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Gabor Schöning sieht gut aus, ist erfolgreich, und die Frauen liegen ihm zu Füßen: Die Welt ist für ihn wie ein großer Süßwarenladen. Außerdem ist Gabor ein Mistkerl. Er schreckt vor nichts zurück, um seine Ziele zu erreichen. Doch dann fährt er mit dem Auto die Direktorin einer Sonderschule an. Und die kennt sich mit Schwererziehbaren wie ihm bestens aus. Als Wiedergutmachung soll Gabor fünf Sonderschülern Tango beibringen. Das Problem ist nur, dass alle Schüler einen IQ unter 85 und eigentlich keinen Bock auf Tanzen haben. Die Sache gerät außer Kontrolle: Die Kids stellen sein Leben auf den Kopf, sein ärgster Konkurrent wittert die große Chance, ihn aus der Firma zu drängen, und zu allem Überfluss verliebt er sich in eine Frau, die ihm nicht gleich zu Füßen liegt.

Als eines der Tangokids schwer erkrankt, setzt Gabor alles auf eine Karte – er wird diesen Jungen retten, egal, was er dabei aufs Spiel setzt.

ANDREAS IZQUIERDO

Der Club
der Traumtänzer

Roman

 

 

 

 

Para

Modesta y Samuel

DER UNFALL

1.

Am Abend des Unfalls war sein Penthouse hell erleuchtet, und man sah vor allem einen riesigen Barockspiegel, golden eingerahmt, mit fast blinden Ecken. Ein Spiegel, bei dem der Verkäufer geraunt hatte, Ludwig XIV. hätte sich darin bewundert, ein Argument, das ihn überzeugt hatte, einen exorbitanten Preis für die Antiquität zu zahlen. An jenem Abend also stand dort der über dreihundert Jahre alte Spiegel, und alles, was er zeigte, war ein bis auf die Socken nackter Salsatänzer. Sein blanker Po flammte wie der Lichtkegel eines Leuchtturms mal von links, mal von rechts darin auf, während treibende südamerikanische Rhythmen die Luft erzittern ließen. Dann wieder trippelte er durchs Spiegelbild oder schoss auf den Socken rutschend hindurch, und je länger man in den Spiegel sah, desto sehnlicher wartete man auf die swingenden Bäckchen, bis sie plötzlich bildfüllend auftauchten. Jetzt hatten sie ihre Position gefunden und rückten kreisend näher und näher an den Spiegel heran. Und was immer dem Spiegel in den letzten Jahrhunderten anvertraut worden war, was immer ihm vielleicht sogar Ludwig XIV. zugeflüstert haben mochte, jetzt hörte er nur: »Badabing! Badabum! Badabing! Badabum!«

Es war Freitagabend. Gabor brachte sich für das Wochenende in Schwung, und das tat er in aller Regel nackt, denn er war der Meinung, dass angezogen alles Mögliche gut aussehen konnte, doch erst wenn es nackt toll aussah, würde es angezogen großartig sein. Man mochte von ihm halten, was man wollte, aber Tatsache war, dass sein »Badabing! Badabum!« nackt schon einfach großartig war. Im Anzug mit offenem Hemd und den zweifarbigen Budapestern als einzigem exzentrischen Accessoire war es wie der CERN Teilchenbeschleuniger: Es schuf schwarze Löcher der Anziehung. Auf Männer wie auf Frauen.

Vor allem auf Frauen.

Der Spiegel hingegen schien das alles mit großer Würde hinzunehmen. Er hatte sie alle überlebt – er würde auch das überleben. Tatsächlich war er das einzig Alte in einem ansonsten modern eingerichteten Penthouse, dessen gesamte Front zur Linken aus Panoramascheiben bestand, durch die man einen beeindruckenden Blick auf die nächtliche blinkende Stadt hatte. Und auf eine freundliche, alte Dame, die dem Spektakel freitags, samstags und manchmal auch mittwochs in ihrem Penthouse auf der gegenüberliegenden Seite der großen Allee beiwohnte. Sie war nicht immer so freundlich gewesen, hatte sich zweimal über Gabors Tanzeinlagen beschwert, doch als sie merkte, dass ihre Beschwerden nicht durchdrangen, hatte sie das Beste daraus gemacht, einen Piccolo geöffnet und war seit dieser Zeit ein großer Fan Gabors. Denn auch sie hatte nie zuvor jemanden so tanzen sehen – und dass er dabei nackt und gut gebaut war, das war, nun ja: ein Bonus.

Zur Rechten fand sich eine offene Designerküche mit Esstheke, die noch nie wirklich benutzt worden war, die Mitte dominierte eine große, offene Fläche und das Ende des Raums eine geschickt arrangierte Wohnlandschaft mit Flatscreen und Surroundanlage. Daneben war eine Tür, die ins Schlafgemach mit angeschlossenem Wellnessbad führte.

Gabor hatte sich in Form gebracht und missmutig ein graues Haar ausgezupft, denn trotz seines jungenhaften Aussehens ging er auf die vierzig zu. Dann strahlte er sich im Spiegel an und tanzte gut gelaunt ein paar Schritte: Die Stadt wartete auf ihn, die Bar, in der die schönsten Frauen hofften, dass er sie zum Tanz auffordern würde.

Und heute würde er die Schönste von allen treffen. Eine, die mehr sein wollte, als eine Miss Gabor für eine Nacht, eine, bei der sogar Gabor sich vorstellen konnte, sein Junggesellenleben aufzugeben, um Zeit mit ihr zu verbringen. Viel Zeit.

Es wurden genau drei Stunden und vierundzwanzig Minuten.

2.

Das Milonga war für ungeheuer viel Geld einer argentinischen Hafenbar nachempfunden worden, in die seit Jahrzehnten kein Peso mehr investiert worden war und die nur noch vom Schweiß und der Leidenschaft der Tänzer zusammengehalten wurde. Sah man jedoch genauer hin, so waren die Tische und Stühle, die die große Tanzfläche umringten, aus Designerhand, die Bar handgefertigt und überaus geschickt beleuchtet, die kleine Bühne, auf der dann und wann Bands spielten, mit modernster Scheinwerfertechnik umkränzt und selbst der rote Samtvorhang neu und makellos. Ganz im Hintergrund, ebenfalls im teuren Retrolook, kleine Separees zum Verweilen.

Frauen trugen grundsätzlich Röcke und hohe Absätze, Männer niemals Jeans oder Turnschuhe. Wer hierhin kam, hatte Geld oder hoffte auf welches, und er konnte tanzen: Salsa, Tango, Merengue, Samba, Rumba. Der Tanz brachte die Paare zusammen, das Leben außerhalb des Milonga trennte sie wieder.

Gabor war hier wohlbekannt, ja, man konnte sagen, man erwartete ihn förmlich, denn als er endlich da war, kam er kaum dazu, an seinem Drink zu nippen, bevor ihn gierige Blicke zum Tanzen aufforderten. In der ersten Pause traf er sie, die zum ersten Mal im Milonga war, dann endlich an der Bar, bestellte ihr unaufgefordert ein zweites Getränk, erntete dafür ein Lächeln.

»Gabor«, sagte er.

»Annette«, antwortete sie.

