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Jan Koneffke

Eine Liebe am Tiber

Roman

Erster Teil

1

Es muß der zehnte Oktober gewesen sein – der zehnte Oktober 1968 –, als wir am Hauptbahnhof Termini eintrafen. Meine Schwester preßte Stirn und Nase ans beschlagene Fenster und ließ sich nicht ablenken, als ich sie kitzelte. »Wo ist Vati?« maulte sie vorwurfsvoll. Ich zog meine Hand aus Lisas gelb-weiß-gestreiftem Kleid und schmiegte mich an Mutter, die sich im Taschenspiegel betrachtete. Sie zupfte an einer blonden Locke, rieb beide Lippen gegeneinander und wandte sich seufzend dem prallvollen Beutel zu, der Geld, Papiere und Fahrkarten, Kaugummis, Pfefferminze und Zahnpasta, Zigaretten und Streichholzschachteln, Lisas Bilderbuch, Lippenstift, Kamm und tausend anderer Dinge enthielt.

Ohne diesen Lederbeutel waren wir verloren! Wer keine Fahrkarte vorweisen konnte, den zwang der Schaffner, auszusteigen, daran hatte ich keinen Zweifel. Wir sollten aufpassen, hatte uns Vater ermahnt, und uns nicht bestehlen lassen, am Stiefel wimmele es von Halunken und Dieben. Ich spitzte meine Ohren, wenn Vater vom Stiefel sprach, und in diesen Wochen und Monaten, ehe er seine Lehrerstelle in Rom antrat, sprach er andauernd vom Stiefel. Seine Stimme klang boshaft und ablehnend oder ergriffen und feierlich. Bald las ich es seinem Gesicht ab, ob er Zuneigung oder Verachtung empfand, an seinen zusammengepreßten Lippen oder diesem versonnenen Ins-Leere-Schauen.

Dreizehn Stunden machte ich kein Auge zu. Dreizehn Stunden bewachte ich angestrengt Mutter und Mutters Lederbeutel. Auf Mutter war kein Verlaß. Sie war zu zerstreut, vergaß mitunter, Gas- oder Wasserhahn zuzudrehen, und Lisa und mir war zum Umfallen schwindlig vom faden Geruch, der sich in allen Zimmern verteilt hatte. Ohne Mutter einen Vorwurf zu machen, riß Vater Fenster um Fenster auf. Oder rollte stumm unsere pitschnassen Teppiche ein und breitete sie zum Trocknen auf Hecke und Gartenzaun aus.

Ja, Mutter war zu versponnen und vertrauensselig, ließ sich von Schlawinern beschwatzen, die bei uns klingelten, Messer- und Scherenschleifern, Staubsaugervertretern, und um sie rasch wieder loszuwerden, kaufte sie nutzloses Zeug. Dank Mutter besaßen wir drei Staubsauger, einer moderner als der andere, und montags und donnerstags flatterten mehrere Zeitschriften in unseren Briefkasten.

Ich war es, der aufpassen mußte. Und wie ein Schießhund paßte ich auf! Niemand entging mir, der sich im Korridor aufhielt und zu uns ins Abteil glotzte. Ich schielte zum dicken Mann, der beim Fenster am Gang saß und pausenlos rauchte. Der war bei Verona zugestiegen und hatte Mutter vergeblich in eine Plauderei zu verstricken versucht. Wenn er nicht schnarchte mit aufgerissenem Mund, betrachtete er ausgiebig Mutters Knie, Mutters Busen und Mutters Hut, und ab und zu seine gelben Finger, betrachtete Lisa, betrachtete mich, und als er mein strenges Gesicht bemerkte, holte er rasch eine Zigarette aus seinem Jackett und steckte sie an.

»Wo ist Vati?« schrie Lisa beharrlich. Mutter erwiderte nichts. Sie kramte besessen im Lederbeutel, aus dem ein Klimpern und Klingeln kam, konnte nicht finden, was sie suchte, und wischte sich fahrig den Hut vom Kopf. Er kullerte von Mutters Knie zur stickige Warmluft verbreitenden Heizung. Meine vom Fenstersitz springende Schwester stampfte auf: »Wann sind wir bei Vati?« und stand mit dem Schuh auf dem hellblauen Hut.

In Rom brauche man einen schicken Hut, hatte uns Mutter belehrt, als sie zwischen Umzugskartons, aufeinandergestapelten Schubladen, fleckigen kahlen Tapeten vorm Spiegel im Flur auf und ablief. »Vater wird staunen!« Ich schaute verlegen beiseite und wußte nicht, was meine Kehle zusammenpreßte, dieser Hut – den ich absolut scheußlich fand – oder eher Mutters Reisefieber. Mir war nicht zum Verreisen zumute. Ich wollte lieber daheim bleiben. Auf Zehenspitzen schlich ich ins Kinderzimmer und hockte weinend neben der Kiste mit meiner verpackten Modelleisenbahn.

Im Gang herrschte schreckliches Durcheinander. Leute schluchzten vor Wiedersehensfreude, winkten und beugten sich weit aus den Fenstern ins Freie, um Arme zu packen und Kinder zu streicheln, die man am Bahnsteigrand hochhielt. Eine Schirmspitze bohrte sich in mein Knie, ein Koffer knallte mit seinem Metallbeschlag schmerzhaft gegen meine Rippen.

Endlich entdeckte ich Vater. Er lief von Waggon zu Waggon und tippte sich ratlos mit einem Finger ans Kinn. »Papa!« kreischte ich, bis er sich umdrehte. Blond ragte sein Kopf aus dem Gewusel fuchtelnder, schwarzhaariger Gestalten. Wir hatten Vater erreicht, und Vater, ein Riese, verschaffte sich mit beiden Ellenbogen Platz vor unserem Fenster.

Lisa schaukelte selig in seinen Armen und weinte nicht mehr. Er beugte sich zu Mutter und mir, und ausnahmsweise erwiderte ich seinen Kuß – sonst mochte ich Vaters feuchte Lippen nicht besonders leiden. Wild bahnte er uns einen Weg um uniformierte Hotelvermittler, Taxifahrer und Kofferschlepper, die dienernd um unsere Beine fielen, am Koffer rissen, an Mutter zerrten, und streckte begeistert seinen Arm aus, als wir den Bahnhof verließen. »Servianische Stadtmauer, Elinor«, kreischte er, »Diokletiansthermen, Feelein!« Es war warm. Zwischen gelben Laternen hing dunstige Luft, eine Straßenbahn kreischte im Gleis.

Vater bei mir zu haben erleichterte mich. Ich mußte mich nicht mehr zur Wachsamkeit zwingen und meine Augen aufreißen. Im hoppelnden schwarzen Taxi, in das wir uns quetschten, fielen sie mir zu, und als wir ausstiegen, in einer dunklen Gasse, erwachte ich nicht richtig. Das letzte, was ich bemerkte, war eine Hand, die an meinen Kleidern zog, ehe ich in tiefen Schlaf fiel.

Am anderen Tag befiel mich stechendes Heimweh. Mein Zimmer, in dem ich alleine schlief – mit Bissen und Tritten hatte sich Lisa Zutritt zum Elternzimmer verschafft – war winzig, finster und fremd. Ein klotziger Spiegelschrank stieß an eine Kommode, in der der Holzwurm nagte, vom riesigen Doppelbett konnte ich meine Hand ins Emaillewaschbecken stecken. Aus Angst vor Asseln und Ohrenzwickern verstopfte ich seinen Abfluß mit Klopapier.

