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Eyal Winter

KLUGE GEFÜHLE

Warum Angst, Wut und Liebe rationaler sind, als wir denken

Aus dem Englischen von Harald Stadler

Dieses Buch widme ich

meiner Frau Atalia, die mein emotionaler

wie auch mein rationaler Kompass ist.

Vorwort

Warum kann der Mensch nicht rationaler denken? Im Verhältnis zu dem idealisierten Bild vom »Denker« hat uns die Evolution anscheinend etliche Mängel vermacht. Wie ließe sich sonst erklären, dass wir so emotional sind? Welchen Nutzen bringt es einem Menschen, wenn er wütend wird? Warum werden wir in einer so sehr von Wettbewerb geprägten Welt wie der unseren gelegentlich von einem Gefühl der Bescheidenheit ergriffen? Warum werden wir genau dann, wenn wir aus tiefster Scham am liebsten unsichtbar wären, rot wie eine Tomate und fallen dadurch noch umso mehr auf? Und warum empfinden wir überhaupt so etwas wie Scham? Oder Reue? Warum sind wir von einem brennenden Verlangen nach Liebe erfüllt? Und warum sind wir bloß davon besessen, nur einem einzigen Menschen treu sein zu wollen? Oder uns freiwillig zu den gefährlichsten Militäreinsätzen zu melden? Unzähligen Handlungen würden wir uns schlicht verweigern, wenn wir auch nur einen Moment lang vernünftig darüber nachdenken, sorgfältig die Gefahren gegen die Chancen abwägen und uns nüchtern den reinen Nutzen ausrechnen würden. Versperrten wir uns solchen Handlungsweisen, würden wir indes aufhören, Mensch zu sein.

Mr Spock, eine Figur aus der Fernsehserie Raumschiff Enterprise (Star Trek), pflegt seine Kollegen im Raumschiff häufig mit einem Blick zu würdigen, in dem sich Verwunderung, Überheblichkeit und zugleich Nachsicht mischen. Der Bewohner des Planeten Vulcan mag Gefühle empfinden, aber seine Handlungen erfolgen, ganz anders als beim Menschen, aus emotionsfreien Erwägungen und sind allein von Logik und Vernunft geleitet. Ist das Minderwertigkeitsgefühl gerechtfertigt, das uns beschleicht, wenn wir sehen, wie ruhig und besonnen Mr Spock selbst die schwersten Krisen an Bord der Enterprise meistert? Die Wahrheit sieht indes so aus: Hätte sich die Menschheit ungefähr so entwickelt wie die emotionslosen Bewohner des Vulcan, würde sich unser Leben um einiges schwieriger gestalten – und höchstwahrscheinlich hätten wir gar nicht überlebt.

Viele von uns sehen in der Entscheidungsfindung einen Prozess, bei dem zwei entgegengesetzte innere Mechanismen miteinander ringen, wobei uns die emotionalen und impulsiven Kräfte dazu verleiten, das »Falsche« zu wählen, während die rationalen und intellektuellen Seiten, die wir ebenfalls in uns finden, langsam und schwerfällig versprechen, uns schließlich zu der »richtigen« Entscheidung zu führen. Diese Sichtweise, die auch viele Wissenschaftler noch bis vor einigen Jahrzehnten hegten, ist nicht nur grob vereinfachend, sondern auch falsch.

Unsere emotionalen und rationalen Mechanismen wirken Hand in Hand und unterstützen sich gegenseitig. Bisweilen lassen sie sich überhaupt nicht voneinander trennen. Sehr häufig ist eine auf Emotion oder Intuition beruhende Entscheidung viel effizienter – und im Grunde viel besser – als eine Entscheidung, die nach einer gründlichen und genauen Beurteilung aller denkbaren Ergebnisse und Folgerungen getroffen wurde. Bei einer Studie, die an der University of California in Santa Barbara durchgeführt wurde, zeigte sich, dass die Probanden in Situationen, in denen sie leicht aufgebracht waren, viel schärfer zwischen relevanten und irrelevanten Aussagen zu strittigen Themen unterscheiden konnten. Eine weitere Studie, an der ich mitwirkte, hat ergeben, dass wir uns schneller ärgern, wenn wir von der Verärgerung profitieren können. Anders gesagt: Emotion birgt Logik, und auch der Logik wohnt häufig Emotion inne.

Wie beeinflussen Gefühle unsere Entscheidungsfindung? Behindern oder unterstützen sie uns? Welche Rolle spielen sie in sozialen Situationen? Wie bilden sich kollektive Emotionen heraus? Welche Evolutionsmechanismen machten uns sowohl zu denkenden als auch zu fühlenden Wesen? In diesem Buch versuche ich, diese Fragen zu beantworten, indem ich mich auf neuere Forschungsarbeiten über die »Nahtstelle« zwischen Emotionen und Rationalität stütze.

Die neuen Erkenntnisse, die über die Rolle der Gefühle gewonnen wurden, entsprangen einer stillen Revolution, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten in drei wichtigen Fachgebieten stattgefunden hat: Hirnforschung, Verhaltensökonomie und Spieltheorie. Diese drei Felder erweiterten in den letzten Jahren unser Verständnis all dessen, was mit menschlichem Verhalten zusammenhängt. Waren die Emotionen in der Vergangenheit hauptsächlich Forschungsgegenstand von Psychologie, Soziologie sowie Philosophie und die Rationalität die Domäne von Ökonomie und Spieltheorie, befassen sich heute Vertreter all dieser Gebiete sowohl mit der Rationalität als auch mit den Emotionen.

Spieltheorie und Verhaltensökonomie – also jene akademischen Fächer, auf die ich mich spezialisiert habe – sind rasch expandierende Felder innerhalb der Ökonomie. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden zwölf Nobelpreise für Ökonomie an Forscher aus diesen beiden Gebieten vergeben. Ihr Einfluss ist weit außerhalb der akademischen Welt zu spüren. So leitet beispielsweise der verhaltensökonomisch ausgerichtete Rechtswissenschaftler Cass R. Sunstein derzeit im Weißen Haus unter Präsident Barack Obama das Office of Information and Regulatory Affairs. Sein Kollege Richard H. Thaler hingegen gehört dem sogenannten Behavioral Insight Team an, das der britische Premier David Cameron in seinem Kabinettbüro als internes Beratungsgremium zusammengestellt hat.

Dieses Buch stützt sich zwar keineswegs auf eine einzelne Lehrmeinung, doch es birgt eine persönliche und immer wiederkehrende Aussage. Diese lässt sich mit der scheinbar paradoxen Begriffsverbindung »kluge Gefühle« auf eine Formel bringen. Die Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Verhaltensökonomie und die populäre Literatur, die daraus hervorgegangen ist, darunter Bücher der mit mir befreundeten Autoren Dan Ariely1 und Daniel Kahneman2, konzentrieren sich meist auf mentale Abweichungen, die uns von rationaler Entscheidungsfindung wegführen und uns in bestimmten Fällen schaden können. Meines Erachtens ist dies eine allzu pessimistische Sicht. Im Gegensatz dazu möchte ich aufzeigen, wie uns Emotionen dienen und unseren unmittelbarsten Interessen zugutekommen.

