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Mit ›Melodien‹ schrieb sich Helmut Krausser Anfang der Neunziger in die vorderste Riege der deutschsprachigen Gegenwartsautoren. Zwanzig Jahre nach dem ersten Erscheinen hat er sich einen seiner wichtigsten Romane noch einmal vorgenommen, bearbeitet und verdichtet.

Die Geschichte der Melodien ist die Geschichte eines Mythos über vier Jahrhunderte hinweg. Im Italien der Renaissance arbeitet der Alchemist Castiglio mit seinem Famulus Andrea an der Verwirklichung eines Traums: Durch bestimmte Melodien soll der Mensch im Guten wie im Bösen beeinflusst werden können. Castiglios Ideen sind edel, aber in der Wahl der Mittel ist er skrupellos – und das Böse pflanzt sich fort bis in die Gegenwart.

Helmut Krausser, geboren 1964, lebt in Berlin. Bei DuMont erschienen neben den Gedichtbänden ›Plasma‹ (2007) und ›Verstand und Kürzungen‹ (2014) die Romane ›Eros‹ (2006), ›Die kleinen Gärten des Maestro Puccini‹ (2008), ›Einsamkeit und Sex und Mitleid‹ (2009), ›Die letzten schönen Tage‹ (2011) und ›Nicht ganz schlechte Menschen‹ (2012) sowie die Tagebücher ›Substanz‹ (2010) und ›Deutschlandreisen‹ (2014) und der Kriminalroman ›Aussortiert‹ (DuMont Taschenbuch 2011). Seine Romane ›Der große Bagarozy‹ und ›Fette Welt‹ wurden fürs Kino verfilmt.

Helmut Krausser

MELODIEN

oder

Nachträge
zum quecksilbernen Zeitalter

Roman

Neufassung

 

Mitarbeit: Beatrice Renauer

PROLOG

Ich träumte von einem großen Kastanienpark, in Septemberlicht getaucht, voll wildem Gras und gekiesten Pfaden. Dort sah ich, zwischen zwei hohen alten Bäumen, ein Glashaus, dessen Fenster halbblind und staubig leuchteten. In diesem Haus standen, Stockbetten ähnlich, Särge, acht oder zwölf, ich weiß nicht mehr, aufgereiht in zwei Etagen. Und sonst befand sich nichts darin.

Die Särge waren schwarz und glänzten, trotz des Spinngewebs, das sie überzog. Jeder von ihnen besaß ein braungetöntes Sichtfenster, durch welches man mumifizierte Schädel erkennen konnte, ledrige Masken des Todes. Ich erinnere mich an Frauen mit dünnen Resten Haars und an Männer mit eingesognen Wangen, den Mund wie zum Schrei geöffnet. Die Mischung aus Glas, Laub, Licht und Spinngeweb traf mich warm und schrecklich zugleich. Das Dach des Glashauses war von Kastanienblättern übersät und in der Nähe plätscherte ein Springbrunnen azur bemalter Schale. Es war nicht stiller an diesem Ort als in anderen Teilen des Parks; auch Singvögel waren da, und auf der Wiese spielten Kinder.

Ich ging dreimal um das Glashaus. Keinerlei Inschrift fand ich, weder an der Pforte noch im Gras.

Natürlich fragte ich die Parkwächter.

Aber sie wußten nichts.

Ich fragte auch den Springbrunnen und die Kinder und selbst den alten Kuckuck oben: Aber sie wußten nichts.

Traumerzählung des Patienten 30 10 58, 12. Sitzung, 3 / 3 / 89, Dr. Steinmann

Teil eins

DIE TAT

Erstes Buch

PROPOSITIONS

oder

Kuppelbauten für

die Sumpfregion

Der Hoffnung nimm drei Unzen voll,

des Glaubens drei und sechs der Liebe.

Der Buße zwei und gut gemischt!

Und stell’s ans Feuer des Gebets.

Drei Stunden soll’s am Feuer stehen,

dazu ein wenig Leid noch, Trübsal,

Zerknirschung, Demut, soviel nötig.

Nicht lange dauert’s – und es wird

die Weisheit Gottes daraus werden …

Lied der Piagnoni, 1469

I

1988, August

Danach traf das Gros der Touristen ein. Ihre Kinder wurden mit klebrigen Orangeaden gestillt. Auch die Melonenhändler machten gute Geschäfte. Seit Wochen hatte es nicht geregnet. Busse manövrierten mühsam durch die Altstadt, quälten sich steile Steigungen hinauf. Jede Straße war mit der Fahne ihres Viertels geschmückt, und Kleinlaster fuhren Tonnen von Sand auf die Piazza del Campo.

Der Palio, Wettkampf der Stadtbezirke, stand kurz bevor; Karten für die Tribünen waren längst ausverkauft. Wer es von den Umwohnenden nötig hatte, bot gegen 200 000 Lire Klappstühle auf seinem Balkon an. Der Palio, ein Reiterturnier in historischen Kostümen, interessierte Täubner wenig. Er würde ein paar hübsche Postkarten abfotografieren.

Vor dem Dom errichteten Arbeiter ein Holzpodest und verlegten Scheinwerferkabel. In gut dreizehn Stunden sollte Cecilia G. einen Liederabend geben. Hauptsächlich deshalb war Täubner nach Siena gekommen.

Der Mittag erreichte die Stadt. Rolläden rasselten. Vor dem Fischgeschäft lud ein Junge noch Eisblöcke ab, wurde beschimpft, weil er sich verspätet hatte. Der Parkplatzwächter beendete sein Kreuzworträtsel. Appetitliche Gerüche füllten die Straßen, diese engen, schiefen, alten Straßen, deren Kopfsteinpflaster so abgelaufen glatt war, daß es der großen Zehe des Michelangelomoses in Rom glich – flachgeküßt von jährlich Hunderttausenden.

Täubner saß auf der Terrasse des Café Manora und schrieb den wöchentlichen Brief an seine Geliebte. Gegen Ende der zwölften Seite beschlich ihn das Gefühl, die Zeilen könnten larmoyant wirken. Er gab sich Mühe, eine Schlußpointe zu finden.

Täubner bewegte sich sehr wenig, und wenn doch, dann mit akzentuierter Gemächlichkeit, die an Zeitlupe grenzte. Er hätte den Mittag nicht zu fürchten gehabt, hätten seine Drüsen nicht stark zum Schwitzen geneigt.

Täubner floh in die Kühle der Kirche San Vincente, nicht weit vom Dom entfernt, Frühbarock und beinahe touristenfrei. Er setzte sich ins Halbdunkel der vordersten Seitenkapelle und starrte ins vieldutzendfache Kerzenfeuer. Manche der Flammen pulsierten Raupen gleich, die ihren Körper Segment für Segment aus dem Kokon winden. Andere wiegten sich in Trance, weigerten sich, stolz, hielten an sich fest, standen kraftvoll und gespannt – bis sie doch zu zittern begannen und ein graublaues Rauchfädchen aus ihnen quoll.

Das kringelte sich, verströmte in Schleierfetzen; die Flamme verlor ihre Seele und zuckte, wurde klein, beruhigte und sammelte sich wieder.

Das Feuer besaß unendlich viele Seelen.

