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Über die Bücher:

 

Mord und Totschlag statt Dolce Vita – die ersten beiden Fälle für das ungleiche Ermittlerpaar Commissario Giulia Cesare und den Briefträger Brutus in einem eBook! Spannung, Humor und viel Bella Italia!

 

»Requiem am Comer See«

In den Villengärten blüht der Oleander, auf dem türkisblauen Wasser des Comer Sees glitzern die Sonnenstrahlen. Doch die Urlaubsidylle in dem kleinen Dorf Abbadia Lariana wird jäh gestört, als Angelika Krüger, eine deutsche Ex-Opernsängerin, erschlagen im Pfarrgarten liegt. Commissario Giulia Cesare, deren kriminalistisches Gespür mindestens so groß ist wie ihre Leidenschaft für gutes Essen, ermittelt gemeinsam mit ihrem Freund Brutus, dem örtlichen Briefträger mit Hundephobie. Doch die Reihe der Verdächtigen ist lang, denn die Tote hat bei ihrer Suche nach der großen Liebe mit mehreren Männern gleichzeitig angebandelt …

 

»Letzte Klappe am Comer See«

Bellagio am Comer See ist eine Kulisse, wie sich Regisseurin Aurora Damiani keine bessere wünschen könnte. Doch kurz nach Beginn der Dreharbeiten wird ihr Hauptdarsteller Umberto Farini tot aufgefunden. Commissario Giulia Cesare steht vor einem verzwickten Fall: Fast jeder des Filmteams hatte eine Rechnung mit Farini offen, der sich nicht nur vor der Kamera dem Drama hingab. Glücklicherweise hat ihr Freund Brutus eine Statistenrolle am Set ergattert. Die Ermittlungen führen das ungleiche Paar tief hinter die Kulissen der schillernden Filmwelt …

Über die Autorin

 

Clara Bernardi

© Mario Hochhaus

Clara Bernardi ist das Pseudonym der Autorin Julia Bruns, die bereits einige Regionalkrimis veröffentlichte. Julia Bruns studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Psychologie. Nach ihrer Promotion arbeitete sie viele Jahre als Redenschreiberin und in der Öffentlichkeitsarbeit. Bei DuMont sind bisher ›Requiem am Comer See‹ (2019), ›Letzte Klappe am Comer See‹ (2020) und ›Schwarze Brillanten am Comer See‹ (2021) erschienen.

www.clara-bernardi.de

Clara Bernardi

Requiem am Comer See
&
Letzte Klappe am Comer See

Zwei Fälle für Giulia Cesare

Clara Bernardi

REQUIEM
AM COMER SEE

Ein Fall für Giulia Cesare

Kriminalroman

Für Gaby und Fabio »Brutus« Grazioli,
die echten Italiener

PERSONAL

GIULIA CESARE

Commissario und stolze Comasci, der die Prioritäten zwischen ihrem Heimatdorf und der Polizeiarbeit öfter mal verrutschen

BRUTUS GRAZIOLI

Giulias bester Freund und akribischer Postbote, der mehr Angst vor Hunden als vor Kriminellen hat

JACOPO PAWESE

Ein liebender Ehemann, der hervorragend kocht und ihr fast keinen Wunsch abschlagen kann

MARIA CESARE

Temperamentvolle, argentinische Mutter Giulias – bisweilen mit flinken Fingern, wenn es um das Eigentum anderer Leute geht

PIERGIUSEPPE CESARE

Der Vater, der sein halbes Leben auf die große Schauspielkarriere gewartet hat und ungefragt gut gemeinte Ratschläge zur Polizeiarbeit gibt

TIZIANA DE ANGELIS

Eine eigensinnige Bestatterin und Freundin, die über alle am See etwas sagen kann, es aber meistens nicht tut

ELENA

Die taffe Assistentin Giulias, die ihrer Commissario immer wieder aus der Patsche hilft und sich ab und zu mit Jacopo verbündet

CHIARA ELISA ZORZI

Leiterin der Kriminalpolizei, die trotz ihres jungen Alters und der rot geschminkten Lippen einen guten Job macht und dennoch permanent mit Giulia aneinandergerät

PROFESSORE ANDREA FONTANA

Charmanter Rechtsmediziner aus Mailand, der extrem eigenwillige Untersuchungsmethoden praktiziert und den See mehr liebt als seiner Ehe guttut

CARMELO RISO

Leiter der Kriminaltechnik, der seine Zunge nicht im Zaum halten kann und an einem Tatort nur selten gesehen wird

ANGELIKA KRÜGER

Erfolgreiche Opernsängerin, die die Leidenschaften der Männer für ihre Zwecke zu nutzen weiß

FRANCESCO TOMMASO, FABIO ROMANO, Der KOCH FABRIZIO, Der SCHÖNE GIOVANNI, Der ZIEGENHIRTE MATTEO …

Die Männer des Dorfes, die der Diva verfallen sind und mehr Angst vor ihren Frauen als vor Giulias Ermittlung haben

PRETE FILIPPO

Der schusselige Priester von Abbadia Lariana, der mit den Menschen wenig anfangen kann, aber ihre Großzügigkeit durchaus zu nutzen weiß

CAMPANARO CHIAPPONI

Der gerissene Küster, der seine Moto Guzzi voller Inbrunst liebt

CESIRA NEGRI

Eine einsame Frau, die ihr Heil in Gott gefunden hat

ROBERTO FERRI

Der beste Freund von Angelika, der auch nach dem Tod zu ihr hält und damit ganz allein steht

ALFONSO FABIO GAZETTI

Der Chef des Moto Guzzi Werkes in Mandello, der ein großes Geheimnis hütet

CAMILLA DAMESI und LUDOVICA VALLUZI

Die beiden Damen des Kirchenchores, die den Prete wie einen Heiligen verehren

1 Bis in die frühen Morgenstunden hatte es geregnet. Und auch nach Anbruch des Tages hingen die Wolken noch so schwer über den Gipfeln der Berge, dass sie jeden Moment wieder aufzureißen drohten. Dicke Nebelfetzen schwebten wie ein Schleier tief über dem Comer See und versperrten den Blick auf die Dörfer der verschlafenen Westseite. Unter den Schwaden jedoch leuchtete der See in einem satten Türkisblau, wie er es ausschließlich nach einem kräftigen spätsommerlichen Regenguss tat. Das Gesicht des Lago di Como wandelte sich von Stunde zu Stunde. Die Jahreszeiten, das dem Wetter geschuldete Spiel von Licht und Schatten, und auch die besondere Lage des von Bergen umrahmten Gewässers, dessen Seitentäler sich bis zum Ufer hinabzogen und die unterschiedlichsten Strömungen hervorriefen, gaben dem Lago ein ständig wechselndes, malerisches Antlitz. Das zog jeden, der es einmal gesehen hatte, in seinen Bann und ließ ihn nicht wieder los. Angelockt von dieser Einzigartigkeit, strömten jährlich Tausende Touristen in diesen Teil der Lombardei, ließen sich vom Zauber des Lario, wie die Einheimischen ihn nannten, einfangen und versuchten diese Einzigartigkeit mit unzähligen Schnappschüssen festzuhalten und zu konservieren. Doch der See gab sein Geheimnis nur selten preis. Man musste schon ein echter Comasco sein, um ihn zu verstehen.

