombrich, schrieb normalerweise nicht für Kinder. Er hatte auch gar nicht Geschichte, sondern Kunstgeschichte studiert. Umso mehr erfreute und erstaunte ihn gleichermaßen, dass sein allererstes Buch, Eine kurze Weltgeschichte für junge Leser, über einen solch langen Zeitraum hinweg so viele Freunde auf der ganzen Welt gefunden hat.

Dieses Buch schrieb er als junger Mann unter relativ großem Zeitdruck. Später meinte er, dass wohl beides zu diesem dauerhaften Erfolg beigetragen habe. Doch wäre dieses kleine Buch nie geschrieben worden, wenn nicht mehrere Zufälle im Wien des Jahres 1935 zusammengekommen wären.

Und so kam es zu diesem Buch …

Nachdem mein Großvater an der Universität in Wien promoviert hatte, war er arbeitslos und es bestand auch wenig Aussicht, in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten bald eine Stelle zu finden. Ein befreundeter junger Lektor kam auf ihn zu und fragte, ob er nicht Lust habe, sich ein englisches Geschichtsbuch für Kinder anzusehen, um es eventuell ins Deutsche zu übersetzen. Es war von einem gemeinsamen Freund empfohlen worden, der in London Medizin studierte, und sollte in der neuen Reihe »Wissenschaft für Kinder« erscheinen.

Mein Großvater war wenig beeindruckt von dem Band und sagte dem Verleger Walter Neurath, der später in England den Verlag Thames & Hudson gründen sollte, dass es sich nicht lohne, ihn zu übersetzen. »Ich glaube, ich könnte selbst ein besseres schreiben«, sagte er zu Neurath, worauf dieser ihn bat, ihm doch einmal ein Kapitel zu schicken.

Als mein Großvater in der letzten Phase seiner Doktorarbeit war, hatte er mit der kleinen Tochter von Freunden korrespondiert, die wissen wollte, womit er denn die ganze Zeit so beschäftigt sei. Es hatte ihm großen Spaß gemacht, ihr auf verständliche Art und Weise das Thema seiner Doktorarbeit zu erklären. Außerdem war er, wie er später sagte, des wissenschaftlichen Schreibens, mit dem er sich während seines Studiums so intensiv beschäftigt hatte, ein wenig überdrüssig. Er war fest davon überzeugt, dass man die meisten Dinge einem intelligenten Kind in einfachen Worten erklären könne, ohne dabei auf komplizierte Fachbegriffe zurückzugreifen. Also schrieb er ein lebendiges Kapitel über die Ritterzeit und schickte es an Neurath. Dieser war hochzufrieden, fügte aber an: »Damit das Buch wie geplant erscheinen kann, brauche ich in sechs Wochen ein komplettes Manuskript.«

Mein Großvater war sich gar nicht sicher, ob er dies schaffen würde, doch reizte ihn die Herausforderung sehr und er versprach, es zu versuchen. Zügig setzte er eine Gliederung des Buches auf und entschied, welche Ereignisse der Weltgeschichte behandelt werden sollten. Er fragte sich einfach, welche Begebenheiten der Vergangenheit das Leben der meisten Menschen beeinflusst hatten und an welche man sich heute noch am besten erinnerte. Dann begann er, jeden Tag ein Kapitel zu schreiben. Vormittags las er alles, was er im Haus seiner Eltern zum jeweiligen Thema des Tages fand, auch ein großes Lexikon zog er zurate. Nachmittags ging er dann in die Bibliothek und las dort so weit als möglich Texte aus der jeweiligen Epoche, um seinen Berichten eine größere Glaubwürdigkeit zu verleihen. Die Abende waren für das Schreiben reserviert. Nur die Sonntage sahen anders aus – aber um diese zu beschreiben, muss ich jetzt erst einmal meine Großmutter vorstellen.

Ilse Heller, wie sie damals hieß, war etwa fünf Jahre zuvor aus Böhmen nach Wien gekommen, um hier ihr Klavierstudium fortzusetzen. Schon bald wurde sie von Leonie Gombrich – nach der ich benannt bin – als Schülerin aufgenommen. So traf Ilse Heller ihre künftige Schwiegermutter, noch bevor sie ihrem späteren Ehemann begegnet war. Ja, Leonie machte beide sogar miteinander bekannt und ermunterte meinen Großvater, ihrer neuen Schülerin Wiens Museen und Sehenswürdigkeiten zu zeigen. 1935 waren ihre gemeinsamen Wochenendausflüge schon längst zur liebgewonnenen Gewohnheit geworden – im darauffolgenden Jahr heirateten die beiden. Eines Sonntags, als sie während einer Wanderung im Wienerwald eine Pause einlegten – »Vielleicht saßen wir auf einer sonnigen Lichtung im Gras oder auf einem umgefallenen Baumstamm«, erinnert sich meine Großmutter –, zog mein Großvater ein Bündel Papiere aus seiner Brusttasche und fragte: »Darf ich dir mal etwas vorlesen?«