Täubner lehnte sich auf der Bank zurück. Die Theorie seines Frisörs, einst würde alle Materie in Licht verwandelt, schien ihm mit einem Mal recht einleuchtend. Normalerweise war er Todeskämpfern abgeneigt, die Jenseitshoffnungen auf den Energieerhaltungssatz gründen.

Im Feuer entstanden vergessene Bilder, Bilder seiner Geliebten als junges Mädchen … Täubner sah sich spöttisch in der Kirche um.

Steingewordener Trotz. Kino der Endlichkeitsverweigerung. Der Brief konnte nicht gut sein – er hatte ihm Mühe bereitet. Während Täubner ihn zerriß, verwandelten sich die Bilder, wurden starr und kalt, voll widerwärtiger Personen. Täubner konstatierte, wie leicht er sich an diese gewöhnt hatte.

Er war ein milder, dickhäutiger Mensch geworden, der es kaum mehr nötig fand, für irgend etwas Ernst aufzubringen. Anstelle des Fluchens und Würgens war ein Achselzucken getreten, jede Feindschaft war längst durch Arrangements verwässert; als würde man Gegnern nach dem Spiel im Kabinengang auf die Schulter klopfen und wünschen, sie möchten auch morgen eine Mannschaft zusammenbringen, sonst kann es kein Spiel geben, keine Niederlage, keinen Sieg. Täubner dachte darüber nach, wie zuvorkommend das Hirn gebaut ist, wie es sich mit ein wenig Suggestivkraft viele Siege gönnen kann und kaum eine Schlappe für entscheidend halten muß.

Er hatte den Brief inzwischen in vierundsechzig Schnipsel zerfetzt, die er zu Boden fallen ließ.

II

1497

Castiglio schlang sich einen beinah enthaarten Fuchspelz um die Ohren und versuchte, den Schläfenschmerz mit immer neuem Falerner zu dämpfen. In den zu sauer ausgefallenen Wein war Honig gemischt.

Staub auf dem Pult, darin Figuren: ein Kreis, ein Quadrat. Darüber hingen in Eintracht die Spinnen Silvana und Julia, vielbeinige Schönheiten; Castiglio wußte nicht, ob es Weibchen waren.

Draußen wehte erregtes Geschrei durch die Gassen, von gespenstischer Hysterie: Florenz feierte das Karnevalsfinale; alles rannte, um Rausch und Taumel zu finden, den Kitzel, das Lallen, die Enthobenheit – auf die eine oder andere Art …

Castiglio hatte seine Stube seit einer Woche nicht verlassen. Selbst der Gang zur Latrine war ihm überflüssig erschienen; er hatte die Blechschüssel aus dem Fenster gehalten, seine Notdurft in den Arno geschüttet. Am Geruch, den die Schüssel verströmte, störte er sich wenig, von der Straße stank es herber. Die zum Zweck des Müllverzehrs gezüchteten, Sant’Antonio, ihrem Schutzheiligen, geweihten Schweine waren hier letztmalig vor drei Wochen vorübergezogen. Florenz besaß inzwischen vierzehn freilaufende Müllschweine, deren offiziell behördlicher Auftrag es war, das Pflaster sauberzufressen, doch die falsche Seite des Flusses besuchten die verzogenen Tiere selten. Verständlich; hier gab es keine Leckerbissen, Abfall war echt und verbraucht, die Menschen ließen nur Allerletztes übrig. Noch war Februar. Noch kam die Hitze nicht, noch begann der Florentiner Kessel nicht zu glühen. Ernste Sorgen bereitete Castiglio der pochende Eiterherd über dem Eckzahn, den er jede halbe Stunde mit gemahlenem Ingwer betupfte.

Castiglios Schrift wurde zittrig. Müdigkeit hatte die Hände, noch nicht aber den Kopf erreicht. Nur langsam fraß sie sich an ihm empor. Unwillig verschob er die Abschrift der Clavicula Salomonis und begann, mit seinen Hausspinnen zu plaudern. Silvana hörte andächtig zu, Julia verkroch sich hinter einen Balken. Er hatte ihnen erlaubt, bei ihm zu überwintern; zum Entgelt sollten sie große Netze bauen von ergreifender Architektur, Wohlgestalt und Ordnung – Analogien des Makrokosmos, Abbilder der Gestirne und Kristallsphären.

Doch Julia war faul und Silvana verrückt. Silvanas Netzen fehlte jede statische Harmonie, sie waren auf der einen Seite zu eng, auf der andern zu weit und fielen oft in sich zusammen, halt- und kraftlos. Möglicherweise stand ein kosmischer Brand bevor – der so oft prophezeite wie verschobene Untergang –, und Silvana, die mantische Spinne, ahnte ihn voraus. Auf dem Pult, gezeichnet von Flecken geschmolzener Kerzen, lag ein dreiseitiges, handgeschriebenes Pamphlet, signiert von Gabriele da Salò, einem Bologneser Arzt und Sterndeuter. Man munkelte, er opfere der Sonne als Quell allen Lebens und höchstem Wesen. Das Pamphlet enthielt unglaubliche Behauptungen: Christus sei nicht Sohn Gottes gewesen, sondern Mensch aus gewöhnlicher Empfängnis. Mit seiner Arglist habe er die Welt ins Verderben gestürzt; zum Tod sei er wegen ganz ordinärer Verbrechen verurteilt worden. Auch werde sich seine Religion in Kürze auflösen. Die ihm zugeschriebenen Wunder seien nicht aus göttlicher Kraft, sondern durch den Einfluß der Himmelskörper geschehen.

Castiglio schüttelte belustigt den Kopf, konnte dennoch nicht umhin, den Mut dieses Irren zu bewundern. Dem Kassiber hing ein Brief Umberto Nursios an, eines ehemaligen Studienkollegen. Er schrieb, es gehe ihm nicht übel in Bologna. Zwar besitze Fürst Bentivoglio die ihm nachgesagte grausame Ader, doch sei er ebenso kunstsinnig wie wissenschaftsfreundlich und Bologna trotz politischer Tyrannis ein Zufluchtsort für viele Gelehrte.

Zur Zeit schließt man allerorts Wetten ab, ob Bentivoglios Protektion ausreichen wird, da Salò vor dem Inquisitor zu retten, der ihn in den nächsten Wochen befragen will. Verspricht spannend zu werden, ich habe mein Geld auf da Salò gesetzt, bei eins zu zwölf.

Es folgten studentische Anekdoten und Fragen nach gemeinsamen Bekannten von der Akademie. Der Brief schloß mit der Bitte:

Vernichte dieses Schreiben, sowie Du es gelesen hast; sei um Himmels willen vorsichtig. Mir bleibt unverständlich, wie man Florenz noch ertragen kann, das jetzt im dritten Jahr vom übelsten Dominikanerauswuchs regiert wird. Zwar sagst Du, das Treiben außerhalb Deiner vier Wände (sind’s noch vier?) bekümmere Dich nicht mehr, aber ich fürchte, Du verkennst die Gefahr, die über Dir schwebt. Ich hörte von der Hinrichtung der Astrologen und war entsetzt genug. Mein nachträgliches, ehrliches Beileid. Ich frage Dich, warum Du eine Stadt nicht verlassen willst, in der die Werke Alberti Magni und Petrarcae verbrannt werden. Sei vorsichtig, wenn Du mir Antwort gibst. Kaufleute berichten, Savonarola habe einen Ring aus Meldern um die Mauern unsrer Stadt gezogen, wovon Du in Deiner – verzeih, ich finde kein anderes Wort – Blindheit vielleicht noch nichts bemerkt haben wirst. Enden will ich mit einer Hoffnung: Das Gerücht geht, Papst Alexander habe sich endlich entschlossen, gegen den falschen Propheten vorzugehen. Vielleicht ist der Tag nicht fern, da wir uns wiedersehn.

