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Dorle lebt im Souterrain eines herrschaftlichen Hauses, in dem sonst nur wohlhabende, knarzige alte Leute wohnen. In Heimarbeit steckt sie für eine Kronleuchtermanufaktur Kristalle zusammen. Und sie lässt sich von ihren Nachbarn als Concierge missbrauchen, obwohl sie gar nicht die Concierge ist. Doch Dorle ist genügsam und zufrieden mit ihrem Leben. Ganz im Gegensatz zu Annegret Sonne, vierundachtzig und voller Lebenslust. Als Frau Sonne sich zu einer dreimonatigen Reise aufmacht, bittet sie Dorle, ihre Wohnung zu hüten. Schnell wird klar, dass es sich hier nicht um eine gewöhnliche Wohnung handelt. Sie hat angeblich eine Aura, es lebt ein Kater darin, der Dinge kann, die normale Kater nicht können, und per Fax treffen Aufgaben für Dorle ein, die sie an den Rand des Wahnsinns bringen. Sie muss zum Sport, zu jemandem unfreundlich sein und kochen. Sogar Dates hat sie plötzlich. Gut, die Männer sind über achtzig, aber sie verstehen etwas von der Liebe. So hat Joe, Dorles einziger Freund, alle Hände voll zu tun, um im Rennen zu bleiben.

 

PS: Wurde Henriette Schräubchen schon erwähnt? Nur so viel: Sie hat rosa Haare, kann Gedanken lesen und spielt eine nicht unwesentliche Rolle in dieser Geschichte.

autor

© Birte Filmer

Susann Rehlein, geboren in Leipzig, hat Germanistik und Slavistik studiert. Neben dem Schreiben arbeitet sie als Journalistin und Lektorin. Sie lebt in Berlin-Kreuzberg. Bei DuMont erschien außerdem ›Lucy Schröders gesammelte Wahrheiten‹ (2016).

Susann Rehlein

Die erstaunliche Wirkung von Glück

Roman

Ein Jammer, dass sie nicht leben wird …

Aber egal – wer tut das schon?

Ridley Scott, Blade Runner

Für Dorle geht immer die Sonne unter. Sie hat nämlich ein lebensechtes Plakat mit einem Sonnenuntergang ihrer Couch gegenüber hängen. Dass es ein Sonnenuntergang ist und kein Sonnenaufgang, weiß sie, weil Sunset 5 DM hinten draufsteht. Sie hofft, dass ein Sonnenaufgang ein anderes Plakat wäre, dass nicht alles dasselbe ist: Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, egal. Im echten Leben weiß man ja auch, ob gerade Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang ist. Dorle mag eigentlich Sonnenaufgänge lieber. Wegen der Zuversicht. Aber das Plakat liebt sie trotzdem.

Sie ist bei Sonnenaufgang und bei Sonnenuntergang wach, sitzt auf ihrer Couch an ihrem Küchentisch, hebt den Blick von der Arbeit, ist Zeugin von Anfang und Ende. Dieser Gedanke macht sie seltsamerweise traurig, sie ist oft traurig. Dabei ist alles in bester Ordnung. Ihr ist im Leben nicht viel Schlimmes widerfahren, sie hat fünfzehn Quadratmeter Souterrain nur für sich allein, und sie hat einen tollen Heimarbeitsjob und einen Freund. Alles ist, wie es sein soll.

Um zwanzig nach fünf – es ist stockdunkel, aber das wird schon – steht Dorle auf, schiebt die Gästematratze unters Sofa, duscht kalt, heiß, kalt und wäscht sich mit Arztseife. Wer sich mit Arztseife wäscht, muss nicht zum Arzt. Das ist natürlich Quatsch. Andererseits war sie tatsächlich kaum je krank, höchstens mal an der Seele oder dem Geist, jenen Körperteilen, die ohnehin ein Leben lang im Dunklen bleiben. Sie zieht das blaue Arbeitskleid mit den ausgebeulten Seitentaschen über, dunkelblaue Kniestrümpfe, schwarze Arbeitsstiefel, macht das Fenster auf, füllt ihren Wischeimer und geht nach draußen. Sie wischt den Eingangsbereich des Hauses feucht durch, große weiße Fliesen, kleinere schwarze Fliesen mit exklusivem Goldrand. Für die Kanten und die Ecken schlingt sie den Lappen um den Stiel vom Schrubber, das hat Herr von Stottow ihr mal »empfohlen«. Am Ende riecht das Entree, wie Frau Karau es nennt, nach Zitrone, und Dorles Hände sind mit einer knisternden Schaumschicht bedeckt. Sie wischt sie an ihrem Kleid ab.

Für Herrn und Frau Bock und Frau Karau geht sie im Laufschritt zum Bäcker – sie hat ja nur das Kleid an –, die BILD-Zeitung und Brötchen holen, hängt ihnen die Tüten an die Türklinken. Ein Brötchen für sie selbst ist in der Seitentasche ihres Kleides. Dann geht sie wieder in ihr Souterrain. Wenn es ihr besonders gut geht, rutscht sie das Treppengeländer eine Etage runter. Aber das war nur zweimal. Sie schließt das Fenster und kocht eine Kanne Kamillentee. Sie isst ein Marmeladenbrötchen und präpariert sich: rote Metallspange in die kinnlangen schwarzen Haare schieben, Kniestrümpfe hochziehen, unter die Lampe setzen und losarbeiten. Die Oktagons funkeln, wenn sie sie unter die Lampe hebt, um einen Prismenstift durch das winzige Loch an der Oberseite zu schieben. Das kühle Glas erwärmt sich bereitwillig in ihren Händen.

Gegen zwölf muss sie dem Mann vom fahrbaren Mittagstisch aufmachen, der immer bei ihr klingelt, weil er weiß, dass die alten Leute ewig zur Tür brauchen, sie aber nur sieben bis zwölf Sekunden. Wenn er durch ist mit dem Kartoffelbrei, dem Hackbraten oder den Eiern in Senfsoße, riecht immer das ganze Haus nach Pups. Der Fahrer ist für Dorle das Signal, die Arbeit zur Seite zu legen. Sie macht unter dem Tisch zehn Liegestütze, streckt die Arme nach rechts vorn und nach links vorn, senkt das Kinn auf die Brust und verharrt drei Sekunden so, dann zieht sie ihren Mantel an und holt sich bei der Fleischerei Kanauer an der Ecke ein Mettbrötchen.

Der kleine Herr Glisgold aus dem Erdgeschoss hat sie da immer hingeschickt, auch als er schon Krebs hatte und sein tägliches Brötchen in den Müll warf. Die rosa Mettbrötchen sahen in dem schwarzen Mülleimer aus wie lebenswichtige Organe. Es war zum Schreien, aber Dorle schreit nicht. Und der kleine Herr Glisgold hat auch nicht geschrien. Er wollte einfach so tun, als wäre alles halbwegs normal. Und er wollte, dass sie ihm Gesellschaft leistete und ihm weiter aus dem SPIEGEL vorlas. Jedenfalls hat sie da angefangen, Mettbrötchen zu essen. Rohes Mett war sein Ein und Alles. An manchen Tagen hat sie drei Brötchen gegessen. Aus jedem Knopfloch hat sie nach Zwiebel gerochen. Aber gestorben ist er trotzdem vor vier Wochen. Das graubraune Grab wie eine Wunde im Schnee. Seitdem hat es nicht mehr geschneit. Ein Winter nur mit Plusgraden.

