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Karla Brandt

Schwester, bleibt mein Arm so?

Geschichten von der Intensivstation

 

Für Marcel und Fabienne.

Und für MQ,

weil er so ein gutes Timing hat.

Inhalt

Umschlag

Titel

Impressum

Widmung

Einleitung – Warum ich Krankenschwester auf der Intensivstation wurde

  1   Panflöten und Monsterkinder – Die Ausbildung zur Krankenschwester

  2   Und täglich grüßt das Murmeltier – Chaos und Routine

  3   Pizza zum Frühstück – Schichtdienst und seine Folgen

  4   Ärzte, Schwestern, Krankenpfleger – Die lieben Kollegen

  5   Wahrsagerinnen und Generäle – Eine Übersicht über Patiententypen

  6   Todkrank oder einfach nur alt? – Die Ü80-Patienten

  7   Einer geht noch – Schnapsleichen und andere Selbstvergifter

  8   Nein, ich weiß nicht, wo Mekka liegt – Multikulturelle Verwicklungen

  9   Hinter den Kulissen – Dinge, die Sie gar nicht wissen wollen

10   Ein bisschen Spaß muss sein – Faxen, die den Tag versüßen

11   Diagnose Exitus – Was uns alle gleich macht

Anmerkungen

Einleitung — Warum ich Krankenschwester auf der Intensivstation wurde

Mit ausgebreiteten Armen läuft das fünfjährige Mädchen im Kreis um die kleinen Holzkreuze des Tierfriedhofs herum und schreit immer wieder: »Ich werde Feuerwehrmann!«

Ob ihr mal jemand sagen sollte, dass sie in diesem Leben kein Mann mehr wird? Zumindest nicht ohne immensen medizinischen Aufwand? Und dass man sich auf einem Friedhof gefälligst würdevoll benimmt, selbst wenn dort nur Distelfinken und Spitzmäuse ihre letzte Ruhe gefunden haben? Und warum sieht der kleine Lockenkopf eigentlich einen Zusammenhang zwischen Feuerwehrmann und Segelfliegen? Ja, ist denn hier kein Erziehungsberechtigter anwesend?

Das fünfjährige Mädchen bin ich. Gerade formuliere ich zum ersten Mal entschlossen einen Berufswunsch. Die Idee und Leidenschaft habe ich meinem großen Vorbild abgeguckt: Grisu, der kleine Drache – eine Zeichentrickfigur mit klaren Karrierevorstellungen.

Obwohl ich es mehrmals täglich laut und unmissverständlich zu verstehen gab – meine Eltern trauten meinem Feuerwehrmannplan nicht. Nicht nur, weil sie mich aufgrund von unschönen Szenen im Badezimmer für wasserscheu hielten. Die beiden Dickschädel hatten sich in den Kopf gesetzt, dass ich Tierärztin werden würde. Keine Ahnung, wie sie darauf kamen. Bei den Tieren, mit denen ich Umgang pflegte, gab es eindeutig nichts mehr zu verarzten. Beinahe täglich brachte ich tote Vögel und Mäuse und Igel mit nach Hause und beerdigte die niedlichen Kadaver in sorgsam bemalten Pappschachteln. Ich bastelte Mini-Kreuze aus Zweigen und steckte Gänseblümchen zu Grabkränzen zusammen und verwandelte so eine Ecke unseres Gartens in den Friedhof der Kuscheltiere. Alles deutete eigentlich darauf hin, dass ich einmal im Bestattungswesen tätig werden würde.

Doch schnelllebig sind die Schrullen der Kinderzeit. Vom Feuerwehrmann bzw. Bestatter sattelte ich um auf Polizist, von Polizist auf Delphintrainerin, und von da war es nur ein Katzensprung zur Meeresbiologin. Und schließlich fand ich mich unvermittelt mit etlichen anderen verhinderten Delphintrainerinnen und Meeresbiologen in einem Germanistikstudium wieder. Immerhin las ich gerne Romane. Abgesehen davon studierte ich nicht, weil ich einen klaren Plan für meine Zukunft hatte. Ich studierte, weil ich eben keinen klaren Plan hatte. Als planlos muss auch meine erste Hausarbeit eingestuft werden, in der ich so entschlossen wie ungefragt die These vertrat, dass Sprache aus dem Bedürfnis entstanden ist, Musik zu machen. Die Arbeit bekam ein unmusikalisches »befriedigend« und bald verstand ich, dass meine Meinungen und Leistungen an der Uni niemanden interessierten. Toll: Erst lassen sie dich dreizehn Klassen lang unliebsamen Quatsch auswendig lernen und treiben dir jedes persönliche Interesse aus und dann sollst du plötzlich aus eigenem Antrieb mit großer Leidenschaft deinem persönlichen Interesse folgen, ohne dass das so richtig kontrolliert wird.

Na ja, so eine gesellschaftskritische Betrachtung liest sich zumindest allemal besser als: Ich hatte den Kopf voll Kraut und Rüben, fand es schwierig meinen Studientag zu strukturieren und war ohnehin mehr damit beschäftigt, meinen Lebensunterhalt zu finanzieren und meine noch immer nicht ganz abgeschlossene Pubertät zu meistern.