Über dieses Thema lässt sich unmöglich diskutieren, ohne auf zwei wichtige Forschungsgebiete zurückzugreifen: Spieltheorie und Evolutionstheorie.

Die Spieltheorie, die sich im Wesentlichen mit interaktiven Entscheidungen befasst, ist unerlässlich, weil die Menschen soziale Wesen sind, die mit ihren Umgebungen interagieren. Der spieltheoretische Ansatz erhellt, welche Rollen Gefühle und andere Verhaltensmerkmale im Kontext sozialer Interaktionen spielen. Ohne diesen Ansatz würden wir bloß eine Seite der Medaille sehen und unsere eigenen Verhaltensweisen nur teilweise verstehen.

Die Evolutionstheorie ist ebenso grundlegend für das Verständnis menschlichen Verhaltens. Sie erklärt, wie ein Verhaltensmerkmal zum Überleben der Gattung Mensch beiträgt (bzw. in der Vergangenheit beigetragen hat). Ähnlich wie physiologische Entwicklungen beim Menschen und anderen Lebewesen, resultieren auch verhaltensbezogene Entwicklungen beim Menschen aus einer Art »Kopplungsgeschäft«: Ein Verhaltensmuster, das in einem bestimmten Entscheidungskontext hinderlich zu sein scheint, erweist sich in anderen Zusammenhängen vielfach als ausgesprochen nützlich.

Besonders hervorheben werde ich natürlich jene wissenschaftlichen Arbeiten, die ich selbst und meine Forschungspartner durchgeführt haben, doch ich stelle auch Ergebnisse vor, die viele meiner Kollegen und Studenten am Center for the Study of Rationality (Zentrum für das Studium der Rationalität) an der Hebrew University in Jerusalem gewonnen haben, das zu leiten ich in den vergangenen Jahren die Ehre hatte. Zudem beziehe ich mich auf die Arbeiten zahlreicher weiterer Fachleute in aller Welt. Diese Beiträge beruhen sowohl auf theoretischen Erkenntnissen als auch auf praktischen Laborversuchen, die in den letzten Jahrzehnten die Erhebungen und Befragungen ersetzten, derer sich die Sozialwissenschaftler zuvor als primäre empirische Analyseinstrumente bedienten.

Den Begriff »Emotionen« verwende ich in einem Sinn, der weiter gefasst ist als im allgemeinen Sprachgebrauch. Zu den Emotionen zähle ich nicht nur Phänomene wie Wut und Angst, die allseits als Emotionen gelten, sondern auch Begriffe, die üblicherweise als soziale Normen angesehen werden, wie etwa Fairness, Gleichbehandlung und Großzügigkeit. Damit soll nicht versucht werden zu definieren, was Emotion ist – dies vermeide ich absichtlich. Dahinter steht vielmehr der Wunsch, eine weite Bandbreite von Erscheinungen zu untersuchen, die sich möglicherweise auf ansonsten vollkommen rationales Denken auswirken. Die Erkenntnisse, die in diesem Buch dargestellt werden, beschränken sich nicht bloß auf ökonomische Entscheidungen; sie beziehen sich auf ein breites Spektrum von Themenfeldern, die Folgerungen über Politik, Religion, Familie, Sexualität und Kunst einschließen.

Durch die Lektüre dieses Buches sollen auch Leser, die nicht unbedingt mit der neuesten sozialwissenschaftlichen Forschung vertraut sind, an der faszinierenden Diskussion teilhaben können, die derzeit über das Verhältnis zwischen Emotionen und rationalem Verhalten geführt wird.

Besonders verpflichtet bin ich meinen Forschungspartnern, meinen Lehrern sowie meinen Kollegen und Studenten am Center for the Study of Rationality an der Hebrew University in Jerusalem; der geistige Austausch, den ich mit ihnen pflegen durfte, sowie meine Forschungsarbeiten bildeten den Ausgangsstoff für dieses Buch. Dieser Gedankenaustausch, der zwar auf intellektueller und rationaler Ebene geführt wird, hat aber für mich immer auch eine emotionale Komponente.

Einleitung: Was ist Rationalität?

Beginnen wir mit einigen Bestimmungen der Begriffe »Rationalität«, »Vernunft« und »Vernünftigkeit«. In fast jeder Sprache wird das Wort »vernünftig« in zwei verschiedenen Zusammenhängen verwendet. Der erste Kontext bezieht sich auf Aussagen, Behauptungen und Erklärungen. Wir bezeichnen eine Behauptung als »vernünftig«, wenn sie auf einer durchgängigen inneren Logik und auf realistischen Grundannahmen beruht.

Die zweite gebräuchliche Verwendungsweise bezieht sich auf Entscheidungen; hier ist die Sachlage indes komplizierter. Bis zum heutigen Tag haben sich Ökonomen und Philosophen nicht auf eine direkte und allgemein anerkannte Definition einigen können. Fast jede vorgeschlagene Definition ist entweder zu eng gefasst (wodurch sich nur schwer eine Entscheidung finden lässt, die im Sinn dieser Definition als »vernünftig« gelten darf) oder aber zu weit (wodurch beinahe jede mögliche Entscheidung eine »vernünftige« ist).

Betrachten wir einige Beispiele.

Definition 1: Das Handeln einer Person ist rational oder vernünftig, wenn nach bestem Wissen des Betreffenden keine Handlungsalternative besteht, die einen größeren materiellen Vorteil mit sich bringt.

Dies scheint auf den ersten Blick eine »großzügige« Definition zu sein. Man beachte, dass nach dieser Definition die »Vernünftigkeit« einer bestimmten Handlung vom subjektiven Wissen des Betreffenden abhängt. Wenn Sie am Montag Aktien eines bestimmten Unternehmens kaufen und der Wert dieser Anteile am Dienstag um 50 Prozent fällt, nachdem in grellen Schlagzeilen verbreitet wurde, der Chef des Unternehmens sei verhaftet und des Finanzbetrugs beschuldigt worden, ist es trotzdem denkbar, dass Sie gemäß dieser Definition vollkommen »vernünftig« handelten, denn im Moment der Investitionsentscheidung war Ihnen von der Pressemeldung nichts bekannt. Selbst wenn Sie wussten, dass der Firmenboss inhaftiert werden soll, wäre Ihre Handlung immer noch »vernünftig«, wenn Sie davon ausgingen, dass der Aktienkurs trotz allem steigen würde. Solange Sie zu irgendeinem Zeitpunkt glauben, der Aktienkurs gehe nach oben, ist der Kauf dieser Aktien in jenem Augenblick nach dieser Definition eine vernünftige Entscheidung.

