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Detective Chief Inspector John Luther ist ein exzellenter Ermittler. Keiner hat mehr Fälle gelöst. Er ist geachtet unter den Kollegen. Doch ab und zu, wenn es spät wird und ein, zwei Drinks zu viel über die Theke gehen, erzählt man sich, dass John Luther böse ist. Und in der Tat: Eine heftige Wut brodelt in ihm, eine Wut, die er manchmal nur schwer kontrollieren kann. Manchmal lässt sie ihn Dinge tun, die er nicht tun sollte. Dinge, die weit über die Grenze des Legalen hinausgehen.

Luthers aktueller Mordfall strapaziert diese Grenze über die Maßen: Ein Ehepaar ist auf bestialische Weise ermordet worden, und das gemeinsame Kind hat der Mörder entführt. Die Chancen stehen gut, dass es noch lebt. Doch Luther weiß nicht, ob er ihm das wünschen soll …

 

 

Neil Cross wurde 1969 in Bristol geboren. Er veröffentlichte mehrere Romane und arbeitet als Drehbuchautor für das Fernsehen, u. a. schrieb er das Drehbuch zur BBC-Erfolgsserie ›Luther‹, die ab Februar 2012 im ZDF zu sehen ist. Im DuMont Buchverlag erschien bislang sein Thriller ›Vergraben‹ (DuMont Taschenbuch 2011).

Neil Cross

LUTHER

Die Drohung

Thriller

Aus dem Englischen
von Marion Herbert

 

Von Neil Cross ist im DuMont Buchverlag außerdem erschienen:
Vergraben

 

 

 

 

Im Andenken an
Gwen Kooznetzoff

1

John Luther, ein großer Mann mit großen Schritten, überquert den im nächtlichen Regen glitzernden Krankenhausparkplatz. Er geht durch die Schiebetüren zur Notaufnahme, steuert auf den Empfang zu und zeigt der philippinischen Triage-Schwester seine Dienstmarke.

»Ich suche Ian Reed.«

»Ist das der Polizist?« Sie schaut auf den Monitor. »Er ist in Kabine 18. Drüben auf der anderen Seite.«

Luther marschiert durch den Wartebereich, schlängelt sich zwischen Krankenschwestern in Gummiclogs hindurch. Er ignoriert das Stöhnen der Komasäufer, der geschlagenen Frauen, der Selbstverstümmeler, der Überdosis-Kandidaten.

Er schiebt den schweren Vorhang vor Kabine 18 zur Seite, und da ist Ian Reed, er sitzt ohne Krawatte auf der Bettkante.

Reed ist blond und dünn, von Natur aus sehnig. Das Blut auf seinem weißen Hemd ist stellenweise getrocknet. Er trägt eine weiche Halskrause.

»O Mann«, sagt Luther und schließt den Vorhang.

»Tja. Es ist nicht so schlimm, wie’s aussieht.«

Reed wurde an der Kopfhaut mit ein paar Stichen genäht, er hat einen Bänderriss, geprellte Rippen. Und gequetschte Nieren, er wird eine oder zwei Wochen lang Blut pissen.

Luther zieht einen Plastikstuhl heran. »Was ist mit deinem Hals?«

»Verstaucht. Sie hatten mich im Schwitzkasten. Haben mich aus dem Auto gezerrt.«

»Wer?«

»Lee Kidman. Barry Tonga.«

Luther kennt Lee Kidman, er ist Bodybuilder, Türsteher, Schuldeneintreiber. Macht ab und zu Pornos. Der zweite Name sagt ihm nichts.

»Barry Tonga«, wiederholt Reed. »Samoaner. Rasierter Schädel, überall Tattoos. Breit wie ein Schrank. Macht gelegentlich Cage Fights.«

Luther senkt die Stimme zu einem Flüstern. »Und warum haben sie das getan?«

»Kennst du Julian Crouch? Immobilienhai. Er besaß einige Nachtclubs: House of Vinyl, Betamax, Intersect. Und ein Tonstudio in Camden. Aber es geht bergab mit ihm.«

»Geht es nicht mit allen bergab?«

Reed erzählt, dass Crouch eine halbe Häuserreihe in Shoreditch besitzt, sechs Häuser. Er hat einen Käufer dafür gefunden, irgendeinen Russen, der alles umbauen will, um rechtzeitig vor Olympia ein Fitnessstudio daraus zu machen.

Crouch ist hoch verschuldet. Und er lässt sich scheiden. Er braucht einen Käufer, aber er kann nur fünf der sechs Reihenhäuser verkaufen.

»Und«, fragt Luther, »wer wohnt in Haus Nummer sechs?«

»Ein Typ namens Bill Tanner. Alter Seemann.«

Luther stöhnt, denn Reed hat eine Schwäche für ehemalige Soldaten. Das hat ihm früher schon Ärger eingebracht.

»Und nun?«, fragt Luther. »Dieser Crouch will ihn rausschmeißen?«

»Ja.«

»Und warum zieht er dann nicht einfach weg?«

»Weil es sein Zuhause ist, Mann. Er mietet es schon seit 1972. Seine Frau ist in dem Haus gestorben, Herrgott noch mal.«

Luther hebt die Hände. Okay, okay.

Reed beschreibt Einschüchterungsversuche: Drohanrufe, vermummte Jugendliche, die Hundescheiße in den Briefkasten des alten Mannes werfen, seine Fenster einschlagen, einbrechen, das Wohnzimmer mit Graffiti beschmieren.

»Hat er die Polizei gerufen?«

»Die Sache mit Bill Tanner ist die«, sagt Reed, »er ist ein zäher alter Bursche. Er hat ein Herz.« Das ist Reeds größtes Kompliment. »Er macht Fotos von den Jugendlichen, gibt sie als Beweise ab. Er hat eine Heidenangst, er ist ein alter Mann, der allein lebt und jede Nacht schikaniert wird. Also kommen Polizisten vorbei, nehmen die Jugendlichen fest. Sie erwähnen Crouch nicht. Und sie sind wieder frei, bevor die Sonne aufgeht. Am nächsten Tag, vielleicht am übernächsten, bekommt Bill richtigen Besuch. Zwei schwere Jungs.«

»Das sind dann wohl Kidman und Tonga?«

Reed nickt.

Luther verschränkt die Arme und starrt hinauf zu der Neonröhre, die von innen mit den vertrockneten Körpern toter Fliegen gesprenkelt ist. »Und, was hast du gemacht?«

»Na was wohl? Ich bin zu Crouch gegangen. Hab ihm gesagt, er soll Bill Tanner in Ruhe lassen.«

Luther schließt die Augen.

»Ach, komm schon«, sagt Reed. »Es ist ja nicht so, als hätten wir so was noch nie gemacht.«

Luther gibt es mit einem Achselzucken zu. »Wann warst du da?«

»Vor ein paar Tagen. Dann komme ich heute Abend nach Hause, ich will gerade parken, da fährt dieser Mondeo rückwärts in mich rein. Bevor ich kapiere, was los ist, steigen zwei Typen aus, rennen auf mich zu, zerren mich aus dem Auto und verprügeln mich.«

Luther blickt auf die Halskrause. »Und das war bei dir zu Hause? Vor deiner Wohnung?«

»Auf meiner eigenen Türschwelle.«

»Waren es sicher Kidman und Tonga?«

»Ich weiß, dass es Tonga war, weil er das fetteste Arschloch ist, das ich je gesehen habe. Und wegen der Tattoos. Und ich weiß, dass es Kidman war, weil, na ja, ich kenne Kidman. Wir hatten schon mal miteinander zu tun.«

»Wobei?«

»Er steckt bei allem irgendwie mit drin. Immer in der Grauzone.«

»Erstattest du Anzeige?«

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Ich kann nicht beweisen, dass sie es waren. Und selbst wenn – Crouch besorgt sich ein paar neue Arschlöcher, die den armen alten Bill Tanner unter Druck setzen. Bill wird nicht wegziehen. Am Ende bringen sie ihn um, so oder so. Er kriegt einen Herzinfarkt. Einen Schlaganfall. Was auch immer. Armer alter Bursche.«

»Aber es gibt bessere Arten, mit so was umzugehen«, sagt Luther.

