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Zwei Jahre ist es her, dass Emma ihren Lebensgefährten Niklas bei einem Autounfall an Heiligabend verloren hat. Seitdem versteckt sie sich in ihrem kleinen Einrichtungs- und Geschenkeladen vor dem Leben. Tagsüber verkauft sie Teeservices und Geschirrtücher, nachts sitzt sie allein auf dem Dach ihres Hauses und blickt über Stockholm. Doch mit dem nahenden Fest der Liebe steht auch das Weihnachtsgeschäft vor der Tür. Und mit ihm ihre Schwester Magda, die alles dafür tun will, dass Emma ihren Laden, der kurz vor der Insolvenz steht, nicht verliert. Als Emma am Vorabend des ersten Dezembers einen alten Mann im Schneesturm nach Hause bringt, merkt sie, wie gut es ihr tut, anderen zu helfen. Sie fasst einen Entschluss: Sie wird 24 gute Taten vollbringen – eine für jeden Tag bis Heiligabend. Durch die Türchen ihres ganz persönlichen Adventskalenders schlüpft sie in die Leben ihrer Mitmenschen. Dabei findet Emma nicht nur neue Freunde, sondern schließlich auch sich selbst – und eine neue Liebe …

Wochenlang Nummer 1 auf der schwedischen Bestsellerliste: eine warme, aufrichtige Geschichte darüber, was Weihnachten so besonders macht.

autor

© Kasja Göransson

Jenny Fagerlund wurde 1979 geboren und lebt mit ihrem Ehemann und vier Kindern in Stockholm. Sie arbeitet als freie Journalistin und hat bereits vier Romane veröffentlicht, auf Deutsch erschien bisher ›Triff das Glück auf halbem Weg‹ (2017).

Kerstin Schöps arbeitet seit zwanzig Jahren als Übersetzerin aus den skandinavischen Sprachen. Zu den von ihr übersetzten Autor*innen zählen Arne Dahl, Johan Theorin, Jesper Juul und Stina Jackson.

Jenny Fagerlund

24
gute Taten

Roman

Aus dem Schwedischen
von Kerstin Schöps

 

 

 

 

 

 

Für Mama und Papa

 

 

 

 

 

 

»Please, allow me to forgive myself«

Unbekannt

Prolog

Emma öffnete das Dachfenster und schwang ein Bein über den Rand. Der Schnee drang durch den Stoff ihrer Kleidung. Vorsichtig kletterte sie durch den Rahmen und zog sich auf den kleinen Sims, auf dem sie immer saß und den Blick über Stockholm genoss. Es war verboten, sich hier oben aufzuhalten, aber das interessierte sie nicht. Sie stellte sich hin und sah über die Dächer der Stadt, dann senkte sie den Blick nach unten auf die Straße. Es war ziemlich tief. Sehr tief sogar. Einen Sprung würde sie nicht überleben.

Ein Schauder fuhr ihr über den Rücken, aber sie zwang sich, stehen zu bleiben. Es wäre so einfach. Sie müsste nur loslassen. Nur einen einzigen Schritt nach vorne, ins Leere. Sie fuhr zusammen. Lautes Gelächter vom Spielplatz an der Ecke drang zu ihr hoch. Dort spielten noch Kinder, obwohl es kurz vor acht und schon längst dunkel war. Sie formten Bälle aus dem pulvrigen Schnee und bauten einen Schneemann. Emma schloss für einen Moment die Augen. Wie oft hatte sie schon hier oben gestanden und nach unten gestarrt? Dann hob sie den Kopf. Der Himmel hing voller grauer, schwerer Wolken. Eine Schneeflocke landete auf ihrer Wange und schmolz. Bald ist Dezember. Keine Ahnung, wie ich die nächsten Wochen überstehen soll.

1

SAMSTAG, 18. NOVEMBER

Emma holte tief Luft, bevor sie über die Steinplatten der Auffahrt zum Haus hochlief. Auf dem Weg hierher hatte sie sich drei Dinge geschworen. Sie würde sich auf keine Diskussionen einlassen, und sie würde weder über Niklas noch über ihr mangelndes Sozialleben sprechen. Ihr Blick fiel in den Garten. Die großen grünen Buchsbäume leuchteten auf dem Rasen, und bei den Apfelbäumen saßen Vögel im Futterhäuschen und pickten Körner. Als sie sich der Veranda näherte, blieb sie abrupt stehen. Ihre Mutter machte keine halben Sachen. Um das Geländer wand sich eine Lichterkette, und an der grau lackierten Eingangstür prangte ein riesiger Kranz aus Fichtenzweigen, Vogelbeeren und Tannenzapfen. Neben der Fußmatte stand eine Laterne mit einer brennenden Kerze darin, die Flamme flackerte leicht. Emma spürte, wie sich alles in ihr verkrampfte. Der Dezember war unleugbar im Anmarsch. Der Monat, den sie am liebsten überspringen würde. Sie nahm die letzten Schritte bis zur Tür des großen grünen Hauses, ihres Elternhauses. Bevor sie die Hand heben konnte, um anzuklopfen, wurde die Tür aufgerissen.

»Da bist du ja!« Emmas Mutter Yvette riss sie an sich und umarmte sie.

»Ich habe dein Lieblingsessen gemacht, Bœuf Bourgignon.«

»Toll, danke«, sagte Emma und lächelte. Sie war wild entschlossen, sich nichts anmerken zu lassen. Wenn ihre Mutter mitbekäme, dass es ihr gerade nicht gut ging, würde sie wahrscheinlich in nächster Zeit ständig nach dem Rechten sehen wollen, im Laden und bei ihr zu Hause. Und das war das Letzte, was Emma wollte. »Wo ist Papa?«

»Er sieht die Sportschau«, antwortete ihre Mutter, lächelte vielsagend und ging in die Küche. »Magda und die Kinder sind oben.«

»Magda ist auch schon da?«

»Sie ist vor ein paar Stunden gekommen. Die Kinder haben doch bei uns übernachtet.« Yvettes Gesichtsausdruck wurde ganz sanft und weich, wie immer, wenn sie über ihre Enkelkinder sprach. »Wir wollen heute Nachmittag Pfefferkuchen backen. Es wäre schön, wenn du mitmachst.«

Es war nicht weiter ungewöhnlich, dass man in Emmas Familie schon im November mit dem Pfefferkuchenbacken anfing. Traditionell wurde immer früh mit den Weihnachtsvorbereitungen begonnen. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte sie sich ebenfalls immer eifrig bei der Planung beteiligt und wild diskutiert. Sie hatte sich mit den anderen leidenschaftlich darüber gestritten, wer in diesem Jahr für die Zubereitung der Fleischbällchen zuständig war und wer für die Auswahl der Trinklieder. Aber jetzt hatten die Vorbereitungen etwas Beklemmendes, Erstickendes.