Ihr Ein und Alles ist Mett nicht – so weit lässt sie es nicht kommen. Gesellschaft übrigens auch nicht. Aber man braucht Konstanten im Leben. Und sei es nur, dass in dem weiß gefliesten Laden Herr Kanauer wie immer schweigend auf ihre Brüste starrt und Frau Kanauer sie wie immer dafür hasst. Aber sie unternimmt zum Glück nichts. Nur dass sie Dorle, sofern diese nicht passend zahlt, was sie inzwischen eigentlich immer tut, das Wechselgeld in Zwei-Cent-Münzen rausgibt. Sie sollte mal lieber ihrem Mann in Zwei-Cent-Münzen rausgeben.

Dorle macht einen Buckel, damit ihre Brüste nicht so abstehen und womöglich Frau Kanauer noch mehr provozieren, die wie ein Tier hinter der vergilbten Kasse hockt und jede ihrer Bewegungen genau verfolgt. Ihr Mettbrötchen auf Wachspapier, geht Dorle zurück zum Goetheplatz. Sie setzt sich mit durchgestrecktem Rücken auf die feuchtgraue Bank und isst unter der Aufsicht des mächtigen, zum Platz hin abgerundeten weißen Hauses, in dem sie wohnt, manierlich das Brötchen. Nicht schlingen, dreißigmal kauen, mit der harten Serviette den Mund abwischen. Dorle könnte das Haus stundenlang beobachten. Über der Tür halten zwei speckige Putten einen Pokal oder so was. Die Balkone sehen aus, als könnte man von da seinem Volk zuwinken. Es ist so herrschaftlich, dass es innen grau geäderte Marmorstufen hat, auf denen mit Messingstangen roter Teppich befestigt ist – der fängt allerdings erst an, wenn man Dorles Wohnung hinter sich gelassen hat. Vor Dorles Wohnung liegt eine fußmattenfarbene Fußmatte, neben ihrer Tür hängt ein Messingschild, das sie sehr liebt und auf dem Concierge eingeprägt ist.

Als sie von der Mittagspause zurückkommt, sieht sie, wie Frau Marx ihren Windhund, der heute eine grau karierte Jacke trägt, gegen Dorles rechts von der Treppe gelegenes Fenster pinkeln lässt. Sie zuckt mit den Schultern. Sie hat Frau Marx mal gesagt, dass sowieso schon immer Laub durchs Gitter auf ihr Fensterbrett fällt, dazwischen Schaben, Spinnen und benutzte Taschentücher. Sie will nicht auch noch Hundepipi an ihrer Scheibe haben … Nie wieder wurde sie so verächtlich angeguckt wie damals von Frau Marx – und sie wird oft verächtlich angeguckt. Sie selbst guckt praktisch nie verächtlich.

Jemand anderes tut das: Frau Sonne, steinalt und mager wie ein Wimpel, tritt in absurd hohen lila Pumps aus der Glastür mit den Messingbeschlägen, kommt die Treppe herunter, steht gebeugt da, das Kinn hochgereckt, die Hände in die Hüften gestemmt, mustert Dorle streng, dann Frau Marx, deren Hund gerade Erde gegen Dorles Fenster scharrt, und sagt: »Frau Marx, wo ich Sie treffe, vor Ihrer Wohnungstür riecht es zum Gotterbarmen, nehmen Sie mir die Direktheit nicht übel, doch Sie sollten Ihre Putzfrau wirklich instruieren, öfter zu lüften.« Und noch ehe Frau Marx fertig nach Luft geschnappt hat, ergänzt sie mit einem huldvollen Nicken: »Nichts für ungut, meine Liebe, aber im Treppenhaus wird hinter vorgehaltener Hand schon das schlimme Wort Inkontinenz geflüstert.« Dann wendet sie sich ab und weht davon – eine kleine Dame in einem weiten lila Kostüm, um die Schultern lässig einen großen lachsfarbenen Seidenschal geschlungen.

Als Frau Marx sich gefangen hat, lässt sie die Hundeleine schnalzen, und das magere Tier wird ihr vor die Füße gezerrt. Frau Marx strafft sich, dass ihre Dauerwelle wippt, und sagt: »Concierge! Ich erwarte morgen Abend Besuch. Und ich erwarte, dass bis dahin diese unfassbar verschmierte Eingangstür geputzt ist!«

»Aber ich bin nicht die Concierge.«

»Es ist mir egal, was Sie sind oder nicht sind! Putzen Sie die Tür!«

Sie ist nicht die Concierge. Sie wohnt nur in der früheren Conciergewohnung im Souterrain des Hauses am Goetheplatz. Aber die Hausbewohner, von denen wohl keiner unter siebzig ist und die alle mindestens neunzig Quadratmeter bewohnen, manche um die zweihundert, wissen das nicht oder wollen es nicht wissen. Mehrmals täglich klingelt jemand bei Dorle, und man schiebt ihr Zettel mit Aufträgen unter der Tür hindurch. Diese Leute sind an Personal einfach gewöhnt. Zwei haben sogar heute noch ein Dienstmädchen. Eine Putzfrau haben fast alle. Und sie haben Dorle. Nach zweimal vier Stunden mit den Kristallen macht sie jeden Tag zwei Stunden Pause, in denen sie sich für eine halbe Stunde schlafen legt, essen geht und für die Leute Dinge erledigt. Geld bekommt sie dafür in der Regel zwar nicht, aber sie findet die Aufmerksamkeit angenehm, die ihr zuteilwird, wenn sie den Leuten zur Hand geht. Während die alten Leute sich untereinander spinnefeind sind, grüßen Dorle von den hier lebenden dreizehn immerhin sechs. Und das sind gar nicht unbedingt die, denen sie behilflich ist. Frau Bock und Frau Karau zum Beispiel grüßen beide nicht. Allerdings hat Frau Karau Dorle letztens eine abgelegte graue Strickjacke von sich vor die Tür gelegt, die sie nun meistens zum Arbeiten trägt. Das Souterrain ist nämlich nicht nur dämmerig, sondern auch ein wenig klamm und kalt.

Am nächsten Tag wienert Dorle in ihrer Mittagspause die Scheiben der in Messing gefassten Flügeltür und dann das Messing gleich noch mit. Frau Marx wird sich freuen. Messing ist ein Metall mit Charakter: je älter, desto schöner. Messing wird gern berührt, stellt sie sich vor. Sie wird nicht so gern berührt.

Gerade reibt sie mit Terpentin Krakel vom Klingelschild, als wieder die steinalte Frau Sonne aus dem Haus kommt. Natürlich tipptopp gekleidet. So kriegt Dorle ihre Erscheinung nicht hin, obwohl sie erst vierundzwanzig ist. Aber sie hat es auch nicht intensiv versucht, Schönheit ist nicht so ihr Ding. Frau Sonne hingegen war noch nie ungeschminkt hier unten. So auch heute nicht. Sie ist sogar ziemlich stark geschminkt. Dunkelbraunes Make-up, orangefarbener Lippenstift. Sie bleibt neben Dorle stehen, sagt: »Ich muss zum Zahnarzt, Frau Dorle, dabei hab ich nicht mal mehr Zähne.« Dorle sagt nichts.