»Der alte Mann hat seinem Land gedient.« Reed spannt immer wieder die Kiefermuskeln an. »Er war bei der Landung der Alliierten in der Normandie dabei. Er ist verdammte fünfundachtzig Jahre alt, und er hat versucht, alles richtig zu machen, und sein Land hat ihn im Stich gelassen.«

»Schon gut«, sagt Luther. »Komm wieder runter. Was soll ich machen?«

»Schau einfach bei ihm vorbei. Vergewissere dich, dass es ihm gut geht. Bring ihm Milch und Brot mit. Ein paar Dosen Hundefutter. Nicht das Billigzeug. Fleischstücke in Sülze. Er liebt seinen kleinen Kläffer.«

»Was ist eigentlich mit den alten Leuten los?«, fragt Luther. »Sie würden lieber erfrieren, als ihren Haustieren billiges Futter zu geben.«

Reed würde mit den Schultern zucken, wenn er könnte.

Der Mörder geht durch die leeren, nächtlichen Straßen: Platanenalleen, viktorianische Reihenhäuser, Bezirksamtsgebäude aus Beton, kleine Läden mit dunklen Schaufenstern. Steinkirchen mit verblassten, verzweifelt flotten Spruchbändern: Gottes Haus steht Ihnen offen. Beten Sie ein!

Der Mörder ist ein gedrungener und muskulöser Mann. Kurzes Haar, sauber gescheitelt. Dunkle Kapitänsjacke. Jeans. Ein Laptop-Rucksack.

Der Rucksack enthält keinen Laptop.

In der Clayhill Street fährt ein Smart rückwärts in eine kleine Parklücke. Die Fahrerin, eine junge Asiatin, steigt aus, eilt zu ihrer Haustür und umklammert dabei ihre Handtasche. Sie sieht den Mörder im Vorbeigehen, nimmt ihn aber nicht bewusst wahr.

Der Mörder geht weiter. Er biegt in die Bridgeman Road ein mit dem Gefühl, etwas Bedeutendes zu tun.

Er schreitet den vom Frost rissigen Bürgersteig entlang, bis er bei Nummer 23 ankommt.

Hinter dem rostigen Tor zum Vorgarten und der wild wuchernden Hecke ist Nummer 23 ein hübsches, zweiflügeliges viktorianisches Haus.

Der Mörder öffnet das Tor. Es quietscht, aber das kümmert ihn nicht: Es quietscht bestimmt jede Nacht und jeden Tag.

Er steht im Vorgarten, einer kleinen, gepflasterten Terrasse, die von hohen Hecken umschlossen ist. Eine grüne, fahrbare Mülltonne steht in einer Ecke.

Er verweilt im Schatten des Hauses. Es wirkt wie eine Kirche, zukunftsschwanger.

Er denkt daran, wie es ist, wenn man unter einer großen Eisenbahnbrücke steht, während eine Lokomotive kreischend darüberfährt, an die erschreckende Kraft, die dem innewohnt. Genau das spürt der Mörder jetzt in seinem Inneren: das Kreischen und Rattern und Donnern einer riesigen Maschine.

Er streift sich die Latexhandschuhe über, die er zusammengerollt in eine Jackentasche gesteckt hatte. Dann holt er aus der anderen Tasche eine Spitzzange.

Er geht ums Haus herum. Seine Beine zittern. Sein Blick folgt dem senkrecht verlaufenden Regenrohr nach unten, bis es auf den kleinen, quadratischen Abfluss trifft, um den spärliches Londoner Gras wächst.

Er kniet sich hin, um das Telefonkabel nahe am Boden durchzuknipsen. Dann steckt er die Zange wieder ein und geht zurück zur Eingangstür.

Er holt einen Bund Hausschlüssel aus seiner Tasche.

Er beißt die Zähne zusammen. Sehr vorsichtig steckt er den Sicherheitsschlüssel ins Schloss und dreht ihn langsam herum. Die Tür geht auf, als er mit der Schulter dagegendrückt. Leise, so leise.

Als der Spalt breit genug ist, schlüpft er blitzschnell hindurch.

In die Wand neben der Tür ist ein Plastikgerät mit ein paar Tasten montiert. Ein rotes Lämpchen blinkt. Der Mörder ignoriert es und gleitet wie ein Hai durch den Geruchsschleier der Lamberts: ihre Kleidung, ihre Deos, ihre Parfums, ihre Putzmittel, ihre Körper, ihr Sex.

Er betritt das dunkle Wohnzimmer und nimmt den Rucksack ab.

Er streift seine Jacke ab, faltet sie und legt sie aufs Sofa. Er öffnet den Reißverschluss des Rucksacks und holt ein Paar Maler-Überschuhe heraus. Er zieht sie sich über.

Dann schlüpft er in einen papiernen Schutzanzug. Er setzt sich die Kapuze mit Gummizug auf. Er steht da in dem weißen Overall und den dünnen Gummihandschuhen.

Er greift in den Rucksack und holt sein Werkzeug heraus: eine Elektroschockpistole, eine Rolle silbernes Klebeband (mit einer umgeknickten Ecke, um es leichter zu handhaben), ein Skalpell, ein Teppichmesser.

Ganz unten im Rucksack, zu einer Wurst zusammengerollt, liegt eine kleine Fleecedecke mit Satinettesaum.

Er legt die Decke aufs Sofa. Schaut auf sie hinunter, ein bleiches Rechteck.

Der Geist des Mörders steigt auf und scheint seinen Körper zu verlassen. Er schwebt über sich selbst.

Er sieht sich selbst dabei zu, wie er die Treppe hinaufgeht: sachte jetzt, sachte.

Er vermeidet die fünfte Stufe, schlüpft zurück in seinen Körper und dringt weiter in die Dunkelheit vor.

Luther blättert im Wartebereich ein zerfleddertes, altes Heat-Magazin durch, um die Zeit totzuschlagen.

In der anderen Ecke brüllt ein Penner mit aschgrauen Dreadlocks Gott an, oder vielleicht auch, dass er Gott ist. Es ist schwer zu sagen.

Reed humpelt gegen 3.15 Uhr heraus. Luther nimmt seinen Mantel und hilft ihm durch die Türen, durch den grell erleuchteten Haupteingang.

Sie gehen quer über den nassen Parkplatz zu Luthers schäbigem, altem Volvo.

Luther fährt Reed nach Hause, zu einer gemieteten Zweizimmerdachwohnung in Kentish Town.

Das Apartment ist kahl und unordentlich, als wäre es eine Übergangslösung – was es auch ist. Reeds Wohnungen sind immer Übergangslösungen.

Reed sehnt sich nach einem großen Haus, einem großen Garten mit einem Trampolin, einer Horde Kinder, die darauf herumspringen – seinen eigenen Kindern, ihren Freunden, ihren Cousins, ihren Nachbarn.