Sol tibi luceat,

Umberto

Castiglio legte das Schreiben, das er zum dritten Mal gelesen hatte, zur Seite und horchte auf die Müdigkeit, die, bei den Schultern angelangt, langsam die Halspartie erwanderte. Es blieb noch Zeit, eine Antwort zu skizzieren.

Lieber Umberto, mir ist, als bebten leise Trommeln im Äther, rührten uralten Staub zu Dunstgebilden auf, zu formschwachen Geistern, die schärfere Konturen begehren. Wie berauscht steigert die Zeit ihre Tempi, rennt nackt und neu, zu allem bereit, in unerforschtes Land. Den Bios prägt dann Eroberung; alles Sinnen ist Gebären, alle Gebärde Zweifel – nichts bleibt, wie es war. Jahre kommen, die im Fieber glühn, müd ihrer Kalendarien, der Stagnation, müde vorgefertigter Gesetze. Verschleiert im Dampf, stolzieren Ahnungen einher, von Kennzeichen beladen. Das sind Rammböcke, stoßen sacht zuerst, dann wuchtiger; Mauern brechen, Erde kreißt und leitet Geburtswehen ein. Dann muß man bereitstehn. Die Gegenwart ist eine Kerbe, da kann man hineinhaun oder drüberstolpern …

Plötzlich wurde das Stimmgewirr auf der Gasse heller, durchdringender. Selbst durch den Fuchspelz waren die Knaben von weitem zu hören.

Castiglio gehorchte dem Rat des Freundes und hielt das Pamphlet in die Kerzenflamme, die nur aus Nachlässigkeit noch brannte. Es ging auf den Mittag zu. Ein paar Ascheflocken tanzten im Zimmer. Silvana zuckte vor einem Funken zurück. Es stimmte schon: Der Glanz der Stadt war erstickt in Angst und Bespitzelung, ihre Blüte zugenäht mit groben Stichen, die Hochburg der Zeit geschleift unter dem theokratischen Regime eines wildgewordenen Eiferers, eines ungebildeten, wenngleich redegewandten Bauernschädels.

Mehr und mehr war Florenz versklavt worden. Was Castiglio an der Stadt noch liebte, befand sich innerhalb dieser vier (ja vier!) Wände. Das wollte er nicht preisgeben, niemals.

Die Knabenstimmen näherten sich. In die hohen Tonlagen war dumpfes Pochen gemischt. Castiglio wußte, was es bedeutete, und nahm den Fuchspelz ab. Savonarola hatte eine Hundertschaft Knaben organisiert, die immer häufiger in die Häuser eindrang und Nahrung für neue Talami sammelte. Einige waren verprügelt worden – danach hatte man ihnen als Beschützer ihre Väter zugesellt, welche, mit Knüppeln bewaffnet, auf der Straße warteten. In letzter Zeit war dies nicht mehr nötig gewesen, das Kinderheer hatte große Autorität erlangt.

Castiglio krallte seine Finger um den hölzernen Becher, trank und verfolgte haßerfüllt den regelmäßigen Takt, in dem die Häuser seiner Gasse an die Reihe kamen.

Ein armes Viertel, jenseits des Arno. Schmutz, Tagediebe, Verschuldung, Domizil der Studenten minderer Herkunft, jüdischer Kleinhändler, Flußfischer und unreiner Berufe; Totengräber, Schausteller und Billighuren. Hier gab’s nicht viel zu sammeln. Castiglio riß im richtigen Moment die Tür auf. Der Junge, die Hand zum Klopfen erhoben, erschrak vor der hohen, dürren Gestalt, den tiefen Augenrändern, dem verklebten schwarzen Haar, den schmalen, weißgepreßten Lippen. Castiglio war dreiundzwanzig Jahre alt. Man hätte ihn eher auf das Doppelte geschätzt. »Und?«

Der Junge, schwankend vor Bedeutungsschwere, verhaspelte sich, stammelte, verschluckte die Wörter.

»Wie beliebt?«

Der höchstens Elfjährige faßte sich und ratterte Auswendiggelerntes herunter.

»Bürger! Heute werden auf dem Signorienplatz eitle Dinge und Werke dem Feuer überbracht. Gebt heraus, was davon in Eurem Besitz sein mag!«

Castiglio lächelte und nickte. Das ging nun schon zwei Jahre so.

»Was ist diesmal gefragt?«

Der blonde Junge besann sich und leierte die Liste ab, die er sich im Morgengrauen hatte einprägen müssen.

»Zunächst Larven, falsche Bärte, Spiegel, Schleier und alle Arten von Haartouren, Toilettegeräte der Damen, Brennscheren, Parfüm, Maskenkleider –«

Raffiniert, dafür den letzten Karnevalstag zu wählen, dachte Castiglio.

»– ferner Lauten, Gamben, Harfen, Tricktracks, Schachbretter, Spielkarten, Liederbücher, Zauberzettel, Manuskripte, in denen sich Miniaturen finden, prunkvolle Pergamentdrucke und von den Werken der Poeten: der Pulci, der Arlotto, Boccaccio, Ferri, Naso, Plautus und Ariphantones!«

»Aristophanes«, verbesserte Castiglio.

»Ja. Des weiteren jedwede Gemälde weiblicher Schönheit, vor allem solche mit nackten Brüsten, es sei denn, es säße ein Jesuskind darauf, und Porträts, die man zur Ergötzung und Verewigung fertigen ließ. Dies alles soll im Beisein der Signorie auf einer großen Pyramide brennen!«

Der Knabe holte tief Luft. Castiglio verneigte sich und gab mit einer devoten Handbewegung den Weg ins Innere der Hütte frei, die nur an den zwei zum Fluß gerichteten Seiten aus Stein gebaut war.

»Von alledem besitz’ ich nichts.«

Zögernd trat der Junge über die Schwelle und sah sich um. Ein dunkles, niedriges, spinnverwebtes Zimmer, rußgeschwärzt und karg ausgestattet. Über den beiden aus halben Faßdauben geschreinerten Stühlen hingen abgetragene, oft geflickte Kleider. Der Vorhang über dem Bettgestell war an vielen Stellen gerissen, die Kerzen auf dem Pult bestanden aus billigstem Talg. Vor die Fenster waren roh gegerbte Häute gespannt.

Kotgeruch. Der feuchte Bretterboden trug grüngraue Schimmelspuren. Leere Nischen gähnten aus den Mauern. Der Junge deutete auf das gute Dutzend Bücher und lederne Schriftrollen, die im steinernen Eck auf einem Schemel postiert waren.

»Was ist damit

Castiglio beugte sich zu ihm hinab. Sein Tonfall wurde höflich, verlor jeden überheblichen Klang.

