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Mark Boog

Mein letzter Mord

Roman

Aus dem Niederländischen
von Matthias Müller

 
 
 

Die niederländische Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel Ik begrijp de moordenaar bei Uitgeverij Cossee BV, Amsterdam.
© 2009 Mark Boog und Uitgeverij Cossee BV, Amsterdam
 
 
 
eBook 2012
© 2012 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln
Alle Rechte vorbehalten
Übersetzung: Matthias Müller
Umschlag: glanegger.com, München
Umschlagabbildung: © Alex Staroseltsev/Shutterstock
eBook-Konvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN eBook: 978-3-8321-8618-0
 

1  Anfang

Ich verstehe den Mörder. Das muss ich schließlich. Wenn jemand danach fragt – was übrigens selten vorkommt –, erkläre ich, dass er auch nur ein Mensch ist.

Manchmal denke ich, dass er der einzige Mensch ist, jedenfalls der einzige vollkommene Mensch. Der Mensch – eine Gewächshauspflanze, ein empfindliches Exemplar, das nur selten aufblüht, weil es nicht gut gepflegt wird, weil die Bedingungen nicht immer ideal sind. Die meisten weisen Flecken auf, sind übersät mit Läusen, gehen langsam ein. Wir wachsen krumm, wir wachsen gar nicht, so sind wir. Nur der Mörder ist anders. Er, besprüht mit einem Mittel, das zwar giftig ist, ihn aber vor jeglichem Verfall schützt, glänzt stolz vor sich hin, tut, was er tun muss, ist, was er sein muss.

Doch ich schweife ab. Zuerst muss ich mich entschuldigen. Für das Abschweifen, aber vor allem für diesen ungewöhnlichen Bericht.

Verzeihen Sie mir zunächst die Tatsache, dass ich ihn in Kapitel eingeteilt habe – eine Frivolität, nicht mehr, von der ich freilich erwarte, dass sie mir hilft, diese Arbeit tatsächlich zu Ende zu bringen. Allzu oft habe ich aus bloßem Mangel an Durchhaltevermögen aufgegeben, was ich nicht hätte aufgeben sollen. Von den Klavierstunden in meiner Jugend bis zu diesem Bericht: Alles, was mir etwas bedeutet, hat die Tendenz zu versanden. Ein Charakterzug, würde ich sagen. Ohne es richtig zu merken, fülle ich die üblichen Formulare aus, kritzle ein paar erklärende Worte dazu, um es loszuwerden.

Diesmal nicht. Dies wird bis zum Ende durchgezogen, koste es, was es wolle. Dieses letzte Mal werde ich mich nicht an die Standardeinteilung des Polizeiberichts halten. Auch mit der chronologischen Reihenfolge werde ich es nicht so genau nehmen, obwohl ich vorhabe, diesen Bericht von Anfang bis Ende zu schreiben, ohne zurückzublicken. Das bedeutet einerseits, dass die Ereignisse logisch aufeinanderfolgen, andererseits aber auch, dass ich alles, was mir im Nachhinein einfällt, an der jeweiligen Stelle notieren werde. Ärgern Sie sich oder nicken Sie zustimmend, aber erwarten Sie nicht, dass ich mir ein beendetes Kapitel noch einmal vornehme, um es umzuschreiben. Ich bin jetzt alt, was sich zu meiner Überraschung in vielerlei Hinsicht als eine Rückkehr zur Jugend erweist. Die Zeit der Sorgfalt liegt hinter mir. Stapelt man die Sorgen hoch genug, entsteht eine Art Sorglosigkeit. Ich werde später darauf zurückkommen.

Verweise in die Zukunft werden ebenso wenig fehlen, allerdings nur, weil ich die Technik nicht beherrsche, alle Fäden in der Hand zu behalten. Ignorieren Sie die Kapitelüberschriften. Anmerkungen, Gedächtnisstützen, nicht mehr. Ich streiche sie nicht, weil ich keine Lust dazu habe. Für mich haben sie eine Funktion, was sie für jemand anderen bedeuten, weiß ich nicht.

Zur Erklärung: Was gesagt werden muss, muss gesagt werden, ob es nun passt oder nicht. Allerdings fördert bereits eine bescheidene gedankliche Erkundung jede gewünschte Interpretation, jede gesuchte Beziehung zutage. Ein Problem für den professionellen Fahnder, muss er sich doch ständig selbst misstrauen. Was freilich nichts daran ändert, dass dies als Polizeibericht dient. Ein ungewöhnlicher Bericht, denn ich befürchte keine Sanktionen mehr, aber trotzdem. Ich würde dir, Kommissar, dringend raten, jedes Wort zu glauben.