Reed träumt von Gemeinschaft, von sonntäglichen Mittagessen in Pubs, von Straßenfesten, von gut besuchten Grillpartys, bei denen er in Comic-Schürzen Würstchen brät. Er träumt davon, von seinen Kindern vergöttert zu werden und sie ebenfalls zu vergöttern.

Mit nun achtunddreißig Jahren war er viermal verheiratet und ist kinderlos.

Er reicht Luther eine graue Mappe.

Luther lehnt sich an die Wand und blättert die Akte durch. Sieht Festnahmeprotokolle, Fahndungsfotos, Überwachungsberichte.

Die obersten Blätter enthalten die Daten der Jugendlichen, die festgenommen, in Gewahrsam behalten und wieder freigelassen wurden, nachdem sie Bill Tanner schikaniert hatten: fiese Typen mit leeren Augen, englischer White Trash.

Hinter den Festnahmeprotokollen befinden sich ausführlichere Berichte über Lee Kidman, Barry Tonga und ihren Auftraggeber Julian Crouch.

Luther steckt den Ordner in eine Plastiktüte und sieht auf die Uhr.

Es ist spät. Er überlegt, nach Hause zu fahren. Aber was würde das bringen? Er denkt an die Toten und kann nicht schlafen. Er liegt da und brodelt wie ein Vulkan kurz vor der Explosion.

Also fährt er zu Crouchs Haus, einem Stadthaus mit Blick auf den Highbury-Fields-Park.

Er hält an und bleibt am Steuer sitzen. Er überlegt, was er Julian antun und wie er damit ungestraft davonkommen soll.

Schließlich öffnet er den Kofferraum per Knopfdruck, geht um den Volvo herum und holt den Hickorystiel einer Spitzhacke heraus. Er spürt sein beruhigendes Gewicht.

Er durchquert den Park und wartet in der Dunkelheit, den Spitzhackenstiel fest umklammert.

Kurz nach halb fünf fährt ein makelloser Jaguar-Oldtimer vor.

Julian Crouch steigt aus. Er hat widerspenstiges, lockiges Haar, den Ansatz einer Glatze. Wildledermantel, Paisleyhemd. Weiße Adidas-Schuhe.

Er schließt die Haustür auf und schaltet das Licht ein – bleibt aber auf der Schwelle stehen, vom Kronleuchter hinter ihm angestrahlt. Er wittert etwas wie Wild an einem Wasserloch. Er weiß, dass jemand da draußen ist und ihn beobachtet.

Er runzelt die Stirn und schließt die Tür, schlurft über Marmorfliesen.

Luther starrt auf das Haus, atmet heftig.

Lichter gehen an.

Crouch kommt an sein Schlafzimmerfenster. Er schaut herunter wie ein verwirrter König aus seinem hohen Schloss, späht in die schwarze Nacht. Dann zieht er die Vorhänge zu und schaltet das Licht aus.

Luther steht Wache. Sein Herz gleicht einem Feuerkessel.

Irgendwann huscht ein Fuchs die leere Straße entlang. Luther kann das schnelle, klare Klacken seiner Krallen auf dem Asphalt hören.

Er sieht dem Fuchs nach, bis er verschwindet, und geht zurück zu seinem Auto.

Er wartet, bis die Wintersonne aufzugehen beginnt und die ersten Jogger vorbeilaufen. Dann fährt er nach Hause.

2

Um kurz vor sechs geht Luther durch die rote Tür.

Zoe ist schon auf. Sie ist in der Küche und macht Kaffee, noch ungekämmt und hinreißend in ihrem Seidenpyjama. Sie riecht nach Schlaf und Zuhause und diesem Duft hinter ihren Ohren, dem Duft ihrer Haut.

Sie nimmt eine Packung Orangensaft aus dem Kühlschrank, schenkt sich ein Glas ein. »Und, hast du es ihr gesagt?«

»Babe«, sagt er, während er sich den Mantel auszieht. »Es tut mir leid. Ich hatte keine Gelegenheit.«

Sie trinkt fast das ganze Glas Saft aus und wischt sich mit dem Handrücken den Mund ab. »Was genau meinst du damit?«

Luther nickt in Richtung Fußboden. Das verrät ihn, es ist das Zeichen, dass er lügt. Er weiß das. Er sagt: »Es war einfach nicht der richtige Zeitpunkt.«

»Es ist nie der richtige Zeitpunkt.« Sie stellt den Saft zurück in den Kühlschrank. Dann verschränkt sie die Arme, zählt im Kopf von fünf an rückwärts. »Willst du es wirklich machen?«

»Ja«, antwortet er. »Ja, auf jeden Fall.«

»Denn du siehst aus wie ein Zombie, John. Du siehst wirklich krank aus. Wann hast du zum letzten Mal geschlafen?«

Er weiß es nicht. Aber er weiß, dass mit seinem Kopf etwas nicht stimmt. In der Nacht springt sein Schädel auf und Spinnen krabbeln hinein.

»Wann hast du zum letzten Mal überhaupt irgendwas gemacht«, fragt sie, »außer zu arbeiten?«

Zoe ist Anwältin, spezialisiert auf Menschenrechte und Immigration. Sie verdient gut; sie haben ein hübsches viktorianisches Haus mit einer roten Tür. Drinnen ein wenig abgenutzt. Zerkratzte Fußleisten. Siebzigerjahre-Heizung. Keine Kinder. Viele Bücher.

Eines Morgens drehte sie sich im Bett zu ihm um, den Kopf auf die Hand gestützt, das Haar zerzaust und wild. Winterregen schlug wie Kieselsteine gegen das Fenster. Die Zentralheizung hatte den Geist aufgegeben: Sie hatten in Socken geschlafen. Es war zu kalt, um aufzustehen.

Sie sagte: »Scheiß drauf. Lass uns irgendwohin fahren.«

»Wohin?«, fragte er.

»Keine Ahnung. Irgendwohin. Egal. Wann waren wir das letzte Mal im Urlaub?«

»Wir waren doch auf dem Boot.«

Er meinte einen Urlaub mit Zoes Kollegin und ihrem Mann. Fotos zeigten vier lächelnde Menschen, die am Steuer eines Hausboots standen und Weingläser hoben. Aber es war eine Katastrophe gewesen: Luther isoliert und zurückgezogen, Zoe gereizt und verkrampft fröhlich.

»Das kann nicht der letzte Urlaub gewesen sein«, sagte Luther.

»Welcher dann? Wo sind wir gewesen?«

Er wusste es nicht.

»Wir beide haben einander so viel versprochen«, sagte Zoe und beendete das Schweigen. »Wie es sein würde. Dass wir reisen. Dass wir Zeit miteinander verbringen. Wie kommt es also, dass nichts davon wahr geworden ist?«

Er lag auf dem Rücken und lauschte dem eisigen Regen. Dann drehte er sich um, stützte sich auf den Ellbogen und fragte: »Bist du glücklich?«

»Nein, eigentlich nicht. Und du?«

Sein Herz hämmerte in der Brust.

»Wir leben von einem Tag zum nächsten«, sagte sie. »Wir reden kaum miteinander. Ich will einfach ein bisschen mehr von dir haben. Wir sind verheiratet, und ich möchte, dass es sich auch so anfühlt.«

»Ich auch«, sagte er. »Aber sieh mal – wenn unser größtes Problem ist, dass wir mehr Zeit miteinander verbringen wollen, na ja … das ist nicht so schlecht, oder? Im Vergleich zu anderen Leuten.«

Sie zuckte mit den Schultern.