Er bat sie aufs Parkett, und es war, als hätten sie nie etwas anderes getan, als miteinander zu tanzen. Sie lag so sanft in seinem Arm, folgte so dynamisch seinen Schritten, als ob sie in jedem Moment wusste, was er im nächsten anbieten würde. Harmonie, die auch den anderen Paaren nicht verborgen blieb, was der einen oder anderen Dame einen enttäuschten Seufzer entlockte. Sie brachten sich in Stimmung, heizten sich auf, und als sie das Milonga verließen, brannten sie lichterloh vor Leidenschaft. Jetzt konnte es gar nicht schnell genug gehen, bis sich das Vorspiel in seinem Penthouse entladen würde.

Sie stiegen in Gabors Wagen, und er dachte lächelnd daran, dass er sie ausgerechnet auf einem Firmenfest bei Clausen & Wenningmeier für sich gewonnen hatte, was deswegen so bemerkenswert war, weil Firmenfeste bei Clausen & Wenningmeier selbst für Unternehmungsberaterverhältnisse ungewöhnlich formell abliefen. Dabei hatten Firmenfeste im Allgemeinen ihre eigenen Dynamiken: Karrieren wurden dort begründet, viel öfter jedoch vor ihrer Zeit beendet. Bei Clausen & Wenningmeier aber gab es keine Dynamik, kein falsches Wort und kein Glas zu viel. Beziehungen zwischen den Mitarbeitern waren weder erwünscht noch fanden sie statt.

Offiziell.

Für Gabor waren die strikten Bedingungen das Paradies: Sie forderten ihn nicht nur heraus, nein, er wusste nur zu gut um die menschliche Natur – dass ein Verbot allenfalls den Reiz befeuerte, es zu umgehen. Und es gab niemanden, der unterdrückte Begierden so gut an die Oberfläche locken konnte wie Gabor.

So fand er sie bei einem Essen für Klienten, nichts Besonderes eigentlich, ein Zwei-Sterne-Restaurant mit einer kleinen Ansprache des geschäftsführenden Partners Ferdinand Clausen, der seit dem Tod des zweiten Gründers Klaas Wenningmeier die Firma leitete. Clausen sprach, alle lauschten, aber nur eine wandte ihre Aufmerksamkeit Gabor zu, der ein paar Fotos von allen Anwesenden schoss. Denn als er sie ins Visier nahm, zögerte er, nahm das Objektiv herunter und sah sie an. Niemand sonst bemerkte die kurze Geste der Bewunderung, doch ihre Aufmerksamkeit war geschärft, sie wartete, ohne sich dessen bewusst zu sein, auf ein weiteres Zeichen, das an diesem Abend nicht mehr kam.

Das sandte er ein paar Tage später. Was durchaus wörtlich zu nehmen war, denn alle warteten bereits gespannt auf die Fotos, die Gabor in schöner Regelmäßigkeit auf besondere Art aufwertete. Er fertigte Photoshop-Montagen an, die bei den Mitarbeitern sehr beliebt waren, weil Gabors Einfallsreichtum im Karikieren der Mitarbeiter unerschöpflich zu sein schien: Er schmeichelte, neckte, provozierte charmant, je nachdem, was er bei seinem Gegenüber erreichen wollte. So montierte er beispielsweise Hollywoodstars oder Politiker in die Fotos, erschreckte mit stillstehenden Porträts, die sich dem Betrachter nach einigen Sekunden plötzlich zuwandten, oder veränderte die Bilder so stark, dass sie auf berühmte Bibelstellen, Kunstwerke oder Ereignisse der Weltgeschichte anspielten. Alles täuschend echt, witzig und intelligent. Selbst Clausen, ansonsten des Humors völlig unverdächtig, freute sich auf Gabors Montagen, und auch diesmal sollte er ihn nicht enttäuschen. Alle bekamen ihr Foto.

Alle bis auf eine.

Das war Gabors Zeichen. Er musste nicht lange warten, da fragte sie nach ihrem Foto. Alle sprachen über ihre Montagen, zeigten sie herum – nur sie hatte keine bekommen. Er mailte ihr ein Foto, auf dem sie und er als Tangopaar tanzten. Irgendwo in den Straßen von Buenos Aires. Eine Schwarz-Weiß-Montage aus den Vierzigerjahren vor verwitterten Häusern und verblichenen Reklameschildern. Niemand sonst war zu sehen, doch trotz oder gerade wegen der armseligen Kulisse wirkten die beiden Tänzer so selbstvergessen, so innig, so entrückt, dass man die Musik, zu der sie tanzten, geradezu hören konnte.

Unter dem Bild stand: Milonga, 20.00 Uhr?

Sie sagte zu und saß jetzt neben ihm im Auto und öffnete seinen Hosenschlitz.

»Warte. Wir sind gleich da …«

Sie kicherte. »Sieht nicht danach aus, als ob du Lust hättest zu warten.«

»Annette, ich muss fahren!«

Gabor hielt an einer Kreuzung, blinkte. Schon spürte er ihre weiche Zunge. Er sah an sich hinunter, folgte seufzend den Bewegungen ihres Hinterkopfes und verpasste die Grünphase.

Hinter ihm hupte jemand, er fuhr stotternd an und missachtete um ein Haar die Vorfahrt eines anderen. Dann wurde auch er gierig, und ohne es zu bemerken, trat er das Gaspedal fast durch, fuhr zu schnell, zu unkonzentriert, bog mit quietschenden Reifen in eine dunkle Seitenstraße, um dort über sie herzufallen. Die Radfahrerin, die die Straße in diesem Moment kreuzte, bemerkte Gabor erst, als sie förmlich über die Motorhaube hinwegflog.

Vollbremsung.

Annette schoss in den Fußraum der Beifahrerseite, der Gurt schnitt sich in Gabors Schulter, der Wagen stellte sich quer und rammte schließlich eine kleine Gartenmauer, die auf der Breite von etwa einem Meter einfach umkippte.

Dann war alles ruhig.

»Bist du okay?!«, rief er laut.

Sie rappelte sich hoch. »Ja … bin okay, denke ich. Was ist denn passiert?«

Gabor sah zurück. Die Fahrradfahrerin lag auf der Straße.

»Ruf den Notarzt!«, rief Gabor, sprang aus dem Wagen und lief auf die Frau zu.

Etwa fünfzehn Minuten später war die Unfallstelle hell erleuchtet, Blaulicht zuckte in den Gesichtern der Anwesenden. Einige Schaulustige hatten sich eingefunden, der Anwohner, dessen Mauer von Gabors Wagen eingerissen worden war, beschwerte sich bei einem Uniformierten.

Gabor saß auf der Ladefläche eines Notarztwagens und trank einen Tee. Annette stand zitronenmündig neben ihm, mit einer Halskrause, die sie schon aus ästhetischen Gründen abscheulich fand, die Arme vor der Brust verschränkt. Dieser ganze Aufmarsch dauerte ihr schon viel zu lange, und soweit sie informiert war, hatte sich die Radfahrerin gerade mal ein Bein und möglicherweise ein oder zwei Rippen gebrochen.

»Was für ein Aufstand!«, sagte sie zu Gabor und blickte auf die vielen Einsatzwagen. »Fehlt nur noch der Hubschrauber der Kanzlerin.«

Gabor versuchte aufzustehen, ein heißer Schmerz in der Lendengegend ließ ihn aber gleich in der Bewegung stoppen.

Ein Notarzt stieg aus dem Wagen und nestelte an einer sterilen Verpackung herum, aus der er eine Spritze zog, die er mit einer klaren Flüssigkeit aufzog.

