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Josh Weil

Titel

Roman

Aus dem Englischen
von Stephan Kleiner

Für meinen Bruder

Nischi

Immer schon war die Insel dort draußen gewesen, so weit draußen hinter so viel bewegtem Wasser, weit hinter der letzten grauen Welle, dem ächzenden Eis, wenn es eiste, dem Nebel, wenn es neblig war, so weit entfernt in der Mitte eines so riesigen Sees, dass Nischi – diese Kirche aus Zehntausenden von Holzpflöcken, jeder so schmal wie die Fingerknochen eines kleinen Jungen; diese mit Holzschindeln bedeckten Kuppeln, umgestülpten Kreiseln gleich, die sich auf dem Boden des Himmels drehten; die schwarzen Roben der Priester, die im Wind schnalzten, ihre Bärte, die sich mit den Wolken bauschten, ihr Gemurmel, unablässig wie das Klatschen der Wellen, die ans Ufer spülten –, dass all das in ihren ersten neun Jahren nur ein weiteres der Märchen hätte sein können, die Djadja Awja ihnen erzählte.

Und dann, eines Tages, als das Eis des Sees gebrochen war und die Gänse zurückgekehrt waren, stahlen zwei Brüder, Zwillinge, ein kleines Boot und ruderten gemeinsam auf Nischi zu …

»Auf den See hinaus«, sagte Dima.

»Um den Tschudo-Judo zu jagen«, sagte Jarik.

»Bis sie ihn fanden.«

»Und ihn töteten.«

Sie waren zehn Jahre alt – Dmitri Lwowitsch Schuwow und Jaroslaw Lwowitsch Schuwow –, und sie waren noch nie so weit draußen auf dem See gewesen, noch nie so verloren, so auf sich allein gestellt. Das Wasser um sie herum war weit wie ein zweiter Himmel, der sich unter dem tatsächlichen Himmel verfinsterte, das Ruderboot eine Mondsichel, die auf den Wellen blitzte. Darin saßen sie Seite an Seite, die Hände in den Taschen ihrer Mäntel vergraben, und lehnten sich mit jedem Schwanken der Barke leicht aneinander.

»Oder vielleicht ist er auch heraufgekommen«, sagte Dima, »und hat das Boot zerquetscht.«

»Und sie sind ertrunken«, sagte Jarik.

»Oder«, sagte Dima, »er hat sie gefressen.«

Sie grinsten – dasselbe Grinsen zur selben Zeit, so als würde die Wange des einen an den Lippen des anderen zupfen.

»Oder«, begann Jarik.

Und Dima schloss: »Sie starben.«

Sie verstummten.

Das tiefe Geräusch des Seewassers, das gegen den metallenen Rumpf klatschte. Die schrillen, kleinen Schreie der Raubmöwen: schwarze Flecken, die vor einem erfrorenen Himmel wirbelten. Aber keine hölzernen Blätter, die klappernd gegen die Flanken des Ruderbootes schlugen. Keine abgewetzten Schafte, die in den Dollen knarrten. Vor Stunden hatten sie die Ruder verloren.

Jetzt ging das letzte Licht verloren. Das Boot war so weit auf den Ozewa-See hinausgetrieben, dass sie das Ufer nicht länger erkennen konnten. Doch da war die Insel. Ihr ganzes Leben lang hatte sie irgendwo außerhalb ihres Sichtfeldes gelegen, und nun betrachteten sie sie: ein ferner, grauer Schemen, der sich verdunkelte, als sögen die Wurzeln seiner unbekannten Gehölze die Nacht aus der Erde herauf. Schwärzlich ragte sie aus dem fernen Wasser auf, unerreichbar wie der Rücken eines Wales. Und hinter ihr erstreckte sich der See. Und ringsherum: der See. Und unter ihnen das Schaukeln seiner Wellen.

Zu ihren Füßen schabten die Werkzeuge, die sie mitgenommen hatten, über den Boden des Ruderbootes: Axt, Beil, Hackmesser, Spitzhacke. Jedes frisch geschliffen. Im Bug, hinter ihren Rücken, schwang die mondhelle Klinge eines Buschhakens vor dem Himmel hin und her. Darunter ein Gewölk aus Netzen. Und dort hineingebettet, damit sie nicht zerbrachen, in wollene Decken gehüllt, um das Leben darin zu wärmen: zwei Dutzend Eier, ein trächtiges Nest voller dottergelber Seelen. Aus dem Heck stach die Angelrute hervor, die Wellen verwandelten die Leine in eine Lippe, die sich spannte und lockerte und spannte und lockerte, während sie tief, tief, tief in den schwarzen Bauch des Sees hineinragte, wo ihr riesiger Haken hing und daran die rote Faust eines frischen Gänseherzen.

Weit draußen auf dem Wasser, weit jenseits der Insel, berührte der Saum des Sees das Ende der Welt, und an dieser Stelle war der Himmel eine dünne rote Linie, gemalt von einem Blutstropfen. Dann war er nur noch eine Linie. Dann war die Linie verschwunden, und es blieb nur die Finsternis der Erde, die die Finsternis des Himmels berührte, und die Jungen standen in dem schwankenden Boot schwankend auf, kauerten sich über die Netze und schlugen die Decken über den Eiern zur Seite. Dima schraubte die Deckel von den Einmachgläsern. Jarik brach die Eierschalen an den Rändern der Gläser auf. Eines nach dem anderen ließ er die Dotter auf ihrem Film aus Eiklar hineingleiten. Eines nach dem anderen verschloss Dima die Gläser wieder. Als sich all die Eier in all den Gläsern befanden, banden sie Fäden um die gläsernen Hälse. Jeden Faden befestigten die beiden Brüder an einer Dolle oder einem ins Dollbord getriebenen Loch oder einem Ring am Bug; sie krochen im Boot umher, langten über die Ränder und ließen die Gläser los. An den Enden ihrer Schnüre trieben sie dahin, die gläsernen Oberflächen glänzend, ein See voller Augen.

»Was glaubst du, wie viele Köpfe er hat?«, sagte Dima.

Es war jetzt mehr Nacht als Dämmerung, und es gab keinen Mond, die Angelleine war nicht zu sehen. Und doch betrachteten sie die Angelleine.

»Mindestens sechs«, sagte Jarik.

»Wahrscheinlich zwölf«, sagte Dima.

Jarik sagte zu ihm: »Vierundzwanzig.«

Dima sagte: »Ich will die Axt.«

Er griff hinab, fand sie und hob sie – die Arme so schmal wie der Axtgriff, die Schultern angespannt – vom Boden auf. In Jariks Knabenhänden neben ihm wirkte die Pistole ihres alten Onkels riesenhaft. Sie saßen aneinandergekauert, frierend und schweigend und wissend, dass der andere sich fürchtete: Die Leine würde sich schlagartig spannen; ein Ruck würde durch das Boot gehen; das Gewicht würde das Heck in die Tiefe saugen; das Wasser würde ihre Füße verschlingen; die zwei Dutzend Köpfe der Bestie würden überall um das Boot herum aufbrüllen, ein Kiefer würde sich um Blut und Metall legen, die übrigen dreiundzwanzig aufgesperrt, ihre Zungen, ihre Zähne.