Schlimmere Schrecken erwarteten mich vorm Eingang der kleinen Pension, die sich »Duca d'Alba« nannte: rauhes Geschrei, das von Fenster zu Fenster flog, Motorradfahrer, die meistens zu zweit, wenn nicht zu dritt, einen Bock behockten und rudelweise vom einen Gassenende zum anderen sausten.

Ich haßte diesen Portier, der andauernd in meine Backe kniff und mir Bonbons schenkte, die ich ins Klo warf. Er konnte Fliegen und Kakerlaken fangen, was Lisa zum Jauchzen brachte. Er tat, als wolle er sie verspeisen, rieb seinen Bauch und ließ seinen Magen knurren, bis Lisa schrie: »Nein, nicht essen!« Er konnte mit beiden Ohren wackeln und mit seiner Zunge eidechsenschnell in ein Nasenloch fahren, Lisa war selig. Er jonglierte vor Lisas staunend aufgerissenen Augen mit vier Tomaten, und als er eine nicht rechtzeitig auffing, die auf den Tresen klatschte und seine Livree rot bespritzte, kicherte Lisa sich scheckig.

Um mein Vertrauen rackerte er sich vergeblich ab. Mag sein, es war seine schlecht verheilte Narbe am Auge, die mich vergraulte. Es dauerte Monate, bis wir erfahren sollten, wo er sich verletzt hatte. Das war beim Krawall, Mitte Februar, gewesen, als Tausende von Studenten das Architekturinstitut im Villa-Borghese-Park zu besetzen versucht hatten, Steine flogen, Autos und Omnibusse brannten und schlagstockschwingende Polizisten zwischen schweigenden Pinien aufmarschierten. Ins Krankenhaus wagte er sich nicht. Es hieß, man zerre verletzte Studenten ohne viel Federlesens aus dem Bett und verfrachte sie in eine Zelle. Luca ließ sich seine Braue von einem Freund, der Mediziner im ersten Semester war, mehr schlecht als recht zusammenflicken.

Aus Furcht, seine Anstellung zu verlieren, behauptete er vor Giulio Picciotti, dem grantigen Besitzer des »Duca d'Alba«, der von seiner Beteiligung am Villa-Borghese-Radau nichts erfahren durfte, seine Narbe stamme von einem Badeunfall im Tiber. Als er sich vor einer der Putzfrauen verplauderte, er habe das Schwimmen nie erlernt und ersaufe im Wasser wie eine Katze, kam das Giulio Picciotti zu Ohren, und Luca mußte dringend bei einer anderen Ausrede Zuflucht suchen. Er sei in einen Eifersuchtsstreit verwickelt gewesen, beteuerte er, mit einem Landsmann aus Kalabrien, und der habe beim Handgemenge sein Messer aufblitzen lassen und Luca verletzt.

Giulio Picciotti fand das plausibel. Sizilianer und Kalabresen waren in seinen Augen nichts als arabische Finsterlinge und Bastarde, die kein Vertrauen verdienten. Mochte er Lucas Ausrede Glauben schenken – zutiefst mißtraute er Luca, dem Kalabresen. Er kitzelte seinen Portier mit einer rostigen Weltkriegspistole am Kinn und drohte, falls der auf dumme Gedanken kommen solle, werde er mitleidlos schießen.

Luca mußte es sich gefallen lassen. Ohne das Geld, das er von Picciotti erhielt, war sein Studium nicht zu bezahlen. Nachts, wenn er sich ausnahmsweise nicht vom Besitzer beschimpfen und kommandieren lassen mußte, kauerte er im zugigen Eingang, beugte sich tief in ein Buch und zwang sich tapfer, nicht einzuschlafen. Dieser Picciotti, den wir anfangs beinahe nie zu Gesicht bekamen, verbrachte seine Tage im Hinterzimmer und scherte sich wenig um seine Pension. Bloß wenn ein Gast seine Rechnung verlangte, schlurfte er mit saurem Gesicht zum Empfang. Bisweilen war er im ersten Stock zu sichten, wo er einer der Zimmerfrauen auflauerte, um sie von hinten an Busen und Po zu packen und sich eine Abreibung abzuholen. Wischlappen klatschten um seinen Kopf, er mußte niedersausenden Besen und fliegenden Klobürsten ausweichen und schmetterte selig am Treppenabsatz: »Pfundsweiber, hach, echte Pfundsweiber sind das«, ehe er sich naß und staubig wieder im Hinterzimmer verkroch.

Was Picciotti zum Besten gab, erfuhren wir normalerweise beim Mittagessen in dem kleinen Lokal mit seinem zerzausten Wildschwein im Eingang, das dem »Duca d'Alba« benachbart war. Wir bekippelten eine Holzbank, Lisa und ich, und schauten dem pfeifenden Wirt zu, der mit einem riesigen Metzgermesser Scheiben vom Wildschweinfleisch schnitt. Der brachte uns einen halben Liter Weißwein vom Zapfhahn und Bestecke und legte seine rotbehaarte Pranke auf Lisas blonden Kopf. Bis zu mir reichte sein Arm Gott sei Dank nicht. »Ich mag kein Wildschwein«, maulte Lisa.

Vater mußte nicht erst verhandeln. Lisas Schmollmund reichte aus, um dem Wirt Beine zu machen. Im Laufschritt verschwand er in einem Hauseingang auf der anderen Straßenseite, und binnen einer Minute kam er wieder zum Vorschein, links und rechts zwei dampfende Teller mit Nudeln in jeder Hand.

Von Tag zu Tag wirkte Vater verdrossener, wenn er auf Giulio Picciotti zu sprechen kam. Er hatte sich, unverzeihlicherweise, vom neugierigen Pensionsbesitzer entlocken lassen, was er im Krieg gewesen war. Und als Picciotti erfuhr, als Lastenseglerpilot habe er am 25. Juli '43, dem Tag der Gefangennahme Mussolinis, Pomigliano angeflogen, gab es kein Halten mehr. Ja, neuerdings verließ er sein Hinterzimmer, um Vater abzufangen und Vertraulichkeiten auszutauschen. Er sei ein Faschist der ersten Stunde gewesen, bekannte Giulio Picciotti, was frech erschwindelt war, sein Alter erlaubte es nicht. Er eilte ins verrauchte Kabuff, um uns sein schwarzes Hemd zu zeigen, das er im Tresor aufbewahrte. Das erwies sich als schmieriger Fetzen, an dem nichts bemerkenswert war, außer dem Einschußloch beim Herzen, in das Lisa und ich unsere Finger steckten.

Picciottis Achtung vor einem Gast, der Wehrmachtspilot gewesen war, steigerte sich zur Hochachtung, als Vater verriet, was er bei seiner Landung in Pomigliano an Bord gehabt hatte. Neben 12 Faß Benzin und einem Kasten Artilleriemunition: sieben Fallschirmspringer.

