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Matthias Heine

Eingewanderte Wörter

Von Anorak
bis Zombie

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Einleitung

Sogar in den multikulturellsten Milieus von Berlin wird man niemals in einer Bar mit einem Engländer, einem Polynesier, einem Maya, einem Assyrer, einem alten Römer, einem Japaner und einem Minnesänger aus der Stauferzeit zusammen an einer Theke stehen. In einem deutschen Satz dagegen ist solche Diversität problemlos möglich. Beispielsweise in dem (zugegebenermaßen etwas konstruierten) Fluch, der aus einem Verriss von Heideggers Sein und Zeit in einer Studentenzeitung stammen könnte: »Das Gerede von diesem Clown geht mir total auf den Sack, weil er in einem Orkan von Zusammenhanglosigkeit ohne jedes Tabu Sinn und Grammatik opfert, als wäre er irgendein Bonze oder Gauleiter.« In diesem Satz sind eingewanderte Wörter aus den Sprachen der genannten Völker und Zeiten versteckt. Am einfachsten identifiziert man noch »Clown« als englisches Wort, aber wer weiß schon, dass »Tabu« aus dem Polynesischen, »Sack« aus dem Assyrischen, »Orkan« aus dem Mayathan, »opfern« aus dem Lateinischen und »Bonze« aus dem Japanischen stammt? Und dass »Gau« ein ausgestorbenes Wort war, bevor es um 1800 von nostalgischen Schriftstellern von den Toten erweckt wurde und gewissermaßen als »Zombie« wieder in die deutsche Sprache ›einwandern‹ durfte?

In der deutschen Sprache gibt es viele Migrationshintergründe. Nicht alle sind noch sichtbar. Seit Jahrtausenden vereinnahmen unsere Muttersprache und ihre Vorläufer Wörter ganz unterschiedlicher Herkunft. Der älteste Einwanderer in diesem Buch ist »Erz«, das möglicherweise aus dem Etruskischen ins Germanische übergegangen ist – was dann schon vor mehr als 2 000 Jahren geschehen sein könnte. Ein Zeugnis früher internationaler Handelsbeziehungen.

Vieles, was im Althochdeutschen oder schon zuvor in germanischen Dialekten aus fremden Sprachen übernommen wurde, ist heute gar nicht mehr als Fremdwort erkennbar: Kaum einer ahnt noch, dass »Kreuz« sich aus dem lateinischen crucis, dem Genitiv von crux, entwickelt hat und dass »Kirche« vom griechischen kyriké abstammt. Geläufiger ist hingegen, dass diese beiden genannten antiken Sprachen uns extrem großzügig mit Wörtern beliefert haben. Auch der spätere gewaltige Einfluss des Französischen, aus dem wir sogar im Mittelalter die Verb-Endung -ieren importiert haben, und neuerdings des Englischen ist bekannt.

Aber schon beim Italienischen, beim Spanischen und beim Holländischen setzt die Verfinsterung des Wissens ein. Als ich vor ein paar Jahren mal in einem Artikel auf den Einfluss des Arabischen und Türkischen auf unseren Wortschatz hinwies, reagierten manche Leser sogar richtig aggressiv und witterten Islamisierungspropaganda.

Daneben gibt es viele deutlich exotischere Sprachen, die nur ein oder zwei Wörter ins Deutsche eingeschleust haben. Das ist so wenig, dass sie meist nicht einmal im Register einschlägiger Wörterbücher auftauchen. Niemand hat sich bisher die Mühe gemacht, aufzulisten, aus welchen Teilen der Welt wir Wörter bezogen haben.

Dabei ist es doch ungemein interessant, dass wir manche Dinge mit Ausdrücken bezeichnen, die aus dem Nenzischen, aus dem südindischen Kannada, aus dem Hindustani, dem längst ausgestorbenen karibischen Taino oder aus Sprachen der nordamerikanischen Ureinwohner und der australischen Aborigines entlehnt sind. So wie menschliche Migranten aus fernen Weltgegenden, so sind auch die Wörter meist nicht direkt nach Deutschland gekommen, sondern haben auf ihrer Reise diverse Zwischenaufenthalte anderswo eingelegt. Im Verlauf eines jahrhundertelangen ›Sprachen-Hoppings‹ näherten sie sich schließlich dem deutschen Siedlungsgebiet. Dabei hatte sich sehr häufig schon ihre Bedeutung gewandelt und ihre Form und Aussprache unseren Gewohnheiten angenähert. Da der wahre Ursprung sich oft gar nicht zweifelsfrei rekonstruieren lässt, findet man in den Wörterbüchern und der wissenschaftlichen Fachliteratur in vielen Fällen nur den Hinweis, die Wörter seien aus anderen europäischen Sprachen importiert worden, etwa aus dem Englischen, Spanischen, Portugiesischen oder Französischen – übernommen also von Völkern, die in früheren Zeiten weiter in der Welt herumkamen als die Deutschen. Aber man liest wenig darüber, wo all die Konquistadoren, Kolonialisten und Kaufleute, die gewissermaßen als linguistische Zwischenhändler agierten, jene Wörter ursprünglich einmal aufgeschnappt haben.