Gabor beobachtete ihn mit stiller Furcht.

»So, dann mal raus mit dem verletzten Soldaten!«, sagte der Arzt und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

»Das ist ein Witz, oder?!«, fragte Gabor.

»Nein, obwohl … Komisch ist es schon.«

»Gleich hier? Warum nehmen Sie keinen Eintritt?!«, mischte Annette sich ein.

Der Notarzt blieb unbeeindruckt. »Das Gleiche könnte man Sie beide auch fragen …«

»BITTE?!«

Gabor seufzte. »Lass gut sein, Annette.«

»Ich denke ja gar nicht dran! Ihr Name?«

Der Notarzt, bereits seit vierundzwanzig Stunden im Dauereinsatz, war viel zu erfahren und viel zu müde, um sich in irgendeiner Form einschüchtern zu lassen. »Dr. Oliver Rahl. O. Ral, wenn Sie so wollen.«

Sie sah so wütend aus, dass er für einen Moment glaubte, sie würde ihn beißen. Und sie würde niemals von ihm ablassen, in solchen Dingen war sie wie ein Pitbull. Ihr Ego war übergriffiger Natur, es spielte keine Rolle, ob es bei einem Streit um sie selbst oder um jemand anderen ging. Einmal in Fahrt, machte sie jede Auseinandersetzung zu der ihren.

Gabor sah, wie die verletzte Radfahrerin in einen zweiten Rettungswagen geschoben wurde. Sie blickte zu ihm rüber, und fast glaubte Gabor, ein Lächeln auf ihren Lippen auszumachen. Vermutlich starke Schmerzmittel. Ein Polizist trat ins Sichtfeld und hielt Gabors Führerschein und Fahrzeugbrief in den Händen. »Herr Schoening? Ihre Papiere.«

Gabor kam nicht dazu, sie entgegenzunehmen, denn er hörte Annette fauchen: »Sie haben keine Ahnung, mit wem Sie sich gerade anlegen!«

»Doch, doch. Deswegen gibt’s ja jetzt ’ne Spritze!«

»Einen Scheiß geben Sie!«

»Annette, bitte«, versuchte Gabor sie zu beruhigen.

»Halt dich da raus, Gabor!«

»Herr Schoening?«

Wieder der Polizist.

»Wollen Sie ihm die Spritze geben?«, fragte der Notarzt, »Ist ganz leicht. Subkutan.«

»Ich sag Ihnen, was ich machen werde: Ich werde Ihre Karriere beenden. Das mache ich.«

»Schade. Ich werde Szenen wie diese sicher sehr vermissen.«

Gabor ging dazwischen, fragte den Arzt mit ruhiger Stimme: »Ist das denn wirklich nötig?«

»Tut mir leid, Herr Schoening. Ich fühle mit Ihnen, wirklich, aber wenn Sie, wie soll ich sagen, noch mal einen Turm bauen wollen, dann brauchen Sie diese Spritze.«

»Er wird noch viele Türme bauen, auch ohne diese Spritze!«, giftete sie.

»Dann sollten Sie sich von ihm fernhalten, denn sonst baut er allenfalls noch Kellertreppen!«

»SCHLUSS JETZT!«

Die drei drehten sich zu dem Polizisten um. »Würde mir bitte jemand erklären, was hier eigentlich passiert ist?«

Blicke wanderten von einem zum anderen, doch niemand sprach.

Dann antwortete Gabor – und beendete die heiß lodernde Beziehung zu Annette drei Stunden und vierundzwanzig Minuten nach ihrem ersten Tanz mit den Worten: »Warum zeigst du es ihm nicht mal, Schatz?«

3.

Es war nicht nur die flapsige Bemerkung Gabors, die die Leidenschaft abgekühlt hatte, sondern auch der Unfall selbst, so als ob man aus dem Schlaf hochschrecken und bemerken würde, dass alles nur ein Traum gewesen war. Und mochte er noch so süß (und in Teilen auch peinlich) gewesen sein, er war vorbei. Die Wirklichkeit hatte ihn wieder.

Und die hatte nichts Spielerisches, Witziges, denn das, was man in der Wirklichkeit verlor, bekam man in der Regel nicht mehr zurück. So mochte das Ende der Beziehung zu Annette Gabor nicht erschüttern, das Ende seiner Karriere würde es aber. Dabei war es nicht allein der Unfall, der Gabor in Gefahr brachte, auch nicht unbedingt, dass er eine Liaison mit jemandem von Clausen & Wenningmeier gehabt hatte, sondern eher der Umstand, dass es Frau Clausen selbst gewesen war, die ihm während der Autofahrt ihre Gunst erwiesen hatte.

Außerdem drohte eine Strafanzeige des Unfallopfers, denn mochte Annette Clausen auch der Meinung sein, dass ein gebrochenes Bein und ein paar angeknackste Rippen keine große Sache waren, im Verkehrsrecht galt es als schwere Verletzung. Und die Umstände des Unfalls konnten wenigstens als fahrlässig bezeichnet werden, in jedem Fall aber als grobe Gefährdung des … nun ja: Verkehrs.

Und ein vorbestrafter Manager bei Clausen & Wenningmeier? Undenkbar. Der makellose Schein war das Fundament ihres Erfolgs, und Ferdinand Clausen galt als unerbittlicher Wächter der Etikette. Ihm und seiner Idee des Triumphs hatten sich alle unterzuordnen. Und wie würde Clausen dastehen, wenn je herauskäme, wo sich Gabor verletzt hatte und wer dafür verantwortlich war? Eine ganze Branche würde vor Lachen nicht in den Schlaf finden. Nein, nichts durfte je nach außen dringen – Gabor musste einen Prozess unbedingt verhindern.

Am nächsten Morgen erschien Gabor wie gewohnt bei Clausen & Wenningmeier, nicht ganz so beschwingt wie sonst, da seine intime Verletzung dies nicht zuließ. Noch bevor er sein Büro betreten konnte, fing ihn seine Assistentin ab. »Gabor? Herr Clausen lässt bitten!«

Gabor runzelte die Stirn. »So früh?«

»Ja, er lässt ausrichten, es sei wichtig, und er erwartet Sie umgehend.«

»Hat er gesagt, worum es geht?«

»Nein.«

»Wie wirkte er?«

Seine Assistentin blickte ihn scharf an. »Was haben Sie angestellt, Gabor?«

»Nichts.« Und als er ihren skeptischen Gesichtsausdruck sah, versicherte er: »Ehrlich.«

Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust. »Ein ehrlicher Unternehmensberater, Gabor?«

Er grinste. »Sie sehen bezaubernd aus, Sonja. Hatte ich das heute schon erwähnt?«

Sie seufzte amüsiert und antwortete: »Er wirkte so wie immer, Gabor. Gehen Sie schon!«

Es war ein sprichwörtlich weiter Weg zu Clausen, ein langer, schmaler Gang, der genügend Zeit gab, über das nachzudenken, was einen beim Patriarchen erwarten würde. Die Allee, weil sie von gläsernen Büros rechts und links eingefasst war und man nie wissen konnte, gegen welche der vielen unausgesprochenen Regeln man verstoßen hatte. Oder wie in Gabors Fall: gegen welche nicht. Endlich stand er vor der Tür am Ende des Ganges, atmete durch, meldete sich bei Clausens Sekretärin an und trat schließlich ein.

