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HARUKI MURAKAMI

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AUS DEM JAPANISCHEN
VON NORA BIERICH
 
MIT ILLUSTRATIONEN VON
KAT MENSCHIK

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Es ist der siebzehnte Tag ohne Schlaf.

Ich spreche nicht von Schlaflosigkeit. Mit Schlaflosigkeit kenne ich mich etwas aus. Als Studentin litt ich einmal an einer Art Schlaflosigkeit. Ich sage »Art«, weil ich mir nicht wirklich sicher bin, ob die Symptome mit dem übereinstimmen, was man allgemein als Schlaflosigkeit bezeichnet. Wäre ich zum Arzt gegangen, hätte sich vielleicht zumindest herausgestellt, ob es eine war oder nicht. Aber ich ging nicht. Zum Arzt zu gehen würde wahrscheinlich auch nichts nützen, dachte ich. Nicht, dass es irgendeinen Grund gab, das zu denken. Es war bloß eine Intuition. Es würde bestimmt nichts bringen. Deswegen ging ich nicht zum Arzt, und auch meiner Familie und meinen Freunden gegenüber schwieg ich die ganze Zeit. Hätte ich sie um Rat gefragt, hätten sie mich sicher zum Arzt geschickt.

Diese Art Schlaflosigkeit hielt ungefähr einen Monat an. In diesem Monat habe ich nicht ein Mal richtig geschlafen. Am Abend gehe ich ins Bett und will schlafen. Aber schon werde ich wie aus einem bedingten Reflex heraus wieder wach. Sosehr ich mich auch bemühe, ich kann nicht schlafen. Je bewusster ich einschlafen will, desto wacher werde ich. Ich versuche es mit Alkohol und Schlaftabletten, aber ohne Erfolg.

Mit der einsetzenden Morgendämmerung scheine ich endlich einzudösen. Aber man kann es nicht wirklich als Schlaf bezeichnen. Mit meinen Fingerspitzen berühre ich gleichsam den äußersten Rand des Schlafs. Doch sofort ist mein Bewusstsein zur Stelle. Ganz leicht schlummere ich ein. Aber mein Bewusstsein, nur durch eine dünne Wand getrennt, ist hellwach und kontrolliert mich. Während mein Körper schwankend durch die Morgendämmerung irrt, spürt er den Blick und den Atem meines Bewusstseins ständig neben sich. Ich bin ein sich nach Schlaf sehnender Körper und ein Bewusstsein, das wach bleiben will.

Diese halbe Schläfrigkeit hält den Tag über an. Die ganze Zeit ist mein Kopf wie benebelt. Ich kann den genauen Abstand zwischen den Dingen und ihre Masse nicht mehr erfassen, weiß nicht mehr, wie sie sich anfühlen. Und wie eine Welle überkommt mich in bestimmten Abständen die Schläfrigkeit. In der Bahn, an meinem Tisch in der Uni oder beim Abendessen nicke ich ein, ohne es zu merken. Jäh trennt sich das Bewusstsein von meinem Körper. Lautlos schwankt die Welt. Ich lasse alles Mögliche fallen. Bleistifte, Handtasche, Gabeln stürzen mit Getöse zu Boden. Am liebsten würde ich mich selbst dazulegen und tief schlafen. Aber es geht nicht. Die Wachheit steht ständig neben mir. Ständig spüre ich ihren kalten Schatten. Es ist mein eigener. Seltsam, denke ich schläfrig. Ich stehe in meinem eigenen Schatten. Halb schlafend laufe, esse und spreche ich. Aber sonderbarerweise schien niemand in meiner Umgebung etwas von meinem Grenzzustand zu merken. In diesem einen Monat habe ich sechs Kilo abgenommen. Trotzdem hat niemand in meiner Familie und keiner meiner Freunde etwas gemerkt. Ich lebte die ganze Zeit im Schlaf.

Ich lebte, während ich buchstäblich schlief. Wie bei einer Wasserleiche war jede Empfindung aus meinem Körper gewichen. Alles war dumpf und trübe. Der Zustand, in dem ich in dieser Welt lebte und existierte, war wie eine vage Halluzination. Bei einem Windstoß, glaubte ich, würde mein Körper bis ans Ende der Welt geweht, an einen Flecken am Ende der Welt, den ich nie gesehen und von dem ich nie gehört hatte. Ewig wären mein Körper und mein Bewusstsein voneinander getrennt. Ich wollte mich an etwas festklammern. Aber sosehr ich in meiner Umgebung Ausschau hielt, ich fand nichts, an dem ich mich hätte festhalten können.