»Geh hin, unterzieh sie deiner Prüfung! Wirst sehen, keins gehört zu den von dir erwähnten. Die Rollen enthalten medizinische Schriften, welche man noch nicht in der neuen Art gedruckt hat. Die Bücher sind Leihgaben der Akademie, wonach du den Doktor Salvini befragen kannst.«

Der Junge beherrschte von den Buchstaben nur den einen, mit dem sein Name begann, dennoch trat er näher und tat, als mustere er die Buchdeckel genau.

Castiglio hätte ihm am liebsten kräftig in den Hintern getreten, doch wäre das so gut wie sicher einem Selbstmord gleichgekommen. Von der offenen und freundlichen Art des Hausherrn angetan, murmelte der Knabe ein kurzes »Gut!«, genoß noch einen Moment seinen machtvollen Rundblick und rannte auf die Straße.

Hinter ihm verriegelte Castiglio, trank einen letzten Becher und fühlte sich endlich müde genug.

Im Bett meditierte er noch über das Kindsein. All diese Knaben: begeisterte Spitzel und Denunzianten, mußten nicht einmal bezahlt werden, leisteten detektivische Feinarbeit, zwangen ihre Eltern, nach Savonarolas Regeln zu leben, tauchten unvermutet auf, in jeder Taverne, in jedem Keller, schlüpften durch jedes Loch und waren dabei unverletzlich. Allein dieses Abenteuerspiels wegen liebten sie Savonarola, nur deshalb liefen sie morgens noch vor ihren Müttern zur Messe zum Singen und Beten, keinem mußten Prügel angedroht werden, bereitwillig unterwarfen sie sich dem Prediger, empfingen seinen Segen samt seinen Direktiven. Und sie konnten grausam sein, die Biester, sehr grausam. Erst neulich, in der Via de’Martelli, hatten fünf von ihnen einen alten Mann, der sie beschimpfte, mit ihren Miniaturdolchen erstochen. Kinder sind zu Unglaublichem fähig.

Castiglio dachte sich weit zurück in der Zeit. Er selbst war damals mitgelaufen, da war er fünf gewesen, ja. Im Mai 1478 …

Der Messer Jacopo de’ Pazzi wurde in Santa Croce aus- und an der Mauer von Florenz eingegraben, zwischen der Porta alla Croce und der Porta della Giustizia, innen. Ein paar der größeren Jungs hatten auf einmal geschrieen: »Das ist noch nicht genug für den, der hat überhaupt kein Grab verdient!« Dia Kinder buddelten ihn ein zweites Mal aus, er hatte noch ein Stück Galgenstrick um den Hals, an dem zerrten sie ihn durch die ganze Stadt, das war ein Spaß! Und an seinem ehemaligen Haus schlangen sie den Strick durch den Türklopfer, zogen den Toten hinauf und riefen: »Klopf an!« und trieben mit der Leiche noch andere Späße, und Castiglio war jeweils hinterhergelaufen und hatte sich gewundert, warum sie sich vor Jacopo nicht ekelten – der war ja schon drei Wochen tot und stank entsetzlich!

Am Abend dann, als sie nicht mehr wußten, was sie mit ihm anfangen sollten, warfen sie ihn von der Rubacontebrücke in den Arno und sangen Spottlieder: »Messer Jacopo giù per Arno ne se va«, und die Leiche trieb die Nacht über obenauf. Am nächsten Morgen zogen ihn die Kinder wieder aus dem Wasser, hängten ihn an eine Weide und schlugen ihn mit Stöcken. Das war unten, in der Gegend von Brozzi; Castiglio hatte nicht mehr zusehen dürfen, es war ihm vom Vater verboten worden. Die übrigen Erwachsenen waren nicht eingeschritten, staunend füllten sie alle Brücken, um Messer Jacopo drunter durchtreiben zu sehn. Es heißt, in Pisa schwamm er immer noch oben.

Castiglio wälzte sich unruhig hin und her im klammen Bett, betupfte den eitrigen Eckzahn, stöhnte auf, dachte: Was immer man gegen Savonarola sagen mag – sein Kinderheer, das ist eine geniale Idee. Gute Nacht, Silvana, Julia …

Endlich schlief er ein.

III

 

Gegen acht Uhr abends bekam Castiglio Besuch vom Doktor Salvini, der an der Akademie Studenten in die Geheimnisse avicennesischen Aderlasses einweihte. Castiglio öffnete für ihn den letzten Krug anbietbaren Weines und gab den Inhalt des Da-Salò-Pamphletes wieder. Der Doktor winkte ab.

»Ein Trottel ist das! Diagnostiziert selbst die Kadaver seiner Patienten aus den Sternen! Du warst nicht auf dem Signorienplatz?«

»Nein.«

»Sah imposant aus! Kaum zu glauben, daß sich bei uns noch soviel Eitelkeit fand. Unsre Stadt muß einmal sehr aufgedonnert gewesen sein, wie ein Pfau oder ein Bischof … Stell dir vor, die Pyramide war vierzig Fuß hoch! Jetzt gehn sogar die Scheiterhaufen mit der Mode … keine zierlichen Talami mehr, neinnein, jetzt mimt man das Purgatorio in ägyptischem Gewand!«

»Ich kann Menschen in solcher Vielzahl nicht mehr ertragen.«

»Jaja!« rief der fette Salvini, der zu seinem ehemaligen Schüler einen buffoesken Kontrast bot und bei der Studentenschaft nur das »Nilpferd« hieß. »Die armen Gemälde, nicht nur die klassischen, die Lucrezia, Kleopatra, Faustina, nein, auch unsre Lieblinge – die Bencina, Lena Morella, Maria de’ Lenci! O Gott! Mir hat das Herz geblutet. Ein venezianischer Kaufmann wollte zwanzigtausend Goldtaler für den Inhalt der Pyramide geben! Zwanzigtausend! Die einzige Antwort war, daß man ihn auf die Schnelle porträtierte und das Bild zu den übrigen stellen ließ! Und der Schleimer Botticelli war sich nicht zu blöde, seine eigenen Gemälde heranzuschleppen. Eins nach dem andern! Das war furchtbar … Seine Frühlingsnymphe! Du erinnerst dich? Die mit den Riesenbrüsten! Ich hätte das Bild damals kaufen sollen, verdammt – und verstecken.«

Salvini schnappte sich einen Becher, kippte den Wein wie Wasser. Danach legte er einige kleinere Münzen auf das Pult.

»Soll keiner sagen, ich sauf’ dir was weg!«

»Danke.«

»Das Ganze war gut inszeniert! Gesang, Trompeten, Glockengeläut, und die Heuler groß in Form. Nachher zog man nach San Marco und tanzte eine dreifach konzentrische Runde.«

»Nein!«

»Doch! Zuinnerst die Mönche, abwechselnd mit Engelsknaben, in der Mitte junge Geistliche und Laien, zuäußerst Greise, Bürger und Priester. Letztere trugen Olivenzweige auf dem Kopf.«

»Ist nicht wahr!«

»Doch! Hier stinkt’s!«

Salvini schnüffelte, dann beugte er sich über das Pult und suchte die Pergamente durch.