Frau Sonne bleibt weiter neben ihr stehen, mustert ihr dunkelblaues Kleid, in dessen Seitentaschen Reinigungsutensilien stecken, mustert Dorles Gesicht, die rote Spange, und scheint nicht zufrieden zu sein mit dem, was sie sieht, sonst würde sie nicht den Kopf schütteln. »Wissen Sie, meine Liebe, ich war früher Lehrerin.« Sie zieht ein zerknülltes Papiertaschentuch aus der Manteltasche, hebt es vor Dorles Gesicht und öffnet in Zeitlupe Daumen und Zeigefinger, lässt Dorle dabei nicht aus den Augen. Dorle bückt sich, hebt das Taschentuch auf und hält es der alten Dame hin, die es ihr mit einem »Pff« aus der Hand schnappt. Dorle hat sich schon wieder dem Klingelschild aus Messing zugewandt, um es zu polieren, sie nimmt dafür einen Speziallappen, der extra für Messing produziert wurde, da hört sie Frau Sonne hinter ihrem Rücken sagen: »Hören Sie auf, fremder Leute Dreck wegzumachen, junge Frau. Hören Sie einfach damit auf, und schreiben Sie bis heute achtzehn Uhr zehnmal: Ich will niemandem erlauben, meine Würde zu verletzen. Wir sehen uns um achtzehn Uhr bei mir oben. Und jetzt trage ich mein Zahnfleisch zum Zahnarzt. Einen schönen Tag noch!« Sie sieht sehr zufrieden aus, tippt keck an ihren lila Hut und marschiert von dannen.

Dorle blickt ihr hinterher. Die Menschen können ziemlich unverständlich sein. Dann reibt sie weiter an dem Klingelschild, poliert sogar die kleinen Knöpfe, was gar nicht so einfach ist, schließlich sind es Klingelknöpfe, wenn man da zu fest poliert, klingelt es bei jemandem, der das gar nicht goutiert, wie Frau Karau sagen würde. Oder Wasser fließt in die winzigen Zwischenräume, und die Kontakte korrodieren. Aber sie kriegt das hin, reinigt mit Wattestäbchen die fragilen Einfassungen der Namensschilder mit den winzigen Schräubchen darin. Glänzendes Messing ist ihr wirklich eine Freude.

Als sie um achtzehn Uhr im fünften Stock bei Sonne klingelt, macht ihr eine sehr seltsame Frau in einem goldenen Shirt und blaugrauen Pluderhosen auf, sie ist barfuß und hat golden lackierte Zehennägel, goldene Fingernägel, golden getuschte Wimpern. Dorle würde am liebsten in das voluminöse Gespinst aus rosa Zuckerwattehaaren auf ihrem Kopf fassen. Aber abgesehen davon, dass man so etwas natürlich nicht macht, ist die Frau einen Kopf größer als sie und sehr majestätisch. Dorle hält ihr den Schreibblock hin, den sie extra gekauft hat, wofür zwanzig Minuten Arbeitszeit und fünfundneunzig Cent draufgegangen sind. Sie will wieder gehen, aber die Frau hebt die Hand, bewegt den rechten Zeigefinger vor Dorles Gesicht hin und her und sagt: »Nichts da, hiergeblieben. Die fünfundneunzig Cent für den Block gebe ich dir nachher mit.«

»Wenn Sie mal meine Gedanken lesen würden, Schräubchen, und nicht die fremder Leute, dann wüssten Sie, dass mein iPad sich gerade aufgehängt hat und ich eine helfende Hand benötige«, kommt ein Krächzen aus den Tiefen der Wohnung. »Und jetzt herein mit ihr!«

Schräubchen?

»Was soll ich machen, mein Name ist Henriette Schräubchen«, haucht die Frau, die vielleicht Mitte dreißig ist, aber älter aussieht beziehungsweise ungewöhnlich. Sie entreißt Dorle den Schreibblock und pfeffert ihn auf die Hutablage der Garderobe.

»Ich bin Dorle.« Sie zieht die Schuhe aus und eilt der Fee hinterher durch den Flur, an dessen Wand eine irgendwie harlekineske Tapete hängt: beigefarbene, schwarze, rote, gelbe und weiße Rhomben. Davor schmale lange Vitrinen und Regale in verschiedenen Höhen, darauf jede Menge Kleinkram. Es geht zu schnell, sie kann sich das nicht so genau anschauen.

Frau Sonnes Wohnzimmer müsste man eher einen Salon nennen. Und hier passt so ein Kronleuchter, wie Dorle sie fertigt, wunderbar hin. An der Decke prunkt ein majestätisches Exemplar: Ende neunzehntes Jahrhundert, ungefähr zweitausend Euro wert. An die viertausend in allen Farben des Regenbogens funkelnde Oktagons enthält er, die, wie es aussieht, kürzlich geputzt wurden. Dorle reibt die Finger gegeneinander. Sie spürt förmlich die scharfen Kanten.

Die Wände sind über und über behängt mit Gemälden, von ganz klein bis fast raumhoch, die meisten in goldenen Rahmen. Jede Menge Mobiliar steht ohne erkennbare Ordnung herum, alles alte Sachen. Ein asiatisch wirkender Sekretär, floral gemusterte und gestreifte Stühle, ein Schachtischchen mit Löwenfüßen, eine mit grünem Leder bezogene Blumenbank. In weiß-blauen, bunten und gläsernen Vasen Blumensträuße. Die Lieblingsblumen von Frau Sonne scheinen rosa Lilien zu sein. Es riecht nach Aussegnungshalle. Zum Glück ist es hier dämmerig. Nur ein Hauch Neonlicht, und man müsste glatt sterben, um anwesend sein zu dürfen. Von überall sehen einen kleine Statuen an: Buddhas, Miniaturtiere, Porzellandamen. Alles ist so wunderschön, dass man es anfassen möchte. Aber das macht man nicht. Man schaut sich nur um. Nichts passt hier zusammen. Alle Kontinente, alle Ären oder wie man das nennt, alle Stile. Jedenfalls ist der Raum vollgestellt, und hinten in der Ecke unter dem Fenster thront Frau Sonne auf der altrosa Chaiselongue. In ihrem Rücken ein Gebirge aus Seidenkissen, ihr schmächtiger Körper ist mit einer Pelzstola zugedeckt.

»Wollen Sie auch Kakao? Oder Tee?«, fragt Frau Sonne.

»Ich wollte nur …«

»Herta! Kakao für das Mädchen!«

»Sie böse alte Frau«, kommt es von draußen.

»Herta ist ihr zweiter Vorname, die Schräubchen mag es nicht, wenn ich sie so nenne. Aber manchmal macht böse sein mir einfach ein gutes Gefühl. Kennen Sie das?« Frau Sonne mustert Dorle. »Nein, Sie kennen das nicht. Vielleicht sollten Sie das mal kennenlernen. Ich kümmere mich darum.«

Dorle nickt. »Vielen Dank.« Und nachdem sie ihre bestrumpften Zehen lange genug in den Teppich gebohrt hat und Frau Sonne immer noch nicht gesagt hat, worum es hier geht, fühlt sie sich aber mal ausreichend gemustert und muss los, aber Frau Sonne winkt sie auf den Rand ihrer Chaiselongue, wo sie von Frau Schräubchen einen fragilen Blümchenbecher Kakao bekommt und dann aufgefordert wird, Frau Sonne ein bisschen aus ihrem Leben zu erzählen.