In der Schule war ich in der Regel ohne aufwendiges Lernen ausgekommen. Die Hausaufgaben hatte ich, wenn überhaupt, oft kurz vor Unterrichtsbeginn oder in den Fünf-Minuten-Pausen vor dem jeweiligen Fach erledigt, also irgendwo abgeschrieben. Diese Kindereien ergaben im Studium keinen Sinn, und irgendwann sah ich es ein: In sauerstoffarmen Hörsälen emotionsgebremsten Nicht-Pädagogen dabei zuzuhören, wie sie aus jahrzehntealten Manuskripten über den regelhaften Lautwandel im Bereich des Konsonantismus vorlasen – das fetzte für mich nicht so richtig. Nach drei Semestern mutierte ich zur Karteileiche und nach fünf ließ ich mich exmatrikulieren.

Aber wie sollte es jetzt weitergehen? Konnte ich nicht noch schnell eine berühmte Sängerin oder Schauspielerin werden und dann mit siebenundzwanzig unter tragischen und nie ganz geklärten Umständen abdanken? Das hätte Glamour gehabt, und ich wäre in den Club siebenundzwanzig eingetreten, in dem Größen wie Janis Joplin, Jim Morrison oder Amy Winehouse Mitglieder sind. Andererseits war diese Idee totaler Schwachsinn. Nur weil man mal vorübergehend nicht weiß, was man mit seinem Leben anfangen soll, muss man es ja nicht gleich frühzeitig beenden. Schließlich gab es eine enorm attraktive Alternative zu rauschhaften Rockkonzerten, Blitzlichtgewittern, wilden Partys, Luxuslimousinen, zerstörten Hotelzimmern und einem Abgang als junge Göttin: einfach mal ein Praktikum machen. Also versuchte ich mich in verschiedenen Praktika: Kindergärtnerin – jubelnde Massen und immerhin was mit Menschen, Tontechnikerin – da hallte der Rockstarwunsch noch leise nach, Schreinerin – jetzt mal was mit Holz, PR-Beraterin – was mit Hochglanzbroschüren und wunderschönen Floskeln. Während dieser verschiedenen Tätigkeiten wurde mir klar: Ich wollte einen Beruf, den ich als sinnvoll empfand, der mich herausforderte und bei dem ich in einem Team arbeiten konnte. Ich wollte keinen Beruf, der mich dazu nötigte, stundenlang auf zu kleinen Stühlen zu hocken und mit schrill quiekenden Zwergen Lieder über zehn Finger oder die Puthenne Widewidewenne zu singen. Ich wollte auch nicht den ganzen Tag in schallisolierten Kabinen sitzen und fünfzigmal die gleichen zehn Sekunden Gangster-Rap eines hübsch frisierten Teenagers aus dem Villenviertel hören, dem die Eltern zum Geburtstag eine CD-Aufnahme geschenkt haben. Und erst recht wollte ich mich nicht mutterseelenallein an einer Drechselmaschine verstümmeln oder potentiellen Kunden erklären, wie sie beim Bescheißen ihrer eigenen Kunden glitzern und glänzen, während ich versuche, beim Bescheißen dieser potentiellen Kunden zu glitzern und zu glänzen.

Während meiner Praktika-Serie wohnte ich in einer Zweck-WG, die aus vier Zimmern und einem winzigen Bad bestand. Jedes Zimmer hatte ein Waschbecken und einen Kühlschrank und wurde einzeln vermietet. Mit diesem gewitzten Kniff kam der Vermieter vermutlich zu höheren Einnahmen und erzeugte für uns Bewohner das interessante Gefühl, in einem Motel zu wohnen, und zwar in einem von der Sorte, wie wir sie aus skandinavischen Arthouse-Dramen und amerikanischen Psychothrillern kennen.

Menschen kamen und gingen. Manche grunzten mir nur einmal im Zwielicht des Flurs ihren Namen zu und zogen ein paar Wochen später schon wieder aus. Inmitten des undurchsichtigen Kommens und Gehens gehörte ich bald mit anderthalb Jahren Verweildauer zu den Alteingesessenen. Immer wieder nahm ich mir vor, mich nach einer behaglicheren Unterkunft umzusehen, doch das Psycho-Motel entzog mir zunehmend die Energie. Je mehr mir die Bude zum Hals raushing, desto weniger fand ich die Kraft, ihr den Rücken zu kehren. Ein Teufelskreis, der allerdings sein Gutes hatte. Eines Tages stand nämlich Michael in abgeschabter Lederkombi und mit schwarzem Motorradhelm unter dem Arm vor der Wohnungstür. Seine große Nase war vom Fahrtwind gerötet und ragte über ein Grinsen, das vom Freundlichen schon fast ins Unverschämte spielte. Ich ahnte: Das war endlich ein Mitbewohner nach meinem Geschmack. Und ich behielt recht.