Clausen bat ihn mit einer Geste, sich zu setzen. Fast gleichzeitig wurde ihm Kaffee und Wasser serviert. Dann waren sie allein.

Clausen sah ihn lange an.

Wusste er etwas?

»Heute Morgen habe ich einen Anruf erhalten…«

Gabor nickte und machte »Hhmm?«

»Wim de Vries …«

»Reos Holding?«, platzte Gabor heraus. Es ging ums Geschäft!

Clausen nickte. »Verstehen Sie etwas von Edelmetallen?«

Gabor musste nicht antworten, denn Clausen schloss aus seiner Miene, dass er diesbezüglich nichts wusste, was über den Kauf von Luxusgegenständen hinausging.

»Einerlei. Die Reos ist in gewissen Schwierigkeiten, und de Vries möchte noch vor der nächsten Aktionärssitzung Restrukturierungsmaßnahmen einleiten, bevor die Aktie an den Märkten unter Druck gerät. Wir haben die große Chance, Reos Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie ihr Geschäft in ruhige Gewässer lenken können.«

»Wow, Reos

»So ist es, Herr Schoening. Es könnte der größte Auftrag in der Geschichte unserer Firma werden – und für Sie die Chance Ihres Lebens.«

Gabor richtete sich in seinem Sessel auf. Jetzt war er extrem interessiert. Clausen lächelte, nicht weil ihn die Bewegung amüsierte, sondern weil er mit großem Wohlgefallen die Gier aufblitzen sah. Gier war eine gute Sache: Sie spornte zu Höchstleistungen an.

»Sie werden sich mit Reos treffen. Sie werden alles dafür tun, dass Reos als einzigen Ausweg aus ihren Schwierigkeiten Clausen & Wenningmeier sieht. Die nächsten Tage werden die wichtigsten in Ihrer Karriere, denn sollte Reos zu uns kommen, werden Sie Partner.«

Gabor fühlte einen Kitzel in der Magengegend, aber er wahrte Haltung, blieb professionell.

»Warum jetzt, Herr Clausen? Nach Herrn Wenningmeyers Tod haben Sie nicht den Eindruck erweckt, als ob sie jemals wieder einen Partner haben wollten.«

»Herr Wenningmeyers Tod war mir eine Warnung – es ist schneller vorbei, als man denkt. Ich möchte mich in den kommenden Jahren aus dem Tagesgeschäft zurückziehen. Reos wäre eine fantastische Gelegenheit, die Firma in eine sichere Zukunft zu führen und dennoch mehr Zeit für mich und meine Frau zu haben. Ich hatte gehofft, dass sich einmal eine solche Chance ergeben würde, und jetzt ist sie da. Vermasseln Sie es nicht.«

Gabor stand auf und knöpfte sein Sakko zu. »Ich werde Reos holen. Verlassen Sie sich drauf!«

Man schüttelte Hände.

»Ich werde übrigens heute nicht mehr erreichbar sein. Meine Frau fühlt sich nicht wohl …«

»Nichts Ernstes hoffentlich?«, fragte Gabor.

»Ich weiß es nicht. Vielleicht eine leichte Gehirnerschütterung nach einem Sturz. Ich möchte lieber ein bisschen in ihrer Nähe sein.«

»Natürlich. Richten Sie ihr unsere besten Wünsche aus!«

»Vielen Dank.«

Schleudertrauma, dachte Gabor und malte sich aus, mit welcher Inbrunst Annette ihr Unwohlsein wie eine Monstranz vor sich hertragen würde. Sie würde alle im Haus Clausen auf Trab halten, ihre Ungeduld und ihr Temperament würden Angst und Schrecken verbreiten. Sie war reich und gelangweilt und sehnte sich nach einem Gefühl, das sie auf Gabors Fotomontage gesehen hatte: arm zu sein, aber glücklich. Ohne den Teil mit der Armut natürlich. Deswegen hatte Gabor ihr auch keine Blumen geschickt oder sie zum Essen eingeladen, sondern ihr eine romantisierte Vorstellung von sich selbst geschenkt. Ein ästhetisches Ideal im Retrolook. Das war der Schlüssel – Gabor hatte es gewusst.

Er verließ das Büro und blickte den Gang hinunter auf die Glaskästen, in denen Tag für Tag die Mitarbeiter von Clausen & Wenningmeier ihren Bürojobs nachgingen. Männer in teuren Anzügen, alle mit Einstecktuch, alle mit handgenähten Lederschuhen, und Frauen, die aussahen, als wären sie einem Robert-Palmer-Video entsprungen. Gabor sah sie in ihren Gefängnissen aus Glas lesen, telefonieren oder ihre Handys checken, blickte mal nach links, mal nach rechts, hörte plötzlich einen einsetzenden stampfenden Bass und zu seinem Entzücken begannen sie, ihre Hüften sanft im Takt zu wiegen. Sie sahen alle gleich aus, sie tanzten alle gleich, sie nahmen völlig synchron die schlanken Arme über die Köpfe, während aus ihren Hüften eine Welle durch ihre Körper rollte, die in einer eleganten Drehung und einem gemeinsamen Klatschen der Hände endete.

Wie schön sie waren! So zurückgenommen und so sexy.

Gabors Gang veränderte sich, er nahm Tempo auf, seine Schritte wurden beschwingt. Er wurde schneller, beweglicher, seine Füße malten in ebenso komplizierten wie eleganten Abfolgen prächtige Figuren auf den Boden. Nichts konnte ihn jetzt mehr halten, nicht einmal ein empfindlicher Schmerz in der Lendengegend: Eine geradezu kindliche Freude ließ ihn stürmisch den Flur hinabtanzen, vorbei an einer Allee kühl swingender Clausen & Wenningmeier-Damen, die ihm die Bühne für ein schillerndes Solo bereiteten. Gabor schlitterte die letzten Meter über den glatten Marmorboden und stand im nächsten Moment vor seinem Freund und Kollegen Fitz.

Die Musik verstummte augenblicklich, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiteten wieder in ihren Büros, und niemand hatte sich über Gabors Ausbruch gewundert, denn sie waren alle zu sehr mit sich und ihren Aufgaben beschäftigt. Keiner hatte die Musik gehört, die für Gabor überall in der Luft lag und ihm immer wieder schöne Pausen von der Wichtigkeit verschaffte.

Fitz grinste breit. »Nurejew war Dreck gegen dich. Dir fehlen nur noch ein Paar ordentliche Strumpfhosen.«

»Nur kein Neid, ich kann so etwas tragen.«

»Wie ich sehe, warst du beim Alten?«

»Ja.«

»Und? Gute Nachrichten?«

Jetzt grinste Gabor. »Kann man so sagen!«

»Hat er dir die Teilhaberschaft angeboten?«

»Woher weißt du das?«, fragte Gabor irritiert.

Fitz klopfte ihm auf die Schulter. »Willkommen im Club! Ich war ’ne Stunde früher da als du.«

Gabor schnappte nach Luft. »Dieser Mistkerl …«, sagte er angesäuert.