Dorle sieht in dem Becher irgendwelchen weißen Klümpchen beim Rumschweben zu, während sie schnell und in knappen Sätzen umreißt, dass sie mit sieben zu ihrer Großmutter gezogen ist. Dort hatte sie ein hellblaues Zelt im Garten, wo sie den Sommer über schlafen und den Sternen beim Leuchten zusehen durfte. Nach dem Tod der Großmutter musste sie ins Kinderheim. Das war nicht angenehm. Da hätte sie sich auch wie früher von ihren Eltern schlagen lassen können, aber das darf man sich nicht aussuchen, wenn man Kind ist. Dann wohnte sie eine Weile in einer WG. Dort hatte jeder ein eigenes Zimmer, doch man konnte angenehmerweise hören, dass man nicht allein war. WG war ihr Ding. Aber weil sie manchmal tagelang nicht aus dem Zimmer konnte und die anderen Leute in der WG sich davon gestört fühlten, musste sie vor anderthalb Jahren zur Kur. Da hat sie viel Sport gemacht und Details über ihre Kindheit erfahren, die ihr früher gar nicht aufgefallen waren. Außerdem erlernte sie ihren Beruf. Und Joe, der Fahrer der Kronleuchtermanufaktur, hat sich ihr vorgestellt und ihr manchmal Schokolade in den Aufenthaltsraum gebracht.

Jetzt ist sie schon lange wiederhergestellt. Das braucht noch viel Geduld, sagte man ihr zum Abschied. Aber Geduld hat sie ja. Sie hat außerdem die schöne Wohnung und verknüpft Kristalle für Kronleuchter, was sehr viel Spaß macht. Einmal pro Woche beliefert Joe sie mit Material und holt die fertigen Ketten ab, und weil er immer zehn Minuten bleibt, hat sie jede Menge Gesellschaft.

Frau Sonne hebt Dorles Kinn an, und Dorle, die sowieso nur mit einer Pobacke auf dem harten Rand der Chaiselongue gesessen hat, und die Pobacke ist schon ganz taub, steht mal lieber auf. In-die-Wange-Kneifen und Kinn-Anheben mag niemand, das wissen alte Leute nur nicht. Sie trinkt zwischen den weißen Klümpchen vorbei einen Schluck Kakao.

Frau Sonne nickt zu ihr hoch, sagt leise: »Das ist keine schöne Lebensgeschichte so weit. Aber am schlimmsten finde ich, dass Sie während der drei Minuten, die Sie erzählt haben, zweimal ›aber das macht nichts‹ und einmal ›das war weniger schlimm, als es sich anhört‹ gesagt haben. Das war nämlich schlimm, was Sie da erlebt haben.« Dorle guckt in ihre Tasse. Hätte sie bloß den Kakao nicht genommen.

»Sie Herzchen werden ab heute öfter bei mir sein«, sagt Frau Sonne leise.

»Vielen Dank. Aber das ist nicht nötig.«

»Ich brauche manchmal Hilfe«, sagt Frau Sonne munter. »Und die Schräubchen, naja, Sie haben sie ja selbst gesehen, die kann man nicht mit allem beauftragen. Da bleibt im Zweifelsfall kein Stein auf dem anderen.«

Dorle nickt. Ich brauche Hilfe ist etwas, womit sie gut umgehen kann. Sie nickt noch einmal. »Ja, zwischen zwölf und zw…«

»Übermorgen, achtzehn Uhr.«

Dass ihr übermorgen achtzehn Uhr nicht passt, kommt offenbar nicht infrage. Aber bis übermorgen hat Frau Sonne die Sache sicher ohnehin vergessen. Dorle kennt alte Leute inzwischen.

Henriette Schräubchen steht schon hinter ihr. Sie legt ihr eine Hand auf den Unterarm und geleitet sie durch den Flur, in dem sie jetzt im Vorbeigehen auf einem länglichen Tisch ausgestopfte Tiere sieht, eins davon sieht krank aus. Daneben ein dreiarmiger silberner Leuchter und ein in Silber eingefasster Glaswürfel mit weiß-rosa Bonbons. Da ist noch viel mehr zu sehen, aber man ist leider so schnell durch diesen Flur gegangen. Na ja, macht nichts. An der Tür gibt Frau Schräubchen ihr den Schreibblock mit Ich will niemandem erlauben, meine Würde zu verletzen. Außerdem auf einem goldenen Tellerchen ein rosa Törtchen mit silberner Verzierung und einen Euro, den sie ihr in die rechte Tasche ihres Kleides steckt.

»Das Geld ist für den Schreibblock. Den Teller bitte übermorgen wieder mitbringen. Übermorgen achtzehn Uhr.«

Abwehrend hält Dorle den Block hoch.

»Frau Sonne vergisst nie etwas. Sei also besser pünktlich.«

»Braucht Frau Sonne mich denn? Ich verstehe nicht, worum es hier geht.«

»Jaja, sie ist wirklich nervtötend mit ihrer Besserwisserei. Aber wenn sie dich nicht dringend brauchen würde, wärst du nicht hier. Das v…«

»Herta!!«, kräht es von drinnen. »Ich kann Sie hören.«

Henriette Schräubchen verdreht die Augen, gibt Dorle einen Klaps auf die Schulter und schiebt sie zur Tür hinaus.

Eine Weile steht Dorle, den Rücken zur Wohnungstür, auf Frau Sonnes Fußabtreter. In der einen Hand hat sie den Schreibblock, in der anderen das Tellerchen. Das Treppenhaus liegt vor ihr wie ein Schlund.

Sag mal, meine Schöne, ein fetter alter Mann hat gerade etwas zu mir gesagt, das ich nicht verstehe. ›Bumsen‹ kam vor und ›graue Maus‹«, sagt Joe, der Fahrer der Kronleuchtermanufaktur Bling!, kaum dass sie ihm geöffnet und sich unter ihm weggeduckt hat, weil er sie wieder umarmen wollte. Dabei soll er ihr nur Material liefern. Sie geht an ihren Tisch und setzt sich auf die Couch unter die Arbeitslampe. Er kommt hinterhergehüpft und stellt sich vor sie in seinen Sachen, die wie Kindersachen aussehen.

Obwohl sie geradeaus guckt und eigentlich bloß seinen Bauch sieht, weiß sie, dass er sie unverwandt anlächelt und kleine Hüpfer macht in seinen grasgrünen Turnschuhen. Im Grunde dürfte man ihn nur verschwommen sehen, weil er nie stillsteht. Wenn er dann nicht wieder stundenlang auf einen einreden würde, könnte man ihn fragen, wie die Augen Objekte in ständiger Bewegung scharfstellen. Er liebt solche Alltagsfragen. Jetzt tippt er mit den Fingerspitzen vor ihr auf dem Tisch rum und erzählt, was er gefrühstückt hat. Die Kurzfassung wäre: Marmeladenbrötchen. Aber nie im Leben würde Joe von irgendwas die Kurzfassung erzählen. Da müsste er ja weglassen, dass in jeder der verdammten Pflaumen ein Wurm gewesen ist, als er die Marmelade gemacht hat, in buchstäblich jeder – alle hautfarben, der längste sieben Millimeter lang. Und was für eine Schweinearbeit deshalb das Entsteinen war, das sowieso schon eine Schweinearbeit ist. Und ob sie weiß, dass in Pflaumenmarmelade grüne Walnüsse reinkommen. Und die muss man ja erst mal kriegen in einer Stadt wie Berlin. Wenn man schlau ist, schaut man im Internet nach, wo Walnussbäume stehen, und dann fährt man unter Umständen wegen drei Walnüssen raus nach Werder. Und so weiter.

So ist das übrigens immer mit ihm.