Schließlich, als vorerst letzte Entschuldigung, die unbeholfenen Anreden, die ich wahrscheinlich verwenden werde. Ich werde abwechselnd mit Du und Sie verschiedene Menschen ansprechen: meinen alten Freund, den Kommissar, mich selbst, einen imaginären Leser, vielleicht den Mörder. Der Kommissar lässt sich durch einen beliebigen Polizeibeamten ersetzen, einen Untergebenen, dem dieser Bericht zugeschoben wurde, weil der Kommissar andere Dinge in seinem kahl werdenden Kopf hat. Ich mache mir wenig Illusionen über das Ansehen, das ich in diesem Verein genieße, und unsere Freundschaft, falls sie jemals existierte, hat sich in Luft aufgelöst. Als Leser können Sie nehmen, wen Sie wollen, notfalls sich selbst, wenn Sie einer von denjenigen sind, die gerne angesprochen werden möchten, die den Kontakt und die Verantwortung nicht scheuen. Nur der Mörder ist nicht austauschbar.

Ich weiß nicht, ob dies eine Abhandlung wird, ein Protokoll oder ein Untersuchungsbericht. Ob dies als Anklage gemeint ist, als Entschuldigung oder als etwas anderes. Mein letzter Bericht wird jedenfalls endlich ein lesbarer sein.

Es ist reichlich spät. Meine Pensionierung rückt näher. Ich werde diesen Fall nicht lösen, und es gibt niemanden, der mir noch Vorschriften machen kann. Nichts ist sicher, abgesehen vom Alter, das mich plötzlich zu überfallen scheint. Eine Jugend habe ich kaum gehabt, weder eine glückliche noch eine unglückliche, zumindest kann ich mich kaum daran erinnern. Danach plätscherte das Leben so dahin, und jetzt, auf einmal, steht das Alter vor der Tür, lächelnd, ruhig, selbstsicher.

Man kann dieses Dahinplätschern auch als eine rund vierzigjährige Laufbahn bezeichnen. Ich war einundzwanzig, als ich hier den Dienst antrat, direkt nach der Ausbildung. Wenn ich nächstes Frühjahr in Pension gehe, bin ich fünfundsechzig. Man wird mir höflich danken, eine Torte, Kaffee, ein paar Bier vielleicht, und mich dann vergessen. Ich hätte ebenso gut nicht existieren können.

Ich will mich nicht beklagen. Ich habe nicht aufgepasst, das ist alles, und jetzt liegt das Berufsleben hinter mir. Die Arbeit war manchmal spektakulär, das Leben nicht. Ich habe die Verbrechen nicht begangen, ich habe sie untersucht. Das ist etwas ganz anderes. Und sogar das Untersuchen kam mir unwirklich vor. Es berührte mich nicht, ebenso wenig wie der Gegenstand der Untersuchung, scheint mir im Nachhinein. Ob das gut oder schlecht ist, das ist die Frage.

Dass ich dir lästig bin, ist jedoch offensichtlich. Warum hättest du mir sonst diesen Fall gegeben, diesen dreißig Jahre alten Mordfall, der damals zwar einiges Aufsehen erregt hat, aber jetzt niemanden mehr interessiert? Ich hatte noch ein paar Monate übrig, die sich auf diese Weise bequem füllen ließen. Ich klage nicht – ich klage nie –, und wenn du wieder daran denkst, in meine Richtung zu sehen, stellt sich heraus, dass ich schon weg bin. Nichts davon gemerkt. Er war ein guter Kollege, jedenfalls ein ruhiger. Ich nehme an, dass du mich nie erregt gesehen hast? Eine Laufbahn von über vierzig Jahren …

Eigentlich bin ich dir dankbar. Es war lehrreich. Ich werde dir meinen Befund erläutern, so unvollkommen er auch sein mag. Ob er zum Handeln anspornen wird, kann ich schwer einschätzen, aber ich nehme an, dass es kaum der Fall sein wird. Vieles ist verjährt.

In aller Eile noch eine Entschuldigung: die Zeiten. Vergangenheit und Gegenwart werden manchmal durcheinandergehen. Mord (lange her), Untersuchung (vor kurzem) und Schreiben (jetzt) sind schwer zu trennen für einen Amateur auf dem Gebiet der Zeit, wie ich es bin. Vielleicht wird sogar die Zukunft gelegentlich auftauchen.

