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Dürfen Männer im Stehen pinkeln? Worauf muss man beim Fremdgehen achten? Wie wehrt man sich gegen falsche Wettervorhersagen? Muss man Toilettenfrauen eigentlich bezahlen? Warum sind Mülltonnen Bestandteil des Straßenverkehrs? Und wie müssen Blumenkästen hängen? Die Welt ist voll von juristischen Geheimnissen und undurchsichtigen Vorschriften. Winfried Schwabe berichtet von weltfremden Klägern sowie unsinnigen Urteilen und zeigt so die Absurditäten der Rechtsprechung auf. Ein Buch der skurrilen Fälle, ebenso lehrreich wie unterhaltsam – und eines, mit dem man der Lösung eines großen Rätsels auf die Spur kommt: Was geht in deutschen Gerichtssälen eigentlich genau vor sich?
 
Winfried Schwabe ist Jurist und Autor zahlreicher Fachbücher. Er schreibt seit vielen Jahren als wissenschaftlicher Kolumnist über kuriose Rechtsfälle.

Winfried Schwabe

DÜRFEN MÄNNER IM STEHEN PINKELN?

Verblüffendes aus der Welt des Rechts

 

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Für Petra und Charlotte

Und das ist auch gut so!

Wie Klaus Wowereit ein bayrisches Gericht beeindruckte

»Ich bin schwul, und das ist auch gut so!« Dass dieser legendäre Satz von Klaus Wowereit, gesprochen auf dem Berliner SPD-Sonderparteitag im Juni 2001, eines Tages von einem bayrischen Gericht allen Ernstes zur Ablehnung eines Scheidungsantrages herangezogen wird, hätte sich Berlins Regierender Bürgermeister vermutlich nicht träumen lassen.

Das Oberlandesgericht in Nürnberg musste neulich über den Scheidungsantrag einer Frau entscheiden. Ihr Mann hatte nach dreißig Ehejahren und zwei gemeinsamen Kindern überraschend seine Homosexualität erkannt und die Familie daraufhin umgehend verlassen. Die enttäuschte Ehefrau stellte drei Monate später einen Scheidungsantrag – was im ersten Moment verwundert, da nach deutschem Recht eine Ehe normalerweise erst nach einjähriger räumlicher Trennungszeit geschieden werden kann. Vor Gericht erklärte die Frau dann aber zur allgemeinen Verwunderung, diese gesetzliche Regel gelte für sie nicht: Das einer jeden Scheidung vorausgehende Trennungsjahr sei nämlich wegen einer »offenkundigen unzumutbaren Härte« in ihrem Fall entbehrlich. Ihr Mann sei schließlich neuerdings homosexuell – und sie als Realschullehrerin in Bayern habe deshalb ab sofort mit gesellschaftlicher Verachtung und unter Umständen sogar vollständiger sozialer Ausgrenzung zu rechnen. Daher sei ihr auch nicht zumutbar, die zwölfmonatige Frist abzuwarten, nach der das Scheitern einer Ehe per Gesetz vermutet wird und die Scheidung der Eheleute ausgesprochen werden kann. Sie müsse sofort geschieden und von diesem »Makel« befreit werden.

Die offenbar aufgeklärten und in Sachen Homosexualität fortschrittlichen Richter aus Nürnberg sahen das freilich anders. Sie wiesen die Klage der Ehefrau ab. Und zwar mit erstaunlicher Begründung: Zunächst verwiesen sie auf die ständige Rechtsprechung aus der deutschen Schwulen- und Lesbenhochburg Köln und zitierten anschließend den Satz von Klaus Wowereit. Wörtlich heißt es im Urteil: »Die vom Oberlandesgericht in Köln bereits im Jahre 1996 festgestellte soziale Akzeptanz der Homosexualität hat sich zwischenzeitlich in der gesamten Gesellschaft verfestigt. Selbst Vertreter des öffentlichen Lebens bekennen sich mittlerweile offen und ungehemmt zu ihrer Homosexualität (»Ich bin schwul, und das ist auch gut so!«). Die Antragstellerin kann daher wegen der plötzlichen Homosexualität ihres Ehemanns keine konkreten gesellschaftlichen Benachteiligungen mehr vorbringen und demzufolge auch keine »unzumutbare Härte« im Sinne des Bürgerlichen Gesetzbuchs für sich beanspruchen.« Und das in Bayern!