Immer bis auf einmal ziemlich am Anfang ihrer Bekanntschaft. Da war der Hund gestorben, den Joe sonst immer dabeigehabt hatte. Und deshalb hat Joe reglos – total reglos – neben Dorle auf dem Sofa gesessen und leise geweint. Eine Weile hat sie ihn betrachtet. Hat die rechte Hand gehoben und wieder sinken lassen, dann die linke. Hat etwas sagen wollen. Hat nicht gewusst, was. Ist aufgestanden. Hat aus dem Klo im Flur ein Stück Klopapier zum Naseputzen geholt, das er schniefend annahm und in seinen Händen verzweifelt zu einem kleinen Ball knetete, ehe er es sich in die Hosentasche schob, ein Päckchen Taschentücher hervorzog und sich die Nase putzte. Die ganze Zeit hat sie neben ihm gesessen und ihm zugesehen. Ist dann aufgestanden, hat einen Kamillentee für ihn gekocht und sich wieder gesetzt. Ist aufgestanden und zur Dusche gegangen und zurück zum Sofa und hat sich wieder gesetzt. Weinen schüttelte seinen Körper, es hörte nicht auf. Mit den Fingerspitzen hat sie ihm aufs Knie geklopft, aber das brachte gar nichts.

Und irgendwann hat sie doch gewagt, ihn in den Arm zu nehmen.

Augenblicklich hat alle Anspannung ihn verlassen, und zart und still und nachgiebig hat er, die Arme über ihre Schultern gehängt, an ihrer Brust gelehnt und weitergeweint, stiller jetzt, sanfter. Und sie hat das seltsamerweise nicht unerträglich gefunden, sondern bewegend, und hat probeweise seinen Rücken gestreichelt und sein Haar berührt. Sie testete, wie sich seine Schläfe an ihrem Zeigefinger anfühlte (glatt und pulsend, als wäre die Haut sehr dünn und gleich darunter sein Blut). Sie spürte nach, wie sein Ohr an ihrer Nase war. Sie nahm wahr, dass er nach Weichspüler roch. Und sie dachte, dass sie das jetzt dringend mal beenden sollte, damit sich keine Panik in ihr einstellte wegen dieser ganzen Nähe. Aber ihr Körper hatte sich längst heimlich mit seinem verbunden. Zwar war das unvergleichlich, aber wenn man einen Vergleich nennen sollte, dann vielleicht: wie der dunkle und der helle Teig beim Marmorkuchen. Jeder bleibt an seinem Platz, ein paar Schlieren höchstens von hier nach da, und doch ist beides fest miteinander verbacken. So ist das gewesen.

Seitdem ist sie insgeheim die Freundin von Joe. Aber das hat keine Perspektive. Weil, so traurig und still war er nie wieder. Und fröhlich ist Joe nun mal nicht auszuhalten: Immer will er einen umarmen und macht alles rasend schnell und mit doppelt so vielen Bewegungen wie nötig. Wenn er redet, nimmt sein Mund die ganze untere Hälfte des Gesichts ein, seine Augen zucken, die Ohren wackeln, und sogar seine blonden, ungekämmten Haare beben. Und das Reden ist noch nicht mal das Schlimmste! Joe bewegt sich vorwärts, als hätte er ein kleines Trampolin untergeschnallt. Er rudert mit den Armen und lacht, lacht die ganze Zeit. Wenn man ihn küssen wollte, würde man mit dem Mund gegen seinen Mund stoßen oder gegen sein Kinn oder seine Nase.

Seine Anwesenheit macht Dorle fertig. Mit ihm ist es, als wäre ein Tornado in ihrer kleinen Wohnung eingeschlossen. Sie hasst Joe dafür, dass er sie ständig so in die Ecke drängt. Kann ein Mensch nicht auch mal sehen, was ein anderer Mensch braucht? Distanz braucht sie. Und Ruhe, verdammt noch mal.

Als ahnte er, dass Dorle wütend ist, hört er plötzlich auf zu hopsen. »Ich hab ihm Prügel angedroht, war das richtig?«, fragt er.

Natürlich hat Dorle vorhin das Schnaufen von Herrn Bock gehört und seine Worte auch. Die Wände der Conciergewohnung sind dünn. Wahrscheinlich war das für früher: Damit die Concierge immer gleich hören konnte, wenn jemand kam und etwas hochzutragen hatte. Dorle duckt sich und heftet den Blick auf ihre Arbeit. »Ach, das macht nichts. Das war nur Herr Bock«, sagt sie. »Den darf man nicht so ernst nehmen. Die Kartons mit den fertigen Kristallketten stehen auf der obersten Treppenstufe.«

Grinsend steht er vor ihrem Küchentisch und bläst ordentlich seinen Brustkorb auf. Wahrscheinlich will er gelobt werden. Joe will immer irgendwas. Das kennt sie schon von ihm. Nachdem sie ihn damals getröstet hatte, wollte er sie stets umarmen zur Begrüßung. Aber sie hat ihm gleich gesagt, dass sie lieber nicht umarmt wird. Dass das eine Ausnahme war, weil er geweint hat und Hilfe brauchte. Sie kann zwar schon umarmen, aber sie mag es nun mal nicht. Und umarmt werden noch viel, viel weniger.

»Geht klar«, hat Joe gesagt und gar nicht traurig ausgesehen, sondern energetisch wie immer. Es wird ihm nicht wichtig gewesen sein, das Umarmen.

»Die Kartons für dich stehen auf der obersten Stufe.«

»Das sagtest du bereits. Kriege ich Tee? Ist kalt heute.«

Sie steht auf und geht zur Spüle. Man müsste ihn wegschicken, damit mal Ruhe einkehrt, aber das geht nicht. Er hat ihr nach der Kur die Wohnung besorgt. Und er ist ihr einziger Freund.

Er verzieht das Gesicht, als er sieht, dass sie nach der Schachtel mit dem Kamillentee greift. »Ich könnte ja auch mal Teebeutel mitbringen. Da gibt es tolle Sorten. Erwache und lache. Öffne dein Herz für Joe. Und so.«

Dorle seufzt. Joe schmeißt sich auf das Sofa, wo sie jetzt zum Glück nicht mehr ist, sonst hätte er sie unter sich begraben. Sie setzt bloß für eine Tasse Teewasser auf, damit es schnell geht.

»Neben deiner Tür steht übrigens das Grauen. Kastrierte Plastikbäume, die davon träumen, ein Urwald zu sein.« Dorle ist sehr konzentriert damit beschäftigt, dem Teewasser beim Heißwerden zuzuschauen. »Im Ernst, da stehen Pflanzen«, sagt er.

Sie stellt ihm seinen Tee hin. Und tatsächlich: Als sie die sieben Stufen zur Wohnungstür hochgeht und sich hinausbeugt, stehen da Bäume und Büsche. Acht insgesamt. Unter einen der weißen Plastiktöpfe ist, zusätzlich beschwert mit einer Zwei-Euro-Münze, ein A4-Blatt geklemmt. Bitte gießen, verreise. Geld ist für Sie. MfG Tippner. Herr Tippner wohnt im zweiten Stock und trägt einen fettigen, schuppigen Seitenscheitel, was Dorle aber nichts ausmacht, und Knickerbocker, dazu gern Khakihemden. Sie geht wieder rein. »Musst du nicht weiter?«

»Der Tee muss erst abkühlen.« Joe lässt die Beine über die Armlehne baumeln und rekelt sich über die gesamte Sofalänge, sein grasgrünes Kapuzenshirt ist hochgerutscht, man sieht den Bauchnabel. Dorle guckt da nicht hin. »Soll ich dir helfen, den Urwald reinzutragen?«, fragt er. »Wobei …« Er richtet sich ein Stück auf und sieht sich ratlos um. »… die passen hier gar nicht rein. Die Pflanzen oder du! Entscheide dich! Das viele Geld kannst du so oder so behalten. Emmeffgeh!«

»Hast du den Brief etwa gelesen? Der war privat!«

»So was ist doch kein Brief! Wenn das ein Brief ist, bin ich nicht ganz bei Trost und in dich verknallt … Oh, dann muss es ja wirklich ein Brief sein.« Er lacht. Das kennt sie schon, wenn Joe einmal lacht, lacht er. ›Sich scheckig lachen‹ und ›sich kaputtlachen‹ sind Sachen, die man an Joe studieren könnte, wenn einen so was interessieren würde und nicht nur nerven. Er geht zur Spüle, gießt kaltes Wasser auf seinen Tee, trinkt ihn in einem Zug aus, tritt zu ihr, gibt ihr einen Kuss auf die Wange, murmelt: »Oh, ist das weich«, und stürmt raus.