»Ich weiß noch nicht, ob ich so lange bleiben kann«, antwortete sie so unbeschwert wie möglich. »Soll ich den Tisch decken?«

»Gerne. Nimm das weiße Porzellan mit dem blauen Muster. Dein Vater soll dir helfen.«

Emma verließ die Küche. Sie vernahm die Geräusche von oben und versuchte, das stechende Gefühl im Magen zu ignorieren, als sie das Glucksen der Zwillinge und Leos Lachen hörte. Auf der Schwelle zum Wohnzimmer blieb sie stehen und sah sich suchend um. Die Sonne schien durch die großen Sprossenfenster und tauchte den Raum in gleißendes Licht. Ihr Vater saß in einem der Sessel am Fenster. Er hatte sie noch nicht entdeckt, sondern war tief in ein Kreuzworträtsel versunken. Emma räusperte sich.

»Hallo, Papa. Mama findet, dass du mir beim Tischdecken helfen sollst.« Emma gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Sie dachte, du guckst Sportschau.«

»Ich habe ausgeschaltet, als klar war, dass Henrik Stenson gewinnt«, antwortete ihr Vater und lächelte seine Tochter liebevoll an, während er das Kreuzworträtsel auf die Fensterbank legte. »Wie schön, dich zu sehen.«

Emma erwiderte sein Lächeln. Sie hatte ihre Eltern schon sehr lange nicht mehr besucht und war nun froh, dass sie gekommen war.

»Ich habe gehört, dass ihr mit den Kleinen heute Nachmittag Pfefferkuchen backt?«

»Ja, die Weihnachtsvorbereitungen beginnen offensichtlich jedes Jahr ein bisschen früher.« Sein Gesichtsausdruck wechselte schlagartig, und er musterte Emma besorgt. »Wie geht es dir?« Er sah verlegen zu Boden. »Ich meine … wie fühlst du dich?«

Emma starrte auf die knisternden Holzscheite im Kamin. Ihm die Wahrheit zu sagen war unmöglich. Aber mit einer Lüge würde sie auch nicht durchkommen. Nicht bei ihrem Vater. Er würde sie sofort durchschauen.

»Mal so, mal so«, antwortete sie am Ende. »Wollen wir den Tisch decken?«

Ihr Vater nickte. Er wirkte fast erleichtert, nicht weiter über die seelische Verfassung seiner Tochter sprechen zu müssen. Und auch Emma war dankbar, dass sie das Thema vorläufig abgehakt hatten. Als sie im Flur an der Treppe ins Obergeschoss vorbeikamen, hörten sie Schritte. Dann kam Leo die Treppen heruntergestürmt.

»Tante Emma!«, schrie er und warf sich in ihre Arme. Es war reines Glück, dass sie nicht beide umfielen. »Ich wusste, dass du kommst. Mama hat gesagt, dass du es dir vielleicht noch anders überlegst, aber ich wusste einfach, dass das nicht stimmt.« Leo ließ Emma wieder los, aber bevor sie etwas sagen konnte, purzelten die Worte aus ihm heraus. »Warum kommst du uns nie besuchen? Hast du keine Lust mehr, mit uns zu spielen?«

Leo hatte recht, dass sie Besuche bei der Familie ihrer Schwester vermieden hatte. Aber das konnte sie einem Siebenjährigen nicht erklären, dessen Leben sich vor allem um seinen Computer und Fußball drehte.

»Natürlich habe ich immer noch Lust, mit euch zu spielen. Ich hatte nur so viel zu tun«, sagte sie. »Und heute Nachmittag backt ihr?«

Leo nickte, ließ sich jedoch nicht ablenken, sondern bohrte weiter. »Aber wenn du wieder mehr Zeit hast, dann kommst du uns ganz oft besuchen, ja? Und Weihnachten feierst du auch mit uns, oder? Mama hat zu Papa gesagt, dass sie nicht glaubt, dass du kommst.«

»Wir werden sehen …«

»Leo, kannst du Oma beim Essenmachen helfen? Ich glaube, sie braucht Hilfe mit dem Gemüse«, sagte Magda, die in diesem Moment die Treppe herunterkam.

Bevor Leo protestieren konnte, hörten sie Yvette schon aus der Küche rufen, dass sie sich sehr über seine Unterstützung freuen würde. Und er könne auch gleich das Tablett vom Servierwagen mitbringen. Emma spürte Tränen in ihren Augen brennen, als sie ihre Schwester mit den Zwillingen im Arm sah. In wenigen Wochen wurden sie ein Jahr alt, und sie waren unglaublich gewachsen, seit Emma die beiden das letzte Mal gesehen hatte. Clara trug ein hellblaues Kleidchen mit weißen Strumpfhosen und Oscar eine kurze Latzhose zu einem marineblauen Pullover. Mit großen Augen sah er Emma an, die seine dicke kleine Hand mit einem Finger streichelte. »Hallo, mein Kleiner«, sagte sie leise.

»Kannst du Oscar mal eben nehmen? Mein Rücken bringt mich um«, stöhnte Magda und hielt Emma den Jungen hin.

Unbeholfen nahm sie Oscar auf den Arm. Sie spürte den warmen kleinen Körper und schloss die Augen. Nahm ein paar tiefe Atemzüge, um sich zu beruhigen. Oscar reagierte verwirrt und sah zwischen Emma und Magda hin und her. Dann streckte er seiner Mutter die Arme entgegen.

»Er will lieber zu dir.«

»Sieht so aus. Na ja, mit dir hat das aber nichts zu tun. Er hat gerade eine sehr extreme Mamaphase.« Magda setzte Clara auf den Boden und nahm Oscar in den Arm. »Papa, kannst du bitte auf Clara aufpassen?«, sagte sie, woraufhin ihr Vater hinter dem kleinen Mädchen herjagte, das bereits in hoher Geschwindigkeit über die Orientteppiche davonkrabbelte. »Clara ist unmöglich, sie steckt sich alles in den Mund, was sie in die Finger bekommt.« Magda gab Oscar einen Kuss. »Du dagegen bist ein kleiner Angsthase, was?«

Emma begann, in ihrer Tasche zu kramen, um Magda und Oscar nicht beim Kuscheln zusehen zu müssen. Genau das war der Grund, warum sie ihre Schwester nicht besuchte. Sie ertrug dieses Familienglück nicht. Nicht, nachdem sie selbst alles verloren hatte. Emma versuchte, die dunklen Wolken aus ihrem Kopf zu vertreiben. Ihr Psychologe hatte ihr zwar gesagt, dass diese düsteren Gedanken ganz natürlich seien, aber ihr leider nicht verraten, wie lange sie sich mit ihnen herumschlagen müsste. Und fragen konnte sie ihn nicht mehr, weil sie die Therapie schon nach wenigen Sitzungen abgebrochen hatte.