»Ach, komm, du würdest es genauso machen. Es ist ein Test. Wir holen Reos, und er hat die Qual der Wahl.«

»Dann kann er uns auch beiden die Teilhaberschaft anbieten.«

Fitz lachte. »Und er wäre dann Minderheitsgesellschafter? Vergiss es! Hat er noch Zeit? Ich müsste mit ihm sprechen. Nicht wegen Reos.«

Gabor schüttelte den Kopf. »Er will zu seiner Frau.«

»Richtig. Gestürzt …« Sie gingen den langen Flur zurück zu ihren Büros. »Er ist ihr ganz schön verfallen, was?«

»Ja.«

»Schade, dass sie ihm nicht verfallen ist, dieses Biest. Ich frage mich, was sie jetzt wieder angestellt hat.«

»Wir werden es nie erfahren …«

Sie erreichten Gabors Büro.

»Bei mir oder bei dir?«, fragte Fitz.

»Wie?«

»Wo besprechen wir uns wegen Reos

»Lass uns zusammen zum Lunch. Ich muss noch was erledigen.«

Fitz runzelte die Stirn. »Was könnte jetzt wichtiger sein als Reos

»Es dauert nicht lange.«

»Du und deine Weiber«, seufzte Fitz. »Hast du vergessen, sie aus der Liebesschaukel rauszuholen?«

Gabor ging nicht darauf ein. »Halb eins?«

»Okay.«

Fitz zog zwei Büros weiter und trat ans Fenster, aus dem er, genau wie Gabor, einen prächtigen Blick über die Stadt und über den Firmenparkplatz hatte, auf dem er stirnrunzelnd Gabors verbeulten Porsche entdeckte. Und schließlich Gabor, der eilig einstieg und noch eiliger losfuhr.

Fitz sah ihm nach. Irgendetwas verbarg der doch.

Aber was?

4.

Ein Strauß Blumen und eine Packung Pralinen sollten Kathrin Bendig eine kleine Freude machen und vor allem milde stimmen, denn wie Gabor mittlerweile erfahren hatte, hatte ihr gebrochenes Bein mit einem Stahlstift fixiert werden müssen. Routine zwar, aber der Heilungsprozess würde dauern, und die Aussicht darauf würde sie sicher nicht jubeln lassen. Darüber hinaus waren keine weiteren Knochen gebrochen – immerhin.

Er klopfte an die Zimmertür und machte sich innerlich auf das Schlimmste gefasst. Doch als er eintrat, winkte sie ihn freundlich heran und bat ihn, das Kissen in ihrem Rücken aufzuschütteln, was Gabor selbstverständlich gerne tat. Sie war eine Dame um die sechzig, sehr klein, eine hübsche, mütterliche Person mit einem offenen Gesicht und regen dunklen Augen.

»Wie geht es Ihnen, Frau Bendig? Was machen die Schmerzen?«

»Sind die für mich?«

»Ja.«

Gabor fand auf einem Tisch eine Vase für ihre Blumen.

»Tulpen, gut gewählt, Herr …«

Gabor stellte die Blumen ins Wasser und sagte: »Gabor. Nennen Sie mich Gabor. Freut mich, dass Ihnen Tulpen gefallen. Mir gefallen sie auch.«

Sie nickte. »Tulpen beruhigen. Energetisch gesehen beseitigen sie Wut und Ärger.«

»Tatsächlich? Dann habe ich ja wirklich gut gewählt …« Er lächelte charmant. »Sind Sie noch wütend auf mich?«

Sie war sichtlich amüsiert, musterte ihn einen Moment, dann bat sie ihn mit einer Geste, sich neben ihr Bett zu setzen. »Vielleicht, Gabor … Kommen Sie, erzählen Sie mir was!«

Gabor war verblüfft. Er hatte Tränen und Vorwürfe erwartet, möglicherweise gefolgt von dem Abriss eines entbehrungsreichen Lebens, das unglückliche Momente wie heiß glühende Feuerklumpen aus einem Vulkan in den Nachthimmel gespuckt hatte. Stattdessen sollte er von sich erzählen. Wie ungewöhnlich. Oder bekam sie immer noch starke Schmerzmittel? Ein bisschen überdreht war sie ja.

»Was soll ich Ihnen denn erzählen?«

»Sie dürfen mir alles erzählen, nur eines dürfen Sie nicht: mich langweilen.«

»Okay. Versuchen wir es …« Er sah sie einen Moment an und sagte dann: »Ich habe einen großen, sehr alten Spiegel zu Hause. Einen, von dem es heißt, Ludwig XIV. hätte sich darin gesonnt …«

»Langweilig, Gabor.«

Er fuhr unbeirrt fort: »Vor dem tanze ich zweimal die Woche mein Badabing!«

Jetzt grinste sie: »Ihr Badabing?«

»Mein Badabing!«

»Was ist ein Badabing?«, fragte sie vergnügt.

»Oh, ein Badabing! ist ungeheuer wichtig. Ich glaube sogar, das Badabing! könnte die Welt retten, wenn es nur alle machen würden. Es lässt dich strahlen, und das wirkt dann auf andere. Fragen Sie meine Nachbarin von gegenüber. Eine ganz reizende ältere Dame, die zuerst total gegen das Badabing! war, jetzt ist sie ein großer Fan davon.«

Kathrin kicherte. »Sieht sie zu, oder macht sie mit?«

»Sie sieht zu und trinkt Sekt.«

»Und wie tanzt man das Badabing?«, fragte Kathrin.

»Das ist ja das Gute!«, rief Gabor. »Man kann es tanzen, wie man will. Es gibt keine Regeln. Nur die Musik muss laut sein. Das ist alles. Sobald Sie wieder laufen können, sollten Sie es versuchen.«

»Wollen Sie mir nicht eine Stunde darin geben?«, fragte Kathrin.

»Das geht leider nicht.«

»Warum nicht?«

»Sie erinnern sich an meine Nachbarin von gegenüber?«

»Ja.«

Gabors Augen wurden zu Schlitzen, dazu raunte er dramatisch: »Sie trinkt Sekt dazu …«

Einen Moment dachte Kathrin darüber nach, dann machte sie überrascht: »Oh!«

»Sehen Sie, darum gebe ich auch keine Stunden …«

Sie kicherte und klatschte in die Hände. »Sie machen das gut, Gabor.«

»Was denn?«, fragte er unschuldig zurück.

»Sie flirten mit mir …«

»Nicht doch, Frau Bendig!«

»Kathrin.«

»Aber nein, Kathrin, ich flirte nicht. Ich sorge mich.«

»Das ist aber schade, Gabor. Ich finde, Sie sollten mit mir flirten! Ich bin eine Frau, und Frauen gefällt so was.«

Sie gefiel ihm auch. Sie hatte so etwas Jugendliches, ohne aufdringlich oder gar lüstern zu wirken. Ein Flirt um seiner selbst willen, wie eine Fingerübung. Der einzig dazu da war, ein Gespräch aufregender zu gestalten, aber nicht, um den Claim abzustecken, den man später zu durchpflügen gedachte.

»Wie ist das Essen?«, fragte er.