Wenn es Abend wurde, überkam mich eine erbarmungslose Wachheit. Ich war ihr vollkommen ausgeliefert. Eine große Macht fesselte mich an ihren Grund. Diese Macht war so stark, dass mir nichts anderes übrig blieb, als gebannt auf den Morgen zu warten. Im Dunkel der Nacht standen meine Augen die ganze Zeit offen. Ich konnte kaum denken. Dem Ticken der Uhr lauschend, starrte ich unverwandt in die dunkler und dann wieder heller werdende Nacht.

Doch eines Tages war es vorbei. Ohne jede Vorankündigung, ohne jeden äußeren Anlass. Beim Frühstück fühlte ich plötzlich eine Schläfrigkeit, als würde ich in Ohnmacht fallen. Ohne ein Wort stand ich vom Stuhl auf. Mir ist, als hätte ich etwas vom Tisch gestoßen und als hätte jemand etwas gesagt. Aber ich erinnere mich an nichts. Wie taumelnd ging ich in mein Zimmer, kroch ohne mich auszuziehen ins Bett und schlief sofort ein. Ich schlief siebenundzwanzig Stunden wie ein Stein. Meine Mutter machte sich Sorgen und schüttelte mich mehrmals. Sie tätschelte meine Wangen. Aber ich wachte nicht auf. Siebenundzwanzig Stunden lang schlief ich unerschütterlich, ohne die Augen aufzumachen. Als ich aufwachte, war ich wieder ich selbst. Vielleicht.

Ich hatte keine Ahnung, warum ich unter Schlaflosigkeit gelitten hatte und warum ich plötzlich wieder davon geheilt war. Es war wie eine tiefschwarze Wolke, die der Wind von weit her herantreibt. In dieser Wolke sitzt völlig verschrumpelt ein mir unbekanntes böses Omen. Niemand weiß, woher es kommt und wohin es geht. Auf jeden Fall kam es, schwebte über meinem Kopf und verschwand wieder.

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Aber mein jetziges Nicht-schlafen-Können ist völlig anders. Absolut anders. Ich kann einfach nicht schlafen. Noch nicht einmal ein Nickerchen. Doch abgesehen von der Tatsache, dass ich nicht schlafen kann, fühle ich mich ganz normal. Ich bin kein bisschen müde, und mein Bewusstsein ist vollkommen klar. Fast noch klarer als sonst. Auch körperlich gibt es keine Besonderheiten. Ich habe Appetit, spüre keine Müdigkeit. Es gibt wirklich keine Probleme. Nur dass ich nicht schlafen kann.

Weder meinem Mann noch meinem Sohn fällt überhaupt auf, dass ich nie schlafe. Und ich sage auch nichts. Ich würde doch nur zu hören bekommen, ich solle zum Arzt gehen. Und das weiß ich: Es wäre sinnlos, zum Arzt zu gehen. Deswegen sage ich lieber nichts. Es ist genau wie beim letzten Mal, als ich unter Schlaflosigkeit litt. Ich weiß nur eins: Es ist etwas, was ich alleine schaffen muss.

Deswegen merken sie auch nichts. Oberflächlich verläuft mein Leben wie immer. Sehr ruhig, sehr regelmäßig. Nachdem ich am Morgen meinen Mann und meinen Sohn hinausbegleitet habe, fahre ich wie immer mit dem Auto zum Einkaufen. Mein Mann ist Zahnarzt, er hat eine Praxis, ungefähr zehn Minuten mit dem Auto von unserer Wohnung entfernt. Er betreibt sie zusammen mit einem Freund, den er vom Studium her kennt. Sie teilen sich den Techniker und die Sprechstundenhilfe. Hat einer der beiden einmal keinen Termin mehr frei, kann der andere den Patienten übernehmen. Da mein Mann und sein Freund beide sehr tüchtig sind, läuft die Praxis, die sie erst vor fünf Jahren fast ganz ohne Beziehungen aufgemacht haben, ziemlich gut. Mein Mann hat eher zu viel zu tun.

»Ich würde lieber weniger arbeiten. Aber ich kann mich nicht beklagen«, sagt er.