Emma holte einen Hefter aus der Tasche. »Ich habe dir die Umsatzzahlen von dieser Woche mitgebracht, um die du mich gebeten hast«, sagte sie. »Obwohl ich nicht verstehe, warum du sie ausgerechnet jetzt haben willst.«

»Weil ich mir Sorgen mache, die letzten Wochen waren ja nicht so berauschend.« Magda griff nach dem Hefter und setzte dann Oscar ebenfalls auf den Boden. »Jetzt bleibst du mal einen Augenblick da unten«, sagte sie mit fester Stimme. Oscar klammerte sich an ihr Bein und wollte sie nicht loslassen. Emma ging in die Hocke und redete mit ihm, während Magda die Unterlagen studierte.

»Was machst du morgen?«

Emma sah hoch. »Ähm … ich habe noch was zu erledigen …«

Ihre Schwester sah sie über den Rand des Hefters an und hob eine Augenbraue. »Mit anderen Worten, du hast nichts Besonderes vor.«

Emma wollte etwas erwidern, aber Magda kam ihr zuvor. »Wir treffen uns um zehn Uhr im Laden und machen Inventur. Das ist dringend mal nötig.«

»Aber … das machen wir doch nie vor Weihnachten?«

»Stimmt, aber ich will mir einen Überblick verschaffen«, erwiderte Magda und tätschelte Emma an der Schulter. »Wenn wir uns ranhalten, schaffen wir das in ein paar Stunden.«

Emma wusste, dass Widerstand zwecklos war. Wenn sich Magda etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnten sie nur ganz wenige Dinge davon abbringen. Da war es am klügsten, ihr einfach zu gehorchen.

2

SONNTAG, 19. NOVEMBER

Es war über Nacht so eiskalt geworden, dass der kurze Weg von ihrer Wohnung zum Laden alles andere als angenehm war. Der Wind brannte auf ihrem Gesicht. Emma holte den Schlüssel aus der Jackentasche und steckte ihn ins Schloss. Sie versuchte, den zunehmenden Kopfschmerz zu ignorieren und gleichzeitig den Schlüssel zu drehen, der sich aber keinen Millimeter bewegte. Das Schloss machte schon seit ein paar Tagen Schwierigkeiten, es musste sich verzogen haben, wahrscheinlich wegen der Kälte. Da sie aber nicht wusste, was man dagegen tun konnte, hatte sie auch nichts unternommen, die Reparatur aufgeschoben, wie so vieles andere in den letzten zwei Jahren.

»Ich habe gedacht, du wärst schon längst da.«

Emma sah sich um. Mit großen Schritten und einem Kaffeebecher in der Hand kam ihre Schwester auf sie zu. Ihre blonden Haare guckten unter der grauen Kaschmirmütze hervor.

»Ich hatte noch was zu erledigen«, erwiderte Emma. »Außerdem haben wir sonntags geschlossen, es gibt also keine Kunden, die sich beschweren könnten.«

»Aber wird es nicht langsam Zeit, auch sonntags aufzumachen? Jetzt vor Weihnachten?« Magda stellte sich neben Emma und sah durch das Schaufenster. Sie fröstelte. »Verdammt, ist das kalt geworden.«

»Hm. Der Winter gibt dieses Jahr schon im November alles«, sagte Emma und stocherte weiter im Schloss herum. »Ab nächstem Wochenende habe ich auch sonntags geöffnet«, fügte sie hinzu.

Eine Weile hatte sie tatsächlich überlegt, auch im Dezember keine verkaufsoffenen Sonntage zu veranstalten, aber das Magda zu erzählen wäre ein Fehler. Ihre Schwester würde sich nur aufregen, und Emma hatte keine Lust auf einen neuen Konflikt. Nicht heute. Außerdem hatte sie ja bereits beschlossen, die Öffnungszeiten zu ändern, obwohl sie die dunklen Sonntage lieber zu Hause verbracht hätte.

Endlich gab das Schloss nach, und Emma stieß die Tür auf. Sie drückte auf einen Schalter, und sofort wurde der kleine Laden im Erdgeschoss des schönen Hauses aus der Jahrhundertwende in warmes Licht getaucht. Emma entspannte sich. Der gebeizte Boden knarrte unter ihren Schritten, als sie in die Küche ging. Hier fühlte sie sich geborgen, der Laden war praktisch ihr zweites Zuhause, und das schon seit fünf Jahren. Sie konnte sich noch genau an das Glücksgefühl erinnern, als ihr der Schlüssel ausgehändigt wurde. Danach war sie mit Niklas sofort hergefahren, wo er schon eine Überraschung vorbereitet hatte, ein Picknick auf dem Boden: Auf einer rot-weiß karierten Picknickdecke vor dem Kamin waren eine Flasche von ihrem Lieblingswein und allerlei andere Köstlichkeiten drapiert. Sie hatten im Spaß darüber nachgedacht, ihre Wohnung ein paar Blocks entfernt aufzugeben und in die Kellerräume zu ziehen, die zum Laden gehörten. Emma musste unwillkürlich lächeln, aber da holte Magdas Stimme sie wieder zurück in die Wirklichkeit.

»Am besten fangen wir gleich an. Es gibt einiges zu tun«, sagte sie und zog sich ihren taubenblauen Mantel aus.

Zögerlich hängte Emma ihre Jacke an die Garderobe. Sie hatte nach wie vor die Notwendigkeit einer Inventur einen Monat vor Weihnachten nicht verstanden. Aber um Ärger zu vermeiden, war es wohl besser, den Anweisungen ihrer Schwester Folge zu leisten. Immerhin war sie für die Finanzen zuständig und machte sich offensichtlich Sorgen. Wobei Emma diese Sorgen nicht teilte. Magda kam öfter mit Weltuntergangsszenarien um die Ecke und redete schon seit Monaten davon, dass die Umsätze steigen müssten. Aber ging es ihr einfach nur darum, mehr aus dem Laden zu machen, oder sorgte sie sich wirklich um den Fortbestand des Geschäfts? Emma war sich beinahe sicher, dass Ersteres der Fall war. Sie selbst war der Meinung, dass alles hervorragend lief. Die Tage vergingen ohne große Hektik, und sie konnte zur Ruhe kommen. Einfach nur sein. In diesem Punkt war sie überhaupt nicht wie Magda. Sie hatte kein Interesse daran, einen Haufen Geld zu verdienen. Ihr war nur wichtig, dass sie die Miete zahlen und für ihren Lebensunterhalt sorgen konnte. Ja, das genügte ihr vollkommen. Außerdem hatte sie im Dezember andere Probleme.

