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Danko Rabrenović

Herzlich willkommenčić

Heimatgeschichten vom Balkanizer

für Maja und Ana

Es ist doch ganz leicht: Der Balkan ist eine schwere Kost!

Balkan. Wo ist das? Was ist das? Je nachdem wie man es betrachtet – politisch, geografisch, historisch, kulturell oder sprachlich –, gibt es eine ganze Reihe von Definitionen für diese Halbinsel im Südosten Europas. Doch fast alle sind sich einig: Der Balkan ist eine schwere Kost. Selbst mir und anderen Balkanesen geht das manchmal so. Wo der Balkan beginnt? Das fragen sich die Menschen schon seit vielen Generationen – und haben mehr als eine Antwort. Für die Deutschen beginnt der Balkan bereits in Wien, für die Österreicher in Slowenien, für die Slowenen in Kroatien und für die Kroaten natürlich noch weiter östlich oder südlich, in Serbien oder Bosnien und Herzegowina. Und so weiter.

»Balkanphobie« bis hin zum Bosporus. Irgendwie will keiner etwas mit dieser Gegend zu tun haben. Sie gilt als wild, chaotisch, barbarisch, primitiv, schmutzig, verrückt und gefährlich zugleich. Vielleicht hat sie aber gerade deswegen schon immer einen großen Reiz ausgeübt, nicht nur auf Touristen, sondern auch auf Schriftsteller – etwa auf Karl May, der sogar über die »Schluchten des Balkan« schrieb, ohne je selbst da gewesen zu sein.

Allein im 20. Jahrhundert gab es auf dem Balkan mehrere Kriege. Der Erste Weltkrieg ist sogar in Sarajevo ausgebrochen. Auch über die Balkanherrschaft der Osmanen und Habsburger ist viel geschrieben worden. Und den Jugoslawienkrieg in den Neunzigerjahren konnte man »live« im Fernsehen verfolgen. Diese Bilder sind immer noch präsent: Die Jugo-Brüder schießen aufeinander, das Land fällt auseinander, Tausende Tote und Millionen Menschen auf der Flucht. Viele in Richtung Deutschland. Wie ich.

Es gibt aber auch einen anderen Balkan. Einen kulturellen Raum mitten in Europa, der unglaublich bunt, facettenreich und inspirierend ist. Dort liegt meine kulturelle Identität, die ich auch mit nach Deutschland gebracht habe. Meine alte Heimat Jugoslawien habe ich wegen des Krieges 1991 verlassen müssen. Damals war ich zweiundzwanzig Jahre alt, verbittert, verzweifelt, enttäuscht und wütend auf die ganze Welt. Besonders wütend war ich natürlich darauf, dass die Politiker in Jugoslawien die wichtigste Prüfung ihres Lebens nicht bestanden hatten. Ich erwartete nicht von ihnen, das Land auf Biegen und Brechen vor dem Zerfall zu schützen. Aber den Krieg, den hätten sie um jeden Preis verhindern müssen. Denn im Krieg gibt es nur Verlierer. Es sei denn, man ist Kriegsprofiteur.

 Wie viele meiner Landsleute musste auch ich in Deutschland bei null anfangen. Neue Sprache, neue Kultur, neue Menschen. Als »geduldeter Flüchtling« durfte ich die ersten drei Jahre nicht arbeiten und auch nicht das Bundesland verlassen, in dem ich gestrandet war. Meine Welt war auf die Größe Nordrhein-Westfalens geschrumpft.

Ich war Stammgast bei der Ausländerbehörde. Die Beamten dort haben alles getan, um mir das Leben schwer zu machen und mich wieder loszuwerden. Jahrelange Erniedrigung. Ohne meine Tante Sonja und ihren deutschen Mann Helmut hätte ich das alles nicht hinbekommen. Und natürlich war ich froh in Sicherheit zu sein und meinen Kopf noch auf den Schultern zu tragen. Weit weg von Krieg und Nationalismus. Alles war besser als das.

Zurück auf den Balkan kehre ich trotzdem immer wieder gerne. Nach Zagreb, wo ich geboren wurde und wo meine Mutter lebt. Nach Belgrad, wo ich zur Schule gegangen bin und noch viele Verwandte und Freunde habe. Am liebsten jedoch kehre ich zurück auf die kleine Insel mitten in Dalmatien, auf der ich als Kind und Jugendlicher die Sommerferien verbracht habe. Das ist mein Balkandreieck: Zagreb, Belgrad und die Insel, deren Namen ich aus völlig egoistischen Gründen nicht preisgeben möchte. Die ist nämlich zu klein für uns alle. Und ein Geheimtipp sollte schließlich geheim bleiben.