Michael und ich gründeten mitten im Psycho-Motel eine echte Wohngemeinschaft. Ich freute mich, wenn er an meiner Tür klopfte und fragte, ob ich was von seiner Reispfanne haben wollte, selbst wenn ich sie dann erst noch für uns kochen musste. Wir erzählten uns Geschichten, schmiedeten Pläne und sangen. Einmal dichteten wir ein Lied für die unter uns wohnende Nachbarin. Frau Brück klopfte bei jeder Gelegenheit mit dem Besenstiel an die Decke, zum Beispiel sobald man auch nur einen Akkord auf der Gitarre spielte. Das Lied begann so:

Hallo, wie ich hörte, mögen Sie Musik

Und so schrieb ich nur für Sie dieses kleine Lied.

Ich weiß nicht, wie Sie ausseh’n,

doch wie Ihr Besen klingt,

und der groovt echt einmalig und klopft lässig und beschwingt.

Wir machten aber nicht nur Quatsch und Musik, sondern führten auch Gespräche über unsere Lebensplanungen – ein wiederkehrendes Thema im wenig konkreten Konjunktiv. Bis dann eines Tages Michael einen Entschluss getroffen hatte: »Ich werde Krankenschwester!«

Kurz darauf manifestierten sich in seinem kleinen Zimmer Anatomie-Poster und medizinische Fachbücher voller Kurzbeschreibungen von Krankheitsbildern und chirurgischen Behandlungsmethoden. Das fand ich mindestens so spannend wie die toten Vögel aus seligen Kindertagen, für die mein Interesse mittlerweile merklich abgeflaut war.

Michael erzählte mir von den Erlebnissen in seiner Ausbildung, zum Beispiel von einer folgenschweren Entscheidung der Krankenhaus-Verwaltung. Mit dem eisernen Vorsatz, dem Krankenhaus ein moderneres Flair zu geben und den Pflegekräften Arbeitserleichterung zu verschaffen, wurden neumodische, vollelektrische Patientenbetten gekauft, gleich fünfzehn Stück. Große Freude, als die prächtigen Betten angeliefert wurden. Böse Vorahnung, als sich rausstellte, dass sie zehn Zentimeter breiter waren als die alten, mechanischen Modelle. Niederschmetternde Ernüchterung, als die verflixten Dinger trotz wütendem Quetschen nicht in die Aufzüge passten. So wurde das Erdgeschoss zum Bettenlager und Michael räsonierte über einen großen Räumungsverkauf, der sein karges Gehalt aufbessern sollte.

Oder die Geschichte von der fünfundvierzigjährigen karnevalsbegeisterten Krebspatientin, die ihren letzten Rosenmontag auf Michaels Station verbrachte. Als der Chefarzt zur Visite kam, lag sie als Nonne verkleidet in ihrem Bett. Das verwirrte Ärzteteam blätterte in den Akten. Die Rheinländerin strahlte übers ganze Gesicht. Mit leuchtenden Augen segnete sie die Ärzte und wollte den Stationsarzt »bützen«, was im Rheinland »küssen« heißt und in der Karnevalszeit unter Brauchtumspflege fällt. Eine Woche später starb sie.

Es waren die abwechslungsreichen Geschichten – mal lustig, mal traurig, mal spannend, mal grotesk –, die mir ein Leben als Krankenschwester immer interessanter erscheinen ließen. Und ja, ich gebe zu, ich habe eine »soziale Ader« oder wie man diese für Krankenschwestern nicht untypische Mischung aus echter Empathie und Selbstablenkungsmanöver auch immer nennen mag. Wer Grabkränze für zermatschte Blaumeisen bindet, der hilft nachher auch ehrenamtlich bei der Hausaufgabenbetreuung, wird Klassensprecherin und sagt irgendwann nach drei Gläsern Rotwein ganz ernst zu seinem Mitbewohner: »Nee, ich habe keinerlei Berührungsängste, nur weil ein Mensch gehörlos, blind, spastisch gelähmt oder sonst irgendwie anders ist. Ich bin ja selbst anders. Alle sind ja irgendwie anders als alle anderen.«

Mein nächstes Praktikum machte ich also auf einer urologischen Station. So konnte ich direkt feststellen, ob ich mich in meinem zukünftigen Beruf nicht doch zu sehr schämen, ekeln oder überfordert fühlen würde. Als ich zum allerersten Mal die Station betrat, sah ich einen ungepflegt wirkenden, grauhaarigen Mann mit nikotingelbem Schnurrbart in grüner Kleidung und mit ebenso grünen Gummistiefeln aus einer Tür herauskommen und in den Flur staksen. Müde schlurfte er davon, ohne mich zu beachten. Gruselig – ein Verrückter! Vielleicht handelte es sich um einen Patienten, der nicht nur untenrum Probleme hatte; vielleicht auch um einen übergeschnappten Gärtner, der mit drei Ave Maria und irrem Gelächter die etwas schlapp wirkenden Grünpflanzen im Flur aufpäppeln wollte.