»Was, wenn er nicht kommt?«, sagte Dima.

Das war der Moment, in dem sich die Rute bog. Sie sahen zu, wie sie sich krümmte, wie die Krümmung zunahm, bis die zitternde Angel beinahe zusammengeklappt war.

»Sie wird«, flüsterte Dima, und Jarik sagte: »Brechen«, und Dima sagte: »Sich lösen«, und dann sank das Heck so rasch, dass es einen Augenblick lang nur noch den Kampf der im Boot stehenden Luft gegen das Wasser gab, das sie hinabzusaugen versuchte, und den Klang von etwas, das gespaltet, zerrissen wurde … dann schoss das Boot wieder hinauf, das Heck erhob sich über die Wasseroberfläche, die Jungen wurden nach vorn gestoßen, die Nasen auf die Knie, und als sie wieder aufschauten, war die Rute verschwunden.

Dima stolperte auf die Füße und suchte das Wasser nach Spuren einer Rute ab, die davonschoss. Oder wieder auf sie zuraste.

Die Wand des Bootes dröhnte.

Er zuckte zusammen, riss eine Hand von der Axt, schlug wild nach dem Dollbord. Hinter Dima: sein lachender Bruder. Selbst im Dunkeln konnte er die Panik in Jariks Gesicht sehen, den kopfscheuen Leichtsinn in seinen Augen, als er nochmals gegen den metallenen Wulst an der Seite des Bootes schlug.

»Trusischka« nannte Jarik ihn. Er versuchte, gackernde Geräusche hervorzubringen, während sein Kopf vor- und zurückruckte, doch er musste zu sehr lachen; es sprühten nur feine Tropfen aus seinem Mund heraus.

Das Lachen sprang von Jarik auf Dima über, wie solcherlei Dinge stets vom einen zum anderen übersprangen, so als wären die Mutterkuchen, die sie einmal genährt hatten, noch immer miteinander verbunden, und Dima stieg auf die Ruderbank, richtete sich wankend auf, warf den Kopf zurück und krähte einen von Lachen erschütterten Hahnenschrei hinaus: »Kukareku!«

Jarik stieg neben ihn und krähte seinerseits: »Kukareku!«

Seite an Seite standen sie auf der dünnen, metallenen Bank, schlugen sich gegen die Brust, riefen in die Nacht hinaus.

Aus der Nacht heraus schallte ein Ruf zu ihnen zurück: einer der Hähne von Nischi, der seine Antwort krähte. Welch anhaltender Ton! So in die Länge gezogen und zugleich so wütend! Sie zählten – ras, dwa, tri … fünfzehn, sechzehn, siebzehn –, und es übertraf selbst Djadja Awjas alten Kräher, dauerte länger an, als sie den eigenen Atem ausstoßen konnten, während sie in einem wilden Ausbruch zurückkrähten, bis ihre Lungen leer waren. Wie der Hahn zu ihnen zurückbrüllte, sie erneut herausforderte! Wie sie, die Jungen und der Vogel, ihr Gekrähe über die schwarze Oberfläche des Sees warfen!

Bis das Krähen zu Geschrei wurde, das Geschrei wieder zu Gelächter, das Gelächter zu Atemholen, das Atemholen ruhiger. Hin und her schaukelnd standen sie da. Über ihnen füllten die Sterne den Himmel aus wie Sand, der einen Eimer Wasser ausfüllte, bis er nur noch aus Lichtkörnern zu bestehen schien. Unter ihnen füllte sich die Oberfläche des Ozewa mit ihrem Spiegelbild. Rings um das Boot glommen die schwimmenden Gläser: ein auf dem Wasser treibendes Sternbild.

»Was, wenn er zurückkommt?«, sagte Jarik.

Und sie tauschten stumm das Wissen aus, dass sie aus diesem Grund hinausgefahren waren. Damit er zurückkäme. Sodass sie ihn töten konnten. Sie standen da und dachten an ihren Vater und daran, wie sehr er es versucht haben musste, und sie tauschten die Wahrheit aus, dass er gescheitert war und dass sie ebenfalls scheitern würden, und einmal mehr stellten sie sich stumm dieselben Fragen, die sie sich laut in ihren Betten in Djadja Awjas Haus gestellt hatten – wo in ihnen lebten ihre Seelen? Und waren auch sie Seite an Seite, gleich an gleich, im Leib ihrer Mutter herangewachsen? Und wenn die eine verschlungen würde oder stürbe oder einfach fortginge, würde dann auch die andere gehen? –, und dann stiegen sie von der Bank und gingen wieder im Boot herum, Dima mit seiner Axt, Jarik mit dem Hackmesser, und durchtrennten alle Schnüre.

Eines nach dem anderen trieben die Gläser davon. Die Schimmer trennten sich voneinander. Die Finsternis zwischen den Jungen und dem Boot breitete sich weiter und weiter aus und verschluckte schließlich jede Spur der Gläser.

»Hinaus, um Nischi zu sehen«, machte Dima einen Versuch. Und einen Augenblick später: »Hinaus auf den See.« Und dann: »Wo sie versanken und das Wasser sie verschluckte und sie ertranken.« Dima grinste und wartete darauf, das Grinsen seines Bruders zu spüren.

Doch sein Bruder kletterte auf einer Seite des Bootes herum, und Dima kroch rasch auf die andere, um ein Umkippen zu verhindern, und in das Dunkel hinein, das irgendwo in seinem Inneren die Insel barg, schrie Jarik: »Hilfe! Hilfe!«

Dima zog ihn wieder herab, neben sich auf die Bank, flüsterte, es würde alles gut werden, sie seien ja zusammen. Auf der Insel hatten Jariks Schreie einen der Hunde von Nischi aufgestört. Er bellte, so weit entfernt, dass es leise wie ein Knarren in der Dunkelheit zu ihnen drang, und über dem dahintreibenden Boot trieb der Himmel dahin, und die Kälte krauchte auf sie zu, langsam und gleichmäßig, so als wäre das Knarren der Klang ihrer Schritte, die durch die Nacht auf die Jungen zukamen, und sie lehnten sich fröstelnd aneinander.

Als Dima von der Bank stieg, folgte ihm Jarik. Zusammen streckten sie sich auf dem Boden des Bootes aus, die Stiefel auf den Bug gerichtet, heraus aus dem Wind, Seite an Seite hin und her schaukelnd. Sterne blinkten am Himmel, blinkten, als ließe fernes Hundegebell die Nacht blinzeln.

Gleichzeitig öffneten die Brüder ihre Jacken. Sie schlüpften aus den Ärmeln. Sie paarten die Reißverschlüsse ihrer Jacken miteinander, zogen die Schlitten an den Zähnen entlang, bis sie, die Gesichter einander zugewandt, zusammengeschlossen und ihre Jacken zu einer Jacke geworden waren, die sie beide umfing. Im Inneren steckte jeder seine Finger unter die Achsel des anderen. Dima spürte den Herzschlag seines Bruders gegen seine Hände pochen. Oder waren es die Hände seines Bruders, die unter Dimas Armen pochten? Oder war es das Pulsieren seines eigenen Herzens? Über ihnen rauschte der Wind dahin.

