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In einem walisischen Dorf, drei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, versucht die junge Non beherzt, ihre Familie zusammenzuhalten. Doch das ist nicht einfach: Ihr Mann Davey ist völlig verändert aus dem Krieg zurückgekehrt, und er schweigt nach wie vor darüber, was ihm in Frankreich widerfahren ist.

Eines Morgens findet Non Davey unter dem Küchentisch kauernd, mit angsterfüllten Augen und einem imaginären Gewehr im Anschlag, und sie beschließt herauszufinden, was damals im Krieg passiert ist. Ein mysteriöser Brief aus London, der an Davey adressiert ist, bringt sie auf die Spur eines Geheimnisses, das ihre Familie und den Zusammenhalt der Dorfgemeinschaft zu zerstören droht, sollte es je gelüftet werden …

Mit unvergleichlicher Leichtigkeit zeichnet Mari Strachan das Porträt einer Gesellschaft im Schatten des Krieges und verknüpft es mit der berührenden und fesselnden Geschichte der Familie Davies. Im Mittelpunkt steht Non – eine starke Frau, die ihrer Zeit weit voraus zu sein scheint.

 

 

Mari Strachan lebt mit ihrem Mann in Wales. Im DuMont Buchverlag erschien bislang der Roman »Die Welt summt in b-moll« (2009).

Mari Strachan

Ein Hauch von Leben

Roman

Aus dem Englischen
Anke Kreutzer und Eberhard Kreutzer

 

Von Mari Strachan ist im DuMont Buchverlag außerdem erschienen:
Die Welt summt in b-Moll

 

 

 

 

Adam, Llio, Cai, a Rachel
hefo cariad mawr

1

Etwas lastet ihr schwer auf der Brust, drückt ihr das Herz zusammen. Einen Moment lang kann sich Non nicht rühren. Sie weiß nicht, ob sie wach ist oder noch träumt. Sie atmet gleichmäßig, um nicht in Panik zu geraten, und ihr Herzschlag beruhigt sich. Der Traum verblasst, die Last dagegen bleibt. Sie erkennt, was es ist: eine Furcht, die sie immer öfter befällt, auch wenn sie nicht sagen kann, wovor.

Sie schlägt die Augen auf, kneift sie gegen das helle Licht zusammen, das ins Schlafzimmer strömt und einen neuen brütend heißen Tag verspricht. In vier, nein, drei Tagen ist Sommersonnenwende – so tief, wie die Sonne am Himmel steht, muss es also noch früh sein. Als sie sich wieder bewegen kann und die Hand nach Davey ausstreckt, berührt sie nur das kühle Laken auf seiner Seite des Bettes. Schon wieder.

Das geöffnete Schiebefenster lässt den süßen Duft des Geißblatts herein, das es umrankt, und das emsige Summen der Bienen, die von Blütenkelch zu Blütenkelch fliegen. Non atmet tief ein, sie streckt die Glieder, bis ihre Wadenmuskeln kribbeln, schwingt ihre Beine zur Seite und setzt sich auf den Bettrand. Sie greift nach einem dunkelbraunen Fläschchen, zieht den Korken heraus, träufelt sich drei Tropfen der Flüssigkeit in ein Glas, hält einen Moment inne, gibt noch einen Tropfen dazu, gießt aus dem Krug Wasser darauf und trinkt es in einem Zug aus, während sie vom bitteren Geschmack wie immer das Gesicht verzieht. Jeden Morgen hört sie im Geiste die Worte ihres Vaters, der ihr sagt, dass ihr Lebensblut ganz gewiss weniger bitter ist als der Tod, der sie mit Sicherheit holt, wenn sie es nicht schluckt, der Tod, der ihr ständig über die Schulter blickt. Deswegen verfügst du über diese besondere Gabe, Rhiannon, sagte ihr Vater außerdem. Eine Gabe so bitter wie die Tropfen, eine Gabe, die kein Geschenk ist.

Seit sie auf der Bettkante sitzt, beruhigt sich ihr Herz allmählich, doch die Angst, von der sie aufgewacht ist, bedrückt sie weiterhin. Sie fühlt sich so schlapp wie eine Flickenpuppe, als sie aufsteht und zum Waschständer hinübergeht. Die Hitze ist schwer zu ertragen, sie legt sich wie eine dicke Decke über jeden Tag. Non gießt Wasser, das schon jetzt lauwarm ist, aus dem großen Krug in die Schüssel und spritzt es sich über Hals und Gesicht.

Sie erinnert sich an das tiefe Wohlbehagen, das Stille und Wärme vor dem Krieg noch in ihr erzeugten. Das scheint jetzt weit zurückzuliegen, diese erste Zeit in ihrer Ehe, als sie herausfand, dass Davey am Morgen so fest schlief wie ein Stein. Sie hatte dann ihr Buch genommen, war auf Zehenspitzen in die Küche hinuntergegangen oder hatte sich an die offene Tür zum Garten gesetzt, bis es Zeit war, ihre grobe Schürze über das Nachthemd zu ziehen, um den Kaminrost auszufegen, Feuer zu machen und mit dem Lärm das Haus zu wecken. Zerzaust und verschlafen war Davey dann heruntergekommen und hatte so getan, als würde er sie in den Garten jagen. Das alles ist lange her. Der Krieg hat ihr so unwiderruflich den Mann genommen, als wäre er gefallen und an seiner Stelle ein Fremder zurückgekehrt.

Sie nimmt die Bürste und streicht sich damit durchs Haar. Vierzig Mal vom Scheitel bis zu den Spitzen. Non kann sich nicht entsinnen, diese Regel von ihrem Vater gelernt zu haben; wahrscheinlich kam sie von ihrer Schwester. Sie hält das Haar im Nacken zusammen und bindet es zu einem großen Knoten. Sie zieht sich ihren Hauskittel an, knöpft ihn mit flinken Fingern zu und zupft vor dem Spiegel über dem Waschständer ihren Kragen gerade. Sie mustert ihr Ebenbild. Auch sie hat sich verändert: Sie sieht es in ihren Augen. Sie ist zu einem furchtsamen Geschöpf geworden, das sich so sehr von ihrem eigentlichen Wesen unterscheidet wie Davey sich von seinem. Du Angsthase, schimpft sie sich aus, lässt du dich von diesem Geheimnis ins Bockshorn jagen, diesem Rätsel, was mit deinem Mann passiert ist? Sie richtet sich gerade auf. Ausgerechnet sie, die neunundzwanzig Jahre lang jeden Tag den Tod abgewehrt hat, wird sich doch davon nicht unterkriegen lassen.

2

Non geht nach unten und öffnet die Küchentür. Die Sonne fällt aus dem Hausflur auf Davey, der sich unter den Tisch gekauert hat. Der Saum des blauen Chenilletuchs baumelt ihm vor dem Gesicht, und er späht, ein imaginäres Gewehr im Anschlag, durch die Fransen ins Licht.