Von diesem Tag an ließ sich Picciotti seinen Verdacht nicht mehr ausreden, als tapferer deutscher Soldat habe Vater sich um Mussolinis Befreiung verdient gemacht. Lastensegler waren es ja gewesen, die ein Kommando von Fallschirmspringern zum Gran Sasso geflogen hatten, um Mussolini zu befreien. Vaters Beteuerungen, nie im Leben sei er am Gran Sasso gewesen, verfingen nicht, nicht bei Picciotti. Der plusterte seine Backen auf und stimmte Marschmusik an, ehe er eine Hand auf Vaters Schulter legte. »Non si preoccupi, caro mio!« schnaufte er mitleidig, »keine Sorge, von mir wird kein Kamerad verpfiffen.«

Ich traute mich nachts nicht zur Toilette, die sich am Korridorende befand, wo mich Halunken und Diebe erwarteten. Wenn morgens mein Bettlaken naß war, verging ich vor Scham, und Mutter zu beichten, was mir passiert war, war ich, mit meinen beinahe elf Jahren, zu stolz. Lieber ekelte ich mich vorm feuchten Bett.

Ich bekam Schluckauf vor Heimweh, gegen den kein trokkenes Brot, mit dem Vater mich stopfte, etwas auszurichten vermochte. Von Stunde zu Stunde schluckste ich heftiger, und Giulio Picciottis Putzfrauen, die sicher waren, mir stecke der Teufel im Leib, bekreuzigten sich andauernd. Sie boten Vater an, mich zu behandeln. Die zierlichere von beiden, Antonietta, die spitzlippig Staub wischte, als habe es sie irrigerweise zum Putzen in diese Pension verschlagen, schwor auf ein Kraut des sizilischen Meeres, das freilich schwer zu beschaffen war und eine Woche bei Mondschein trocknen mußte; Marta, die handfeste, praktische, versprach im Heimatdorf anzurufen, wo man vom Schluckauf Befallene mit einem uralten Hausmittel heilte. Leider hatte sie das Rezept vergessen und konnte sich bloß an eine Zutat erinnern: zerstampftes Chitin vom Skorpion. Beide fingen an, sich vor Vater zu streiten, was wirksamer sei, Hausmittel oder sizilisches Meereskraut, und bemerkten nicht, als er sie stehenließ und mein Zimmer von innen verriegelte. Behutsam kraulte er mich im Nacken. »Wenn wir erst in unserer Wohnung sind, wirst du kein Heimweh mehr haben.« Ich boxte Vater vom Bettrand, aus Angst, er werde den gelblichen Fleck auf dem Laken entdecken.

Mit diesem Schluckauf konnte man mich in keinem Fall zur Schule schicken. Das war mein erster Erfolg. Und am anderen Morgen, als sich mein Zwerchfell nicht mehr krampfhaft zusammenzog, war ich kalkweiß im Gesicht und mußte mich ewig erbrechen. Giulio Picciottis Zimmerfrauen waren beruhigt und bekreuzigten sich, diesmal aus Dankbarkeit, mit Staubtuch und Handbesen. Der Teufel verlasse mich in kleinen Brocken, weihten sie Mutter ein, die kein Wort verstand und artig nickte.

Als ich außer Magensaft und Galle nichts mehr zu erbrechen hatte, packte mich zorniges Heimwehfieber. Vom dunklen Hinterhof zog schwelender Abfall- und Essensgeruch ins Zimmer. Ich lauschte Lisa und dem Portier, die im Empfang aus zerstoßenen Bonbons, Spucke und toten Kakerlaken eine Medizin zusammenmixten: Lisas Puppe Mimi war ernsthaft erkrankt, litt an Schluckauf, Erbrechen und Fieber. Picciottis Prusten drang an mein Ohr, wenn er unversehens aus einem Schrank fiel und der Betten beziehenden Antonietta seine Hand zwischen beide Schenkel stieß. Hiebe prasselten nieder, und vor Giulio Picciottis begeistertem Kreischen hielt ich mir meine fiebrigen Ohren zu.

Als ich wieder auf wackligen Beinen stand, bewilligte mir Vater eine weitere schulfreie Woche. Die solle ich zusammen mit Mutter vorm italienischen Lehrbuch verbringen. Wir paukten Grammatik, Mutter und ich, und fragten uns gegenseitig Vokabeln ab. An unserer Aussprache haperte es entschieden, und die von Vater bestellten zehn kleinen Schallplatten nutzten uns nichts. Unser Grundig-Musikschrank stand Hunderte von Kilometern entfernt bei Großvater Emil im Keller.

Grimmig schlug Mutter das Lehrbuch zu – unsere Zungenbrecherei brachte sie zur Verzweiflung – und malte sich vorm Zimmerspiegel mit einem blutroten Lippenstift an. Ich mochte sie nicht leiden mit diesem verschmierten Mund und der Sonnenbrille, die sie sich ins Gesicht schob. Sie zerrte Lisa aus Lucas Armen und los ging's, im rumpelnden Omnibus, in den wir uns quetschten, zum Pincio hoch!, wo sie sich auf eine Bank fallen ließ und schnurstracks in ein dickes Buch vertiefte – ich nehme an, es waren Gregorovius' »Wanderjahre in Italien«.

Mutter war nicht mehr ansprechbar. Ja, sie war anders als zu Hause in Deutschland, ewig erregt und komisch beschwingt, und wenn sie nicht, mit unruhig wippendem Fuß, Gregorovius las, dem bald »Italienische Reise« und Cellinis Lebenserinnerungen folgten, berauschte sie sich an Dachterrassen mit brausendem Oleander und lispelnden Palmen, oder am fernen Tiberbogen, der sich, von herbstlich gelben Platanen verborgen, im dunstigen Blau verlor. Um alle Kuppeln, die sich vorm Pincio plusterten, auseinanderzuhalten, lernte sie eifrig Kirchennamen und konnte fuchsteufelswild werden, wenn sie sich nicht mehr an sie erinnerte.

Ich stocherte mit einem Stock in Kies und Pferdemist und langweilte mich zu Tode, anders als Lisa, die mit einem Kutscher Bekanntschaft schloß, der zu Droschkenfahrten an Pantheon und Kolosseum einlud und seine Zeit mit Rauchen totschlug, er hatte ja nie einen Kunden. Der zog sie zum Kutschbock hoch, teilte sein Brot, das mit fetter Mortadella belegt war, und fuhr meine Schwester im Park spazieren.

Ich hatte nichts als Heimweh, kam mir einsam vor und verraten von Mutter, die mich kein bißchen beachtete. Ich mochte Lisa nicht zuschauen, die mit Erwachsenen und Kindern anbandelte, quatschte und quasselte und sich nicht scherte, ob man sie verstand oder nicht. Sie rannte zur Bank, wo wir saßen, und kreischte: »Mama, warum sprechen alle falsch?« Voller Verachtung zischte ich: »Mensch, bist du doof«, und Mutter hielt mir meinen Mund zu.

»In sechs Tagen ziehen wir um«, versprach Vater, dem Giulio Picciottis kameradschaftliche Vertraulichkeiten mehr und mehr zuwider waren. Der wollte sich seine von Woche zu Woche sinkenden Zimmerpreise mit Kriegs- und Soldatengeschichten abgelten lassen. Sonst geizte Vater ja nicht mit seinen Pilotenerlebnissen. Normalerweise schwelgte er in Erinnerungen an seine Zeit als Segelflieger der deutschen Wehrmacht. Vorm dicken Picciotti blieb er wortkarg. Mit brennender Zigarrette im Mund kam der aus seinem Hinterzimmer und pustete Vater hemmungslos an, wollte mehr von seiner Bruchlandung bei Pomigliano erfahren – im ersten Eifer hatte sich Vater verplaudert – und von seinem Einsatz in Stalingrad.