»Es war schon besser, dass er es vorlas. Weißt du«, sagt meine Großmutter heute, »schon damals hatte er eine fürchterliche Handschrift.«

Bei diesem »Etwas« handelte es sich natürlich um die Kurze Weltgeschichte. Offensichtlich gefiel meiner Großmutter, was sie hörte, und diese Vorlesestunden setzten sich die folgenden Wochen fort, bis das Buch abgeschlossen war: Mein Großvater lieferte das Manuskript pünktlich bei Walter Neurath ab. Liest man den Text einmal laut, so ist zu spüren, auf welch wunderbare Art dieses Vorlesen den Ton des Buches geprägt hat, und die Widmung lässt ahnen, wie sehr mein Großvater diese Stunden schätzte. Für die Illustrationen wurde ein ehemaliger Reitlehrer engagiert, der die Zeichnungen für fünf Schilling pro Stück anfertigte. Mein Großvater wies immer gerne darauf hin, dass die vielen Pferde auf den Bildern so viel besser gezeichnet seien als die Menschen.

Als das Buch dann 1936 erschien, wurde es sehr positiv aufgenommen, und die Rezensenten meinten, dass mein Großvater ein erfahrener Lehrer sein müsse. Bereits nach Kurzem wurde es in fünf Sprachen übersetzt, aber da waren meine Großeltern schon in England, wo sie auch blieben. Bald verboten die Nationalsozialisten das Buch, nicht aus antisemitischen Gründen, sondern weil sie den Ausblick für zu pazifistisch hielten.

Doch sollte dies noch nicht das Ende der Kurzen Weltgeschichte sein. Einige Jahre nach Ende des Krieges gelang es meinem Großvater, die Rechte an seinem Buch zurückzuerhalten, aber die Welt, in der er sein kleines Buch geschrieben hatte, schien nun sehr weit weg zu sein. Lange Jahre geschah gar nichts, bis er dann mehr als 30 Jahre später eine Anfrage vom DuMont Verlag erhielt. So erschien 1985 die zweite deutsche Ausgabe mit einem neuen Schlusskapitel. Und wieder freute sich mein Großvater über den Erfolg des Buches und die zahlreichen Übersetzungen. Begeistert schneiderte er unterschiedliche Ausgaben für die Leser verschiedener Nationen zurecht und hörte sich immer die Anmerkungen der Übersetzer sehr aufmerksam an. Gegen eine Übersetzung aber erhob er Einspruch. Außer der Kurzen Weltgeschichte hatte mein Großvater alle seine Bücher in englischer Sprache geschrieben. Sollte es jemals eine englische Ausgabe der Kurzen Weltgeschichte geben, bestand er darauf, selbst die Übersetzung anzufertigen. Zehn Jahre lang weigerte er sich, sie ins Englische zu übersetzen, obwohl er wiederholt darum gebeten worden war. Dieser Widerstand lag nicht nur daran, dass er zu viel zu tun hatte. Er fand außerdem, dass sich die englische Geschichte immer nur um englische Könige und Königinnen drehe. – Könnten englische Kinder überhaupt etwas mit einer europäischen Perspektive anfangen?

Erst die Ereignisse der 1990er-Jahre und die wachsende Bedeutung der Europäischen Union überzeugten ihn schließlich, dass es sie vielleicht doch interessieren könnte.

So machte er sich am Ende seines langen und erfüllten Lebens daran, eine englische Fassung seines allerersten Buches zu erstellen.

Kurz nachdem er mit der Übersetzung begonnen hatte, sagte er leicht überrascht zu mir: »Ich habe mir meine Kleine Weltgeschichte noch einmal vorgenommen, und da steckt wirklich viel drin. Weißt du, ich glaube, sie ist gut!« Natürlich nahm er kleine Korrekturen vor, fügte neue Informationen über den prähistorischen Menschen ein, bat seinen Sohn, meinen Vater, der ein Spezialist für frühen Buddhismus ist, das 10. Kapitel zu verbessern.

Als er 2001 im Alter von 92 Jahren starb, war er noch immer mit der englischen Übersetzung beschäftigt. So soll ihm nun das letzte Wort gehören: »Ich möchte betonen«, schrieb er vor einigen Jahren im Vorwort zur türkischen Ausgabe, »dass dieses Buch nicht dazu gedacht ist und nie dafür gedacht war, ein Geschichtsbuch zu ersetzen, das in der Schule ganz anderen Zwecken dient. Ich möchte, dass sich meine Leser entspannen und der Geschichte folgen, ohne sich Notizen machen oder Namen und Daten merken zu müssen. Ich verspreche auch, dass ich sie nicht abfragen werde.«

 