Es passiert schon wieder. Ist sie davon aufgewacht? Hat sie davor Angst? An die Albträume, die Davey seit seiner Rückkehr aus dem Krieg immer wieder quälen, hat sich Non gewöhnt: Albträume, bei denen er ein Schlachtfeld an zerwühlten Laken hinterlässt, wenn er kämpft und um sich schlägt und schwitzend unsichtbare Qualen durchleidet – Albträume, die sie aufwecken und aus dem Bett treiben, die Davey jedoch beharrlich leugnet, wenn sie ihn danach fragt. Inzwischen scheinen die Träume sich zu etwas Greifbarerem gewandelt zu haben, das ihm noch mehr Angst einflößt. Das erste Mal ist es am Mittwochmorgen passiert. Sie wird das nie vergessen, denkt sie, nicht für den Bruchteil einer Sekunde. Als sie aufwachte, stellte sie fest, dass Davey nicht mehr im Bett war, sondern ausgestreckt unter dem Küchentisch lag und reglos, in höchster Konzentration, das imaginäre Gewehr auf einen unsichtbaren Feind anlegte. Non war zu ihm unter den Tisch gekrochen, und er hatte sie mit einem Blick angesehen, von dem ihr eiskalt wurde und der ihr die Sprache verschlug. Sie war zurückgekrabbelt und hatte ihn gelassen, wo er war.

Sie weiß, dass ihr keine andere Wahl bleibt, als ihn zu verlassen. Aber hat sie nicht gerade beschlossen, sich von den rätselhaften Veränderungen ihres Mannes nicht unterkriegen zu lassen? Sie weiß, dass er sie betrogen hat, als er weg war – und der Gedanke tut weh –, doch sie spürt, nein, sie weiß, dass ihn etwas anderes in seinen Albträumen verfolgt – es hat mit dem Kampf gegen den Feind zu tun. Sie zieht einen Stuhl vom Tisch zurück, hebt ihn an, damit er nicht über den Steinboden kratzt, stellt ihn so zurecht, dass sie Davey sehen kann, und setzt sich darauf. Sie streicht das Tischtuch glatt. Wie das Leben – glatt und rau zugleich, an einigen Stellen so abgewetzt, dass es fast schon Löcher hat, an anderen dick und flauschig wie neu. Sie fühlt sich unbehaglich. Es widerstrebt ihr, hier auf einem Küchenstuhl zu sitzen und ihrem Mann dabei zuzusehen, wie er unter dem Tisch noch einmal gegen den Feind in die Schlacht zieht, doch sie glaubt, dass sie es tun muss, wenn sie verstehen will, was mit ihm los ist.

Dieser Mann auf dem Boden könnte sich selbst nicht unähnlicher sein. Sein Haar und seine Kleidung sind wirr und zerzaust, wie er dort in seinem beengten Unterschlupf auf den Steinfliesen kauert. Seine Augen sind weit aufgerissen, das Weiße ringsum tritt hervor, als sei er verrückt vor Angst, so wie ein Pferd, das Non einmal als Kind gesehen hat. Der Bauer erschoss das Pferd, weil es, wie er sagte, wild und unberechenbar geworden war. Non zuckt jedes Mal zusammen, wenn Davey das Gewehr, das er in seiner Wahnvorstellung angelegt hat, abfeuert und dann vom vermeintlichen Rückstoß nach hinten taumelt. Er ist schweißgebadet, sein Hemd unter den Achseln und am Rücken von seinen verzweifelten Anstrengungen schon völlig durchtränkt. Er murmelt, stößt Worte und Sätze aus, die Non nicht verstehen kann, die teils wie Befehle, teils wie flehentliche Bitten klingen. Er brüllt, »Runter! Runter!«, und wirft sich auf den Steinboden. Sie hört, wie er mit dem Gesicht aufschlägt, und ihr zieht sich alles zusammen.

»Ach, Davey«, flüstert sie. Ihr Davey, der echte Davey, ist ein kleiner Mann, und adrett, und das gehörte zu den Dingen, die sie auf Anhieb an ihm geliebt hatte. Da sie selber klein ist, fühlte sie sich nicht von ihm eingeschüchtert. Er war alles andere als ein wohlhabender Mann, hatte jedoch immer dafür gesorgt, dass seine Kleidung sauber, heil und gebügelt war. Sein störrisches Haar, das ihm in dunkelbraunen Stacheln vom Kopf abstand, war stets ordentlich gekämmt, sein Schnurrbart mit dem rötlichen Schimmer sauber gestutzt und gepflegt.

Als sie ihm das erste Mal begegnete, kam es ihr so vor, als hätte sie ihn schon immer gekannt, dabei war es in Wirklichkeit sein Sohn, den sie zuerst kennengelernt hatte. Sie war als Lehramtsanwärterin an die örtliche Schule gekommen und Wil, mit fünfeinhalb Jahren ein ebenso stämmiger und stiller Bursche wie heute mit fünfzehn, ging in die erste Klasse. Sie erinnert sich, wie traurig sie es in jenem ersten Winter fand, dass ihn der plötzliche Tod seiner Mutter an einem harmlosen Husten, der in eine Lungenentzündung umgeschlagen war, nicht zu berühren schien. Noch verstörender fand sie die Geschichten, die ihr über Grace zu Ohren kamen, Geschichten über Vernachlässigung und Grausamkeit gegenüber Wil und seiner kleinen Schwester.

Sie betrachtet Davey, wie er jetzt flach auf dem Steinboden liegt, mit zuckenden Schultern den Lauf seines Gewehrs ausrichtet und mit dem Finger auf den Abzug drückt. Erst im nächsten Frühling war sie ihm begegnet; er war gekommen, um nachzufragen, ob Meg ein wenig jünger als gewöhnlich eingeschult werden könne. Er sah ihr lächelnd in die Augen, und es war um sie geschehen. Sie hatte nie damit gerechnet, jemals zu heiraten; sie war nie einem Mann begegnet, den sie hätte heiraten wollen. Und welcher Mann wäre schon an einer Frau wie ihr interessiert gewesen, die kein eigenes Kind bekommen kann, weil es möglicherweise ihr Herz zu sehr belasten würde? Im Lauf des Jahres, in dem er um sie warb, erzählte ihr Davey, er habe bereits Kinder und brauche nicht noch mehr. Er wollte Non, sie gefalle ihm, weil sie so klug, so anders sei.

Und sie waren glücklich gewesen, nicht wahr? Sie liebte Wil wie ihr eigenes Kind. Meg machte es ihr ein bisschen schwerer, sie zu lieben. Daveys Mutter hatte ihnen Wil nur zu gern überlassen, weigerte sich jedoch, Meg herzugeben. Sie wird Vernunft annehmen, hatte Davey gesagt, doch Catherine Davies hatte sich damit Zeit gelassen. Vielleicht ist schon damals der erste kleine Schatten auf ihr Glück gefallen, überlegt Non; vielleicht war das erste Jahr, bevor Osian zur Welt kam, doch nicht ganz so unbeschwert, wie sie es in Erinnerung hatte.

Sie zuckt zusammen. Sind das Schritte auf der Treppe? Sie will nicht, dass die Kinder ihren Vater so sehen. Sie springt auf, doch bevor sie an der Tür ist, geht sie auf, und Osian kommt nur mit der Unterhose bekleidet zur Küche herein. Er lässt sein Taschenmesser aufschnappen und läuft an ihr vorbei zur Gartentür. Als er Davey sieht, bleibt er stehen, und Davey duckt sich weg, während er auf die blitzende Schneide des Taschenmessers starrt. Non legt Osian die Hand auf den Arm, um ihn wegzuführen, auch wenn sie weiß, dass er bei ihrer Berührung schreien wird. Und genau das tut er – ein schriller Schrei, der von den weiß getünchten Wänden und den Steinplatten unter ihren Füßen widerhallt.