Oberlandesgericht Nürnberg — Aktenzeichen: 10 WF 1526/06

Dürfen Männer im Stehen pinkeln?

Die Rechtslage in deutschen Badezimmern

Hier kommt eine persönliche Frage: Wann duschen Sie eigentlich? Also, ich meine jetzt die Tageszeit: Morgens, mittags, abends oder vielleicht sogar, wie mein Freund Hans-Gerd (Name zum Teil geändert), nachts? Hans-Gerd ist nämlich »Nachtduscher«. Ehrlich gestanden, kannte ich dieses Wort bisher auch nicht. Bis ich mit Hans-Gerd bei unserer Bundesligatipprunden-Abschlusstour neulich das Zimmer geteilt habe. Ungeheuerlich! Wenn alle anderen mehr oder weniger berauscht und friedlich im Bett liegen, geht Hans-Gerd: duschen! Und zwar nicht nur so zum schnellen Abkühlen, nein, Hans-Gerd meint, das sei der einzige Zeitpunkt des Tages, an dem er wirklich seine Ruhe habe und sich erholen könne. Und deshalb duscht Hans-Gerd auch gerne schon mal eine halbe Stunde oder noch länger. Nachts.

So, und sein Nachbar hat jetzt die Nase voll davon. Und hat sich beschwert. Beim Vermieter. Das sei eindeutig zu laut und ihm deshalb nicht mehr zumutbar. Er müsse das rechtlich nicht dulden, duschen sei in einem Mietshaus nämlich nur bis 22 Uhr erlaubt. Was die Frage aufwirft: Wie ist das eigentlich mit den nächtlichen Geräuschen in der Wohnung – und vor allem: Stimmt das mit dem Duschverbot ab 22 Uhr? Die Antwort lautet: Nein! Im Streit zwischen nächtlicher Körperhygiene und nachbarschaftlichem Ruhebedürfnis hat das Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf schon vor einigen Jahren zugunsten der Nachtduscher entschieden: Waschen darf man sich also auch noch nach 22 Uhr, selbst wenn das Prasseln des Wassers laut sein sollte (OLG Düsseldorf – Aktenzeichen: 5 Ss 411/90). Aber: Hans-Gerd und seine Mitstreiter müssen sich beeilen, denn das OLG setzte die Schmerzgrenze auf dreißig Minuten fest. Wer nachts um 3 Uhr länger als eine halbe Stunde unter dem Brausekopf verbringt, verletzt demnach die nachbarschaftliche Rücksichtnahme im Hinblick auf zulässige Geräuschimmissionen. Das Gleiche, also die 30-Minutengrenze, gilt übrigens nach Meinung des Landgerichts Köln fürs Baden, wobei hier wohl eher der Vorgang des Wassereinlaufens gemeint sein dürfte (Landgericht Köln – Aktenzeichen: I S 304/96).

Und dann soll es ja auch noch die besonders empfindlichen Nachbarn geben, die sich sogar über den nächtlichen Toilettengang der anderen Hausbewohner beschweren. Auch wenn man es nicht für möglich hält, aber in Wuppertal verklagte vor einiger Zeit eine Frau einen männlichen Nachbarn, weil der nämlich, was ja durchaus vorkommen soll, nachts »im Stehen« auf seiner Toilette urinierte: Er solle sich, meinte die Frau, zur Geräuschverminderung bitte schön hinsetzen. Das Amtsgericht in Wuppertal – offenbar mit Männern besetzt – wies die Klage ab. Die (erfreuliche) Begründung: »Weder Nachbarn noch Richter sind befugt, Männern Vorschriften über die Benutzung der eigenen Toilette zu machen. Männer dürfen beim Urinieren stehen.« Danke.