»Furchtbar.«

»Dann werden wir das ändern.«

»Sie gehen mit mir essen, Gabor? Wie schön!«

Er lachte. »Sie gehen, fürchte ich, erst mal nirgendwohin mit Ihrem Bein. Nein, das Essen kommt zu Ihnen. Es gibt hier in der Nähe ein sehr gutes Restaurant. Sie bestellen einfach, was Sie wollen, und es wird Ihnen gebracht.«

»Gut, das nehme ich.«

»Ich bin dafür verantwortlich, dass Sie hier liegen müssen. Das Mindeste, was ich tun kann, ist, Ihnen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Heute Nachmittag wird Sie Dr. Conradi aufsuchen. Sie ist Orthopädin und eine Koryphäe auf ihrem Gebiet. Sie können ihr voll und ganz vertrauen.«

»Oh, danke, Gabor.«

»Sind Sie mit Ihrem Zimmer zufrieden?«

Sie sah sich ein wenig ratlos um. »Das Zimmer …«

Gabor nickte. »Ich werde mal sehen, was ich tun kann. Ein bisschen Privatsphäre kann nicht schaden, finden Sie nicht auch?«

Sie sah ihn an. Belustigt, wie Gabor fand. Er konnte sie schwer einschätzen, hatte das Gefühl, dass sie sich gerne von ihm einwickeln ließ, sich darüber aber vollkommen bewusst war. Sie ließ sich umschwärmen von dem gut aussehenden jungen Mann, aber sie blickte hinter die Fassade und schien Gabors nicht ganz selbstlose Motive allzu deutlich zu sehen.

»Was?«, fragte Gabor lächelnd.

»Nichts, nichts«, lächelte sie zurück.

Eine Weile sagten sie beide nichts, und es schien, als würde sie ihn mustern, ohne ihn dabei direkt anzusehen. Dann sagte sie: »Was sorgt Sie, Gabor?«

»Wie meinen Sie das?«

»Etwas lastet schwer auf Ihnen, Gabor. Was ist es?«

Gabor zögerte mit der Antwort, denn ihr kleiner Flirt schien beendet, sie wirkte jetzt fast mütterlich. »Ich habe Sie ziemlich übel verletzt, Kathrin.«

»Ja, aber da ist doch noch etwas anderes?«

Gabor zuckte mit den Schultern. »Ich wüsste nicht, was.«

»Tatsächlich?«

Ihr Lächeln kehrte zurück, und Gabor wusste, dass sie ihn bei einer Lüge erwischt hatte, aber sie blieb ganz charmant und bohrte nicht weiter. Natürlich sorgte sich Gabor um eine Anzeige, um die Konsequenzen eines öffentlichen Prozesses und einer möglichen Verurteilung. Aber obwohl er genau deswegen hier war, wollte er es gerade jetzt nicht zum Thema machen.

»Mir ist langweilig«, seufzte sie.

»Was ist mit fernsehen?«, fragte Gabor zurück.

»Nicht Ihr Ernst, Gabor. Sehen Sie viel fern?«

»Nein.«

»Das wusste ich. Sie sind kein Fernsehtyp.«

»Was für ein Typ bin ich denn?«

»Sie leben gerne. Sie gehen gerne aus, amüsieren sich. Ich kann das sehen.«

»Was können Sie sehen?«

»Ihre Aura, Gabor«, antwortete sie in völligem Ernst.

»Aha.«

Kathrin lachte herzlich. »Schon gut, Gabor. Muss ja nicht jeder dran glauben.«

»Danke, das ist reizend.«

»Na gut, Gabor. Danke für Ihren Besuch. Sie haben eine alte Frau aufgeheitert!«, sagte sie und tätschelte seine Hand.

»Sie sind doch keine …«

Sie hob schnell die Hand und sagte: »Stopp! Sie wollen doch jetzt nicht auf Vertreterniveau runter, oder?«

»Nein, Sie haben recht. Ich bin froh, dass ich Sie kennengelernt habe. Schade, dass ich Sie dafür erst über den Haufen fahren musste.«

»Besuchen Sie mich mal wieder, Gabor.«

»Gerne.«

Er stand auf und ging zur Tür.

»Und, Gabor! Ich zeige Sie nicht an. Deswegen waren Sie schließlich hier …«

Gabor drehte sich um und verzichtete auf eine weitere Lüge, die sie ohnehin durchschaut hätte: »Ja, deswegen war ich hier. Aber wie Sie bemerkt haben, habe ich Sie nicht danach gefragt, Kathrin.«

»Hab ich bemerkt, Gabor.«

Er sah sie einen Moment an, dann nickte er ihr zum Gruß zu, doch an der Tür rief sie ihn wieder zurück: »Warten Sie, Sie könnten mir vielleicht einen Gefallen tun. Damit ich mich nicht mehr langweile …«

Das konnte Gabor natürlich.

Das machte er auch.

Und das hätte er mal besser nicht gemacht.

5.

Später beim Lunch mit Fitz sprühte Gabor nur so vor Ideen. Sie hatten sich eine Strategie überlegt, waren die verschiedenen Reos-Manager durchgegangen und hatten sie auf charakterliche Eigenschaften abgeklopft. Im Großen und Ganzen wussten sie über ihren zukünftigen Kunden Bescheid. Das, was noch fehlte, würde Gabor in den nächsten Tagen in Erfahrung bringen, vielmehr eine Detektei, die er schätzte und die schnell und extrem diskret arbeitete.

Sie kehrten in die Firma zurück, hielten neben Gabors Porsche Cayenne und stiegen aus.

»Wie ist denn das passiert?«, fragte Fitz.

»Ein Reh«, antwortete Gabor knapp.

Fitz beugte sich zur Stoßstange hinunter und erkannte Beulen, Risse und Steinstaub zwischen den Kratzern. Was er nicht sah, waren Blut oder Fellreste. Oder den charakteristischen Einschlag eines Tieres in die Frontpartie eines Sportwagens.

»Das musst du unbedingt richten lassen«, sagte Fitz, stand auf und rieb sich den Staub von den Händen. »Damit kannst du nicht zu einem Kunden.«

»Ich weiß«, antwortete Gabor.

»Mach’s gleich. Ich sag dem Alten, du bist bei einem Klienten.«

»Okay, danke.«

»Kein Thema. Wie sieht’s heute mit Abendunterhaltung aus? Machen wir was?«

»Bin verabredet, tut mir leid.«

Fitz seufzte. »Hat sie eine Schwester?«

Gabor lächelte und setzte sich in seinen Wagen. »Nicht, dass ich wüsste.«

Er fuhr los.

Fitz’ Neugier hätte ihn eigentlich warnen müssen, denn auch wenn er Gabors bester Freund war – in erster Linie war er ein Hai, der gerade den Geruch von Blut wahrgenommen hatte, und so eilte Fitz die Treppen hinauf, nicht in sein Büro, sondern in Gabors, wo dessen Assistentin gerade im Begriff war, ein Telefonat zu beenden.

Sie legte auf, und Fitz fragte: »Gabor ist zu einem Klienten und wollte mir eine Akte zu Reos rauslegen. Hat er Ihnen was in die Hand gedrückt?«

Sie sah ihn überrascht an. »Nein, hat er nicht, Herr Fitz.«

»Ach, dann liegt es sicher auf seinem Schreibtisch. Bemühen Sie sich nicht, ich guck schon selbst …«

Bevor Gabors Assistentin aufstehen konnte, war Fitz auch schon an ihr vorbeigehuscht und in Gabors Büro verschwunden. Auf dessen Schreibtisch lag nichts, nur sein Terminkalender, den Fitz flink aufschlug. Darin fand er für den gestrigen Abend nur einen Eintrag: 20.00 Uhr, A.

Er klappte den Kalender gerade zu, als Gabors Assistentin die Tür öffnete und ihn fragend anblickte. »Und? Haben Sie sie gefunden, Herr Fitz?«

»Leider nein«, antwortete er und zuckte unschuldig mit den Schultern.

Dann verließ er Gabors Büro und dachte: Gabors Reh hieß also A.