Luther liebt seine Frau. Sie ist der Strohhalm, an den er sich klammert. Er kann nicht begreifen, dass er ihr das sagen muss. Wenn er es versucht, wird sie verlegen: Sie lacht und macht ein gespielt entsetztes Gesicht.

Als er an jenem kalten Morgen im Bett lag, schob er die Gedanken an den toten Teenager beiseite und fragte: »Also, was schlägst du vor?«

»Wir nehmen uns ein Jahr frei«, antwortete sie. »Vermieten das Haus, um den Kredit weiter abzuzahlen.«

»Ich will nicht, dass Fremde in meinem Haus wohnen.«

Sie tätschelte ihm ungeduldig den Oberarm. »Lässt du mich ausreden? Kann ich wenigstens ausreden?«

»Sorry.«

»Na ja, es gibt eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Wir … wir packen einfach und fahren los.«

»Wohin?«

»Egal. Wo willst du hin?«

»Ich weiß nicht.«

»Irgendwohin musst du wollen.«

»In die Antarktis.«

»Gut«, sagte sie. »Fahren wir in die Antarktis. Man kann von Südamerika oder Neuseeland aus hinfliegen. Ich glaube, es kostet gar nicht mal so viel. Nicht wirklich. Zumindest verhältnismäßig.«

»Kann man das wirklich?«

»Anscheinend schon.«

Er setzte sich auf, kratzte sich am Kopf, plötzlich angesteckt von der Idee. »Neuseeland fand ich schon immer toll«, sagte er. »Keine Ahnung, wieso.«

»Auf meiner Liste steht die Türkei«, sagte sie. »Die Türkei ist schön. Fahren wir in die Türkei.«

»Ich bin kein Strandmensch.«

Er mochte es nicht, in der Sonne zu sitzen, während andere Leute danach spähten, was er las.

»Du kannst im Hotel lesen«, sagte sie. »Wir könnten uns zum Mittagessen wiedertreffen. Siesta halten. Miteinander schlafen. Am Abend ins Theater.«

»Du hast dir das schon ganz genau überlegt, stimmt’s?«

»Jep. Wir müssen deinen Pass verlängern lassen.«

»Echt?«

»Er ist abgelaufen.«

»Tatsächlich? Wann?«

»Vor zweieinhalb Jahren.«

Er rieb sich den Kopf. »Okay. Scheiß drauf. Machen wir’s.«

Sie lachte und umarmte ihn und sie liebten sich, als wären sie schon im Urlaub.

Das war fast ein Jahr her.

Jetzt steht er erschöpft in der Küche, kurz nach sechs Uhr morgens, benommen vom Schlafmangel, und stellt zwei Schüsseln Müsli auf die Frühstückstheke – ein Nachtimbiss für ihn, Frühstück für sie. Er sagt: »Ich wollte sie heute fragen.«

Er meint seine Vorgesetzte, Detective Superintendent Teller.

Zoe formt mit den Fingern und dem Daumen einen Mund: bla bla bla. Alles schon mal gehört.

Luther nimmt eine Müslischüssel, kehrt ihr den Rücken zu, schaufelt sich Cornflakes in den Mund. »Ian ist verletzt, weißt du.«

Er lässt ihr einen Moment Zeit. Schämt sich.

»O Gott«, sagt sie. »Schlimm?«

»Nicht so schlimm. Ich hab ihn aus der Notaufnahme abgeholt und nach Hause gefahren.«

»Was ist passiert?«

»Er wurde überfallen. Wir wissen nicht sicher, von wem. Aber sie haben ihn ziemlich übel zusammengeschlagen. Uns fehlt also ein Detective.«

»Okay«, sagt sie, erleichtert, dass es Ian gut geht. »Aber das heißt nicht, dass du es ihr nicht sagen kannst, oder? Sie wird sowieso ein paar Wochen Zeit brauchen, um eine Vertretung für dich zu organisieren. Das weißt du. Dass Ian im Krankenhaus war, ist keine Entschuldigung.«

»Nein, ist es nicht«, antwortet er. »Du hast recht.«

»Also sagst du es ihr?«

»Ja.«

»Im Ernst«, bittet sie. »Sag es ihr.«

Sie fleht ihn an. Aber es geht nicht um den Urlaub. Es geht um etwas anderes.

Manchmal hat Zoe Eingebungen, die sie für übersinnliche Visionen hält. Oft kommt er darin vor. Vor zwei Nächten schrie sie im Schlaf auf. »Markiert«, rief sie.

Er wollte sie fragen, was das bedeute. Was war markiert? Was hatte sie in jenem geheimnisvollen Moment hinter geschlossenen Lidern gesehen?

Er sagt: »Ja. Ich frage sie. Versprochen.«

»Denn sonst …, John«, droht sie. »Im Ernst.«

»Denn sonst was?«

»Du kannst nicht so weitermachen«, sagt sie. »Es geht einfach nicht.«

Er weiß, dass sie recht hat.

Er schleppt sich gerade nach oben zur Dusche, als sein Handy klingelt. Er schaut auf das Display: Teller, Rose.

Er nimmt den Anruf entgegen, hört zu.

Sagt ihr, er werde so schnell wie möglich da sein. Dann wäscht er sich das Gesicht, putzt sich die Zähne, zieht ein sauberes Hemd an. Er küsst seine Frau.

»Ich frag sie heute«, sagt er und meint es ehrlich. »Ich frag sie noch heute Morgen.«

Dann fährt er los zum Tatort.

 

3

Er muss etwas entfernt parken und zu Fuß zum Tatort gehen.

Der Morgen ist feucht und kühl, er spürt ihn in den Knien. Er glaubt, das kommt von all dem Bücken, all dem Ducken unter Türen und Absperrband; ein halbes Leben hat er damit verbracht, sich in Räume hineinzuzwängen, die viel zu eng für ihn sind.

Die Sonne geht gerade auf, aber Beamte in Zivil und in Uniform führen bereits eine Befragung der Nachbarschaft durch. Neugierige Anwohner stehen blinzelnd in Eingangstüren, tragen Jogginghosen und Nachthemden. Einige werden die Polizei hineinbitten, niemand wird etwas gehört oder gesehen haben. Aber alle werden das Gefühl haben, etwas Finsterem und Unergründlichem entkommen zu sein, etwas, das an ihnen vorbeigeglitten ist wie ein Hai auf Beutezug.

Das Haus ist von Absperrband umgeben. Zweieinhalb Stockwerke, zweiflügelige viktorianische Doppelhaushälfte. Wahrscheinlich anderthalb Millionen.

Luther drängt sich zwischen den Schaulustigen hindurch, den Hobbyjournalisten, die iPhones hochhalten, nicht um hineinzuschreien, sondern um zu filmen; er stößt die echten, altmodischen Journalisten zur Seite. Er zeigt dem Einsatzleiter seine Dienstmarke, seine Anwesenheit wird vermerkt, dann duckt er sich unter das Band.

Detective Superintendent Rose Teller kommt auf ihn zu, um ihn zu empfangen. Eins zweiundsechzig, zarte Statur, hartes Gesicht. Teller hat den verkniffenen Ausdruck beibehalten, den sie sich als junge Frau angewöhnt hat, um sich dem Weltbild höher stehender Beamter anzupassen, Männern, die Charme für Frivolität hielten. Sie trägt einen Schutzanzug, Überschuhe.

»Morgen, Chefin. Was liegt an?«, fragt er.