So wie Giulia Cesare. Die schöne Lombardin lag auf der Wiese am Friedhof der Gemeinde Zana, ein kleiner Ort in den Berghängen des sich am Ostufer des Comer Sees erhebenden Grigna, sah in den Himmel und kaute auf einem Grashalm. Ihre Knie schmerzten unter dem Baumwollstoff ihrer verwaschenen kakifarbenen Hose, und die hohe Luftfeuchtigkeit hatte ihr die Schweißperlen auf die Stirn getrieben. Auf ihrem blassgrauen T-Shirt, dessen Vorderseite eine verblichene Stones-Zunge zierte, zeichneten sich am Rücken und unter den Armen Schweißflecken ab. Ihre nackten, braun gebrannten Füße ruhten übereinandergeschlagen im Gras. Einige Meter neben sich hatte sie ihre Zehentrenner-Sandalen mit ergonomischem Fußbett und ihre halb volle Wasserflasche abgeworfen. Giulia spürte jeden Knochen, und sie war nicht bereit, diesen grässlichen Rasenmäher auch nur einen Meter weiter über die Anhöhe zu schieben.

»Du willst doch wohl nicht schon schlappmachen, Pipistrello«, rief ihr Mann Jacopo Pavese ihr lachend zu. Der große, kräftige Jacopo kauerte auf dem Dach des Locolu, des langen Grabgebäudes auf dem Friedhof, und schlug Nägel in die Bitumendachpappe. Seine goldbraunen Haare standen unter der Wirkung des Haargels, das er jeden Morgen großzügig darin verteilte, in alle Richtungen ab, und seinem Vollbart konnte man die intensive Pflege, die er darauf verwendete, ansehen. Das Leinenhalstuch, das er sonst stets um seinen sehnigen Hals geknotet trug, baumelte aus der rechten Gesäßtasche seiner Jeans. Sein T-Shirt war nicht halb so verschwitzt wie das von Giulia, und auch sonst machte er nicht den Eindruck, als ob ihm die körperliche Arbeit etwas ausmachte. Nur ab und zu stand er auf, federte leicht mit den Beinen auf und ab und streckte seine Gliedmaßen durch. Giulia hatte sich aufgesetzt und beobachtete ihn. Er hatte trotz seines Alters – Jacopo war dreiundfünfzig Jahre alt – noch immer einen erstaunlich sportlichen Körper. Davon hatten sich erst vor zwei Wochen alle Gäste der Osteria Sali e Tabacchi, ihrer Stammkneipe im Nachbarort Maggiana, überzeugen können. Eigentlich hatten sie und Jacopo lediglich mit Giulias bestem Freund Brutus Grazioli, dem örtlichen Briefträger, ihren Fünfzigsten begießen wollen. Dann aber war es, wie so oft, mit dem Koch Fabrizio zu einer Fachsimpelei über die richtige Zubereitung des Carpaccio di Bresaola con Rucola e Grana gekommen. Giulia vertrat dabei den Standpunkt, dass der Rucola den ausgezeichneten Geschmack des Rinderschinkens, wie man ihn nur im norditalienischen Veltlin bekam, dominierte und daher überflüssig war. Fabrizio, der Koch, argumentierte mit der Harmonie zwischen dem nussigen Salat und dem luftgetrockneten Fleisch und schimpfte Giulia eine Banausin. Irgendwann im Verlauf dieser Diskussion, die normalerweise in einer Schreierei endete, musste der gutmütige Brutus Giulias Geburtstag erwähnt haben. Wieso er diese Art des Ablenkungsmanövers gewählt hatte, war später nicht mehr zu klären gewesen. Zumal er wusste, dass es Giulia ganz und gar nicht recht war, dass die gesamte Gemeinde an ihr Alter erinnert wurde. Doch am Ende war das bedeutungslos. Hier oben am Berg kannte ohnehin jeder jeden, und vor allem kannte man Giulia Cesare. Die Anwesenden hatten sich daraufhin bemüßigt gefühlt, der Jubilarin etwas Gutes zu tun, angeführt von Fabrizio, denn ein echter Lombarde war niemals nachtragend. Im Handumdrehen war vor ihr eine Batterie ihres geliebten Amaro, des typisch italienischen Kräuterlikörs, aufgebaut worden, die sie, um niemanden vor den Kopf zu stoßen, eigentlich hätte austrinken müssen. Da Giulia aber vieles, nur nicht trinkfest war und ein derartiger Exzess für sie noch bis in den nächsten Tag hinein weitreichende Folgen gehabt hätte, hatte sich Jacopo erbarmt. Er vertrug alles Alkoholische ausgezeichnet – bis auf Kräuterlikör. Voller Eifer und mit einem fröhlichen Augenzwinkern hatte er einen Schnaps nach dem anderen auf das Wohl seiner Frau geleert. Das wiederum hatte bei ihm neben heiterer Ausgelassenheit zu dem Drang geführt, sich und insbesondere seiner Gattin zu beweisen, was er noch immer für ein Kerl war. Also hatte er sich einen Stuhl geschnappt, war in einem Satz draufgesprungen, hatte sich hingehockt und in gebückter Haltung versucht, eine Euromünze, die vor seiner Frau auf dem Fußboden lag, zu greifen. Mit erstaunlicher Gelenkigkeit war ihm dies tatsächlich gelungen, was die Zuschauer mit lauten Jubelschreien quittiert hatten. Vom Applaus angespornt, hatte er das nächste Kunststück zum Besten gegeben, bei dem er sich, ohne das Gleichgewicht zu verlieren, auf dem linken Bein stehend in die Hocke begeben und dabei das andere nach vorn gestreckt hatte. Dieser weitere Beweis von Muskelkraft und Selbstbeherrschung hatte die Anwesenden zum Toben gebracht. Daraufhin hatte Jacobo noch einige akrobatische Nummern nachgeschoben, die seinen Schwiegervater, einen ehemaligen Schauspieler, mit Stolz erfüllt hätten – wenn er denn da gewesen wäre.