Heute reise ich zwei bis drei Mal im Jahr in die alte Heimat und werde immer wieder Teil von skurrilen Begebenheiten, die man in dieser Form wirklich nur dort erleben kann. Ich kann nicht mal sagen, ob all diese Momente gut oder schlecht sind. In jedem Fall sind sie unorthodox und einzigartig. Sie passieren in einer Welt der Extreme, in der nichts so ist, wie es scheint. Eine Taxifahrt durch Belgrad, eine Begegnung mit einem Männerchor in Dalmatien oder eine Party in Zagreb – die alltäglichsten Dinge können auf dem Balkan zu einer Geschichte werden, die man irgendwann noch seinen Enkelkindern erzählen will.

Diese Einzigartigkeit des Balkans wäre mir wahrscheinlich gar nicht aufgefallen, wenn ich immer noch dort lebte. Eigentlich hat sich mein Balkanbild erst in Deutschland richtig formiert. Von hier aus sehe ich einiges klarer – oder zumindest anders. Erst hier im Exil habe ich verstanden, woher ich komme und was meine alte Heimat war. Andererseits kann ich durch meine »balkanesische Brille« auch immer wieder auf Deutschland und die Deutschen schauen. Sitten, Bräuche und Gepflogenheiten feststellen, vergleichen, fühlen. In Deutschland habe ich eine neue Heimat gewonnen – und meine alte Heimat besser kennengelernt. Diese Perspektivwechsel haben mein Leben bereichert, meine Seele und meinen Verstand geöffnet. So wurde ich zum Kosmopoliten, der in mehreren Kulturen zu Hause ist und nicht mehr in engen, nationalen Kategorien denken und fühlen kann. Natürlich bin ich mit diesem Gefühl nicht allein. Ich freue mich immer wieder über die vielen Begegnungen mit Menschen, die ebenfalls in mehreren Kulturen und Sprachen zu Hause sind, und über die »Biodeutschen«, die diese Vielfalt schätzen und daran mitwirken.

Ich habe meine kulturelle Identität mit meinem Alltag in Deutschland verschmolzen. »Mein Balkan« liegt auch in Düsseldorf, wo ich lebe, in Köln, wo ich arbeite, und überall dort, wo ich unterwegs bin. Und »mein Deutschland« – all das, was mein Leben in den vergangenen Jahren so sehr geprägt hat – nehme ich mit nach Belgrad, Zagreb und an die Adria. Manchmal ist das komisch, manchmal traurig, meistens spannend. Aber immer sehr unterhaltsam.

Mein Kindheitsdreieck

Die älteste Datei auf meiner Erinnerungsfestplatte stammt aus Zagreb. Dort wurde ich geboren – an einem kalten, schneereichen Februartag. Natürlich erinnere ich mich nicht wirklich an die Geburt und die ersten Ereignisse meines Lebens. Aber ich kenne ein paar Geschichten, die mir meine Eltern später erzählten. Zum Beispiel, dass ich als Baby so dick und so groß war, dass mich die Krankenschwestern in der Kinderklinik immer einzeln aus dem Schlafraum zu meiner Mutter trugen, während die anderen Babys neben- und übereinander auf einem Wagen gestapelt wurden. Die Krankenschwestern hatten angeblich Angst, dass ich mit meinen viereinhalb Kilo die anderen Babykollegen zerquetschen würde.

An dem Tag, an dem meine Mutter und ich aus dem Krankenhaus entlassen werden sollten, kamen meine Großeltern, um uns abzuholen. Sie brachten mir ein königliches Kleid aus feiner weißer Seide. Die Wickelsachen aber hatten sie leider vergessen. Unter meinem aristokratischen Dress trug ich also alte und gebrauchte Leihwindeln aus dem Krankenhaus. Da es auch an diesem Tag heftig schneite, wurde ich zusätzlich noch in eine Decke eingewickelt, sodass man weder meine Füße noch meinen Kopf sehen konnte. Im Taxi hielt mich meine Oma Viktorija, genannt Vika, senkrecht auf dem Schoß. Und als sie die Decke aufmachte, um mir einen Kuss zu geben, trafen ihre Lippen meine kleinen Fußzehen. Sie hielt mich nämlich die ganze Zeit falsch herum. »Kein Wunder, dass mit dir etwas nicht stimmt«, wiederholte mein Vater immer, wenn ihm etwas an mir nicht gefiel – und erinnerte mich dann an die Episode im Taxi.