Fitz ahnte, wer A. war, er konnte es nur nicht beweisen.

Noch nicht.

6.

Für einen Mittwochabend war das Milonga gut besucht. Gabor hatte sich in ein Separee zurückgezogen, weil er auf jemanden wartete, aber auch weil er sich in Ruhe einen Mojito auf den gelungenen Tag genehmigen wollte. Er zog das Jackett aus und lockerte die Krawatte: Kathrin Bendig war keine Gefahr mehr, die Partnerschaft in greifbare Nähe gerückt. Das Leben war gut.

Zu seiner Überraschung betrat Fitz die Tanzbar, im Schlepptau zwei Junior-Manager von Clausen & Wenningmeier, die er offenbar überredet hatte, mit ihm um die Häuser zu ziehen. Er entdeckte Gabor im Separee und steuerte schnurstracks auf ihn zu.

»Na, das ist aber ein Zufall!«, rief er und setze sich gleich neben Gabor. Die beiden anderen warteten auch nicht darauf, dass Gabor ihnen einen Platz anbot, sondern setzten sich gleich dazu. Gabor nahm an, dass sie schon früh lernten, dass man auch in neuen Situationen seinen Raum gleich besetzte. Das verschaffte einem einen strategischen Vorteil, denn um die Situation wieder zu ändern, war das Gegenüber zu einem Affront gezwungen, wozu die meisten nicht bereit waren.

»Das hier«, sagte Fitz zu den beiden Youngstern, »ist Schoening-Land.«

Gabor blickte die beiden an und antwortete ruhig: »Sehen Sie sich ruhig um. Sie sind heute das erste und letzte Mal hier. Haben wir uns da verstanden?«

Gabor konnte in ihren Gesichtern sehen, dass sie bereits bereuten, sich einfach an den Tisch gesetzt zu haben. Verlegen rutschten sie auf den bequemen Polstern herum und nickten kurz.

»Wohhoooh, nur die Ruhe, Meister!«

Gabor wandte sich Fitz zu. »Ich bin privat hier, David. Okay?«

Der nickte. »Verstanden, Mann. Kein Problem. Wir nehmen ein, zwei Drinks, dann verschwinden wir wieder.«

Noch während Fitz sprach, trat eine Frau an ihren Tisch, blond, mit fast schon reptilienhaften Augen, was ihr Gesicht so apart machte, dass man es unentwegt ansehen musste.

»Sie wollen schon gehen?«, fragte sie.

Fitz war sofort hingerissen. »Nicht, bevor Sie mir nicht sagen, wer Sie sind …«

»Meine Hausärztin«, antwortete Gabor trocken. Dann stand er auf und bot ihr die Hand. »Darf ich bitten?«

Er durfte – Fitz sah den beiden nach. Wer immer die Dame war, es war nicht die A., die er vermutet hatte. Pech! Aber das Glück sollte sich ihm noch zuwenden, denn es machte in Gabors Jackett laut vernehmlich: PING! Er nickte den beiden anderen zu und befahl: »Holt mal ein paar Drinks!«

Sie gehorchten.

Auf der Tanzfläche lächelte sie ihn an und fuhr mit ihren Fingern über seinen Nacken. »Deine Hausärztin?«

»Soweit ich mich erinnere, liebst du Hausbesuche, Dr. Conradi.«

Sie lachte. »Sag mal, was hast du mit dieser Kathrin Bendig gemacht?«

»Wieso?«

»Sie schwärmt so von dir. Und dann schenkst du ihr auch noch ein iPad, damit sie im Internet surfen kann … Tststs, die Frau ist sechzig, Gabor! Du bist wirklich schamlos.«

»Sie hatte Langeweile. Was macht ihr Bein?«

»Keine Komplikationen. Sie wird wieder ganz gesund.«

Gabor nickte zufrieden. »Kannst du mir einen Gefallen tun?«

»Noch einen?«

»Na ja, so gesehen ist es nicht nur einer. Nimm sie auf deine Station. Einzelzimmer. Und morgen gibst du ihr ein Schmerzmittel, das sie grinsen lässt wie ein rosa Gummibärchen. Sagen wir so gegen zehn Uhr? Um elf Uhr kommt mein Anwalt. Ich will, dass sie bei allerbester Laune ist, wenn sie eine Verzichtserklärung unterschreibt.«

»Dir ist schon klar, dass ich einen hippokratischen Eid geschworen habe?«

»Du tust nichts Ungesetzliches. Im Übrigen: Ich brauche auch ein Schmerzmittel.«

»Tja, das sollte ich mir dann wohl mal genauer ansehen. Du kriegst dein Schmerzmittel, und sollte ich morgen früh grinsen wie ein rosa Gummibärchen, bekommt deine Kathrin auch eins.«

Die beiden Junior-Manager standen an der Theke, Gabor und die Ärztin schwebten über die Tanzfläche, und Fitz fischte unauffällig Gabors Handy, das jede Mitteilung mit einem freundlichen PING! meldete, aus dessen Jacketttasche. Fitz seufzte theatralisch und dachte: Du solltest das echt einmal in den Einstellungen ändern, Gabor, denn so schick Smartphones auch sind, man sollte immer bedenken, dass sie in fremde Hände geraten können. Die Mitteilung war kurz: Er weiß nichts! So long, A. Darüber die Handynummer.

Fitz zückte sein eigenes Handy, tippte die Zahlen ab und rief mit unterdrückter Nummer an. Eine Frauenstimme meldete sich: »Clausen?«

Fitz unterbrach die Leitung.

Jetzt wusste er sicher, was er ohnehin schon vermutete hatte: A. war Annette Clausen.

7.

Am nächsten Morgen wurde Gabor vom Telefon geweckt. Verschlafen reckte er sich und suchte tastend den Hörer.

»Gabor, Sie müssen sofort in die Firma kommen!«

Seine Assistentin – sie klang so alarmiert, dass Gabor sofort wach war.

»Was ist los, Sonja?«

»Herr Clausen ist gerade hier gewesen. Ich glaube, ich habe ihn noch nie so wütend gesehen. Was haben Sie angestellt? Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Nichts, ehrlich!, Gabor.«

Gabor überlegte fieberhaft. Konnte Clausen etwas von ihm und Annette wissen? Sie hatte ihm doch gestern eine SMS geschickt.

»Ist es wegen Reos, Gabor? Wegen der Akte, die Herr Fitz nicht finden konnte?«

»Was für eine Akte?«

»Herr Fitz meinte, Sie hätten ihm eine rausgelegt. Er war deswegen gestern in Ihrem Büro.«

»In meinem Büro? Was hat er da getan?«

»Ich weiß es nicht. Er war nicht sehr lange da.«

»Sonja, denken Sie nach. Was hat er gemacht?«

Sie zögerte, dann antwortete sie: »Möglicherweise hat er in Ihren Kalender gesehen. Es sah fast so aus.«

Gabor schluckte. Der Eintrag im Kalender. Fitz’ zufälliges Auftauchen im Milonga. Sein Handy in der Jacketttasche. Die SMS.

Er weiß es.

Gabor atmete tief durch. »Sagen Sie, Sonja, mögen Sie mich eigentlich? Als Chef, meine ich?«

»Natürlich.«

»Dann hören Sie mir jetzt genau zu. Sie müssen an meinen Firmenrechner. Ich gebe Ihnen das Passwort …«

Nach dem Telefonat sprang er aus dem Bett, duschte und rasierte sich, zog seinen besten Anzug, sein bestes Hemd und seine besten Schuhe an. Er setzte sich an die Esstheke seiner Küche, öffnete sein Laptop, wählte einen großen Provider und richtete dort ein anonymes E-Mail-Konto ein.