Juli 2004, Leonie Gombrich

1

ES WAR EINMAL

Alle Geschichten fangen mit »Es war einmal« an. Unsere Geschichte will nur von dem erzählen, was einmal war. Einmal warst du klein und hast im Stehen kaum zur Hand deiner Mutter hinaufgereicht. Kannst du dich erinnern? Wenn du willst, kannst du eine Geschichte erzählen, die so anfängt: Es war einmal ein kleiner Bub – oder ein kleines Mädel –, und das war ich. Und einmal warst du auch ein Wickelkind. Daran kannst du dich nicht erinnern, aber du weißt es. Einmal waren auch der Vater und die Mutter klein. Und der Großvater und die Großmutter. Das ist schon viel länger her. Trotzdem weißt du es. Wir sagen ja: Sie sind alt. Und auch sie haben wieder Großväter und Großmütter gehabt, und auch die haben sagen können: Es war einmal. Und so immer weiter zurück und weiter zurück. Hinter jedem »Es war einmal« steht immer noch eins. Hast du schon einmal zwischen zwei Spiegeln gestanden? Das musst du versuchen! Da siehst du immer weiter und weiter lauter Spiegel und Spiegel, immer kleiner und immer undeutlicher und noch und noch und noch, aber keiner ist der letzte. Auch wo man keinen mehr sieht, haben immer noch weitere Spiegel drin Platz. Sie sind auch dahinter, das weißt du.

Grad so ist es mit dem »Es war einmal«. Wir können uns nicht vorstellen, dass das aufhört. Der Großvater vom Großvater vom Großvater vom Großvater – da wird einem schon schwindlig. Aber sag es langsam noch einmal, mit der Zeit kannst du es dir vorstellen. Dann noch einen. So kommt man schnell in die alte Zeit und dann in die uralte. Immer weiter, wie bei den Spiegeln. Aber an den Anfang kommt man nie. Hinter jedem Anfang steht ja immer noch ein »Es war einmal«.

Das ist ja ein Loch, das keinen Boden hat! Ist dir schon ganz schwindlig vom Hinunterschauen? Mir auch! Darum wollen wir ein brennendes Papier in dieses tiefe Brunnenloch werfen. Langsam wird es hinunterfallen, immer tiefer und tiefer. Und im Fallen wird es die Brunnenwand erhellen. Siehst du es noch dort unten? Immer tiefer – und jetzt ist es schon so weit, dass es ausschaut wie ein winziger Stern in der dunklen Tiefe –, kleiner und kleiner, und jetzt sehen wir es nicht mehr.

So ist es mit der Erinnerung. Mit ihr leuchten wir hinunter in die Vergangenheit. Zuerst in unsere eigene, dann fragen wir alte Leute, dann suchen wir Briefe von Leuten, die schon gestorben sind. So leuchten wir immer weiter rückwärts. Es gibt Häuser, in denen nur alte Zettel und Papiere gespeichert sind, die einmal geschrieben wurden, die heißen »Archive«. Dort findest du Briefe, die vor vielen Hundert Jahren geschrieben wurden. Ich hab in so einem Archiv einmal einen Brief in der Hand gehabt, da stand nur drin: »Liebe Mutti! Gestern haben wir herrliche Trüffel zum Essen gekriegt, dein Wilhelm.« Das war ein kleiner italienischer Prinz vor 400 Jahren. Trüffel sind eine kostbare Speise.

Aber das sehen wir nur einen Augenblick. Denn unser Licht fällt immer schneller und schneller. 1000 Jahre, 2000 Jahre, 5000 Jahre, 10 000 Jahre. Auch damals hat es schon Kinder gegeben, die gerne gute Sachen gegessen haben. Aber sie haben noch keine Briefe schreiben können. 20 000, 50 000 – und auch diese Leute damals haben schon »Es war einmal« gesagt. Und unser Erinnerungslicht ist schon ganz klein. Dann hört es auf. Aber wir wissen, dass es noch weiter geht. In eine Ur-Urzeit, in der es noch keine Menschen gegeben hat. In der die Berge noch nicht so ausgesehen haben wie heute. Manche waren höher. In der langen Zeit hat der Regen sie abgewaschen, bis sie zu Hügeln wurden. Manche waren auch noch gar nicht da. Sie sind langsam aus dem Meer hervorgewachsen, in vielen Millionen Jahren.

Aber noch bevor diese Berge waren, hat es hier Tiere gegeben. Ganz andere als heute. Riesig große, fast wie Drachen. Woher wir das wissen? Tief in der Erde findet man manchmal ihre Knochen. In Wien im Naturhistorischen Museum kannst du zum Beispiel den Diplodocus sehen. Ein merkwürdiger Name, Diplodocus. Aber ein noch merkwürdigeres Tier. Das hätte nicht ineinem Zimmer Platz und nicht in zweien. Es ist so hoch wie ganz hohe Bäume und hat einen Schwanz, so lang wie ein halber Fußballplatz. Lärm wird es schon gemacht haben, wenn so eine Rieseneidechse – denn der Diplodocus war eine Rieseneidechse – in der Urzeit durch den Urwald gekrochen ist.

