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Siddhartha Mukherjee

DER KÖNIG
ALLER KRANKHEITEN

Krebs – eine Biografie

Aus dem Englischen von Barbara Schaden
Mit einem Vorwort von Fritz Pleitgen

 

Für Robert Sandler (1945–1948)
und alle vor ihm und nach ihm.

Krankheit ist die Nachtseite des Lebens,1 eine eher lästige Staatsbürgerschaft. Jeder, der geboren wird, besitzt zwei Staatsbürgerschaften, eine im Reich der Gesunden und eine im Reich der Kranken. Und wenn wir alle es auch vorziehen, nur den guten Ruf zu benutzen, ist früher oder später doch jeder von uns gezwungen, wenigstens für eine Weile, sich als Bürger jenes anderen Ortes auszuweisen.
 
Susan Sontag, Krankheit als Metapher

Im Jahr 2010 starben rund sechshunderttausend Amerikaner und mehr als 7 Millionen Menschen weltweit an Krebs. In den Vereinigten Staaten erkrankt jede dritte Frau und jeder zweite Mann an Krebs. Ein Viertel aller Todesfälle in den USA und etwa fünfzehn Prozent aller Todesfälle weltweit gehen auf Krebs zurück. In einigen Ländern ist Krebs bereits die häufigste Todesursache und steht damit noch vor den Herzerkrankungen.

VORWORT

Krebs ist die Krankheit, vor der wir uns am meisten fürchten. Aus Angst vor der Diagnose »Krebs« lassen wir wertvolle Zeit verstreichen, statt uns regelmäßig untersuchen zu lassen. Selbst umsichtige und couragierte Menschen neigen dazu, und nicht wenige zahlen für diese Nachlässigkeit mit elendem Sterben. Bekannte und Freunde habe ich dadurch verloren. Ihr Tod bekümmerte mich umso mehr, wenn ich hörte, dass sie noch leben könnten, wenn sie rechtzeitig zum Arzt gegangen wären. Dabei war ich keinen Deut besser.

Gerettet hat mich Ronald Reagan. Der amerikanische Präsident erkrankte an Darmkrebs. Damals war ich Korrespondent in Washington. Nach geglückter Operation ermahnte Reagan seine Landsleute, sich nicht vor frühzeitiger Untersuchung zu drücken. Daraufhin rannte halb Amerika los. Ich auch. Bei der Darmspiegelung wurde eine Reihe von Tumoren entdeckt. Noch waren sie gutartig. Die rechtzeitige Entfernung hat mich vor Schlimmem bewahrt.

Seitdem weiß ich, verdrängen hilft nicht. Wer sich gegen den Krebs wappnen will, darf nicht in der Defensive bleiben, sondern muss offensiv Aufklärung und Information suchen. Die Deutsche Krebshilfe bietet zu dem komplexen Thema viele hilfreiche Schriften und auch mündlichen Rat an. Doch es gibt weit mehr. Jedes Jahr erscheinen Abertausende von Fachveröffentlichungen. Erstklassige Werke von renommierten Medizinern und Forschern sind auf dem Markt. Aber alle werden von einem Buch in den Schatten gestellt: von Siddhartha Mukherjees Der König aller Krankheiten: Krebs – eine Biografie.

Warum komme ich zu diesem schwärmerischen Urteil? Ganz einfach. Dieses Buch ist brillant geschrieben, und es offenbart eine enorme medizinisch-wissenschaftliche, historische und kulturelle Wissensfülle, die Vertrauen schafft. Angesichts der tiefen Bildung, die das Buch von der ersten bis zur letzten Seite durchzieht, wähnte ich den Autor im reifen Alter. Zu meiner Überraschung entdeckte ich, dass Siddhartha Mukherjee knapp 40 Jahre alt war, als er sein großes Werk vollendete. Als es unter dem Titel The Emperor of All Maladies: A Biography of Cancer Ende 2010 in den USA erschien, fand es sofort große Beachtung. Von mehreren Institutionen, darunter der New York Times – sie ist immer noch die beste Zeitung der Welt –, wurde es als eines der zehn herausragendsten Bücher des Jahres ausgezeichnet.

Im Frühjahr 2011 folgte der Pulitzer-Preis. Dass ein Krebsforscher und Onkologe auf Anhieb in die Sphären von Reporterlegenden vorstößt, finde ich unverhohlen mehr als erstaunlich. In Indien geboren, hat Siddhartha Mukherjee an Universitäten wie Harvard und Stanford eine exzellente Spezial- und Allgemeinausbildung erhalten. Sein gegenwärtiger Arbeitsplatz am Columbia University Medical Center in New York ist ebenfalls eine erstklassige Adresse. Angesichts dieser Voraussetzungen kommen der elegante Schreibstil (von Barbara Schaden mit viel Sprachgefühl ins Deutsche übertragen!) und die inhaltliche Substanz nicht von ungefähr.

Als ich die amerikanische Ausgabe zum ersten Mal in den Händen hielt, glaubte ich mich als Laie überfordert, die Lesetour durch die 570 Seiten zu wagen. Doch die ersten Zeilen belehrten mich eines Besseren. Dieses Buch ist für jedermann geschrieben – insbesondere für Patienten, aber auch für Ärzte und Wissenschaftler. Für uns Journalisten ist es eine wahre Fundgrube. Als mir der Verlag die deutsche Übersetzung mailte, bin ich gleich die ganze Nacht drangeblieben.

In gekonnter Reportermanier führt uns Siddhartha Mukherjee durch die Geschichte des Krebses. Ich hatte Krebs für eine »moderne Krankheit« gehalten. Weit gefehlt! Wie aus einer ramponierten, von einem amerikanischen Antikenhändler erworbenen Papyrusrolle hervorgeht, wurde die Krankheit bereits Mitte des dritten Jahrtausends vor Christi Geburt vom ägyptischen Arzt Imhotep beschrieben, und zwar als unheilbar. So geht es durch die Jahrhunderte. Mit verblüffenden Erkenntnissen!

Der Autor schlägt einen großen Bogen über den seit 4500 Jahren dauernden Kampf gegen den Krebs. Im Mittelpunkt stehen dabei – das macht das Buch so spannend – Geschichten von Ärzten und Forschern, aber vor allem auch Schicksale von Patienten, von der Vorschullehrerin Carla Reed bis hin zur Psychologin Germaine Berne: »Die Geschichte des Krebses ist nicht die Geschichte von Ärzten«, schreibt Mukherjee, »sie ist die Geschichte der Patienten, die kämpfen und überleben und von einem Aufbäumen der Krankheit zum nächsten ziehen. Widerstandskraft, Erfindungsreichtum und Überlebensfähigkeit: Diese Eigenschaften, die häufig großen Ärzten zugeschrieben werden, sind in Wahrheit gespiegelte Eigenschaften; zuerst bringen die Patienten sie auf, die mit der Krankheit kämpfen, und danach erst jene, die sie behandeln.«

Für Siddhartha Mukherjee ist der Kampf gegen den Krebs eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Als Vorbild nennt er Mary Lasker. Die einflussreiche, wohlhabende, ehrgeizige New Yorkerin ging Anfang der 1940er Jahre mit der Idee an die Öffentlichkeit, »dass sich die Landschaft der medizinischen Forschung in Amerika mithilfe politischer Lobbyarbeit und Beschaffung von Geldmitteln in beispiellosem Maßstab umgestalten« lässt. »Wenn eine Zahnpasta einen Werbeetat von zwei oder drei oder vier Millionen Dollar im Jahr wert ist«, überlegte Mary Lasker, »dann hat Forschung, die das Ziel hat, verstümmelnde oder entstellende Krankheiten in den USA und in aller Welt zu bekämpfen, Hunderte Millionen Dollar verdient.« Die »gute Fee« der amerikanischen Krebsforschung sollte 30 Jahre später mit Mildred Scheel eine Entsprechung in Deutschland finden.