Ihr schmerzender Rücken holte Giulia aus ihren Gedanken. Sie war müde. Langsam stand sie auf, wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn, öffnete ihren Zopf, sodass ihre glänzenden schwarzen Locken auf die Schultern fielen, fasste erneut nach ihrer Haarpracht und knotete alles wieder straff zusammen. Dabei rieb sie ihre markant geschwungenen Lippen fest aufeinander, so wie es Frauen taten, die ihren Lippenstift gleichmäßig verteilen wollten. Nur dass Giulia nie welchen trug. Jetzt ließ sie ihren Blick zufrieden über den See wandern. Sie atmete tief durch und genoss die Ruhe eines Sonntagmorgens. Bis spät in die Nacht hatten sie unten am See gefeiert. Das ganze Wochenende stand im Zeichen der Giornata Mondiale dei Moto Guzzi, der Welt-Moto-Guzzi-Tage. Seit 2002 kamen Tausende von Bikern aus aller Welt einmal im Jahr an den See, um ihrer Leidenschaft für dieses außergewöhnliche italienische Zweirad zu frönen. Eine Moto Guzzi war nicht irgendein Motorrad, sie war Kult, und Mandello del Lario war für echte Fans ein Muss. Der Ort war seit der Gründung des Unternehmens 1921 der Stammsitz der Guzzi-Familie, und sogar das Grab des Gründers Carlo Guzzi befand sich auf dem direkt an das Werk grenzenden Friedhof. Dieses Jahr feierte die Guzzi ihren achtundneunzigsten Geburtstag. Zum Neunzigsten hatten die Veranstalter rund zwanzigtausend Besucher gezählt. Giulia schätzte, dass sie den Rekord diesmal noch gebrochen hatten. In der Gegend war kein freies Bett mehr zu bekommen. Die Fans campierten in Zeltstädten am See oder in den Vorgärten der Einheimischen. Seit Freitag waren die engen Gassen von Mandello komplett verstopft. Das Dröhnen der Motoren hallte tagsüber durch die Straßen und wurde allein von den Konzerten abgelöst, die ein paar überdrehte Rockbands bis weit nach Mitternacht auf der Bühne am Lago gaben. Heute Nachmittag stand der Höhepunkt des dreitägigen Spektakels an, die Parade der klassischen Guzzi-Modelle. Doch noch wirkte oberhalb des Sees alles so verschlafen wie immer.

Die Ortschaft Onno auf der gegenüberliegenden Seite des Lago, das Heimatdorf ihres Jacopos, blieb vom Nebel verschluckt, und das Spiel der Wolken verriet Giulia, dass sie gut daran taten, ihre Arbeit so schnell wie möglich zu beenden. »Wir müssen uns beeilen«, rief sie ihrem Mann zu. »Auf einem Friedhof können wir uns keine Bummelei erlauben. Erst recht nicht, wenn morgen Vormittag die Beerdigung von Großvater De Luca ansteht.« Der alte Knabe hatte zur Verwunderung aller darauf bestanden, die letzte Ruhe neben seiner Frau zu finden. Wo sonst konnte er absolut sicher sein, dass seine Gattin nie mehr keifen würde. Sein letzter Wunsch sollte dem Verblichenen erfüllt werden. Nur dass bei dem maroden Dach in Verbindung mit Regenschauern den Trauergästen morgen, noch bevor sie die Urne hier hereinschieben konnten, das Wasser aus dem geöffneten Grabfach entgegenschießen würde. Das wiederum würde die Trauerzeremonie und vor allem die Laune des Prete Filippo, des Gemeindepfarrers, empfindlich stören. Beides musste Giulia unbedingt verhindern, und so hatte sie dem alten Campanaro Chiapponi seine Bitte, den Friedhof für die Beerdigung herzurichten, nicht abschlagen können. Überhaupt sagte Giulia nie Nein, wenn jemand aus der Gemeinde ihre Hilfe brauchte. Oftmals jedoch waren auch die Fähigkeiten ihres Jacopo gefragt, denn begabte Handwerker waren rar. Abgesehen davon war dieser Friedhof, zweihundert Meter über dem See am Felsvorsprung des Grigno, der einzige, den sich fünf Fraktionen, wie die kleinen Ortschaften in Italien hießen, teilen mussten. Giulia und Jacopo trugen also nicht nur Verantwortung für das Gemeinwohl – so zumindest hatte Giulia ihrem Mann gegenüber argumentiert, um ihn an einem Sonntagvormittag zu diesem Dienst zu bewegen –, sondern standen auch unter Beobachtung der Bewohner von Zana, Linzanico, Novegolo und Crebbio, die zur Stadt Abbadia Lariana gehörten, und von Maggiana, das verwaltungstechnisch der Stadt Mandello del Lario zugeordnet war. Für einen Außenstehenden war es schier unmöglich, die Grenzen zwischen den Kommunen auszumachen, waren sie doch über die Jahre so ineinander verwachsen, dass das Wohnhaus einiger Bewohner zu der einen, der angrenzende Garten aber zu der anderen Kommune gehörte, was besonders bei steuerlichen Fragen zu einigem Durcheinander führte.

Giulia Cesare war vor fünfzig Jahren und zwei Wochen in der Küche des Hauses ihrer Großeltern väterlicherseits in der Strada per Molina in Maggiana, keine zwei Häuser von der Osteria entfernt, geboren worden, nachdem sich ihre Mutter, eine ebenso schöne wie energische Argentinierin, geweigert hatte, sich in das Manzoni-Krankenhaus von Lecco einliefern zu lassen. Als die Wehen eingesetzt hatten, war sie kaum einen Monat dem schwankenden Schiff entstiegen gewesen, das sie auf einer sechswöchigen Reise von Argentinien nach Italien zu ihrem geliebten Gatten gebracht hatte. An der Seite des attraktiven Piergiuseppe Cesare, der sich als aufstrebender Star am italienischen Fernsehhimmel wähnte, konnte sie es nicht erwarten, ein aufregendes Leben jenseits des ärmlichen Daseins in ihrer kleinkriminellen argentinischen Großfamilie zu führen. Aber dem feingeistigen, ein wenig lebensfremden Piergiuseppe, der seine Maria vergötterte, blieb die Schauspielkarriere mangels Talent verwehrt, und seine Frau hatte sich in einer kleinen Mansardenwohnung mit Außentoilette im Haus ihrer Schwiegereltern wiedergefunden. Maria nahm es mit Humor und führte ihren Ehemann künftig an straffen Zügeln durch das gemeinsame Leben. Dies war dem sanftmütigen Piergiuseppe erstmals an jenem regnerischen Tag klar geworden, als sich seine Frau kurz vor der Niederkunft geweigert hatte, in die Ambulanza einzusteigen. Nach der Erfahrung als Schwangere auf hoher See hatte sie keine Lust mehr auf einen Transport zu dem höchstens zehn Kilometer entfernten Lecco verspürt. Ihre Tochter kam als Hausgeburt zur Welt, was selbst im Italien der Sechzigerjahre eine Seltenheit geworden war, und wurde kurz darauf auf den ebenso wohlklingenden wie verheißungsvollen Namen Giulia Cesare getauft. Pierguiseppe hatte diese Entscheidung seiner temperamentvollen Ehefrau zähneknirschend, aber ohne Widerworte zur Kenntnis genommen. Insgeheim befürchtete er jedoch, die Bürde dieses Namens konnte auf den Schultern seines einzigen Kindes schwer lasten und sich im schlimmsten Fall als böses Omen erweisen. Doch daran verschwendete Maria keinen Gedanken. Das auf den Namen Giulia getaufte Schiff hatte sie und das Baby in ihrem Bauch sicher über den Atlantik geschippert. Damit war es für die frischgebackene Mutter das Naheliegendste gewesen, das Mädchen zeit seines Lebens daran zu erinnern, was seine Mutter auf sich genommen hatte. Dass eine Giulia mit dem Nachnahmen Cesare für Irritationen sorgen könnte, hatte sie dabei wenig gestört.