Er wäre vielleicht nicht aufgewacht, hätte Jarik sich nicht so stark bewegt. Oben spülte der Suchscheinwerfer über das Boot hinweg, brach sich an den leeren Dollen, verschwand wieder.

Jarik öffnete den Reißverschluss, drängte ins Freie, setzte sich auf. Dima blieb liegen, wo er war. Er sah zu, wie das Licht seinen Bruder fand.

»Sieh doch!«, rief Jarik zu ihm hinab.

Stattdessen schloss er die Augen.

»Hallo!«, rief Jarik. »Hallo!«

Dima lauschte der Nacht, die den Ruf verschlang, lauschte dem »Schhh« des Wassers, das unter Jariks polterndem Sprung in Richtung des Bugs zu hören war, seinem Vorbeigefahren, übersehen, nicht bemerkt – bis der Schuss alles verstummen ließ. Das Krachen füllte das Boot so rasch, als wäre der Boden fortgesprengt worden und das Wasser um Dimas Ohren getost. Über das Rauschen hinweg hörte er noch einen Schuss und noch einen. Mit zusammengekniffenen Augen zählte er die Schüsse – vier, fünf, sechs – und wartete auf den siebten, der bedeuten würde, dass das Magazin leer war. Er kam nie. Stattdessen hörte Dima, wie der Bruder seinen Namen sagte, wie er ihm sagte, er solle sich aufsetzen und hinsehen.

Doch als Dima sich erhob, ließ er die Augen geschlossen. Er wäre im Schiffsrumpf geblieben, wäre es dort nicht so kalt gewesen ohne seinen Bruder. Er tastete sich zur Bank vor, kletterte darauf und lehnte sich gegen Jarik.

Als das Licht das Gesicht seines Bruders traf, öffnete Dima die Augen. Hell wie ein voller Mond erschien der Scheinwerfer, strich über den See hinweg, über sie, über den See. Bis er gleißend verharrte. Dima schloss die Augen wieder. Durch das Wasser hindurch spürte er, wie das Schiff sich näherte, wie sein Motor bebte, wie das Boot zu zittern anfing.

Die erleuchtete Seite der Erde

Manchmal, wenn er auf dem Weg zur Arbeit die Stufen des Busses hinaufstieg, kam Dima an Jarik vorbei, der sie gerade herunterstieg, und dann spürte er einen Moment lang die Handfläche seines Bruders im Nacken, noch warm von Jariks Manteltasche. Oder er stand gerade an der Stechuhr am Eingang der Oranžeria und bemerkte in der herausschlurfenden Menge seinen Bruder: Dann nickte Jarik ihm zu, zu müde zum Sprechen, und er nickte zurück. Manchmal hörte Dima zwölf Stunden später seinen Bruder, der zu seiner nächsten Schicht zurückgekommen war, rufen: Guten Morgen, kleiner Bruder! Und dann rief er zurück: Gute Nacht, großer Bruder! Seit ihrer Kindheit nannten sie sich so, obwohl sie mit nur acht Minuten Abstand auf die Welt gekommen waren, und während der gesamten Straßenbahnfahrt nach Hause spielte er es in seinem Kopf wieder und wieder ab – Guten Morgen, Bratischka; Gute Nacht, Bratan; Guten Morgen, Bratischka; Gute Nacht … – und versuchte dabei, die Stimmen möglichst naturgetreu klingen zu lassen und das Bild von Jariks Augen nicht zu verlieren.

Und auch wenn das Konzept des Wochenendes schon vor Langem verworfen worden war, besuchte Dmitri Lwowitsch Schuwow manchmal, am Einheitstag oder am Tag des Verteidigers des Vaterlandes oder an irgendeinem anderen der halben Handvoll Tage, an denen er frei hatte, seinen Bruder zu Hause. Dann fuhr er mit der Straßenbahn quer durch die Stadt, nahm die Abkürzung über den Spielplatz, ging um den kleinen Teich herum, der wie eine Regenlache vor dem Eingang des Gebäudes lag, stieg in dem spärlich beleuchteten Treppenhaus die Betonstufen hinauf, klopfte an die Tür der Wohnung, machte einen Schritt in die Umarmung seines Bruders hinein und küsste die Wange der Frau seines Bruders und aß zusammen mit den Kindern etwas Süßes, das sie gebacken oder gekocht hatte, und dann versammelten sie sich – sein kleiner Neffe hüpfte auf dem Sofa auf und ab, seine Nichte, noch ein Säugling, trank an der Brust seiner Schwägerin –, während die beiden Brüder versteckt hinter dem Kaffeetisch lagen, die Hände erhoben: ein Fäustling als Bär, ein Handschuh als Hahn, ein Paar gewöhnlicher Socken wurde zu Pferden, die in den Geschichten der Brüder die Schlitten zogen. Irgendwann drehte Dima den Kopf, legte die Wange auf den kleinen Teppich und versuchte, aus solcher Nähe, dass er bei jedem Wiehern oder Brüllen des Bruders dessen Atem spürte, einen Blick auf den Jarik zu erhaschen, der sein Bruder einst gewesen war.

Manchmal kam es Dima beinahe so vor, als wäre Jarik wieder derselbe, der er einmal gewesen war. Dann umfasste Dima, während er Jarik dabei half, für dessen Frau eine Ikone aufzuhängen, die Schultern seines Bruders, schrie und ruderte mit den Armen wie sein Bruder; sie brüllten, versuchten sich unter der Last des Gewichts aufrecht zu halten, heulten auf, bis sie gemeinsam zu einem lachenden Haufen zusammensackten. Als sie die abgestorbenen Fliederbüsche beseitigt hatten, die Jariks Straße säumten, hatten sie sich an der Bogensäge abgewechselt, ein Bruder hatte Zeilen aus Volksliedern gebrüllt und den anderen damit angefeuert, dazu hatten sie mit der flachen Hand den Rhythmus auf den Rücken des Sägenden geklopft. Immer hatten sie auf diese Weise zusammengearbeitet, und später starrte Dima, während er sich ein Getränk einschüttete, über den Tisch hinweg den Bruder an – Jariks Hände voll mit den Windeln seiner Tochter, die Ohren voll mit dem Geplapper seines Sohnes, das Gesicht gerötet, weil er so laut rufen musste, damit seine Frau ihn hörte – und sagte zu sich: Ich sehe ihn doch, hier und jetzt, und wusste zugleich, dass es nicht stimmte. Immer dann dachte Dima an den See und das Ruderboot und die Decke aus Sternen. Seine Augen schmerzten. Seine Lippen zitterten. Er bedeckte sie mit seiner Faust.