Meine ersten Jahre verbrachte ich in Zagreb bei Oma Vika und Opa Drago. Mama und Papa arbeiteten beide in Belgrad, was gut vierhundert Kilometer weit weg ist. Sie hatten noch keine Wohnung und standen am Anfang ihrer Journalistenkarrieren beim Radio. Daher war ich bei meinen Großeltern vorerst besser aufgehoben. Mindestens einmal die Woche aber fuhren meine Eltern nach Zagreb, um mich zu sehen. Ich selbst sah meine Mama auch manchmal im Fernsehen, wie sie als Belgrad-Korrespondentin von Radio und TV Zagreb vor irgendwelchen großen Gebäuden stand und wichtig klingende Dinge erzählte. Wenn ich sie abends in den Nachrichten sah, rannte ich immer zur Eingangstür und erwartete sie jeden Moment in der Wohnung. Ja, ich habe meine Eltern oft vermisst. Ansonsten fehlte es mir bei meinen Großeltern aber an nichts. Auch ohne Seidenkleid war ich immer der kleine König und fühlte mich geborgen.

Oma Vika und Opa Drago wohnten in einem alten Haus im Zentrum Zagrebs, nur etwa zweihundert Meter von der Kathedrale entfernt. Auf dem großen Innenhof vor dem Haus habe ich Laufen gelernt. Auch die ersten Runden auf meinem roten Dreirad habe ich dort gedreht. Neben einem langen Eingangsflur lag ein Raum, den ich noch heute ziemlich genau vor Augen habe: die Werkstatt von Opa Drago. Er war Puppenbauer und fertigte Schaufensterpuppen, kleine Statuen und Sachen aus Gips an – für Geschäfte, Theater, Museen und für die Kirche. Das ganze Haus roch nach Kleber, den er für seine Modelle benutzte. Das ist wahrscheinlich der erste Geruch, an den ich mich erinnere. Und das erste Spielzeug, an das ich mich richtig gut erinnern kann, ist ein Schallplattenspieler des slowenischen Herstellers »Iskra«. Auf diesem legte ich als DJ jeden Tag einen Haufen Singles für meine Großeltern und deren Freunde auf. Obwohl ich damals noch nicht lesen konnte, war ich in der Lage, aus fünfzig Schallplatten immer das gewünschte Lied herauszufischen und die Nadel auf der richtigen Stelle abzusetzen.

Sonntags gingen wir nicht in die Kirche, sondern zum Mittagstisch zu meiner Urgroßmutter, die alle nur Grossa nannten. Grossa lebte in einem kleinen Haus bei uns im Hinterhof, direkt neben Vika und Drago. Ich weiß nicht, ob der normale Weg durch die Eingangstür für meine Großeltern zu lang oder aus irgendeinem Grund ungeeignet war, aber sie bevorzugten einen anderen, etwas ungewöhnlichen Weg: durch das Fenster. Und die Fenster hatten Gitter. Aber da meine Oma und mein Opa sehr schlanke Menschen waren, passten sie trotzdem hindurch. Für sie war es vollkommen normal, zwischen den Gitterstäben durch das Fenster zu klettern, und das in voller Montur: Opa Drago in Anzug, Hemd, Krawatte und Hut – Oma Vika in einem Damenkleid mit hochhackigen Schuhen. Als Kind fand ich all das ganz normal. Manchmal, wenn meine Eltern am Wochenende da waren, betraten und verließen auch sie die Wohnung durch das Fenster. Und wenn uns einer der Nachbarn bei diesen Fensteraktionen über den Weg lief, wurde nur freundlich gegrüßt, und mein Opa hob kurz seinen Hut.

Mit knapp vier Jahren bin ich dann zum ersten Mal umgezogen. Nach Belgrad, zu meinen Eltern. Da kam ich sofort in einen Kindergarten, der direkt neben unserem vierzehnstöckigen Hochhaus lag. Wir wohnten in der dritten Etage. Die Wohnung gehörte Radio Belgrad, wo mein Vater angestellt war. Im Sozialismus stellten große Firmen ihren Mitarbeitern Wohnungen zur Verfügung. Die Wohnung gehörte uns also nicht, aber wir durften dort für eine moderate Miete wohnen, so lange wir wollten. Man zahlte dazu noch geringe Nebenkosten sowie die Gebühren für Telefon und Strom. Das hört sich heute unwahrscheinlich an. War aber so.