Ein paar Minuten später wurde ich der Erscheinung vorgestellt: Herr Doktor Prössel, der Oberarzt persönlich. Nun gut, dachte ich, manche Uni-Professoren hatten auch ausgesehen wie Wahnsinnige, doch warum trägt der Mann Gummistiefel? Waren die Dinger das kauzig-modische Accessoire eines ergrauten Hipsters oder … Meine Phantasie bescherte mir einige unschöne Bilder.

Heute weiß ich: Gummistiefel sind in einem urologischen OP eine durchaus pragmatische Wahl. Literweise blutig gefärbte Spüllösungen aus Urinkatheter-Beuteln ablassen. Kleine Kompressenschleifchen an eben einem solchen Katheter anbringen, der aus der Harnröhre eines Siebzigjährigen ragt, damit er sich nicht die Eichel wundscheuert. Einer Fünfundsechzigährigen von kompaktem Format bei der Körperpflege helfen, wobei die Dame aufgrund eines Antibiotikums einen raumgreifenden Genitalpilz und obendrein Durchfall hat – all das hätte eigentlich reichen müssen, um mich doch noch auf Bürokauffrau oder E-Plus-Beraterin umschwenken zu lassen.

Niemand, der noch alle Murmeln im Beutel hat, reißt sich darum, Scheiße von Hintern in den unterschiedlichsten Stadien des Verfalls zu wischen oder röchelnden Greisen Katheter in die Harnröhre zu schieben. Aber – und das kann vermutlich nur nachvollziehen, wer auf diese Weise gearbeitet hat – der Kontakt mit dem prallen Leben, gerade auch in seinen weniger glamourösen Formen, hat etwas Erfüllendes. Der Umgang mit Menschen, die wirklich Hilfe brauchen, schüttet bei mir erfrischende Endorphine aus. Soll ich hingegen »potentiellen Kunden« einen neuen Mobilfunkvertrag andrehen, fühle ich mich nach wenigen Stunden einfach nur ausgelaugt. Es ist ein großer Unterschied, ob man sich zum Feierabend erschöpft und zufrieden oder verbraucht und leer fühlt.

In den wenigen Wochen auf der Urologie sah ich die unterschiedlichsten Leute. Herr Kühn beschwerte sich wortreich über das Schnarchen seines Zimmernachbarn Herrn Totte und sägte dabei selbst noch viel derber.

Herr Totte wollte, dass ich ihm die weißen Fädchen von einer Mittags-Mandarine zupfte, angeblich, weil seine Hände zitterten. Beim hilfsbereiten Zupfen merkte ich, dass der alte Mann selig auf meinen Busen starrte.

Herr Grabow bedankte sich mit Tränen in den Augen, weil wir uns so »toll um ihn kümmern« würden; am liebsten würde er für immer bei uns bleiben. Als er seine Lobeshymne zum dritten Mal wiederholte, dachte ich, dass mich der alte Silberfuchs nach Strich und Faden verarschte. Erst später verstand ich, dass man ihm einen Nierenstein entfernt hatte und er zum ersten Mal seit Jahren einen Tag ohne Schmerzen erlebte.

Abgesehen von den unterschiedlichsten lebenden Exemplaren der menschlichen Spezies sah ich im Praktikum auch meinen ersten Toten. Ich hatte bei einer Dienstbesprechung nicht richtig zugehört und marschierte deshalb an einem sonnigen Montagmorgen gut gelaunt ins Zimmer 121. Ich wunderte mich etwas, weil nur noch ein Bett im Zimmer stand, rief ein aufmunterndes »Guten Morgen, Herr Pohl« und stellte das Frühstückstablett ab.

»Na«, sagte ich, etwas verblüfft darüber, dass sich der Greis nicht rührte, »dann lassen wir erst mal etwas Sonne rein!« Ich ging zum Fenster, zog den Vorhang zur Seite und hatte den Eindruck, dass dieses Aufziehen des Vorhangs sehr laut klang, weil es im Zimmer sehr, sehr leise war.

Es fällt einem nicht auf, wie viele Geräusche ein Mensch selbst dann macht, wenn er einfach nur ruhig in seinem Bett liegt. Aber man bemerkt sofort, wie still es ist, wenn diese Geräusche fehlen. Kein Atmen, kein Magengrummeln, kein Schlucken. Vielleicht auch das Fehlen der Geräusche, die eigentlich nicht zu hören sind: das Rauschen des Blutes, das Klopfen des Herzens. Ich hielt inne und lauschte und hörte überlaut nichts.

»Herr Pohl?«, fragte ich etwas zaghafter. Dann ging ich an sein Bett und besah mir den Patienten. Blass war er ja schon immer gewesen, aber jetzt spielte seine Hautfarbe in ein überirdisches Weiß. Auch hatten sich seine Gesichtszüge verändert: Ruhig, würdevoll, wie in Stein gemeißelt. Vor Schreck stellte ich eine saudumme Frage: »Herr Pohl, sind Sie tot?«

Hätte man mir ein Jahr vor dem Praktikum gesagt, dass ich, anstatt um 4.45 Uhr ins Bett zu torkeln, mich bald um 4.45 Uhr aus dem Bett wuchten würde, um dann ab 6.00 Uhr auf das Wohl und Weh mir völlig fremder Menschen zu achten – ich hätte gelacht. Jetzt lachte ich stattdessen mit den Krankenschwestern der urologischen Abteilung.