Sie hatten dieselben großen Fäuste, waren beide groß gewachsen, hatten dieselben groben Knochen. Köpfe rund wie Kugelhämmer, Haare so schwarz wie die Flügel eines Raben, Augen wie das Grau der Brustfedern jenes Vogels, vermengt mit dem Blau seines Himmels. Ihr Vater hatte sie immer seine zwei »Zarewitsche« genannt und behauptet, sie seien ihm als Krähen zugeflogen, hätten sich vor seinen Augen in Säuglinge verwandelt und würden eines Tages wieder zu Vögeln werden und davonfliegen. Stattdessen wurden sie nur mit jedem Jahr ein wenig mehr zu sich selbst: Jariks Schultern wurden etwas breiter, seine Stirn etwas höher, die Haut um seine Augen etwas zerklüfteter; Dimas Augen schienen blauer zu werden, sein Gesicht schien sich in die Länge zu ziehen, ein Muttermal markierte seine Wange. Und doch war es Fremden bis vor wenigen Jahren schwergefallen, sie auseinanderzuhalten. Heutzutage war es einfach: Der eine war braun wie ihr Onkel, der Bauer, nach einem Sommer auf den Feldern, der andere bleich wie die gespenstisch weiße Haut des Onkels im Winter.

Während des ersten Jahres seiner Arbeit in der Oranžeria hatte es Dima Angst gemacht, wie sein Gesicht fahl und faltig wurde. Jede unter dem schwachen Licht der Spiegel abgeleistete Schicht entzog ihm etwas mehr Farbe, bis er so blass war wie jeder andere der Nachtarbeiter auf der Oberfläche dieses weiten Meeres aus Glas. Hektarweit erstreckten sich die Glasplatten über ein endloses Stahlgerüst, vom Ufer des Sees breitete es sich immer weiter in Richtung Norden aus, kroch wie ein umgekehrter Gletscher durch das Land: das größte Gewächshaus der Welt. Die Nachrichtensendungen berichteten von seiner unablässigen Ausdehnung, von der immer heller blühenden Zukunft des Landes, von einem Russland, das auf den Flügeln seiner Weltraumspiegel neu erstand. Kosmicheski serkala. Ein Konzept, das unter Breschnew geboren (Ach, könnte doch nur ein Satellit die Sonne in unsere sibirische Nacht spiegeln! Ach, könnte man doch nur den Tag von der erleuchteten Seite der Erde stehlen und die lange Dunkelheit aus diesem nördlich kalten Land vertreiben!), unter Andropow gestaltet (Diese gigantischen Libellen! Ihre stählernen Leiber, groß wie Unterseeboote! Ihre Flügel aus Solarmodulen!), in Gorbatschows letzten Jahren realisiert, von Iwaschko verworfen und von den Oligarchen wiederbelebt worden war, um in der letzten Dekade des vergangenen Jahrhunderts verabschiedet und auf den gekrümmten Rücken just gemauserter Unternehmer raketenschnell durch die Exosphäre getragen zu werden. Es war ein Mann aus Moskau gewesen, der den ersten gebaut hatte (die Einwohner der Stadt schüttelten die Köpfe, hielten es für etwas, das die Angehörigen dieser neuen Millionärsspezies eben taten, wenn sie getrunken hatten), und es war sein Konzern gewesen, der ihr Gelächter zu Geflüster (er würde den Spiegel für die Wissenschaft hinaufschießen, für Russland, für Petroplawilsk, für einen Apfel und ein Ei) gedrosselt und schließlich in verblüfftes Schweigen verwandelt hatte, das den Tag begleitete, an dem das Weltraumregattakonsortium den ersten nach oben schickte: Bauch an Bauch mit der Welt zog er seine planetarische Bahn, gefolgt von einer schimmernden Kevlar-Scheibe von der Größe des Roten Platzes, die das Sonnenlicht hinabreflektierte. Doch es war das Ministerium für Energie, das dem Konsortium die Mittel zur Verfügung stellte, noch einen hinaufzuschicken und noch einen und einen weiteren und darauf noch einen.

Bald schwebten fünf von ihnen am nächtlichen Himmel über Petroplawilsk. Petrowski Plawilnia, Peters Gießerei. Einst war die Stadt vom Dröhnen und Leuchten der Werkhöfe der Zaren erfüllt gewesen – monströse Anker, geschmiedet für baltische Krieger, die Kanonen Katharinas der Großen, die hinausrollten, um Türken zu entleiben –, doch seit vielen Jahren hatte sie wenig mehr als Melancholie hervorgebracht. Ein Ort der Betonbauten, der zerstörten Piere, Baumskelette unter in den Himmel gekratzten Straßenbahnoberleitungen, Friedhöfe unter grauem Schnee, die Absurdität der Krokusse, selbst der Farbe Lila, der alten Menschen, die unter den Rufen der Möwen in ihrer Unterwäsche am Ufer des starr gefrorenen Sees standen, das einsame Dahintreiben und die plötzliche Schwarmbildung der Vögel, an die Tage der tatendurstigen Männer und ihrer nach Arbeit hungernden Frauen erinnernd.

So war es nach der Perestroika. So war es, bis die Spiegel kamen. Bis der Oligarch versprach, die Stadt zu einem Experiment zu machen, zum ersten Ort auf der Erde, der zu jeder Stunde jedes Tages zu jeder Jahreszeit vom Licht der Sonne erhellt würde. Er würde die notleidendste, gelähmteste Stadt Russlands nehmen und ihre Leistungsfähigkeit wachsen lassen wie unter einer Wärmelampe, würde eine weltweit einzigartige Arbeitsrate aufkeimen lassen; es würde ein Treibhaus der Produktivität sein, ein Feld der immerwährenden Ernte. Keine langen Monate des winterlichen Brütens, in denen die Dunkelheit wie Gänsedaunen über Petroplawilsk lag. Kein melancholisches Zwielicht, kein träumerisches Abendrot. Kein mitternächtlicher Drang, sich zwischen den Straßenbahngleisen ins taufeuchte Gras zu legen und den Duft des Sommers einzusaugen. Kein vom Abend herbeigeführter Anstieg der Verbrechensrate. Keine Straßenlaternen. Keine Autoscheinwerfer. Keine Nacht.

Der erste serkalo kosmosa erhellte lediglich den Stadtkern. Er malte Schimmer auf die bronzenen Häupter finster dreinblickender Helden, ließ auf den Mahnmalen mit ihren Kanonen und Stapeln eiserner Kugeln stibitztes Sonnenlicht aufblitzen. Die Menschen von Petroplawilsk versammelten sich an der Grenze des Lichtkreises, die Rücken in Schwärze getaucht, die Gesichter leuchtend. Einige krochen an den Rand, die Hände ausgestreckt, wie um die Finger in das Licht einzutauchen, während unter ihren Körpern schwach umrissene Schatten aufblühten, die sich zu einer mittäglichen Schärfe steigerten, bis sie sich von Kopf bis Fuß im Licht der abgeprallten Sonnenstrahlen gebadet wiederfanden. In diesen ersten Nächten des ersten Spiegels schlug das Herz der Stadt zu den Klängen der Feierlichkeiten. Eltern brachten ihre Kinder mit. Söhne trugen ihre sterbenden Mütter herbei. Niemand schlief. Sie lagen im Bett und betrachteten den Lichtschein durch ihre Fenster, oder sie zogen die Vorhänge zu und lagen wach, während sie an ihn dachten.