Während sie Osian durch die Tür in den Garten führt, dreht sie sich zu Davey um und sieht, wie er sich erneut unter dem Tisch flach auf den Bauch legt und dabei brüllt, »Runter! Die Granaten kommen. Runter, Ben, runter!«

3

Sobald sie zur Tür hinaus sind und Non seinen Arm loslässt, verstummt Osian so plötzlich, wie er aufgeschrien hat. Der Garten schimmert schon im Licht, auch wenn die Sonne noch nicht bis zur Rückseite des Hauses vorgedrungen ist. Es liegt ein fauliger Gestank in der Luft, und Non erkennt, woher er kommt, als sie Maggie Ellis – noch in ihrem bauschigen Nachthemd und mit einer Schlafmütze auf dem Kopf – vom Abort am Ende ihres Gartens heraneilen sieht. Auch wenn es ihr Geheimnis bleibt, was sie bei diesen schwülen Nächten mit einer Schlafmütze will.

Als sie Osian bemerkt, bleibt Maggie Ellis abrupt stehen und schnalzt missbilligend mit der Zunge. »Schon wieder in Unterhose draußen, Junge?«, sagt sie. »Und hast du eben so geschrien, oder war das deine alte Krähe? Na, ist auch egal. Ich suche deine Mama. Wo ist sie?« Sie fasst sich an den Bauch und stöhnt.

Osian schenkt ihr keine Beachtung. Nons Entschlossenheit schwankt ein wenig. Reicht es nicht, dass ihr Mann unter dem Küchentisch kniet und einen Krieg ausficht, der seit zwei Jahren vorbei ist? Doch sie tritt aus dem Schatten in die Sonne. »Geht es Ihnen nicht gut, Mrs Ellis?«

»Nicht gut, Non, nicht gut? Allerdings geht es mir nicht gut. Sehen Sie mich doch an.« Maggie Ellis hält sich erneut ihren Bauch. »Es muss irgendwas sein, das ich gegessen habe. Es verdirbt ja alles – die Milch ist sauer, die Butter ranzig – und die Fliegen, schon bei dem Gedanken wird einem schlecht.« Sie beugt sich über die Gartenmauer, wobei sich ihr Nachthemd in der Kletterrose verfängt. »Die ganze Nacht, Non, ständig aufs Örtchen. Könnten Sie mir vielleicht irgendwas mischen, damit es aufhört?«

Non hegt den Verdacht, dass Maggies Beschwerden von zu viel Essen kommen, denn ihre Gabe, die sie nicht als Gabe empfindet, sagt ihr, dass die Frau keinerlei Anzeichen einer Krankheit hat. »Eine Tasse starker Tee wirkt stopfend, Mrs Ellis, aber denken Sie dran, ohne Milch und Zucker.« Sie könnte beim besten Willen nicht mehr sagen, wie oft sie Maggie Ellis diesen Rat schon gegeben hat.

»Ach, schwarz, ohne alles vertrage ich meinen Tee nicht, Non. Nein, Sie mischen mir eine Kleinigkeit zusammen, ja?«

»Sie wissen, dass ich damit aufgehört habe.«

»Ich werd’s Davey nicht verraten, versprochen, Non. Das bleibt unser kleines Geheimnis.« Maggie greift über die Rosen, um Nons Hand auf der Steinmauer zu tätscheln, und Non hört, wie ihr Nachthemd an den Dornen einreißt. Es wäre so leicht, ihr eine Kleinigkeit zu mischen, doch Davey hat ihr das Versprechen abgenommen, keine Arzneien mehr herzustellen. Außer ihren eigenen dunklen Tropfen, ihrem Lebensblut.

»Machen Sie sich schwarzen Tee, Mrs Ellis. Der hilft genauso gut.«

»Non, Non, wir haben so viele Geheimnisse miteinander, nicht wahr? Und die sind bei mir absolut sicher aufgehoben, darüber zerbrechen Sie sich mal nicht den hübschen Kopf. Da kommt es doch nicht auf eines mehr oder weniger an.«

Non weiß, dass Maggie Ellis mehr zu verlieren hat als sie selbst, falls irgendwelche Geheimnisse ausgeplaudert würden. Sie beobachtet Osian, der seinerseits einen am Himmel kreisenden Schwarm Krähen verfolgt. Schaut er, ob Herman darunter ist?

Maggie Ellis befreit sich aus den Rosen, wobei ein Fetzen ihres Nachthemds wie eine verschlissene weiße Flagge an einem der Zweige hängen bleibt, und streicht sich über den Bauch. »Ich glaube, es lässt nach. Vielleicht brauche ich doch nichts einzunehmen.«

»Das ist gut«, sagt Non. »Haben Sie keine Asche mehr für den Abort? Ein bisschen Majoran auf dem Boden würde es da drinnen angenehmer machen. Und Sie könnten einen Lavendelzweig aufhängen.«

»Da haben Sie ganz sicher recht, Non. Diesen schrecklichen Geruch einzuatmen kann mir sicher nicht gut tun. Ich hab eine Menge Asche gestreut. Es liegt an diesem Wetter. Haben Sie vielleicht etwas davon übrig, was auch immer es war, das man auf den Boden streuen soll?«

Non kann nichts erübrigen, aber was soll sie machen? »Ich sammle später welchen«, sagt sie, »wenn die Sonne draufgeschienen hat und die Öle in die Blätter ziehen.«

Maggie Ellis blinzelt in den Himmel. »Die Sonne steht noch nicht sehr hoch. Was machen Sie denn schon hier draußen?« Sie blickt von Non zu Osian, der jetzt an einem Stück Holz schnitzt, und wieder zu ihr. »Er hat eben so geschrien, stimmt’s? Und nicht Ihre alte Krähe.«

»Wir haben Herman seit ein paar Tagen nicht mehr gesehen«, sagt Non und hält sich die Hand über die Augen, während sie zu dem kreisenden Vogelschwarm hochsieht. Sie kann Hermans abgewinkelten Flügel und den keilförmigen Schwanz nicht erkennen. »Er fliegt manchmal mit den anderen Krähen, aber ich glaube nicht, dass er da oben ist.«

Maggie Ellis nickt in Osians Richtung. »Kann man ihm dieses Messer da wirklich anvertrauen?«

»Er schnitzt Sachen aus Holz, seit er alt genug ist, um mit dem Messer umzugehen. Das wissen Sie doch, Mrs Ellis. Es gibt keinen Grund zur Sorge«, sagt Non, auch wenn sie die scharfe Klinge zuweilen selbst ein wenig beunruhigend findet.

»Jedenfalls weiß ich«, erwidert Maggie Ellis und winkt Non mit dem Finger heran, »jedenfalls weiß ich, dass sich die gute Mrs Davies große Sorgen um ihn macht. So seltsam, wie er ist.«

Den Bemerkungen nach, die Non von ihrer Schwiegermutter über Maggie Ellis gehört hat, ist es höchst unwahrscheinlich, dass sie sich Maggie anvertraut hat. Und Non erscheint es ausgeschlossen, dass ihre Schwiegermutter sich um Osian sorgt, da ihre ganze Sorge dem eigenen Wohlergehen gilt.