»Was ziemlich Übles.«

Luther klatscht in die Hände, reibt sie kräftig aneinander. »Haben Sie vorher einen Augenblick Zeit? Ich muss Sie um einen Gefallen bitten.«

Sie wirft ihm einen vielsagenden Blick zu. Sie trägt nicht umsonst den Spitznamen »die Herzogin«.

»Da haben Sie sich aber wirklich den allerbesten Moment ausgesucht, was?«, sagt sie.

»Später«, lenkt er ein, er hat den Wink verstanden. »Wann immer es Ihnen passt. Dauert nicht lang.«

»Okay. Gut.«

Sie schnippt mit den Fingern, und Detective Sergeant Isobel Howie eilt herbei, ordentlich in ihrem weißen Ganzkörper-Schutzanzug, das rotblonde Haar trägt sie kurz und stachelig. Howie ist Polizistin in zweiter Generation, spricht nicht gerne darüber. Irgendein Problem mit ihrem Vater.

Sie nickt Luther grüßend zu, reicht ihm eine Mappe.

»Die Opfer sind Tom und Sarah Lambert. Er ist achtunddreißig, sie dreiunddreißig.« Sie zeigt ihm Fotos: Mr Lambert ist dunkelhaarig, gut aussehend, durchtrainiert. Mrs Lambert blond, sportlich, sommersprossig. Umwerfend.

»Mr Lambert ist Sozialpädagoge. Arbeitet mit verhaltensgestörten Jugendlichen.«

»Was eine Menge Leute mit emotionalen und geistigen Problemen bedeutet«, sagt Luther. »Und Mrs Lambert?«

»Sie ist Eventmanagerin, organisiert Hochzeiten und Partys, so was eben.«

»Erste Ehe?«

»Erste Ehe für beide. Keine eifersüchtigen Expartner, soweit uns bekannt ist, keine einstweiligen Verfügungen. Nichts dergleichen.«

»Wie ist der Mörder reingekommen?«

»Durch die Eingangstür.«

»Was? Er ist einfach reinspaziert?«

Howie nickt.

»Um wie viel Uhr war das?«, fragt Luther.

»Der Notruf ist etwa um vier eingegangen.«

»Wer hat angerufen?«

»Ein Mann, war mit dem Hund draußen, hat keinen Namen genannt. Gab an, Schreie zu hören.«

»Ich muss mir die Aufnahme anhören.«

»Das lässt sich machen.«

»Und die Nachbarn? Haben die keine Schreie gemeldet?«

»Sie haben angeblich keinen Mucks gehört.«

»Keine Autos? Keine zuschlagenden Türen?«

»Nichts.«

Er dreht sich wieder zur offenen Haustür.

»Also, wer hat Ersatzschlüssel? Nachbarn, Babysitter, Mütter, Väter, Cousins? Hundesitter, Haussitter, Putzfrau?«

»Wir überprüfen das alles.«

»Okay.«

Luther nickt in Richtung Hauseingang. Howie folgt seinem Blick, sieht ein in die Wand eingesetztes Plastikgerät mit Tasten. Ein rotes Lämpchen blinkt. Kläfft wie ein stimmloser Hund. Ein Einbruchalarm.

Howie gibt Luther nickend ein Zeichen, führt ihn über die Trittplatten, die die Spurensicherung um das Haus herum gelegt hat.

Nahe des Regenrohrs steckt Luther die Hände tief in die Manteltaschen; das verringert die Versuchung, Dinge anzufassen. Er geht in die Hocke, nickt in Richtung des Punkts, wo das Telefonkabel durchtrennt wurde. Dann nimmt er eine Hand aus der Tasche und mimt eine Schere. Die Schnittstelle ist nahe am Boden, halb verdeckt vom dürren Stadtgras, das um das Ende des Regenrohrs wächst.

»Er hat also einen Schlüssel. Er weiß auch, dass sie eine Alarmanlage haben. Und er weiß, wie man sie deaktiviert.« Er steht auf, dreht den Kopf, um seinen steifen Nacken zu lockern. »Wir müssen herausfinden, wer die Alarmanlage installiert hat. Beginnen Sie mit dem Lieferanten, dem Typen, der sie tatsächlich eingebaut hat. Ich habe so was schon erlebt. Wenn Sie mit ihm kein Glück haben, gehen Sie zu der Sicherheitsfirma, die ihn beschäftigt. Überprüfen Sie jeden. Rechnungsabteilung, IT-Abteilung, den Chef, seinen persönlichen Assistenten. Das Verkaufsteam. Alle. Wenn Sie nicht weiterkommen, weiten Sie die Suche aus. Überprüfen Sie die Ehefrauen der Angestellten. Und hoffen Sie, dass Sie damit Erfolg haben. Denn wenn nicht …«

Er lässt das so stehen, betrachtet den durchgeknipsten Draht im bleichen Gras, hat dieses Gefühl.

Howie neigt den Kopf und sieht Luther auf seltsame Weise an. Sie hat leichte Sommersprossen auf den Wangen, die sie jünger aussehen lassen, ihre Augen sind grün.

Er blickt über ihre Schulter, und da steht Teller, die ihn auf dieselbe Weise ansieht.

»Okay«, sagt er. »Schauen wir uns drinnen um.«

Howie sammelt sich, holt Luft, hält sie eine Sekunde lang an. Dann führt sie Luther zurück über die Trittplatten, vorbei an den Beamten der Spurensicherung und den uniformierten Polizisten ins Haus.

Es ist ein Haus der wohlhabenden Mittelklasse: Familienfotos, alte Tische, Dielenboden, folkloristisch angehauchte Teppiche.

Es herrscht ein heißer, schwarzer Zoogestank, der nicht an diesen hellen, sauberen Ort gehört.

Er geht die Treppe hinauf. Will nicht, lässt es sich aber nicht anmerken. Schleppt sich den Flur entlang.

Er betritt das Schlafzimmer.

Es ist ein Schlachtfeld.

Tom Lambert liegt nackt auf der Seegrasmatte. Er wurde von der Kehle bis zum Schambein aufgeschlitzt. Luthers Blick gleitet über ein Durcheinander aus nassen Eingeweiden.

Mr Lamberts Augen sind offen. Seine toten Hände stecken in forensischen Tüten. Der Penis und die Hoden wurden ihm abgeschnitten und in den Mund gestopft.

Luther spürt, wie der Boden unter ihm schwankt. Er betrachtet die Blutspritzer, den blutgetränkten Teppich.

Er steht mit gesenktem Kopf und den Händen in den Taschen da und versucht Tom Lambert zu sehen, achtunddreißig, Jugendberater, Ehemann. Nicht diese Masse von Grausamkeiten.

Ihm ist bewusst, dass Howie hinter ihm steht.

Er atmet langsam und tief ein, dann dreht er sich zum Bett um.

Darauf ausgebreitet liegt der Körper, der bis vor kurzem Sarah Lambert war.

Mrs Lambert war in der Mitte des achten Monats schwanger. Es sieht aus, als wäre sie geplatzt.

Er zwingt sich, hinzusehen.

Er will zurück in sein sauberes Zuhause, duschen und unter eine frisch gewaschene Decke schlüpfen. Er will sich zusammenrollen und schlafen und aufwachen und mit seiner Frau zusammen sein, in Jogginghose und T-Shirt fernsehen, sich zärtlich über Politik zanken. Er will mit ihr schlafen. Er will in einem sonnigen, ruhigen Zimmer sitzen und ein gutes Buch lesen.