Der zweite Serkalo erhellte den Rest der Stadt. Der dritte die Betonsiedlungen, die sich in Richtung Westen ausdehnten. Der vierte jene, die im Osten lagen. Der fünfte beleuchtete die Docks und einen breiten Streifen des meergleichen Sees.

Fischerboote zogen durch Tageslicht und Spiegellicht, das Dröhnen ihrer Motoren unablässig wie die Wellen. Die Besatzung legte zwölfstündige Schichten ein; die Seeleute gingen am helllichten Tag an Bord und betraten die Docks um eine Mitternacht, die einem herabgedimmten Mittag glich. Am Koscha-Fluss entlang zerschnitt das Röhren der alten Eisenhütten den Anflug von Sonnenuntergang, die Fabriken an der Solowinka stampften in den Sonnenaufgang, das Vergehen von Tagen, Wochen, Monaten vermochte ihr Grollen nicht zu lindern. Der Schlaf hatte sich von den Rhythmen der Natur gelöst. Frühstück war das, was vor der Arbeit passierte. Die Geschäfte schlossen nie. Auf Regalen, die einst leer gewesen waren, erschienen neue Waren: vorgewaschenes Gemüse, fettarme Avocados. Auf dem Heimweg von der Arbeit kauften Frauen Maschinen zum Reinigen von Geschirr und batteriebetriebene Rasierapparate; ihre Männer brachten Gerichte nach Hause, die von Fremden zubereitet worden waren.

In der letzten Stunde natürlichen Lichts stiegen die Serkala, während der Planet von der Sonne wegrollte, am östlichen Horizont auf, ihr gebrochener Schimmer so rot wie der Himmel im Westen. Die Menschen nannten es »woschod serkala« – Spiegelaufgang. Von da an bis zur Morgendämmerung trieben die Satelliten am Himmel, ein dahingleitendes Muster aus Sternen, ihre Spiegel in ständiger Bewegung, um das Licht der Sonne stets auf denselben Flecken Erde zu leiten. Und als die ersten Serkala sich auf den Weg machten, um ihre Bahn am westlichen Rand der Welt entlangzuziehen, übernahm der Wall aus Spiegeln dahinter ihre Aufgabe und dann die Serkala hinter diesen und die dahinter, und so ging es durch all die Stunden hindurch, die früher einmal die Nacht gebildet hatten.

Jetzt nicht mehr. Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang lag ein gespenstisches Leuchten auf der Stadt wie an einem stürmischen Tag mit mittagsscharfen Schatten. Die Planer hatten gehofft, dass ein an die weißen Nächte des Nordens gewöhntes Volk sich umstandslos daran anpassen würde, dass es nicht wesentlich anders ablaufen würde als bei der Sommersonnenwende: das lange Warten auf den Sonnenuntergang, die Unruhe, die mit jeder Stunde wuchs, bis schließlich der Splitter der Nacht herabfiel und sie durchstach, wobei ein Zischen wie das Seufzen des langen Tages entwich. Doch unter den Spiegeln gab es kein Durchstechen, keinen entweichenden Druck. Es gab nicht einmal die wenigen dunklen Stunden des Sommers. Und im Herbst zogen die kalten Tage keine nächtliche Decke hinter sich her. Dem Winter spross nie sein schwarzes Fell. Und was sollte der Frühling abwerfen? Woraus sollte er erwachen?

Außerhalb des Kreises ausgelöschter Nacht schliefen kleine Dörfer in ihrem fortwährenden Dunkel. Dahinter lagen die Wälder. Weite Landstriche voller Lärchen und Tannen, Espen und Birken. Den ganzen Herbst hindurch, während ihre Laubdächer die Farben der Sonnenuntergänge annahmen, während die Nacht über ihren herabfallenden Blättern gähnte, während Zweigspitzen sich gegen die heraufziehende Kälte verhärteten, musste sich jeder einzelne dieser von den Spiegeln unerreichten Bäume gewundert haben, wie es jenen inmitten des Kreises aus Licht gelang, grün zu bleiben. Die Blätter noch immer auf den Ästen. Wo sie verfaulten, wenn der Winter zuschlug.

Als diejenigen, die unter der Decke der natürlichen Finsternis geschlummert hatten, im Frühling durch die sich dehnenden Tage geweckt wurden, erwartete sie ein gespenstischer Anblick: Unter dem Licht der Serkala standen ihre Brüder tot oder sterbend, gefangen in vom Winter gebrochenen Körpern, ohne eine einzige Knospe. Selbst die Immergrünen hatten nicht standgehalten: die Spitzen von Frosttrocknis befallen, die Stämme voller sprießender Schösslinge, ihre Gestalt für immer verändert.

In den Dörfern kamen die Gärten knirschend zum Stehen, in den Feldfrüchten wuchs die Verwirrung. Die Gerste vergaß, Fruchtstände auszubilden. Erbsenkeime erstarrten vor der Blüte. Die Erde lag wartend, wo Knollen ausgesät worden waren. Einige Bauern versuchten, durchzuhalten, die Kühe auf nicht blühendem Klee grasen zu lassen, das wenige anzupflanzen, das in der Lage zu sein schien, dem ständigen Licht zu trotzen: Parzellen voller Salatgurken und Zwiebeln, ein paar Beete mit Erdbeeren. Während in der ganzen Stadt die Menschen zusahen, wie ihre alten Bäume durch solche ausgetauscht wurden, die im großen Treibhaus des Konsortiums herangewachsen waren. Landschaftsgärtner bepflanzten Beete mit im Konsortium kultivierten Blumen. In den Laboren des Oligarchen entwickelte Samen wurden zum Kauf angeboten.

Doch selbst die Forscher, die das für die Erfassung von Licht zuständige Gen aufgespürt und den molekularen Schalter ausgeknipst hatten, konnten die Panik, die Mäuse, Baumfrösche und Fledermäuse befiel, nicht bändigen. Wühlmäuse rannten wie von Scheinwerfern verfolgt. Hauskatzen fraßen sich an ihren Opfern fett. Den Hunden boten sich völlig neue Beutetiere dar. Neben den zum Tode verurteilten Wäldern wurden die Felder zu Futterplätzen für Füchse und Falken, die in ungestörter Wonne jagten.

Warum aber spreizten die Schneeeulen, kaum dass ihre Frühlingsküken dem Nest entschlüpft waren, die Flügel und ließen ihre dröhnenden Brunftschreie ertönen? Was brachte die Grasmücken und Bachstelzen so lange Zeit nach dem letzten Frühling dazu, so häufig und so laut zu singen? Die Gänse sahen den Zeitpunkt für ihren Flug nach Süden näher rücken, während sie noch darauf warteten, dass ihnen Flugfedern wuchsen. Die Rehe paarten sich nicht. Faul wie im Hochsommer stöberten die Bären umher, ohne den herannahenden Schlaf zu spüren. Und als die Kälte kam, hörten sie da ihre Mägen knurren? Lief den Wölfen unter ihrem Sommerfell ein Schauder die Flanken herauf? Wie seltsam, als der erste Schnee fiel, die Silhouetten von Polarfüchsen zu sehen, die vergessen hatten, weiß zu werden; sie dabei zu beobachten, wie sie sich an Hasen heranzupirschen versuchten, die sich ebenso wenig verstecken konnten. Und wie fieberhaft geschäftig die weiße Welt dann erschien, wimmelnd von Hermelinen, Iltissen und Nerzen, ihren panischen dunklen Konturen.