Allerdings bezieht sich der Titel dieses Buches nicht nur auf Wörter, die eine große geografische Distanz überbrückt haben, sondern auch auf solche, die nur eine Sprachgrenze überwanden. Manche der ›eingewanderten‹ Wörter stammen aus Sprachen, die bereits auf dem heutigen deutschen Staatsgebiet existierten, bevor im Gefolge von Luthers Bibelübersetzung allmählich unsere neuhochdeutsche Standardsprache entstand. Das Jiddische, das Rotwelsche, das Schwyzerdütsch oder das Romani gehören zu diesen gar nicht exotischen Sprachen, aus denen Wörter in unser heutiges Standarddeutsch migriert sind.

Und natürlich sind auch die Dialekte wichtige Zulieferer. Heute neigen wir dazu, Mundarten als »falsches« Deutsch zu betrachten, doch zum Teil handelt es sich richtiggehend um selbstständige Sprachen mit eigener Grammatik. Das Niederdeutsche wäre in einer Alternativgeschichte, in der die Hanse ihre Macht nicht verloren hätte, möglicherweise die deutsche Standardsprache geworden. Stattdessen entstand unser heutiges Deutsch aus der näher mit den oberdeutschen Dialekten verwandten ostmitteldeutschen Mundart, die Luther als Grundlage seiner Bibel-Verdeutschung nahm. Das hielt ihn nicht davon ab, einzelnen Einwanderern aus dem Niederdeutschen Asyl in seinem Sprachkunstwerk zu gewähren – beispielhaft dafür steht in diesem Buch das Wort »Lippe«.

Bevor sich deutsche ›Kolonialisten‹ das Land aneigneten, lebten dort, wo die ostmitteldeutsche Mundart relativ spät entstand, Slawen. Sie wurden mit der Zeit sprachlich assimiliert, gingen meistenteils irgendwann dazu über, Deutsch zu reden. Die letzte anerkannte slawische Minderheit auf deutschem Boden sind die Sorben. Aus deren Sprache ist »Plauze« ins Deutsche und in dieses Buch gelangt. Man hätte auch die »Preiselbeere«, deren Name sorbischen Ursprungs ist, aufnehmen können. Essensbezeichnungen und Tiernamen sind naturgemäß unter den eingewanderten Wörtern sehr stark vertreten. Bei neu entdeckten Nahrungsmitteln und Lebewesen lag es eben besonders nahe, deren Namen gleich aus jenen Weltgegenden mitzubringen, in denen man sie zum ersten Mal gegessen oder gesehen (oder beides) hatte. Extra erschaffene Bezeichnungen konnten sich meist nicht durchsetzen. Versuche wie der »Paradiesapfel« verschwanden bald wieder zugunsten der eigentlich aztekischen »Tomate«; nur in den österreichischen Paradeisern lässt sich die ›Paradiesfrucht‹ noch erahnen.

Und so hat sich das Deutsche, dieser linguistische Vielfraß, Wörter aus allen bevölkerten Kontinenten einverleibt. Fast könnte man sagen: Wer Deutsch spricht, spricht auch etwa 120 andere Sprachen – so viele habe ich bei meinen Recherchen gezählt, auch wenn am Ende nicht alle ins Manuskript gelangt sind; manche Begriffe, wie »Tamariske« aus dem Berberischen, der karibische »Kaiman« oder der »Skipetar« aus dem Albanischen, waren dann doch zu peripher (auch wenn Karl-May-Leser bei letzterem widersprechen würden).