»Dabei hat die arme Frau wahrlich Kummer genug«, sagt Maggie Ellis. »Mehr, als man seinem schlimmsten Feind wünschen würde.«

Non versucht, wenn irgend möglich, nicht an Mrs Davies zu denken, und wenn doch, dann wenigstens nicht schlecht, da Mrs Davies eine kranke Frau ist.

»Dieser alte Krieg hat uns alle gezeichnet.« Maggie Ellis winkt Non noch näher heran und senkt die Stimme. »Die arme Elsie Thomas hat wieder ihre Anfälle. Hängt natürlich mit der Jahreszeit zusammen, Non. Aber diesmal hat sie sich fest eingeredet, dieser Leichnam, den sie zurückgebracht haben, um ihn in der großen Kathedrale in London beizusetzen, wäre ihr Benjamin. Sie sucht jemanden, den sie beschwatzen kann, für sie an Lloyd George zu schreiben und ihn zu bitten, Ben nach Hause zu schicken. Ich hab ihr gesagt, sie soll solche Dummheiten lassen.«

Arme Elsie, denkt Non. Als der Brief – nein, es war nicht einmal ein Brief –, als das ausgefüllte Formular aus dem Kriegsministerium eintraf, hat Non es ihr vorgelesen; Elsie kann kein Englisch lesen. Gestorben, stand da lapidar. Elsie wartet immer noch darauf, dass die sterblichen Überreste ihres Sohnes nach Hause kommen, und sie begreift nicht, wie vergeblich ihre Hoffnung ist, denn es kommt niemand mehr nach Hause. Niemand, denkt Non, nicht einer, außer diesem einen unbekannten Soldaten. Nicht einmal Davey ist zurückgekommen.

»Ich hab zu ihr gesagt«, fährt Maggie Ellis fort, »ich sag zu ihr, wie kannst du ein Bild von seinem Grab mit dem Kreuz darauf und in dem besonderen Rahmen, den Davey Davies dafür gemacht hat, an der Wand hängen haben, und trotzdem denken, er wäre in dieser riesigen Kirche in London? Aber sie ist nicht ganz dicht, Non, oder? War sie eigentlich nie, daher hat es auch Benjamin. Liegt in der Familie, ein Vetter von ihr war ganz genauso.«

Maggie Ellis surrt wie die Bienen, wenn auch weniger produktiv. Non ist zu sehr in Gedanken, um Maggie noch richtig zuzuhören. Ihr ist eine Idee gekommen. Sie hat festgestellt, dass Daveys Albträume im Wachzustand etwa um dieselbe Jahreszeit angefangen haben wie letztes Jahr seine Träume, genauso das Jahr davor, da ist sie ganz sicher. Als hinge das alles irgendwie miteinander zusammen, was nicht verwunderlich wäre, da Davey und Benjamin während des Krieges in derselben Abteilung waren, auch wenn Davey sagt, er sei nicht dabei gewesen, als Ben ums Leben kam, und Elsie Thomas auch nicht mehr darüber sagen könne, was passiert ist, als das offizielle Formular.

»Non«, Maggie Ellis’ Stimme dringt in ihre Gedanken. »Non, ich sagte gerade, Ihr Davey ist doch jetzt wieder gesund? Wieder normal?«

Non muss ein hysterisches Schluchzen unterdrücken, das ihr in der Kehle steckt. Sie weicht der Frage aus. »Er ist mit den Vorbereitungen zum Festival beschäftigt, Mrs Ellis. Arbeitet den ganzen Tag.«

»Er kann von Glück sagen, dass er die Arbeit hat, Non. Er ist ein guter Zimmermann, das muss man ihm wirklich lassen. Ich kann mich entsinnen, wie er aus Holz Sachen geschnitzt hat, als er noch kleiner war als Ihr Junge da.« Maggie nimmt Osian mit zusammengekniffenen Augen ins Visier und schüttelt den Kopf. Sie ist gewiss nicht die Erste, die sich fragt, woher er stammt. Non gestattet sich die Frage nicht mehr.

Während sie zusieht, wie Osian mit dem Messer sein Stück Holz schnitzt, wird ihr mit Entsetzen bewusst, dass sie seinen Geburtstag vergessen hat. Im Haus hat Daveys Verhalten sie zu sehr schockiert, aber das ist keine Entschuldigung. Welche Mutter vergisst, ihrem Kind zum Geburtstag zu gratulieren?

Sieben Jahre, denkt sie, seit Davey ihn nach Hause brachte. Osian war damals ein armes, wimmerndes Ding, ein Neugeborenes, lang und rot wie ein frisch gehäutetes Kaninchen. Davey sagte, sie müsse nicht unbedingt wissen, woher oder von wem er sei, jetzt sei er eben ihr Kind, als wollte er sie dafür entschädigen, dass sie nicht wagte, ein eigenes zu bekommen. Obwohl sie damals gar nicht das Bedürfnis nach einem eigenen Kind hatte. Als sie mehr über den Jungen wissen wollte, sagte Davey nur, die junge Mutter sei tot, sie habe ihrer Familie den Vater des Babys nicht verraten, und der Junge sei unerwünscht. Aber wieso Davey ihn dann übernommen habe, hakte sie nach, denn sie hatte den Verdacht, dass ihr Mann mehr wusste, als er ihr verriet, und seine Antwort lautete, für dich, Non, als sei damit alles gesagt. Also behielt sie ihre Fragen für sich und gab dem Jungen den Namen ihres Vaters. Osian ist in jeder Hinsicht ihr Sohn, und bis auf den heutigen Tag weiß sie nicht, was sie mit ihm anfangen soll.

Sie sieht zu, wie er sein Taschenmesser zuklappt, den Holzstaub von seinem Schnitzwerk bläst und eine kleine Figur auf die Mauer stellt. Ein vollendeter Soldat in Miniaturformat.

Maggie Ellis holt erstaunt Luft. »Da fragt man sich doch, woher er das hat, nicht wahr?«, sagt sie.

4

Als Non wieder in die Küche kommt, sitzt Davey am Tisch und liest in der Cambrian News, als wäre nichts geschehen. Sie hat Osian nach oben geschickt, damit er sich anzieht, und eilig das neue Hemd, das sie ihm genäht hat, in braunes Packpapier gewickelt.

Jetzt sitzen sie alle um den Tisch. Niemand sonst hat Osians Geburtstag vergessen. Davey dirigiert das Geburtstagsständchen. Meg sagt, sie könnten es ebenso gut lassen, er höre ohnehin nicht zu. Ihr Vater bringt sie mit einem Blick zum Schweigen und zieht sich hinter seine Zeitung zurück.

»Du hättest es auch nicht gern, wenn wir zu deinem Geburtstag nicht singen würden«, sagt Wil. Er greift tief in die Tasche seiner Jacke, die er über die Stuhllehne gehängt hat, zieht ein unordentlich eingewickeltes Päckchen heraus und schiebt es seinem Bruder hin, der keine Notiz davon nimmt.