Als Journalist hatte ich das Privileg, Mildred Scheel persönlich kennenzulernen, als Ehefrau des damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel und vor allem als engagierte Kämpferin gegen den Krebs. Mit großem Einsatz und unglaublicher Energie setzte sie sich dafür ein, den Menschen die ängstliche Sprachlosigkeit zu nehmen und die Behandlung von Krebskranken zu humanisieren. Den Betroffenen und ihren Angehörigen zu helfen war Mildred Scheel das wichtigste Anliegen, als sie am 25. September 1974 die Deutsche Krebshilfe gründete. Über die Jahre ist daraus eine wirkungsvolle Volksbewegung im Kampf gegen den Krebs geworden, in die sich die besten Mediziner und Forscher unentgeltlich einbringen.

Krebs ist heute besser therapierbar als allgemein bekannt. In Deutschland wird die Hälfte der an Krebs erkrankten Menschen dauerhaft geheilt. Das ist die gute Nachricht. Aber Krebs ist nicht zuletzt eine Alterskrankheit. Und da die Menschen immer älter werden, steigt auch die  Zahl der jährlichen Neuerkrankungen bei uns von 450 000 heute auf 600 000 im Jahr 2050. Gegen diese Entwicklung empfiehlt uns Siddhartha Mukherjee einfache Maßnahmen: gesunde Ernährung, viel Bewegung, Nichtrauchen, Vermeidung von Übergewicht und übermäßigem Sonnenbaden. Dies ist auch der dringende Rat unserer Krebsspezialisten. Dadurch ließe sich das Risiko, an Krebs zu erkranken, drastisch senken.

Siddhartha Mukherjee weckt keine falschen Hoffnungen, aber seine Offenheit ist ermutigend. Nicht die Überwindung des Todes sei das Ziel, sondern die Verlängerung des Lebens, schreibt er.  An anderer Stelle zitiert er den Wahlspruch eines berühmten britischen Forschers: »Tod im Alter ist unvermeidlich, aber Tod vor dem Alter nicht.«

Immer wieder bringt der Autor seinen Respekt vor den Patienten zum Ausdruck. In einem Interview sagt er: »Sie haben ihr Leben geopfert, damit wir diese Erkrankung besser verstehen lernen. Das kann bedeuten, Krebs kulturell zu verstehen; es kann bedeuten, seine gesellschaftliche Dimension zu begreifen oder an klinischen Studien teilzunehmen. Es kann auch bedeuten, Präventionsmaßnahmen voranzubringen. Wir müssen dafür sorgen, dass diese Anstrengungen nicht umsonst waren. Das ist eine der Kernaussagen meines Buches.«

An einem Abend gegen Ende seiner Ausbildung sitzt Siddhartha Mukherjee noch lange allein im Besprechungsraum des Krankenhauses und erinnert sich an Namen und Gesichter seiner Patienten. Er fragt sich: »Wie kann man einem Patienten ein Denkmal setzen?« Ich würde ihm sagen: »Mit diesem Buch!«

 

Fritz Pleitgen

Präsident der Deutschen Krebshilfe e. V.

VORBEMERKUNG

Dieses Buch erzählt die Geschichte des Krebses. Es ist die Chronik einer uralten, einst geheim gehaltenen und nur hinter vorgehaltener Hand erwähnten Krankheit, die sich in ein todbringendes, dauernd seine Form veränderndes Wesen verwandelt hat und in medizinischer, wissenschaftlicher und politischer Hinsicht und nicht zuletzt in ihrer Metaphorik derart bestimmend und alles durchdringend ist, dass Krebs häufig als die Krankheit unserer Generation gilt. Dieses Buch ist im wahrsten Sinne des Wortes eine »Biografie« – ein Versuch, in den Geist dieser unsterblichen Krankheit einzudringen, ihre Persönlichkeit zu verstehen, ihr Verhalten zu entmystifizieren. Letztlich aber geht es mir um eine Frage, die über das rein Biografische hinausreicht: Ist irgendwann in der Zukunft ein Ende des Krebses vorstellbar? Wird es möglich sein, diese Krankheit aus unserem Körper und unserer Gesellschaft endgültig auszumerzen?

Krebs ist nicht eine Krankheit, sondern viele Krankheiten. Wir sprechen kollektiv von »Krebs«, weil allen diesen Krankheiten ein Wesensmerkmal gemeinsam ist: das abnorme Wachstum von Zellen. Und über die biologischen Gemeinsamkeiten hinaus sind die verschiedenen Erscheinungsformen von Krebs von einschneidenden kulturellen und politischen Themen durchdrungen, weshalb es gerechtfertigt scheint, vereinheitlichend über »Krebs« zu schreiben. Da wir uns nicht mit den Geschichten jeder einzelnen Krebsvariante beschäftigen können, habe ich mich bemüht, die großen Themenbereiche herauszuarbeiten, die sich durch diese viertausendjährige Geschichte ziehen.

Dieses Vorhaben, das natürlich gewaltig ist, begann als ein viel bescheideneres Projekt: Im Sommer 2003, als fertiger Facharzt und mit eben abgeschlossener Dissertation auf dem Gebiet der Krebsimmunologie, begann ich mit einer Intensivfortbildung in Krebstherapie (medizinischer Onkologie) am Dana-Farber-Krebsinstitut und am Massachusetts General Hospital in Boston. Ursprünglich hatte ich einen Bericht über dieses Jahr schreiben wollen, sozusagen einen Bericht aus dem Schützengraben der Krebstherapie. Aber das Vorhaben wuchs sich rasch zu einer weitaus umfassenderen Forschungsreise aus, die mich nicht nur in die Tiefen der Wissenschaft und der Medizin, sondern auch in Kultur, Geschichte, Literatur und Politik, in die Vergangenheit und in die Zukunft des Krebses führte.