In Belgrad vermisste ich meine Zagreber Großeltern sehr, dafür gewann ich eine Menge neue Freunde. Alleine in unserem Hochhaus lebte ein Dutzend Kinder in meinem Alter. Und in den Häusern nebenan noch mehr. Wir trafen uns jeden Nachmittag auf einer großen grünen Wiese direkt hinter dem Hochhaus. Etwa tausend Quadratmeter groß und ein wahrer Luxus in einer Großstadt mit viel Grau und Beton. Diese Wiese war unsere kleine, heile Welt. Wir waren sicher vor dem Verkehr, und unsere Eltern wussten immer, wo wir waren. Auf unserer Wiese kickten wir mit dem Fußball oder spielten mit Murmeln. Manchmal bauten wir auch ganze Städte in die Erde und fuhren dann mit unseren Spielautos durch die angelegten Straßen. Ein beliebtes Spiel war auch »Partisanen gegen Deutsche«. Aber leider scheiterte es oft daran, dass alle Partisanen sein wollten und keiner Švabo. Man bezeichnete im ehemaligen Jugoslawien alle Deutschen als »Schwaben«. Wahrscheinlich wegen der Donauschwaben, einer deutschen Minderheit, die auch bei uns lebte. Manchmal lagen wir auch einfach auf der Wiese, schauten zum Himmel und erzählten uns gegenseitig Geschichten. Oder wir kletterten auf den alten Aprikosenbaum und aßen die grünen, unreifen Aprikosen, bis uns schlecht wurde.

Mein Kindergarten und später die Grundschule waren sehr nah – so nah, dass ich morgens alleine dorthin gehen konnte. Manchmal, wenn ich aus der Ganztagsschule nach Hause kam, waren meine Eltern noch nicht von der Arbeit zurück. Das war aber überhaupt kein Problem. Ich konnte an irgendeine Nachbartür klopfen, und schon saß ich mit der Familie am Küchentisch. Am häufigsten war ich bei den Lazovićs, die ihre Wohnung genau eine Etage über uns hatten. Deren Sohn Dejan war mein bester Freund. Seine Mutter Gordana war Hausfrau und immer zu Hause. Sie kochte gerne und gut, und ich mochte ihre Gerichte sehr. Allerdings war sie nicht in der Lage, nur ein Gericht aufzutischen, und auch normale Portionen waren ihr fremd. Tag für Tag landeten unglaubliche Essensmengen auf dem Tisch, so als ob die Familie permanent Gäste erwartete. In der Regel waren aber nur Dejan und ich da, und am frühen Abend dann auch Dejans Vater Dragoslav – ein Spezialist für Motorpumpen.

Die Bewohner des Hochhauses waren bunt gemischt. Alle Jugo-Nationalitäten, Religionen und jede Art von Berufen auf einem Haufen. Meine Eltern hatten Kontakt zu jedem im Haus. Die Nachbarschaft gehörte zur Familie. Man konnte wirklich um jede Uhrzeit an irgendeine Tür klopfen, um nach Aspirin, Salz oder einem Hammer zu fragen. Dorfverhältnisse mitten in der Hauptstadt.

Und dann war da noch die Insel, die mein Kindheitsdreieck vervollständigte. Eine kleine, ruhige Insel ohne Autos und Hotelanlagen mitten in Dalmatien. Dort besaß unsere Familie ein Sommerhaus aus alten dalmatinischen Steinen, das mein Opa Drago für uns gekauft hatte – allerdings mit dem Geld, das mein Vater von seinem Vater geerbt hatte. Zunächst hatten meine Eltern auf eigene Faust versucht, ein Haus an der Adria zu finden. Mehrere Sommer machten sie Urlaub in schicken Hotels auf Brač oder Hvar und suchten dabei nach einem Sommerdomizil. Nach zwei, drei solcher Sommerurlaube hatten sie fast die Hälfte des Erbes ausgegeben, aber kein passendes Sommerhaus gefunden. Entweder gefielen ihnen die angebotenen Häuser nicht oder sie waren zu teuer. Dann bot mein Opa Drago seine Hilfe an. Er hatte viel mehr Zeit als meine Eltern und würde die Küste ordentlich abklopfen. Schon wenige Wochen später meldete er sich bei meinen Eltern: »Ich habe ein Traumhaus für euch gefunden, es ist wunderschön, und der Rest des Erbes reicht sogar aus, um es zu bezahlen.«