Dieses Problem übrigens hat Hans-Gerd zum Glück nicht. Er setzt sich zu Hause hin. Seine Frau hat gemault. So einfach geht das.

Amtsgericht Wuppertal — Aktenzeichen: 34 C 262/96

Seitensprünge und Unterhaltsansprüche

Worauf man beim Fremdgehen achten sollte

So, wir reden jetzt mal über ein ziemlich heikles Thema, nämlich: Seitensprünge. Genau genommen über Seitensprünge und Recht. Ich weiß, die Verbindung klingt im ersten Moment irgendwie merkwürdig, aber man täuscht sich. Die rechtliche Bewertung von Seitensprüngen beschäftigt nämlich interessanterweise schon seit Jahrtausenden die Völker und vor allem deren Rechtsordnungen: Wussten Sie etwa, dass schon im Alten Testament als Strafe für den Ehebruch der Tod durch Steinigung vorgesehen war (Mose 5, 22), was Jesus bekanntermaßen einige Jahrhunderte später überhaupt nicht gefiel und ihm im Angesicht einer zu verurteilenden Ehebrecherin den wahrlich historischen Satz entlockte: »Wer unter Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!« (Johannes 8, 7).

Keine Steine wirft übrigens auch der Koran, der den Ehebruch zwar grundsätzlich als schweres Verbrechen ansieht, allerdings die Beteiligten nach herkömmlicher Überlieferung mit je einhundert Peitschenhieben vergleichsweise glimpflich davonkommen lässt (Sure 24, Verse 2–4). In vielen islamischen Ländern, wie etwa der Türkei, Ägypten, Jordanien oder Tunesien wird der Ehebruch nach nationalem Recht geregelt und ist längst straffrei. Nur in Nigeria oder etwa dem Sudan sollte man mit gepflegtem Fremdgehen lieber vorsichtig sein, dort werden nach strenger Auslegung und anderer Überlieferung des Korans die Ehebrecher durchaus noch mit dem Tode bestraft. Übrigens tatsächlich durch Steinigung.

Nach aktueller deutscher Rechtslage droht bei uns zurzeit niemandem die Steinigung, der Seitensprung bleibt vielmehr weitestgehend folgenlos: Zum einen reicht er schon seit dem 1. Juli 1977 allein nicht mal mehr als Scheidungsgrund aus (damals wurde nämlich das »Verschuldensprinzip« aus dem Scheidungsrecht gestrichen). Zum anderen hat man als »Gehörnter/Gehörnte« gegen den Ehebrecher nach ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes (BGH) leider auch noch nicht mal einen Schadensersatzanspruch in Geld, der das Seelenleid wenigstens ein bisschen abmildern könnte. Und ins Gefängnis geht wegen eines Ehebruchs seit 1969 auch kein Mensch mehr. In jenem Jahr wurde der entsprechende Paragraf 172 des Strafgesetzbuches (damals immerhin Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten!) abgeschafft.

Eines allerdings ist bis heute geblieben: Fremdgänger müssen unter Umständen um ihren möglichen Unterhaltsanspruch gegen den betrogenen Partner fürchten. Wem nämlich während der Ehezeit ein »schwerwiegendes, eindeutig bei ihm liegendes Fehlverhalten« zur Last gelegt wird, der kann gemäß Paragraf 1579 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) seines Unterhaltsanspruchs verlustig gehen. Kleiner Trost für die Ehebrecher: Erforderlich für den Verlust dieses Anspruchs ist nach der Rechtsprechung des BGH immer ein »nachhaltiges, auf Dauer angelegtes intimes Verhältnis mit einem anderen« während der Ehe. Die ganze Sache muss sich also schon über einige Monate hinziehen. Darum – merke: Wer sich nur auf kurze Affären beschränkt, ist zwar trotzdem ein Ferkel, hat aber zumindest rechtlich nichts zu befürchten.