Bei der Zuordnung der Wörter zu den jeweiligen Herkunftssprachen habe ich mich nicht immer für die Sprache entschieden, von der aus das Wort vor langer Zeit einmal seine Reise zu uns begonnen hat, sondern zuweilen für diejenige, mit der der entscheidende kulturelle Kontakt zustande kam: Für die Aufnahme von »Clown« oder »Gletscher« in unseren Wortschatz ist nicht entscheidend, dass sie auf lateinische Vorformen zurückgehen. Viel wichtiger war die Begegnung mit der englischen Bühnensprache im 17. Jahrhundert oder der Austausch über Naturphänomene der Hochalpen mit rätoromanischen Bergvölkern. Würde man jedes Wort mit einer lateinischen Wortwurzel dem Lateinischen zuordnen, kämen Hinweise auf das Französische, Italienische oder Spanische in diesem Buch so gut wie gar nicht vor, denn der Großteil des romanischen Wortschatzes geht auf das Lateinische zurück.

Darüber hinaus ist eben viel interessanter, dass auch nicht so berühmte Sprachen uns mit Vokabeln beliefert haben, die heute selbstverständlicher Bestandteil des Deutschen sind. Es ist doch eine hübsche Überraschung, dass »rodeln« aus einer Sprache stammt, die nur noch von wenigen Tausend Menschen in einem Schweizer Kanton gesprochen wird. Und dass »Pastrami« das einzige rumänische Lehnwort in der deutschen Sprache ist, finde ich viel faszinierender als die Tatsache, dass es einen türkischen Vorläufer hat – türkische Wörter gibt es im Deutschen nicht wenige: außer »Dolmetscher« beispielsweise »Kaviar«, »Schabracke« und »Kiosk«, der einst ein Gartenhaus war. Aber der Ort, von dem aus »Pastrami« über Umwege letztlich ins Deutsche gelangt ist, war nun einmal Rumänien.

Dieses Buch nimmt den Leser mit auf Reisen zu den Ursprungsorten der eingewanderten Wörter. Und es lässt sehr oft die Menschen – etwa Wissenschaftler, Literaten, Philosophen oder Politiker – zu Wort kommen, die vor ein paar Jahrhunderten zum ersten Mal in ihren Texten exotische Begriffe ausprobierten, die uns heute meist so deutsch vorkommen wie Mülltrennung, Socken in Sandalen und Autobahnen ohne Tempolimit. Bei näherer Betrachtung wird sehr deutlich: Unsere heimelige Muttersprache ist viel globalisierter, als wir denken.

Abenteuer

Altfranzösisch // Substantiv, Neutrum // Häufigkeit ***

gefahrvolle Situation, riskantes Unternehmen

Das Abenteuer war mal eine Frau. Wolfram von Eschenbach lässt in seinem Epos Parzival eine Frau Aventiure als Gesprächspartnerin des Erzählers und dichterische Muse auftreten. Das ist der Grammatik geschuldet: Im Mittelhochdeutschen heißt es die âventiure. Denn das altfranzösische Wort, das deutsche Dichter sich ausborgen, um den Inhalt ihrer Versdichtungen zu beschreiben, lautet aventure und ist ebenfalls weiblich. Schon in den alten Handschriften des zwischen 1190 und 1210 entstandenen Nibelungenlieds wurden die einzelnen Kapitel von den Schreibern als âventiuren bezeichnet. Wie im Französischen bedeutet âventiure auch im Deutschen zunächst so viel wie »wunderbare Begebenheit« oder »glücklich überstandenes Wagnis« – also im Kern das, worum es in der Ritterepik des Hochmittelalters geht. Neben dem Parzival Wolfram von Eschenbachs sind der Iwein und der Erec des Hartmann von Aue dafür beispielhaft. Im Gegensatz zu heute, wo »Abenteuer« viel lässiger gebraucht und oft sogar abwertend gemeint ist, war eine âventiure in der mittelalterlichen Dichtung auch immer eine moralische Prüfung des ritterlichen Helden. Das Wort wird schnell eingedeutscht und falsch verstanden an ähnlich klingende deutsche Begriffe angelehnt, was dann zu Schreibungen wie âbentür, ebentür, ôbentür und ofentür führt. Noch Barockdichter wie Weckherlin oder Gryphius gebrauchen »Abenteuer« als Femininum; erst dann setzt sich das Neutrum durch. In unseren wohlbehüteten Zeiten hat »Abenteuer« einen negativen Beiklang – besonders in Politik und Wirtschaft. 2019 schrieb die MDR-Website über vermeintliche Annäherungen zwischen AfD und CDU im Magdeburger Landtag: »SPD-Landeschef Burkhard Lischka kommentierte, die CDU Sachsen-Anhalt denke wieder laut über ein politisches Abenteuer nach, das Sachsen-Anhalt nicht bekommen werde.« Seit der frühen Neuzeit kann »Abenteuer« auch eine Liebesaffäre bezeichnen. Goethe wählt es als ironisch-verhüllenden Ausdruck mit Vorliebe da, wo er nähere Angaben vermeiden möchte. Manchmal hebt er geradezu hervor, wie abgeschmackt das einstige Heldenwort im Jahrhundert der galanten Tändelei geworden ist, beispielsweise in einem Brief aus der Schweiz von 1779: »Auch mich hat ein liebes Abenteuer erwartet. Abenteuer? warum brauche ich das alberne Wort, es ist nichts Abenteuerliches in einem sanften Zuge, der Menschen zu Menschen hinzieht.«