Aber auch das war nicht der Anfang. Auch da geht es weiter zurück, viele 1000 Millionen Jahre. – Das sagt sich so leicht, aber denk einen Moment nach. Weißt du, wie lang eine Sekunde ist? So lang, bis du schnell 1, 2, 3 gezählt hast. Und wie lang sind 1000 Millionen Sekunden? 32 Jahre! Da kannst du dir denken, wie lang erst 1000 Millionen Jahre sind! Damals hat es noch keine großen Tiere gegeben, nur Schnecken und Muscheln. Und noch weiter zurück, da waren nicht einmal Pflanzen. Die ganze Erde war »wüst und leer«. Nichts war da, kein Baum, kein Strauch, kein Gras, keine Blume, kein Grün. Nur wüste, wüste Steine und das Meer, das leere Meer ohne Fische, ohne Muscheln, sogar ohne Schlamm. Und wenn du seinen Wellen zuhörst, was sagen sie? »Es war einmal.« Einmal war die Erde vielleicht nur eine sich ballende Gaswolke, wie wir andere, viel größere, durch unsere Fernrohre sehen können. Sie ist Milliarden und Billionen Jahre um die Sonne gekreist, zuerst ohne Felsen, ohne Wasser, ohne Leben. Und vorher? Vorher gab es auch die Sonne, unsere liebe Sonne noch nicht. Nur fremde, fremde Riesensterne und kleinere Himmelskörper wirbelten zwischen den Gaswolken im unendlichen, unendlichen Weltraum.

»Es war einmal« – hier wird mir auch schon schwindlig, wenn ich mich so hinunterbeuge. Komm, wir wollen schnell zurück zu der Sonne, zu der Erde, zu dem schönen Meer, zu den Pflanzen, den Muscheln, den Rieseneidechsen, zu unseren Bergen und dann zu den Menschen. Ist das nicht, wie wenn man nach Hause kommt? Und damit das »Es war einmal« uns nicht immer wieder weiter hinunterzieht in das bodenlose Loch, wollen wir jetzt immer gleich fragen: »Halt! Wann ist es gewesen?«

Wenn man dabei auch fragt: »Wie ist es eigentlich gewesen?«, dann fragt man nach der Geschichte. Nicht nach einer Geschichte, sondern nach der Geschichte, die wir Weltgeschichte nennen. Und mit der wollen wir jetzt anfangen.

2

DIE GRÖSSTEN ERFINDER, DIE ES JE GEGEBEN HAT

In Heidelberg hat man einmal einen tiefen Schacht ausgehoben. Dort fand man tief unter der Erde einen Knochen, einen Menschenknochen. Einen Unterkiefer. Aber solche Unterkiefer hat heute kein Mensch mehr. So fest und stark ist er. Und so kräftig sind die Zähne darauf. Der Mensch, dem der Kiefer gehört hat, konnte gewiss gründlich beißen. Und lang muss es her sein, sonst läge er doch nicht so tief unter der Erde!

Woanders in Deutschland, im Neandertal, hat man einmal einen Schädelknochen gefunden. Die Hirnschale eines Menschen. Du brauchst dich nicht zu gruseln, sie war schrecklich interessant. Denn auch solche Hirnschalen gibt es nicht mehr. Der Mensch hat keine richtige Stirn gehabt, aber große Wülste über den Augenbrauen. Hinter der Stirn denken wir aber, und wenn der Mensch keine Stirn gehabt hat, konnte er vielleicht auch weniger denken. Jedenfalls muss ihn das Denken mehr geplagt haben als uns. Es waren also einmal Leute, die haben weniger denken und besser beißen können als wir heute. So glaubte man damals jedenfalls, als man diesen Schädel fand, und hielt bis vor Kurzem daran fest.

»Halt!«, wirst du nun sagen. »Das ist gegen die Verabredung. Wann waren die Leute, was waren sie, und wie ist es eigentlich gewesen?«

Ich werde rot und muss dir antworten: Das wissen wir noch nicht genau, aber wir wollen es schon mit der Zeit herausbekommen. Wenn du groß bist, kannst du ja dabei mithelfen. Wir wissen es nicht, weil diese Menschen ja nichts aufschreiben konnten. Weil die Erinnerung nicht so weit zurückreicht. (Inzwischen brauch ich nicht mehr ganz so rot zu werden, denn obwohl einiges, was hier steht, nicht mehr ganz stimmt, so hab ich doch wenigstens richtig prophezeit: Wir wissen heute wirklich mehr darüber, wann die ersten Menschen gelebt haben. Das haben die Naturwissenschaftler herausbekommen, die entdeckt haben, dass manche Stoffe, zum Beispiel Holz und Pflanzenfasern und auch vulkanische Gesteine, sich langsam, aber regelmäßig verändern. Dadurch kann man ausrechnen, wann sie entstanden oder gewachsen sind. Gleichzeitig hat man natürlich auch eifrig weiter nach menschlichen Überresten gesucht und gegraben und vor allem in Afrika und auch in Asien weitere Knochen gefunden, die wenigstens so alt sind wie der Kiefer aus Heidelberg. Manche sind sogar noch älter. Das waren unsere Vorfahren, mit ihren wulstigen Stirnen und kleinen Gehirnen, die vielleicht schon vor zwei Millionen Jahren angefangen haben, mit Steinen als Werkzeugen zu hantieren. Einer der Schädel, die man vor Kurzem in Afrika gefunden hat, ist womöglich 7 Millionen Jahre alt. Die Neandertaler Menschen kamen vor ungefähr 100 000 Jahren auf und haben die Erde fast 70 000 Jahre lang bevölkert. Ihnen muss ich etwas abbitten, denn obwohl sie noch wulstige Stirnen hatten, war ihr Gehirn kaum kleiner als das der meisten heutigen Menschen. Unsere nächsten Verwandten tauchen wahrscheinlich erst vor ungefähr 30 000 Jahren auf.)