»Begreifen Sie nicht?« schnaubte Vater, »als ich am 2. Februar abfliegen sollte von Bagarowo bei Kertsch auf der Krim-Halbinsel, war Stalingrad gefallen.« Picciotti nahm es nicht krumm. Eher schien er von Vaters schlagartig schnarrender Stimme beeindruckt zu sein. »Sie waren bestimmt in Barletta«, erwiderte er und schnickte seine Asche auf Vaters verschlissenes Cordjackett, »wo sie meinen Onkel erschossen haben.« Vater zuckte zusammen. »Ich?« keuchte er.

Ich hockte im Ohrensessel beim Treppenabsatz und sah meinen Vater blaß und blasser werden. »Nicht Sie in Person«, beschwichtigte Giulio Picciotti, »Sie waren Pilot, nicht wahr? Und außerdem hat er es ja verdient, dieser Feigling, der Mussolini und sein Vaterland verraten hat.«

»Er beschmutzt mein Leben mit Politik«, schimpfte Vater, als wir ins Zimmer traten und Mutter zu wissen verlangte, warum er aschfahl sei. »Ich verstehe nichts von Politik, ich habe nie etwas von Politik verstanden. Es reicht, in sechs Tagen ziehen wir um.«

Er konnte sein Versprechen nicht halten. Vater wollte seinem Feelein – seit sie ein Paar waren, nannte er Mutter Feelein – und uns ein Zuhause bieten, das sicher und im Winter warm war. Zwei Monate, ehe wir eintrafen, hatte er mit der Renovierung unserer Wohnung begonnen. Von drei Uhr mittags, wenn er vom Unterricht heimkam, bis Mitternacht war er zugange, verlegte neue Elektrokabel, um einem Wohnungsbrand vorzubeugen, ersetzte halbverrottete Gas- und Wasserrohre, baute Toilette und Heizungsanlage ein, verputzte und kalkte und kachelte. »Du solltest dir helfen lassen«, riet Mutter. Nein, Vater weigerte sich strikt, einen Handwerker einzustellen. Pfusch bezahle er nicht, aus Prinzip. Und in einem Land, das von Faulpelzen und Schlawinern bewohnt werde, werde er niemanden finden, der sich an seine Anweisungen halte – und das war es, was Vater verlangte. Er beugte sich zu mir und raunte: »Willst du mir helfen, Sebastian?«

Oh ja, ich nickte begeistert, heilfroh, meiner Mutter, Lisa und unseren Nachmittagen am Pincio entronnen zu sein, schleppte Bohrer und Kabelrolle, suchte im Werkzeugkasten nach passenden Schraubenziehern, vermengte Pulver und Wasser mit einem Spachtel zu Gips, bis mein Handgelenk schmerzte, und weißte mit einer am Besenstiel befestigten Rolle mein Kinderzimmer. Ich schleifte einen Zementsack ins Bad, der aufplatzte, als er zu Boden fiel. Meine Haare waren strubbelig und weißbekleckst, meine Finger von Lack und Gips verklebt, und meine Augen brannten wie Feuer. Es machte mich stolz, ein echter Bauarbeiter an Vaters Seite zu sein!

Gelegentlich sprang ich treppab und lief im Flur bis zum Sicherungskasten, wo ein verrostetes Fangeisen lauerte. Im kleinen Schrein, vor dem frische Blumen standen, und von einer nackten Birne beleuchtet, schaute mich eine milde Maria an. Sie steckte in einem blauen, bis zur Fußspitze reichenden Mantel und trug eine Krone im Haar, der allerdings mehrere Zacken fehlten. Es schauderte mich im muffigen Flur. An seinem Ende sperrte der rabenschwarze Keller das Maul auf, bei dem es sich in Wahrheit um eine uralte Grotte handelte, aus Zeiten, als Rom ein Weltreich regiert habe, hatte mir Vater verraten. »Wenn wir mit unserer Arbeit fertig sind, werden wir sie zusammen erkunden. Das wird ein richtiges Abenteuer!«

Mit spitzen Fingern und pochendem Herzen drehte ich am Porzellanknopf und stand schweratmend im Finstern, voller Furcht, eine schwarze Klaue lange mich kalt vom Keller an, lauschte zum obersten Stockwerk hoch und erwartete Vaters Befehle.

2

In seinen letzten Lebensjahren hauste Vater im Wohnwagen, den er vor einer Ewigkeit erworben hatte, um mit Mutter ans Ionische Meer zu reisen – sie hatten es nicht mehr erreicht. Der war vollgestopft mit seinem Krimskrams: einer antiken Scherbensammlung, selbstgebauten Instrumenten – sechs Gamben und einem kleinen Spinett –, zerfleddertem Flugbuch und Kladden mit Sonetten, die er verfaßt hatte, neben Ordnern, die Schuldokumente enthielten, und einem Apollonkopf aus Gips.

Als er sein Wohnwagendasein begann, verbrachte Vater niemals mehr als drei Monate an einem Ort. Er zog von Odenwaldecke zu Odenwaldecke, vom Katzenbuckel zum Frankenstein, von Heppenheim und Starkenburg zum Felsenmeer, stand eine Woche beim Heidelberger Schloß und wanderte am Neckar, besichtigte Naturkunde- und Heimatmuseen und durfte sich an einer Limes-Ausgrabung im Taunus beteiligen – ich besorgte Vater eine Erlaubnis bei einem Bekannten vom Landesdenkmalamt.

Jedes Jahr brach er zu einer großen Reise auf. Er verschwand, ohne uns zu benachrichtigen, und wenn vier Wochen verstrichen waren, erhielten wir eine Ansichtskarte, auf der er stolz von Strapazen und Pannen berichtete, die er erlebt und bestanden hatte: geplatzter Vorderreifen am Brenner, mit dem er fast in einen Abgrund raste, oder zwei Banditen im griechischen Norden, die in seinen Wohnwagen eindrangen und ein Messer an Vaters Kehle preßten.

Seine letzte große Reise unternahm er vier Jahre vor seinem Tod. Wie immer verschwand er von einem Tag auf den anderen, ohne ein Wort zu sagen. Das war an sich nicht beunruhigend, wir kannten ja seine Gewohnheiten. Sorgen begannen wir uns erst zu machen, als keine Karten eintrafen. Als er acht Wochen vom Erdboden verschluckt blieb, fielen uns seine vergangenen Abenteuer ein, die das Schlimmste vermuten ließen. Lisa telefonierte in alle Himmelsrichtungen, es konnte uns niemand Auskunft geben. Sie meldete Vater als vermißt und erkundigte sich jeden Tag vergeblich in Lichtenbergs Polizeirevier.

Ende Oktober traf Vater mit Wagen und Wohnwagen bei meiner Schwester ein. Er war anders als vor seiner Reise, wirkte verbittert und lief gebeugt, sein Tatendrang und seine Zuversicht waren Vater abhanden gekommen. Mit seiner Heimkehr verwahrloste Vater. Er hatte verdreckte Klamotten an – Lisa mußte sie Vater vom Leib reißen – seine Finger waren schwarz und im Bart, den er sich wachsen ließ, klebten Essensreste. Um eine Ausrede war er nicht verlegen: Sein Wassertank faßte bloß vierzig Liter. Mehr und mehr nahm seine Vergeßlichkeit zu, und gelegentlich merkte man seinen Augen Verwirrtheit an.