Als Joe weg ist, wirkt der Raum, als hätte jemand alle Farbe daraus entfernt. Aber Dorle kann endlich weiterarbeiten.

Den ganzen Vormittag sitzt sie auf ihrem Sofa und schiebt Kristalle auf Prismenstifte. Sie muss sich beeilen, es gibt wohl einen Engpass, und schon in drei Tagen kommt Joe wieder, um die fertigen Kristallketten abzuholen, die bei Bling! in Kronleuchter eingefügt werden. Theoretisch gefallen Dorle die Kronleuchter. Die würden sich gut in einem Zarenpalast machen. Dass Leute sich angeblich so was kaufen, hätte sie nicht gedacht, bis sie das Schmuckstück bei Frau Sonne oben gesehen hat. Seit sie vor einem halben Jahr den Job übertragen bekommen hat, lebte sie in ständiger Sorge, dass Bling! sich bezüglich seiner Zielgruppe geirrt hat und dichtmachen muss. Jetzt hat sie eine Sorge weniger. Das ist aber nur eine Redewendung. Dorle hat keine Sorgen im eigentlichen Sinne. Ihr ist nur hin und wieder irgendetwas unangenehm: Nähe, Berührung oder die Vorstellung, dass ihr, während sie an der Ampel steht, die Antenne eines vorbeifahrenden Autos das Gesicht zerschneiden könnte.

Nach einer Stunde merkt sie, dass sie die falsche Größe Oktagons verbunden hat. Das sind sowieso billige Klunker, die Joe da vorhin gebracht hat, ohne Kontur und ohne Brillanz. Heute wird sie den Plan nicht wie sonst übererfüllen, das ist schon mal klar. Heute kann sie das kalte Funkeln der Kristalle nicht lieben, ihr tut das Gelenk vom Daumen weh, und geschnitten hat sie sich auch. Obwohl ihr das nur noch selten passiert, hat sie für den Notfall stets eine Schachtel Kinderpflaster neben ihrem Arbeitstablett liegen, und jetzt macht sie mit einem Löwen am Zeigefinger mutlos weiter. Um zwölf ist sie so müde, dass sie ihre Gästematratze, die zwar Gästematratze heißt, aber eigentlich ihre eigene Matratze ist, unter dem Sofa hervorzieht, dahinter ausklappt und sich hinlegt.

Als sie aufwacht, ist sie ärgerlich, weil sie gleich merkt, dass sie verschlafen hat. Und tatsächlich, es ist schon nach zwei. Sie hat den fahrbaren Mittagstisch nicht gehört. Zur Strafe kriegt sie kein Mittagessen. Und der Fleischer verkauft ein Mettbrötchen weniger. Als hätte sie Gummistiefel voller Wasser an, schlurft sie nach draußen. Ratlos steht sie vor den Pflanzen in ihren weißen Töpfen. Die sehen aus wie etwas, das im Kinderheim das Raumklima verbessern soll, zu Hause hat der Heimleiter andere Pflanzen. Keine Blüte ist an denen dran, kein Duft. Zwei haben sogar dicke Stacheln. Dorle wuchtet die zwei höchsten in die Duschkabine, die neben der Spüle an der Wand steht, die anderen verteilt sie so, dass sie drumherumgehen kann. Ein kleiner Farn wird unter dem Tisch versteckt. Aber das nützt nichts, sie weiß, dass er da ist. Wie eitel sich seine Blätter kräuseln! Nur wer total kaltherzig ist, kann von der Steinzeit bis heute überleben. Sie hasst ihn. Und Joe hasst sie auch. Wütend macht sie die für die Rückengesundheit erforderlichen zehn Liegestütze, dann gegen den Ärger noch zehn hinterher, streckt sich nach vorne links und vorne rechts.

Bis achtzehn Uhr hat sie sich längst wieder gefangen. Sogar einen akzeptablen Tagesschnitt hat sie geschafft. Jetzt kämmt sie sich, schiebt sich die rote Spange wieder ins Haar, zieht ihr weinrotes gutes Kleid an und Pumps – noch einmal will sie nicht vor Frau Schräubchen stehen wie Aschenputtel – und verlässt das Souterrain. Unbeleuchtet liegt das Treppenhaus vor ihr wie eine Tropfsteinhöhle. Sie war mit dem Kinderheim in einer Tropfsteinhöhle. Ein Kind ist verloren gegangen, wurde aber nach zwei Stunden wiedergefunden. Sie macht kein Licht an. So kann man keine Angst entwickeln vor der zu betretenden Wohnung und deren Bewohnern. Man ist nämlich die ganze Zeit damit beschäftigt, im Dunkeln den Weg zu ertasten und nicht hinzufallen. Zwar ist auf diese Weise vermutlich der Gegensatz Souterrain – Himmel schärfer, aber das macht nichts.

Wie kommt man zu solchen Zuckerwattehaaren? Wenn man mal drei Wünsche äußern will, sollte man sich an Frau Schräubchen wenden. Frau Sonne dagegen, die hinter ihr steht und ungeduldig auf ihre zarte goldene Armbanduhr tippt, ist unsachgemäß zurechtgemacht. Der Lidstrich links ist dicker als der rechts, auf einem Schneidezahn hat sie Lippenstift. Sie sieht aus wie ein Kobold, wie sie so hinter dem Rücken ihrer märchenhaften Angestellten hervorspäht. »Sie sind zu spät!«, krächzt sie und stützt sich mit der knochigen Hand an der Garderobe ab.

»Entschuldigung, ich wurde aufgehalten. Das tut mir sehr leid, aber jetzt können wir ja loslegen. Was ist zu tun?« Lächelnd reicht Dorle Frau Schräubchen den Teller. »Haben Sie vielen Dank, das Törtchen war köstlich.«

»Kein Problem. Genehmige es dir einfach morgen zum Frühstück«, haucht Frau Schräubchen über die Schulter und bietet der alten Dame den Arm. Die hängt sich ein, stiefelt auf ihren lila Pumps los, zieht Frau Schräubchen mit sich, als hätte sie es eilig.

Dorle steht nach wie vor an der hohen, zweiflügligen Tür, hin- und hergerissen zwischen der Frage, ob sie die Schuhe ausziehen soll, und Entsetzen, weil Frau Schräubchen sie ertappt hat. Sie hat das rosa-silberne Törtchen nämlich wirklich nicht gegessen, sondern in einem durchsichtigen Tütchen verpackt und auf das Regalbrett über der Spüle gestellt. Es ist wunderschön. Dorle hat noch nie etwas so Feines besessen, es ist wie ein Collier oder eine Gemme. Es zu essen ist undenkbar.