Es handelte sich tatsächlich nur um Schwestern, Krankenbrüder gab es auf der urologischen Station nicht. Auch auf der gynäkologischen Station arbeiteten in der Pflege nur Frauen und es gab auch eine Begründung dafür: Manchen Patientinnen wären männliche Pfleger sicher unangenehm. Auf der urologischen Station lagen zu 85 Prozent Männer, denen ein reines Frauenteam offensichtlich nicht unangenehm war. Vermutlich hätten viele es »schwul« gefunden, sich von einem Mann anfassen zu lassen, während aus der Gynäkologie nichts von etwaigen Lesbenängsten zu hören war. Um sich in dieser verwirrenden Logik zurechtzufinden, ist es hilfreich, einen klaren Standpunkt zu formulieren: Im Intimbereich rumfummeln ist seit der Steinzeit Frauensache. Das ist wie mit dem Putzen: Mit unseren zarten und kleinen Händen kommen wir einfach besser in die entlegenen Ecken. Und wer hat uns im Kleinkindalter Pillermann oder Mumu gewaschen? Eben – die Mutti!

Zumindest hatte ich meine Freude mit den Mädels. Sogar die grundmürrische Sabine zeigte die Vorstufe eines Lächelns, als ich ihr das Buch Warum Katzen malen in die Hand drückte. Bei den anderen stellte sich der Frohsinn in der Regel auch ohne solche Maßnahmen ein. Ernsthaft: Das Team dieser urologischen Station war mein Glück, denn es erleichterte mir meine Entscheidung. Ich stand kurz davor, mit ausgebreiteten Armen im Zimmer meines Mitbewohners im Kreis zu laufen und zu rufen: »Ich werde Krankenschwester!« Aber ich war ja keine fünf mehr, sondern vierundzwanzig. Also begnügte ich mich damit, es ihm mehrmals am Tag ins Ohr zu brüllen.

Kurz darauf bewarb ich mich um eine Ausbildungsstelle an einem Krankenhaus in meiner Stadt. Als ich zum Vorstellungsgespräch kam, hatte die Frau, die vor mir saß, die gleiche Weste an wie ich. Während ich noch überlegte, ob sich das nun gut oder schlecht auswirken würde, fragte ihre Kollegin munter drauflos: »Warum wollen Sie Krankenschwester werden? – Sie haben ja bisher nichts zu Ende gemacht, meinen Sie denn, diese Ausbildung halten Sie durch? – Sie sind ja deutlich älter als Ihre Mitbewerberinnen, warum finden sie erst jetzt zu uns?«

Ich antwortete ehrlich. Die zweite Hälfte des Bewerbungsgesprächs drehte sich dann erstaunlich ausführlich um meinen sechsmonatigen Australienaufenthalt, den ich nach dem Abitur gemacht hatte. Die Frau mit der Weste war auch einmal ein halbes Jahr in Australien gewesen. Keine zwei Wochen später bekam ich die Zusage.

1Panflöten und Monsterkinder — Die Ausbildung zur Krankenschwester

Ich liege in einem gut geheizten Raum auf einer brombeerfarbenen Isomatte und starre an eine schräge Nut- und Federwand. Das Haus, in dem sich dieser Raum befindet, heißt Sankt Florian und sieht auch so aus, als ob es einen Schutzheiligen gegen Feuer gebrauchen könnte: es besteht zu großen Teilen aus Holz. Um mich herum liegen noch zwanzig andere Personen. Sie wirken allesamt entspannter als ich. Selbst die drei nah beieinanderliegenden siebenzehnjährigen Mädchen haben aufgehört zu flüstern und zu kichern. Ich linse zu ihnen herüber: Glatte, süße Gesichter. Geschlossene Augen. Warum muss ich ausgerechnet jetzt an Sarah-Kay-Bildchen denken? Und was zur Hölle mache ich hier eigentlich? Ach ja, ich werde Krankenschwester und das hier ist das Ethikseminar, im Moment zum Thema Empathie.

Die ruhige Stimme meiner Kursleiterin fordert noch mal freundlich, aber bestimmt auf, die Augen zu schließen. Untermalt wird die Ansage von sphärischen Panflöten-Klängen. Solche Sounds machen es mir nicht gerade leicht, mich zu entspannen. Ich verbinde sie mit Fußgängerzonen-Stress oder sogar Gefahr: Entweder geht gleich ein Indio mit dem Hut rum oder ein nach Patschuli müffelnder Mann mit geschmeidigen Bewegungen und halb erleuchteten Augen springt barfuß auf mich zu und will mich ganz spirituell befummeln, weil ihm das seine Göttin der Liebe gechannelt hat. Andererseits: Lehrjahre sind kein Wunschkonzert. Ich lasse also die Flöten flöten und schließe die Augen, um die Traumreise zum Inneren Kind anzutreten.

»Stellen Sie sich eine kleine Gartentür vor«, sagt die Kursleiterin und ich stelle mir eine kleine Gartentür vor.