»Aber all das ›Ungefähr‹ ohne Namen und ohne genaue Jahreszahlen ist doch nicht Geschichte!«, wirst du sagen. Und da hast du recht. Es liegt vor der Geschichte. Darum nennt man es »Vorgeschichte«. Weil man nur sehr ungenau weiß, wann es gewesen ist. Und doch wissen wir noch einiges über diese Menschen, die man »Urmenschen« nennt. So wie nämlich die wirkliche Geschichte anfängt – und das wird sie im nächsten Kapitel tun –, haben die Menschen schon alles gehabt, was wir heute haben: Kleider und Häuser und Werkzeuge; Pflüge zum Pflügen, Getreide zum Brotbacken, Kühe zum Melken, Schafe zum Scheren, Hunde zur Jagd und als ihre Freunde. Pfeil und Bogen zum Schießen, Helm und Schild zum Schutz. Alles das muss aber doch einmal das erste Mal da gewesen sein. Das muss doch jemand erfunden haben! Denk doch, ist das nicht spannend? Einmal muss ein Urmensch darauf gekommen sein, dass man das Fleisch von wilden Tieren leichter beißen kann, wenn man es zuerst über das Feuer hält und brät. Vielleicht war das eine Frau? Und einmal ist einer drauf gekommen, wie man Feuer machen kann. Denk dir, was das bedeutet: Feuer machen! Kannst du das? Aber nicht mit Zündhölzchen, nein, die hat es doch nicht gegeben! Mit zwei Hölzchen, die man so lange aneinandergerieben hat, bis sie immer wärmer und wärmer geworden sind und schließlich geglüht haben. Versuch das einmal! Da wirst du sehen, wie schwer es ist!

Auch die Werkzeuge hat jemand erfunden. Kein Tier kennt Werkzeuge. Nur der Mensch. Die ältesten Werkzeuge werden einfach Äste gewesen sein oder Steine. Aber bald hat man diese Steine zurechtgeschlagen zu spitzen Hämmern. Von solchen zurechtgeschlagenen Steinen hat man viele in der Erde gefunden. Und weil damals alle Werkzeuge noch aus Stein waren, nennt man diese Zeit die »Steinzeit«. Aber Häuser konnte man damals noch nicht bauen. Das war unangenehm. Denn es war in dieser Zeit oft sehr kalt. Zeitweise sogar viel kälter als heute. Die Winter waren dann länger und die Sommer kürzer, als wir es gewohnt sind. Tief hinunter bis ins Tal ist der Schnee das ganze Jahr liegen geblieben, und die großen Gletscher aus Eis sind riesig weit vorgestoßen ins flache Land. Darum kann man sagen: Die ältere Steinzeit war noch während der Eiszeiten. Die Urmenschen müssen gefroren haben und froh gewesen sein, wenn sie Höhlen gefunden haben, die sie halbwegs vor Wind und Kälte schützen konnten. Darum nennt man sie auch »Höhlenmenschen«, obwohl sie kaum immer in Höhlen gehaust haben.

Weißt du, was die Höhlenmenschen noch erfunden haben? Ob du darauf kommst? Das Sprechen. Ich meine wirklich das richtige Sprechen. Die Tiere können ja auch schreien, wenn ihnen etwas wehtut, und Warnrufe ausstoßen, wenn Gefahr droht. Aber sie können nichts mit Worten benennen. Das können nur die Menschen. Die Urmenschen waren die ersten Wesen, die es konnten.

Noch etwas Schönes haben sie erfunden. Das Bildermalen und das Schnitzen. An den Wänden der Höhlen sehen wir heute noch viele Bilder, die sie hineingeritzt und daraufgemalt haben. Auch heute könnte es kein Maler schöner machen. Da sehen wir Tiere, die es längst nicht mehr gibt – so lange ist das her. Elefanten mit langen Haarpelzen und krummen Hauern: die Mammuts. Auch andere Tiere aus der Eiszeit. Warum, glaubst du, haben die Urmenschen an die Wände ihrer Höhlen solche Tiere gemalt? Nur zur Verzierung? Aber es war doch dort ganz dunkel! Sicher weiß man es nicht, aber man glaubt, dass sie versucht haben zu zaubern. Sie haben geglaubt, wenn man die Bilder der Tiere an die Wand malt, dann kommen die Tiere auch bald. So ähnlich, wie wir manchmal im Spaß sagen: »Wenn man den Esel nennt, dann kommt er gerennt.« Diese Tiere waren ja ihre Jagdbeute, ohne die sie verhungert wären. Also das Zaubern haben sie auch erfinden wollen, und schön wär es ja, wenn man das könnte. Aber bisher ist es noch nicht gelungen.