Ähnlich verhält es sich, wenn Sie auf einem türkischen Basar einen Teppich zu einem Preis kaufen, den der Händler deutlich heraufgesetzt hat, weil er erwartet, dass seine Kunden mit ihm handeln. Den Teppich überteuert zu kaufen mag eine rationale Entscheidung sein, wenn Sie an Ihrer Fähigkeit zu feilschen zweifeln und den Teppich um jeden Preis haben wollen. Genau genommen ist dies aber eine sehr enge Definition. Sie verengt das Augenmerk auf den materiellen Vorteil einer bestimmten Handlungsweise. Laut dieser Definition wäre es beispielsweise unvernünftig, Anteile an einem expandierenden Tabakunternehmen deswegen nicht zu erwerben, nur weil man das Rauchen ablehnt. Auch wenn der Verzicht auf den Erwerb von Tabakaktien plausibel und sogar bewundernswert sein mag, ist diese Entscheidung gemäß Definition 1 irrational, denn die gegenteilige Entscheidung würde Ihren materiellen Vorteil mehren. Die Definition lässt keinen Raum für Werturteile.

Betrachten wir daher eine weiter gefasste Definition.

Definition 2: Das Handeln einer Person ist »vernünftig«, wenn nach dem Wissen des Betreffenden keine Handlungsalternative besteht, die einen größeren Nutzen (oder ein größeres Wohl) mit sich bringt.

Nach Definition 2 wird die Entscheidung nicht nach dem materiellen Vorteil für den Betreffenden bemessen, sondern nach dem »Wohl und Nutzen«, zwei zugegebenermaßen vagen Begriffen, die es aber zulassen, dass diese Definition von »Vernünftigkeit« auch Kompensationen nicht bloß materieller, sondern auch mentaler (psychischer) Art mit einschließt. Gemäß Definition 2 können wir die Entscheidung, nicht in Anteile an Tabakunternehmen zu investieren, als »vernünftige« Handlung werten, denn mögliche Gewissensbisse aufgrund der Kaufentscheidung bedeuten vielleicht einen größeren Verlust in Hinsicht auf das persönliche Wohlergehen gegenüber dem materiellen Gewinn aufgrund des steigenden Aktienkurses. In diesem Fall wären Sie besser beraten, die Anteile nicht zu erwerben.

Definition 2 ist weiter gefasst als Definition 1. Damit können uneigennützige Handlungen als rational erachtet werden, weil die materielle Einbuße, die mit einem altruistischen Verhalten einhergehen mag, durch ein erhebendes Gefühl der Befriedigung ausgeglichen werden kann. Das Problem besteht allerdings darin, dass diese Definition zu breit angelegt ist. Formal gesehen kann laut Definition 2 jede Handlung als rational erachtet werden, weil ein psychischer Vorteil letztlich rein subjektiv ermessen wird. Wer glaubt, er werde psychischen Nutzen daraus ziehen, wenn er sich mit Motoröl übergießt, handelt nach dieser Definition »rational«. Wir brauchen eine Definition, die derlei Handeln als irrational erfasst. Erlauben Sie mir, einen dritten Ansatz vorzutragen, den ich als »evolutionäre Definition« bezeichne.

Definition 3: Das Handeln einer Person ist rational, wenn unter den gegebenen Bedingungen zur Zeit der Entscheidung keine Handlungsalternative besteht, die dem Betreffenden einen größeren evolutionären Vorteil bietet.

Definition 3 erlaubt zu beurteilen, ob eine Handlung rational ist, indem sie mentale wie auch materielle Vorteile für den Handelnden berücksichtigt. Eine rationale Handlung muss dem Betreffenden einen konkreten (wenn auch nicht unmittelbaren) Nutzen bieten, indem sie dessen Überlebensfähigkeit erhöht. Nach Definition 3 kann beispielsweise selbstloses Geben als rational erachtet werden, aber nicht aus demselben Grund wie gemäß Definition 2. Nach Letzterer gilt eine uneigennützige Handlung als »vernünftig«, weil der Gebende eine »geistige Befriedigung« daraus zieht. Laut Definition 3 ist derlei Handeln »rational«, weil es dem Gebenden einen evolutionären Vorteil verspricht. In Gesellschaften, die auf Beziehungen beruhen, welche von wechselseitigem Geben und Nehmen geprägt sind, wird ein Helfender irgendwann von anderen unterstützt; ein Egoist hingegen wird ausgestoßen und hat somit geringere Chancen zu überleben.

Die evolutionäre Definition muss natürlich das jeweilige Umfeld mit einbeziehen, doch in vielen Fällen liefert sie uns bessere und genauere Erkenntnisse über menschliches Verhalten als Definition 2. So zeigt sich etwa, dass eine Selbsttötung, die nach Definition 2 als »vernünftig« gelten würde, gemäß der evolutionären Definition nicht »vernünftig« ist, weil ein Selbstmord keine evolutionären Vorteile mit sich bringt.

Der Begriff »Emotion« wird hier nicht näher eingegrenzt, schlicht und einfach weil jede Definition, die sich formulieren ließe, wichtige Aspekte aussparen würde. Viele Begriffsbestimmungen enthalten den Ausdruck »psychisches Phänomen«, doch dies bildet letztlich eine Art Zirkeldefinition (Idem per idem), denn »das Psychische« lässt sich nicht definieren, ohne den Begriff »Emotion« zu verwenden.

Es überrascht nicht, dass wir auf Schwierigkeiten stoßen, wenn wir »Emotion« definieren wollen. Stellen Sie sich einmal vor, Sie sollen einem Außerirdischen den Unterschied zwischen einem Schmerz im kleinen Zeh Ihres linken Fußes und der tiefen Trauer über den Tod Ihres engsten Freundes erklären. Oder den Unterschied zwischen dem Genuss beim Verzehr belgischer Pralinen und dem Gefühl, das Sie erleben, wenn Sie in Leidenschaft zu Ihrem Liebsten entbrennen. Wir können Unterschiede in der zeitlichen Dauer von Reaktionen feststellen und verschiedene Körperregionen festmachen, in denen sich Signale wahrnehmen lassen. Neurobiologen können genau bestimmen, wo im Gehirn bei unterschiedlichen emotionalen Verfassungen unterscheidbare elektrische Stimulationen auftreten. Diese Merkmale lassen sich jedoch sowohl bei körperlichen als auch bei seelischen Empfindungen erkennen.