Giuli, wie ihre Freunde sie von klein auf nannten, hatte hier oben an den Hängen des Grigna eine friedvolle, fröhliche Kindheit verlebt. Und das, obwohl sie sich während ihrer gesamten Schulzeit die Bank mit einem Jungen namens Brutus hatte teilen müssen. Das Leben der Familie Cesare war ruhig und in geordneten Bahnen verlaufen. Pierguiseppe hatte sich mit Gelegenheitsjobs durchgeschlagen, während er insgeheim immer noch auf seine Entdeckung als Schauspieler hoffte, und Maria hatte sich glücklich in die Rolle der italienischen Mama gefügt. Nur zweimal war das Familienleben in eine Art Ausnahmezustand geraten. 1984, als Giulia sich gegen den Willen ihrer Eltern auf den Weg zur Scuola Superiore di Polizia, der Polizeischule, nach Rom gemacht hatte. Eine Cesare im Polizeidienst war ungefähr so abwegig wie ein Risotto ohne Parmesan. Noch dazu in einem Land, in dem Korruption auf der Tagesordnung stand und man sich selbst als vorbildlicher Bürger mit dem Eintritt in den Staatsdienst in eine Gemengelage begab, die niemand zu durchschauen vermochte. Doch Giulia hatte sich von alldem nicht beeindrucken lassen. Auch nicht von dem inständigen Flehen ihrer Mutter, deren Sorgen weniger der Mafia als ihrer argentinischen Verwandtschaft galten. Denn wie sollte sie einer Dynastie von motochorros, von Räubern auf Motorrädern, beibringen, dass ihre einzige Tochter die Polizeilaufbahn eingeschlagen hatte? Die toughe Giulia schüttelte auch diese Bedenken ab und brachte es in wenigen Jahren bis zum Commissario. Und Maria erfand Geschichten für die Verwandten im fernen Südamerika. Gerade allerdings, als sich ihre Eltern mit ihrer aus der Art geschlagenen Tochter abgefunden hatten, war die Familie von einem noch schlimmeren, geradezu absurden Ereignis heimgesucht worden. Es war der 4. Januar 1992 gewesen, Maria vermerkte dieses Datum bis heute in jedem Küchenkalender, als Vater Piergiuseppe tatsächlich seine erste Fernsehrolle ergattern sollte. Mit siebenundvierzig Jahren. Die RAI hatte Piergiuseppe für die Serie Mord in der Toskana als Polizisten engagiert. In Maggiana hatte ihn sein Durchbruch bei der Radiotelevisione Italiana viele Runden in der Osteria gekostet. Dabei war Piergiuseppe in der äußerst erfolgreichen vierteiligen Miniserie lediglich einmal kurz zu sehen gewesen. Und sein Text hatte aus genau zwei Worten bestanden: »Bitte, Commissario«, wobei er dem Star der Serie, Ray Lovelock, den Mantel reichen durfte. Für Piergiuseppe, der dies mit Bravur und der Eleganz eines stolzen Lombarden gemeistert hatte, waren weitere Rollenangebote dennoch ausgeblieben. Doch mit den wenigen Tagen am Set hatte sich seine Einstellung zur Polizeiarbeit schlagartig gewandelt, immerhin wusste er nun aus erster Hand, wie die Uhren in einer Questura tickten. Die väterlichen Ratschläge beim gemeinsamen sonntäglichen Mittagessen gehörten von da an zum festen Ritual der Familie Cesare.

Giulia nahm die Wasserflasche, lief hinüber zum Loculigebäude, stieg die daran lehnende Leiter hinauf, setzte sich neben Jacopo und streckte ihm die Flasche entgegen. Er trank einen Schluck, lächelte ihr zu und widmete sich wieder seiner Arbeit, während die Glocken der Kirche St. Antonio von Crebbio zur Zehn-Uhr-Messe riefen. Sie atmete die weiche Luft des Sees, streckte ihren Kopf in Richtung des Glockenturms, beobachtete das übergroße Läuterad mit der ausgeschwungenen Glocke, wie es in den Campanile häufig vorkam, und war froh darüber, dass diese Aufforderung des altehrwürdigen Prete Filippo nicht ihr galt. Seit ihrer heiligen Kommunion hatte sie weder diese noch irgendeine andere Kirche zu ihrem Privatvergnügen betreten. Wohl aber aus beruflichen Gründen. Oder aus Pflichtgefühl. Zum Beispiel, als der mitunter schusselige Prete Filippo den Schlüssel zur Sakristei verlegt hatte, in der er seine Weinvorräte versteckte. Allein ihr Jacopo hatte die Flasche Barolo daraus befreien können, ohne die dem Pfarrer das Risotto con filetti di pesce persico nur halb so gut schmeckte. Der Prete griff in solchen Fällen zum Telefon, und Giulia überredete ihren Mann, dem Pfarrer behilflich zu sein. Auch weil man ja nie wissen konnte, ob Gott nicht vielleicht doch ein wenig nachtragend war, und da Giulia in Glaubensdingen nicht sonderlich bewandert war, wollte sie kein Risiko eingehen.

Das Geläut von St. Antonio hatte gerade den letzten Schlag getan, als die Glocken von St. Rocco in dem kaum hundertfünfzig Meter entfernten Maggiana einsetzten. Kurz darauf ertönte der kräftige Schlag von St. Lorenzo vom See herauf. Der Wind stand gut, und so meldeten sich nach und nach alle Gotteshäuser in der Umgebung. Prete Filippo hatte es mal wieder geschafft. St. Antonios Ruf war als erster erklungen. Wie das zu Zeiten von digital gesteuerten Uhrwerken möglich war, blieb das Geheimnis seines Campanaro Chiapponi.

Der fast neunzigjährige Küster, dessen Schlitzohrigkeit proportional zu seinen Lebensjahren zu wachsen schien, hatte gerade das Portal von St. Antonio geöffnet und wartete auf die braven Gemeindeschäfchen. Giulia sah, wie der kleingewachsene Mann in ihre Richtung schaute, und zog es vor, sich wieder dem See zuzuwenden, bevor der Campanaro noch auf die Idee kam, über die Straße zu rufen.

Chiapponi war der beste Freund des Pfarrers und in allen kirchlichen Angelegenheiten wie auch sonst sein ergebenster Gralshüter. Moto-Guzzi-Chiappi, wie man ihn nannte, war ein äußerst schwieriger Charakter. Das hatte Giulia bereits mit zehn Jahren eindrucksvoll zu spüren bekommen, als sie in Chiappis Kirschbaum sitzend in den Lauf eines Carcano Modell 1891, eines Repetiergewehrs aus dem Jahr 1941, geblickt hatte. Chiappi hatte kein Verständnis für Mundraub gezeigt, obwohl es sich eigentlich um einen Liebesdienst gehandelt hatte. Denn die Handvoll Kirschen war für Brutus bestimmt gewesen, also eigentlich für Rossella, ein zierliches Mädchen mit langen Zöpfen und eng stehenden schwarzen Augen, für die ihr Freund in der Grundschule, geschwärmt hatte. Doch Brutus’ erste Liebe sollte unerhört bleiben, wie so viele danach. Das hatte nicht daran gelegen, dass Giulia, den Tod vor Augen, sich selbst über die Kirschen hergemacht hatte, sondern an Andrea, einem pickligen Zwölfjährigen aus der Nachbarschaft. Chiappi hatten dieses Liebesdrama sowie die Tränen des treuen Brutus, der zwischen seiner Verehrung für Rossella und der Angst um seine beste Freundin Giuli geschwankt hatte, gänzlich unbeeindruckt gelassen. Ihm war es nur um die Kirschen gegangen, seine Kirschen. Denn wenn der liebe Gott ihm schon diesen Baum geschenkt hatte, dann wollte er auch, dass er allein sich an den Früchten erfreute. Chiappis Logik in solcherlei Dingen war wohl seiner Kindheit geschuldet. Er stammte ursprünglich von einem kleinen Berghof auf der gegenüberliegenden Seite des Sees. So rau wie seine Kinder- und Jugendjahre gewesen waren, so gnadenlos war der alte Mann bis heute im Umgang mit seinen Mitmenschen, vor allem mit Giulia, die er noch immer für eine Kirschendiebin hielt.