Da mein Vater zu dieser Zeit als Journalist von einem Kongress der Blockfreien Staaten aus Sambia berichtete, fuhren meine Mutter und mein Belgrader Onkel Mihajlo nach Dalmatien, um sich das Haus anzuschauen. Mihajlo war Architekt und sollte meine Mutter beim Hauskauf beraten. Das Haus musste zwar dringend renoviert werden, wurde aber trotzdem für gut befunden und gekauft. Mein Opa hatte sich vor allem in die unfassbar schöne Aussicht von der Terrasse verliebt. Von dort konnte man das Meer und viele kleine dalmatinische Inseln beobachten, als lägen sie auf der eigenen Hand.

Als mein Vater nach seiner Afrika-Reise das erste Mal auf die Insel kam, um das gekaufte Haus zu sehen, war er schockiert. Im Erdgeschoss – heute die Küche und ein großer Wohn-Ess-Bereich – befand sich ein Stall, aus dem man bis in den Dachboden hinaufgucken konnte, weil die Bretter in den Böden fehlten. Außerdem fehlten die Anschlüsse für Wasser und Strom, und überall war Feuchtigkeit ins Haus gezogen. Eine Ruine, in die man noch viel Geld stecken musste, um sie wohnlich zu machen. Mein Vater war stinksauer und sprach drei Tage kein Wort mit Opa Drago. Er konnte nicht nachvollziehen, dass sein Schwiegervater sein komplettes Erbe in so ein Haus investiert hatte – allein wegen der schönen Aussicht.

Mit der Zeit verliebte sich aber auch mein Vater in das alte Steinhaus, die Insel und die Menschen. Und jedes Mal, wenn wir Besuch hatten, bat er ihn als Erstes nach oben in die dritte Etage. Dort, auf der Terrasse, verkündete er dann ganz stolz: »Das ist unser St. Tropez, und wegen dieser Aussicht haben wir das Haus gekauft.« Wir hatten so oft Gäste, dass ich mir diesen Spruch jeden Sommer gefühlte hundert Mal anhören musste.

Neulich habe ich mein Tagebuch aus der ersten Klasse gefunden. Damals hatten wir die Aufgabe, jeden Tag in den Sommerferien etwas aufzuschreiben. Mein Tagebuch begann immer gleich: »Heute habe ich lange geschlafen, dann war ich am Strand, und dann bekamen wir Besuch …« An die vielen Besuche erinnere ich mich noch heute. Und zwar sehr gerne. Meine Eltern hatten wirklich viele Freunde, und alle waren stets herzlich willkommen. So war es bei meinen Großeltern in Zagreb, bei meinen Eltern in Belgrad und besonders auf der Insel. Dort besuchte uns jeder, der irgendwo in der Nähe Urlaub machte oder auf dem Weg durch Dalmatien an der Insel vorbeikam. Viele blieben auch über Nacht. Ich schätze, pro Sommer waren es etwa zwanzig bis dreißig Übernachtungen. Wenn wir das mal vierzig Jahre nehmen, kommen wir locker auf eintausend Übernachtungen. Kein Wunder, dass auf einer Insel, die in erster Linie vom Tourismus lebt, viele Einheimische dachten, wir würden unser Haus auch vermieten. Als meine Mutter einem Nachbarn mal erklärte, dass das alles unsere Freunde waren, meinte der nur: »Dann seid ihr selber schuld.«