Die Eiszeiten haben unvorstellbar lang gedauert. Viele 10 000 Jahre, und das war gut, denn die Menschen, die sich beim Denken noch sehr plagen mussten, hätten sonst kaum Zeit gehabt, all das zu erfinden. Aber mit der Zeit ist es wärmer geworden auf der Erde, und das Eis hat sich im Sommer auf die höchsten Berge zurückgezogen, und die Menschen, die schon genauso waren wie wir, haben in der Wärme gelernt, Steppengräser anzupflanzen, ihre Körner zu reiben und daraus einen Brei zu machen, den man am Feuer backen kann. Das war das Brot.

Bald haben sie gelernt, sich Zelte zu bauen und die frei lebenden Tiere zu zähmen. So sind sie mit ihren Herden herumgewandert, so ähnlich wie heute zum Beispiel die Lappländer. Aber weil es damals in den Wäldern viele wilde Tiere gab, Wölfe und Bären, sind manche Menschen, wie es sich für solche Erfinder schickt, auf einen großartigen Gedanken gekommen: Sie haben sich Häuser mitten ins Wasser gebaut, auf Pfählen, die in den Grund hineingerammt waren. Man nennt sie »Pfahlbauten«. Ihre Steinwerkzeuge haben sie schon schön zurechtgeschlagen und geschliffen. Sie haben in ihre Steinäxte mit einem zweiten härteren Stein Löcher für den Stiel gebohrt. Was das für eine Arbeit war! Sicher einen ganzen Winter lang. Und oft ist zum Schluss die Axt mitten entzweigesprungen, dann musste man von vorne anfangen.

Dann haben sie erfunden, Lehm in Öfen zu Ton zu brennen, und bald haben sie schöne Gefäße gemacht, mit Mustern darauf. Aber Tierbilder hat man damals, in der jüngeren Steinzeit, nicht mehr gemacht. Am Ende, vielleicht vor 6000 Jahren, 4000 Jahre vor Christi Geburt, ist man auf eine neue, bessere und bequemere Art gekommen, Werkzeuge zu machen: Man hat das Metall entdeckt. Natürlich nicht alle Metalle auf einmal. Zuerst die grünen Steine, die zu Kupfer werden, wenn man sie im Feuer schmilzt. Das Kupfer glänzt schön, und man kann daraus Pfeilspitzen oder Äxte schmieden, aber es ist sehr weich und stumpft schneller ab als ein harter Stein.

Die Menschen haben sich auch da zu helfen gewusst. Sie sind drauf gekommen, dass man nur ein zweites, sehr seltenes Metall dazumischen muss, um das Kupfer härter zu machen. Dieses Metall ist das Zinn, und das Gemenge aus Kupfer und Zinn heißt Bronze. Die Zeit, in der die Menschen ihre Helme und Schwerter, ihre Äxte und Kessel, aber auch ihre Armringe und Halsketten aus Bronze gemacht haben, nennt man natürlich »Bronzezeit«.

Jetzt schau dir die Leute noch an, wie sie in ihren Einbaumschiffen zu den Pfahldörfern rudern, in Felle gekleidet. Sie bringen Getreide oder auch Salz aus den Bergwerken. Sie trinken aus schönen Tonkrügen, und ihre Frauen und Mädchen schmücken sich mit bunten Steinen und auch schon mit Gold. Glaubst du, dass sich seither viel verändert hat? Es waren schon Menschen wie wir. Oft schlecht zueinander, oft grausam und hinterlistig. Das sind wir leider auch. Und auch damals wird es vorgekommen sein, dass eine Mutter sich für ihr Kind aufgeopfert hat. Auch damals werden Freunde füreinander gestorben sein. Nicht häufiger, aber auch nicht seltener als heute. Warum auch? Es ist ja auch erst ungefähr 10 000 bis 3000 Jahre her! Wir haben seitdem noch nicht Zeit gehabt, uns sehr zu verändern.

Aber manchmal, wenn wir sprechen oder Brot essen oder ein Werkzeug verwenden oder uns am Feuer wärmen, sollten wir uns dankbar der Urmenschen erinnern, der größten Erfinder, die es je gegeben hat.

3

DAS LAND AM NIL

Hier – hab ich dir versprochen – wird die Geschichte anfangen. Mit einem Damals. Also: Vor 5100 Jahren, im Jahre 3100 vor Christus, so glauben wir heute, hat in Ägypten ein König regiert, der Menes hieß. Wenn du Genaueres über den Weg nach Ägypten wissen willst, müsstest du eigentlich eine Schwalbe fragen. Die fliegt ja jeden Herbst, wenn es kalt wird, nach dem Süden. Über die Berge nach Italien, dann ein kleines Stück über das Meer, und dann ist sie in Afrika, in jenem Teil Afrikas, der Europa am nächsten liegt. Dort in der Nähe ist Ägypten.