»Wie weit bist du mit der Clavicula

»Fast fertig.«

»Und?«

»Ich vermute, meine Vorgänger haben viel Unsinn hineingemischt.«

»So sind sie! Jeder gibt seine Weisheit dazu. Je ungefragter, desto bereitwilliger. Der letzte Afterdenker hat noch was zu verbessern. Muß ich dir erzählen! Neulich entdeck’ ich doch eine Anmerkung in einem meiner Galenus-Kommentare! Zugegeben, die angegebene Blutmenge mag geringfügig zu hoch gewesen sein, aber der Student besaß die Frechheit, nach eigenem Gutdünken eine neue Quantität zu postulieren!«

Castiglio, dem noch Schlaf in den Augen stand, nahm ein Stück Röstbrot aus der Schale über dem Ofen, legte es dann wieder zurück.

»Kannst du dir bitte mal meinen Zahn ansehen?«

»Ich bin kein Bader!«

»Bitte!«

»Schau in den Spiegel!«

»Gibt’s in Florenz noch Spiegel?«

»Hast ja recht. Laß sehn!«

Castiglio beugte sich vor und sperrte den Mund auf.

»Das sieht schrecklich aus! Der muß gezogen werden!«

»Wirklich?«

»Du mußt dir eine trockene Spargelwurzel auf den Zahn binden, die wird ihn dir schmerzlos herausziehen.«

»Glaubst du?«

»Kannst auch der Empfehlung des Aristoteles folgen und dir einen Karneol um den Hals hängen gegen den Schmerz.«

»Hmmm … Ich könnte auch dem Rezept der alten Weiber folgen, dreimal ›Anasageus‹ sagen, den Zahn mit einem Nagel berühren und diesen neben einem Taufstein in den Boden stecken.«

»Klar! Du kannst dir auch den kleinen Finger abhacken und den Stumpf in eine Flamme halten. Wirst sehn, der Schmerz im Zahn verschwindet prompt!«

Nun erst aß Castiglio das Röstbrot. Resignierend schnippte er mit dem Finger.

»Ich geh’ zum Bader. Was soll’s? Das ist brutal, aber schnell.«

»Genau. Hauptsache, du kommst mal wieder unter Leute!« scherzte Salvini.

»Schon diese Redensart: unter die Leute kommen – wie unter Kutschenräder! Drückt aus, wie ich’s empfinde. Ich würde lieber über die Leute kommen, wirklich, wie ein Gewitter, wie eine Krankheit von mir aus …«

Salvini verzog die Mundwinkel, kratzte sich ungeniert an einer intimen Stelle.

»Lebst ärger als ein Hund!« stellte er fest und warf weitere Soldi auf das Pult. »Willst du nicht in die medizinische Fakultät zurückkehren? Als mein Assistent! Bekämst drei Florin im Monat!«

Castiglio lächelte schwach und schüttelte den Kopf.

Salvini bemerkte, daß sein ehemaliger Lieblingsstudent bei jedem Besuch entrückter wirkte, weltfremder, daß es bei manchen Themen sogar aussah, als keime Verachtung auf dieser schmalen, linealgraden Nase; Verachtung, die dem akademischen Apparat galt, den Professoren und also auch ihm … Eine Kluft war zwischen ihnen aufgebrochen, nachdem Castiglio die Akademie verlassen hatte. Salvini konnte nichts dagegen tun. Durch seine Bemühungen konkretisierte er nur, was vorher noch vage gewesen war.

»Dein Metier wird immer unsicherer, im wahrsten Sinne. Wer weiß, was geschieht! Ich sag’ dir, du brauchst eine Fassade!«

»Magier haben zu lang im Geheimen gearbeitet.«

»In Rom sollen Entwürfe bereitliegen, selbst die Magia naturalis in ihren Freiheiten zu beschneiden …«

»Ach was! Solang wir einen Papst haben, der selbst theurgische Praktiken betreibt und fünfzig Kurtisanen nackt vor sich tanzen läßt …«

»Was, wenn er stirbt?«

»Was soll sein? Es bricht eine große Zeit an, Salvini. Ich weiß nicht genau, ob da Salò recht hat, was Christus betrifft, aber das Papsttum ist am Ende. Wer das nicht erkennt, den kann man nicht mehr ernst nehmen!«

Salvini schenkte sich einen neuen Becher ein. »Du bist jung! Hättest ein wirklich guter Arzt werden können, Castiglio.«

Im Tonfall dieses Satzes schwang alle beleidigende Arroganz des dreißig Jahre Älteren mit, dennoch beherrschte sich Castiglio in seiner Replik.

»Kann sein, daß du die neue Zeit nicht mehr erleben wirst, Salvini.«

»Die vor uns liegende Zeit scheint immer neu! Sobald wir sie erreichen, ist sie alt und abgetragen und stinkt.«

Castiglio wollte sich auf das defätistische Gehabe Salvinis nicht einlassen. Nichts war ihm widerlicher als Menschen, die im Leben wenig erreicht haben, aber dauernd über das Leben per se resümieren müssen; aus eigenem Versagen allgemeine Folgerungen ziehen, mit dreister Selbstverständlichkeit.

IV

Täubner dachte: eine Woche noch, dann würde er seine Geliebte wiedersehn. Und danach?

Sie würde vermutlich beginnen, Affären zu haben. Der Hund des Nachbarn würde eingeschläfert werden. Diese und andere Dinge würden geschehen, oft mehrere auf einmal. Er würde dreißig werden und kein Twen mehr sein, und vielleicht würde er spaßeshalber die junge Supermarktaushilfe bezirzen.

Nicht weit von der Seitenkapelle stand ein gläserner Sarkophag. Ein toter Seliger ruhte darin; einzige Sensation, die jene Kirche zu bieten hatte. Nur aufgrund dieser Leiche verirrten sich manchmal Touristen hierher. Die Legende behauptete, ein Wunder habe den Körper über die Jahrhunderte unversehrt erhalten. Das Licht an dieser Stelle war dürftig und Grund genug für Skepsis. Der Tote in seinem purpurnen Kardinalsgewand sah arg nach Wachsfigur aus. Dieses Gesicht schien zu glatt, zu beliebig, um jemals gelebt zu haben. Künstlich wirkten die braunen, seidig glänzenden Haare, die unter der Mitra hervorspähten, künstlich wirkten die ineinandergefalteten graugelben Hände, von denen man wohl schwerlich einen Fingerabdruck hätte nehmen können.

Täubner sah sich um. Er war allein. Die Reisegruppen aßen zu Mittag, die Gläubigen hielten Siesta.

Er versuchte den Schließmechanismus des Sarkophags zu entdecken, wollte der mutmaßlichen Wachsattrappe ein Streichholz zwischen die Daumen klemmen und so klären, ob der Selige sich als Kerze eignete.

Täubner fand ein Schloß auf der Unterseite, steckte die Spitze seines Schweizermessers hinein und stocherte eine Weile ohne Erfolg. Er schwitzte stark, teils aufgrund seiner verkrümmten Haltung, teils aufgrund der Verbotenheit seiner Tat. Als Täubner Schritte hörte, zog er das Messer zurück und blieb auf dem Boden gekauert.

Da war ein Priester, dessen Absätze in Richtung Hauptaltar klackten. Vor dem Kruzifix bekreuzigte er sich schlampig. Täubner hatte sich so zwischen Gebetbank und Säule plaziert, daß er wie aus einem Schlitz heraus beobachten konnte, ohne entdeckt zu werden.