Im Epizentrum dieser Geschichte stehen zwei Personen – sie lebten zur selben Zeit, waren beide Idealisten, beide Kinder des gewaltigen Aufschwungs von Wissenschaft und Technik nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in den USA, und beide wurden vom Sog eines leidenschaftlichen, ja regelrecht besessenen Strebens mitgerissen: Sie wollten die Nation zum »Krieg gegen den Krebs« aufrütteln. Das ist zum einen Sidney Farber, der Vater der modernen Chemotherapie, der in einem Vitaminanalogon zufällig eine wirkungsvolle chemische Substanz zur Krebsbekämpfung entdeckte und von einem universalen Heilmittel gegen den Krebs zu träumen begann. Und das ist zum anderen Mary Lasker, eine einflussreiche Dame der feinen Manhattaner Gesellschaft, deren soziales und politisches Engagement legendär war: Sie schloss sich Farbers jahrzehntelanger Reise an. Aber Lasker und Farber sind nur zwei Beispiele für die Entschlossenheit, die Vorstellungskraft, den Erfindungsreichtum und Optimismus der Generationen von Männern und Frauen, die seit viertausend Jahren gegen den Krebs kämpfen. In gewisser Weise ist dies die Geschichte eines Kriegs – gegen einen Gegner, der gestaltlos, zeitlos und allgegenwärtig ist. Auch hier gibt es Siege und Niederlagen, Feldzüge über Feldzüge, Helden und Hybris, Überleben und Widerstand – und, zwangsläufig, die Verwundeten, die Verurteilten, die Vergessenen, die Toten. Letztlich erscheint Krebs tatsächlich, wie im neunzehnten Jahrhundert ein Chirurg im Vorwort zu einem Buch schrieb, als »der König aller Krankheiten«.

Ein Haftungsausschluss vorweg: In der Wissenschaft und der Medizin, wo der Vorrang einer ersten Entdeckung größte Bedeutung hat, wird das Gütesiegel des Erfinders oder Entdeckers von einer Gemeinschaft von Wissenschaftlern und Forschern vergeben. In diesem Buch stehen zwar viele Geschichten von Entdeckungen und Erfindungen, aber einen rechtlichen Anspruch auf Vorrang begründet keine.

Diese Arbeit steht auf fremden Schultern: Sie stützt sich auf andere Bücher, Studien, medizinische Fachzeitschriften, Erinnerungen, Interviews; sie stützt sich auf zahlreiche Beiträge von Gesprächspartnern, auf Bibliotheken, Sammlungen, Archive und Aufsätze. Sämtliche Quellen, die hier benutzt wurden, und die Personen, denen ich zu danken habe, sind am Ende des Buches aufgeführt.

Ein Dank aber kann nicht bis zum Ende warten. Dieses Buch ist nicht nur eine Reise in die Vergangenheit des Krebses, sondern auch eine persönliche Reise – meine Entwicklung zum Onkologen. Sie wäre unmöglich gewesen ohne die Patienten, von denen ich mehr gelernt habe und lerne als von allen anderen. In ihrer Schuld stehe ich für immer.

Diese Schuld verpflichtet. Es versteht sich von selbst, dass bei den Geschichten, die in diesem Buch erzählt werden, die Privatsphäre und Würde der Betroffenen gewahrt bleibt. Nur in Fällen, in denen die Erkrankung ohnehin öffentlich bekannt war (etwa durch frühere Interviews oder Artikel), nenne ich echte Namen. In Fällen aber, von denen die Öffentlichkeit nichts weiß, oder wenn meine Gesprächspartner um Diskretion baten, habe ich falsche Namen verwendet und Daten und Identitäten absichtlich durcheinandergebracht, um etwaige Anhaltspunkte oder Hinweise zu verschleiern. Dennoch sind es echte Patienten und wahre Begegnungen, und ich bitte alle meine Leser, Identitäten und Grenzen zu respektieren.

DER KÖNIG
ALLER KRANKHEITEN

PROLOG

Wenn die Krankheit verzweifelt ist,1
kann ein verzweifelt Mittel
Nur helfen, oder keins.

William Shakespeare, Hamlet
 
 

Krebs beginnt und endet mit dem Menschen.2
Diese eine elementare Tatsache wird bei aller
wissenschaftlichen Abstraktion zuweilen vergessen …
Ärzte behandeln Krankheiten, aber sie behandeln
auch Menschen, und diese Grundgegebenheit
ihrer beruflichen Existenz zieht sie manchmal
gleichzeitig in entgegengesetzte Richtungen.

June Goodfield

 

Am Morgen des 19. Mai 2004 wachte Carla Reed, eine dreißigjährige Vorschullehrerin aus Ipswich, Massachusetts, und Mutter dreier kleiner Kinder, mit Kopfschmerzen auf. »Das war nicht irgendein Kopfweh«, erinnerte sie sich später, »sondern ein betäubender Schmerz. Ein Gefühl, das einem auf der Stelle sagt, dass irgendwas ganz und gar nicht stimmt.«

Schon seit fast einem Monat stimmte etwas nicht mehr. Ende April hatte Carla blaue Flecken auf dem Rücken entdeckt. Sie waren eines Morgens plötzlich da, wie seltsame Stigmata, waren größer geworden und im Verlauf der nächsten Wochen allmählich wieder verblasst, hatten aber Spuren auf der Haut zurückgelassen, die an eine Landkarte erinnerten. Zuerst kaum bemerkt, war ihr Zahnfleisch allmählich heller und schließlich fast weiß geworden. Anfang Mai kam Carla, bis dahin eine lebenslustige, energiegeladene Frau, die es gewohnt war, stundenlang mit Fünf- und Sechsjährigen herumzutollen, kaum noch eine Treppe hinauf. An manchen Tagen konnte sie vor Erschöpfung morgens nicht aufstehen und kroch auf allen vieren durch den Flur von einem Zimmer ins andere. Sie schlief unruhig, zwölf bis vierzehn Stunden, war aber nach dem Aufwachen so erschlagen, dass sie sich zwischendurch immer wieder aufs Sofa legen musste, wo sie wieder einschlief.

Carla war in diesen vier Wochen in Begleitung ihres Mannes zwei Mal bei einer Allgemeinärztin und einer Krankenschwester gewesen, aber nie wurden irgendwelche weiterführenden Untersuchungen gemacht, nie eine Diagnose gestellt. In ihren Knochen traten geisterhafte Schmerzen auf und verschwanden wieder. Die Ärztin hatte keine rechte Erklärung dafür. Vielleicht Migräne, meinte sie und riet Carla zu Aspirin. Vom Aspirin fing Carlas weißes Zahnfleisch zu bluten an.

Die extrovertierte, gesellige und impulsive Carla fand diese Krankheit, die kam und ging, eher erstaunlich als beunruhigend. Sie war ihr Leben lang nie ernsthaft krank gewesen. Das Krankenhaus war ein abstrakter Ort für sie, nie hatte sie einen Facharzt aufgesucht, geschweige denn einen Onkologen. Als Erklärung ihrer Symptome malte sie sich die verschiedensten Ursachen aus – Überarbeitung, Depression, Verdauungsstörungen, Schlafstörungen. Aber irgendein Instinkt in ihr, eine Art sechster Sinn, sagte ihr schließlich, dass sich in ihrem Körper etwas Akutes und Katastrophales zusammenbraute.