Amok

Malaiisch // Substantiv, maskulin // Häufigkeit *

krankhafter Zustand, in dem der Verwirrte wahllos Menschen ermordet

Im Malaiischen bedeutet das Wort amok »rasend, wütend, verzweifelt (im Kampf)«. Es taucht 1660 zum ersten Mal in einer deutschsprachigen Reisebeschreibung auf. In Malaysia wurde es aber auch als Warnruf gebraucht, wenn ein Mann, der zu viel Opium geraucht hatte, gewalttätig wurde. Carl Peter Thunberg beschreibt das 1792 in seinem Buch Reise durch einen Theil von Europa, Afrika und Asien: »Kommt ein solcher durch Opium rasend gewordner auf die Straße, so wird Amok, Amok geschrien, und jedermann hat das Recht, einen auf diese Art berauschten Menschen, den die Gesetze für vogelfrey erklären, todt zu schlagen.« Diese Beschreibung erklärt auch, warum im Deutschen zunächst die Wendung »Amok über jemanden rufen« geläufig ist. Hundert Jahre später, 1892, schreibt Josef von Lehnert in seinem Buch Die Seehäfen des Weltverkehrs über die Waffen der Polizei in Niederländisch-Indien (heute Indonesien): »lange hölzerne Gabeln mit dornigen Zweigen, deren grosse Dorne nach rückwärts stehen und auf diese Weise Fanginstrumente bilden, die gegen Widerspenstige angewendet werden«; sie seien insbesondere wertvoll »gegen die Amokläufer (orang amok), die in ihrem Laufe alles Lebendige, das ihnen in den Weg kommt, in blindem Fanatismus tödten«. Seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird »Amok« dann auch übertragen gebraucht, beispielsweise von Stefan Zweig 1922 in seiner Novelle »Der Amokläufer«, wo es heißt: »Eine Stunde im ganzen, nachdem diese Frau in mein Zimmer getreten, hatte ich meine Existenz hinter mich geworfen und rannte Amok ins Leere hinein …«

Ananas

Guaraní // Substantiv, feminin // Häufigkeit **

Pflanzenart aus der Familie der Bromeliengewächse, insbesondere deren Frucht

Als der legendäre CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß 1968 verkündet: »Was mich angeht, so würde ich lieber Ananas in Alaska züchten als Bundeskanzler sein« (zwölf Jahre später stellt er sich dann doch zur Wahl), ist das ein paradoxes Bonmot, das die Absurdität solcher Vorstellungen andeuten soll. Doch es hat einen wahren Gehalt: Die Ananas kommt tatsächlich ursprünglich aus Amerika, nur – wenig überraschend – aus einer ganz anderen Himmelsrichtung. Dort wurde sie in allen tropischen Gebieten bis hinauf nach Mexiko im Norden vermutlich schon seit 4 000 Jahren als Kulturpflanze, als Nahrungsmittel, Heilmittel und zur Weinherstellung angebaut – für Letzteres eignete sie sich gut aufgrund ihres hohen Zuckergehaltes. 1557 erwähnt der französische Forschungsreisende und Mönch André Thevet die Frucht, die er in Brasilien kennengelernt hat, in seinem Werk Les singularitez de la France antarctique. Für die Bezeichnung kommen verschiedene indigene Sprachen infrage. Heute nimmt man an, dass naná aus dem Guaraní das Urwort war, aus dem sich unter Zufügung des Artikels a und des Plural-s im Portugiesischen das Wort ananas entwickelt hat. Guaraní wird heute noch von bis zu fünf Millionen Menschen in Paraguay sowie in Teilen Argentiniens, Boliviens und Brasiliens gesprochen. Über das Französische kam »Ananas« im 16. Jahrhundert ins Deutsche. Die spanische Bezeichnung für die Frucht lautet dagegen piña, woraus sich das englische pineapple entwickelt hat.