Der Altar war von einem überladen verzierten Gitter umzäunt. Goldgelackt quoll es von Putti und Erzrosen über. Links dahinter lag ein Raum, in dem metergroße, bis zu dreihundert Jahre alte Weihkerzen und Votivtafeln umliegender Gemeinden aufbewahrt wurden. Es gab dort auch eine bemerkenswerte Säule, in deren Stein man furchterregende Fratzen gebannt hatte, gescheiterte Existenzen der himmlischen Heerschar, Bestien mit lang heraushängenden Zungen und behörnten Schädeln, geweiteten Augen und klagenden Mäulern. Der Priester begab sich in diesen Raum, und Täubner stand auf. Verblüfft fragte er sich, was er da eben vorgehabt hatte. Einen Heiligen anzuzünden mag in Kirchenkreisen nichts Unübliches gewesen sein. Dennoch – und heutzutage besonders – ein kindisches Vorhaben.

Er sah auf seine Uhr und ging auf die zelthaft plastischen Strahlen des Tageslichts zu.

Auf der Straße diskutierte eine amerikanische Familie, ob sie für den Eintritt züchtig genug angezogen war. Die beiden Mädels trugen pinkfarbene Shorts über fetten Beinen, und Täubner beschloß, noch etwas zu arbeiten.

Seit sechs Wochen schon reiste er kreuz und quer durch Oberitalien, um für einen alternativen Reiseführer (Schwerpunkt: Kultur und Gastronomie abseits der Touristenrouten) Fotos zu schießen. Guter Job. Die Spesen stimmten. Seine Geliebte war froh gewesen, daß von seiner Seite mal wieder Geld in die gemeinsame Kasse floß.

Ein Abstecher nach Urbino, ein Happen Perugia, dann würde er wieder bei ihr liegen, dem letzten Tragpfeiler seiner Weltanschauung. Er hatte Angst.

V

1498

Es dauerte noch ein Jahr und drei Monate.

Wieder füllten helle Stimmen die Luft. Diesmal wurde nicht an die Pforten geschlagen. Die Knaben rannten singend und schreiend über das nunmehr schweinisch saubergeleckte Pflaster.

Castiglio trat zur Tür hinaus und packte einen am Ärmel.

»Was ist los? Was wird heute verbrannt?«

»Savonarola, Herr!«

»Warte!«

Er holte einen Ballen getrockneter Feigen und reichte sie dem Jungen wortlos.

Grölend und jauchzend stürmten die Menschen über Straßen und Brücken, sie tanzten in bemerkenswerten Verrenkungen, umarmten einander wahllos, warfen die Beine hoch, klatschten in die Hände, als hätten sie die »Heilige Herrschaft« des Dominikaners nie unterstützt. Aus dem wiedereröffneten Hurenhaus am Ende der Via Manfredi tönte Gamben- und Flötenspiel. Ein ausgelassenes Volksfest begann, kreischend, barbrüstig, geil hechelnd.

Castiglio lehnte zitternd an der Hüttenwand, seine Knie wollten nachgeben, heftig raufte er sich die Haare, um wach zu werden. Er streckte die Arme zur morgendlichen Maisonne, seine Lungen spannten sich und wollten schreien, danken – für die tiefe Gerechtigkeit über den Dingen.

Savonarola war entmachtet und da Salò mit einer bloßen Reueerklärung davongekommen. Neue Zeit! Die Rammböcke hatten geübt. Ein Loch in der Mauer. Morgengrauen. Erstes Licht.

Castiglio, der sonst Wert darauf legte, stoisch und bedächtig zu wirken, fing an zu schluchzen, heulte haltlos.

Die Massen drängten zum Signorienplatz, um die Hinrichtung zu verfolgen. Damit alle gleich viel sehen konnten, sollte Savonarola in vierzig Fuß Höhe gehängt und verbrannt werden.

Castiglio beruhigte sich langsam, blickte auf und betrachtete die an ihm Vorüberstolpernden. Ihre Freude schien ebenso echt oder unecht wie die Jahre zuvor, als man Bedeutenderes verfeuert hatte. Flirrendes, bösartiges Gewühl. Die nämliche Freude, nur deren Dekoration variierte. Dachte man Tanz, Musik und Betrunkene, obszöne Umarmungen und aus Verstecken hervorgekramte Festkleider weg, alles, was verboten gewesen war, blieben nur Gesichter. An den Gesichtern waren kaum Unterschiede festzustellen. Er haßte jedes von ihnen aus tiefstem Herzen.

Endlich konnte er gehen.

Schon am nächsten Morgen packte Castiglio seine Habseligkeiten zusammen. Von Salvini hatte er zwei Goldflorine geschenkt bekommen und etliche Ratschläge, Namen, Adressen. Von den schweren Folianten nahm er nur den einen mit, dessen Inhalt er nicht auswendig kannte.

Am nördlichen Stadttor warf er sein Beil rücklings über die Schulter und folgte der Richtung, die ihm die Schneide wies. Es war mehr Tollerei als ernstzunehmende Axiomantie, doch verlieh es ihm ein Gefühl der Verbundenheit mit den unsichtbaren Mächten in der Luft. Eine taktvolle Geste.

Castiglio, Bastardsohn eines hingerichteten Astrologen, angehender Magier, Alchemist und Wegbereiter der neuen Zeit, begann seine Wanderschaft.

VI

Cecilia G. war bestens disponiert. Keinen Moment des knapp zweistündigen Konzerts wurde sich Täubner des ungepolsterten Holzklappstuhls bewußt. Er genoß seinen Platz Mitte der dritten Reihe.

Gleitfilmbeschichtete Nacht, von 1000-Watt-Gloriolen aufgemotzt, grün, orange, ocker. Sein Blick schweifte über Insektenschwärme, die im Lichtfall der Scheinwerfer taumelten. Fledermäuse flatterten durch das reichhaltige Buffet, schnappten zu und verkrochen sich wieder in einer der Domnischen. Um zehn Uhr abends betrug die Temperatur noch 26 Grad, bei klarem Himmel. Eine Nacht wie roter Wein aus Bari, durchtränkt von romantischen Arien. Die Scheinwerfer dichteten dem Dom etwas Gemütliches, Weich-Zärtliches an – ausgerechnet diesem Bauwerk, dessen Inneres Täubner bei jedem Besuch Furcht eingeflößt hatte. Schuld daran trugen die vierhundert steinernen Papstköpfe, die von der Decke des Mittelschiffs starrten; wie auf Beute lauernde Dämonen.

Die G. wurde frenetisch gefeiert. Täubner erwog, noch essen zu gehn, blätterte im Geiste die Karte des Restaurants Massini durch, entdeckte dann keinerlei Hunger in sich, nur Freßsucht. Wo er doch bald kein Twen mehr war, wollte er fortan strenger auf seine Linie achten. Er ging zum Hotel zurück. Vom Nachtportier ließ er sich aus der Vitrine je eine Flasche Acqua Gassata und Orvieto bringen, setzte sich auf den Balkon und suchte den Schwan im Himmel. Nackt bis auf die Unterhose, saß er schweißverklebt auf dem Plastikstuhl, rauchte und schnippte die Kippen drei Stockwerke tief in den Hinterhof. Das Licht seines Zimmers hatte er gelöscht, um vor den Fliegen Ruhe zu haben. Die gaben nichts darauf und setzten, vom Schweißgeruch geleitet, scharenweise zum Angriff an. Täubner ging sich das dritte Mal an diesem Tag duschen. Als er eben die Kabine betreten wollte, klopfte es an die Tür.