Ich erlaube mir einige Begeisterung und schreibe. Den Anfang und den letzten Satz – nicht vorblättern! – habe ich schon. Was dazwischen stehen muss, ist die Wahrheit. Alles andere ist inakzeptabel. Mal sehen, wie weit wir kommen.

2  Beginn der Untersuchung | Die Witwe

Nicht nur lobte die Familie des Opfers damals eine Belohnung für den sogenannten heißen Tipp aus – eine großzügige Belohnung, denn es war eine reiche Familie –, auch der Fall selbst wurde drei Jahrzehnte später in gewissem Sinne zu einer Belohnung. »Über vierzig Jahre treue Dienste«, sagte der Kommissar, »ohne ein unangemessenes Wort, ohne eine einzige Verwarnung, das verdient eine Belohnung.«

Vielmehr ließ er es sagen, denn er war in einer Besprechung. Einer seiner Untergebenen, dessen Name und Rang mir gerade entfallen sind, überbrachte die Nachricht. »Du erinnerst dich bestimmt an den spektakulären Mühlenmord-Fall vor dreißig Jahren. Nie vollständig gelöst. An Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit, das schon, aber Sicherheit: nein. Der mutmaßliche Täter ist inzwischen verstorben, aber es nagt doch an jedem echten Polizisten, dass der Fall nie zufriedenstellend abgeschlossen wurde. Genau das Richtige für dich, findet der Kommissar. Du gehst bald in Pension, und das ist ein schöner Fall, ein großer, aber mit wenig Druck. Keine Eile, nicht zu viel Action, keine erstickende Verantwortung: schöne, altmodische, ruhige Spürarbeit. Du wirst alle deine Fähigkeiten noch einmal voll entfalten können, ohne die Anspannung, die uns allen manchmal zu viel wird.«

Ich nickte. Sie wollten mich also jetzt schon loswerden. Ich war teuer, nutzlos, ein Hindernis.

Und so befand ich mich nun in einer Aufholjagd. Ich hatte einen Rückstand von fast dreißig Jahren, aber ich machte mich auf den Weg, weniger aus Zuversicht als aus Pflichtgefühl. Ich würde zu einigen Notmaßnahmen greifen müssen, um echte Fortschritte zu verbuchen, ich würde Risiken eingehen, kürzere, aber ungebahnte Wege suchen, doch in gewissem Sinne gehörte das zur Arbeit. Dies war nicht anders, höchstens schwieriger, andererseits aber auch weniger dringend. Ich hatte Zeit, es wurde kein Erfolg erwartet – vielleicht nicht einmal gewünscht –, und ich konnte ohne Schuldgefühle ausführlich die Umgebung erkunden.

Zufällig – obwohl es in den letzten Jahren immer normaler wird – gibt es jetzt, da ich mit dem Mühlenmord beschäftigt bin, eine Reihe schwerer Fälle, die großes Interesse in den Medien hervorrufen. Mord, Vergewaltigung, Entführung, entflohene Gefangene, bewaffnet und gefährlich, Abrechnungen im sogenannten kriminellen Milieu, Anschläge: das Übliche, aber schlimmer als sonst. In der Dienststelle herrscht beachtliche Betriebsamkeit, alle rennen und schreien aufgeregt herum.

Ich sitze in meiner Ecke über einen Stapel alter Papiere gebeugt. Mein Telefon klingelt nie, klingelte auch früher selten, und wenn ich für einen Spaziergang in die Stadt gehe, brauche ich nicht um Erlaubnis zu fragen. Es fällt nicht einmal auf. Ich laufe ein bisschen herum, tue meine Pflicht, tue Dinge, die niemand außer mir selbst als meine Pflicht betrachten würde. Ich habe viel nachzuholen.

Die Stadt: ein Nest. Es ist dunkel, es wird endlich kühler, und ich laufe immer noch herum. Die Straßen sind verlassen. Ich habe die Hände in die Taschen gesteckt. Die Schultern hochgezogen, den Kopf auf Nachdenken eingestellt, sehe ich mich um. Die meisten Gardinen sind zugezogen, Kunstlicht rieselt hindurch. Jeder ist zu Hause und wärmt sich. Man denke sich die Bildschirme weg, mache offene Kamine daraus, und überall herrscht Geborgenheit. Mama starrt auf ihre Hände, Papa verprügelt die Kinder. Wärme.