***

»Du brauchst dringend ein Hobby!«

»Ein Hobby?« Emma hörte auf, die Eierbecher mit dem feinen rosa Muster darauf zu zählen, und sah ihre Schwester an. Sie hatten den ganzen Nachmittag damit verbracht, den Bestand der Waren zu dokumentieren, und waren fast fertig. Magdas Einwurf hatte sie völlig aus dem Konzept gebracht.

»Ja, du musst dir was suchen. Lern was Neues, entwickele dich weiter.«

»Ach ja, muss ich das?«, fragte Emma und kam sich wie ein Papagei vor.

Magda nickte so eifrig, dass sich eine blonde Strähne löste und ihr ins Gesicht fiel. Sie legte einen Stapel Geschirrhandtücher beiseite, notierte deren Anzahl und stand auf, um etwas aus ihrer Handtasche zu holen.

»Ich habe ein paar Vorschläge aufgeschrieben«, sagte sie und winkte Emma zu sich.

»Du meinst wohl eher, dass du was gefunden hast, was du gerne machen würdest, und da willst du mich jetzt hinschicken?« Emma wusste, dass sie wie ein trotziges Kind klang, aber es war fast unmöglich, anders auf Magdas Art zu reagieren, ihr etwas aufzuschwatzen. Widerwillig nahm sie den Zettel entgegen, den ihre Schwester ihr hinhielt. Er enthielt eine Liste mit verschiedenen Kursen: Töpfern und Afrikanischer Tanz standen ganz oben. Gefolgt von Fotoworkshop, Hundeparcouring und Renovierung alter Häuser.

»Wo hast du das denn alles her? Hast du dich gestern mit Mama hingesetzt, als ich weggefahren bin, und dir das mit ihr ausgedacht?«

»Nein, das waren nicht nur wir beide. Henriks Mutter hatte auch ein paar gute Ideen. Sie kam nachmittags zum Kaffee vorbei.«

War ja klar, dass auch Henriks Mutter die Finger mit im Spiel hatte. Seit Magda und Henrik sich vor zehn Jahren kennengelernt hatten, mischte sie sich ständig in alles ein. Bevor die beiden Eltern wurden, hatte sie Magda ein Abo für die Zeitschrift Eltern geschenkt und ihr bei einem ihrer Besuche Folsäure mitgebracht, weil das vor und in der Schwangerschaft besonders wichtig sei. Magda hatte sich damals wahnsinnig über ihre Schwiegermutter aufgeregt, aber statt ihr die Meinung zu sagen, hatte sie sich immer bei Emma ausgeheult, die sich kaputtgelacht und sie aufgezogen hatte. Aber das war früher. Da es jetzt um Emmas Leben ging, schien Magda kein Problem damit zu haben, dass sich alle einmischten. Sie sah wieder auf die Liste. Das war doch bescheuert. Sie hatte nicht vor, auch nur einen dieser Kurse zu besuchen. Da blieb ihr Blick bei einer der Aktivitäten hängen.

»Und was soll bitte dieser Quatsch mit dem Hundeparcouring? Ich habe doch gar keinen Hund«, sagte sie und hielt Magda den Zettel unter die Nase.

»Ich weiß, aber ich wollte sie nicht vor den Kopf stoßen. Niklas und du habt doch auch mal über einen Hund geredet. Vermutlich ist sie deswegen darauf gekommen.«

Emma schwieg, sie hatte die Augen auf das Blatt Papier geheftet. Es stimmte, sie hatten über einen Hund nachgedacht. Oder genauer gesagt, sie hatte das. Niklas war weniger euphorisch gewesen, hatte sich aber nicht vollkommen dagegen ausgesprochen. Sie hingegen hatte schon angefangen, sich mit den verschiedenen Hunderassen zu beschäftigen, als etwas dazwischengekommen war, das jeden Gedanken an den Kauf eines Hundes, jeden Gedanken an irgendetwas, hinfortgefegt hatte, wie ein Tornado eine Gartenlaube.

»Bouldern und Fallschirmspringen?« Diese Liste wurde immer absurder. Emma rieb sich die Schläfe.

»Meinetwegen, die beiden Sachen sind vielleicht ein bisschen abwegig, aber was hältst du von dem Töpferkurs? Ich würde auch mitmachen.«

»Du willst doch nur, dass ich mich da anmelde, weil du eine Begleitung suchst.«

Das war so typisch für ihre Schwester. So zu tun, als würde sie jemandem helfen wollen, und dabei eigentlich nur an sich selbst denken.

»Überhaupt nicht. Ich will, dass du das machst, weil …« Magda verstummte, aber sie wussten beide, was sie sagen wollte. Emma überkam eine große Müdigkeit, sie faltete den Zettel zusammen und steckte ihn in die Hosentasche. Warum konnten sie nicht alle einfach in Ruhe lassen? Beim gemeinsamen Mittagessen gestern hatten Magda und ihre Mutter sie darüber ausgequetscht, was sie in ihrer Freizeit machte, wenn der Laden geschlossen war, und Emma hatte nur in ihre enttäuschten Gesichter sehen müssen, um zu spüren, dass die knappen Antworten, die sie auf ihre Fragen gab, ihnen Sorgen bereiteten.

»Du willst, dass ich etwas unternehme«, beendete sie den Satz ihrer Schwester. »Ich weiß, dass ihr beide mein Leben traurig und öde findet. Aber nur weil du eine Familie hast und einen Haufen Freunde und es liebst, dir irgendwelche Projekte auszudenken, bedeutet das nicht, dass ich genauso sein muss.«

»Aber so warst du früher mal! Du hast dir immerzu Sachen ausgedacht. Du hattest die verrückten Einfälle, hast Partys geschmissen und in vollen Zügen gelebt, nicht ich.« Magda sah sie mit flehendem Blick an.

Emma antwortete nicht, sondern ging zurück zu dem Regal mit den Eierbechern. Das Porzellan klirrte Unheil verkündend, als sie erneut mit dem Zählen begann. Magda hatte zwar recht, aber Emma wollte trotzdem nichts davon hören. Ihr Leben vor dem Unfall hatte tatsächlich anders ausgesehen als jetzt. Aber das war alles Vergangenheit.