»Sì? Prego?«

»Professore, una lettera!«

Warum nannte ihn der Nachtportier »Professor«? Und wer in aller Welt schrieb ihm hierher einen Brief? Da Täubner nackt war, öffnete er die Tür nur einen Spalt, nahm den Brief, und in der Angst, seiner Geliebten könnte vielleicht etwas zugestoßen sein, öffnete er den Umschlag, noch bevor er den Lichtschalter betätigte. Dann stellte er beruhigt fest, es mußte sich um eine Verwechslung handeln. Der rosafarbene Umschlag trug keine Marke, war also persönlich abgegeben worden, adressiert an einen Professor Krantz, Hotel I Petrucci, Siena. Der senile Nachtportier mußte die Zimmernummern verwechselt haben.

Absender war ein gewisser Nicolo (Nicola?) Burleschetta. Der Brief enthielt zwei Dias und eine kurze Notiz:

Lieber Professor, ich hoffe, dies wird Ihnen ein angenehmer Geburtstagsgruß sein. Ich wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft.

(kraklige Unterschrift – Nicole?)

Neugierig, in der Hoffnung auf etwas Pornographie zur Nacht, warf Täubner einen Blick auf die Dias. Beide enthielten eine grobschlächtige Zeichnung aus Kästchen, in die Zahlen geschrieben waren. Er konnte damit absolut nichts anfangen, hatte auch keine Lust mehr, sich noch einmal anzuziehen. Der Irrtum konnte ebensogut morgen revidiert werden.

Nach einer lauwarmen Dusche ging er auf den Balkon zurück, trank, rauchte und fand den Schwan auf Anhieb, was er als gutes Omen nahm.

VII

1510

25. Juni

Freund!

Die ostfranzösische Stadt Dole, zwischen Rhein und Rhône gelegen, vor weniger als vierzig Jahren völlig zerstört und wieder aufgebaut, betrat ich kurz vor sechs Uhr am Johannistag, nahm Quartier in der Herberge Zum roten Löwen, und bevor ich den Weg zur Universität einschlug, machte ich einen Spaziergang durch die Hauptstraßen. Ich fand die Stadt, die von nahezu achttausend Menschen bevölkert ist, sehr reinlich, bieder und ohne Protz gebaut. Die Architektur wirkte einem einzigen breiten Entwurf entsprungen. Doch will ich Dich, lieber Umberto, nicht durch Schilderungen quälen, die Du in jedem Reisebericht ausführlicher und objektiver findest, sondern will gleich von meinem denkwürdigen Zusammentreffen mit zwei großen Männern dieser Zeit berichten.

Es war nämlich so, daß ich von den Vorlesungen des Agrippa gehört hatte und demselbigen nachgereist bin, um mich mit eigenen Sinnen zu überzeugen, inwieweit der erst vierundzwanzig Jahre alte Gelehrte seine schon immense Bekanntheit verdient. Man weiß zu genau, wieviel mutige Schwachköpfe unterwegs sind und ihre Frechheit in klingende Münze verwandeln; wobei sie mehr meinen Zielen schaden als dem bürgerlichen Geldbeutel.

Die Universitätsaula war gestopft voll. Wer in Dole Rang und Namen besaß, hatte einen Sessel reserviert, und ich mußte froh sein, dem Vortrag stehend beiwohnen zu dürfen. Cornelius Agrippa betrat den Saal unter großem, nicht übermäßigem Applaus. Er ist ein gutgenährter Mann mit wulstigem Gesicht, starken Schultern, kurzem Körper und breiter Nase. Eine wenig augenfällige Erscheinung, das darfst Du mir glauben. Allerdings ruhten die Augen weniger auf ihm, denn neben Agrippa trottete – sicher ungewöhnlich in solcher Räumlichkeit – ein Setter, schwarz und schlank. Nie habe ich einen folgsameren Hund gesehn. Es schien, als wäre das Tier der fleischgewordene Schatten Agrippas, so exakt reagierte es auf jede Bewegung seines Herrn. Dieses Dressurstück machte Eindruck, und die Hundekundigen im Publikum meinten später, hier müsse Zauberei vorliegen. Agrippa begann nun in leichtem, von vielen Witzigkeiten gewürztem Stil, über den Kabbalisten Reuchlin und dessen De verbo mirifico zu reden – als säße er mit guten Freunden zu Tisch und plaudere Geheimnisse der Kochkunst aus. Auch war die Stimmung einer Universität unangemessen. Agrippa hatte veranlaßt, daß die Herren sich während des Vortrags Wein zur Stärkung bringen lassen konnten, was von den Würdenträgern dankbar angenommen wurde.

Ich sah mich etwas enttäuscht über den Inhalt seiner Rede – sie war sehr allgemein gehalten, für ein Laienpublikum konzipiert, wollte eher Interesse am Gegenstand wecken, als Neues drüber transportieren. Du, Umberto, hast an der Kabbala ja nie viel Freude gehabt oder gezeigt. Es wird Dir wenig nützen, wenn ich hier beginne, Fragwürdigkeiten, die sich aus der Simplifikation der Materie ergaben, aufzuzählen. Viel unterhaltsamer war auch der zweite Teil des Abends, in dem Agrippa über seine Ableitungen der Reuchlinischen Gematrie, einem neuen Gebiet der Numerologie, berichtete. Falls Du davon nichts weißt, will ich Dir sagen, daß bei dieser Disziplin jedem Buchstaben eine Zahl von 1  8 zugeordnet wird. Jeder Name, jedes Wort kann in seinen Zahlenwerten addiert werden. Vom Ergebnis nimmt man die Quersumme, so lange, bis sie einstellig ist. Von den Zahlen 1  9, die man so erhält, trägt jede einen anderen Charakter, meist janusköpfig in Negativ- und Positivaspekt geteilt.

Agrippa erläuterte an einigen Beispielen die möglichen Verwendungsweisen. Ich halte das Ganze für einen vergnüglichen Spaß, nicht mehr. Doch kommt die Gematrie in Mode; viele Menschen hier vergleichen nun die Summen der Wörter und stellen den Zahlenwert von Namen in Prüfung. Angeblich sollen schon Hochzeiten abgesagt worden sein, weil der Name der Braut den gleichen Wert ergab wie das Wort Hure oder Verschwenderin.