Am Nachmittag des 19. Mai ließ Carla ihre drei Kinder in der Obhut einer Nachbarin zurück und fuhr noch einmal in die Praxis, und diesmal bestand sie auf einer Blutuntersuchung. Die Ärztin ordnete also ein Blutbild an. Als der Assistent das Blut abnahm, stutzte er: Das Blut, das aus Carlas Vene kam, war wässrig, blass und wirkte irgendwie verdünnt – es hatte wenig Ähnlichkeit mit normalem Blut.

Carla wartete auf das Ergebnis der Untersuchung, doch an diesem Tag hörte sie nichts mehr. Am nächsten Morgen fuhr sie zum Fischmarkt, und dort erhielt sie einen Anruf.

»Wir müssen Ihnen noch mal Blut abnehmen«, sagte die Sprechstundenhilfe ihrer Ärztin.

»Wann soll ich denn vorbeikommen?«, fragte Carla, in Gedanken schon hektisch bei der Organisation des Tages. Sie weiß noch, dass sie in dem Moment auf die Uhr an der Wand blickte. In ihrem Korb lag ein halbes Pfund Lachsfilet, das zu verderben drohte, wenn es nicht bald in den Kühlschrank käme.

Es sind Banalitäten, aus denen sich Carlas Erinnerungen an ihre Diagnose zusammensetzen: die Wanduhr, die Fahrgemeinschaft, die Kinder, ein Röhrchen blasses Blut, eine verpasste Dusche, der Fisch in der Sonne, der alarmierte Tonfall der Stimme am Telefon. Was sie sagte, weiß Carla gar nicht mehr genau, nur der Tonfall ist ihr im Gedächtnis geblieben: »Kommen Sie sofort«, meint sie gehört zu haben, »kommen Sie sofort.«

Ich erfuhr von Carlas Krankheit am 21. Mai um sieben Uhr morgens in der U-Bahn zwischen Kendall Square und Charles Street in Boston. Der Satz, der auf meinem Piepser flackerte, hatte das Stakkato und die ausdruckslose Wucht eines echten medizinischen Notfalls: Carla Reed/neuer Leukämiefall/14. Stock/ bitte sofort aufsuchen, wenn Sie da sind. Als die Bahn aus dem langen dunklen Tunnel herauskam, standen die gläsernen Türme des Massachusetts General Hospital vor mir, und ich konnte die Fenster im vierzehnten Stock sehen.

Carla, stellte ich mir vor, saß jetzt allein in einem dieser Krankenzimmer, entsetzlich allein. Draußen auf der Station hatte die übliche Betriebsamkeit eingesetzt, Röhrchen mit Blut wurden in die Labors im zweiten Stock geschickt, Krankenschwestern und Pfleger eilten mit Blutproben hin und her, Assistenzärzte sammelten Daten für die Morgenbesprechung, Alarmsignale piepten, Berichte wurden gefaxt. Irgendwo in den Tiefen des Krankenhauses wurde ein Mikroskop angeknipst, und unter der Linse zeigten sich die Blutkörperchen in Carlas Blut.

Dass es so ablief, kann ich deshalb mit ziemlicher Sicherheit sagen, weil es, von der Krebsstation ganz oben bis hinunter in den Keller, wo die klinischen Labore sind, immer das ganze Krankenhaus kalt überläuft, wenn ein Patient mit akuter Leukämie eintrifft. Leukämie ist Krebs der weißen Blutkörperchen – Krebs in einer seiner explosivsten und aggressivsten Formen. Eine der Schwestern auf der Station pflegte ihren Patienten zu sagen, dass bei dieser Krankheit »schon ein Schnitt mit einem Blatt Papier ein Notfall« ist.

Für einen angehenden Onkologen ist Leukämie ebenfalls eine besondere Form von Krebs. Sein rasches Fortschreiten, seine Dramatik, sein atemberaubendes, unerbittliches Wachstum erfordern oft drastische Entscheidungen; es ist furchterregend, unter Leukämie zu leiden, furchterregend, sie zu beobachten, und furchterregend, sie behandeln zu müssen. Der von ihr befallene Körper gerät an seine fragile physiologische Grenze – sämtliche Organe und Systeme, Herz, Lunge, Blut, arbeiten hart am Rand ihrer Leistungsfähigkeit. Die Schwestern setzten mich rasch in Kenntnis: Die Blutuntersuchung bei Carlas Hausärztin hatte eine kritisch geringe Anzahl roter Blutkörperchen ergeben, weniger als ein Drittel des Normalwerts. Und statt gesunder Leukozyten enthielt ihr Blut Millionen großer, bösartiger weißer Blutkörperchen – Blasten, wie sie in der Fachsprache heißen. Als die Hausärztin endlich auf die richtige Diagnose gestoßen war, hatte sie ihre Patientin ins Massachusetts General Hospital eingewiesen.

Auf dem langen kahlen Gang vor Carlas Zimmer, im antiseptischen Glanz des mit Chlorbleiche gewischten Bodens, ging ich hastig die Liste der Laboruntersuchungen durch, die nun durchgeführt werden mussten, und probte im Geist das Gespräch, das ich mit Carla würde führen müssen. Selbst mein Mitgefühl, erkannte ich mit schlechtem Gewissen, hatte etwas Eingeübtes und Automatisches. Ich war im zehnten Monat meiner Fortbildung in Onkologie, eines intensiven zweijährigen klinischen Programms, mit dem Krebsspezialisten ausgebildet werden, und ich hatte das Gefühl, am tiefsten Punkt angelangt zu sein. In diesen zehn unbeschreiblich bedrückenden und schwierigen Monaten waren mir Dutzende Patienten gestorben, und ich fürchtete, allmählich abzustumpfen gegen den Tod und die Trostlosigkeit – als hätte mich die dauernde emotionale Belastung immunisiert.

An diesem Krankenhaus waren wir insgesamt sieben junge Ärzte, die an dem Ausbildungsprogramm teilnahmen. Auf dem Papier hatten wir Eindrucksvolles vorzuweisen: Abschlusszeugnisse der medizinischen Fakultäten von fünf verschiedenen Universitäten und von vier Universitätskrankenhäusern, insgesamt sechsundsechzig Jahre medizinischer und wissenschaftlicher Ausbildung, zwölf Doktorate. Nichts davon hatte uns auch nur im Entferntesten auf diese Ausbildung vorbereitet. Medizinstudium, diverse Assistenzzeiten, Facharztausbildung waren physisch und emotional zermürbend gewesen, aber die ersten Monate dieses Ausbildungsprogramms in der Onkologie ließen die Erinnerungen daran verblassen, als sei alles Frühere ein Kinderspiel gewesen, der Kindergarten unserer Ausbildung.