Gerade im sechzehnten Lebensjahr angekommen, sollte sich Chiappis Erfahrungshorizont, der sich bis dahin auf Viehwirtschaft und die gemeinsamen Gebete mit seinen zehn jüngeren Geschwistern beschränkt hatte, in ungeahnter Weise erweitern – und er angesichts eines steifen Beines bis heute täglich daran erinnert werden. Vater Chiapponi, ein Mann von nicht zu unterschätzender Bauernschläue und überzeugter Gegner Mussolinis, hatte seinen Sohn im September 1943 mit dem Ochsenkarren nach Mailand gebracht, um ihn von dort auf eine abenteuerliche Reise Richtung Süden zu schicken, die den Jungen vor einem Einsatz für Mussolinis in Norditalien ausgerufene Italienische Sozialrepublik und damit vor dem Kampf auf der Seite der Faschisten bewahren sollte. Chiappi, der sich bis Neapel durchschlagen konnte, wurde von ein paar Soldaten der Regierung Badoglio, die von Süditalien aus mit den Alliierten kooperierte, aufgegriffen. Da der Junge sich in der Fremde keinen anderen Rat wusste und ihn schon einige Tage der Hunger geplagt hatte, meldete er sich freiwillig zum Kriegsdienst und kam dabei bis Sardinien, wo ihm deutsche Granatsplitter den rechten Unterschenkel zerfetzten. Die Kapitulation des Deutschen Reiches hatte er im Lazarett in den Armen einer jungen Krankenschwester erlebt, mit der er sich kurz darauf auf den Heimweg nach Norden gemacht hatte. Irgendwie war er in Mandello del Lario hängen geblieben, hatte geheiratet und dort im Stammsitz der Moto-Guzzi-Werke angeheuert. Von seinem ersten Gehalt hatte er sich 1946 die Astore, ein Motorrad ebenjener Marke, gekauft, das er zeit seines Lebens wie seinen Augapfel hütete, zur Beruhigung seiner Mitmenschen jedoch seit etwa einem halben Jahr nicht mehr gefahren war. Allerdings hatte er das Gefährt nach dem Tod seiner geliebten Frau direkt neben seinem Fernsehsessel aufgestellt. Auf diese Weise mied er für das stundenlange tägliche Polieren der Maschine den zugigen Gartenschuppen. Und, was aus seiner Sicht viel bedeutsamer war: Er schmälerte das Risiko, dass deutsche Touristen, die es zuletzt vermehrt an den Lago zog, ihm sein Heiligtum stehlen konnten. Dabei hätte die an der Hütte hängenden drei Nummernschlösser nicht einmal ein deutscher Ingenieur knacken können. Aber Chiappi hegte ein geradezu wahnhaftes Misstrauen gegen die »Kartoffelfresser«, das stets zunahm, wenn eine Gewitterfront über dem See aufzog. Durch die Luftdruckveränderung fingen die in seinem Bein verbliebenen Granatsplitter an zu wandern und erinnerten ihn bei jeder Bewegung an das Artilleriefeuer der Wehrmacht. Aber auch sonst machte er keinen Hehl aus seinem Argwohn gegenüber den Tedeschi. Nicht einmal, als er mit knapp siebzig das Amt des Küsters übernommen hatte und in den Dienst Gottes getreten war, was eigentlich ein höheres Maß an Freundlichkeit gegenüber Menschen jedweder Nationalität vorausgesetzt hätte. Ansonsten jedoch tat er für den Herrn und seinen Freund Prete Filippo alles, wozu auch das manuelle Glockenläuten zwei Minuten vor der Zeit zählte. Wobei ein an einem Seil hängender Greis mit dem Gewicht eines Schulkindes nicht nur über ein gehöriges Maß an Gottvertrauen, sondern auch Wagemut verfügen musste. Chiappi kannte lediglich eine Einschränkung: Blitz und Donner. Dann musste die Technik ran. An den vergangenen Sonntagen war die Wetterlage entspannt gewesen, und der Prete hatte mit seiner Kirche eindeutig den Sieg davongetragen.

Während Giulia noch immer auf dem Loculo hockte, konnte sie sehen, wie ein Schäflein nach dem anderen sein Haus verließ und den Rufen der Kirchenglocken folgte. Zuerst erschien Cesira Negri, eine trotz ihres fortgeschrittenen Alters auffallend schöne und grazile Frau von elegantem Äußeren. Die Leute erzählten, dass sie einmal Musiklehrerin in Mailand gewesen war. Näheres wusste man nicht zu berichten, denn Cesira Negri schwieg beharrlich über ihr Alter und hatte auch sonst nicht viel mit den Dorfbewohnern zu schaffen. Die strenggläubige alleinstehende Frau hatte vor einigen Jahren das Haus des alten Rossi, dessen Kinder ihn in ein Seniorenheim nach Lecco verfrachtet hatten, direkt gegenüber der Kirche erworben und lebte dort mit Tausenden Schallplatten und ohne Fernsehgerät. Das wusste der junge De Luca zu berichten, der mit seinem Ein-Mann-Betrieb hin und wieder ein paar Hausmeistertätigkeiten bei ihr ausführte. Er und der Prete waren die Einzigen, die ihr Haus bisher betreten hatten.

Cesira Negri trat auf die Straße, ohne nach links und rechts zu sehen, befeuchtete auf eine ihr eigene vornehme Art den Zeigefinger ihrer rechten Hand, fuhr sich nacheinander über die schmal gezupften Augenbrauen und strich anschließend über ihr schwarz glänzendes, zu einem strengen Knoten zurückgebundenes Haar. Sie wischte sich über die flachen, von einer hochgeschlossenen dunkelblauen Strickjacke bedeckten Brüste, als könnte ein Fussel darauf geraten sein, steuerte mit energischen Schritten auf das Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges zu, verneigte sich leicht und bog schließlich in Richtung Kirche ab. Wie an jedem Sonntag war sie die Erste.