Anorak

Kalaallisut // Substantiv, maskulin // Häufigkeit **

wind- und regenfeste Jacke mit Kapuze

Der Anorak wurde naturgemäß an einem Ort erfunden, an dem man warme und wasserfeste Bekleidung besonders gut gebrauchen kann – von den indigenen Robbenjägern Grönlands, denen wir auch das Wort verdanken. Das Substantiv »Anorak«, das wir heute unter weit milderen klimatischen Bedingungen für eine regenfeste Kapuzenjacke verwenden, stammt aus dem Kalaallisut. Das ist die wichtigste Varietät der von den Inuit auf Grönland gesprochenen eskimo-aleutischen Sprache. Sie wird auch als »Westgrönländisch« bezeichnet, im Gegensatz zum ostgrönländischen Tunumiit oraasiat. Über das Dänische kommt »Anorak« dann zu uns. In einem deutschen Text liest man das Wort erstmals 1888, als die Wiener Neue Freie Presse eine Weihnachtsgeschichte der grönländisch-dänischen Schriftstellerin Signe Rink mit dem Titel »Der dänische Ausflieger« druckt. Die Zeitung erklärt das Wort den Lesern eigens in einer Fußnote: »Anorak, das von den Grönländern getragene, bis an die Hüften reichende Pelzhemd, welches gewöhnlich mit Kattun überzogen oder besetzt ist.« Dort wird auch deutlich, dass der Anorak bei den Grönländern ein durchaus repräsentatives besticktes und mit Perlen verziertes Kleidungsstück war. In der Erzählung fragt ein älterer Däne seine Pflegetochter, eine junge Ureinwohnerin: »Was würdest du zu einem blauen Flanell-Anorak mit blauem Goldband am Saume und dazugehörigem Schopfband sagen?« Mit dem angebotenen prächtigen Kleidungsstück verbindet sich der »Befehl«, einen gleichaltrigen Inuit zu heiraten, den sie heimlich liebt. 1897 wird der Anorak dann in Fridtjof Nansens Bericht Nacht und Eis über die norwegische Polarexpedition 1893–96 beschrieben als Kleidungsstück mit einer Kapuze, die nach Eskimoart über das Gesicht gezogen werden kann. Zum Alltagsausdruck wird »Anorak« aber erst in den Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts, als solche Kleidungsstücke Bestandteil der Jugend- und der Skimode werden.

baggern

Holländisch // Verb // Häufigkeit **

mit einer Maschine Erdreich oder Schlamm ausheben

Ein nicht sehr oft gebrauchtes niederländisches Wort für »Schlamm« ist bagger. Das zugehörige Verb baggern kam Anfang des 18. Jahrhunderts zunächst ins Niederdeutsche, dann auch in die hochdeutsche Standardsprache. Jacob und Wilhelm Grimm beschreiben die Bedeutung des Begriffs im Deutschen Wörterbuch sehr anschaulich: »ein […] wort für das räumen und reinigen der gräben und kanäle, den schlamm aus dem grunde schöpfen und auswerfen«. Mit dem Anlegen von Kanälen und Entwässerungsrinnen und sonstigen Spezialitäten des Wasser- und Deichbaus kennen sich unsere Nachbarn, deren Land zu Teilen unterhalb des Meeresspiegels liegt, gezwungenermaßen vorbildlich gut aus. Im Deutschen wird dann zum Verb »baggern« das Substantiv »Bagger« neu gebildet. Bei uns bezeichnet es nicht mehr den Dreck, sondern eine Maschine, mit der man baggert. »Anbaggern« in der Bedeutung »flirten, jemandem den Hof machen« kommt in den 1980er-Jahren auf. Ähnlich wie beim gleichbedeutenden »angraben« liegt da offenbar die etwas altertümliche Vorstellung zugrunde, die Frau sei eine Festung, deren Mauern der Mann niederreißen müsse.

Basar/Bazar

Farsi // Substantiv, maskulin // Häufigkeit **

orientalisches Händlerviertel; wohltätige Verkaufsaktion

Das Wort hat den weiten Weg aus dem Farsi, wie die neupersische Sprache seit dem Mittelalter genannt wird, zu uns zurückgelegt. In Persien bedeutet bāzār »Markt, Händlerviertel«. Ab dem 15./16. Jahrhundert gelangt der Ausdruck durch Reiseberichte in europäische Sprachen, darunter schließlich auch ins Deutsche. Adam Olearius schreibt 1647 in seinem Bericht über eine Reise mit einer holsteinischen Gesandtschaft in die persische Stadt Isfahan: »Den 5. BazarHarper’s Bazaar