Krebs bestimmte unser ganzes Leben. Er drang in unser Denken ein, er besetzte unsere Erinnerungen, er schlich sich in jedes Gespräch, jede Überlegung ein. Und wenn schon wir als Ärzte uns vom Krebs vereinnahmt fühlten, hatten unsere Patienten den Eindruck, dass die Krankheit ihr Leben regelrecht auslöschte. In Alexander Solschenizyns Roman3 Krebsstation entdeckt Pawel Nikolajewitsch Rusanow, ein noch junger Mann Mitte vierzig, eine Geschwulst am Hals und wird sofort in die Krebsstation irgendeiner namenlosen Klinik im kalten Norden des Landes eingewiesen. Die Diagnose Krebs – nicht die Krankheit als solche, sondern das bloße Stigma – wird für Rusanow zum Todesurteil. Die Krankheit nimmt ihm seine Identität. Sie steckt ihn in einen Patientenkittel (ein tragikomisches, grausames Kostüm, nicht weniger entwürdigend als Gefängniskleidung) und übernimmt die absolute Kontrolle über alles, was er tut. Die Diagnose Krebs, muss Rusanow erfahren, bedeutet die Inhaftierung in einem grenzenlosen Medizin-Gulag, einem Staat, der noch aggressiver und lähmender ist als der, aus dem er kommt. (Solschenizyn mochte diese absurd totalitäre Krebsklinik als Parallele zu dem absurd totalitären Staat draußen verstanden haben, aber als ich einmal eine Frau mit invasivem Gebärmutterhalskrebs auf diese Parallele ansprach, sagte sie sarkastisch: »Ich habe leider keine Metaphern gebraucht, um dieses Buch zu lesen. Die Krebsstation war wirklich mein Gefängnis, mein totalitäres Regime.«)

Als Arzt, der den Umgang mit Krebspatienten lernt, bekam ich diese Gefangenschaft nur am Rande zu spüren. Aber selbst an der Peripherie war ich mir seiner Macht bewusst – der gespannten, beharrlichen Anziehungskraft, die alles und jeden in den Bannkreis des Krebses zieht. Ein Kollege, der das Ausbildungsprogramm eben abgeschlossen hatte, nahm mich während meiner ersten Woche beiseite, um mir einen Rat zu geben. »Was wir hier tun, nennt sich Immersivausbildung«, sagte er mit gesenkter Stimme. »Man lernt, indem man in die Praxis eintaucht. Leider meint ›eintauchen‹ in Wirklichkeit ›untertauchen‹. Sieh zu, dass du nicht ertrinkst. Lass dich nicht vollständig vereinnahmen, hab auch noch ein Leben außerhalb der Klinik. Du wirst es brauchen, sonst verschlingt es dich.«

Aber es war unmöglich, sich nicht vollständig vereinnahmen zu lassen. Auf dem Parkplatz der Klinik, einer kalten, mit Flutlicht ausgeleuchteten Betonfläche, saß ich spätabends, nach der letzten Visite, wie betäubt in meinem Auto und versuchte Ordnung in meine Gedanken zu bringen; das Radio blubberte unbeachtet vor sich hin, während ich mich zwanghaft bemühte, die Ereignisse des Tages zu rekapitulieren. Die Geschichten meiner Patienten gingen mir an die Nieren, die Entscheidungen, die ich getroffen hatte, verfolgten mich. War es sinnvoll, einem sechsundsechzigjährigen Apotheker mit Lungenkrebs, bei dem alle anderen Therapieversuche versagt hatten, noch einmal zu einer Chemotherapie zu raten? War es besser, eine sechsundzwanzigjährige Frau mit Hodgkin-Lymphom mit einer bewährten, wirksamen Medikamentenkombination zu behandeln und damit das Risiko einzugehen, dass sie unfruchtbar wurde, oder sollte man lieber eine Kombination wählen, die kaum erprobt war, aber ihre Fruchtbarkeit vielleicht erhielt? Sollte eine spanischsprachige Mutter dreier Kinder, die an Darmkrebs litt, in eine neue klinische Studie aufgenommen werden, auch wenn sie kaum die formale und verklausulierte Sprache der Einwilligungserklärung verstand?

»Eingetaucht« in die Klinikroutine und den alltäglichen Umgang mit Krebs, konnte ich die Leben und die Schicksale meiner Patienten nur in grellbunten Details sehen, wie in einem Fernseher mit übersteuertem Kontrast. Ich konnte keinen Schritt zurücktreten, um die größeren Zusammenhänge zu erkennen. Instinktiv war mir bewusst, dass das, was ich erlebte, Teil eines viel umfassenderen Kampfes gegen den Krebs war, dessen Umrisse aber weit außerhalb meiner Wahrnehmung lagen. Wie jeder Anfänger sehnte ich mich danach, die vergangene Geschichte kennenzulernen, und wie jeder Anfänger war ich nicht in der Lage, sie mir vorzustellen.

Als ich aber aus der seltsamen Trostlosigkeit dieser beiden Ausbildungsjahre wieder auftauchte, stellten sich mir umso drängender die Fragen nach dem größeren Bild: Wie alt ist Krebs? Wann und wo hat unser Kampf gegen ihn angefangen? Oder, wie mich Patienten oft gefragt hatten: Wo stehen wir im »Krieg« gegen den Krebs? Wie sind wir so weit gekommen? Ist ein Ende in Sicht? Ist dieser Krieg überhaupt zu gewinnen?

Erst nur ein Versuch, Antworten auf diese Fragen zu finden, wuchs das Buch bald darüber hinaus. Ich tauchte in die Geschichte des Krebses ein, um dieser nicht fassbaren Krankheit eine Gestalt zu geben. Ich nutzte die Vergangenheit, um die Gegenwart zu erklären. In der Isolation und der Wut einer sechsunddreißigjährigen Patientin mit Brustkrebs in Stadium III klang ein fernes Echo von Atossa4 an, der Königin von Persien, die ihre kranke Brust mit Tüchern verbarg und sie schließlich in einem Anfall nihilistischer, aber weitblickender Wut wahrscheinlich von einem Sklaven abschneiden ließ. Der Wunsch einer Patientin, ich solle ihr den von Krebs zerfressenen Magen herausschneiden und dabei »nichts auslassen«, wie sie es formulierte, erinnerte mich an den perfektionistischen Chirurgen William Halsted, der, immer in der Hoffnung, die Heilungschancen zu verbessern, je mehr Gewebe er entfernte, im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert dem Krebs mit immer umfangreicheren, immer entstellenderen Operationen beikommen wollte.

Unter diesen medizinischen, kulturellen und metaphorischen Versuchen, den Krebs aufzuhalten, brodelte das biologische Verständnis der Krankheit – ein Verständnis, das sich von einem Jahrzehnt zum anderen oft radikal verändert hat. Krebs ist, wie wir heute wissen, eine Krankheit, die durch das unkontrollierte Wachstum einer einzelnen Zelle entsteht. Das Wachstum wiederum ist eine Folge von Mutationen, von Veränderungen in der DNA speziell solcher Gene, die wucherndes Zellwachstum in Gang setzen. In einer normalen Zelle sind Zellteilung und Zelltod durch effiziente genetische Steuerungsmechanismen reguliert. In einer Krebszelle sind diese Steuerungsmechanismen gestört, und es entsteht eine Zelle, die nicht mehr zu wachsen aufhört.