»Siehst du?«, sagt Meg. »Zwecklos.« Aber auch sie hat ein kleines Geschenk, das sie Non gibt, damit sie es an Osian weiterreicht. »Ich hab meine Lieblingssüßigkeiten gekauft – wenn er es nicht mal für nötig hält, es aufzumachen, krieg ich sie zurück.«

Non legt ihr eigenes Geschenk neben Osians Frühstücksschale. Sie sieht zu, wie er ungerührt seinen Porridge isst. »Ich helfe dir, deine Geschenke zu öffnen«, sagt sie und wickelt zuerst das von Wil auf, wobei der Beutel, der sich darin verbirgt, herausfällt und eine Handvoll Murmeln über den Küchentisch rollen. Osian hört auf zu essen und sieht zu, wie sie auf den Steinboden springen. »Deine Preis-Murmeln, Wil«, sagt Non. »Bist du sicher?«

Wil zuckt die Achseln. »Wann hab ich das letzte Mal damit gespielt?«, sagt er und geht auf Hände und Knie, um sie vom Boden aufzulesen.

»Mach mein Päckchen für ihn auf, Non«, bittet Meg, und Non tut ihr den Gefallen. Osian fängt sofort an, die Weingummifigürchen nach den jeweiligen Farben in Reih und Glied zu sortieren, und steckt sich ein rotes in den Mund.

»Ich fürchte, er mag sie, Meg«, sagt Non.

Meg runzelt die Stirn und beklagt sich darüber, dass sie zu nah am Feuer sitze und ihr sei zu heiß: Wozu überhaupt an einem Tag wie diesem ein Feuer machen, wo doch die Sonne so erbarmungslos scheint, als wollte sie die ganze Welt in Brand stecken. Wie sie die ganze Zeit so mürrisch sein kann und dabei doch mit ihrem goldblonden, an einen Heiligenschein erinnernden Haar einem Engel gleicht!

»Um den Kessel Wasser für deinen Tee zum Kochen zu bringen, Meg, um deinen Hafer zu kochen, um heißes Abwaschwasser für dein schmutziges Geschirr zu haben.« Meg kann die Geduld einer Heiligen auf die Probe stellen, doch Non ist keine Heilige, und ihre Geduld wird manchmal allzu sehr strapaziert. »Wenigstens bleibt es in diesem Teil des Hauses morgens kühl. Wenn es dir da, wo du sitzt, zu heiß ist, kannst du mit mir den Platz tauschen.«

»Ich will nicht neben ihm sitzen«, sagt Meg. Sie sieht Osian an und schneidet eine Fratze, die er auch dann nicht mitbekommen würde, wenn er nicht damit beschäftigt wäre, die roten Süßigkeiten eine nach der anderen aufzuessen.

»Osian«, sagt Davey. »Er heißt Osian, Meg.« Er blättert eine Seite in seiner Cambrian News um, faltet die Zeitung auf die Hälfte und lehnt sie an die Teekanne.

Meg hat schon den Mund geöffnet, um etwas zu erwidern, doch Non schaltet sich ins Gespräch ein, bevor Meg ihren Vater noch weiter ärgern kann. Allerdings ist es meistens schwierig, ein Thema zu finden, über das sie reden können. Jedes Thema scheint unweigerlich zum Krieg zu führen, und jetzt, wo Davey wieder diese Anfälle hat, will sie das vermeiden. Anfälle! Es muss eine passendere Bezeichnung für das geben, was mit Davey passiert.

»Maggie Ellis von nebenan ist die ganze Nacht zum Klo gelaufen«, sagt sie. Vielleicht lässt sich Wil, der gerade die Murmeln einzeln wieder in den Beutel steckt, dazu hinreißen, Maggie nachzuahmen, wie er es sonst schon mal tut. Doch dann hält sie inne – selbst das könnte auf verbotenes Gelände führen. Sie steckt die Hand in ihre Schürzentasche, um sich davon zu überzeugen, dass der Soldat noch da ist, den Osian vorhin im Garten in wenigen Minuten geschnitzt hat, und nicht irgendwo hingestellt wird, wo er Davey in Aufregung versetzen könnte. Sie wundert sich über Osians Geschick. Sie streicht mit den Fingerspitzen über die winzigen Details und die glatte Oberfläche seines Figürchens. Woher weiß er, was man machen muss, um so etwas hervorzubringen? Sie erinnert sich nicht, wann und wo er das Taschenmesser bekommen hat, er scheint es schon immer zu besitzen. Sie hat noch Maggie Ellis’ Frage in den Ohren, ob man ihm ein solches Messer sicher anvertrauen kann, und sie weiß, was sie meint. Osian ist nicht immer berechenbar.

Wil hat sie nicht gehört, stellt Non fest. Er unterdrückt ein herzhaftes Gähnen. »Du bist gestern noch lange mit Eddie weg gewesen, Wil«, sagt sie. »Hatte er fantastische Geschichten von seinen großen Abenteuern auf den sieben Weltmeeren zu erzählen?«

Wil reibt sich energisch die Wangen, als wollte er sich wachrütteln. »Und ob, Non. Was der alles gemacht hat! Klingt nach einem schönen Leben, sich so die Welt anzusehen. Er hat es über den Atlantik bis nach Neufundland geschafft und wieder zurück, und das mit nur …«

»Das genügt!« Davey knallt sein Messer auf den Tisch, sodass die Tassen klirren und Tee überschwappt. »Eddie ist kein Held, Wil. Nachdem sein Bruder gestorben ist, hätte sein Vater ihn zu Hause brauchen können. Eddie hätte seine Pflicht tun und bleiben sollen, statt sich bloß zu seinem eigenen Vergnügen herumzutreiben.«

Pflicht! Was für ein hartes Wort für einen Menschen, geschweige denn für einen fünfzehnjährigen Jungen. Woher kommt das auf einmal? Es ist kein Wort, das der alte Davey verwendet hätte, obwohl er selber immer pflichtbewusst war. Non hält den Atem an, als sie den Ausdruck in Wils Augen sieht, eine Mischung aus Verletzung und Trotz.

»Er sagt, er wechselt das Schiff, sodass wohl eine Koje frei wird«, sagt Wil. »Auf der David Morris. Brauchen einen Koch und Burschen für alles. Sie läuft aus, sobald die Reparaturen durchgeführt sind. Eddie meint, wo ich doch Zimmermann bin, müsste sich das machen lassen, wenn ich es möchte.«

Wil ist immer der Stille, der Verlässliche gewesen, der zu viel geschultert hat, ohne sich zu beklagen. Sie liebt ihn eindeutig am meisten; Meg fordert sie jeden Tag heraus.

»David Morris?«, fragt Meg. »Ein komischer Name für ein Schiff.«

»Ich will kein Wort mehr darüber hören«, sagt Davey. Er hat aufgehört zu brüllen und spricht jetzt in ruhigem, vernünftigem Ton, während er seine Zeitung noch einmal faltet und flach auf den Tisch legt.

Wil lässt nicht locker. »Ich habe Eddie gefragt, ob er für mich ein gutes Wort einlegen würde. Er sagt, er spricht mit dem Kapitän, William Griffiths – der ist aus Barmouth –, offenbar ein Verwandter von Eddies Vater, Cousin oder so, auf die Weise ist Eddie selbst auf das Schiff gekommen.« Er sieht Davey unerschrocken in die Augen. »Sein Vater wusste die ganze Zeit Bescheid, er hat sich für Eddie gefreut, dass er auf See fahren konnte, dass er tun konnte, was er sich wünschte. Er wusste, dass Eddie die Landwirtschaft hasst.«

Davey hört ihm jetzt kaum noch zu. Er hat diesen Ausdruck in den Augen, den sie seit seiner Rückkehr so oft bei ihm bemerkt, als starrte er in eine ihnen unbekannte Ferne und sähe dort Dinge, die sie, selbst wenn sie dasselbe sehen könnten, nicht begreifen würden.