Was in diesen Monaten seiner Reise passiert war, erfuhren wir nicht. Er schwieg sich beharrlich aus, brummte, das sei allein seine Sache, und wollte, was er erlebt hatte, in sich begraben. Wir gaben es auf, Vater zu befragen, der seinerseits meiner Schwester versprach, zu keiner Reise mehr aufzubrechen, ja sich nicht mehr vom Fleck zu bewegen. Zu unserem Erstaunen hielt er sich an sein Versprechen. Seine Ortswechsel waren Vergangenheit, Vergangenheit seine ausgedehnten Reisen. Er, der Vesuv und Ätna bekraxelt hatte, Herculaneum und Pompeji in glutheißer Sonne abschritt und sich keine Inschrift, keine verwitterte Freske entgehen ließ, litt zunehmend an Lustlosigkeit und Schwermut. Sein Wohnwagen setzte Rost an. Um vier platte Reifen wucherte Unkraut, Spinnweben klebten an seinen Fenstern, das Dach war von Zweigen und Laub bedeckt.

Er mußte nicht bangen, von seinem Stellplatz vertrieben zu werden. Zwei Odenwaldbengel, die er in Deutsch und Englisch unterrichtet hatte, waren heute in Lichtenberg Polizisten. Die kniffen ein Auge zu, regelten Beschwerden von Wandervereinen und Forstmeisterei mit einem Kollegen beim Ordnungsamt. Nie fuhren sie Streife, ohne zum Waldversteck meines Vaters hochzuschaukeln und sich zu vergewissern, ob alles in Ordnung war.

Fast vierzig Jahre war Vater Lehrer gewesen, er bezog eine gute Pension. Freitags fuhr er mit seinem VW zum Supermarkt und kaufte ein, was er brauchte: Dosenravioli, Kartoffeln und Quark, einen Kasten Bier und bergeweise Schokolade.

Nachts blieb er im Wohnwagen, schrieb Terzinen, Alexandriner, am liebsten Sonette, klopfte Daktylen und asklepiadeisches Versmetrum haargenau aus, las archäologische Forschungsberichte – er hatte sich eine Fachzeitschrift abonniert und bebte vor Ungeduld, wenn sie nicht am Monatsersten im Postfach steckte – und zum hundertsten Mal Ferdinand Gregorovius' »Wanderjahre in Italien«. Bei warmem Wetter hielt er sich im Freien auf, kratzte am Waldrand, in kurzen Hosen und ohne Hemd, einen Contretanz auf einer seiner Gamben: Quadrille und Écossaise.

Drei Wochen vor seinem Unfall im Sportflugzeug – falls es sich um einen Unfall handelte, wie meine Schwester behauptete – besuchte ich Vater an seinem Stellplatz bei Lichtenberg. An diesem heißen Tag im August sprang er nicht freudig auf, als er mich zwischen Fichten und Buchen hochschlendern sah, blieb hocken, wo er hockte, auf einem Baumstamm im Schatten, halbnackt, und scheuerte sich mit einem roßhaarbespannten Gambenbogen sein Schulterblatt, umflattert von einem Zitronenfalter, dem er mehr Augenmerk schenkte als mir. Normalerweise ließ er es sich nicht nehmen, mich heftig in seine Arme zu schließen, meinen Hinterkopf und meinen Nakken abzutasten, als wolle er feststellen, ob nichts an mir zerbrochen sei. Meine Besuche waren ja rar, und Vater verbarg seine Neugierde nicht, zerrte mich in seinen Wohnwagen, um mich auszuhorchen, von Grabungsberichten und Institutsklatsch konnte er nie genug bekommen.

An diesem Tag im August war das anders. Ohne aufzustehen, reichte er mir seine Hand und blieb stumm, als ich an seiner Seite Platz nahm. Ja, meinen Aufsatz zu Christian Jürgensen Thomsen und seinem Dreiperiodensystem, den ich als frischen Sonderdruck mitbrachte und vor seiner Nase schwenkte, legte er achtlos beiseite – er, der sich sonst meine wissenschaftliche Laufbahn als sein Verdienst anrechnete und platzen wollte vor Stolz, einen Archäologen zum Sohn zu haben.

»Willst du ein Bier?« seufzte Vater endlich. Ich nickte und mußte Vater helfen, als der sich vom Baumstamm erhob. Krumm schleppte er sich zum Wohnwagen. Im Eingang stieß ich gegen seine Gamben, die lustlos schepperten, und mußte, um Platz zu finden, einen Haufen verschmutzter Klamotten beiseite schieben.

Eine Weile schien es, als habe mich Vater vergessen. Mit ineinander verhakten Fingern stand er beim Eisschrank und schaute aus einem Fenster, vor dem der Wald ins besonnte Tal fiel, wo sich Giebel an Giebel im Mittagsblau zackte.

»Ich hab's«, rief er unvermittelt, »es war am 16. 3. 1943, wir kamen aus Wiener Neustadt und waren mit Finnenzelten beladen, flogen im Steigflug auf schneebedeckte Wipfel der Hohen Tatra zu, und landeten nach 4 Stunden und 30 Minuten in Kalinowka. Runde 980 Kilometer.« Es zischte, als er meine Bierdose aufriß.

Vergeßlichkeit und Verwirrtheit, die wir neuerdings an Vater bemerkten, erstreckten sich nicht auf sein Flugbuch, in dem er als junger Pilot exakt und pedantisch Strecken und Lasten, Start- und Landezeiten, Maschinenkennzeichen und -typen verzeichnet hatte.

An diesem Nachmittag betete er es mir vor, legte mir haargenau auseinander, was eine DSF 230 von einer »Gigant« unterscheidet, wollte mit listigem Blinzeln von mir erfahren, welche drei Instrumente es sind, auf die kein Segelflieger verzichten kann, zu welchem Zweck man ein Variometer und einen Wendezeiger braucht, alles Dinge, die ich als Kind bei meinem Vater erlernt hatte, wenn er mich auf seinen Schoß zog und mir seine Flugabenteuer ins Ohr raunte. Er erwiderte meine Antworten mit einem zufriedenen Schnaufen.

Ich weiß nicht, warum ich antwortete wie ein artiges Kind. Vermutlich aus Mitleid mit Vater, der in seinem glutheißen Wohnwagen gleichzeitig zu schwitzen und frieren anfing. Seine Lippen bibberten beim Sprechen, sein graues Brusthaar war schweißverklebt. Meine Aufforderung, sich etwas anzuziehen, befolgte er nicht, und als ich eine Decke vom Bett holte und um seine Schultern legte, nahm er es nicht wahr.

Nein, es war nicht meine Absicht, Vater zur Rede zu stellen. Mein Widerwillen, ja mein Haß gegen Ludwig Wieland waren erloschen. Als Abiturient und in meiner ersten Studentenzeit hatte ich Vater verabscheut, den ich ausschließlich bei seinem Nachnamen ansprach. Ich konnte Wieland nichts verzeihen, nicht seine Pedanterie, von der kein Buch, das er las, verschont blieb – er sammelte Druckfehler in einer Mischung aus heiligem Zorn und Leidenschaft –, nicht seine Verstocktheit, mit der er abstritt, im Krieg Soldat gewesen zu sein, er sei harmloser Segelflieger gewesen, nicht seine kindische Freude an Steckenpferden wie Instrumentenbau oder Sonettkranzflechten, von seinem Interesse an Altertum und archäologischer Forschung zu schweigen, nicht seine Dickfelligkeit, mit der er sein Leben als Schicksal annahm. Gegen seine schlimmsten Erfahrungen kam er mir hart und empfindungslos vor, was meinen Ekel erregte.