Der Zusammenhang zwischen physischen und psychischen Empfindungen ist sogar noch stärker, als man anfangs meinen würde. Die meisten von uns kennen Situationen, in denen Besorgnis oder Aufregung zu Magenverstimmungen oder sogar Durchfall führen können; umgekehrt können Verdauungsprobleme die Ursache für Alpträume sein. Die Verbindungen zwischen Bauch und Hirn gehen jedoch noch weiter. Der Magen ist neben dem Gehirn die einzige Körperregion, in der umfangreiche Neurotransmitteraktivitäten auftreten, besonders die Serotoninausschüttung (ein Serotoninungleichgewicht ist an vielen psychischen Krankheitsbildern beteiligt, darunter auch Depressionen). Das Verdauungssystem braucht Serotonin, um Nährstoffe zu verarbeiten und in die Gedärme zu befördern. Das Verdauungssystem ist das einzige Organ, das autonom funktioniert, also keine Gehirnaktivität erfordert. Der Hirnforscher Michael Gershon von der Columbia University in New York führte ein unglaubliches Experiment durch: Man trennte einen Teil der Gedärme eines Schweins vom Körper des Tieres ab; eingeführte Nahrungsmittel wurden automatisch durch den Trakt geschleust. Nach einer geringen Gabe des Antidepressivums Prozac erfolgte die Nahrungsverarbeitung doppelt so schnell.

Trotz der überraschenden Verbindungen und Ähnlichkeiten zwischen unseren emotionalen und digestiven Systemen lassen sich Dichter meist von Gefühlen wie Liebe und Leid inspirieren und nicht so sehr von Verdauungsempfindungen. Den Grund dafür sehe ich hierin: Die subjektive Erfahrung, die wir in emotional aufgeladenen Situationen machen, unterscheidet sich in ihrem Wesen deutlich von rein körperlichen Empfindungen. Doch selbst in der Erfahrung finden wir keine scharfe Trennlinie zwischen Emotionen und nichtemotionalen körperlichen Empfindungen; ebenso wenig können wir den Unterschied in aussagekräftiger Weise mit Worten beschreiben. Auch aus diesem Grund ist es schwierig, Emotionen zu definieren.

Obwohl ich bislang noch keine befriedigend präzise Definition für Emotionen gefunden habe, besteht eine klare Abgrenzung zwischen emotionalem Verhalten und rationalem Verhalten um des materiellen Vorteils willen (wie in Definition 1 beschrieben). Auf Gefühlsregungen beruhendes Verhalten wird überwiegend als unwillkürlich verstanden; dem entgegen glaubt man, rationales Verhalten erfordere zumeist einen langwierigen und komplexen kognitiven Prozess. Wir werden jedoch zeigen, dass diese beiden Prozesse häufig ineinandergreifen.

Es bestehen zwei weitere bedeutsame Unterschiede zwischen Emotionen und kognitivem Denken einerseits und nichtemotionalen physiologischen Empfindungen andererseits. Einer beruht darauf, dass Emotionen tiefer ins Gedächtnis eingeprägt sind als Gedanken oder sogar körperliche Empfindungen. Wenn ich mich an einen Film erinnern will, den ich einmal gesehen habe, stelle ich häufig fest, dass ich die Handlung oder das Thema vollkommen vergessen habe, aber noch ganz genau weiß, ob ich den Film mochte oder eher langweilig bzw. nervig fand. Wir können viel leichter eine Erinnerung an eine frühere Beleidigung oder ein bedrohliches Erlebnis wachrufen als eine Erinnerung an einen körperlichen Schmerz, selbst wenn der Schmerz besonders intensiv war. Die Erinnerung an körperlichen Schmerz wird oft von den Gefühlsreaktionen begleitet oder hervorgerufen, die wir erlebten, als der Schmerz erfahren wurde, wie etwa Angst oder Niedergeschlagenheit.

Ein letzter Punkt sei genannt: Während kognitives/analytisches Denken beinahe vollständig gesteuert werden kann (in dem Sinn, dass wir entscheiden können, wann wir mit solchem Denken beginnen oder aufhören), liegen körperliche Empfindungen (beispielsweise Schmerz) fast völlig außerhalb unserer bewussten Kontrolle. Emotionen liegen irgendwo dazwischen. Wir können unsere Emotionen bis zu einem gewissen Maß und unter bestimmten Bedingungen beherrschen, aber nicht vollständig. Auch können wir in vollkommen virtuellen Situationen Gefühle evozieren, nämlich durch äußere künstliche Stimulation (Filme, Schauspiele, Bücher) oder durch die Erinnerung an Vergangenes. Es ist kein Zufall, dass die großen Filmgattungen nach emotionalen Kriterien eingeteilt werden (Thriller, Drama, Komödie usw.). Filme bescheren uns in viel größerem Maß Emotionen als etwa Erkenntnisse.

In den folgenden Kapiteln wird der Frage nachgegangen, ob die Unmittelbarkeit, Intensität und Anpassungsfähigkeit unserer emotionalen Mechanismen unsere rationalen Systeme der Entscheidungsfindung zu überwältigen drohen, wie weithin angenommen wird, oder ob sich diese beiden Mechanismen nicht vielmehr gegenseitig ergänzen und unterstützen.

TEIL I

Unmut und Selbstbindung

1

Wozu sich aufregen?

Emotionen als Antrieb zur Selbstbindung

Nachdem ich im Herbst 2008 an der Stanford University einen Vortrag gehalten hatte, nahm ich mir ein paar Stunden frei, um mir die Klippen über dem Pazifik nördlich von San Francisco anzuschauen. Während ich in der Abenddämmerung auf den Ozean hinausblickte, erfüllte mich das herrliche Naturpanorama mit einer tiefen Sehnsucht. Am Strand unterhalb des Felsens, auf dem ich stand, wurde in kleinem Kreis eine Hochzeit gefeiert. Das glückliche Paar und ein junger Geistlicher standen am Wasser, dicht daneben ein fein herausgeputztes Grüppchen. Meine Gedanken wanderten von den blauen Fluten des Meeres und den roten Flammen des Abendhimmels zu meiner Frau und meinem Kind, die ich seit zwei Wochen nicht gesehen hatte. In das Gefühl der Sehnsucht mischten sich auf seltsame Weise die Freude über das Privileg, eine liebevolle Familie zu haben, und der Vorwurf an mich selbst, so weit weg von zu Hause zu sein.

Wie um diese Gefühle zu verstärken, klammerte ich mich an das Geländer am Rand des Abhangs und lehnte mich weit vor, um die Bucht und die emotionsgeladene Trauung unter mir besser zu sehen. Plötzlich spürte ich, wie die dünne Balustrade – das Einzige, das mich davor bewahrte, in den tiefen Abgrund zu stürzen – wackelte und nachgab. Im Bruchteil einer Sekunde wichen meine sentimentalen Gefühle einem jähen Schrecken, der mich unvermittelt von dem Geländer wegriss. Höchstwahrscheinlich hat mir dieser Schreck das Leben gerettet, aber es kann auch sein, dass die zuvor verspürte Sehnsucht verantwortlich war für eine Entscheidung, die ich später traf: weniger häufig zu reisen und mehr für meine Familie da zu sein.