»Verzeih mir. Es tut mir leid, wenn ich eine Grenze überschritten habe.« Magda stand neben Emma und legte ihr eine Hand auf den Arm. »Ich will doch nur, dass es dir wieder besser geht. Mir tut es im Herzen weh, dich so einsam zu sehen. Du gehst ja praktisch nie vor die Tür, geschweige denn, dass du mal aus deinem Viertel rauskommst.«

»Ich bin nicht einsam«, widersprach Emma und starrte dabei auf den Eierbecher in ihrer Hand. Jetzt hatte sie schon wieder vergessen, wie viele es waren. »Ich habe doch dich und Mama und Papa.«

»Ja, natürlich, ich weiß, aber du bist 34 und … ich habe nicht immer Zeit, und Mama und Papa werden auch nicht jünger und bleiben vielleicht auch nicht für immer hier. Papa redet oft davon, nach Frankreich zu ziehen, du weißt ja, dass das schon lange sein Traum ist. Aber Mama …« Magda verstummte, doch Emma ahnte, was sie sagen wollte. Ihre Mutter würde sie nie zurücklassen. Nicht, solange sie alleine war. Ihre Eltern würden in Schweden wohnen bleiben, weil ihre jüngste Tochter sich nach dem Tod ihres Mannes nicht so schnell wie erhofft erholt hatte. Sie würden sie am liebsten glücklich in den Armen eines neuen Mannes sehen, mit einem Haufen Kinder, damit sie sich keine Sorgen mehr machen mussten. Emma seufzte. Sie würde weder Kinder bekommen noch jemanden kennenlernen. Der Zettel in ihrer Hosentasche knisterte. Sie warf noch einmal einen Blick darauf.

»Gut, dann melde ich mich bei Renovierung alter Häuser an.«

»Alte Häuser renovieren? Aber … du hast doch gar kein Haus, das du renovieren willst.«

»Ich weiß! Warum steht das überhaupt auf deiner Aktivitätenliste?« Emma tippte auf den Zettel. »Ehrlich gesagt, Magda, du hattest schon mal bessere Ideen.«

»Den Töpferkurs finde ich wirklich ganz spannend«, antwortete Magda kleinlaut.

»Dann melde dich da doch an. Geh mit einer Freundin hin! Ich habe genug zu tun. Und jetzt werde ich ein allerletztes Mal diese Eierbecher zählen.«

Magda machte den Mund auf, um etwas zu entgegnen, schloss ihn dann aber wieder und lächelte. »Weißt du, was. Wir gehen jetzt was Kleines in der Bäckerei Tösse essen. Und morgen komme ich noch mal vorbei und helfe dir mit dem Rest.«

***

Es war schon spät, als Emma den Kleiderschrank im Schlafzimmer öffnete. Sie starrte die Kleidungsstücke an, die sorgfältig auf ihren Bügeln hingen. Der Tag mit Magda war anstrengend gewesen, und sie war hundemüde. Trotzdem wollte sie das Ausräumen nicht weiter aufschieben. Sie drückte sich schon viel zu lange davor, jetzt war es an der Zeit. Ihr Blick heftete sich an Niklas Hemden. Obwohl sie sich längst dafür entschieden hatte, sie zu entsorgen, war sie sich immer noch nicht ganz sicher, ob sie dazu fähig war. Sanft fuhr Emma mit den Fingerspitzen über den hellblauen Stoff eines Kragens. Dieses Hemd hatte Niklas getragen, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Das Hemd, das seine Augen zum Leuchten gebracht hatte wie kein anderes. Sie erinnerte sich genau an den Abend, als sie sich kennenlernten, auf irgendeiner Feier, im versifften Gang des Studentenwohnheims. Sie waren sofort ins Gespräch gekommen und hatten sich stundenlang unterhalten. Über sein Medizinstudium, darüber, dass er Kinderarzt werden wollte, über ihr Lehramtsstudium, über Stockholm und gemeinsame Freunde. Als die anderen Studenten auf die nächste Party weiterzogen, blieben sie. Er küsste sie, bevor er nach Hause ging. Ein weicher, zaghafter Kuss. Als sie später in ihrem Bett lag, konnte sie nicht einschlafen, weil sie immerzu an ihn denken musste.

Emma kehrte in die Wirklichkeit zurück und widmete ihre Aufmerksamkeit wieder dem Kleiderschrank. Vorsichtig nahm sie das Hemd vom Bügel und vergrub ihr Gesicht in dem Stoff. Aber es roch nicht mehr nach Niklas, sein Duft war schon vor langer Zeit verflogen. Enttäuscht drückte sie es sich an die Brust. Das Hemd stand für all das, was Niklas für sie war und ihr nach wie vor auch bedeutete. Statt es zusammenzurollen und in einen der schwarzen Müllsäcke zu legen, drapierte sie es auf dem Bett. Sie musste doch nicht alles auf einmal wegwerfen?

Emmas Blick fiel auf die Schublade im linken unteren Teil des Kleiderschrankes. Ein Schmerz durchfuhr ihren Körper, wie ein elektrischer Aal wand er sich ihren Rücken hinunter, durchzuckte ihre Beine und Füße. Sie kniff die Augen zusammen, drehte der Schublade demonstrativ den Rücken zu und holte das nächste Hemd aus dem Schrank. Sie bemühte sich sehr, ihm nicht so viel Bedeutung beizumessen, aber es fiel ihr unglaublich schwer. Mit jedem Kleidungsstück waren Erinnerungen verbunden. Ereignisse, bei denen Niklas es getragen hatte. Bin ich wirklich schon bereit dafür? Emma starrte wie gelähmt in den Kleiderschrank. Dann holte sie tief Luft. Ich mache das jetzt. Ich kann es nicht länger aufschieben. Langsam faltete sie das Hemd zusammen und legte es in den Müllsack. Auch das nächste Hemd nahm denselben Weg, und mit jedem Stück versuchte sie, mehr Distanz zu schaffen, zwischen sich und dem, was sie da gerade einpackte.

Als seine T-Shirts an der Reihe waren, schluchzte sie auf. Es war alles so furchtbar. Sie hatte nicht gedacht, dass sie so etwas machen müsste, noch ehe sie 35 wurde. Emma strich über den kühlen Stoff eines der T-Shirts und spürte, wie ihr eine Träne die Wange herunterlief. Aber statt sie aufzuhalten und wegzuwischen, ließ sie die Träne laufen und die nächste auch.

Nach einer Weile starrte sie in einen fast komplett ausgeräumten Kleiderschrank. Auch ihre Tränen waren versiegt, sie fühlte nur eine unendliche Leere. Seine Sachen waren weg. Vor ihr hingen die nackten Kleiderbügel, und mit einem Mal wurde ihr die Tragweite ihres Handelns bewusst. Sie hatte ihn aus ihrem Leben geräumt. Sie hatte ihn endlich, nach zwei Jahren, aus ihrem Leben geräumt.

Ihr Blick fiel auf das einsame hellblaue Hemd auf ihrem Bett. Sie setzte sich daneben und legte behutsam eine Hand darauf. Dann stand sie auf und hängte es zurück auf einen der Bügel. Das werde ich noch eine Weile behalten, nur dieses eine. Sie machte den Schrank zu und verließ das Schlafzimmer.

Im Flur blieb sie stehen. Sie zögerte einen Moment, dann öffnete sie entschlossen die Tür zu dem begehbaren Kleiderschrank, der zwischen Schlaf- und Wohnzimmer lag. Wenn ich schon dabei bin, kann ich hier gleich weitermachen. Gesagt, getan. Sie lief in die Küche und holte noch mehr schwarze Müllsäcke.