Vater zu vergeben war keine bewußte Entscheidung gewesen. Es war mit der Zeit passiert, die hatte meine Verachtung zerfressen und absterben lassen, bis sie ein totes Gewebe war, das ich abstieß, ohne es zu bemerken.

Mag sein, an diesem heißen Tag im August, bei meinem letzten Besuch, hatte er mich im Verdacht, ich wolle auf Mutter zu sprechen kommen, und um das zu vermeiden, belagerte er mich mit seinen Pilotenerlebnissen. Sollte das seine Angst sein, strengte er sich vergeblich an. Ich hatte nichts als einen Wunsch, der mir bei diesem Besuch nicht bewußt war: Er solle Mutters Namen aussprechen, Elinor sagen und Feelein, mit der zarten und liebevollen Stimme, die ich aus Kindertagen kannte.

»Weißt du, wer mir aus Zufall begegnet ist?« Vater lief in seine Badekabine, die er als Stauraum benutzte. Er nahm das Spinett, das er hochkant und ohne Beine neben der Dusche verwahrte, und trug es behutsam ins Freie. »Und wer ist dir begegnet?« fragte ich eher mechanisch als interessiert. »Alfred«, rief Vater von draußen, wo er seinem Spinett die drei Beine anschraubte. Er schlug eine Reihe Akkorde an. »Mein Kopilot. Ringelnatz-Alfred. Du erinnerst dich an seinen Spitznamen, nicht wahr?«

Gewiß, ich erinnerte mich an seine Kriegs- und Soldatengeschichten, die mich in meiner Kindheit gefesselt hatten und mir um so verhaßter gewesen waren, als ich mit siebzehn beschloß, Geschichte und Politikwissenschaft zu studieren. Ich entdeckte an Vater keinen Schmerz, wenn er von seinen Pilotenerlebnissen plauderte. Im Januar '43 waren Alfred und er in Nancy stationiert gewesen, als sie den Befehl erhalten hatten, Transporte in Stalingrads Kessel zu fliegen. Am anderen Tag stiegen sie in einen Viehwaggon, um gegen Osten abzudampfen, und Alfred hielt meinen Vater und sich mit RingelnatzVersen bei Laune. Oder er brachte Tee ans eiserne Doppelstockbett, das Wieland belegt hatte, und schwatzte von seinen Bordellbesuchen. In einem Posener Puff wollte er einer bitterlich weinenden Polin begegnet sein. Warum sie weine, das habe er nicht verstanden, vermutlich aus Weltschmerz, im allgemeinen, vermutete Alfred. Er habe sie weinen lassen, sich nett verhalten und seinen Zweck erreicht. Ab seinem zweiten Besuch im Bordell ließ sie sich kostenlos beschlafen, nahm sie sein Geld nicht mehr an. Vater nippte am Tee und lauschte dankbar. Und als sie am ersten Februar in Bagarowo bei Kertsch eintrafen, Flugzeugteile der DSF 230 entluden, um sie zu montieren, und erfuhren, General Paulus habe Hitlers Befehle mißachtet und kapituliert, kicherte Alfred: »Schwein muß man haben!«

Vaters Geschichte von der Bruchlandung in Pomigliano kannte ich auswendig. Das flogen sie beide, Alfred und er, am Gummiseil einer Schleppmaschine an, viereinhalb Stunden bei klarer Sicht, warfen einen schmalen Schatten auf vor Sommerglut flimmernde Berge und lapislazuliblaues Meer, Korsikas Nordspitze, winzige italienische Fischer- und Badeorte, von Pinien und Palmen und Felsen versteckt. Alfred brachte meinen Vater diesmal mit Morgenstern-Versen zum Lachen, und der rezitierte am Steuer Stefan George und Rilke und seinen Vater, meinen Großvater Heinrich, der ein wahrer Dichter gewesen war, befreundet mit Weinheber und Will Vesper. Im Dunkeln, bei brennender Platzbefeuerung, schwebten sie bei Pomigliano ein, und Vater, benommen vor Seligkeit, endlich Italien erreicht zu haben, das er aus Winckelmanns Schriften kannte, von Gregorovius und Goethe und Großvater Heinrichs Berichten – der es als Student bis zur Spitze bereist und kein klassisches Bauwerk verpaßt hatte –, flog, als das Zeichen zum Ausklinken kam, quer zur Landebahn und viel zu niedrig. Einen Erdwall der Flakstellung streiften sie krachend, schlitterten zweihundert Meter in wirbelndem Lavastaub rechts gegen einen Baum und verhakten sich linker Hand in einer Ju 88, die mit Bomben beladen zum Nachteinsatz auf Sizilien bereitstand. Alfred, den es beim Aufprall ans Plexiglas schleuderte, das unter seinem Gewicht zerbrach, landete in einer Astgabel auf seinem Sitzfallschirm – Vater nutzte das Loch, um ins Freie zu krabbeln. Und ehe der Oberleutnant im Sanka anbrauste und fluchend den Schaden besah – man mußte den Bomber entladen, der an seinem Fahrwerk verbogen war, und Vaters Segeltransporter erwies sich als trauriges Wrack –, rief Alfred von seiner Astgabel: »Bist du verletzt?« – »Nein, nein«, erwiderte Vater. Ringelnatz-Alfred stieg von seinem Baum und keuchte, als er bei Vater ankam: »Schwein muß man haben. Und Schwein verbindet.«

Seit sie sich wiederbegegnet waren – wo und wann verriet Vater mir nicht –, trafen sie sich jeden Dienstag im Taunus auf einem Segelflugplatz, hockten stundenlang in der Kantine und tauschten Erinnerungen aus. Oder sie stapften fachsimpelnd zum Hangar, besichtigten Segel- und Sportflugzeuge, nahmen gelegentlich in einem Cockpit Platz und stiegen hoch zum Kontrollturm, wo Vater sich mit der modernen Funktechnik, die er nicht kannte, vertraut machte. Sein Segelschein war vor einer Ewigkeit abgelaufen. Und wollte er eine Runde fliegen, mußte er sich von seinem Freund begleiten lassen. Der ließ sich nicht bitten und liebte es, Vater mit Wellen- oder wildem Gewittersegeln seine Meisterschaft zu beweisen.

Ob es Vater war, der mir bei meinem Besuch seine Treffen mit Ringelnatz-Alfred schilderte, oder ob ich erst von meiner Schwester erfuhr – die es nicht besser wissen konnte –, was sie bei diesen Begegnungen zwischen Kantine und Flughafenhalle angeblich erlebt hatten, kann ich nicht sagen. Wahr konnte Vaters Geschichte nicht sein. Ringelnatz-Alfred und er mußten sich gegenseitig belauert haben, und ein erbitterter Streit zum Schluß mochte Vaters Entscheidung beeinflußt haben, zu seinem letztem – und einsamen – Flug aufzubrechen.