Das Telefon klingelte: Clausens Assistentin, die ihn einbestellte. Sofort.

Gabor versprach, sich zu beeilen, und blieb sitzen. Er hatte getan, was in seiner Macht stand, jetzt kam es auf Sonja an. Er starrte auf sein privates E-Mail-Konto und zählte die Sekunden.

Sein Magen kitzelte unangenehm, er hasste es, wenn er von anderen abhängig war. Wenn er nicht selbst handeln konnte, sondern darauf hoffen musste, dass andere ihn nicht im Stich ließen. Und er war oft im Stich gelassen worden. Gabor wusste, was Schmerz bedeutete, und er hatte herausgefunden, wie man diesen Schmerz am besten überwand: niemals mehr der sein, der hoffen musste. Hoffnung war Schmerz.

Dann endlich blinkte eine neue Mail auf: Sonja. Sie hatte es geschafft! Er packte seinen Rechner unter den Arm und eilte hinunter. Er fühlte Ruhe in sich aufsteigen, Selbstvertrauen. Sein Wissen, sein Können lag wie ein Schwert in seiner Hand. Er musste nicht mehr hoffen, er konnte kämpfen.

Alles, was er jetzt noch brauchte, war ein wenig Zeit, und so nahm er die Straßenbahn. Er setzte sich an die Haltestelle, startete den Rechner, versank in seine Arbeit, schien weder Straßenlärm noch Mitwartende wahrzunehmen, stieg mechanisch in die Bahn, setzte sich auf den Behindertenplatz, arbeitete, bis er mit dem Ergebnis zufrieden war. Mehr als das: Es war geradezu ein Meisterwerk geworden.

Es war still bei Clausen & Wenningmeier, es hätte gar keines Anrufs seiner Assistentin bedurft, um zu wissen, dass etwas nicht stimmte. Zwar gingen alle ihrer Arbeit in den Glaskästen nach, aber sie taten es leiser als sonst, und als Gabor die Allee hinabging, sahen sie erst neugierig auf, wandten sich aber schnell wieder ab, als er ihre Blicke erwiderte.

Er klopfte und wurde gleich vorgelassen.

Als er Clausens Büro betrat, sah er ihn hinter seinem Schreibtisch sitzen. Clausen war nicht sonderlich groß, aber schlank, jetzt jedoch wirkte er schmal und eingefallen. Gestern noch hatte sein Charisma wie eine Supernova gestrahlt, jetzt war davon nichts als ein weißer Zwerg übrig geblieben. Ein alter Mann.

»Setzen Sie sich, Herr Schoening.«

Eine Weile saßen sie ruhig da, schauten einander an. Gabor wusste nicht, was er empfinden sollte. Clausen war fünfunddreißig Jahre älter als seine Frau. Hatte er wirklich geglaubt, der Tausch würde so einfach vonstattengehen? Schönheit gegen Reichtum und Macht? Hatte er wirklich geglaubt, seine Liebe würde alle Unterschiede überwinden können?

Jetzt sagte Clausen: »Erzählen Sie mir von dem Unfall, Herr Schoening!«

Gabor ließ sich mit der Antwort Zeit, ordnete seine Gedanken. Fitz wusste von dem Unfall und hatte Clausen davon in Kenntnis gesetzt. Natürlich anonym. Jeder liebte den Verrat, aber niemand den Verräter. Fitz würde sich niemals aus der Deckung wagen, denn Clausen gehörte nicht zu den Männern, die Verrat duldeten. Auch Fitz’ Karriere bei Clausen & Wenningmeier wäre damit beendet gewesen.

Was konnte Fitz ihm noch mitgeteilt haben? Er hatte sicher ein Foto von Gabors Auto gemacht, vielleicht auch den Mechaniker um einen Schadensbericht gebeten. Schließlich war der Cayenne ein Firmenwagen. Den Unfallort und die Zeit könnte er bei der Polizei recherchiert haben – so etwas stand auf deren Homepage unter Pressemeldungen. Auch das Geschlecht der Beteiligten. Namen? Nein, keine Chance. So gute Verbindungen hatte er nicht. Und selbst wenn: Niemand würde sie ihm schriftlich geben.

Hatte Clausen seine Frau gefragt? Aber die hatte sich nicht mehr bei ihm gemeldet. Also nein. Es hätte auch nichts gebracht: Annette war aus einem Material gemacht, dass die NASA als Schutzschild für ihre Raketen gegen den Wiedereintritt in die Atmosphäre nutzte. Die würde niemals eine Schwäche zeigen.

»Das wissen Sie also …«

»Ja, das weiß ich.«

»Nun, wie so etwas schon mal passiert. Ich war unaufmerksam, vielleicht auch müde. Der Wagen kam von der Fahrbahn ab.«

Clausen nickte. »Waren Sie allein unterwegs?«

»Nein«, antwortete Gabor.

Clausens Gesicht zuckte, als wäre er geohrfeigt worden. Dann jedoch straffte er sich und fragte: »Wer war bei Ihnen, Herr Schoening?«

Gabor hielt seinem Blick mühelos stand. »Das geht Sie, bei allem Respekt, wirklich nichts an.«

Clausen schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und schrie: »Und ob mich das was angeht, Herr Schoening!«

»Mein Privatleben geht Sie absolut nichts an, Herr Clausen! Und ich verbitte mir Fragen danach. Ich frage Sie ja auch nicht nach Ihrem Privatleben, richtig?«

Das hatte aufrichtig empört geklungen, was Clausen für einen Moment aus dem Takt brachte. Dennoch ließ er nicht locker. »Ich nehme an, Sie waren mit einer Frau unterwegs, Herr Schoening?«

Gabor atmete tief ein, dann antwortete er: »Ja.«

Wieder Stille.

Gabor war jetzt ganz ruhig, wusste, dass er erst eine Verteidigungshaltung annehmen durfte, wenn die Anklage ausgesprochen worden war. Im Moment sah er Clausen zögern, denn sein Vorwurf würde schwer wiegen, und wenn er sich als falsch herausstellte, hätte er sich vor einem Angestellten entblößt wie niemals zuvor in seinem Leben. Alles, was ihn über viele Jahre zum strahlenden Gentleman gemacht hatte, würde innerhalb von Sekunden in sich zusammenfallen, und zurückbleiben würde ein eifersüchtiger alter Tor. Ausgerechnet ihn, den Herrn des schönen Scheins, hätte eine ganz profane menschliche Schwäche entzaubert. Wie musste es in ihm arbeiten, dass er dieses Risiko einging?

Clausens Blick blieb am Bildschirm seines Computers hängen. Er hielt inne und sah irritiert hin: Eine Mail war aufgeblinkt, Betreff: Ferdinand Clausen/Vertraulich. Mit zwei Klicks hatte er den Anhang geöffnet.

Clausens Gesicht nahm die Farbe von Recyclingpapier an, er schluckte hart. Dann blickte er Gabor an und sagte mit brüchiger Stimme: »Es hat sich erledigt.« Clausen stand auf und reichte Gabor die Hand. »Bitte verzeihen Sie meinen Ton.«