Bundesgerichtshof — Aktenzeichen: VI ZR 172/71

Legale Demütigung der Staatsgewalt

Wie das Oberlandesgericht Bamberg die Polizei verspottet

Kaum eine Vorschrift im deutschen Recht führt so häufig zu Irritationen und Missverständnissen wie der Tatbestand der »Beleidigung« aus Paragraf 185 des Strafgesetzbuches. Weil sich im Gesetz keine allgemeingültige Definition für den Begriff der Beleidigung findet, müssen die Richter nämlich in der Regel nach Gutdünken und zwangsläufig höchst eigenwillig über Fragen von Ethik, Moral und guten Umgangsformen entscheiden.

Welch sonderbare Blüten das tragen kann, bekam neulich ein Polizeibeamter aus Bayern zu spüren, dem Folgendes passiert war: Im Zuge eines Ermittlungsverfahrens wegen einer Verkehrsstraftat telefonierte der Polizist zur Klärung des Tathergangs mit dem beschuldigten Autofahrer. Als es während des Gesprächs zu einem Streit über die Tatbeteiligung des Fahrers kam und der Polizeibeamte trotz bislang unklarer Beweislage auf seiner Meinung beharrte, meinte der Autofahrer: »Sie sind mir aber ein komischer Vogel!« Der Polizist fühlte sich durch diesen Satz beleidigt und erstattete umgehend Strafanzeige.

Das hätte er wohl besser gelassen, denn das daraufhin ergangene Urteil des Oberlandesgerichts in Bamberg kommt einer Demütigung der Polizei ziemlich nahe: Die Richter hoben nämlich die erstinstanzliche Verurteilung des Autofahrers auf und watschten den Polizeibeamten mit einer Unterweisung in die deutsche Sprachentwicklung förmlich ab. Wörtlich heißt es im Urteil: »Mit der Redewendung ›komischer Vogel‹ wird seit jeher ein sonderbarer, eigentümlicher, merkwürdiger, befremdlicher und mitunter kauziger Mensch bezeichnet. Eine Beleidigung im strafrechtlichen Sinne kann darin aber nicht gesehen werden. So findet sich die vermutlich auf vorchristliche, lateinisch-römische Quellen (›Juvenal‹) zurückgehende Redensart in ihrer altdeutschen Fassung (›Es ist eyn seltzamer Vogel‹) bereits bei dem niederdeutschen Humanisten Eberhardus Tappius in seinem erstmals 1539 in Straßburg erschienen Standardwerk. Bei der Formulierung handelt es sich demnach um eine alte, umgangssprachliche Redewendung, die keinen ehrenrührigen Bedeutungsgehalt haben kann. Sie unterliegt der Meinungsfreiheit des Grundgesetzes.«

Mit dieser erstaunlichen Begründung sprachen die Richter den Angeklagten vom Vorwurf der Beleidigung frei. Polizisten dürfen bei ihrer Arbeit demnach sanktionslos als »komische« oder »seltsame Vögel« bezeichnet werden. Bleibt die Frage: Gilt das eigentlich auch für Richter?

Oberlandesgericht Bamberg — Aktenzeichen: 3 Ss 64/08

Sehr geehrter Achtjähriger!

Wie ein Bonner Rechtsanwalt die gesamte Zunft blamiert

Dass Anwälte bei der Durchsetzung der Rechte ihrer Mandanten bisweilen absichtlich übereifrig agieren, gehört zum Allgemeinwissen in der Branche. Der Mandant, zumeist in Unkenntnis der rechtlichen Zusammenhänge, fühlt sich nämlich geschmeichelt, wenn sein Anwalt die Gegenseite mit besonders harten Tönen attackiert. Ob dahinter ein rechtlich fundiertes Wissen des Advokaten steckt, erkennt der Mandant natürlich nicht. Wie auch?

Wie übergriffig und peinlich Rechtsanwälte in solchen Situationen werden können, dokumentiert ein unglaublicher Fall, der kürzlich dem Landgericht (LG) Bonn zur Entscheidung vorlag: Ein achtjähriger Junge hatte während des Schulunterrichts zu seinem Mitschüler gesagt: »Mein Papa hat neulich für deinen Papa gearbeitet, aber als es dann ans Bezahlen ging, war nichts. Dann hat dein Papa das bei uns abgearbeitet.« Als der Filius des angeblich zahlungsunwilligen Papas die Geschichte dann zu Hause erzählte, fühlte sich der betroffene Vater durch diese Aussage des Jungen diskreditiert – und ging daraufhin zu seinem Anwalt.