All das ereignete sich, bevor die Gerüchte aufkamen, dass ein Dutzend weiterer Spiegel hinaufgeschossen werden sollte, bevor die Nachricht bestätigt wurde, bevor der Oligarch schwor, die Gießerei des Zaren in den Staatspark zu verwandeln, Petroplawilsk in Russijesad, bevor die Oranžeria existierte. Das riesige Solarium hatte sich um die Stadt gelegt wie eine Halskette, deren Glanz nie stumpf wurde. Von unten betrachtet, war es ein zweiter, gläserner Himmel. Das Sonnenlicht strömte über Felder, auf die das ganze Jahr über genetisch veränderte Samen ausgebracht wurden, und zog die Triebe mit doppelter Geschwindigkeit heraus: Raps, Sonnenblumen, Gerste, Roggen. Die feuchte Luft stand in den Kehlen der Arbeiter, während sie kolossale Sojaschoten und vor Wärme und Licht angeschwollene Gurken pflückten, ohne Unterlass ernteten, ganz gleich, ob der Rest des Landes in voller Blüte stand oder unter einer Schneedecke lag.

Als die neuen Spiegel, von denen schon so viel zu hören gewesen war, eines Nachts erstmals auch zu sehen waren – eine Konstellation von siebzehn neuen Sternen, die neben den gewohnten fünfen am Himmel erschienen –, hatte die Oranžeria bereits die Größe des Sees erreicht; ihre durchsichtigen Mauern umschlossen die Stadt, das gewaltige Dach war eben und weit wie die winterlich vereiste Oberfläche des Ozewa. Und es wuchs. Darunter, darauf, an seinen Rändern schwärmten Tag für Tag zwölftausend Arbeiter in unausgesetzten Schichten von je zwölf Stunden durch Spiegellicht und Sonnenlicht. Ein Viertel der gesamten Arbeitskräfte der Stadt. Wenn die frisch angeheuerten Arbeiter zum ersten Mal mit dem Bus hinausfuhren, drängten sie sich an den Fenstern zusammen, Augen weiteten sich, Wangenknochen schlugen gegen Glas. Drei Stockwerke weiter oben schnitt der Rand der Oranžeria in den alten Himmel wie ein zweiter Horizont. Fiel der Schichtwechsel mit dem Sonnenuntergang zusammen, sahen die herannahenden Arbeiter, wie der gläserne Streifen sich rosig färbte, so als wäre die Dämmerung aufgeplatzt, um ihnen ein Stück einer farbenfroheren Welt zu zeigen. Während sie unten vorbeigingen, wurde das Rot über ihnen intensiver, tiefer … um sich dann allmählich wieder aufzuhellen, während das Licht der heraufziehenden Spiegel das letzte Licht der Sonne ersetzte.

In jenen ersten Jahren auf dem Dach der Oranžeria, als Dima und Jarik noch Seite an Seite in derselben Schicht, derselben Belegschaft gearbeitet hatten, hatte es die Träume der Brüder beflügelt, so weit oben, dem Himmel so nah zu sein. Während sie, über ihre Silikonpistolen gebeugt, klebrige Spuren an eisernen Streifen entlangzogen, wo die Glastafeln aufgelegt werden würden, linderten sie den Schmerz im Nacken mit Gesprächen über den alten Hühnerstall ihres Onkels: wie viele Hennen wohl hineinpassten, wie viele russische Gänse oder amerikanische Truthähne; über ihre Versuche, wie ein Truthahn zu kollern, mussten sie so sehr lachen, dass ihre Schnüre aus Dichtstoff in parallelen Schlangenlinien dahinzitterten. Ein Bruder an jedem Ende eines Stücks Regenrinne, diskutierten sie die Vorteile von Weizen und Gerste, Roggen und Flachs und verloren sich in Erinnerungen an Grillen, die durch die gemeinschaftlich genutzten Felder hüpften, verfolgt von Jungen, die mit geöffnetem Mund hinter den Insekten herjagten, so als wollten sie sie mit der Zunge fangen. Während sie die Rinne in einen langen Regenkanal einpassten, sprachen sie darüber, dass sie das eines Tages wieder tun würden und dass dann die Ernte, die Felder und der Bauernhof ganz allein ihnen gehören würden.

Mehr als sechs Monate waren vergangen, seit sie das letzte Mal gemeinsam gearbeitet hatten. Und an jenem Tag hatten sie noch nicht recht mit der Arbeit angefangen, als es schwer wie ein Platzregen auf Dimas Schutzhelm zu trommeln begann. Jarik hielt inne und starrte. Die Augen auf ihn gerichtet, wollte Dima sich aus der Hocke erheben. Das Trommeln hörte auf. An seine Stelle trat das Gewicht einer Hand, die ihn nach unten drückte.

»Kein Grund, aufzustehen.« Dima blieb unter dem Sarkasmus des Vorarbeiters hocken. »Ein so inniges Gespräch würde ich doch nicht stören wollen.« Wieder trommelten die Finger. »Dürfte ich euch vielleicht etwas Tee bringen?«

Dima drehte den Kopf unter dem Prasseln und blickte an den Beinen des Vorarbeiters vorbei über die hohe, gläserne Ebene zu dem Loch, das jetzt dort klaffte, wo sich vorher eine Luke mit einer Leiter befunden hatte. Die Hitze der darunterliegenden Welt schnaufte nach oben, dick und flirrend wie der Atem eines Flugzeugtriebwerks. Und mit der Hitze kam ein Mann heraufgestiegen, ein Mann in einem silbrigen Anzug. Andere waren schon oben, gruppierten sich um das Loch herum, vier Paar Sonnenbrillengläser, die Dimas Blick erwiderten.

Der Einzige, der keine Sonnenbrille trug, war der Mann, der soeben aus der Luke kam. Er erhob sich zwischen den Männern, die reglos dastanden, nur ihre Anzüge flatterten im Wind, und auch sein eigener wurde von einer Brise erfasst, als er in einer Bewegung, die so flüssig war wie der Wellenschlag seiner Ärmel, die Oberfläche erreichte. Er hielt nicht ein Mal inne, während er aus der Luke stieg, das gläserne Dach betrat und sich, während seine Augen die Szenerie abtasteten, bereits einen Weg durch die Gruppe bahnte, auf den Vorarbeiter und die beiden Brüder zu.