Emotionen bilden einen Mechanismus, der uns dabei hilft, Entscheidungen zu treffen. Sie wurden im Lauf der Evolution geformt und entwickelt, um unsere Überlebenschancen zu verbessern. Wäre mir nicht ein Schrecken durch die Glieder gefahren, als das Geländer, auf das ich mich stützte, zu wackeln begann, hätte ich mich wahrscheinlich noch weiter vorgebeugt, während es nachgab und herausbrach, und wäre in den Tod gestürzt. Oder wenn ich hinabgestürzt wäre und irgendwie überlebt hätte, ohne dass ein Gefühl des Bedauerns in mir aufgekommen wäre, hätte ich vielleicht die Lektion nicht verinnerlicht, die ich dadurch lernte, dass ich mich zu sehr auf ein wackliges Geländer gestützt hatte. In gleicher Weise würden wir ohne die Fähigkeit, Wut auf andere zu empfinden, der Ausbeutung leichter zum Opfer fallen und könnten im Wettstreit um knappe Ressourcen nur eingeschränkter mithalten.

Die Menschheit verfügt neben den Emotionen über einen weiteren wichtigen Mechanismus, der uns bei der Entscheidungsfindung hilft, nämlich der Fähigkeit zur rationalen Analyse. Aus einer bestimmten Sicht könnte es so erscheinen, als wäre meine Angst beim Wackeln des Geländers über dem Abhang für mein Überleben nicht erforderlich gewesen. Hätte ich sorgfältig kalkuliert, bis zu welchem Punkt das Geländer meinem Gewicht standhalten könnte, wie hoch der Felsen war und welche Folgen mein Sturz von der Klippe gezeitigt hätte, wäre ich wohl überhaupt nicht auf die Idee gekommen, mich auf das Geländer zu stützen. Unter den gegebenen Umständen waren die schnellen Reaktionen meines emotionalen Mechanismus allerdings tausendmal effizienter als die langsamen Abwägungen meines rationalen Mechanismus. Rationalität allein wäre wahrscheinlich viel zu langsam gewesen, um mit dem Leben davonzukommen.

Im Gegensatz zu Gefühlen wie Angst, Betrübtheit und Bedauern, die als autonome Emotionen bezeichnet werden können, sind Gefühle wie Wut, Neid, Hass und Mitgefühl soziale Emotionen. Sie sind per Definition interaktiv. Wut oder Mitleid empfinden wir gegenüber anderen; Bedauern hingegen empfinden wir über eigene Handlungen. Natürlich kann uns ein anderer Mensch Angst einjagen (wobei Angst normalerweise durch das ausgelöst wird, was ein anderer Mensch uns antun kann, und nicht durch die Person an sich), aber wir brauchen keinen anderen, um Angst zu spüren. Krankheiten, Gefahren und Katastrophen oder drohendes Scheitern können von ganz allein enorme Angst auslösen.

Die Unterscheidung zwischen autonomen und sozialen Emotionen ist besonders wichtig, um den Begriff der »klugen Gefühle« zu verstehen. Autonome Emotionen beeinflussen unsere eigenen Entscheidungen, während soziale Emotionen sowohl unsere eigenen Entscheidungen als auch die anderer Menschen beeinflussen. Dies führt uns zum zentralen Element im Bezugssystem der Emotionen – ihrer Fähigkeit, Bindungen bzw. Selbstbindungen entstehen zu lassen, in uns selbst und in anderen. Commitment gilt inzwischen als einer der wichtigsten Begriffe in den Sozialwissenschaften. Er wird eingehend herangezogen, um ökonomisches Verhalten zu analysieren, insbesondere in Bezug auf Verhandlungstheorie und internationale Beziehungen. Der Nobelpreis für Ökonomie im Jahr 2005 wurde an Thomas Schelling vergeben, hauptsächlich für dessen Studien über Commitment.

Der Begriff »Commitment« wurzelt in der Auffassung, dass bei einem Konflikt zwischen zwei Individuen derjenige einen Vorteil erzielt, der seinem Gegenüber glaubhaft vermitteln kann, dass er auf einem bestimmten Ausgang beharren wird – sogar um den Preis, sich dabei selbst zu schaden. Konkreter gesagt: Ein Verkäufer, der einen Kaufinteressenten davon überzeugen kann, dass ein Preisnachlass für ihn nicht in Frage kommt, selbst wenn das Geschäft dadurch platzt, wird sich mit größerer Wahrscheinlichkeit durchsetzen. Dies gilt selbst dann, wenn der Kunde davon ausgeht, dass ein gescheiterter Deal für den Verkäufer nachteiliger ist als eine Verständigung auf einen niedrigeren Preis. In internationalen Konflikten ist eine Partei im Vorteil, die ihre Gegenseite davon überzeugt, dass sie selbst um dem Preis einer militärischen Auseinandersetzung auf ihren Forderungen beharren wird, sogar und vielleicht besonders dann, wenn gar kein Waffengang erfolgt.

Die Grundregel des Commitment lautet folgendermaßen: Wer sich auf einen Standpunkt festlegen will, muss wirklich bereit sein, das nötige Opfer zu bringen. Erklärungen allein reichen nicht. Wahres Commitment lässt sich nur schwer vortäuschen. Könnte man dem anderen leicht etwas vormachen, wären Drohungen umso alltäglicher und würden nicht mehr ernst genommen. Die erbitterte Gewalt, die fanatische religiöse Bewegungen und Nationen – wie etwa al-Qaida und der Iran – ausstrahlen können, beruht auf deren Bereitschaft, glaubwürdige Selbstverpflichtungen einzugehen. Die Bereitwilligkeit, das eigene Wohl und sogar Menschenleben für eine religiöse Idee zu opfern, ist eine starke Kraft, die diesen Bewegungen und Nationen wirksame Druckmittel liefert.

Die germanischen Stämme, die einst den Rhein überquerten und das Römische Reich angriffen, konnten ihre Feinde von ihrer eigenen Entschlossenheit überzeugen, indem sie buchstäblich die Brücken hinter sich abrissen. Damit machten sie klar, dass ein Rückzug für sie nicht in Frage kam. In unserer heutigen Zeit sind Emotionen ein wertvolles Instrument, um in einer Vielzahl alltäglicher Konflikte Verhandlungsdruck ausüben zu können. Wer beispielsweise seinem Ärger Ausdruck verleiht, zeigt, dass er bereit ist, Verletzungen oder Kränkungen scharf entgegenzutreten, sogar wenn er sich dabei selbst Schaden zufügt, indem er etwa einen Faustkampf anzettelt. Wären wir ausschließlich rational, könnten wir unsere Gegner nicht so leicht abschrecken.