Mrs Lambert trägt noch die Überreste eines Babydoll-Nachthemds, wahrscheinlich das scherzhafte Geschenk einer jungen Kollegin. Es muss sich über ihrem dicken Bauch lächerlich gespannt haben, der hohe Saum muss noch höher gerutscht sein.

Sie hatte schöne Beine, auf denen sich schwangerschaftsbedingte Krampfadern abzeichnen.

Luther stellt sich vor, wie Mr Lamberts Fingerspitzen den weichen, braunen Streifen nachzeichnen, der von Mrs Lamberts Schamhaar über die Halbkugel ihres Bauches bis zu ihrem hervorstehenden Nabel verlaufen war.

Er wendet sich ab von der Ungeheuerlichkeit auf dem Bett, vergräbt die Hände tiefer in den Taschen. Ballt sie zu Fäusten.

Auf dem Boden nicht weit von seinen Füßen, markiert mit gelben Beweisfähnchen, liegt Sarah Lamberts Plazenta. Er starrt darauf. »Was ist mit dem Baby geschehen?«

»Das ist es ja, Chef«, antwortet Howie. »Wir wissen es nicht.«

»Ich ziehe Boss vor«, sagt er stirnrunzelnd, fast völlig geistesabwesend. »Nennen Sie mich Boss.«

Er wendet sich von Howie weg und geht hinunter.

In der Küche fällt ihm ein Blatt auf, das aus einer Zeitschrift herausgerissen und mit einem Magnet-Teddybären in Grenadier-Guards-Uniform an den Kühlschrank gehängt worden war.

 

Zehn Fehler, die Sie davon abhalten, glücklich zu sein

 

1) Wenn Sie etwas wirklich tun wollen, warten Sie nicht, »bis Sie Zeit haben«. Wenn Sie warten, werden Sie sie nie haben!

2) Wenn Sie unglücklich sind, ziehen Sie sich nicht zurück. Greifen Sie zum Telefon!

3) Warten Sie nicht darauf, dass etwas perfekt wird. Wenn Sie warten, bis Sie schlank genug oder verheiratet genug sind, könnten Sie vielleicht ewig warten!

4) Sie können andere nicht zwingen, glücklich zu sein.

5) Aber Sie können ihnen dabei helfen.

 

Er starrt lange, lange auf diese Liste.

Die Tür zum Gärtchen hinter dem Haus ist offen, Kälte und Nässe dringen herein.

Irgendwann geht er durch die Tür, zieht dabei den Kopf ein.

Teller ist draußen, sitzt auf der niedrigen Gartenmauer und nippt an einem großen Pappbecher mit Kaffee. Sie sieht müde und abgespannt aus. Das fahle Licht der Morgensonne scheint durch ihre Brille; er kann einen Daumenabdruck auf einem der Gläser erkennen.

Sie trinkt den Kaffee aus und ruft »hey!«, um die Aufmerksamkeit eines jungen Detective Constable auf sich zu lenken. »Schmeißen Sie das in den Müll, Sherlock.« Sie wirft ihm den leeren Becher zu.

Luther setzt sich neben sie, verkriecht sich in seinen Mantel. Als er auf ihren Scheitel hinunterschaut, überkommt ihn eine Welle der Zärtlichkeit. Er liebt Rose Teller dafür, wie tapfer sie durch die Welt marschiert.

Sie sagt: »Also, was wollten Sie mich fragen?«

»Nichts.«

»Sind Sie sicher?«

»Es hat Zeit.«

»Gut.«

Sie steht auf, bohrt sich eine Faust ins Kreuz. Dann führt sie ihn zum Gerichtsmediziner.

Fred Penman ist ein Hüne von Mann in einem dreiteiligen Nadelstreifenanzug. Breite, graue Koteletten, das weiße Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden.

Er würde gerne eine Rothmans paffen, aber er darf nicht, nicht mehr. Stattdessen kaut er auf einer Plastikzigarette herum, dreht sie im Mund wie einen Zahnstocher.

Luther spürt die Kälte, als er Penman die Hand schüttelt und ihn mit einem Nicken begrüßt. Das Adrenalin lässt nach. Er muss bald etwas essen, sonst wird er anfangen zu zittern.

Er fragt: »Also, wie stehen die Chancen des Babys? Im schlimmsten Fall.«

Penman nimmt die Ersatzzigarette aus dem Mund. »Was heißt ›im schlimmsten Fall‹ in solch einer Situation?«

Luther zuckt mit den Schultern. Er weiß es nicht.

»Sie haben da einen gesunden Fötus im fortgeschrittenen Stadium«, sagt Penman. »Und Sie haben einen Irren, der Ahnung davon hat, was er oder sie tut: Er hat Mrs Lamberts Bauch Schicht für Schicht aufgeschnitten. Er hat saubere, scharfe Instrumente benutzt. Also würde ich sagen, das Baby könnte erfolgreich herausgeholt worden sein.«

»Mit ›erfolgreich‹ …«

»Meine ich ›lebend‹, jawohl.«

»Und wie lange wird es leben?«

»Angenommen, es bekommt angemessene Nahrung und Wärme. Aber das ist nur meine ganz persönliche Meinung, das ist Ihnen klar?«

Luther nickt.

Penman sieht niedergeschlagen aus. Er ist Großvater. »Wir halten Babys für schwach«, sagt er. »Wegen der Instinkte, die sie in uns wecken, unbewusst, sehr stark. In Wirklichkeit können sie zähe Scheißerchen sein. Kämpferische kleine Überlebensmaschinen. Viel zäher, als man denkt.«

Luther wartet. Schließlich sagt Penman: »Geben wir ihm achtzig Prozent.«

Luther steht stumm und regungslos da.

»Ding dong. Jemand zu Hause?«, fragt Penman.

»Ja. Tut mir leid.«

»Ich dachte einen Moment lang, wir hätten Sie verloren.«

»Ich überlege nur gerade, was ich von Ihrer Antwort halten soll.«

»Beten Sie zu Gott, dass das Kind von einer Frau entführt wurde.«

»Und wieso das?«

»Wenn eine Frau es entführt hat, dann wenigstens in der Absicht, sich darum zu kümmern.«

Er verstummt. Kann nicht weitersprechen.

»Das war keine Frau«, entgegnet Luther. »Frauen attackieren andere Frauen nicht zu Hause im Bett mit ihren Ehemännern.«

Penman stößt ein lang gezogenes, dumpfes Pfeifen aus. »Wir haben schon zu viel gesehen«, sagt er. »Für solche Gedanken dürften wir gar keinen Platz in unseren Köpfen haben.«

Dann steckt er sich die Plastikzigarette wieder in den Mund, kaut darauf herum, schiebt sie von einer Seite zur anderen. Er klopft Luther auf den Arm und sagt: »Ich werde an Sie denken.«

Luther dankt ihm, dann geht er zurück zu DS Howie.

Sie wartet beim Absperrband auf ihn.

Sie gehen durch die sich langsam auflösende Menge, die Leute hinten müssen sich auf die Zehenspitzen stellen.

Sie erreichen den schmuddeligen Volvo. Luther wirft Howie seinen Schlüssel zu.

Im Auto ist es kalt, es riecht ein bisschen nach Fast Food und verrotteter Polsterung.

Howie lässt den Motor an, guckt, wie die Heizung funktioniert. Dreht sie voll auf. Sie ist laut.