Apropos Essen: Dorle hat heute Mittag ja nun zur Strafe nichts gegessen und hat wirklich Hunger. Das macht im Grunde nichts. Aber sie will doch nach Möglichkeit schnell zurück in ihr Souterrain und sich eine Buchstabensuppe kochen. »Worum geht’s?«, fragt sie also in den leeren Flur, zieht ihre Pumps aus und geht den beiden hinterher. Wieder keine Zeit, die seltsamen Dinge und die ausgestopften Tiere im Flur zu betrachten, weil Frau Sonne »hopp, hopp« ruft. »Worum soll’s schon gehen, das Klo ist verstopft.« Als Dorle im Salon den dicken weinroten Teppich betritt, steht die alte Frau auf eine Stuhllehne gestützt am Schachtisch mit den Löwenfüßen und blickt ihr entgegen.

»Das Klo streikt also. Das haben wir gleich, ich kümmere mich darum.«

Dorle will gerade nachsehen gehen, als Frau Sonne knurrt: »Bis morgen noch zehnmal: Ich will niemandem erlauben, meine Würde zu verletzen … Ach vergessen Sie’s, heute hab ich meinen großzügigen Tag. Meine Damen, jetzt wird getafelt und gezockt!« Mit einer ausladenden Geste weist sie durch den Raum in Richtung des Tisches, der mit allerlei Tellerchen und Schüsselchen gedeckt ist, darauf belegte Brote, Gürkchen, Oliven, Schnitzelchen und Bulettchen, in der Mitte zwei achtarmige Messingleuchter, die Kerzen angezündet, und dazwischen das Spielbrett Siedler von Catan.

Frau Schräubchen hilft Frau Sonne auf den Stuhl, schiebt ihr ein Kissen in den Rücken und winkt Dorle, die gerade in die Küche gehen und den Wein für die beiden holen will, ungeduldig heran. »Worauf warten Sie! Hinsetzen! Essen!«

»Ich? Äh …«

»Sechs, setzen! Und reichen Sie mir bitte die Oliven«, sagt Frau Sonne und hebt den Zeigefinger.

Von da an essen sie und spielen. Dorle auch. Davon war sie nicht ausgegangen. Nicht im Traum. Beinahe zärtlich kümmert sich Henriette Schräubchen um Frau Sonne, passt auf, dass sie nicht nur Oliven isst, sondern auch von den vegetarischen Bulettchen, die Dorle sehr mag, weil sie nach Nuss oder so schmecken, und von den Käsespießen nimmt.

Frau Schräubchen spielt absichtlich achtlos, hat Dorle den Eindruck, damit Frau Sonne gewinnt. Und sie gewinnt gern. Sie lacht dann, macht sich über ihre Mitspieler lustig und ist ganz kieksig.

Dorle sitzt ihr gegenüber, macht sich über das Essen her. Erst hat sie sich zurückgehalten, doch dann hat Frau Sonne gefragt, ob Luigi von Aspettando Filippo etwa umsonst den ganzen Tag in der Küche gestanden haben soll, also isst sie. Dorle isst und betrachtet die alte Frau. Sie muss wirklich schon sehr alt sein. Ihre Hände liegen auf dem Damasttuch wie etwas, das gerade von Archäologen ausgegraben wurde und darauf wartet, katalogisiert zu werden. Das Gesicht ist grau, mit einem Stich ins Violette, und völlig zerfurcht. Sie sieht gruselig aus, irgendwas zwischen böse und hämisch. Aber wenn sie lacht, sieht Dorle, wie klug und wie warmherzig sie ist. Zum Glück lacht Frau Sonne viel. Klar, sie gewinnt ja auch. Dorle hat seit ihrer Kindheit nicht mehr gespielt, und da eigentlich auch eher allein im Park, aber die beiden haben ihr das Brettspiel erklärt. Sie bekleckert sich mit Rote-Bete-Salat, so spannend ist es. Mit ihrer Serviette reibt sie auf ihrem Kleid herum, doch ein rosa Fleck bleibt.

Frau Schräubchen, die jetzt schon seit bestimmt zwanzig Minuten mit dem Stuhl kippelt – aber nicht wie Joe, bei dem man immer denkt, gleich hat er ein Loch im Kopf, sondern beiläufig und elegant –, schaut ihr belustigt zu. Fehlt nur noch, dass sie Kaugummi kaut und große rosa Blasen zerplatzen lässt. Plötzlich stellt sie das Kippeln ein, steht auf und verlässt wortlos den Raum. Frau Sonne hebt nicht mal den Blick, die ist das offenbar gewohnt. Außerdem ist sie schon wieder dabei, ein Weizenfeld zu blockieren. Als Frau Schräubchen wiederkommt, hat sie ein Tuch dabei. Schwarzer Grund, darauf bunte Bonbons. Sie legt es Dorle, die während des gesamten Vorgangs die Luft anhält und deshalb beinahe stirbt, sanft um den Hals. Vorne hat es einen glatten Knoten, und der Fleck ist nicht mehr zu sehen. Dorle berührt es mit dem Zeigefinger. Seide. Sie lässt den Zeigefinger dran. Als sie wieder aufs Spielbrett schaut, hat Frau Sonne sich das Weizenfeld einverleibt und den Rest auch.

»Na wunderbar«, sagt Frau Schräubchen, sammelt die Spielsteine ein, klappt das Brett zusammen, räumt alles in die Schachtel und setzt sich wieder. »Das ist Betrug. Sie manipulieren die Fakten so lange, bis sie Ihnen in den Kram passen, nicht wahr?«

»Das habe ich vor.« Frau Sonne zwinkert Dorle zu. »Apropos Fakten: Ich habe eine Bitte«, sagt Frau Sonne und klopft auf den Tisch. Frau Schräubchen füllt kleine Kristallgläser mit fast schwarzem Likör.

Dorle nimmt noch eine gefüllte Minitomate. Jetzt ist es auch schon egal. Gleich wird sie erfahren, wie sie das ganze Essen abbezahlen kann. Aber erst einmal wird angestoßen. Der Likör ist zimtig und gar nicht sehr süß. Frau Sonne hebt ihr Glas hoch und betrachtet die Flüssigkeit. Dann sagt sie: »Würden Sie mir am Sonntag helfen? Ich will Pralinen gießen. Aber ich kann nicht so lange stehen. Ich bin eine gebrechliche Dame. Die Schräubchen hat jede Menge anderer Verpflichtungen von weitreichender Bedeutung. Die erforderlichen Einkäufe tätigt der Johannes, aber in meiner Küche will ich den nicht haben, da brauche ich eine Frau mit Fingerspitzengefühl.«

Dorle nickt.

»Ich zahle in Naturalien. Da haben Sie gleich die ersten Weihnachtsgeschenke für Ihre Lieben.«

Ihre. Lieben. Dorle stellt das Glas ab und schiebt ihren Stuhl zurück, steht auf und geht dahin, wo sie das Bad vermutet, weil sie in vielen der Bäder im Haus schon gewesen ist. Aber nicht zum Zittern wie jetzt, sondern zum irgendwas Wegputzen. »Es ist alles gut«, flüstert sie auf dem mintgrün bezogenen Klodeckel sitzend, die Arme um ihren Leib geschlungen. »Es ist alles gut. Alles wunderbar. Ich muss die nie wiedersehen. Alles gut.«

Als sie zurückkommt, blicken die beiden ihr besorgt entgegen. Sie setzt sich, sagt betont fröhlich: »Ich hab den Fleck jetzt mal weggemacht.« Sie will das Tuch abbinden, doch Henriette Schräubchen haucht, sie soll es behalten. Am liebsten würde Dorle ihre Faust darum schließen, um klarzumachen, dass sie das Tuch wirklich zu behalten gedenkt. Aber sie legt nur wieder den Zeigefinger daran und sagt lächelnd: »Vielen Dank, das wäre aber nicht nötig gewesen.«

»Nötig gewesen! Nötig gewesen! Natürlich wäre das nicht nötig gewesen«, sagt Frau Sonne streng. »Aber Sie sehen hinreißend damit aus!«

»Dankeschön«, sagt Dorle. »Das Tuch ist wirklich farbenprächtig. Und das mit den Pralinen kann man schon machen, ich muss nur meine Arbeit drumherumlegen.«

»Sie arbeiten am heiligen Sonntag?«, fragt Frau Sonne.