Giulia war sich sicher, dass die Negri sie gesehen hatte, doch sie würdigte sie wie immer keines Blickes. So waren sie nun einmal, die Mailänder – am See die Ruhe und Natur suchen, auf die Einheimischen aber herabschauen, dachte sie, als plötzlich lautes Geschrei auf der Straße losbrach. Luigi und Achille, die beiden achtjährigen Enkelsöhne von Eleonora und Francesco Tommaso, waren aus dem Haus ihrer Großeltern gestürzt und prügelten sich um einen langen Holzstock, den sie augenscheinlich mit in die Messe nehmen wollten. Kurz darauf kam Francesco, ein großer, kräftiger Mann mit dunklem Schnauzbart, im Sonntagsanzug herausgeschossen, schnappte mit beiden Händen nach dem Holz, zerbrach es unter lautem Gezeter über seinem rechten Knie in zwei Hälften und reichte jedem der Kinder eine, die mit verdutzten Gesichtern danach griffen. Francesco war nun einmal ein kluger Mann und als Angestellter der Stadtverwaltung in Lecco ein angesehener Bürger. Als der Frieden zwischen den Enkeln wiederhergestellt war, folgte Eleonora, seine kleine, rundliche Frau mit kupferrot gefärbter Lockenmähne und viel zu großen Zähnen, deren Stimme mühelos bis hinunter zum See schallte. Sie versetzte den beiden Jungs eine Kopfnuss, henkelte sich bei ihrem sie um drei Köpfe überragenden Gatten ein und spazierte mit allen gemeinsam zur Kirche hinüber. Francesco schaute dabei kurz zum Friedhof und hob grüßend die Hand. Giulia winkte zurück und sah den Tommasos nach, bis sie aus ihrem Blickfeld verschwunden waren. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man die vier für eine richtig nette Familie halten, dachte sie amüsiert. Dann fiel ihr die sperrangelweit offen stehende Haustür ins Auge. Wie oft sollte sie Francesco eigentlich noch Vorträge über durch Leichtsinnigkeit begünstigte Einbrüche halten? Die Tommasos waren dafür bekannt, dass sie ihre Haustür niemals verschlossen, es sei denn, das Thermometer fiel doch einmal unter null Grad. Diese Angewohnheit war fahrlässig, auch den anderen Dorfbewohnern gegenüber. Denn diese wurden so unfreiwillig, aber äußerst umfassend über das Leben der Familie informiert. So waren alle dabei gewesen, als Francesco den Vater seiner Enkelsöhne, einen arbeitsscheuen Kellner aus Palermo, unter dem lautstarken Protest seiner Tochter Francesca die Treppe heruntergeprügelt und vor die Tür gesetzt hatte. Wütend darüber, dass sein eigen Fleisch und Blut ihm in den Rücken gefallen war, hatte Francesco kurzen Prozess gemacht, und Francesca durfte ihrem Palermitaner gleich folgen. Eleonora hatte das Toben ihres Mannes mit der Entsorgung von Francescas Sachen durch das Fenster hinaus auf die Straße begleitet, wobei sie von ihren Enkelsöhnen angefeuert worden war. Die Jungs blieben kurzerhand bei den Großeltern, und in der Familie wagte von da an niemand mehr, Francescos Autorität anzuzweifeln. Die Enkel waren nun mal sein Ein und Alles. Ansonsten liebte Francesco deftiges Essen und Fußball; Letzteren in einem Maße leidenschaftlich, dass er beim Sieg der Italiener über die Deutschen im Halbfinale der Europameisterschaft 2012 so laut und ausdauernd gejubelt hatte, dass einige Mitbürger besorgt die Ambulanza gerufen hatten. Man hatte befürchtet, dass Francesco in eine seiner Wildererfallen getreten war, die er regelmäßig oben bei der Cascata, einem kleinen Wasserfall im Wald, versteckte. Was seine Enkelsöhne anging, so kamen sie vom Temperament ganz nach dem Großvater, und mit ihren acht Jahren waren sie in kaum mehr als drei Minuten in der Lage, einem toten Hasen das Fell abzuziehen. Auch ihre Flinkheit beim Kastaniensammeln war beeindruckend. Noch ehe der gutmütige Giuseppe seine Plantage betreten hatte, waren die beiden mit vollen Beuteln über alle Berge. Trotzdem, es waren liebenswerte Burschen. Wie es dem Prete allerdings gelang, sie für die Dauer der Messe still auf seiner Kirchenbank zu halten, blieb Giulia ein Rätsel. Und die Geschichte, die ihr Freund Brutus immer wieder gern zum Besten gab, wonach die beiden vom Campanaro mit einem Strick an die Bank gefesselt wurden, wollte sie kaum glauben.

Als Nächste kam die schöne Teresa, gefolgt von ihrem Mann Giovanni, die Straße heraufgetrippelt. Die schlanke Brünette, deren Kurven sämtliche Männerblicke auf sich zogen, war erst vor einem knappen Jahr der Liebe wegen auf den Berg gezogen. Dass ihr Giovanni der Anlass gewesen sein sollte, Como zu verlassen, einen Job in Varenna anzunehmen und nach Abbadia Lariana zu ziehen, mochte man, wenn man die beiden so beobachtete, nicht glauben. Der Bellezza, wie sie im Dorf genannt wurde, sah man deutlich an, wie sehr sie das Landleben hasste und dass sie jeden Tag verfluchte, den sie hier oben verbringen musste. Der bedauernswerte Giovanni hatte die schönste Frau des Ortes, aber bereits kurz nach ihrem Einzug in seinem Elternhaus keinen gnädigen Gott mehr.

Das halbe Dorf ergötzte sich an den weiblichen Reizen der attraktiven Teresa, die das mit ihrer figurbetonten Kleidung und ihren ausladenden Bewegungen genüsslich zu provozieren schien. Was die Gafferei der Männer anging, so musste diese jedoch möglichst unauffällig geschehen, denn Giovanni hatte zwar im eigenen Haus nichts zu melden, aber bei potenziellen Nebenbuhlern vergaß er, ganz in der Manier eines echten Italieners, seine gute Erziehung. Amüsiert betrachtete Giulia das schwungvoll hin- und herwackelnde Hinterteil, bis ebenjenes von breiten Hüften in verbeulten schwarzen Plisseeröcken verdeckt wurde. Die Frauen des Kirchenchores hatten Teresa aus ihrem Blickfeld verdrängt. Die fünf ältlichen Damen, die aussahen, als wären sie einem kleinen sizilianischen Dorf bei Kriegsende entsprungen, und die gefühlt seit Giulias Geburt der christlichen Singgemeinschaft angehörten, fanden sich heute für ihre Verhältnisse erstaunlich spät ein. Wie aufgescheuchte Hühner schoben sie sich unter aufgeregtem Geschnatter nacheinander in die Kirche. Giulia schmunzelte. Gewiss stritten sie mal wieder über ihre Tiramisu-Rezepte oder über die in Olivenöl geschwenkten Tagliatelle mit Trockenfisch, eine der Spezialitäten am See. Meistens ging es bei ihren Zwistigkeiten ums Essen. Und um die Frage, auf wessen Kochkünste der Prete am ehesten schwor. Immerhin war der Pfarrer jeden Sonntag bei einer anderen Chordame zum Mittagessen eingeladen, das sich zum Leidwesen der Ehemänner meistens bis weit in den Nachmittag hineinzog.