»Falls Wil weggeht, kann ich dann sein Zimmer haben? Für ihn allein ist es zu groß«, sagt Meg mit einem Seitenblick auf Osian. »Ich meine, Osian«, fügt sie hinzu und schielt zu Davey hinüber. »Er kann mein kleines Zimmer haben. Macht ihm bestimmt nichts aus. Ihm ist ja sowieso alles egal.« Sie dreht sich zu Osian um. »Ich meine, dir ist sogar egal, dass du heute Geburtstag hast, oder?«

»Wil wird nicht weggehen«, sagt Davey.

»Er ist fünfzehn, und es gibt keine Pflicht, die ihn hier festhält«, sagt Non. »Er sollte sich einen Eindruck verschaffen, was die Welt ihm zu bieten hat, bevor er sich festlegt.«

»Ich muss los«, sagt Davey. »Ich hab versprochen, heute Morgen an den Sitzen fürs Festival zu arbeiten. Ich hoffe, das bringt uns bessere Arbeit, Wil, jedenfalls ist es etwas interessanter für dich, als Särge zu zimmern.« Er trinkt in großen Schlucken seinen Tee aus. »Und Meg, du kannst Non dabei helfen, für deinen Cousin Gwydion ein Bett herzurichten. Wann kommt er an, Non?«

»Obwohl er eigentlich nicht mein Cousin ist, nicht wahr?«, sagt Meg, bevor Non antworten kann. »Er gehört zu Nons Familie, nicht zu unserer.« Non vermutet, dass ihre Schwiegermutter hinter Megs Auffassungen in Bezug auf Familienangelegenheiten steckt. »Er müsste noch vor dem Mittagessen da sein«, sagt sie.

»Er ist viel gereist, oder, Non?«, fragt Wil. »Gwydion?«

»Nicht gerade bis nach Neufundland«, antwortet Non. »Letzten Sommer war er mit einigen Freunden von der Universität in der Bretagne.« Sie wendet sich an Meg und sagt, »das grenzt an Frankreich.«

»Ich weiß«, sagt Meg. »Ich würde auch gern mal nach Frankreich fahren. Ich kenne schon eine Menge Wörter auf Französisch – je parle français un petit peu –, und Madame Green sagt, ich wäre ihre beste Schülerin, und sie will mir über den Sommer ein paar französische Romane leihen. Und sie sagt, falls wir im Krieg irgendwelche Angehörigen dort gehabt hätten, sollten wir sie bitten, uns ein bisschen Französisch beizubringen, das sie gelernt haben. Was hast du gelernt, als du da warst, Tada?«

Davey legt die flachen Hände auf den Tisch und hievt sich aus dem Stuhl. »Nichts, was für dich von Nutzen wäre«, sagt er zu Meg. »Was weiß deine Madame Green schon von Wörtern, die Männer lernen, wenn sie kämpfen?«

»Ihr Bruder war Hauptmann im …« Meg verstummt, als sie den Blick ihres Vaters sieht.

»Also Offizier«, sagt Davey. »Nun, das ist was anderes, nicht wahr?«

Meg blickt verwirrt auf ihren Teller. Meg ist nicht sicher, wie sie seine Worte verstehen soll, denkt Non, die selber nicht recht weiß, was er damit meint.

Davey rückt seinen Stuhl unter den Tisch. »Ich weiß, es ist Samstag, Wil«, sagt er, »aber ich könnte eine hilfreiche Hand bei dieser Arbeit gut brauchen, nur über den Vormittag.«

Als Davey die Küche verlassen will, springt Osian auf, sodass sein Stuhl über den Steinboden nach hinten schlittert, und hält die Hände hoch, um seinen Vater aufzuhalten, ohne ihn zu berühren. Osian greift tief in Nons Schürzentasche, und bevor ihr klar wird, was er vorhat, zieht er den Soldaten, den er geschnitzt hat, heraus und stellt ihn auf den Tisch.

Daveys Gesicht verdüstert sich. Er nimmt die Figur und wirft sie ins Feuer, wo sie augenblicklich zu glimmen beginnt. »Kanonenfutter«, sagt er in beiläufigem Ton. »Kanonenfutter, kleiner Osian. Davon haben wir genug.«

Niemand rührt sich, als Davey zur Tür geht. Non betrachtet die Gesichter ihrer Kinder. Meg wirkt erstaunt, Wil verzweifelt, und Osian ist gar nichts anzusehen.

5

Wil verlässt ein paar Minuten nach dem dramatischen Abgang seines Vaters in Arbeitskleidung das Haus.

Non packt ihn an der Hand. »Folge deinem Herzen, Wil.«

Er dreht sich um und umarmt sie, was er nicht häufig tut; die Davies sind keine Familie, die Gefühle zeigt. »Du wirst mir fehlen, Non«, sagt er.

Sie erinnert sich daran, dass sie den Rat, den sie ihm gerade erteilt hat, wiederholt von ihrem Vater zu hören bekam. Folge deinem Herzen, Rhiannon, pflegte er zu sagen, nur so kann man leben. Und jedes Mal kam dann – mit nur geringfügigen Abweichungen in der Erzählung – die Geschichte, wie er seinem Herzen gefolgt war und die Tradition seiner Familie mütterlicherseits fortgeführt hatte, die seit dem Mittelalter zu den großen Kennern der Heilkräuter zählte und mit ihren geheimen Rezepten jeden heilte, egal, ob arm oder reich. Doch sein Vater hatte sich in den Kopf gesetzt, dass sein Sohn eine Laufbahn als Jurist einschlagen sollte, und ihn, als er sich weigerte, ohne einen Penny hinausgeworfen. Mein eigener Vater, Rhiannon, fügte er dann weinend hinzu und schloss sie so fest in die Arme, dass sie keine Luft mehr bekam. Und dann erzählte er ihr die Geschichte – ihre Lieblingsgeschichte –, wie er ihre Mutter zum ersten Mal sah und sich unsterblich in sie verliebte, bevor sie ein einziges Wort mit ihm gewechselt hatte. Auch sie, sagte er dann, war mein Herzenswunsch. Folge also deinem Herzen, und alles andere fügt sich.

»Jetzt geh«, sagt Non zu Wil, und er tritt in die Sonne. Er ist schon jetzt ein Mann – einer, der weiß, was er will, und nicht mehr der Junge, den sie in ihrem jugendlichen Ungestüm angenommen hatte, als sie selbst unsterblich verliebt war und ihrem Herzen folgte.

Als sie sich von der Tür abwendet, steht Osian – ihr Schattenkind – hinter ihr. »Du bleibst heute bei mir, Osh«, sagt sie. Er sieht sie wie gewöhnlich mit ausdruckslosen Augen an. »Dein Cousin Gwydion kommt über Nacht. Du magst ihn, erinnerst du dich?« Nach sieben Jahren fällt es ihr immer noch schwer, daran zu denken, dass sie Osian nicht berühren darf. Wenn er gegen einen unbelebten Gegenstand stößt, spürt er es kaum. Er hat nur etwas gegen Menschen. Dabei kann sie es ihm nicht einmal verübeln; manchmal kommt auch sie nur schwer mit den Menschen zurecht.