Luther schnallt sich an. »Haben die Opfer irgendwelchen Dreck am Stecken?«

»Es ist noch zu früh, um das zu sagen, aber ich denke nicht. Soweit uns bekannt ist, haben sie sich wirklich geliebt. Die einzige Trübsal war anscheinend ein Fruchtbarkeitsproblem.«

»Und? Haben sie eine künstliche Befruchtung machen lassen?«

»Das ist ja das Komische, Chef.«

»Boss.«

»Das ist ja das Komische, Boss. Fünf Jahre lang künstliche Befruchtungen. Kein Glück. Dann geben sie auf, weil sie es für aussichtslos halten, fangen an, über Adoption nachzudenken. Mrs Lambert hört vor zwölf oder dreizehn Monaten mit den künstlichen Befruchtungen auf. Und dann – bingo. Sie ist schwanger.«

»Sind sie gläubig?«

»Mrs Lambert ist in der Church of England, also nein. Mr Lambert scheint sich für Buddhismus und Yoga interessiert zu haben. Hat es eine Weile mit makrobiotischer Ernährung versucht.«

»Ist sein Vater früh gestorben?«

Howie sieht in den Unterlagen nach. »Steht hier nicht.«

»Wenn Männer sich dem Alter nähern, in dem ihr Vater gestorben ist, fangen sie an, über Ernährung und Sport nachzudenken. Mr Lambert war ziemlich gut in Form.«

»Mehr als ziemlich gut. Spielte Tennis. Squash. Er mochte Fechten, Mountainbikefahren. Ist ein, zwei Marathons gelaufen. Er war ganz schön muskulös.«

»Sonst noch was?«

»Wir haben das mit der Alarmanlage überprüft«, sagt sie. »Tom Lambert benutzte sie sehr häufig in dem Jahr, als sie eingebaut wurde, dann immer seltener. Das ist ein recht typisches Verhaltensmuster, wahrscheinlich trifft es auf vier von fünf Leuten zu, die eine installiert haben. Der Gebrauch geht fast bis auf null zurück. Dann, vor vier, fünf Monaten, fängt er an, sie wieder einzuschalten.«

»Das muss nichts heißen«, meint Luther. »Mrs Lambert war schwanger. Manchmal werden Männer besonders wachsam, wenn ihre Partnerin ein Kind erwartet. Das bringt den Höhlenmenschen in uns zum Vorschein.«

»Oder«, entgegnet Howie, »vielleicht war er wegen etwas Bestimmtem beunruhigt. Etwas, was er gesehen oder gehört hatte.«

»Meinen Sie, bei der Arbeit?«

»Sie haben es selbst gesagt: die Leute, mit denen er jeden Tag zu tun hat.«

Luther nickt ihr zu. Erfreut gibt sie die Adresse ins Navi ein.

Während sie fährt, fragt Luther: »Kann ich die Aufnahme des Notrufs hören?«

Sie tätigt einen Anruf, reicht ihm ihr Handy.

Er hört zu.

 

Zentrale: Polizeinotruf

Anrufer: Ja, ich möchte was echt Komisches melden. Ich bin mit meinem Hund die Bridgeman Road langgelaufen. Da hab ich so ein Geräusch gehört. Und ich hab was echt Krasses gesehen.

(Tippgeräusche)

Zentrale: Und wie ist Ihr Name?

Anrufer: Will ich nicht sagen. Muss ich?

Zentrale: Nein, müssen Sie nicht. Was haben Sie gesehen?

Anrufer: Einen Mann. Der ist irgendwie aus so ’nem Haus rausgeschlichen.

Zentrale: Haben Sie einen Einbruch beobachtet?

Anrufer: Ich weiß nicht. Er hat nicht ausgesehen wie ein Einbrecher. Er war zu alt für einen Einbrecher.

Zentrale: Wie alt war er?

Anrufer: Um die vierzig? Keine Ahnung. Ein etwa vierzigjähriger Mann.

(Tippen)

Zentrale: In Ordnung. Beruhigen Sie sich. Was hat er gemacht?

Anrufer: Ich weiß nicht. Er hatte was dabei. Er hatte so was wie ein Bündel bei sich. Er war voller Blut. Blut im Gesicht und so. Er ist irgendwie die Crosswell Street langgerannt, mit dem Bündel im Arm. Es hat echt schlimm ausgesehen. Hat richtig, richtig schlimm ausgesehen.

Zentrale: In Ordnung, die Polizei ist unterwegs. Können Sie dranbleiben?

Anrufer (schluchzt): Nein, geht nicht. Geht nicht. Sorry. Ich muss los. Ich muss jetzt los.

Luther hört es sich dreimal an. »Haben wir die Nummer zurückverfolgt?«

»Es ist die Nummer eines Handys, das ein Robert Landsberry, Lyric Mews, Sydenham, als gestohlen gemeldet hat. Vor zwei Tagen.«

»Hat Mr Landsberry irgendeine Vermutung, wer sein Handy geklaut hat?«

»Nein, gar nicht. Aber wir werden ihn später noch einmal befragen. Er ist nicht einmal sicher, wann genau es verschwunden ist.«

»Und was schließen wir daraus? Vielleicht, dass der Anrufer ein Einbrecher auf Beutezug ist? Oder jemand, der ein Ding drehen, jemandem eins auswischen will?«

Howie zuckt mit den Schultern.

Luther kaut während der Fahrt auf seiner Lippe herum. »Und das ist unser einziger Zeuge?«, fragt er.

»Wenn er nicht angerufen hätte«, antwortet Howie, »würden die Lamberts noch immer dort liegen. Niemand würde etwas ahnen.«

Luther schließt die Augen und geht die Checkliste durch: Freunde und Familie genauer überprüfen. Außereheliche Affären. Wurde das Kind mit Spendersamen gezeugt? Gab es Geldsorgen? Rivalitäten am Arbeitsplatz?

Wenn sie nicht schnell zu einem Ergebnis kommen, wird das Problem nicht ein Mangel an Informationen sein, sondern eine überwältigende, exponentiell wachsende Menge davon.

Er seufzt und ruft den besten Forensik-Techniker an, mit dem er je zusammengearbeitet hat.

»John Luther«, sagt Benny Deadhead am anderen Ende der Leitung. »Ich fass es nicht.«

Sein richtiger Name ist Ben Silver, aber niemand nennt ihn so. Nicht einmal seine Mutter.

»Benny«, beginnt Luther. »Wie steht’s bei der Sitte?«

»Deprimierend. Was Menschen einander alles antun.«

Luther lässt das unkommentiert. Er fragt: »Sag mal, wie sieht’s aus mit deinem Arbeitspensum?«

»Nicht zu bewältigen.«

»Irgendwas Dringendes?«

»Na ja, kommt drauf an, was du mit dringend meinst.«

»Ich meine, dass ich deine Hilfe bei einem wirklich üblen Fall brauche. Wenn ich meine Chefin bitte, deinen Chef zu fragen, ob ich dich ausleihen kann, wie wäre das?«

»Bin schon dabei, meine Sachen zu packen«, antwortet Benny.

4

Bis gestern war Anthony Needham Tom Lamberts Partner in einer kleinen Zwei-Mann-Beratungsstelle in der Nähe des Clissold Parks.

Needham ist Mitte dreißig, trägt ein bordeauxrotes Hemd, maßgeschneidert, und eine graue Hose, das Haar akkurat gegelt. Er ist braungebrannt, durchtrainiert und sportlich. Teure Uhr. Er entspricht nicht im Geringsten Luthers Vorstellung von einem Therapeuten. Neben ihm fühlt Luther sich schmutzig und krank.