Dann war er dort, zwischen ihnen, und betrachtete das Glas, das seine Stiefel umgab. Die Stiefel hatten die Farbe des Ozewa an einem Tag mit tiefblauem Himmel und waren aus schuppiger Haut gefertigt, die irgendeinem Tier aus den Tiefen dieses Binnenmeeres abgezogen worden sein mochte; Schuhspitzen wie zwei Schlangenköpfe, Absätze so schwer wie Hufe. Die Hosenbeine des Mannes flatterten, sein Jackett schlug wild hin und her. Von seinem Hals hingen zwei mit Metallspitzen beschwerte Schnüre herab, die vom Blau seiner Stiefel waren, von derselben Farbe – Dima blinzelte hinauf –, die auch seine Augen zu haben schienen. Nur dass sie, während Dima hineinblickte, nach und nach grauer wurden. Das lange Haar, das sie umgab, war glatt nach hinten gekämmt und reichte dem Mann beinahe bis auf die Schultern. Es war blond gefärbt, so wie auch sein Schnäuzer und der goldene Kinnbart. Sein gebräuntes Gesicht hatte weiche Züge, und etwas an dieser Kombination war so unnatürlich, dass Dima den Blick abwenden wollte. Doch da sah er, dass die Augen, die er für grau gehalten hatte, nunmehr – und das war noch merkwürdiger – in einem Goldton schimmerten.

Der Blick des Mannes flog zurück zu dem Glas unter seinen Stiefeln, zwischen den Brüdern. Die Oberfläche war an dieser Stelle mit gelben Kritzeleien übersät. Nicht genug damit, dass sie die Bewegungen, für die sie bezahlt wurden, immer öfter unterbrachen, nicht genug damit, dass sie mit ihrem Geplauder die übrigen Arbeiter von der Arbeit abgelenkt hatten, nein, einen Augenblick lang hatten sie, über ihre Fettstifte gebeugt, die Arbeit gänzlich aus den Augen verloren und den Grundriss des Melkstands zusammenfantasiert, den sie aus den Überresten des verlassenen Stalls ihres Onkels zimmern würden – und das genau in dem Moment, als der Mann durch die Luke gestiegen war, jener Mann, der die Männer bezahlte, die die Männer bezahlten, die ihren Vorarbeiter bezahlten, der wiederum sie bezahlte, jener Mann, der nun zu ihnen sagte: »Was ist das?«

Auf Dimas Helm klopften die Finger des Vorarbeiters ihren Zapfenstreich.

Jarik war schon dabei, aus der Hocke aufzustehen, sich in den Schwall seiner eigenen Entschuldigungen hinein zu erheben, als der Mann ihm einen Blick schickte, der ihn verstummen ließ.

»Bist du so eine Art Cowboy?«, sagte der Mann. Stille. Er wandte sich ihnen beiden zu. »Ein paar Kosaken?«

»Das sind einfach nur …«

»Nein.« Der Mann schoss ein Lächeln in Richtung des Vorarbeiters, das diesen zum Schweigen brachte. »Lasst mich raten.« Er studierte das Fettstiftgekritzel. »Ein Bauplan?« Er hob die Augenbrauen, las in ihren Gesichtern. »Für eine Sektorerweiterung? Ideen, wie sich eure Ausrüstung verbessern ließe?« Eine silbrige Schuhspitze deutete auf Dimas Zeichnung der in Fischgrätenbauweise errichteten Boxen. »Das sind die Schneeschächte?« Zog die Linien nach, mit denen Dima gezeigt hatte, wie die Kühe darin angeordnet werden könnten. »Das sind Rutschen, um den geschaufelten Schnee effizienter abtransportieren zu können? Damit er nicht mehr auf das Getreide fällt?« Seine Schuhsohle schwebte über dem Melkstand. Er setzte sie auf und folgte mit dem anderen Stiefel den Linien, die Jarik gezeichnet hatte – Pfeile, die verdeutlichen sollten, wie ein nachgerüsteter Anbindestall besseren Zugang zu den Eutern ermöglichen würde –, wobei die metallene Spitze über das Glas kratzte und die Geste den Mann in eine seltsam gezierte Pose zwang. »Hier«, beharrte er, »versucht ihr, die Belüftungsprobleme zu lösen, die bei vermehrter Eisbildung auftreten.« Die Stiefelspitze beschrieb einen kleinen Kreis. Der Vorarbeiter wandte den Blick ab, so als wäre sein Chef in ein Tutu geschlüpft. Wie dieser unter leisen Ausrufen des Staunens und der Freude – »Ah, verstehe. Raffiniert. Erstklassige Arbeit.« – vom Viehgatter zu den Schächten trat, wirkte er wie ein kleines Kind, das auf dem Bürgersteig ein Hüpfspiel macht.

Bis er aufhörte. Zwischen den Brüdern hockend, streckte er einen Arm aus und legte die Hand auf die trommelnden Finger des Vorarbeiters. Das Prasseln verstummte.

Dima spürte das Gewicht der Hände beider Männer, dann spürte er, wie es sich verringerte, als der Vorarbeiter seine zurückzog, dann, wie das Gewicht der einen Hand sich verdoppelte und ihn wieder hinabdrückte. Aus der Nähe konnte er die blassroten Augenwinkel des Mannes erkennen, den Schimmer darin. »Sieh dir die ganzen Scheißer an.« Der Mann sprach mit gesenkter Stimme, so als wäre das Gesagte nur für Dimas Ohren bestimmt; sein Blick streifte über die anderen Arbeiter, die ihre Tätigkeit in die Nähe verlagert hatten, um besser zuhören zu können, über die Männer in den Anzügen, die näher traten, um besser sehen zu können, den Vorarbeiter, der so tat, als versuchte er nicht ebenfalls zu lauschen. »Scheiß-Präriehunde«, sagte der Mann. Er schleuderte ein Grinsen zu jedem der Brüder hinüber, zwei schnelle Würfe, die ein instinktives Auffangen erzwingen sollten. Jarik stand immer noch, ging aber in die Hocke, so als wollte er das Grinsen vom Boden aufheben, und die drei waren auf einer Höhe, tief unten, nahe beisammen.

»Scheiß-Fischfutter«, sagte der Mann und lachte. »Na kommt, ihr Cowboys. Sagt’s mir. Habe ich recht? Was den Schneeschacht betrifft? Die Belüftung? Ihr habt die ganze Oranžeria neu zusammengesetzt, stimmt’s? Erfinder«, verkündete der Mann. »Unser eigener Koroljow! Unser eigener Sikorski!«

Dima nickte bereits und wollte gerade ansetzen, dem Mann zu sagen, was er hören wollte, als Jarik stattdessen sagte: »Wir haben gar nichts erfunden.«

»Aha«, sagte der Mann.

»Wir haben nur nachgedacht.«

»Und worüber?«

»Tourismus.«

Der Mann begann zu strahlen. »Erzähl mir alles, Cowboy«, sagte er. »Zeig’s mir aus der Vogelperspektive.«

Dima hatte keine Vorstellung, wie sein Bruder das machte: direkt in diese blauen Augen zu schauen und eine Lüge aufzutischen, die nicht weniger verwickelt war als Djadja Awjas Geschichten. Manchmal, erzählte Jarik, sei all das so ergreifend für Dima und ihn: wie die gläserne Oberfläche die Strahlen der untergehenden Sonne in tausend Lichtreflexe brach, die über die Scheiben prasselten; wie man sich, wenn man hinunterblickte, in ein »V« aus hoch oben dahinziehenden Gänsen einpassen konnte; wie der Nebel über die Oranžeria rollte, so als wären die Wolkenbänke, auf denen sie in ihren Kindheitsträumen herumgelaufen waren, plötzlich real geworden.