»Und jetzt treten Sie ein, mitten hinein in einen heiteren, lichten Garten.«

Ein heiterer Garten, denke ich. So einer mit kichernder Iris und ausgelassenen Stiefmütterchen. Alberne Amseln, witzige Würmer, lustiger Liebstöckel – alle voll gut drauf.

Ich habe zwar noch immer keine wirklich bequeme Position auf meiner Brombeermatte gefunden, aber ich gebe mir alle Mühe. Brombeeren, hm, Brombeeren. Ein wild rankendes, stachliges Brombeergestrüpp hakt sich an meinem Wollpulli fest und ich bin erst einmal damit beschäftigt, meinen Ärmel daraus zu befreien. Ich reiße mich los und stolpere weiter in dem sehr verwilderten Garten. In seiner Mitte ragt eine Vogeltränke aus dem Gras: Sie soll aussehen wie Jugendstil, ist aber in Siebzigerjahre-Beton gegossen. Wer denkt sich so etwas aus? Wer hat so einen schlechten Geschmack?

»Du gehst auf ein kleines Wesen zu, das du in dem Gartenhaus siehst.«

Gartenhaus? Was für ein Gartenhaus? Und warum werde ich plötzlich geduzt?

Während ich mir die gar nicht heiteren stacheligen Sträucher und die bescheuerte Vogeltränke zusammenphantasiert habe, ist die Reisegruppe wohl schon weitergegangen. Ich versuche den Anschluss zu finden, aber plötzlich ist der ganze »heitere« Garten in einem dichten Nebel verschwunden. Na, großartig. Während die anderen vermutlich gerade leckere Törtchen in einem lichtdurchfluteten Gartenhäuschen von einer grundgütigen Oma mit Apfelwangen serviert bekommen, tappe ich hier durch den Nebel des Grauens. Zu allem Überfluss taucht daraus jetzt auch noch etwas Kantiges auf. Ah, zum Glück – das Gartenhäuschen. Es handelt sich zwar um eine windschiefe Hexenhütte aus Holz, aber die hat durchaus ihren Charme. Ich schaue durch ein verschmiertes Fenster und sehe einen lockigen Haarschopf, der hinter einer Tischkante auftaucht.

Aha, das Innere Kind, da isses ja. Jetzt bin ich ein bisschen aufgeregt und klopfe sachte gegen die Scheibe. Erschrecken will ich die süße Kleine nicht. Immerhin ist es unser erster bewusster Kontakt. Der Haarschopf steigt nach oben. Mein Inneres Kind richtet sich auf. Es wird größer. Ganz schön groß. Jetzt kann ich sein Gesicht sehen: Vollständig von schwarzen Haaren überwuchert, mit blutunterlaufenen Augen und einem absurd großen Maul. So sollten Kindergesichter nicht aussehen. Kinder sollten auch keine 1,90 Meter groß sein und Peter-Lustig-Latzhosen über filzigem Fell tragen. Immerhin lächelt das Wesen, als es mich durch die Scheibe sieht. Dabei kommen seine sehr spitzen und sehr gelben Zähne eindrucksvoll zum Vorschein.

»Und nun sprich das Kind einfach an. Begrüße es freundlich«, sagt unsere Reiseleiterin.

Ich winke zaghaft. Das Zottelwesen winkt zurück. Bisher läuft es doch gar nicht so schlecht. Dann zieht mein Gegenüber eine Panflöte aus seiner Hose und hält sie demonstrativ hoch. Ich nicke. Das haarige Etwas beißt mit Schwung in die Flöte und zerkaut das Instrument. Schließlich präsentiert es mir die eingespeichelten Holzreste auf seiner Zunge.

Tja, was macht man mit so einem Inneren Kind? Soll ich es loben oder tadeln? Soll ich es einfach in den Arm nehmen oder verständnisvoll ansehen und dann sagen: »Gut, aber du kannst deine Gefühle sicher auch schon ausdrücken, ohne ein Holzblasinstrument zu zerkauen?« Vorausgesetzt, dass es sich bei dem Zottelvieh in Latzhosen überhaupt um mein Inneres Kind handelt.

Oha! Jetzt kommt es aus der Hüttentür geschlurft und bewegt sich grobmotorisch auf mich zu.

»Hallo«, sage ich. »Bist du mein Inneres Kind?«

Das Wesen gibt ein Geräusch von sich, das halb wie ein Schnorcheln und halb wie ein Knurren klingt. Unsere Kursleiterin sagt etwas, aber ich kann sie nicht verstehen, weil dieses schnorchelnde Knurren meine Aufmerksamkeit vollständig in Beschlag nimmt.

»Jetzt öffnen Sie bitte wieder die Augen«, schlägt die Stimme der Kursleiterin nun doch eine Schneise durch das gutturale Geräusch. Jetzt bin ich also wieder eine »Sie« und auf jeden Fall verwirrter als vorher. Vor allem, weil das Knurren noch immer nicht aufhört. Ich höre es ganz deutlich in meinem rechten Ohr. Vorsichtig drehe ich mich zur Seite. Dort liegt Alexander, mein neunzehnjähriger Mitschüler mit dem braunen Pferdeschwanz. Er hat sich embryonal zusammengerollt und schnarcht mir ins Gesicht.