Sie macht einen Bogen um ihn und tritt in die Küche, wo Meg immer noch an ihrem Tee nippt, der selbst bei dieser Hitze inzwischen längst kalt sein muss. »Hilf mir abzuräumen, Meg«, sagt sie und fängt an, Geschirr und Besteck zu stapeln. »Danach kannst du vielleicht für später ein paar Himbeeren pflücken.«

»Nain sagt, so was machen nur Bedienstete«, erwidert Meg, »und sie sagt, ich wär nicht deine Bedienstete.«

Non holt einmal tief Luft. Zähl bis zwanzig, Non, hört sie den Rat ihrer Schwester. Eins, zwei, drei … Sie wird sich nicht über den dämlichen Floh, den eine gewisse Mrs Davies Meg ins Ohr setzt, in einen Streit verwickeln lassen.

»Das kann man so halten, wenn man Bedienstete hat, die einem die Arbeit abnehmen, aber wir haben keine, also komm schon, Meg.«

»Du hast Lizzie German, die dir mit der Wäsche hilft«, sagt Meg.

»Das ist etwas anderes, und das weißt du ganz genau. Im Übrigen für dich immer noch Mrs Grunwald.« Non überhört Megs Schnauben. »Also, Gwydion wird bald hier sein, und wir müssen das Frühstück wegräumen und sein Bett herrichten, bevor er eintrifft.«

»Wann kommt sein Zug an?« Es ist fast ein Jahr her, seit Meg Gwydion das letzte Mal gesehen und auf eine mädchenhafte Weise für ihn geschwärmt hat, was ihren geröteten Wangen zufolge noch nicht ganz verflogen zu sein scheint.

»Er hat geschrieben, dass er zum Mittagessen da ist«, sagt Non, »aber ich weiß nicht, mit welchem Zug er kommt. Er kennt inzwischen den Weg vom Bahnhof, Meg, er steht also irgendwann vor der Tür.«

Sie überlässt es Meg, den Tisch fertig abzuräumen und den Abwasch zu erledigen, während sie selbst nach oben geht, um die Betten zu machen und die Nachttöpfe auszuleeren. Samstags ist die Hausarbeit gewöhnlich bis zum Mittagessen erledigt, und so kann sie am Nachmittag Zeit mit Gwydion verbringen. Sie hält einen Moment inne, als sie ihr Bett glattstreicht – ihr Bett! –, es ist auch Daveys Bett. Wie sie sich nach der Intimität sehnt, die sie miteinander hatten, bevor Davey in den Krieg zog. Sie hebt die Decke vom Boden auf und wirft sie über das Bett, wo sie sich bauscht, bevor sie sich auf die Matratze legt. Der Krieg hat Davey als einen von wenigen zurückgegeben, und dafür ist sie dankbar, nur dass der Krieg ihr offenbar den falschen Mann zurückgebracht hat. Er sieht wie Davey aus, er spricht wie Davey, er benimmt sich sogar wie Davey, sodass die meisten denken, er hätte sich nicht verändert. Doch das ist alles Theater – dieser Mann, der jetzt mit ihr zusammenlebt, ist ihr fremd.

Kummer überkommt sie bei dem Gedanken, sie setzt sich aufs Bett und legt die Hände vors Gesicht. Die Erinnerung an seine Rückkehr tut so weh, als sei es erst gestern gewesen. Sie hört noch dieses zögerliche Klopfen an der Tür, sieht, wie sie aufmacht und Davey davorsteht, als hätte er kein Recht, sein eigenes Haus zu betreten. Sie hatte ihn nicht erwartet, keine Familie hatte erfahren, wann ihre Männer nach Hause kommen würden, sie waren einfach irgendwann da. Sie hatte seinen Namen geflüstert und danach nicht gewusst, was sie machen sollte. Davey trat ins Haus, Non wich vor ihm zurück. Und als hätte er die Worte vorher auswendig gelernt, sagte er, ich bin froh, wieder daheim zu sein, Non, aber ich habe dir etwas zu sagen. An dieser Stelle schwieg er, als bräuchte er einen Souffleur, eine kleine Ermunterung, und dann eröffnete er ihr: Ich muss dir sagen, dass ich zwar für dich und die Kinder sorgen werde, weil das meine Pflicht ist, aber es kann zwischen uns nicht mehr so sein wie früher. Sie weiß noch, wie sie am liebsten laut losgelacht hätte, aber den hysterischen Anfall, der ihr in der Kehle steckte, herunterschlucken konnte. Nicht mehr so sein wie früher?, antwortete sie – abgesehen von seinem Namen waren das ihre ersten Worte an ihren Mann, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Ich kann nicht mehr dein Ehemann sein, erklärte Davey, ich habe mich in eine andere Frau verliebt und dich betrogen. Sie erinnert sich noch, wie sie ihn ungläubig angestarrt hat. Wo hatte er auf dem Schlachtfeld Gelegenheit, andere Frauen kennenzulernen? Das war der erste Gedanke, der ihr kam. Wer ist es?, war alles, was ihr einfiel. Eine Krankenschwester. Non wollte ihren Namen wissen, und sie wünscht sich bis heute, sie hätte nicht danach gefragt. Passte der Name Angela nicht genau zu der Art von Frau, der ein Mann vor der unscheinbaren alten Non den Vorzug gibt?

Sie streicht über die Bettdecke und zupft ein wenig daran, um die Falten zu glätten. Sie wünscht sich, sie hätte geweint, geschrien, ihn beschworen oder aber gesagt, es sei ihr egal. Hat sie nicht. Auch sie hatte inzwischen ihre Geheimnisse und erkannte in dem Moment, als Davey vor der Haustür erschien, dass sie um ein Haar selbst einen Fehler begangen hätte und daher nicht auf ihre Rechte pochen konnte. Wäre ihr Leben jetzt anders, wenn sie sich damals nicht so verhalten hätte? Die Frage lässt sie nicht mehr los.

Und so ist es seitdem. Sie teilen ein Bett, weil Davey nirgends sonst schlafen kann. Teilen ein Haus, teilen die Kinder, teilen ihr Leben. Teilen aber keine Ehe mehr, keine zwanglose Unterhaltung oder ein Lachen, keine Hoffnungen und Träume oder Ängste. Sie trauert um ihren Davey, der sie geliebt hat so wie sie ihn, sie trauert um ihn, als wäre er tot. Auch wenn sie beschlossen hat, sich von dem Geheimnis, das Davey verfolgt, von dem rätselhaften Menschen, der aus ihm geworden ist, nicht unterkriegen zu lassen, so hat sie doch keine Ahnung, wie sie sich wehren, wie sie den Davey wiederfinden soll, der sie geliebt hat.