Falls Du Dir selbst einmal Muße für dieses Thema erlauben willst, so lege ich Dir das von Agrippa verwendete System bei, das auf dem hebräischen Alphabet beruht:

1: A, I, J, Q, Y

2: B, K, R

3: C, G, L, S

4: D, M, T

5: E, H, N

6: U, V, W, X

7: O, Z

8: F, P

Dein Name, Umberto Nursio, ergibt die Summe 54, davon die Quersumme ist 9, nun schätz dich glücklich: Die 9 ist die königliche Zahl, die der Musen; sie verheißt Ideenreichtum und schöpferische Kraft. Mir selbst ist die 8 verliehen, welche Glück und Erfolg verspricht, Zuverlässigkeit, Standhaftigkeit und Ausdauer. Im negativen Aspekt droht mir Starrsinnigkeit, welche den Erfolg leicht in Mißerfolg umschlagen lassen kann. Ich finde uns beide treffend charakterisiert, trotzdem – genug davon und weiter:

Nach dem Vortrag wurde Agrippa in feierlicher Form die Doktorwürde der Theologie verliehen, was ihn rührte. Seine Dankworte zeugten von ehrlicher Freude. Er hatte nun einige Verpflichtungen. Viele wollten Genaueres von ihm erfahren oder stellten dumme Fragen, oft nur um von sich behaupten zu können, mit ihm »diskutiert« zu haben. Eklige Meute. Ich hielt dies Schauspiel kaum aus, näherte mich dennoch, schob einige beiseite, nannte meinen Namen. Agrippa ließ sich herab und versprach, mich noch vor Mitternacht in meiner Herberge aufzusuchen. Solch unprätentiöse Art erstaunte mich. Wir hatten zuvor zwei-, dreimal korrespondiert, in ganz floskelhafter Form. Ich hatte ihm einige meiner Ansichten unterbreitet, er hatte gedankt und Glück gewünscht.

Ich ging in die Herberge zurück und aß zu Abend. Auf mein Zimmer ließ ich einen kleinen runden Tisch, Wein und leichtes Konfekt bringen.

Es dauerte aber bis nach Mitternacht, als Agrippa endlich eintraf: als ich schon nicht mehr daran geglaubt und alles Konfekt selbst gegessen hatte.

Zu meiner Verwunderung brachte er jemanden mit, einen Abt von etwa fünfzig Jahren, der dicke Ringe an den Fingern, viele Ketten um den Hals trug und einen stumpfsinnigen Eindruck machte, wie man ihn so nur bei trächtigen Kühen findet. Ich beschwerte mich leise bei Agrippa – unsere Zusammenkunft sollte doch persönlich sein! Wie konnte ich in der Gegenwart eines Abts frei reden, fragen und Auskunft geben?

Agrippa lächelte und sprach laut: »Es verhält sich dergestalt, daß, ebenso dringend wie Ihr mich, ich diesen Herrn kennenlernen wollte und unsre Pläne keine andere Konstellation zuließen, als hier bei Euch zusammenzutreffen. Überdies bin ich sicher, erfahrt Ihr erst den Namen Eures ungebetenen Gastes, werdet Ihr mir verzeihen. Ihr seht vor euch: den Doktor und Abt des Klosters Würzburg, Johannes Trithemius!«

Bei diesen Worten wurde mir flau ums Herz, wie Du Dir vorstellen kannst; ich stand da wie ein nasser Zwerg, verlegen und beschämt. Allein, Trithemius – theologischer Berater des Kaisers Maximilian, Verfasser von fast hundert theologischen, philosophischen, medizinischen, mathematischen und magischen Schriften, Übersetzer Homers, Kenner der Sprachen, ehemaliger Abt des berühmten Klosters Sponheim – brach in schallendes Gelächter aus und gab mir die Hand. Wir setzten uns zu Tisch. Mit meinen siebenunddreißig Lebensjahren schlotterten mir die Knie wie einem Bengel vor der ersten Beichte …

Es war nun an der Zeit, Komplimente zu tauschen. Agrippa wurde ein Lob für die interessante Vorlesung erteilt und zur Doktorwürde gratuliert. Prosit! Ich sagte Trithemius, daß ich viele seiner Werke mit Aufmerksamkeit und Vergnügen gelesen hätte, zuletzt die Laudes et utilitates studii et lectionis scripturae sacrae, in welchen er nützliche Hinweise gibt, die Heilige Schrift anders, besser und tiefer zu lesen, vor allem die Apokalypse, die viel Magisches enthält. Es stellte sich übrigens gleich heraus, was Trithemius an den Brustketten, in Glas gefaßt, trug: Es waren Reliquien! Besonders auf ein Fingerglied der heiligen Hildegard war er stolz und gab an, es habe in dunklen Nächten geleuchtet. Mir ein Kompliment zu machen fiel ihnen schwer, da meine einzige Schrift, die Ars Detestationis, bisher ihren Weg in beider Hand nicht gefunden hat. Kurz referierte ich meinen Werdegang – wie ich nach Savonarolas Tod nach Bologna kam und als Hauslehrer die Mittel verdiente, ein eigenes Laboratorium einzurichten. Über die alchemistischen Versuche schwieg ich, da mir Trithemius’ Position hierzu nicht bekannt war. Genauer befragt wurde ich zu dem Unglück unseres Freundes Lucas Gauricus; es hat sich in ganz Europa herumgesprochen, daß der Prophet vom Fürsten Bentivoglio der Folter des fünfmaligen Strappado unterzogen wurde, nur weil er dem Bentivoglio geweissagt hatte, er werde seine Herrschaft verlieren.

Nun, Lucas hat es ja grad so eben überstanden und durfte miterleben, wie Papst Leo den Bentivoglio verjagte. Prosit! Trotzdem wurde das Schicksal des Lucas, der seine Arme kaum noch gebrauchen kann, mit tiefer Bestürzung aufgenommen, und auch mich – der ich als Gauricusverehrer die Stadt verlassen mußte – bemitleidete man anständig, was mir – ich gesteh’s – in der Seele wohltat. Der Wein trank sich gut, und schon mußte ich den Wirt um eine zweite Bestellung angehen.

(Bei der Gelegenheit – es ist unpassend an dieser Stelle, aber Du mußt mir noch etwas Geld vorstrecken. Geht das?)

In brennender Neugier fragte ich den Trithemius über die Gerüchte aus, die seine vier bisher nicht erschienenen Bücher der »Steganographie« betreffen. Er gab an, in diesen Büchern werde dargelegt, wie man eine Nachricht verdachtslos so mutieren kann, daß kein Mensch deren Inhalt errät – falls er nicht den Schlüssel dazu besitzt. Eine einfache und ebenso geniale Idee.

Nach bestimmten Prinzipien ersetzt man den eigentlichen Buchstaben durch einen anderen, oder man vertauscht die Reihenfolge – oder schiebt Buchstaben ein – oder setzt statt ihrer ganze Wörter. Es gibt viele Wege, geeignete Schemata zu erarbeiten. Besonders fesselnd waren seine Ausführungen zum dritten Buch, welches in der Kunst unterweist, sich Luftgeister zur gedanklichen Nachrichtenübermittlung gefügig zu machen. Trithemius betonte, er habe hierin viel von dem griechischen Philosophen Menastor gelernt – den kenne ich nicht.

Es handle sich hierbei ausschließlich um natürliche Magie, ohne jedes Teufelswerk, doch sei er in falschen Verdacht geraten, weil er gegenüber dem Neider und Idioten Bovillus von seinen reinen Absichten gesprochen habe, ohne Prinzip und Clavis offenzulegen. Dieser Bovillus, ein Pestkerl, habe nun im voraus die »Steganographie« als goëtisches Zauberbuch verketzert, weshalb Trithemius es vorzieht, das Werk noch nicht erscheinen zu lassen.

»Vielleicht wird es erst in hundert Jahren gedruckt! Einerlei!« meinte er seelenruhig, und ich stimmte ihm zu – denn wo Idee und Prinzip geboren sind, ist die Mechanik der Prozedur nicht schwer zu ergänzen. Hat man erst den Inhalt, ist der Rest nur noch Formsache.