Das Ethikseminar im Haus Sankt Florian ist nur ein kleiner Bestandteil meiner dreijährigen Ausbildung, die sich aus Schulblöcken und Praxis-Einsätzen zusammensetzt. Es befasst sich mit den Themen Empathiefähigkeit, mit den fünf Phasen des Trauerns nach Elisabeth Kübler-Ross und mit dem aktiven Zuhören nach Carl Rogers.

Die fünf Phasen des Trauerns nennen sich »Verdrängung«, »Wut«, »Verhandeln«, »Depression« und »Akzeptanz«. Als ich das Modell während meiner Ausbildung präsentiert bekomme, kann ich mich gut daran erinnern, dass ich als Zwölfjährige all diese Phasen durchlaufen habe. Und zwar als unsere Boxerhündin Snappy an Krebs starb. Erst ignorierte ich völlig, dass sie sterben würde, dann wurde ich furchtbar wütend auf meine Eltern und den Tierarzt, weil sie sich einig waren, dass eine Operation nicht mehr in Frage kam. Ich kratzte mein Taschengeld zusammen und versuchte, mit den Erwachsenen zu verhandeln. Zusätzlich feilschte ich mit einer nicht näher benannten höheren Macht herum. Ich glaube, das nennt man »Beten«. Schließlich saß ich heulend neben Snappy, kraulte ihre Ohren und hörte Power of Love von Frankie Goes To Hollywood.

Die Akzeptanz zog ein halbes Jahr später in Form eines schwarz-weiß gemusterten Katzenbabys in unsere Wohnung ein.

Kniffliger als das Fünf-Phasen-Modell finde ich die Kommunikationstheorie des amerikanischen Psychotherapeuten Carl Rogers. Die Idee dahinter leuchtet mir ein: Menschen sollen sich im Gespräch verstanden und angenommen und nicht bewertet oder analysiert fühlen. Ich allerdings fühle mich durch das »aktive Zuhören« oft eher verarscht oder auch verarschend, je nachdem, welche Rolle im Gespräch ich einnehme. Sehr knapp gesagt, geht es darum, dass man die Sätze des Gegenübers in Frageform wiederholt und so dem Gesprächspartner Aufmerksamkeit und verständnisvollen Zuspruch suggeriert. RogerianerInnen würden mich jetzt vielleicht ein wenig gereizt fragen: »Sie haben also das Gefühl, dass man bei Gebrauch der Kommunikation nach Rogers seine Gesprächspartner verarscht?«

Wie auch immer. Man stelle sich bloß eine typische Situation im Krankenhausalltag vor, in der die eine Seite konsequent »aktives Zuhören« praktiziert:

»Schwester, ich kann das nicht essen.«

»Sie sind also der Auffassung, diese Mahlzeit nicht zu sich nehmen zu können?«

»Quatschen Sie doch nicht so kariert daher. Dieses Hacksteak geht gar nicht!«

»Sie sind also der Meinung, ich solle ungemustert oder zumindest nicht kariert mit Ihnen sprechen. Obendrein glauben Sie, dass Ihr Hacksteak auf gar keinen Fall geht.«

»Verarschen kann ich mich selbst! Schaffen Sie den Fraß hier weg!«

»Ich spüre, Sie glauben, sich selbst auf den Arm nehmen zu können, und möchten, dass ich …«

Natürlich gibt es Situationen, in denen man das aktive Zuhören sinnvoll anwenden kann. Ganz sicher möchten Angehörige, die gerade einen Menschen verloren haben, keine Trostfloskeln, keine Ratschläge und keine Bewertung ihrer mühsam formulierten Trauer. Auch würde ich mich hüten, mit einem schizophren-paranoiden Patienten darüber zu diskutieren, ob das UFO, das er gerade im Zimmer hat landen sehen, tatsächlich existiert oder eine Ausgeburt seines Hirns ist. Wenn er behauptet, dass rund fünfzig neongrüne, drei Zentimeter große Affen aus einer kleinen Flugscheibe herausgepurzelt sind, um sich in Windeseile im Zimmer zu verteilen und obszöne Gesten in seine Richtung zu machen und sich natürlich immer genau dann zu verstecken, wenn ich gerade gucke, dann ist es tatsächlich das Beste, zu sagen: »Sie haben also eben eine kleine Flugscheibe im Zimmer gesehen, aus der etwa fünfzig neongrüne Affen herausgepurzelt sind?«

Dann hole ich Wischmopp und Kehrblech, um die wildgewordenen Winzlinge zusammenzukehren und im Klo zu entsorgen.