In Afrika ist es heiß, und es regnet viele Monate lang nicht. Darum kann dort in vielen Gegenden nur wenig wachsen. Das Land ist Wüste. Und so ist es auch rechts und links von Ägypten. In Ägypten selbst regnet es auch nicht oft. Aber dort brauchte man keinen Regen, dort fließt der Nil mittendurch. Zweimal im Jahr, wenn es an seinen Quellen sehr regnete, überschwemmte er das ganze Land. Dann musste man mit Schiffen zwischen den Häusern und Palmen herumfahren. Und wenn sich das Wasser verlief, war die Erde wunderbar getränkt und gedüngt mit saftigem Schlamm. Dort wuchs dann das Getreide in der heißen Sonne so herrlich wie kaum sonstwo. Darum haben die Ägypter auch seit der ältesten Zeit ihren Nil angebetet, als wäre er selbst der liebe Gott. Willst du ein Lied hören, das sie vor 4000 Jahren für ihn gesungen haben?

»Preis dir, o Nil, der du herauskommst aus der Erde und herbeikommst, um Ägypten Nahrung zu spenden. Der die Fluren bewässert und geschaffen ist, um alles Vieh zu ernähren. Der die Wüste tränkt, die fern vom Wasser ist. Der Gerste macht und Weizen schafft. Der die Speicher füllt und die Scheunen weit macht, der den Armen etwas gibt. Für dich spielen wir auf der Harfe, und für dich singen wir.«

So haben die alten Ägypter gesungen. Und sie haben recht gehabt. Denn durch den Nil ist das Land so reich geworden, dass es auch sehr mächtig war. Und über alle Ägypter hat ein König geherrscht. Der erste König, der über das ganze Land geherrscht hat, war eben König Menes. Weißt du noch, wann das war? 3100 Jahre vor Christi Geburt. Erinnerst du dich vielleicht auch aus der biblischen Geschichte, wie dort die Könige von Ägypten heißen? Pharaonen. So ein Pharao war ungeheuer mächtig. Er hat in einem gewaltigen steinernen Palast gewohnt mit großen, dicken Säulen und vielen Höfen, und was er gesagt hat, das musste geschehen. Alle Leute im Land haben für ihn arbeiten müssen, wenn er es wollte. Und manchmal wollte er.

Ein Pharao, der nicht allzu lang nach dem König Menes gelebt hat, König Cheops, 2500 Jahre vor Christus, hat zum Beispiel befohlen, dass alle seine Untertanen an seinem Grab mitbauen sollten. Das sollte ein Bau werden wie ein Berg. Das wurde er auch wirklich. Er steht noch heute. Es ist die berühmte Cheops-Pyramide. Vielleicht hast du sie schon öfter abgebildet gesehen. Aber wie groß sie ist, kannst du dir nicht vorstellen. Jede große Kirche hätte darin Platz. Man kann hinaufklettern über die riesigen Blöcke, es ist wie eine Bergbesteigung. Und doch haben Menschen diese ungeheuren Steinblöcke übereinandergewälzt und aufeinandergetürmt. Damals hat es noch keine Maschinen gegeben. Höchstens Rollen und Hebel. Man musste alles mit der Hand ziehen und schieben. Stell dir das vor, in der Hitze von Afrika! So haben vielleicht 100 000 Menschen durch 30 Jahre in den Monaten zwischen der Feldarbeit für den Pharao geschuftet. Und wenn sie müde wurden, dann hat sie der Aufseher des Königs wohl mit der Nilpferdpeitsche vorwärtsgetrieben. So haben sie die riesigen Lasten geschleppt und gehoben, alles für des Königs Grab.

Du wirst vielleicht fragen, was denn dem König eingefallen ist, sich so ein Riesengrab bauen zu lassen. Das hängt mit der altägyptischen Religion zusammen. Die Ägypter haben an viele Götter geglaubt, und Leute, die das tun, nennt man »Heiden«. Manche von ihren Göttern, so haben sie geglaubt, haben früher einmal auf der Erde als Könige geherrscht, zum Beispiel der Gott Osiris und seine Gemahlin Isis. Auch die Sonne, so haben sie geglaubt, sei ein eigener Gott: Amon. In der Unterwelt herrscht einer, der hat einen Schakalkopf und heißt Anubis. Von jedem Pharao haben sie gemeint, dass er der Sohn des Sonnengottes sei. Sonst hätten sie sich ja nicht so vor ihm gefürchtet und sich so viel befehlen lassen. Sie haben riesige, majestätische Bilder aus Stein für ihre Götter gemeißelt, so hoch wie fünfstöckige Häuser, und Tempel gebaut, so groß wie ganze Städte. Vor den Tempeln standen hohe, spitze Steine, ganz aus einem Stück Granit, man nennt sie Obelisken. Das ist griechisch und heißt so viel wie »Spießchen«. In manchen Städten kannst du noch heute solche Obelisken sehen, die man aus Ägypten hergebracht hat.