Mein Balkan

Wenn ich in meiner Jugend manchmal gerülpst, gefurzt oder mich sonst wie unartig benommen habe, sagte meine Mutter immer empört zu mir: »Du bist ein richtiger Balkaner!« Das verstand ich damals nicht so richtig – außer dass es etwas Cooles, Anarchistisches sein musste, mit dem ich meine Mutter gut ärgern konnte. Mit dem Wort »Balkanac«, oder auf Deutsch »Balkaner«, beschrieb sie alles, was ihr primitiv, unhöflich oder unzivilisiert erschien. Kein Wunder, denn sie stammt aus Kroatien, genauer gesagt aus Zagreb. Und dort furzt man nicht. Alle gehen ins Theater, essen Kaviar und sind fest davon überzeugt, dass der Balkan woanders ist. Als meinem kroatischen Opa aber einmal im Schlafzimmer ein Pups herausgeflutscht ist, wollte meine Oma sich sofort scheiden lassen. Tagelang sprach sie nicht mehr mit ihm, und als sie sich bei meiner Tante Slavenka aus Belgrad in aller Diskretion beschwerte – »Stell dir vor, mein Drago hat neulich im Schafzimmer gefurzt!« –, antwortete sie nur trocken: »Und wo bitte möchtest du, dass er furzt?«

Auch mein Vater, der in Čačak, in Zentralserbien, geboren wurde, bekam oft das Etikett Balkanac verpasst. Egal, ob er redete, nieste oder sich die Nase putzte, meine Mutter hatte immer etwas auszusetzen. Meistens sprach er recht laut, und jedes Mal, wenn sich meine Mama darüber aufregte – »Schrei bitte nicht so!« –, sagte er noch etwas lauter: »Ich schreie nicht, ich rede ganz normal!« Auch wenn er nieste, hörten es alle Nachbarn in unserem vierzehnstöckigen Hochhaus. Das laute Niesen habe ich leider von ihm geerbt. Wenn ich in Anwesenheit meiner Mutter niese, sagt sie jedoch nicht mehr: »Du bist ein richtiger Balkaner!«, sondern einfach: »Du bist wie dein Vater!«

In der Schule haben wir zwar einiges über den Balkan gelernt, aber ich hatte nie das Gefühl, diese Halbinsel hätte etwas mit mir persönlich zu tun. Meine Heimat war die Sozialistisch-föderative Republik Jugoslawien. Und diese lag, wie es der Zufall wollte, im Südosten Europas, auf einer Halbinsel namens »Balkan«. Meine Freunde und ich hatten damit wenig am Hut, genauso wenig wie mit den anderen Ländern des Balkans. Rumänien, Bulgarien und Albanien waren zwar auch sozialistisch, aber nicht so wie wir. Wir waren blockfrei, genossen Reisefreiheit, trugen Jeans, tranken Coca-Cola und hörten Rock ’n’ Roll. Das war schon eine andere Nummer als bei den Kollegen aus dem Warschauer Pakt. All das hatten wir diesem stolzen und klugen Partisanen namens Tito zu verdanken. Er hatte nämlich die Eier, dem mächtigen Stalin 1948 »NEIN« zu sagen. Ja, auch das hatten wir in der Schule gelernt.

Natürlich habe ich früh mitbekommen, dass der Balkan nicht gerade das beste Image in der Welt hat. Gestört hat mich das nicht, denn weder fühlte ich mich als Balkaner, noch empfand ich damals den Balkan als Heimat. Das änderte sich Stück für Stück mit dem Krieg in den Neunzigerjahren und mit meinem unfreiwilligen Umzug nach Deutschland.

Jugoslawien gab es auf einmal nicht mehr. Viele Jugos wurden über Nacht Nationalisten. Der Hass wurde zum Nationalsport. Da blieb ich lieber heimatlos. In Deutschland wollte mich damals ja auch keiner, als Flüchtling wurde ich lediglich geduldet. Schwierige Zeiten für einen Zweiundzwanzigjährigen, der aus einer serbisch-kroatischen Ehe stammte und als Jugoslawe erzogen worden war. Um mich wieder zu finden, musste ich meine Heimatgefühle und meine Geschichte neu definieren. Das dauerte ein paar Jahre, und je länger ich in Deutschland lebte und je mehr mir die ex-jugoslawischen Nationalisten auf den Keks gingen, desto mehr distanzierte ich mich von den schlechten Eigenschaften meiner Landsleute.