Die Stadt ist ein Nest, in vielerlei Hinsicht. Man kann herausfallen oder aus Ängstlichkeit zu lange darin hocken bleiben. Aber auch in einem anderen Sinne stimmt das Bild: Die Stadt ist ein Brutnest, in dem langsam große, schreckliche Dinge entstehen. Wäre es strafbar, Pläne auszubrüten, wären die Gefängnisse noch voller als jetzt und die Wohnzimmer leer.

Nachdem ich alle Fakten zusammengetragen hatte, die ich in alten, verrosteten Aktenschränken und einem antiquierten Computer finden konnte, stattete ich als Erstes der Witwe des mutmaßlichen Mörders einen Besuch ab. Das tat ich, noch bevor ich den eindrucksvollen, ziemlich staubigen Stapel Papier ganz durchforstet hatte.

Vor dreißig Jahren war in einer Lokalzeitung – auch alle Presseberichte hatte ich gesammelt, und dieser lag ganz oben – ein ganzseitiges Interview mit ihr erschienen, mit einem Foto. Es war ein offensichtlicher Versuch, ihren Mann freizubekommen, aber sie schien nicht dumm zu sein. (Hässlich war sie bestimmt nicht.) Übrigens hatte der Versuch Erfolg: Ein paar Monate später wurde der Fall neu aufgerollt und ihr Mann aus Mangel an überzeugenden Beweisen freigelassen. Eine Blamage, an die ich mich gut erinnere und über die ich schon damals grinsen musste. Ihr Vorgänger hat ganz schön geschwitzt, Herr Kommissar. Seine gequälte Grimasse würde bei jedem Mitleid erwecken, der für so etwas anfällig ist. Niemand kam ihm zu Hilfe.

Zwar zweifelte kaum jemand daran, dass der Mann schuldig war. Alles deutete darauf hin. Aber ein Beweis ist etwas anderes, er hat unwiderlegbar zu sein und auf legale Weise erbracht zu werden, auch wenn der durchschnittliche Polizist – und der Polizist ist immer durchschnittlich, das ist er der Gesellschaft schuldig – das gern vergisst. Ich nenne ihn hier X. (Den Mörder, nicht den Polizisten.)

»Kennst du das«, fragte sie einmal, »du weißt, dass du etwas nicht tun darfst, aber du kannst es dir nicht verkneifen, musst es einfach tun? Du weißt: Wenn ich diesen Teller, diesen alten, kostbaren Teller zerschlage, der nicht mir gehört, der nicht meinetwegen so einen besonderen Platz in unserem Haus hat, dann bin ich zu weit gegangen. Denn es war ein vorsätzlicher Akt, um zu verletzen, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, aus Verzweiflung, aus Fatalismus, was auch immer. Das Einzige, was sicher ist: Es muss sein. Und danach ist alles anders.« Sie hob den Kopf und sah mich durchdringend an.

Ich nickte. Ich hatte keine Ahnung, was sie meinte. Es war bei einem meiner letzten Besuche. Ihre kühle Schweigsamkeit, so geheimnisvoll, so beunruhigend, war auf einmal verschwunden. Sie hatte sich verändert. Selbst an ihr ging die Zeit nicht vorüber.

Das kleine Zimmer glänzte im goldenen Herbstlicht, das durch die zugezogenen Gardinen drang und Streifen auf die Wand zeichnete. Der Spiegel, der auf die Tür geleimt war, leuchtete auf, als ich hinübersah. Es war warm. Es war schon seit Wochen warm.

Das nebenbei. Tagebucheintrag. Unwichtig.

»Wer sind Sie?«

Ich öffnete meine Brieftasche und holte das unverzichtbare Attribut heraus: meinen Dienstausweis.

»Oh«, sagte sie verdrießlich. »Warum?«

Sie war über sechzig, so wie ich, doch von der stillen Würde, die aus den dreißig Jahre alten Fotos, Erklärungen und Interviews sprach, hatte sie nicht das Geringste eingebüßt. Da war nicht nur Gleichgültigkeit, meinte ich zu bemerken. Die Würde hatte sich mit den Jahren eher vergrößert als verringert. Logisch: Der Körper baut ab, während der Mensch wächst. Ungerecht, aber logisch. Sie war auf eine ruhige, unauffällige Art immer noch schön, stellte ich fest. Das schwarze Kleid, das sie trug, stand ihr gut, das fiel sogar mir auf.

»Der Mühlenmord-Fall wird neu aufgerollt«, sagte ich unvermittelt.

Sie zog die Augenbrauen hoch. »Unmöglich.« Ein spöttisches Lächeln spielte um ihre Mundwinkel.