An diesem Nachmittag im August beharkte er ausdauernd sein Spinett, ließ Passacaglien, Präludien und Fugen erklingen, und ich kauerte an seiner Seite im Gras. Wenn er in einer Akkordfolge steckenblieb, sich bei einem Lauf verhedderte, spuckte er aus und fuchtelte mit beiden Armen, als wolle er aus seiner Haut fahren. Mich beachtete er nicht mehr.

Gegen zehn, als ein nachtblauer Himmel aufzog, der mit Sternen besprenkelt war, und feuchte Luft vom Waldboden aufstieg, schlug er mir vor, mich im VW zur Pension zu bringen. Normalerweise weigerte ich mich standhaft, nachts bei Vater zu bleiben, fand es bei Tage zwischen seinem Krimskrams beklemmend genug und war nicht erpicht auf einen Alptraum. In seinem zu Schatten zerfallenen Gesicht las ich pures Erstaunen, ja beinahe Ensetzen, als ich erwiderte, nein, ich wolle im Wohnwagen schlafen, und anfing, sein Sofa freizuschaufeln.

Er kreuzte beide Arme vor seiner Brust und seufzte. Trotz sperrangelweit aufgesperrter Dachluken und Fenster blieb es im Wohnwagen stickig, fand keiner von uns in den Schlaf. »Was machst du?« wollte ich wissen, als Vater sein Bett verließ. »Nichts«, entgegnete er verdrießlich, lief barfuß ins Freie und holte meinen Aufsatz zu Christian Jürgensen Thomsen, den er am Mittag beim Baumstamm vergessen hatte.

Ich schlief nicht ein. Vaters Decke stank und scheuerte an meinen Armen, ich strampelte sie zu Boden. Seine Bank war hart, es kratzte und raschelte um seinen Wohnwagen, Zweige schleiften am Dach, und ich lauschte beunruhigt. Es kam mir vor, als packe mich Kindergrauen an. Ja, es war Vaters Gegenwart, die mich verwirrte, seine reglose, schweigsame Gegenwart. Er schnarchte nicht, vermutlich lag er stocksteif in seiner Schlafkabine und starrte zur Wohnwagendecke.

Als es vom Kirchturm in Lichtenberg zwei schlug, tauchte sein Schatten neben mir auf im phosphoreszierenden Hemd. Ich schreckte hoch. »Was ist los?« – »Laß man«, murmelte er, »ich muß austreten.« Seine schlurfenden Schritte entfernten sich. Ich drehte mich zur Seite, schloß meine Augen und war im festen Glauben, wach zu sein, als ein Schrei mich weckte. Im Fenster stand eine neblige Morgensonne, und Vater hockte an meiner Seite, sprach mir beruhigend zu. »Warum schreist du, Sebastian?« Vergeblich versuchte ich mich zu erinnern, wann er das letzte Mal bei mir am Bettrand gesessen haben mochte. Er wagte es nicht, mich zu streicheln, und ich bemerkte es mit Erleichterung.

Zum Abschied beklopfte ich Vaters Schulter, stapfte, ohne zu winken, bergab, und seine krumme Gestalt beim Baumstamm verschmolz bald zu einem zitternden Hauch vor der mich blendenden Sonne.

3

Abschied vom »Duca d'Alba« nahmen wir Ende November, wenn ich nicht irre, zu Giulio Picciottis Bedauern, der aus seinem Hinterzimmer schlurfte und einen Trauermarsch anstimmte. Vater konnte seinen schmatzenden Lippen nicht rechtzeitig ausweichen, er war von Koffern umringt. Um einen Besuch des Pensionsbesitzers bei uns zu vermeiden, kritzelte Vater eine falsche Adresse auf seinen armseligen Hausprospekt, ehe er »Abmarsch!« befahl.

Aus einem Zimmer im ersten Stock segneten uns Marta und Antonietta mit Staubtuch und Wischlappen. Flusen rieselten auf uns nieder, und Mutter fand keine Gelegenheit, sie sich vom hellblauen Rock zu wischen, beim Aufstand, den Lisa veranstaltete. Sie wollte sich nicht von Luca trennen. Um sie zu beschwichtigen, wackelte der mit beiden Ohren, versuchte es mit furchterregendem Magenknurren, vergeblich, sie ließ sich nicht ablenken, und als er sie sanft von sich losmachte, warf Lisa sich schreiend aufs Kopfsteinpflaster.

Es dauerte, bis wir vom »Duca d'Alba« endlich bei unserer Wohnung eintrafen. Lisa, die alle paar Meter stehenblieb und in ohrenzerreißendes Kreischen ausbrach, bis sie blau anlief, erregte Aufsehen. Frauenstimmen schimpften schrill aus dusteren Fluren, als Mutter sie ohrfeigte. Ich rannte in einen Friseur, der vor seinem Laden ein schneeweißes Handtuch schwenkte – und es mir um meine Ohren schlug. Aus einer Metzgerei kam ein Bursche mit blutigem Fleischabfall, den er auf seinen muckernden Dreiradlaster warf. Ein Hahnenkamm flog vor Vaters Schuhe, seine graue Hose war blutbefleckt. Gelegentlich nahm uns ein knatternder Schwarm Lambrettas und Vespas in seine Mitte, und Vaters Kopf ruckte unruhig im Hemdkragen. »Zu deiner Linken, Elinor!« heulte er, »halt deine Tasche fest, Feelein!« Am kleinen Platz mit seinem saumselig pladdernden Brunnen flegelten Halbstarke, und als sie Mutter entdeckten, stießen sie anerkennende Pfiffe aus. Das machte mich zornig. Ich starrte sie wutentbrannt an und ergriff Mutters freie Hand.

Als wir aus der Sonne ins dustere Treppenhaus traten, zuckten wir vor einem Schatten zusammen, der auf dem Steinboden kauerte. »Benvenuti! Willkommen!« rief Sassolino, der Vater erkannte, und kam aus der Hocke hoch. Sassolino, das war unser Nachbar. Er arbeitete als Chauffeur bei der Deutschen Botschaft und betrieb nebenbei eine Wohnungsvermittlung, die seine Brusttasche polsterte. Sassolino verdankten wir unsere Wohnung, die sich aus Zufall in dem Haus befand, in dem er mit seiner Familie lebte. Vater zweifelte an einem Zufall und vermutete, Paolo Sassolino rechne sich Vorteile aus. Es mochte ja zu etwas nutze sein, Wand an Wand mit einem Lehrer der Deutschen Schule zu wohnen, zu der er seine Tochter schickte.

Verstohlen schob Sassolino mit seiner Schuhspitze etwas beiseite – ich wußte, um was es sich handelte –, zupfte an seiner Krawatte und nahm Mutters Hand, die er fest in der seinen hielt, ehe er sich meiner Schwester zuwandte. Schwatzend hob er sie hoch, bestaunte sie von allen Seiten, und das nutzte ich aus. Ich stahl mich zum Fangeisen neben der Treppe. Zwischen seinen verrosteten Zangen steckte ein kopfloser Rattenkadaver. Als ich an etwas Weiches stieß und in ein glitzerndes Auge starrte, schrie ich erschrocken auf. Im Trubel, der herrschte, bemerkte das keiner. Paolo Sassolino schnappte sich unsere bauchigen Lederkoffer und tobte zur zweiten Etage hoch, wo er Frau und Tochter ins Treppenhaus kreischte.