Ich wollte und konnte mich nicht als Kroate deklarieren, nur weil ich in Zagreb geboren wurde und meine Mutter Kroatin ist. Auch als Serbe fühlte ich mich unwohl, obwohl mein Vater Serbe war und ich in Belgrad zur Schule gegangen war. Und ein Jugoslawe ohne Jugoslawien zu sein, erschien mir etwas schizophren. Es tat weh, aber ich musste auch einsehen, dass das Projekt Jugoslawien gescheitert war. Oder wie ein Freund es mal richtig beschrieb: »Es war eine große Idee, aber wir waren zu klein dafür.« In Erinnerungen zu schwelgen und alte Zeiten zu beschwören, war allerdings auch nicht mein Ding. Das machten die Jugo-Nostalgiker, und sie gingen mir auch gehörig auf die Nerven. Wo waren sie in den Jahren von 1988 bis 1990, als es die ersten Anzeichen gab, dass ihr Land zerfallen würde? Wo waren sie kurz vor dem Krieg, als man Jugoslawien lieben sollte? Die Jugoslawienliebe der Jugo-Nostalgiker führte zu nichts. Ich wollte nach vorne schauen, nicht in die Vergangenheit.

Und so kam völlig unerwartet wieder der Balkan in mein Leben. Diesmal nicht als geografische Koordinate, nicht als Politikum, eher als Metapher für das, was ich fortan meine Heimat nennen wollte. Mein Balkan war viel kleiner als die Balkanhalbinsel, jedoch viel größer als die Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens. Denn »mein Balkan« war eigentlich das Dreieck meiner Kindheit: Zagreb, Belgrad und die Insel in Dalmatien. Ich bin groß geworden mit allen Einflüssen und Eigenschaften, die diese drei Orte hatten. Mitteleuropäisch, balkanesisch-osmanisch und mediterran.

In Deutschland fühlte ich mich auf einmal wohler, wenn ich mich als »Balkanesen« (das klingt auf Deutsch schöner als »Balkaner«!) bezeichnete – und nicht als Jugoslawen, Serben, Kroaten oder etwa Serbokroaten. Ich gab nichts auf Abstammung und Landeswappen, mir lagen einfach nur die Menschen und die Kultur meiner alten Heimat am Herzen. Daher stand »Balkan« mehr und mehr für einen kulturellen Raum, der mir vertraut war.

Dass auch Albanien, Bulgarien, Rumänien und Griechenland balkanesisch ticken, wurde mir erst in Deutschland klar, als ich Menschen aus diesen Ländern kennenlernte. Ich stellte überrascht fest, wie viel wir gemeinsam haben: musikalisch und kulinarisch – aber auch in Bezug auf Sitten und Bräuchen. Diese Idee von einem Sammelsurium der Kulturen und Sprachen, das auf einer Halbinsel zwischen Orient und Okzident zu Hause ist, gefiel mir auf Anhieb.

Das schlechte Image des Balkans in Deutschland und Westeuropa war sogar noch ein zusätzlicher Reiz, mich als Balkanese fühlen zu wollen. Irgendwann ist aus dieser Trotzreaktion sogar eine »Radio-Mission« geworden: Meine Sendung bei Funkhaus Europa heißt »Balkanizer«, ich bin dieser »Balkanizer« und ich spiele dort seit vielen Jahren Balkanmusik und lasse mir von Gästen mit einer Beziehung zum Balkan ihre Balkangeschichten erzählen. Balkan, Balkan, Balkan. Alles in der Hoffnung, das schwarz-weiße Balkanbild mit ein paar grauen oder gar bunten Tönen aufzupeppen.

Klar, der Balkan und Deutschland sind zwei unterschiedliche Welten, obwohl zwischen ihnen nur einige Hundert Kilometer liegen, je nachdem, wo man die Grenze setzt. »Mein Balkan« ist jedoch nicht nur eine Region in Europa – »mein Balkan« ist ein Gefühl, das ich überallhin mitnehmen und überall spüren kann. Nach Düsseldorf, nach Peking, in eine Radiosendung, in ein Buch.

Halb-halb oder ganz?

»Gemischte Ehe« bedeutet nicht, dass die Mutter weiblich und der Vater männlich ist. Nein, wenn von »gemischter Ehe« die Rede ist, sind bi-nationale Ehen oder Partnerschaften gemeint. Ich selbst bin das Ergebnis einer solchen Liebe: Mutter Kroatin, Vater Serbe. Trotzdem würde ich mich nie als »halb-halb« bezeichnen. Das klingt für mich wie eine Hackfleisch-Bestellung in der Metzgerei: Bitte halb Rind, halb Schwein. Vielleicht ist das gut für Bolognese-Soße oder Ćevapčići. Würde ich mich selbst in zwei Hälften teilen, wüsste ich ohnehin nicht, welche kroatisch und welche serbisch wäre. Und überhaupt: Wie genau teilt man sich eigentlich in zwei Hälften? Vertikal oder horizontal?

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