»All das«, sagte Jarik, »und niemand außer uns kann es sehen. Und wir sehen es, ganz ohne Eintritt zu zahlen. Aber« – er unterbrach sich kurz – »wenn es Aussichtsplattformen gäbe …« Er zeigte auf die Boxen, als wären sie Fenster, durch die Besucher das magische Spektakel fallender Hagelkörner betrachten könnten, und sagte: »Das hier ist die Route, die sie nehmen könnten. Hier könnte, in zehn Metern Höhe an der Unterseite des Glases, eine Bahn entlangfahren.« Als er eine Vision von Bussen entwickelte, die die Menschen von Petroplawilsk zur Oranžeria hinausbringen würden, hatte der Mann bereits aufgehört, den Zeichnungen zu folgen. Er sah nur noch in Jariks Gesicht.

Während er zuschaute, glaubte Dima, ein summendes Geräusch zu hören. Tief und leise. Es ertönte und verschwand wieder. Erst als er die Augen des Bruders zu dem Mann hinüberfliegen sah, bemerkte er, woher das Geräusch kam. Jarik hörte auf zu sprechen. Der Mann hörte auf, das Geräusch zu machen. Jarik setzte von Neuem an. Das Geräusch kehrte zurück: lauter, schwerer. Der Mann öffnete den Mund, ließ den Klang zu einem tiefen, bebenden, klagenden Vokal anschwellen, rund und lang und beinahe gesungen.

Der Vorarbeiter trat einen Schritt zurück. Die Anzugmänner, die begonnen hatten, vorwärtszugehen, blieben stehen. Ihr Vorgesetzter blieb in der Hocke und blickte grinsend zwischen den Brüdern hin und her. Niemand bewegte sich, niemand sprach. Jarik räusperte sich, betrachtete die Kritzeleien auf dem Glas und begann erneut, von dem Geld zu sprechen, das verdient werden könne. Und da erst, erst als der Mann mit den blauen Stiefeln sich auf seine Fersen niedersinken ließ, das Gesicht zum Himmel hob und einen ächzenden, stöhnenden Ton von sich gab, so als kochte etwas in seinem Magen, ein Heulen wie von einem Tier, das zweimal so groß war wie er, erst da begriff Dima, was es war: ein Muhen. Das Muhen einer Kuh. Der Mann muhte.

Als die Brüder am nächsten Tag zur Arbeit kamen, erwartete sie bereits der Vorarbeiter, um einen von ihnen wieder nach Hause zu schicken. Nicht gefeuert, sagte der Mann, nur verlegt. Um sie voneinander zu trennen. Die Entscheidung, wer von beiden mit seiner Schicht vom natürlichen Licht ins Spiegellicht wechseln würde, wer sich wieder in den Bus setzen sollte, um nach zwölf Stunden zurückzukehren, wenn der andere seine Arbeit beendete, überließ er ihnen. Dima stand schweigend da. Also entschied Jarik sich für den Tag (Wenn ich nur zu Hause bin, solange die Kinder wach sind, kann ich es nie mehr mit meiner Frau treiben) und den neuen Trupp (Dima, wer wird tagsüber ein Auge auf Mama haben?), der für Bodenarbeiten zuständig war. Sie würden zu verschiedenen Zeiten auf verschiedenen Ebenen arbeiten – Dima, der hoch oben die Glasplatten verlegte, und Jarik, der unten die Stützvorrichtungen installierte. Und das Leben würde sich teilen: in die Zeit, die sie zusammen gehabt hatten, und die Zeit, die sie getrennt voneinander verbringen würden.

All die Jahre zuvor war die Arbeit nur eine weitere Weise gewesen, auf die das Leben sie zusammengebracht hatte. Als Kinder hatten sie die Kühe des Kollektivs im Tandem gemolken, vier Hände, die vier synchrone Ströme erzeugten. Wenn sie als Teenager an jedem einzelnen Wochenende jedes einzelnen Kartoffelmonats zusammen mit den anderen Schülern in Bussen auf die Felder hinausgekarrt worden waren, war es ihnen gleich gewesen, wie viele Stunden sie damit verbrachten, mit aufgerissenen Fingern Knollen aus der Erde zu wühlen, solange sie es gemeinsam taten. Weshalb sie sich auch, während ihre früheren Klassenkameraden sich allesamt auf Stellen bewarben, die Karriere und Privilegien versprachen, für die erste Tätigkeit entschieden, die sie Seite an Seite ausüben konnten: In einer Fabrik verbrachten sie ihre Tage damit, einander über den Lärm hinweg Dinge zuzurufen, geschmolzenes Metall in Gussformen für Traktortüren zu kippen und Fenster in Führerhäuser einzusetzen, wobei die Scheiben, die sie zwischen sich hielten, wie eine flüchtige Andeutung dessen wirkten, was sie seit ihrer Geburt auf unsichtbare Weise verband.

Als er jetzt sah, wie der Bruder sich umdrehte, um nach seinen neuen Kollegen zu suchen, hörte Dima die Verbindung brechen. Ab sofort versuchte er – zunächst bei seinem neuen Vorarbeiter, dann beim Vorgesetzten seines Vorarbeiters, dann bei jedem, von dem er glaubte, dass er ihm zuhören würde –, seine Schicht an Jariks Schicht anzugleichen. Doch jeder Vorgesetzte hatte einen Vorgesetzten, der wiederum den Weisungen eines anderen weiter oben Folge zu leisten hatte, und weiter oben schien man aus Gründen, die er nicht verstand, gegen ihn zu sein. Sechs von Bürokratie durchsetzte Wochen später kam es ihm vor, als wäre er durch zwei Jahrzehnte hindurch zurück in das frühere Staatssystem gefallen, und er tat, was im Vergangenen Leben jeder getan hätte.

Gennadi Schopsin, der in der Wohnung unter ihm wohnte, war einer der Assistenten des Betriebsleiters des Planungsbüros, das für den einundsechzigsten Sektor des nordnordöstlichen Flügels zuständig war. Seitdem sich Gerüchte über seine Beförderung zu ihm herumgesprochen hatten, versuchte er, sich eine Wohnung zu sichern, die an seine angrenzte, um beide zu einer Behausung zusammenzuschließen, die einem Mitglied der Geschäftsführung, wie er es bald sein würde, angemessen war. Am vergangenen Einheitstag hatten Dima und er auf dem Korridor einen Pakt geschlossen: Am Tag, an dem seine Mutter starb, würde Dima dem Assistenten die Wohnung verkaufen – ein Appartement mit zwei Schlafzimmern, das nach dem Zusammenbruch des Staates in den Besitz der einstmals vierköpfigen Familie übergegangen war, von der jetzt nur noch sie beide dort wohnten –, wenn Gennadi ihm bis dahin an jedem einzelnen Tag jede verfügbare Überstunde zuteilen würde, ganz gleich, ob das Spiegellicht und Sonnenlicht im Wechsel bedeute oder ob er achtzehn Stunden auf dem Glas verbringen müsse, solange seine Schicht sich nur ein wenig mit der seines Bruders überschnitt.