Kurz darauf war auch die kleine Kammer von sämtlichem Unrat befreit. Da bemerkte sie den Riss in der Rückwand. Es sah aus, als würde sich die Tapete wölben. Emma kniete sich hin und fuhr mit der Hand über die Stelle. Hoffentlich musste sie das nicht reparieren lassen. Die Tapete neben dem Riss hatte sich gelöst. Als würde sich dahinter ein Hohlraum befinden. Vorsichtig zog Emma die Tapete beiseite und inspizierte die Holzwand darunter. Ein Brett war verrutscht. Emma versuchte, es wieder an seinen Platz zu rücken, schob es dabei aber nur noch tiefer hinter die anderen, wo es sich schließlich verkantete. Mit aufgerissenen Augen starrte Emma auf das Loch in der Wand.

Es war ein Geheimfach. Oder zumindest ein Hohlraum, in dem man Sachen verstecken konnte.

Sie schob ihre Hand durch die Öffnung und zuckte zusammen, als ihre Finger etwas berührten. Papier, das um einen Gegenstand gewickelt war. Vorsichtig zog sie ein flaches Päckchen heraus. Es war ungleichmäßig eingeschlagen und ungefähr fünfzehn mal fünfzehn Zentimeter groß. Das Packpapier war braun und schmutzig, Emma vermutete, dass es schon eine ganze Weile in diesem Versteck gelegen hatte. Sie wog es in der Hand. Was mochte das sein? Niklas konnte es nicht gehören, denn die Tapete hatte schon bei ihrem Einzug an der Wand geklebt. Jemand anderes musste es dort versteckt haben. Aber wer? Und warum?

Emma begann, es auszupacken, als ein schrilles Klingeln sie aufschrecken ließ. Sie holte ihr Handy aus der Tasche. Es war Magda. Eine Sekunde lang war sie versucht, nicht ranzugehen, aber es würde nichts nützen. Magda würde einfach immer wieder anrufen.

3

MITTWOCH, 22. NOVEMBER

Emma wachte von einem Poltern auf. Sie blinzelte schlaftrunken. Hatte da jemand an ihre Tür geklopft? Sie hob den Kopf und lauschte, aber als alles still blieb, sank sie zurück auf ihr Kissen. Vielleicht habe ich nur geträumt. Sie hatte sich gerade die Decke wieder bis zum Kinn gezogen, da hörte sie das Poltern erneut. Offensichtlich klopfte tatsächlich jemand an ihre Tür. Emma schlug die Decke beiseite und fröstelte. Es war kalt in der Wohnung. Das Feuer im Kachelofen, der abends noch gebollert hatte, war erloschen. Sie warf sich einen dicken Wollpulli über.

»Ich komme«, rief sie, als es zum dritten Mal gegen die Tür donnerte.

Emma schlüpfte in ihre Pantoffeln und lief zur Wohnungstür. Als sie an dem Schrank im Flur vorbeikam, kam ihr das Paket wieder in den Sinn. Das Telefonat mit Magda hatte über eine halbe Stunde gedauert, und als sie schließlich aufgelegt hatten, war Emma so erledigt gewesen, dass sie ihrer Neugierde zum Trotz beschlossen hatte, das geheimnisvolle Paket erst am folgenden Tag zu öffnen. Ich muss mir das gleich mal genauer ansehen. Sie riss die Tür auf, und erst in diesem Augenblick schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass sie eigentlich im Spion hätte nachsehen sollen, wer da vor ihrer Tür stand. Aber ihre Panik legte sich sofort wieder, als sie die alte Dame aus der Nachbarwohnung erkannte. Obwohl sie sich bisher immer nur gegrüßt hatten, wenn sie sich im Treppenhaus begegnet waren, wusste Emma, dass die zarte weißhaarige Frau abends oft in ihrem roten Samtsessel saß und fernsah. Das hatte sie von dem kleinen Sims auf dem Dach aus erkennen können. Es war nicht so, dass sie ihren Nachbarn hinterherspionierte, aber es hatte etwas Beruhigendes für Emma, sie über den Innenhof hinweg in ihren vier Wänden beim Aufräumen, Abendessen oder Fernsehen zu beobachten.

»Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie so früh schon behellige, aber das ist alles so ärgerlich, Sie müssen wissen, ich habe gestern Abend Fisch gegessen.« Die alte Dame stützte sich auf ihren alten geschnitzten Stock aus dunklem Holz, und Emma beschlich der Verdacht, dass sie nicht mit ihrer Faust gegen die Tür gehämmert hatte.

Die Frau war ganz offensichtlich verwirrt. Was hatte ihr Abendessen vom Vortag damit zu tun, dass sie morgens um sieben Uhr vor Emmas Wohnungstür stand?

»Ich wollte vorhin in Ruhe meinen Kaffee trinken, aber als ich in die Küche kam, hat es fürchterlich gestunken. Ich wusste ja erst gar nicht, woher das kam. Aber dann habe ich mich an die Fischreste im Mülleimer erinnert. Ich bin ja nur schnell runter, um den Beutel wegzuwerfen …«

»Und dabei haben Sie sich ausgeschlossen?« Emma sah ihre Nachbarin fragend an.

»Ganz genau so war es! Dürfte ich mich bei Ihnen wohl ein bisschen ausruhen? Ich bin nicht mehr so gut zu Fuß, müssen Sie wissen, und es dauert bestimmt ziemlich lange, bis jemand kommt, der mir mit dem Schloss helfen kann.«

»Ich muss leider bald los … Könnten Sie eventuell bei einem anderen Nachbarn …« Emma spürte, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg und stockte. Wie kann man bloß so eine schlechte Lügnerin sein? Schicksalsergeben trat sie beiseite und wies an ihr vorbei in die Wohnung.

»Wissen Sie, was? Ich denke, ich habe doch noch etwas Zeit. Kommen Sie rein.«

»Tausend Dank«, sagte ihre Nachbarin und ging langsam an Emma vorbei. Ihr Stock klackerte auf dem Boden. »Hätten Sie vielleicht auch eine Tasse Kaffee für mich?«

»Ähm … natürlich«, antwortete Emma. An Schlaf war jetzt ohnehin nicht mehr zu denken. »Haben Sie schon den Schlüsseldienst angerufen?« Die alte Dame schüttelte den Kopf. »Dann rufe ich da gleich für Sie an.«

»Vielen Dank, Sie sind zauberhaft.«

Im Wohnzimmer ließ sich Emmas Nachbarin ins Sofa fallen, wobei ihr Kleid verrutschte und den Blick auf ihre angeschwollenen Beine freigab. Amüsiert sah sie Emma aus ihren blauen, hellwachen Augen an. Erst da wurde Emma bewusst, dass sie nur ihren Wollpullover, eine Unterhose und Hausschuhe anhatte.