Frau Schräubchen weist sie zurecht, sie solle sich nicht dumm stellen, sie wisse doch wohl, dass manche Leute arbeiten müssten, um Geld für ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und ja – auch am Sonntag. Frau Sonne sieht gar nicht wütend aus. Die kann man auch mal barsch kritisieren, ohne dass man entlassen wird.

»Wie muss ich mir Ihre Tätigkeit in dem Keller da eigentlich vorstellen?«, fragt Frau Sonne, Frau Schräubchen hebt drohend eine Augenbraue, und in der Küche klirrt etwas. Als würde eine Gabel auf die Fliesen fallen. Oder ein Messer. Oder ein Löffel. Eher ein großer als ein kleiner. »Schon gut, schon gut.« Die alte Frau legt eine Hand auf Dorles Hand.

Die zieht ihre Hand weg, streicht sich über den Oberschenkel und erklärt ihr, wie das mit den Kristallen funktioniert. Aber sie erklärt es nicht sehr genau. Frau Sonne sieht mit einem Mal todmüde aus. »Vielen Dank für den schönen Abend«, sagt Dorle also, erhebt sich und will ihren Teller und ein paar Schälchen in die Küche tragen. Aber Frau Schräubchen sagt: »Wir haben zu danken. Lass alles stehen. Ich führ dich noch ein bisschen rum.« Frau Sonne sagt nichts mehr, winkt nur noch und verlässt den Raum.

Frau Schräubchen voran, Dorle hinterher, schlendern sie durch die Wohnung. Dorle, sie hat keine Ahnung wieso, bekommt den silbernen, bauchigen Samowar in der Küche erklärt, den High-Tech-Backofen und ein vorsintflutliches Faxgerät, bei dem das Papier von einer Rolle kommt und das so vergilbt ist wie die Kasse in der Fleischerei Kanauer. Im Wohnzimmer lernt sie den alten Plattenspieler und die moderne Stereoanlage kennen. Der elektronische Luftbefeuchter sieht aus, als könnte man darüber mit fremden Planeten kommunizieren, er ist vierstufig und in acht verschiedenen Farben einstellbar. Offenbar soll er die Luft nicht nur befeuchten, sondern auch färben. »Wenn Rot an ist, bin ich sofort verknallt, und zwar in die ganze Welt«, haucht Frau Schräubchen Dorle über die Schulter zu. »Ist zwar irgendwie albern, aber die Farben machen was mit einem, sag ich dir.«

Dorle sagt: »Aha, wie erfreulich«, und sie setzen den Rundgang fort. Dorle geht hinter Frau Schräubchen her, streift mit dem Finger zart an kleinen Statuen entlang, die sie passieren, bohrt die Zehen in den moosdicken Teppich. Sie hat hervorragend gegessen und ist nicht ungeduldig. Vielleicht ist Frau Schräubchen ein bisschen einsam, sie sieht ja auch wirklich seltsam aus und duzt jeden gleich, vielleicht hat diese eigenartige Frau keinen guten Kontakt zur Welt und will Dorle deshalb nicht gehen lassen. Also sagt sie zu allem höflich: »Das ist aber formschön«, und staunt »Oh« und »Ah«. Den Kronleuchter im Salon kann man mit Händeklatschen dimmen, erfährt Dorle jetzt.

»Oder man schreit«, haucht Frau Schräubchen, richtet sich auf, legt die Hände in die Hüften und brüllt »Bock! … Du Bock!«, dass ihre Frisur nur so zittert. Das Licht geht in drei Stufen aus. Dorle wird schwarz vor Augen. Sie muss sich kurz setzen, zum Glück steht direkt neben ihr ein Stühlchen, und dann sieht sie in Schwarz-Weiß Herrn Bock, wie er ihr zur Strafe dafür nachher in der zähen Finsternis des Treppenhauses auflauert und in ihren Nacken »buh« sagt, weil er weiß, dass ihr so etwas Angst macht.

»Aber, aber, Schräubchen! Das arme Mädchen. Das lernt sie noch früh genug, ich dachte, wir wären uns einig«, kommt Frau Sonnes Krächzen aus den Eingeweiden der Wohnung.

»Ja, ja!«, brüllt Frau Schräubchen. Das Licht geht in zwei Stufen wieder an. Mit normaler Stimme sagt sie: »Dabei ist Schreien das, was man in seinem Leben als Erstes lernt. Das wirst du hinkriegen, ich setze auf dich.« Sie tätschelt Dorles Arm und klimpert mit den goldenen Wimpern.

Man kann das Licht ja auch einfach anschalten, man muss es nicht zwingend anschreien, und Dorle muss in dieser fremden Wohnung schon gleich gar nichts. Die Menschen sind wirklich seltsam.

Schließlich wird Dorle, die im Grunde nicht verstanden hat, worum es hier ging, von Frau Schräubchen beim Arm genommen und zur Wohnungstür geschafft. Sie bekommt zum Abschied einen Luftkuss ans Ohr und ein goldenes Tellerchen mit einem lila Küchlein darauf, verziert mit hellblauen Kügelchen.

Als Dorle glücklich an der Tür von Bocks vorbei ist, schaltet sie das Licht an, und die gelb-grünen Jugendstilblumen in den hohen Fenstern erblühen.

Fünfzehn Quadratmeter. Dorle schiebt sich an Dingen und Pflanzen vorbei, packt das Küchlein in eine von den Zellophantüten, in denen die Prismenstifte und Clips für ihre Kronleuchter geliefert werden, stellt es neben das Törtchen aufs Bord und bleibt lange davor stehen wie zum Gebet.

Am Montagmorgen hat sie ein schlechtes Gewissen, weil sie den gestrigen Arbeitsabend über dem Pralinengießen mit Frau Sonne komplett versäumt hat. Noch vor Arbeitsbeginn wird sie zwanzig Liegestütze machen, beschließt sie, obwohl ihr Körper nicht verspannt ist. Es ist jämmerlich, unter dem Tisch zu sein und Liegestütze zu machen, woanders ist nur leider kein Platz, seit sie die Pflanzen hat. In dieser hellblauen Wohnung – hellblau gestrichene Wände, hellblaues Sofa mit dunkelblauen Streublumen – ist ja noch nicht einmal Platz für einen Kleiderschrank. Ihre tote Vormieterin hatte sicher nur ein Set hellblaue Kleidung, und viel mehr hat Dorle auch nicht. Nur dass sie Hellblau nicht mag. Ihre guten Sachen bewahrt sie in einem Hängeschrank im Klo auf.

Heute geht es nicht besonders mit den Liegestützen. Wie auch, wo sie den aufdringlichen Minifarn vor der Nase hat. Nach neun muss sie aufhören, weil Tränen auf die Fliesen tropfen. Sie möchte hoch zu Frau Sonne, sich in deren Kleiderschrank setzen, die Tür anderthalb Spalte offen, zwischen die nach Parfüm und Puder riechenden Kleider, und anwesend sein bei jemandem und gleichzeitig unbehelligt.

Sie haben in sämiger Schokolade gerührt und nebenbei Schallplatten gehört und Schnittchen gegessen. Sie hatten steife, weiße Schürzen um.