Dass dieser scheinbar einfache Mechanismus – unbegrenztes Zellwachstum – der Kern dieser maßlosen, vielgestaltigen Krankheit sein kann, zeugt von der unermesslichen Macht des Zellwachstums. Die Zellteilung ermöglicht uns Organismen zu wachsen, uns anzupassen, zu genesen, uns zu reparieren – also zu leben. Verläuft sie aber verzerrt und ungebremst, so sind es die Krebszellen, die wachsen und gedeihen, sich anpassen, genesen, sich reparieren – sie leben auf Kosten unseres Lebens. Krebszellen können schneller wachsen und sind anpassungsfähiger als gesunde Zellen. Sie sind eine perfektere Version unser selbst.

Das Geheimnis beim Kampf gegen den Krebs besteht also darin, dass wir dahinterkommen, wie sich diese Mutationen in den dafür anfälligen Zellen verhindern lassen, oder Mittel und Wege finden, die mutierten Zellen zu eliminieren, ohne das normale Wachstum dabei zu beeinträchtigen. Die Kürze dieser Aussage steht in krassem Gegensatz zur Monumentalität der Aufgabe. Bösartiges Wachstum und gesundes Wachstum sind genetisch so eng verwandt, dass ihre Entflechtung eine der größten wissenschaftlichen Herausforderungen der Menschheit sein könnte. Krebs ist unserem Genom eingebaut: Die Gene, die den normalen Zellteilungsmechanismus außer Kontrolle geraten lassen, sind keine Fremdkörper in uns, sondern mutierte, verzerrte Versionen der Gene, die für lebenswichtige Zellfunktionen zuständig sind. Krebs ist ein wesentlicher Bestandteil unserer heutigen Gesellschaft: In dem Maße, wie wir unser Leben als Spezies verlängern, setzen wir unausweichlich auch bösartiges Wachstum in Gang (Mutationen in Krebsgenen nehmen mit dem Alter zu; demnach ist Krebs eine inhärente Begleiterscheinung des Alterns). Wenn wir nach Unsterblichkeit streben, so gilt dasselbe, in pervertiertem Sinn, auch für die Krebszelle.

Wie genau eine künftige Generation lernen kann, die eng verschlungenen Stränge gesunden und bösartigen Wachstums zu entflechten, bleibt ein Rätsel. (»Das Universum«5, pflegte in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts der englische Biologe J. B. S. Haldane zu sagen, »ist nicht nur verrückter, als wir denken, es ist auch verrückter, als wir es uns vorstellen können«: Dasselbe gilt für die Wege der Wissenschaft.) Eines aber ist gewiss: Wie auch immer die Geschichte weitergeht, sie wird stets Kerne der Vergangenheit enthalten. Sie wird geprägt sein von Erfindergeist, Anpassungsfähigkeit und Ausdauer gegen den, wie ein Autor ihn nannte, »unbarmherzigsten und heimtückischsten Feind« unter den Krankheiten der Menschheit. Aber im gleichen Maß wird sie geprägt sein von Hybris, Arroganz und Bevormundung, von Missverständnissen, falschen Hoffnungen und Medienrummel um eine Krankheit, von der noch vor dreißig Jahren kühn behauptet wurde, in ein paar Jahren werde sie »heilbar« sein.

In dem mit steriler Luft klimatisierten, kahlen Klinikzimmer führte Carla ihren eigenen Krieg gegen den Krebs. Als ich zu ihr kam, saß sie in eigentümlicher Ruhe auf ihrem Bett, eine Lehrerin, die sich Notizen macht. (»Aber was für Notizen?«, sagte sie später. »Ich habe nur immer wieder dieselben Gedanken aufgeschrieben.«) Ihre Mutter, die sich noch in der Nacht ins Flugzeug gesetzt hatte und direkt vom Flughafen kam, stürzte mit roten Augen, den Tränen nahe, ins Zimmer und saß dann stumm, sich mechanisch vor und zurück wiegend, auf einem Stuhl am Fenster. Schwestern und Ärzte, alle mit Mundschutz und Kitteln, kamen und gingen, eine Infusion zur Verabreichung von Antibiotika wurde gelegt, aber Carla nahm das hektische Treiben ringsum nur noch verschwommen wahr.

Ich erklärte ihr die Situation, so gut ich konnte. Vor ihr liege ein Tag voller Untersuchungen, eine Rennerei von einem Labor zum nächsten. Ich nähme eine Knochenmarkpunktion vor. Die Pathologen müssten weitere Untersuchungen anstellen. Aber die vorläufigen Untersuchungsergebnisse ließen vermuten, dass Carla an akuter lymphatischer Leukämie erkrankt sei. Bei Kindern sei das eine der häufigsten Krebserkrankungen, bei Erwachsenen komme sie eher selten vor. Und sie sei – hier machte ich eine kleine Pause und blickte auf, um meinen Worten Gewicht zu verleihen – häufig heilbar.

Heilbar. Carla nickte, als dieses Wort fiel, ihr Blick wurde konzentrierter. Unausweichliche Fragen standen im Raum. Wie heilbar? Wie hoch waren die Überlebenschancen? Wie lange würde die Behandlung dauern? Ich setzte ihr die Aussichten auseinander. Wenn die Diagnose sich bestätigte, würden wir sofort mit Chemotherapie beginnen. Die Therapie würde mehr als ein Jahr dauern. Die Heilungschancen lägen bei dreißig Prozent.

Wir sprachen eine Stunde miteinander, vielleicht länger. Es war halb zehn Uhr vormittags. Unter uns war unterdessen die Stadt vollends aufgewacht. Die Tür fiel hinter mir zu, als ich ging; ein Luftstoß fegte mich hinaus und schloss Carla in ihrem Krankenzimmer ein.

Teil 1

»VON SCHWARZER FÄRBUNG,
OHNE HITZE …«

Bei der Lösung eines derartigen Problems1 ist es
entscheidend, ob man rückwärts denken kann.
Es ist dies eine sehr nützliche Fertigkeit, noch dazu
eine sehr einfache, aber man wendet sie kaum an.

Sherlock Holmes, in Sir Arthur Conan Doyle,
Eine Studie in Scharlachrot

»EINE VEREITERUNG DES BLUTES«

Die berühmtesten Ärzte eilten herbei,1
besahn sich den Fall, disputierten mancherlei,
kassierten den Lohn, und dann sprachen sie nur:
»Für diese Krankheit gibt es keine Kur.«

Hilaire Belloc

 
 
Ihre Linderung ist tägliches Erfordernis,2
ihre Heilung glühende Hoffnung.