»Ich ziehe mir schnell etwas an und hole mein Handy«, murmelte sie und verschwand im Schlafzimmer. Sie hoffte inständig, dass ihr Besuch weder die Wollmäuse in den Ecken noch die Soßenflecken auf dem Couchtisch bemerken würde. Es war wirklich lange her, dass sie die Wohnung geputzt hatte. Die Tage verschwammen und flossen dahin, ohne dass sie etwas mit ihnen anfing. Als würde ihre Kraft nur ausreichen, um tagsüber im Laden zu stehen und sich abends nach Hause zu schleppen. Ich könnte nach der Arbeit wenigstens ab und zu mal staubsaugen! Emma zog sich eine rosa Jogginghose und einen grauen Kapuzenpulli an, steckte ihre langen braunen Haare zu einem Dutt hoch und stieg wieder in ihre Hausschuhe. Ein Geschenk von Niklas, weil sie auf dem eiskalten Fußboden immer so gefroren hatte.

Emma sah aus dem Fenster, dunkle Wolken hingen am Himmel. Sie vermisste Niklas so sehr. Manchmal ertappte sie sich bei dem Gedanken, dass er vielleicht nur bei der Arbeit war und jeden Augenblick nach Hause kommen könnte. Dass er plötzlich im Flur stand, nach ihr rief und dann trotz ihrer ständigen Proteste mit Schuhen durch die Wohnung lief, sie anstrahlte und ihr einen Kuss gab. Ein Geräusch aus dem Wohnzimmer ließ sie aufschrecken. Sie warf einen kurzen Blick in den Spiegel und ging zurück zu ihrem unerwarteten Besuch. Die alte Dame kniete auf dem Boden und neben dem Kamin.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Emma überrascht.

»O ja, natürlich, ich habe nur meinen Ohrring verloren«, antwortete ihre Nachbarin. » Aber ich habe ihn schon wiedergefunden. Könnten Sie mir beim Aufstehen helfen?«

Emma nahm sie beim Arm und zog sie hoch.

»Diese Perlenohrringe fallen mir immer wieder raus. Ich werde sie wohl umtauschen müssen«, sagte sie und zeigte Emma die große Perle, die in einen goldenen Anhänger gefasst war. Dann ließ sie den Ohrring in ihre Jackentasche fallen und streckte Emma die Hand hin. »Verzeihen Sie bitte meine Unhöflichkeit, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Lilian.«

Emma nahm die ausgestreckte Hand in ihre und nannte ihren Namen. Lilian lächelte. »Sie haben eine sehr schöne Wohnung.«

Emma versuchte herauszuhören, ob Lilian das ironisch meinte oder nicht. Obwohl sie genau genommen recht hatte. Die Wohnung war, abgesehen von ihrem ungeputzten Zustand, sehr schön. Die Möbel hatten sie und Niklas mit Bedacht ausgewählt, und Emma hatte viel Energie investiert, um aus der Wohnung ihr Zuhause zu machen. Kein Ort, an dem die neuesten Designtrends ausgestellt waren, sondern einer, an dem sich seine Bewohner und Besucher wohlfühlten. Auf dem Sofa lagen flauschige Kissen, und über der einen Armlehne hing eine schwere Decke. Den Couchtisch zierten schwere Kerzenleuchter, daneben stapelten sich Einrichtungszeitschriften und Bücher. Es war nicht einfach gewesen, einen passenden Teppich zu finden. Aber sie hatte sofort zugeschlagen, als sie eines Tages vor vier Jahren dieses grau-weiß gemusterte Stück entdeckt hatte – und ihn quer durch die halbe Stadt nach Hause geschleppt. Auch bei der Auswahl der Lampen hatte sie sich viel Mühe gegeben, das Licht in der Wohnung war weich und einladend. Aber der Soßenfleck hatte bestimmt dem Holz des Couchtischs geschadet, und vielleicht war sogar etwas auf den Teppich getropft. Außerdem kitzelte der Staub in der Nase.

»Lassen Sie uns in der Küche einen Kaffee trinken und auf den Schlüsseldienst warten«, sagte sie mit fester Stimme, und kurz darauf saß Lilian am Küchentisch, während Emma in den Schränken nach etwas Essbarem suchte, das sie ihr anbieten konnte.

»Wie lange wohnen Sie schon hier?«, fragte Lilian, nachdem sie sich ein Stück Kandiszucker in den Mund gesteckt und dazu Kaffee geschlürft hatte.

»Wir wohnen hier seit fünf Jahren. Ich meine … ich wohne hier seit fünf Jahren. Mein Lebensgefährte ist vor zwei Jahren gestorben …« Warum erzähle ich ihr das überhaupt?

Sie musterte Lilian, die genussvoll ihr Zuckerstück lutschte. Sie sprach sonst nie mit Fremden über Niklas. Genau genommen unterhielt sie sich überhaupt mit niemandem, außer im Laden oder mit ihrer Familie. Vielleicht war Lilian Niklas schon einmal begegnet, vielleicht hatten die beiden im Treppenhaus sogar ein paar Worte gewechselt?

»Das tut mir sehr leid. War er krank?«

»Nein, es war ein Unfall.« Emma setzte sich zu Lilian an den Tisch und nahm einen Schluck von ihrem heißen Kaffee. Sie wollte nicht über den Unfall sprechen, sie wollte nicht daran erinnert werden.

»Einen geliebten Menschen zu verlieren ist sehr traurig. Es gibt keinen größeren Verlust. Mein Beileid.« Lilians Stimme war warm. Emma sah hoch und lächelte. Ihre Hände umklammerten den heißen Becher, sie ignorierte den Schmerz in den Fingerkuppen.

»Wie lange wohnen Sie denn schon hier?«

»Fast mein ganzes Leben. Ich wohne seit 75 Jahren in diesem Haus, allerdings in verschiedenen Wohnungen«, antwortete Lilian.

»Das ist wirklich eine lange Zeit.«

»Wir haben uns hier immer wohlgefühlt. Ich bin mit meinen Eltern eingezogen, da war ich zehn Jahre alt. Wir wohnten in der größten Wohnung von allen, auf über dreihundert Quadratmetern. Mein Mann und ich haben mit ihnen zusammen dort gelebt, bis wir uns eine der kleineren Wohnungen gekauft haben.« Lilian deutete durchs Fenster in den Hinterhof. »Ich habe oft mit meinen Freunden dort drüben auf dem Balkon gesessen und Cocktails getrunken.«

Emma kannte den Balkon auf der anderen Seite des Hinterhofes. Gerade sah er etwas kahl aus, weil alle Blumentöpfe und Möbel reingeräumt worden waren. Im Sommer aber stellten die jetzigen Besitzer Unmengen an Blumen und Pflanzen darauf.