Ein Beispiel soll den Nutzen kluger Gefühle veranschaulichen. Stellen Sie sich vor, Sie finden sich am Ende eines Auslandsurlaubs am Flughafen ein. Eine halbe Stunde vor der geplanten Einsteigezeit werden Sie davon unterrichtet, dass der Flug ausfällt. Es bleibt Ihnen nichts anderes übrig, als eine Nacht im Hotel zu verbringen und sich am nächsten Tag erneut zum Flughafen zu begeben. Nun stellen Sie sich des Weiteren zwei unterschiedliche Szenarien vor. Im ersten Fall sehen Sie, wie die anderen Fluggäste um Sie herum die Situation still und leise akzeptieren und den Terminal geordnet verlassen. Die Vertreter der Fluggesellschaft entschuldigen sich nachdrücklich und bieten jedem den kostenlosen Transport zu einem Hotel der eigenen Wahl an. In diesem Szenarium würden Sie wohl kaum Ihrem Ärger Luft machen. Sie dürften eher Frust und Enttäuschung empfinden.

Nun wandeln wir das Gedankenspiel ab: Kurz nachdem Sie erfahren haben, dass Ihr Flug gestrichen wurde, begegnen Sie einer Bekannten, die denselben Flug gebucht hatte. Sie erzählt Ihnen, dass sie unmittelbar nach der Bekanntgabe schnurstracks zu den Vertretern der Fluggesellschaft ging und jenen klarmachte, dass sie den Flugausfall keineswegs stillschweigend hinzunehmen bereit sei, und verlangte, dass man sofort eine Lösung finde, damit sie noch am selben Tag nach Hause fliegen könne. Daraufhin, so erklärt Ihre Freundin stolz, habe die Airline sogleich eine andere Fluggesellschaft kontaktiert und sie auf einen Flug gebucht, der in einer Stunde starte.

Ich schätze, dass Ihre emotionale Verfassung im zweiten Szenarium gänzlich anders aussehen würde als im ersten. Das Adrenalin in Ihrem Blutkreislauf würde rapide steigen. Und wenn Sie am Schalter der Airline aufmarschieren, um die gleiche Lösung zu fordern wie Ihre Bekannte, dürften Sie Zeichen sichtbarer Verärgerung aufweisen. Im Grunde würden Sie nicht nur Zeichen von Verärgerung aufweisen, sondern echt sauer sein. Die bewusste oder unbewusste Erkenntnis, dass Verärgerung nützlich sein dürfte, um Ihr Ziel zu erreichen, würde in Ihnen Ärger aufkommen lassen.

Die Verärgerung im zweiten Planspiel versetzt Sie in die Lage, glaubwürdige Drohungen auszusprechen. Wenn Sie gegenüber der Fluggesellschaft Ihre Absicht bekunden, jene zu verklagen, falls keine sofortige Lösung gefunden wird, dürfte Ihr Gefühlszustand die Glaubwürdigkeit Ihres Ultimatums verstärken. Wer hingegen allein auf der Grundlage rationaler Abwägungen handelt, würde schließlich kaum die erforderliche Zeit und das Geld aufbringen, um wegen solch einer Bagatelle vor Gericht zu ziehen. Im ersten Szenarium hingegen würde Verdruss wenig nützen und dürfte somit weniger wahrscheinlich aufkommen.

Der Prozess, durch den im zweiten Planspiel das Gefühl der Verärgerung entsteht, ist eine erstaunliche Interaktion zwischen dem kognitiven Teil des Gehirns und dem limbischen System, das für die Gefühlssteuerung zuständig ist. Dieser Prozess spielt sich in jenem Teil des Gehirns ab, der als präfrontaler Cortex bezeichnet wird und sich in der evolutionären Entwicklung des menschlichen Gehirns erst recht spät herausbildete und bei anderen Lebewesen praktisch nicht existiert.

Allerdings können auch positive Gefühle Commitment zum Ausdruck bringen. Durch Liebe und Bewunderung kann ich anderen bekunden, dass ich ihnen zur Seite stehe und für sie da bin, selbst um einen hohen Preis – und kann so deren Verhalten mir gegenüber beeinflussen. Gefühle müssen glaubwürdig sein, zumindest in einem gewissen Maß, wenn sie uns dabei helfen sollen, glaubhafte Bindungen einzugehen. Manche Menschen können Emotionen recht überzeugend »schauspielern«, doch statistisch kommt dies in der Allgemeinbevölkerung eher selten vor. Wenn wir alle unsere Emotionen vollkommen vortäuschen könnten, bestünde überhaupt nie ein Grund, ernsthaft auf die Gefühlsreaktionen anderer einzugehen, und es gäbe auch keinen evolutionären Vorteil für authentische emotionale Reaktionen. Begabte Bühnen- und Filmschauspieler mimen Charaktere in gefühlsgeladenen Situationen, indem sie vor allem echte emotionale Reaktionen in sich hervorrufen. Dabei hilft es ihnen häufig, sich an entsprechende emotionale Situationen in ihrer persönlichen Vergangenheit zu erinnern. In gewisser Hinsicht wird uns dabei nichts »vorgespielt«, sondern gleichsam »nachgespielt«. Mit dem Thema »Glaubwürdigkeit« werden wir uns in später folgenden Kapiteln noch eingehender befassen.

Nicht jede emotionale Reaktion, die wir zeigen, hat eine rationale Basis. Genau genommen fehlt den meisten Gefühlsreaktionen vermutlich eine rationale Grundlage. In vielen Fällen könnten unsere Emotionen uns möglicherweise schaden, und die Fähigkeit, Gefühle strategisch einzuspannen, ohne dass wir uns dessen überhaupt bewusst sind, ist eine wunderbare menschliche Eigenschaft. Meist erfordert der Einsatz rationaler Gefühle keinerlei Raffinesse. In der Tat schneiden Kinder hier häufig besser ab als Erwachsene. Ein Kind, das auf dem Spielplatz hinfällt und sich leicht aufschürft, wird eher schreien, wenn seine Mutter in Sichtweite ist. Ist die Mutter nicht in der Nähe, wird es sich höchstwahrscheinlich lautlos aufrappeln und weiterspielen. Es könnte das Weinen sogar so lange zurückhalten, bis es die Mutter sieht. Selbst vollkommen spontane Emotionen werden in entscheidender Weise durch äußere Gegebenheiten beeinflusst. Ein besonderer Umstand – beispielsweise das hörbare Ticken einer Uhr – kann unter bestimmten Bedingungen anregend sein (etwa am Ende eines Schultages), in anderen Fällen hingegen nervend (zum Beispiel im Wartezimmer einer Arztpraxis). Wir können für einen bestimmten Menschen unter gewissen Umständen Empathie oder Sympathie empfinden, unter anderen Umständen jedoch Verachtung oder Groll.