William Castle, über die Leukämie, 1950

 

An einem Dezembermorgen3 im Jahr 1947 wartete Sidney Farber in einem feuchten, vier mal sechs Meter großen Labor in Boston ungeduldig auf ein Päckchen aus New York. Das »Labor« war kaum mehr als das Kabuff eines Chemikers, ein schlecht belüfteter Raum im Souterrain, beinahe abgeschoben in den Hinterhof des Kinderkrankenhauses. Hundert Meter weiter erwachten die Krankenstationen langsam zum Leben. Kinder in weißen Hemden wälzten sich unruhig in schmalen schmiedeeisernen Klinikbetten, Ärzte und Schwestern eilten geschäftig von einem Saal zum nächsten, prüften Fieberkurven, notierten Anweisungen, gaben Medikamente aus. Nur in Farbers Labor, einem düsteren Kasten voller Glasgefäße und chemischer Substanzen, der über eine Flucht von eiskalten Fluren mit dem Hauptgebäude verbunden war, herrschte apathische Stille. Es roch scharf nach Formalin. Hier unten waren keine Patienten, nur Leichen und Gewebeproben von Patienten, die durch die Tunnels zur Obduktion beziehungsweise Untersuchung hergebracht wurden. Farber war Pathologe. Zu seinen Aufgaben gehörte es, Proben zu präparieren und zu analysieren, Autopsien durchzuführen, Zellen zu identifizieren und Krankheiten zu diagnostizieren – Patienten behandelte er nicht.

Farbers Spezialgebiet4 war die pädiatrische Pathologie, die Erforschung von Kinderkrankheiten. Seit bald zwanzig Jahren hielt er sich in diesen Kellerräumen auf, festgenagelt an sein Mikroskop, und hatte sich durch die akademischen Ränge bis zum Leiter der Pathologie des Kinderkrankenhauses emporgearbeitet. Doch allmählich entfremdete er sich dieser Disziplin, die sich für die Toten mehr interessiert als für die Lebenden. Es befriedigte ihn immer weniger, Krankheit nur aus den Kulissen zu betrachten und nie einen lebenden Patienten zu berühren und zu behandeln. Er war die Gewebeproben und Zellen leid. Er fühlte sich gefangen, einbalsamiert in seinem Glaskabinett.

Deshalb hatte sich Farber zu einem radikalen beruflichen Wechsel entschlossen. Statt durch die Mikroskoplinse tote Gewebeproben zu betrachten, wollte er den Sprung hinauf ins Leben der Klinik über ihm wagen – von der mikroskopischen Welt, die er so gut kannte, in die lebensgroße Welt der Patienten und Krankheiten. Er wollte versuchen, das in der pathologischen Praxis gesammelte Wissen nutzbringend anzuwenden, um neue therapeutische Maßnahmen zu entwickeln. Das Päckchen aus New York enthielt mehrere Fläschchen mit einer gelben kristallinen Substanz namens Aminopterin. In der zaghaften Hoffnung, damit die Ausbreitung von Leukämie bei Kindern zu stoppen, hatte er sie sich in sein Bostoner Labor schicken lassen.

Hätte Farber mit einem der Kinderärzte, die in den Stationen über ihm Dienst taten, über die Wahrscheinlichkeit gesprochen, dass je ein Medikament gegen Leukämie entwickelt würde, hätten sie sicher abgewinkt. Die Leukämie bei Kindern faszinierte, verwirrte, frustrierte die Ärzte seit mehr als hundert Jahren. Die Krankheit war sorgfältigst analysiert, systematisiert, klassifiziert und untergliedert worden; die stockfleckigen ledergebundenen Bücher in der Bibliothek des Kinderkrankenhauses, Andersons Pathologie oder Boyds Pathologie der inneren Krankheiten, zeigten Seite um Seite Abbildungen von Leukämiezellen mitsamt ausgeklügelten Taxonomien, die sie beschrieben. Doch je mehr man wusste, desto stärker wurde das Gefühl von ärztlicher Ohnmacht. Die Krankheit war zu einem Objekt fruchtloser Faszination geworden – eine Figur in einem Wachsmuseum; in allen Einzelheiten war sie studiert und fotografiert worden, doch in der Praxis der Behandlung war man keinen Schritt weiter. »Auf Ärztekongressen5 gab es jede Menge Anlässe, sich mit Kollegen in die Haare zu geraten«, erinnerte sich ein Onkologe, »aber ihren Patienten half das gar nichts.« So wurde ein Patient mit akuter Leukämie mit viel Aufhebens in der Klinik aufgenommen, sein Fall bei der Visite mit professoralem Bombast diskutiert, dann wurde, wie ein Ärzteblatt trocken vermerkte, »die Diagnose gestellt6, die Transfusion vorgenommen und der Patient zum Sterben nach Hause geschickt«.

Seit ihrer Entdeckung steckte das Studium der Leukämie in Ratlosigkeit und Verzweiflung fest. Am 19. März 1845 beschrieb der schottische Arzt John Bennett den ungewöhnlichen Fall eines achtundzwanzigjährigen Dachdeckers, der eine rätselhafte Schwellung der Milz aufwies. »Er ist von dunkler Komplexion7«, schrieb Bennett über seinen Patienten, »und im Allgemeinen gesund und ausgewogen; nach eigener Aussage habe ihn vor zwanzig Monaten bei jeglicher Anstrengung eine große Trägheit befallen, welche bis zum heutigen Tage anhalte. Im vergangenen Juni bemerkte er eine Geschwulst in der linken Seite seines Unterleibs, die bis vor vier Monaten stetig an Größe wuchs und seither unverändert geblieben ist.«

Die Geschwulst des Dachdeckers mochte ihre endgültige Größe erreicht haben, seine körperliche Schwäche aber wuchs rasant. Im Verlauf der folgenden Wochen taumelte Bennetts Patient von einem Symptom zum nächsten, bekam Fieber, Blutungen, jähe Schmerzattacken im Unterleib – erst langsam, dann in immer rascherer Folge suchte ihn ein Anfall nach dem anderen heim, und bald lag der Dachdecker, dem unterdessen auch in den Achselhöhlen, den Leisten und am Hals Geschwulste gewachsen waren, im Sterben. Er wurde, wie damals üblich, mit Aderlässen und Einläufen behandelt, die natürlich nichts halfen. Bei der Obduktion einige Wochen später war Bennett überzeugt, er habe die Ursache all dieser Symptome gefunden: Das Blut seines Patienten strotzte von weißen Blutkörperchen. (Weiße Blutkörperchen, der Hauptbestandteil von Eiter, zeigen typischerweise die Reaktion auf eine Entzündung an, und Bennett schloss daraus, dass der Dachdecker einer Infektion erlegen sei.) »Der folgende Fall scheint mir deshalb besonders wertvoll«, schrieb er selbstbewusst, »da er zum Beweis für das Vorhandensein von echtem Eiter dienen wird, welcher innerhalb des gesamten Gefäßsystems sich bildet.«*

*  Von der Verbindung zwischen Mikroorganismen und Infektion wusste man zwar noch nichts, doch der Zusammenhang zwischen Eiter und Blutvergiftung, Fieber und Tod, häufig infolge eines Abszesses oder einer Wunde, war Bennett sehr wohl bekannt.