Kaum waren die Singschwestern im Gotteshaus verschwunden, setzten Maria und Piergiuseppe Cesare ihre Füße auf die Stufen von St. Antonio. Giulia stutzte. Warum waren ihre Eltern hier und nicht in St. Rocco? Um die heilige Messe zu feiern, mussten sie nicht mehr als zwei Schritte aus der eigenen Haustür machen. Sonst kamen sie nie hierher. Sie hatten doch wohl nicht das gemeinsame Mittagessen verschoben, ohne ihr Bescheid zu sagen? Ausgerechnet, wenn Jacopo sich hier für Giulia abmühte. Er würde bestimmt einen Bärenhunger haben. Dabei gelang es ihr schon im Normalfall mehr schlecht als recht, ein paar Spaghetti al pomodoro zuzubereiten. Und heute hatte sie nicht einmal Tomaten im Haus. Dann sah sie, wie Maria vor dem Kirchenportal stehen blieb und sich hektisch nach allen Seiten umschaute. Sie führt etwas im Schilde, dachte Giulia. Hoffentlich ging es dabei nicht wieder um ein von Francesco Tommaso illegal erlegtes Wildschwein, von dem sie ihm für ein paar Euro ein Stück abschwatzte, das sie anschließend für viel Geld an die Osteria weiterverscherbelte. Irgendwann würde Francesco dahinterkommen. Bei dessen aufbrausendem Naturell wäre die Peinlichkeit für die gesamte Familie Cesare vorprogrammiert. Oder sie hatte sich mit Angelo, dem Einsiedler von der Cascata, verabredet. Dann gab es zum Nachtisch wenigstens Ziegenkäse. Was der seltsame Kauz sonst noch alles aus den Bergen mit ins Dorf brachte, wollte Giulia gar nicht so genau wissen. Hauptsache, Maria bezahlte den armen Schlucker dieses Mal. Ewig würde sie sich die Nummer mit der Kostprobe, anhand derer sie sich erst von der Qualität des Käses überzeugen musste, nicht leisten können. Giulias Mutter nahm es mit der Ehrlichkeit und auch hin und wieder mit dem Gesetz nicht so genau, und es war besser, stets ein Auge auf sie zu haben. Giulia blickte zur Kirche, bis ihre Eltern darin verschwunden waren. In der einstündigen Messe konnte Maria nichts anstellen – das hoffte sie zumindest. Neugierig suchte sie die Umgebung nach einem von Marias Geschäftspartnern ab. Doch außer ein paar weiteren braven Mitbürgern, die im schönsten Sonntagszwirn zum Gotteshaus eilten, war niemand zu sehen. Es war schon erstaunlich, wie viele Menschen auch im 21. Jahrhundert ihr Seelenheil im Glauben fanden. Zumindest oberhalb des Sees, denn im einstmals tief katholischen Italien war dies lange keine Selbstverständlichkeit mehr. Aber so waren die Menschen nun einmal. Sie brauchten jemanden, an den sie sich halten konnten, auch wenn derjenige seit zweitausend Jahren tot war. Sollten die alle der langweiligen Predigt des Prete lauschen, Giulia hatte Wichtigeres zu tun. Das Dach musste dicht sein, bevor der nächste Regenguss kam. Und so, wie der Himmel über dem See aussah, konnte das nicht mehr allzu lange dauern.

2 »Giuli! Giuli! Komm runter. Du musst sofort runterkommen.« Brutus Grazioli, der Postbote der Gemeinde und engster Freund von Giulia Cesare, rief schon von Weitem, während er in einem mörderischen Tempo auf seinem hellblau-weißen E-Bike die steile Dorfstraße heruntergeschossen kam. Beim Friedhof angekommen, kam das Rad quietschend zum Stehen, und er sprang breitbeinig ab. »Giuli, schnell!« Aufgeregt fuchtelte er mit den Armen. »Ich brauche dich.«

Irritiert blickte Giulia ihren Freund an. Die beiden kannten sich seit dreiundvierzig Jahren, aber so durch den Wind hatte sie den scheuen Brutus noch nie erlebt. Doch, vielleicht einmal. Da sollte er Matteo ein Paket überbringen, irgendein teurer Handykram für dessen Enkel. Eigentlich wäre das nicht der Erwähnung wert gewesen, denn Brutus erledigte seinen Job äußerst gewissenhaft, wie alles andere auch. Aber Matteo hatte an diesem Tag schlichtweg zu viel mit der Herstellung seines Bitto um die Ohren gehabt und darüber vergessen, Werner, seinen Deutschen Schäferhund, wegzusperren. Jeder hier oben – vorausgesetzt, er wollte seine Post bekommen – schloss für Brutus Grazioli die Hunde weg. Dessen Angst vor Vierbeinern war legendär, und alle respektierten sie. Es sei denn, Mario De Luca erwartete ein Einschreiben vom Finanzamt. Dann band er seinen Foxterrier, ein außergewöhnlich liebes Tier, das unter Arthrose litt und längst erblindet war, am Briefkasten an. Das brachte ihm mangels zugestellter Post gut und gern drei Tage Aufschub für seine säumigen Steuern. Im Fall von Matteo und seinem Werner war das Ganze allerdings nicht geplant gewesen. Der ahnungslose Brutus war, kaum dass er den Vorgarten betreten hatte, unter fröhlichem Gebell und Schwanzwedeln von dem Schäferhund begrüßt worden. Normalerweise harrte der Rüde an einen Baum gebunden im Garten aus. Brutus hatte die Begeisterung nicht teilen können und war laut schreiend um sein Leben gerannt, einmal quer durch die Gemeinde. Und was dabei alles über seine Lippen gekommen war. Nicht einmal Giulia hatte ihn beruhigen können. Erst als sie ihre Dienstwaffe gezogen und zweimal in die Luft geschossen hatte, war Brutus die Spucke weggeblieben, und der verspielte Werner hatte das Weite gesucht.

Giulia schaute ihren Freund prüfend an. Was auch immer er von ihr wollte, es würde sie an einem Sonntagvormittag nicht aus der Ruhe bringen. Was sollte es schon so Dringendes geben, mitten in der heiligen Messe? Da standen in den meisten italienischen Gemeinden die Uhren still.

»Was ist los, Brutus? Wirst du von einem Pekinesen verfolgt?«, rief Jacopo unter schallendem Lachen vom Dach des Loculo.

»Lass den Blödsinn«, bellte Brutus mit beleidigter Miene zurück. »Und du komm endlich runter, Giulia. Da ist etwas, das du dir ansehen solltest. Du auch, Jacopo, man kann ja nie wissen, wie gefährlich das wird …« Dem kleinen, drahtigen Mann mit den abstehenden Ohren und dem kahl rasierten Schädel, an dessen dunklen Haaransätzen man unschwer erkennen konnte, dass er eigentlich eine Halbglatze hatte, lief der Schweiß an den Schläfen herunter. Er trug eine himmelblaue Radlerhose und ein gelbes, eng anliegendes T-Shirt mit dem blauen Schriftzug POSTEitaliane, wobei die ersten fünf Buchstaben fett hervorgehoben waren. Um seinen Hals baumelte eine Kordel, an der eine schmale Sonnenbrille hing. Seine mit dichten schwarzen Härchen überzogenen Arme und Beine waren braun gebrannt, nur sein Gesicht wirkte ungewöhnlich blass.

»Geht nicht.« Jacopo hob entschuldigend die Schultern. »Wenn es regnet, tropft es ins Grab der De Lucas, und die alte Tante Rossi wird auch nass. Das wollen wir doch nicht.« Er zwinkerte Giulia zu, und das Hämmern setzte wieder ein.