»Doch«, sagte ich. »Natürlich ist der Fall verjährt, aber es ist gut zu wissen, was tatsächlich geschehen ist.«

»Meinen Sie?« Sie überlegte kurz. »Vielleicht.«

Ich weiß immer noch nicht, was sie in diesem Moment von mir hielt, ob sie in mir einen alten, sonderbaren Polizisten sah, der sich in einen früheren Fall verbissen hat, jemanden, den man zu ihr geschickt hatte, um ihn loszuwerden oder um tatsächlich – aber warum? – einen verjährten Mordfall zu lösen, einen Feind oder jemanden, der ihr gewogen war. Vielleicht hatte sie gar keine Meinung, ob ich nun ein Postbote, ein Hausierer oder ein Müllmann gewesen wäre: Phänomene, manche störend, andere nützlich, mit denen man leben muss. Außerdem weiß ich nicht einmal, was ich selbst von mir hielt. Aber sie ließ mich herein, und wir sprachen lange miteinander.

3  Die alte Mühle | Neue Mühlen

Ich habe mich immer gefragt, wie es wohl ist, in der Zelle zu sitzen. Man könnte es berufsbedingte Neugier nennen – obwohl ich wenige meiner Kollegen dabei ertappt habe. Ich habe selbst überlegt, mich für ein paar Wochen einsperren zu lassen, wenn der ewige Zellenmangel es zugelassen hätte. Wie würde es mir ergehen? Würde ich durchhalten? Würde ich, wie es so schön heißt, mich selbst finden?

X. hat es erlebt. Ob zu Recht oder zu Unrecht eingesperrt, wahrscheinlich zu Recht. Er wurde freigelassen – wahrscheinlich zu Unrecht, obwohl hier eine kleine Betrachtung über Recht und Unrecht eingeschoben werden müsste, über Gesetz und Wirklichkeit, Gefühl und Verstand –, aber er hat immerhin ein halbes Jahr gesessen.

Schade ist nur, dass er etwas hatte, worüber er nachdenken konnte. Wenn er tatsächlich unschuldig war (an dem ihm zur Last Gelegten, meine ich, unschuldig im Allgemeinen geht zu weit), wird er sich über das Unrecht aufgeregt haben, zornig und frustriert gewesen sein, sich ohnmächtig gefühlt haben. Wenn er jedoch schuldig war, konnte er über sein Vergehen nachdenken, die Schultern zucken über die Gefängnisstrafe, weil er sie verdiente, oder trotzdem meinen, dass ihm Unrecht geschehen sei. Er konnte erwägen, Reue zu zeigen, aus aufrichtigem Bedauern oder aus Berechnung. Jedenfalls hatte er etwas, auf das er zumindest am Anfang seine Gedanken richten konnte.

Interessanter ist das Experiment, wenn der Inhaftierte ohne jeden Grund eingesperrt wird. Erzwungenes Einsiedlertum, unabhängig von Schuld oder Unschuld, Erniedrigung inklusive, denn ich gehe davon aus, dass der durchschnittliche Häftling von Wachpersonal und Schicksalsgenossen mit wenig Respekt behandelt wird. Der eine zerbricht, der andere gelangt zu tiefen Einsichten. Obwohl ich in beiden Fällen zögern würde, den Eingesperrten beim Wort zu nehmen. Jeder neigt dazu, etwas vorzutäuschen.

Wohlgemerkt: Ich beklage mich nicht. Ich hätte stark sein, ein tiefsinniger und gelehrter Mann werden können. Es ist einfach anders gelaufen. Nicht aufgepasst, Chancen ungenutzt verstreichen lassen, Feigheit, Bequemlichkeit, solche ganz normalen Dinge. Jetzt ist es zu spät, um noch etwas daran zu ändern.

Die alte Mühle liegt außerhalb der Stadt, auf der Flussseite, die in ausgedehnte, größtenteils ungenutzte Polder übergeht. Die Industriegebiete und Vorstädte, die die umliegenden Dörfer verschlucken, befinden sich auf der anderen Seite. In der Nähe der Mühle steht eine Reihe moderner, schneeweißer Windräder. Das alte Schöpfwerk, verwahrlost, einsam auf seiner ebenso verwahrlosten Weide, wird in Ruhe gelassen. Vielleicht ist der Boden ungeeignet, der Fluss zu nah, oder es ist einfach eine Frage von Gemeinde- und Provinzgrenzen – jedenfalls ist alles noch so, wie es vor dreißig, fünfzig, sechzig Jahren war. Wann genau die Mühle außer Betrieb genommen wurde, weiß ich nicht. Warum nie eine andere Nutzung für sie gefunden wurde, ist ebenso wenig bekannt.