Es wäre eine völlig zufriedenstellende Erklärung gewesen, wäre es Bennett gelungen, einen Eiterherd zu entdecken. Bei der Leichenöffnung suchte er alle Gewebe und Organe gründlich nach Anzeichen eines Abszesses, einer Wunde ab, entdeckte aber keine Spur einer Infektion. Das Blut sei offensichtlich aus eigenem Antrieb verdorben – »suppuriert« –, schrieb er, es habe sich ohne erkennbare Ursache in echten Eiter umgewandelt. »Eine Vereiterung des Blutes8«, nannte Bennett seinen Fall. Und dabei beließ er es.

Natürlich irrte er sich mit seiner spontanen »Vereiterung« des Blutes. Gut vier Monate nachdem Bennett die Krankheit des Dachdeckers beschrieben hatte, veröffentlichte der vierundzwanzigjährige deutsche Forscher Rudolf Virchow9 einen Bericht, in dem er einen Fall beschrieb, der frappierende Ähnlichkeiten mit Bennetts Fall aufwies. Virchows Patientin war eine Köchin Mitte fünfzig. In ihrem Blut hatten sich die weißen Blutkörperchen explosionsartig vermehrt und dichte, breiige Klumpen in ihrer Milz gebildet. Bei der Autopsie hatten die Pathologen vermutlich nicht einmal ein Mikroskop gebraucht, um die auf dem Rot treibende dicke milchige Schicht weißer Blutkörperchen zu erkennen.

Virchow, der von Bennetts Fall wusste, konnte sich dessen Theorie nicht anschließen. Blut, wandte er ein, habe keinen Grund, sich aus heiterem Himmel in irgendetwas zu verwandeln. Außerdem machten ihm die ungewöhnlichen Symptome zu schaffen: Woher diese enorme Milzvergrößerung? Weshalb war keine Wunde, kein Eiterherd im Körper zu entdecken? Virchow fragte sich, ob das Blut selbst abnorm sei. Da er keine zusammenfassende Erklärung fand und weil er nach einem Namen10 für das Leiden suchte, entschied sich Virchow letztlich für »weißes Blut«, was nichts anderes ist als die konkrete Beschreibung der Millionen weißen Blutkörperchen, die er unter dem Mikroskop gesehen hatte. 1847 wandelte er den Namen in den wissenschaftlicher klingenden Begriff »Leukämie« um, der von leukos, dem griechischen Wort für »weiß«, abgeleitet ist.

Die Umbenennung der Krankheit von der blumigen »Vereiterung des Blutes« in das prosaische »weiße Blut« kommt einem nicht gerade wie ein genialer wissenschaftlicher Wurf vor, doch auf das Verständnis der Leukämie hatte sie eine nachhaltige Wirkung. Eine Krankheit ist ja im Moment ihrer Entdeckung eine fragile Idee, eine Gewächshausblüte – in diesem Stadium wird sie oft unverhältnismäßig stark von Namen und Klassifizierungen beeinflusst. (Mehr als hundert Jahre später, Anfang der 1980er Jahre,11 zeugte eine andere Namensänderung – von gay related immune disease [GRID] zu acquired immunodeficiency syndrome [AIDS] – ebenfalls von einem einschneidenden Umdenken.*) Virchow verstand die Leukämie so wenig wie Bennett, doch anders als dieser behauptete er auch nicht, sie zu verstehen. Seine Erkenntnis lag ausschließlich im Negativen: Indem er mit allen vorgefassten Meinungen aufräumte, bereitete er das Feld für ein freies Nachdenken.

*  Die Identifizierung des HI-Virus als Krankheitserreger und seine rasante Ausbreitung rund um den Globus entkräftete sehr schnell die anfangs beobachtete – und vorurteilsbehaftete – Beobachtung, nur Homosexuelle seien davon betroffen.

Die Bescheidenheit des Namens (und die ihr zugrunde liegende Zurückhaltung, was sein Verständnis der Ursachen betraf) veranschaulichte Virchows Einstellung gegenüber der Medizin12. Der junge Professor für Pathologie an der Universität Würzburg begnügte sich nicht mit der Benennung der Leukämie, sondern begann mit einem Projekt, das weit darüber hinausgriff und ihn für den Rest seines Lebens beschäftigte: die Beschreibung menschlicher Krankheiten auf zellularer Ebene.

Es war ein Ergebnis von Frustration: Virchow hatte 1843 promoviert, zu einem Zeitpunkt, als praktisch jede Krankheit auf das Wirken irgendwelcher unsichtbaren Kräfte wie Miasmen, Neurosen, schlechte Körpersäfte, Hysterien zurückgeführt wurde. Weil er mit dem, was er nicht sehen konnte, nicht weiterkam, wandte sich Virchow – mit revolutionärem Eifer – dem zu, was er sehen konnte: Zellen unter dem Mikroskop. 1838 hatten der Botaniker Matthias Schleiden und der Physiologe Theodor Schwann postuliert, alle lebenden Organismen bestünden aus Grundbausteinen, den Zellen. Virchow übernahm und erweiterte diesen Gedanken und machte sich daran, eine auf zwei Grundsätzen basierende »Zelltheorie« der menschlichen Biologie zu entwickeln. Erstens: Menschen (ebenso wie alle Tiere und Pflanzen) bestehen aus Zellen. Zweitens: Diese Zellen gehen (durch Teilung) aus anderen Zellen hervor – omnis cellula e cellula, wie er es formulierte.

Diese zwei Grundsätze mochten grob vereinfachend sein, doch sie ermöglichten Virchow, seine entscheidende Hypothese über die Natur menschlichen Wachstums zu formulieren: Wenn Zellen nur aus anderen Zellen hervorgehen, kann Wachstum lediglich auf zweierlei Art erfolgen, entweder durch Zunahme der Zellenanzahl oder durch Zunahme der Zellengröße – Virchow sprach von Hyperplasie und Hypertrophie. Bei Letzterer bleibt die Zahl der Zellen gleich, stattdessen wächst jede einzelne Zelle – wie ein Ballon, der aufgeblasen wird. Die Hyperplasie hingegen bedeutet Wachstum durch vermehrte Zellteilung. Damit konnte er jedes wachsende menschliche Gewebe als Hypertrophie oder Hyperplasie beschreiben. Bei erwachsenen Menschen und Tieren nehmen Fett und Muskeln in der Regel durch Hypertrophie zu. Leber, Blut, Darm und Haut hingegen wachsen alle durch Hyperplasie – aus Zellen werden mehr und immer mehr Zellen, omnis cellula e cellula.

Diese Erklärung war überzeugend, und sie führte zu einem neuen Verständnis nicht nur des normalen, sondern auch des krankhaften Wachstums. Wenn der Herzmuskel gezwungen ist, gegen eine Blockade in der austretenden Aorta anzuarbeiten, reagiert er oft damit, dass er, um mehr Kraft zu erzeugen, jede Muskelzelle wachsen lässt – bis das Herz schließlich so vergrößert ist, dass es nicht mehr normal funktionieren kann: ein Beispiel für eine pathologische Hypertrophie.

Neo*