An diesem Tag lernte ich Lili kennen, Lili, die auf Geburts- und Taufschein Paola Maria Grazia hieß – Paola zu Ehren von Vater Paolo, Maria Grazia zum Andenken an seine Mutter – und die Sassolino stur Lili rief, sei es, um keinen Zweifel an seiner Achtung vor Deutschland aufkommen zu lassen, sei es aus sentimentaler Regung. Wie alle Soldaten hatte er nasse Augen bekommen, wenn im Radio »Lili Marleen« erklungen war. Lili machte ein schnippisches Gesicht, was mir einen Stich versetzte. Ja, sie raffte das schwarze Haar am Nacken zusammen und ließ sich Zeit, mich von Kopf bis Fuß zu mustern, ehe sie mir hastig zwei Finger reichte und anschließend keine Beachtung mehr schenkte. Ich schlug meine Augen nieder. Sie machte sich nichts aus mir, sie nahm mich nicht ernst, das stand hundertprozentig fest. Ich war einen Kopf kleiner als sie, knappe elf, und Lili mochte fast dreizehn sein. Oder sie fand mich abscheulich mit meinen Segelohren – ich faßte heimlich an meine Ohren, die knallrot sein mochten –, meinen kurzsichtigen Augen und meiner Hornbrille. Ich war eine Brillenschlange, und Brillenschlangen waren leider nicht beliebt. Vor Scham biß ich auf meine Lippen. Oh ja, ich mußte mich wappnen, das wußte ich instinktiv, mit Hochmut, mit Trotz, dem Gegengift, das vor Kummer bewahrt.

In dieser Sekunde packte mich Sassolinos Frau, Beatrice, am Schopf. Mit meiner Nase versank ich im losen Kittel, aus dem mich ein milchig-saurer Geruch anwehte, der meine Sinne benebelte. Im Laufe der kommenden Monate sollte ich Frau Beatrices Busen besser und besser kennenlernen. Sie ließ keine Gelegenheit aus, mich an sich zu pressen und in meinen Haaren zu graben, bis ich keine Luft mehr bekam.

Anfangs wehrte ich mich gegen Frau Beatrices begeisterte Zudringlichkeiten, was sich als zwecklos erwies. Es spornte sie bloß zu mehr Kraft, zu mehr Leidenschaft an, und ich gab meinen Widerstand auf. Ja, bald kannte ich keine spannendere Stelle als die zwischen Frau Beatrices Busen, der um meine Segelohren schwappte und von Tag zu Tag anders roch. Ich erschnupperte frisches Basilikum, Steinpilze, Kernseife oder Lavendel. Zitronen- und Knoblauchdunst kitzelten in meiner Nase, bei Stockfisch und kaltem Zigarrenrauch – Sassolino rauchte Zigarre – nieste ich Frau Beatrice naß. Die nahm das nicht krumm und schwatzte auf Mutter ein, als Kleinkind sei sie strohblond gewesen, ja blonder als Lisa und ich, und heute habe sie rabenschwarzes Haar, ob das nicht zum Verzweifeln sei.

Am Nachmittag ordnete Vater seine Sammlung antiker Scherben in eine Vitrine im Wohnzimmer, wo seine sieben Gamben bereits an sieben Haken befestigt waren, sein kleines Spinett beim Fenster stand und der von Großvater Heinrich, Vaters Vater, ererbte Apollonkopf aus Gips auf einem extra verfertigten Holzpodest seinen Ehrenplatz hatte.

Zu diesem Zeitpunkt war seine Sammlung bescheiden. Sie bestand aus Sporen und Lanzenspitzen, Teilen des Bronzebeschlags eines Prunkschilds, Schnallendornen und aretinischen Vasen, zwei wertvollen Pferdetrensen, Keramikflaschen und einem Terrakottakrug aus Fiesole. Ich schmiegte mich an meinen summenden Vater. Seine Ernsthaftigkeit, mit der er Scherbe um Scherbe in seinen Fingern drehte und mit einem Eintrag im Inventarbuch verglich, zog mich an, ja ich liebte sie.

Er nutzte meine Zuneigung aus. »Und was ist das?« erkundigte er sich listig und hielt einen Sockel hoch, der an allen vier Ecken mit Kopf und Geweih eines Widders verziert war. »Basis eines Marmorcippus«, erwiderte ich automatisch. »Und?« spornte Vater mich an. »Basis eines Marmorcippus mit vier Widderkopfpronomen.« – »Die nennen sich Protomen«, fiel er mir ins Wort. »Fundort?« – »Umgebung von Pisa.« – »Datierung?« – »Sechstes Jahrhundert vor Christus.« Zufrieden zog Vater mich an sich. »Ich wette, du wirst ein zweiter Schliemann. Das, was ich in meiner Kindheit werden wollte. Was meinst du, Feelein«, wandte er sich an Mutter, die im Sofa hockte und Gregorovius las, »hat er das Zeug, meinen Traum zu verwirklichen?« Und ohne Mutters Erwiderung abzuwarten, rief er: »Er hat es, bestimmt.«

Ich schnallte meine Rollschuhe an und sauste von Zimmer zu Zimmer, ohne an Schwellen zu Fall zu kommen und mich in Teppichen zu verheddern. Unsere Zimmer, zwei große, drei kleine, besaßen roten und grauen Steinfußboden und himmelhohe Decken aus Holz. »Schieb mich!« bettelte Lisa und kreischte vor Wonne, als ich sie im Puppenwagen mit Karacho um Eßtisch und Sessel schleuderte. Lisas sticksige Beine ragten ins Freie, und bei einer scharfen Kurve im Flur verlor sie das Gleichgewicht. Es krachte furchtbar, als sie zu Boden schlug, und wimmernd verkroch sie sich in Mutters Schoß. Und ich, erhitzt, außer Atem, und um einem Donnerwetter zuvorzukommen, schlich in mein Zimmer, das ich von innen verriegelte, sachte, behutsam, um es Vater nicht merken zu lassen. Mich ins Zimmer einzuschließen hatte er mir strikt verboten, keiner in unserer Familie habe etwas vorm anderen zu verbergen, »merk dir das, Sohn!« – er nannte mich Sohn, nicht bei meinem Namen, wenn er Verwarnungen aussprach.

In einer Ecke schlummerte meine Modelleisenbahn in zwei Umzugskisten. Ich hatte keine Lust, sie auszupacken und aufzubauen, meine Spielsachen ließen mich kalt. Lieber preßte ich meine Nase an der Fensterscheibe platt und betrachtete unsere Gasse, zu der eine breite Treppe hochstieg und die sich am anderen Ende den Augen mit einem scharfen Knick entzog. Mehr als elf Hausnummern hatte sie nicht zu bieten, vier an Stahlseilen schaukelnde Lampen, die nachts einen schummrigen Schein verbreiteten, falls sie nicht, bei Stromausfall, dunkel blieben, eine Polsterer- und eine Schreinerwerkstatt.

Ich konnte ins Kellergeschoß eines Schusters schauen, der behaart war und knochig und andauernd Arien schmetterte, mit einer Stimme, die einen massiven Zwei-Meter-Menschen erwarten ließ. Dem mageren Kerlchen, das am Mittag vor seiner Werkstatt im Sonnenschein Platz nahm und Nagel um Nagel in einen Absatz schlug, traute man sie nicht zu.