Das Zimmer ist so eingerichtet, dass es gemütlich wirkt: drei bequeme Sessel in einem Halbkreis, niedrige Bücherregale. Ein Schreibtisch, leer bis auf einen Laptop und ein paar gerahmte Fotos von Needham, wie er an einem Ironman-Triathlon teilnimmt: Er rennt mit einem Mountainbike auf der Schulter, verzieht gequält das schlammverschmierte Gesicht.

Needham macht das Fenster auf, es klemmt und lässt sich nur schwer öffnen. Stadtgeräusche dringen zu ihnen herein, der Geruch des Verkehrs und der Geruch des Winters.

Luther schlägt die Beine übereinander und faltet die Hände auf dem Schoß, um die nervliche Anspannung unter Kontrolle zu bringen. Howie beobachtet Needham mit stillem Ernst. Sie hat ihr Notizbuch vor sich und einen Stift in der Hand.

Needham öffnet die unterste Schreibtischschublade und holt ein platt gedrücktes, ramponiertes Päckchen Zigaretten heraus. Er kramt in der Schublade herum, bis er ein Einwegfeuerzeug findet. Dann zündet er sich eine Zigarette an und nimmt einen Zug.

Er muss trocken würgen und tut dies diskret, lehnt sich mit der Zigarette zwischen zwei Fingern ans Fensterbrett.

Er drückt die Zigarette nach dem einen Zug aus, kommt bleich und triefäugig zurück. Er setzt sich in den dritten bequemen Sessel, verschränkt die Hände auf dem Schoß.

Luther lässt ihm Zeit, es zu begreifen. Blättert eine Seite in seinem Notizbuch um, gibt vor, einen früheren Eintrag zu lesen.

»Mein Gott«, sagt Needham schließlich. Er ist Australier.

»Tut mir leid«, sagt Luther. »Ich weiß, es ist schwer zu verarbeiten. Aber leider sind diese ersten paar Stunden nach der Tat entscheidend.«

Needham reißt sich zusammen. Luther gefällt das.

Needham schluckt, dann löst er die Finger und macht eine Geste, die so viel bedeutet wie: Fragen Sie ruhig.

»Also«, beginnt Luther. »Sie haben hier mit einigen schwer verhaltensgestörten jungen Leuten zu tun. Gewalttätigen Leuten, vermutlich.«

»Sie wissen doch, dass das unter die ärztliche Schweigepflicht fällt?«

»Ja, das weiß ich.«

»Dann weiß ich nicht, was Sie von mir hören wollen.«

»Ganz allgemein – wissen Sie, ob Mr Lambert wegen eines seiner Patienten besorgt war?«

»Nicht mehr als sonst.«

»Was heißt das?«

»Sie haben es selbst gesagt. Wir haben mit vielen verhaltensgestörten jungen Leuten zu tun.«

»Kann ich in dieser Sache ehrlich zu Ihnen sein? Das war kein zufälliger Angriff. Das war ein sehr gewalttätiges, sehr persönliches Verbrechen.«

Needham ändert die Position in seinem Sessel. »Ich kann Ihnen nur sagen, dass Tom wegen einiger seiner Patienten in erhöhter Besorgnis war.«

»Besorgnis welcher Art?«

»Würde eine Beratung ihnen tatsächlich helfen? Könnte er sie tatsächlich davon abbringen, andere zu schikanieren? Würde einer von ihnen einmal zu oft die Beherrschung verlieren?«

»Kommt das vor? Verlieren sie hier drin die Beherrschung?«

»Es handelt sich um wütende junge Männer. Selbstbeobachtung liegt nicht in ihrer Natur, aber wir ermutigen sie, sich schwierigen persönlichen Problemen zu stellen. Das kann hart sein.«

»Probleme wie Gewalttätigkeit?«

»Und üblicherweise die Geschichte der Misshandlung, die dazu geführt hat.«

»Viele Kinder werden misshandelt«, sagt Luther. »Das gibt ihnen nicht das Recht, anderen wehzutun.«

»Das hat auch niemand gesagt.« Needham reagiert so unendlich geduldig wie jemand, der diesen Einwand schon tausendmal gehört hat. »Im Leben geht es um Entscheidungen. Wir versuchen, ihnen das Handwerkszeug zu geben, um bessere Entscheidungen zu treffen.«

Luther schaut in seine Notizen, um den Blickkontakt zu unterbrechen. »Also keine speziellen Sorgen? Keine Drohungen, keine komischen Anrufe?«

»Nichts, was er mir mitgeteilt hätte.«

»Er hat nicht etwas mehr getrunken? Sich vielleicht irgendwie selbst behandelt? Schlaftabletten? Zigaretten?«

»Nein. Nichts dergleichen.«

Howie schaltet sich ein. »Was ist mit jungen Frauen?«

Needham wendet sich ihr zu. »Nicht Tom.«

»Ich meine, behandeln Sie in dieser Praxis junge Frauen?«

»Glauben Sie, eine Frau hat das getan?«

»Es ist möglich«, sagt Luther.

»Tom ist ein starker Mann. Er ist durchtrainiert. Eine Frau. Das ist einfach …«

Stille breitet sich aus. Die Uhr tickt.

»Ja, wir behandeln auch Frauen«, sagt Needham. »Aber ich weiß nicht. Es kommt mir irgendwie merkwürdig vor. Wieso eine Frau?«

»Wir versuchen nur, alle Möglichkeiten in Betracht zu ziehen.« Luther steckt seinen Notizblock in die Tasche. »Nur noch eins: Kennen Sie irgendjemanden, der einen Hausschlüssel der Lamberts haben könnte?«

»Ich fürchte nein. Tut mir leid. Wahrscheinlich ihre Putzfrau. Aber mehr weiß ich nicht.«

Luther bedankt sich und steht auf. Howie folgt einen halben Schritt hinter ihm.

Needham führt die beiden hinaus. An der Tür fragt er: »Werden Sie den Mann schnappen?«

»Wir tun, was wir können.«

»Nun, ich möchte nicht unhöflich sein, aber das klingt für mich wie typisches Polizeigerede.«

Luther zögert, lässt Howie den Vortritt.

Sie fragt: »Mr Needham, haben Sie irgendeinen Grund zur Sorge um Ihre eigene Sicherheit?«

»Objektiv betrachtet wahrscheinlich nicht mehr als sonst. Aber ich habe Frau und Kinder, wissen Sie. Ich bin auch nur ein Mensch.«

»Dann helfen Sie uns. Zeigen Sie uns Tom Lamberts Patientenakten.«

»Das kann ich selbstverständlich nicht machen.«

»Das wissen wir«, sagt Howie. »Natürlich. Aber halten Sie es wirklich für moralisch vertretbar, die Sicherheit Ihrer Kinder aufs Spiel zu setzen?«

Needham betrachtet sie mit prüfendem Blick.

Howie erwidert ihn.

Leise sagt Luther: »Wer immer das getan hat, ist in das Haus eingedrungen, während Tom und Sarah schliefen. Er hat Toms Genitalien abgeschnitten und ihn damit erstickt. Er hat Sarahs Bauch aufgeschlitzt, und er hat ihr Baby entführt. Das Baby lebt vielleicht noch. Wir wissen beide, was Mr und Mrs Lambert durchgemacht haben, um dieses Kind zu zeugen. Wenn Sie ihnen helfen wollen, Mr Needham, dann helfen Sie mir, es zu finden – bevor wer immer der Entführer ist tut, was auch immer er damit vorhat.«