Bevor der Eindruck entsteht, meine dreijährige Ausbildung habe hauptsächlich darin bestanden, auf brombeerfarbenen Matten zu liegen, Monster in Latzhosen zu beobachten und Sätze zu wiederholen, möchte ich anmerken: Das Ethikseminar bildet nur einen kleinen Teil des Ganzen. Tatsächlich sind die Lerninhalte der Ausbildung gut dosiert und bauen sinnvoll aufeinander auf. So lernen wir zum Beispiel zuerst Struktur und Funktionsweise eines gesunden Darms kennen, dann erklären uns Ärzte und Ärztinnen aus den verschiedenen Fachbereichen die internistischen und chirurgischen Krankheitsbilder, und schließlich erläutern unsere Lehrerinnen und Lehrer aus der Pflege die speziellen Risiken und Pflegemaßnahmen.

Habe ich mich an der Uni gelangweilt und Vorlesung um Vorlesung wuschelige Monster ins Heft gekritzelt, tauche ich in meiner Krankenschwesterausbildung in die wunderbare Welt des praxisorientierten Lernens ein. So arbeite ich zum Beispiel nach einem zweiwöchigen Schulblock auf einer chirurgischen Station und betreue Menschen mit den Krankheitsbildern, die ich kurz vorher in der Theorie kennen gelernt habe. Nun gehört der künstliche Darmausgang vom Schaubild plötzlich zu einem drahtigen, agilen Mann, der Herr Balthasar heißt und meine Unterstützung benötigt, um den Beutel seines Anus praeter1 zu wechseln.

Kurz darauf lagere ich den frisch operierten Arm von Frau Schauried erhöht auf ein Kissen und weiß genau, warum ich das tue, und kann es ihr auch erklären. Herrlich!

Meine beiden Schulleiterinnen sind die blonde Frau Soling und die braunhaarige Frau Anders. Die zwei ehemaligen Krankenschwestern haben selbst jahrelang in der Pflege gearbeitet. Sie wissen, wovon sie reden. Beide haben eine zierliche Statur und sind sehr präsent und energiegeladen.

Diese Lehrerinnen vermitteln uns nicht nur eine große Menge an Fachwissen, sondern erinnern uns auch immer wieder daran, wie wichtig es ist, eine individuelle Balance zwischen Idealismus und Pragmatismus zu finden. Von ihnen lerne ich – zumindest in der Theorie –, einen hohen Anspruch an meine Arbeitsleistung zu stellen, mich aber auch selbst in Schutz zu nehmen, wenn der Arbeitsalltag so viele Kompromisse fordert, dass ich diesen Ansprüchen nicht vollständig gerecht werden kann.

Mit mir zusammen werden einundzwanzig weitere Krankenpflegerinnen und Krankenpfleger ausgebildet: achtzehn Frauen und drei Männer. Warum es vor allem Frauen in Pflegeberufe zieht? Einigen wir uns darauf, dass Frauen durch ihre Gene darauf programmiert sind, sich aufzuopfern und anstrengende Arbeiten für wenig Geld zu machen. Ja, es erfüllt sie mit tiefer Befriedigung, weil sie sich nur so ganz als Frau fühlen können. Männern hingegen raunt die DNA etwas anderes zu: Werde Chefarzt, dann wächst dein Glied noch mal um ein paar Zentimeter. Kein Wunder also, dass einer der drei Auszubildenden – ein von einigen angeschmachteter Sunnyboy – während der Ausbildung ins Medizinstudium wechselt. Die Gehirne von Männern sind ja auch größer als die von Frauen, wie wir in einem Theorieblock lernen. Wir lernen allerdings auch, dass Frauen mehr Nervenzellen in der Rübe haben und ihre beiden Gehirnhälften stärker vernetzt sind. Was das jetzt mit der Berufswahl zu tun hat? Gute Frage.

Hin und wieder machen sich im Unterricht die Altersunterschiede in unserer Gruppe bemerkbar: Während die siebzehnjährigen Mädels ganz ernsthaft mitschreiben, als unsere Ausbilderin mit gedämpfter Stimme sagt: »Tja, und weil ihre Gehirne kleiner sind, können Frauen eben auch schlechter Auto fahren«, lachen ich und die vierunddreißigjährige Comfort aus Kenia laut auf. Comfort hat vier Kinder zur Welt gebracht und schon einige Menschen Auto fahren gesehen. Seit sie in Deutschland lebt, weiß sie besonders gut, was ein Vorurteil ist. Sie ist ja nicht nur als Frau dümmer als ein Mann, sondern auch als Afrikanerin dümmer als ein Europäer. Dafür kann sie super tanzen und trommeln und sich lebenslang ein kindliches Gemüt bewahren. Oder so ähnlich.

Mein erster Stationseinsatz nach einem sechswöchigen Schulblock führt mich auf eine internistische Station. Voller Motivation, das gerade Gelernte anzuwenden, stelle ich mich dem Pflegeteam vor und lerne Mareike kennen, die Krankenschwester, die mich unter ihre Fittiche nehmen soll. Bildlich gesprochen, denn tatsächlich ist Mareike so klein, dass sie lediglich Kleinkinder und Wichtelmännchen unter ihre Fittiche nehmen könnte. Das gleicht sie mit einem dauergereizten Blick aus, der mir das Gefühl gibt, ein großer, plumper, strunzdummer Elefant zu sein.