Eine offizielle Nutzung, muss ich dazu sagen, denn genutzt wird das Gebäude. Seit ich mich erinnern kann, dient die Mühle als Begegnungsstätte für Liebespaare. Praktisch denkende Verliebte hatten sogar kleine Zimmer geschaffen, indem sie provisorische Trennwände errichtet hatten, die überwiegend heute noch stehen, seien sie auch beschädigt oder beschmiert. In meiner Jugend – habe ich mir sagen lassen – waren an manchen sommerlichen Samstagabenden alle Zimmer gleichzeitig belegt.

Wie viel Betrieb jetzt in der Mühle herrscht, weiß ich nicht. Es war früh am Morgen, als ich hinging, eher eine Zeit für häusliche als für heimliche Liebe.

Selbstverständlich erwartete ich nicht, nach dreißig Jahren noch irgendwelche neuen Indizien zu finden. Wenn wir damals Spuren übersehen haben sollten, wären sie inzwischen verschwunden, verwischt oder von neuen Spuren verdeckt (die von ganz anderen, nicht unbedingt strafbaren Taten stammten).

Ich wollte einfach die Lage in Augenschein nehmen, nicht mehr. Aber zu meiner großen Überraschung fand ich doch noch Spuren. Darüber hinaus erhielt ich den Beweis, dass die Mühle immer noch in Betrieb ist, sogar an einem Vormittag mitten in der Woche.

In äußerster Verwirrung trat ich den Heimweg an. Ich fühlte mich auf seltsame Weise ertappt, obwohl ich doch derjenige war, der jemanden ertappt hatte. Vielleicht traf beides zu. Dann hatte ich mich selbst ertappt, wenn Sie verstehen, was ich meine. Aber wobei?

Jedenfalls war dies ein weiterer Beweis dafür, dass das Leben weitergeht. Es wartet auf niemanden. Ein Schnellzug. Wenige Stationen.

Die Einzelheiten folgen. Aus irgendeinem Grund, den ich hier nicht länger herauszufinden versuche, fällt es mir schwer, darüber zu schreiben.

Nein, ich nenne sie jetzt. Ich könnte sie sonst vergessen, und Sie könnten denken, dass ich sie nur zurückhalte, um Spannung zu erzeugen. Das stimmt nicht. Ich konnte Spannung nie ausstehen, in Büchern und Filmen ebenso wenig wie im täglichen Leben. Mein Ziel war immer, Spannung aus dem Weg zu gehen. Meistens ist es mir gelungen.

Es ist besser, alles zu wissen, alles kommen zu sehen. Das Risiko, trotzdem nicht angemessen zu reagieren, ist immer noch groß genug.

Warum ich dann Polizist geworden bin? Keine Ahnung. Ich muss ehrlich sein. Dieser Bericht muss zuverlässig sein, selbst wenn er lügt. Womit ich meine, dass ich nicht lügen oder auch nur schweigen werde, um mich selbst besser darzustellen, als ich bin. Jeder Schriftsteller, selbst ein Anfänger wie ich, weiß: Jede Lüge ist gut gemeint. Sonst wird sie gestrichen.

Ein klarer Morgen. Spätsommer. Die Kälte, die von der Nacht übrig geblieben war, verbarg sich im hohen Gras, würde aber bald weichen müssen. Darüber begann es schon warm zu werden. Nebel bedeckte das Land wie eine Wattedecke.

Als ich zurückging, merkte ich, dass es einen Weg gab, große Trittsteine, die vielleicht von demselben praktischen, ziemlich unromantischen Geist hingelegt worden waren, der die hölzernen Trennwände in der Mühle errichtet hatte. Ich war abseits durch das nasse Gras gegangen, fröstelnd, ab und zu hustend von den Resten einer Erkältung, die mir auf die verschlissenen Luftwege schlugen. Es war nicht weit, ein paar hundert Meter. Der Fluss macht an dieser Stelle eine sanfte Biegung. Der Deich und der Weg folgen ihm, sodass ein Stück Land übrig bleibt, einst mit viel Mühe dem Wasser abgetrotzt, jetzt ungenutzt. In der Mitte steht die Mühle, Überbleibsel einer Zeit, in der die Dinge anders lagen. Die Stadt braucht den Fluss nicht mehr, hat sich von ihm abgewandt.