Rationale Emotionen und Commitment werden als Taktik besonders häufig beim Handeln und Verhandeln eingesetzt. In vielen ganz alltäglichen Verhandlungssituationen lassen sich Emotionen wie Rage und Hohn, aber auch Mitgefühl ausmachen. Sie beeinflussen die relative Verhandlungsstärke des Verhandlungsführers. Wenn ein Gewerkschaftsboss öffentlich erklärt, das letzte Angebot der Gegenseite sei beschämend, stärkt er damit die Position der Gewerkschaft. Solche Erklärungen sind jedoch meist nur reine Rhetorik; die Aussage selbst ruft bei den Gewerkschaftlern und an der Arbeitnehmerbasis die gewünschte Empörung hervor. Dies hat zur Folge, dass jedes Abweichen von der ursprünglichen Ablehnung des Angebots die Gewerkschaft teuer zu stehen kommt und den Tarifpartner zu einem besseren Angebot zwingt.

Beim Verhandeln sind die Menschen ungleich begabt. Manche Unterschiede im Verhandlungsgeschick rühren daher, dass nicht jeder Mensch rationale Emotionen gleich gut hervorrufen und steuern bzw. beim Gegenüber erkennen und deuten kann. Zum Thema praktisches Verhandlungsgeschick gibt es unzählige Bücher und Kurse an führenden Wirtschaftsakademien, die allesamt fordern, während des Verhandelns Emotionen fast vollständig zu ignorieren. Gegen diese Auffassung hege ich ernsthafte Vorbehalte.

In einem interessanten Experiment hat Maya Tamir von der Psychologischen Fakultät der Hebrew University in Jerusalem bei Probanden mit Hilfe von Musikeinspielungen bestimmte Gefühlszustände hervorgerufen.1 Einige der Musikstücke wirkten sich beruhigend aus, andere hingegen anregend oder sogar irritierend aufstachelnd.

Tamir teilte die Probanden in zwei Gruppen ein. Die Mitglieder der einen Gruppe hatten jeder für sich die Aufgabe, über die Aufteilung einer Geldsumme zu verhandeln; die Teilnehmer der anderen Gruppe widmeten sich kollektiv einer Aufgabe, die Kooperation verlangte. Vor Erfüllung dieser Aufgaben wählten die Probanden ein kurzes Musikstück aus, das sie sich anhörten. Tamir fand Folgendes heraus: In der Gruppe, die über die Geldaufteilung verhandeln sollte, war der Prozentsatz jener, die irritierende Musik auswählten, signifikant höher als in der anderen Gruppe. Außerdem erzielten jene Teilnehmer der Verhandlungsgruppe, die sich irritierende Musik anhörten, erheblich bessere Ergebnisse verglichen mit jenen, die beruhigende Musik wählten, und steckten viel höhere Geldbeträge ein.

Wer verhandelt, hat Vorteile, wenn er in maßvoller Weise emotionale Reaktionen mit einbezieht; ebenso wichtig ist es jedoch, diese Gefühle zu kontrollieren und zu regulieren. So manche Verhandlung scheitert, obwohl für beide Seiten eine vorteilhafte Einigung offensteht und sogar greifbar ist. Dies geschieht gewöhnlich, wenn eine der Parteien (oder beide) sich auf eine Position versteift und an eine (emotionsbedingte) Selbstverpflichtung gebunden fühlt, die für die Gegenseite inakzeptabel ist. Die chronischen Krisen bei den Friedensverhandlungen zwischen Israelis und Palästinensern sind ein treffendes Beispiel für dieses Phänomen. Statt dass Emotionen den Verhandlungen dienen, beherrschen sie diese, und die Bekundungen von Ressentiments und Misstrauen werden übermächtig und vereiteln jeden Versuch, einen annehmbaren Kompromiss zu finden.

Bisher haben wir uns auf Bindungen bzw. Verpflichtungen gegenüber anderen konzentriert. Interessanterweise nutzen wir einen ähnlichen Mechanismus, um uns gegenüber uns selbst zu verpflichten. Häufig handeln wir in der Gegenwart in einer Weise, die sich auf unser Verhalten in der Zukunft auswirkt. Ein treffendes Beispiel ist der Erwerb einer Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio. Die hohen Kosten, die damit einhergehen, schaffen eine Selbstverpflichtung, die Trainingseinrichtungen auch wirklich zu nutzen. Ein anderes Beispiel beruht auf der obsessiven Häufigkeit, mit der viele von uns eingehende E-Mails prüfen, worunter die geistige Konzentration bei der Arbeit leidet; eine beliebte App ermöglicht es dem Benutzer, sich für einen festgelegten Zeitraum vom E-Mail-Zugang abzukoppeln. Hat man sich einmal für eine bestimmte Zeitspanne zur E-Mail-Ausschaltung verpflichtet, lässt sich diese nicht wieder aufheben; der Zugang ist erst wieder möglich, wenn die Sperrzeit abgelaufen ist. Dies könnte auf den ersten Blick als höchst irrational erscheinen; wir selbst beschneiden unsere Handlungsfreiheit und berauben uns freiwillig gewisser Entscheidungsmöglichkeiten, über die wir andernfalls verfügen würden. In den genannten Beispielen ziehen wir es jedoch vor, uns einzuschränken, anstatt größere Freiheiten zu nutzen, weil ein grundlegendes Missverhältnis zwischen unseren langfristigen Zielen und unmittelbaren Wünschen besteht (Letztere werden oft als »Versuchungen« bezeichnet). Unser langfristiges Anliegen besteht etwa darin, in körperliche Hochform zu kommen, indem wir so häufig wie möglich im Fitnessstudio trainieren, während uns das unmittelbare Verlangen vielleicht eher in das nächstgelegene Speiselokal lockt. Durch Selbstverpflichtung erhöhen wir den Preis und die Hürde, der unmittelbaren Wunschbefriedigung nachzugeben.

Häufig nutzen wir eine Selbstverpflichtung, ohne dies überhaupt zu merken. Wenn ich beschlossen habe, eine strenge Diät einzuhalten, um abzunehmen, werde ich es intuitiv vermeiden, ein All-you-can-eat-Restaurant überhaupt aufzusuchen. Und wenn ich mir das Rauchen abgewöhnen will, teile ich dies all meinen Freunden und Bekannten mit und verbinde somit jeden Rückfall mit einem schrecklichen Preis: der Blamage des Scheiterns vor aller Welt.

Das Phänomen der Selbstverpflichtung nimmt sowohl in der theoretischen als auch in der empirischen Wirtschaftsforschung eine bedeutende Stellung ein. Es bildet auch die Grundlage für unser Verständnis des Sparens. Praktisch jede Entscheidung im Zusammenhang mit Sparen birgt einen Aspekt der Selbstverpflichtung, denn in der Regel sind wir ständig versucht, lieber heute Geld auszugeben als den Konsum in ferne Zukunft zu verschieben.

So spielen Ärger und Scham auch in der Finanzverantwortung und selbst im Weltgeschehen eine entscheidende Rolle. Es ist denkbar, dass die jüngste Schuldenkrise, die die Volkswirtschaften vieler Länder weltweit einbrechen ließ, von einem allgemeinen Mangel an Selbstverpflichtung herrührte, sowohl seitens Einzelner als auch ganzer Regierungen. Wären die Betreffenden bloß weniger kalkulierend und dafür emotionaler gewesen, wäre die Geschichte vielleicht besser ausgegangen.