Für die ägyptische Religion waren auch manche Tiere heilig, wie zum Beispiel die Katzen. Manche Götter hat man sich auch in Tiergestalt vorgestellt und sie auch so abgebildet. Das Wesen mit einem Löwenkörper und einem Menschenkopf, das wir die Sphinx nennen, war für die alten Ägypter ein mächtiger Gott. Sein riesiges Bildwerk liegt bei den Pyramiden und ist so groß, dass ein ganzer Tempel im Inneren Platz fände. So bewacht das Götterbild nun schon seit mehr als 5000 Jahren die Gräber der Pharaonen, und der Wüstensand deckt es von Zeit zu Zeit zu. Wer weiß, wie lange es da noch Wache halten wird?

Das Wichtigste an der merkwürdigen Religion der Ägypter war aber der Glaube, dass die Seele des Menschen den Körper zwar verlässt, wenn der Mensch stirbt, dass sie aber den Körper doch auch irgendwie weiter braucht. Die Ägypter haben gemeint, es könne der Seele doch unmöglich recht sein, wenn nach dem Tod ihr früherer Leib zu Erde wird.

Darum haben sie die Leiber der Verstorbenen auf eine sehr sinnreiche Art bewahrt. Sie rieben sie mit Salben und Pflanzensäften ein und wickelten lange Tuchstreifen rundherum. Eine solche konservierte Leiche, die nicht verwesen kann, nennt man »Mumie«. Auch heute, nach den vielen Tausend Jahren, sind die Mumien noch nicht zerfallen. Diese Mumien hat man erst in einen Holzsarg gelegt, den Holzsarg in einen Steinsarg und den Steinsarg noch immer nicht in die Erde, sondern in ein Felsgrab. Wenn man es sich leisten konnte, wie der »Sohn der Sonne«, der Pharao Cheops, dann hat man sich eben einen ganzen steinernen Berg aufschichten lassen. Dort, ganz tief drinnen, wird doch die Mumie sicher sein! So hoffte man. Aber alle Plage und alle Macht des Königs Cheops waren vergebens: Die Pyramide ist leer.

Die Mumien von anderen Königen und von vielen alten Ägyptern hat man aber noch in den Gräbern gefunden. Diese Gräber sind als Wohnungen für die Seelen eingerichtet, wenn sie kommen, ihren Leib zu besuchen. Darum gab es dort Nahrungsmittel, Möbel und Kleider und viele Bilder aus dem Leben des Verstorbenen. Auch ein Bildnis von ihm selbst, damit die Seele gleich zum richtigen Grab findet, wenn sie es besuchen will.

An den großen Statuen aus Stein und an den Bildern, die in schönen, bunten Farben gemalt sind, sehen wir heute noch alles, was die Ägypter getrieben haben und wie es damals gewesen ist. Zwar haben sie nicht eigentlich richtig oder natürlich gezeichnet. Was in Wirklichkeit hintereinander ist, ist dort gewöhnlich übereinander gezeichnet. Oft sind auch die Figuren steif: Man sieht ihren Körper von vorn und die Hände und Füße von der Seite, sodass sie wie glatt gebügelt aussehen. Aber das, worauf es den alten Ägyptern ankam, haben sie erreicht. Man sieht jede Einzelheit ganz genau: wie sie am Nil mit großen Netzen Enten fangen, wie sie rudern und mit langen Speeren fischen, wie sie das Wasser für die Felder in Kanäle pumpen, wie sie die Kühe und Ziegen auf die Weide treiben, wie sie Getreide dreschen und Brot backen, Schuhe und Kleider machen, Glas blasen – das hat man damals schon gekonnt! –, Ziegel formen und Häuser bauen. Aber man sieht auch, wie die Mädchen Ball spielen oder Flöte blasen, wie die Männer in den Krieg ziehen und fremde Völker mit aller Beute gefangen nach Hause bringen.

In den Gräbern der Vornehmen sieht man, wie fremde Gesandtschaften kommen und ihnen Schätze bringen, wie der König seine treuen Minister mit Orden belohnt. Man sieht die Verstorbenen vor den Götterbildern mit erhobenen Händen beten, und man sieht sie zu Hause bei Festgelagen, wo Sänger zur Harfe singen und Spaßmacher ihre Sprünge machen.

Neben diesen Reihen bunter Bilder erkennt man meistens noch kleine Bildchen von Eulen und Männern, Fähnchen, Blumen, Zelten, Käfern, Gefäßen, aber auch Zackenlinien und Spiralen dicht neben- und untereinander. Was kann das sein? Das sind keine Bilder, das ist ihre Schrift. Man nennt sie Hieroglyphen. Das heißt: heilige Zeichen. Denn die Ägypter waren so stolz auf ihre neue Kunst, das Schreiben, dass man den Schreiber von allen Berufen am höchsten ehrte und das Schreiben beinahe für heilig hielt.

wosiri