»Mamma mia! Die ist seit fünf Jahren tot. Wen juckt das noch?« Brutus japste. »Die Frau bei der Kirche. Die … die ist noch nicht einmal kalt. Nun macht schon!«

Giulia hielt einen Moment inne. Dann sprang sie auf, schüttelte kurz die Beine aus, wischte die Hände an den Oberschenkeln ab und stieg mit federnden Schritten die Leiter hinunter. Jacopo ließ den Hammer fallen und folgte ihr schweigend. Ohne auf ihre Schuhe zu achten, die immer noch im Gras lagen, marschierte sie im Stechschritt die kleine Anhöhe zur Straße hinauf. Oben angekommen, musterte Giulia ihren Freund mit dem durchdringenden Blick einer Commissario, die schon so einige fürchterliche Dinge zu sehen bekommen hatte. »Was hast du gesagt?«

Der sanftmütige Brutus zuckte angesichts ihres scharfen Tons zusammen. »Auf … auf dem Rasen hinter St. Antonio. D… da liegt eine t-t-tote Frau«, stammelte er mit hochrotem Kopf. »Ich habe sie beim Vorbeifahren zufällig gesehen. Mehr nicht … Das schwöre ich!«

Giulia brummte. »Jetzt klappen die Leute schon auf dem Weg in die Messe ab.« Sie streckte in einer übertrieben theatralischen Geste die Hände mit gespreizten Fingern in die Luft und schaute zum Himmel, so als würde sie den Heiligen Geist dafür verantwortlich machen.

Jacopo, der neben ihr stand, musterte seine Frau mit einer Mischung aus Sorge und Belustigung.

Ein Seufzer entfuhr Brutus’ schmalem Brustkorb. »Ich glaube nicht, dass sie …« Er senkte seine Stimme fast zu einem Flüstern. »… dass sie in die Kirche wollte.«

»Wieso denn nicht? Die sind doch alle vorhin brav hingedackelt wie Matteos Ziegen«, antwortete Giulia, während die drei schnellen Schrittes hinauf in Richtung St. Antonio gingen.

»Trotzdem«, sagte er gedehnt. »Sie wollte … sie wollte ganz bestimmt nicht …«

»Ach, papperlapapp!« Ungeduldig schnitt Giulia ihrem Freund das Wort ab. »Ganz sicher war sie auf dem Weg in die Kirche.«

»Ja gut, wenn du meinst, Giuli. Aber dann wollte sie im Evakostüm die Messe feiern. Sie ist nackt. Splitterfasernackt.«

* * *

»Die Deutsche«, entfuhr es Giulia beim Anblick der Toten auf der Kirchwiese. Gedankenversunken stand sie neben dem leblosen Körper und betrachtete die Situation eingehend. Es brauchte keine dreißig Jahre Erfahrung in kriminalpolizeilicher Arbeit, sondern allein gesunden Menschenverstand, um zu erkennen, dass die Dame kaum durch einen Unfall oder Herzinfarkt auf dem Weg zur Messe dahingeschieden war. Ihre Nacktheit genügte, um vom Schlimmsten auszugehen. Die Frau lag im Gras, ausgestreckt auf dem Rücken, die Arme eng am Körper anliegend. Dieser war wohlgeformt, vielleicht etwas rundlich, aber durchaus ansehnlich. Ihre Haut schimmerte weiß und durchlässig wie Pergamentpapier und war für die sechzig Lebensjahre, die sie mindestens erreicht haben musste, erstaunlich straff. Zwischen ihren Brüsten, deren Üppigkeit die Gesamterscheinung komplettierte, funkelte ein edel wirkendes silbernes Amulett, das sie an einer Erbskette um den Hals trug. An ihrem rechten Handgelenk glänzte das dazu passende Armband neben dem grellgrünen Einlassbändchen des Moto-Guzzi-Festes. Ihr Gesicht wirkte entspannt und für eine Leiche außergewöhnlich ausdrucksstark, was wohl an ihren ausgeprägten Wangenknochen und den dunkelrot bemalten Lippen lag. Ihre blonden Haare hatte sie zu einem Haarkranz zusammengebunden, wie man ihn von auf Traditionen bedachten Ukrainerinnen kannte, wobei die Frisur der Toten ziemlich ramponiert wirkte. Vermutlich lag das an der übel aussehenden Platzwunde, die oberhalb der linken Schläfe klaffte und diesem fast friedlich wirkenden Akt seine Unschuld nahm.

Jacopo stand ein wenig abseits und sagte kein Wort. Giulia wusste, dass er alles Verständnis der Welt für ihre Arbeit hatte, obwohl er dem Job, den sie so sehr liebte, nur wenig abgewinnen konnte.

Brutus, der fast an Giulia lehnte, als müsste sie ihn vor der toten Frau beschützen, beugte sich weit nach vorn, nickte zustimmend und sagte ein wenig überrascht: »Angelika Krüger, tatsächlich.«

Giulia hob die rechte Augenbraue. »Ich dachte, du wusstest, dass es sich um die Krüger handelt? Ich meine, wer hat denn sonst noch strohblonde Haare hier oben? Die leuchten doch schon von Weitem.«

Brutus schüttelte eifrig den Kopf. »Das habe ich gar nicht wahrgenommen, weil ich heute so spät dran war. Du weißt schon, die Messe.« Er hatte die Unterlippe vorgeschoben und musterte die nackte Frau eingehend.

Giulia wusste, dass ihr Freund Sonntag für Sonntag die Kirche besuchte; warum er das tat, war ihr nach wie vor schleierhaft. Bis vor drei Jahren hatte Mutter Grazioli ihren Sohn ganz nach alter Sitte dazu gezwungen, aber seitdem sie in einer Urne im Loculo lag, gab es niemanden mehr, der Brutus bevormundete. Außer natürlich seine biestigen Schwestern, die doppelte Sonnenfinsternis, wie Giulia die beiden aufgrund ihrer Leibesfülle getauft hatte. Aber die Matronen lebten in Bellagio auf der anderen Seeseite mit ihren bemitleidenswerten Ehemännern und kamen kaum noch auf den Berg. Giulia verkniff es sich, ihren Freund heute damit aufzuziehen, stattdessen nickte sie verständnisvoll.

Brutus redete weiter, ohne seine Blickrichtung zu ändern. »Wie ich mit meinem Rad so die Straße zur Kirche hinuntersause, sehe ich im Augenwinkel die Nackte da liegen.« Er atmete schwer.

»Und bei dem Anblick einer nackten Frau hast du sofort das Weite gesucht. Kein Wunder, dass du jeden Samstag mit uns in der Osteria hockst, statt mit einer hübschen Blonden, Brünetten, Rothaarigen im Kerzenschein am See zu sitzen …«, neckte Jacopo, um den sichtlich angeschlagenen Brutus aufzuheitern. Er lächelte Giulia zu, nickte und machte sich wieder auf den Weg hinunter zum Friedhof.

Giulia schaute ihrem Mann noch einen Moment nach, dann fischte sie ein Tempotaschentuch aus der Hosentasche, ging in die Knie, drehte vorsichtig den Kopf der Krüger zur Seite und betrachtete die Wunde. »Du hast nicht angehalten?«, fragte sie, wobei ihr ein Duft in die Nase stieg, den sie nur allzu gut kannte.