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Warum wir unsere Folterknechte lieben – das Stockholm-Syndrom und der Nazilehrer

Am 23. August 1973 drang eine Gruppe von Gangstern in eine Filiale der schwedischen Kreditbanken im Zentrum von Stockholm ein und verschanzte sich dort. Fünf Tage lang hielten die Räuber etliche Bankangestellte im Keller als Geiseln fest, bevor sie sich der Polizei ergaben. In der Folge trat ein sehr seltsames Phänomen auf. Die meisten der Bankangestellten, die den Alptraum der Gefangenschaft durchleiden mussten, bekundeten in Presseinterviews Sympathie und Rückhalt für die Geiselnehmer. Einige boten sich sogar als Leumundszeugen für deren Verteidigung im anschließenden Gerichtsverfahren an.

Ungefähr ein Jahr nach diesen Ereignissen wurde Patricia Hearst, die Enkelin des Medienmoguls William Randolph Hearst, von einer Gruppe entführt, die sich als Symbionese Liberation Army (SLA) bezeichnete und zur Unterstützung linksradikaler Anliegen Terrorakte plante, vergleichbar mit den Aktionen der italienischen Roten Brigaden und der Roten Armee Fraktion (RAF) unter Andreas Baader und Ulrike Meinhof in Deutschland. Nach zwei Monaten Gefangenschaft beschloss Patty Hearst, sich auf die Seite ihrer Entführer zu schlagen, und gab eine Erklärung an die Presse, in der sie sich von ihrer Familie distanzierte und sich als Mitglied der SLA ausgab. Kurz darauf wurde Hearst bei einem gescheiterten Banküberfall mit einigen anderen SLA-Mitgliedern festgenommen.

Diese beiden sowie ähnliche Vorfälle gaben Psychologen und Psychiatern Anlass, ein neues psychisches Phänomen zu umschreiben, das als Stockholm-Syndrom (bzw. Hearst-Syndrom) bezeichnet wird. Evolutionspsychologen neigen dazu, das Stockholm-Syndrom als Verhaltensphänomen zu betrachten, das sich in der frühen Geschichte der Menschheit herausbildete. Die Standarderklärung für die Ursprünge dieses Verhaltens lautet folgendermaßen: In frühen Jäger- und Sammlergesellschaften kämpften einzelne Stämme gegeneinander um einen beschränkten Bestand an Nahrung, was häufig zu Konflikten zwischen einzelnen Clans führte. Dabei kam es nicht selten vor, dass Männer weibliche Mitglieder rivalisierender Stämme entführten. Die natürliche Selektion begünstigte Frauen, die sich in das neue gesellschaftliche Umfeld integrierten; sie überlebten und gebaren ihren Entführern sogar Kinder. Frauen, die sich emotional nicht mit ihren Kidnappern identifizieren konnten, überlebten gewöhnlich nicht, und selbst wenn sie ihr Los ertrugen, hatten sie meist keine Nachkommen.

Ich halte diese Erklärung für nicht vollkommen befriedigend. Erstens betrifft das Stockholm-Syndrom Frauen und Männer gleichermaßen. Zweitens ist die evolutionsbezogene Erklärung viel zu eng und begrenzt, verglichen mit den vielfältigen Ausdrucksformen des Syndroms.

Das Stockholm-Syndrom ist lediglich die extremste Manifestation eines umfassenderen Syndroms, an dem wir alle bis zu einem gewissen Grad leiden: In Beziehungen zu Autoritätspersonen neigen wir dazu, positive Gefühle zu diesen zu entwickeln. Menschen halten häufig an diesen positiven Gefühlen fest, selbst wenn sie seitens jener, die Macht über sie haben, ungerecht oder verletzend behandelt werden. Je weniger sie imstande sind, ihre Lage zu ändern, desto stärker bekunden sie positive Gefühle gegenüber der Autoritätsperson und geben sich selbst die Schuld für Übergriffe. Es ließen sich zahllose Beispiele nennen: Misshandelte Frauen, die sich nicht von ihren gewalttätigen Männern trennen; unerträgliche Vorgesetzte, deren Schikanen von den Untergebenen in unerklärlicher Weise toleriert werden; wichtige Kunden, denen man arrogantes und selbst erniedrigendes Verhalten durchgehen lässt.

Es geht mir hier nicht um Situationen, in denen wir uns vollkommen bewusst sind, dass wir gedemütigt werden, uns aber aus taktischen Gründen zusammenreißen, weil uns klar ist, dass die Bekundung von Unmut kontraproduktiv wäre. Es geht mir um Fälle, in denen wir für gefährliche Individuen eine perverse Sympathie empfinden oder deren Handlungen vollkommen ignorieren, bloß weil die Betreffenden eine Autoritätsstellung innehaben. Einem einstweiligen Vorgesetzten oder einem unwichtigen Kunden hingegen würden wir sofort die Meinung sagen, wenn der Preis für diese Reaktion nicht zu hoch ist.

 Wenn die Machtverhältnisse besonders ungünstig für uns sind, wirkt unser emotionaler Mechanismus in vielen Fällen mit dem kognitiven Mechanismus zusammen, um Gefühle wie Empörung oder Wut zu unterbinden. Dies ist rationales emotionales Verhalten, das in der richtigen Dosierung unsere Überlebenschancen erhöhen kann. In extremen Situationen – etwa bei misshandelten Frauen – kann ebendieses Verhaltensmuster für die Betroffenen jedoch ausgesprochen nachteilig sein. Unser emotionaler Mechanismus übersteigert auch das Maß, in dem wir Autoritätspersonen gegenüber Dankbarkeit für kleine und unbedeutende positive Gesten empfinden. Dadurch können wir solchen Gesten eine übermäßige Bedeutung beimessen und ein unbegründetes Vertrauen in die Freundlichkeit und Anständigkeit der Autoritätsperson entwickeln. Hierin liegt das Erfolgsgeheimnis der Verhörmethode in den Rollen »guter Bulle, böser Bulle«. Wenn der »böse Bulle« seinen Part gespielt hat, ohne dem Tatverdächtigen ein Geständnis zu entlocken, tritt plötzlich wie ein Engel der »gute Bulle« auf, der es gut mit dem Verdächtigen meint und jenem Kaffee oder Zigaretten anbietet.

Die emotionale Macht solch kleiner Gesten, selbst von Seiten besonders einschüchternder Autoritätspersonen (und vielleicht gerade von solchen), lernte ich durch eine Geschichte zu ermessen, die mir mein Vater erzählte. Mein Vater, Hans Winter, war 1932 der einzige jüdische Schüler an der Immanuel-Kant-Grundschule im ostpreußischen Königsberg. Besonders lebhaft erinnerte er sich an seinen Geschichtslehrer, Dr.