»Das hört sich nett an«, sagte sie und versuchte, sich Lilian und ihre Freunde mit Drinks in der Hand vorzustellen.

»Das war es auch. Wir trugen die tollsten Kleider und darunter diese schrecklichen Korsetts, die uns eine Sanduhrfigur verleihen sollten. Ich habe auf meins oft verzichtet, weil ich darin kaum Luft bekommen habe. Ich war damals zwanzig und ziemlich wild.« Lilian verstummte, sie schien über etwas nachzudenken. »Nun ja, das ist alles lange her. Viele von meinen Freunden sind tot oder genauso klapprig wie ich.«

»Sie müssen ja unfassbar viele Bewohner kommen und gehen gesehen haben.«

»Dutzende. Ich habe Kinder aufwachsen sehen und Scheidungen miterlebt, viel Streit, aber auch viel Liebe mitbekommen.« Lilian lächelte. »Man erfährt so einiges über seine Nachbarn, wenn man aufmerksam ist und ab und zu ein paar Worte mit ihnen wechselt.«

Emma nickte. Sie wusste auch so manches über die Leute im Haus, nur weil sie ab und zu auf dem Dach saß und in ihre Fenster sah. Der Mann im zweiten Stock zum Beispiel war ein Cognac-Liebhaber. Oft saß er abends in seinem Ledersessel und genoss mit geschlossenen Augen ein Glas. Während seine Frau auf dem Sofa lag und Bücher verschlang. Das Abendessen bei der jungen Familie im dritten Stock hingegen verlief selten harmonisch und endete oft damit, dass der Mann vom Tisch aufsprang und den Stuhl dabei umwarf. Die Frau weinte viel, wenn sie sich unbeobachtet fühlte.

»Lebt von ihrer Familie noch jemand hier im Haus?«

»Nein, ich bin die Einzige, die noch übrig ist.« Lilians pergamentige Hände strichen unruhig über die weiße Tischdecke. »Mein Mann ist vor über zwanzig Jahren gestorben, kurz nach dem Tod meiner Eltern. Aber mit denen hatte ich damals schon lange keinen Kontakt mehr, obwohl wir im selben Haus gewohnt haben.« Für einen Moment verfinsterte sich Lilians Blick, dann fing sie sich und lächelte Emma wieder an. »Aber, was plappere ich denn hier die ganze Zeit. Ich will sie nicht mit den Geschichten und Erinnerungen einer alten Frau langweilen.«

Schweigend saßen sie eine Weile nebeneinander. Emma trank ihren Kaffee. »Kannten Sie unsere Vormieter?«

»Natürlich kannte ich die. Dort wohnte …« Lilian wurde von einem lauten Klingeln unterbrochen.

Emma sah auf das Display ihres Handys. Der Anrufer war unbekannt. »Das wird der Schlüsseldienst sein«, sagte sie und stand auf.

***

Ein paar Stunden später stand Emma im Laden und verpackte ein paar Waren, die eine Kundin bestellt hatte. Sie unterdrückte ein Gähnen. Der morgendliche Besuch hatte doch um einiges länger gedauert als erwartet, und sie hatte sofort losgemusst, nachdem der Schlüsseldienst endlich Lilians Tür geöffnet hatte. Wenn man bedachte, dass sie schon jahrelang im selben Stockwerk wohnten, war es doch eigentlich sonderbar, dass sie sich heute das erste Mal so richtig miteinander unterhalten hatten. Allerdings wechselte sie auch mit den anderen Nachbarn nie mehr als ein paar Worte. Das war in Bromma, wo sie aufgewachsen war, anders gewesen. Ihre Eltern hatten zu vielen ihrer Nachbarn ein fast freundschaftliches Verhältnis. Man half einander und sah nach dem Rechten, wenn jemand verreist war. Emma blickte auf, als die Türglocke ging und ein junges Mädchen in den Laden kam. Sie trug viel zu dünne Kleidung für die Jahreszeit und fror sichtlich. Ihre blonden Haare hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, der Reißverschluss ihrer Bomberjacke war bis obenhin zugezogen.

»Was kann ich für dich tun?«, fragte Emma das Mädchen. »Wir haben noch gar nicht geöffnet, aber ich …«

»Ich will auch gar nichts kaufen. Ich wohne hier ganz in der Nähe und wollte fragen, ob Sie jetzt vor Weihnachten vielleicht ein bisschen Hilfe gebrauchen könnten?« Die Wangen des Mädchens glühten, ob aus Verlegenheit oder wegen der Kälte war schwer zu sagen.

»Du suchst also einen Job?«

Das Mädchen streckte den Rücken durch und lächelte. Sie war nicht viel älter als fünfzehn, vielleicht sechzehn. »Ich gehe jeden Tag auf dem Weg zur Schule hier vorbei. Und wir machen jetzt ein Berufspraktikum, und da dachte ich, vielleicht … ähm … brauchen Sie jemanden, der Sachen auspacken kann oder so.«

»Tut mir leid.« Das Letzte, was Emma wollte, war noch jemanden im Laden zu haben. Schlimm genug, dass Magda ständig da war und ihr auf den Geist ging. »Vielleicht könntest du mal gegenüber fragen, da …«

»Eine Praktikantin! Das ist ja fabelhaft!«

Emma starrte ihre Schwester an, die aus der kleinen Küche gekommen war.

»Vor Weihnachten ist immer am meisten los, wir können hier jede helfende Hand gebrauchen.« Magda und das Mädchen strahlten sich an.

Was soll das? Es ist ja wohl meine Sache, wer hier arbeitet.

»Aber … «, setzte Emma an und stemmte fassungslos die Hände in die Hüften, sprach jedoch nicht weiter. Magda würde ihr ohnehin nicht zuhören. Wie versteinert sah sie zu, wie ihre Schwester dem Mädchen die Hand schüttelte.

»Ich bin Magda. Wann geht denn dein Schulpraktikum los?«

»Nächste Woche.«

»Das ist doch perfekt. Ich schreibe mir mal deine Kontaktdaten auf, ihr habt wahrscheinlich auch irgend so einen Zettel von der Schule, den wir ausfüllen müssen?«

Während Magda also mit der zukünftigen Praktikantin plauderte, die Julia hieß und mit ihrer Mutter nur zwei Hauseingänge weiter wohnte, fing Emma an, das Geschirr in den Regalen neu zu arrangieren. Sie wollte vor Julia keinen Streit mit ihrer Schwester anzetteln, aber es war unmöglich von ihr, dem Mädchen einfach ohne Absprache einen Praktikumsplatz in ihrem Laden anzubieten. Emmas Hand zitterte, als sie eine Schale hochhob. Ich rede gleich mit ihr, wenn Julia gegangen ist.