Sie hebt den Kopf. Wie soll sie mit ihrer Arbeit fertig werden, wenn sie hier herumsitzt und Trübsal bläst? Sie steht auf und glättet die Decke noch einmal. Aus dem Wäscheschrank auf dem Treppenabsatz zieht sie Laken und Kissenbezüge hervor, um Gwydion ein Bett herzurichten. Sie hält die Nase in die Wäsche, sie duftet immer noch nach dem Lavendel vom letzten Jahr, und die Baumwolle fühlt sich an ihrer Wange steif und frisch an. Sie nimmt die Wäsche mit ins Zimmer der Jungen und fragt sich einmal mehr, wie die beiden hier genug Luft zum Atmen haben, geschweige denn schlafen können. Wil sagt, Osian hätte Angst vor einem unbekannten wilden Tier, das zum geöffneten Fenster hereinkommt, auch wenn Non sich nicht vorstellen kann, wie Osian ihm das erzählt haben sollte. Manchmal fragt sie sich, ob das nicht Wils Ängste sind. Für die drei wird es ein wenig eng werden, denkt sie, doch dann fällt ihr ein, dass Wil vielleicht nicht mehr lange zu Hause ist und sich auch sonst nicht viel daraus macht, wenn es ein bisschen eng wird, denn Wil ist eben Wil. Sie hat keine Ahnung, was Osian davon halten wird. Gwydion ist eigentlich zu alt, um sich ein Zimmer mit den Jungen zu teilen, aber es war seine Idee, sich in den Semesterferien hier Arbeit zu besorgen und sich bei ihnen einzuquartieren, also machte es ihm sicher nicht viel aus. Wahrscheinlich ist er es als Student gewohnt, in den verschiedensten Unterkünften zu schlafen. Sie rollt die Matratze aus, die, solange sie nicht gebraucht wird, unter Wils Bett liegt, und macht daraus ein behagliches Bett für Gwydion. Sie widersteht der Versuchung, sich fünf Minuten darauf zu legen – was würde Mrs Davies sagen! –, richtet Wils und Osians Bett und beschließt, den wilden Tieren zum Trotz, das Fenster weit zu öffnen.

Non steht still am Fenster und sieht Meg zu, wie sie Himbeeren pflückt und dabei ebenso viele isst, wie sie in die Schüssel fallen lässt, während sie zwischen jedem Bissen melodischer summt als die Bienen, die sich an den Rosen zu schaffen machen. Vom hintersten Teil des Gartens dringt das leise und beruhigende Gackern der Hennen zu ihr, die nach Leckerbissen scharren, bevor sie die Hitze in den Schatten der Büsche treibt, wo sie in fast komatösem Zustand liegen bleiben. Schon jetzt lässt die Hitze die leisen Gesprächsfetzen im Nachbarhaus und die Takte eines Liedes verstummen, bevor sie richtig angefangen haben, denn es ist einfach zu anstrengend. Die Hitze liegt wie Sonntagsstille über allem.

Non zuckt zusammen, als Meg aus den Himbeersträuchern aufspringt, als hätte sie etwas gestochen, doch nur eine Sekunde später ertönt an der Vorderseite des Hauses ein Lärm, dass die Wände zu wackeln scheinen. Vor Angst pocht ihr Herz schneller als sonst. Soll sie ein paar von ihren Tropfen nehmen? Keine Zeit. Stattdessen rennt sie die Treppe hinunter und zur Haustür hinaus, wo sich eine Schar von Kindern um ein monströses schwarzes Motorrad drängt. Darauf sitzt ein Flugzeugpilot, oder jedenfalls eine Gestalt wie auf den Bildern, die sie im Krieg von den Sopwith Camels gesehen hat, auch wenn sie sich beileibe nicht vorstellen kann, dass solche plumpen Maschinen fliegen sollen wie Vögel. Doch der Krieg ist längst vorbei, also hat es damit offensichtlich nichts zu tun.

Der Flieger winkt ihr zu und springt mit einem einzigen eleganten Satz vom Motorrad. Er nimmt seine Schutzbrille ab und zieht sich den eng anliegenden Helm vom Kopf, woraufhin ein Gesicht zum Vorschein kommt, das zu den liebsten gehört, die sie kennt.

»Gwydion«, ruft sie und stolpert mit ausgebreiteten Armen die Treppe hinunter, um ihn zu empfangen – denn diese Familie, ihre Familie, zeigt Gefühle –, und sie weiß nicht, ob sie lachen oder weinen soll.

6

»Also«, sagt Gwydion, »wo steckt denn die ganze Bande?«

»Wir sind die ganze Bande«, antwortet Meg. »Nur die Jungs sind nicht da.«

»Du hast völlig recht, Meg. Die wichtigen Leute sind alle da.« Gwydion lächelt sie an.

Meg läuft unter ihren Sommersprossen rot an – den Sommersprossen, die sie ständig mit Buttermilch betupft, damit sie verschwinden. Doch sie hat nicht ganz unrecht. Wo wären die Männer ohne die Frauen? Non erinnert sich an eine Zeile aus einem Gedicht, die ihr Vater gern zitierte, »Denn die Hand an der Wiege ist die Hand, die die Welt regiert«. Vorsichtig stellt sie das Tablett mit dem Essen halb auf der Tischkante ab und hält es mit der einen Hand, während sie mit der anderen die Speisen verteilt. »Davey und Wil«, erklärt sie, »sind am Schloss und zimmern die Sitze für die Generalprobe morgen, zum Musik-Festival.«

»Ah, sie mischen sich unters Volk?«, antwortet Gwydion. »Deshalb hab ich mir das Motorrad geliehen – ich dachte, in den Zügen würde es nicht mal mehr Stehplätze geben.«

»Es geht doch erst in anderthalb Wochen richtig los«, sagt Non. »Brauchst du eine Entschuldigung, um dir das Motorrad zu borgen?«

»Sie bauen auch die Bühne auf, sie haben die gesamte Zimmermannsarbeit übernommen«, sagt Meg. »Heißt das, sich unters Volk zu mischen? Ich singe in Sam Posts Chor. Er hat zu Nain gesagt, ich sei die vollendete kleine Dame.«

»Fang gar nicht erst an«, sagt Non, als Gwydion etwas erwidern will.

»Fang lieber mit dem Essen an«, fügt Meg hinzu.

Gwydion lacht. »Du bist also tatsächlich eine so kluge junge Dame, wie Non behauptet.«

Meg schwillt die Brust, der klugen jungen Dame, doch dann windet sie sich und wird rot wie jedes kleine Mädchen.

Gwydion war schon immer ein Charmeur, wird Non auf einmal wieder bewusst, soweit sie zurückdenken kann. »Sie lernt Französisch«, erzählt sie. »Recht schnell.«

»Kannst du Französisch, Gwydion?«, fragt Meg.

»Nicht fließend«, antwortet er. »Bretonisch, Irisch, aber nicht besonders gut Französisch.«

»Tada schon«, erwidert Meg, während sie sich mehrere Scheiben Schweinskopfsülze auf den Teller lädt.

Gwydion wirft Non einen fragenden Blick zu, und sie zuckt die Achseln. Wer weiß, wie viel Französisch Davey sprechen oder verstehen kann? Lange genug war er ja dort, den größten Teil des Krieges hat er in französischen Schützengräben verbracht. Man sollte annehmen, dass er die Sprache ein wenig beherrscht. Doch das werden sie wahrscheinlich nie erfahren.

»Und was ist mit dir, Osian?« Gwydion betrachtet das Kind, das sie aus alter Gewohnheit ignoriert haben. »Parlez-vous français?«

»Der weiß überhaupt nichts«, sagt Meg.

»Ich denke«, antwortet Gwydion, »ihr werdet eines Tages noch staunen, was Osian alles weiß.«