Der sollte die angeblich unwahre Behauptung des Achtjährigen aus der Welt schaffen.

Was bis dahin eigentlich schon absurd genug klingt, wurde anschließend zur Farce: Der Rechtsanwalt verfasste nämlich ein an den Achtjährigen (!) gerichtetes Schreiben – mit folgendem Text: »Die von Ihnen getätigten Äußerungen sind geeignet, den Ruf und Leumund unseres Mandanten als Geschäftsmann zu beschädigen. Wir haben Sie namens und im Auftrage unseres Mandanten daher aufzufordern, die beigefügte Widerrufs- und Unterlassungserklärung zu unterzeichnen. Ihre Äußerung ist nachweislich unwahr und wurde von Ihnen wider besseres Wissen abgegeben. Sie hat daher sowohl strafrechtliche als auch zivilrechtliche Bewandtnis.«

Bedenkt man, dass Jura-Studenten in der ersten Woche des ersten Semesters lernen, dass Kinder sich frühestens ab dem vierzehnten Lebensjahr strafbar machen können, darf man sich wundern. Das LG Bonn wertete das Schreiben des Anwalts daher auch als Verletzung des Allgemeinen Persönlichkeitsrechts des Achtjährigen und sprach ihm folgerichtig Schadensersatz zu. Wörtlich heißt es im Urteil: »Der Inhalt des Schreibens an den Minderjährigen ist geeignet, die persönliche Entwicklung des Kindes nachhaltig negativ zu beeinflussen. Der von dem Rechtsanwalt – in Kenntnis der Unrichtigkeit – erhobene Vorwurf einer Straftat mit der Androhung gerichtlicher Schritte gegenüber einem Achtjährigen ist weder durch die Wahrnehmung berechtigter Interessen noch durch sonstige Gründe gerechtfertigt.«

Eine Frage zum Schluss: Kennen Sie eigentlich das Wort »Fremdschämen«?

Landgericht Bonn — Aktenzeichen: 6 S 278/07

Rauchende Richter aus Rostock

Wenn Marlboro-Männer Recht sprechen

In schwierigen Zeiten freut man sich bekanntlich besonders über Zuspruch. Und kommt der dann auch noch von hochoffizieller Stelle – umso besser. Die in der Vergangenheit durch diverse Rauchverbote arg gebeutelten Tabakkonsumenten in Deutschland bekommen einen neuen Fürsprecher, und zwar das Oberlandesgericht in Rostock. Die höchsten Richter im schönen Mecklenburg-Vorpommern bewiesen neulich mit einem erstaunlichen Urteil ein großes Herz für Raucher. Anlass war die folgende, höchst sonderbare Geschichte: Ein (rauchendes) Ehepaar aus Rostock hatte im Herbst eine Mittelmeerkreuzfahrt für das folgende Frühjahr gebucht: Zwei Wochen, all inklusive, Außenkabine, gehobene Kategorie – mit Balkon. Und dann kam das Grauen: Der Reiseveranstalter verhängte kurz vor Antritt der Reise ein generelles Rauchverbot in allen Kabinen seiner Schiffe.

Was tun? Die Eheleute waren sich schnell einig und erklärten umgehend den Rücktritt vom Reisevertrag wegen eines für sie »unzumutbaren Reisemangels«. Die Tatsache, dass sie weiterhin auf dem kabineneigenen Balkon und auf den sonstigen Freiflächen des Schiffes rauchen könnten, sei für sie kein Ersatz, die Reise sei jetzt komplett wertlos geworden, sie wollten ihr Geld zurück.

Was wie ein dummer Scherz klingt, hielt das OLG Rostock überraschenderweise für einleuchtend. Es gestattete dem Ehepaar den Rücktritt vom Vertrag. Der offenbar mit rauchenden Richtern besetzte OLG-Senat kam dabei zu erstaunlichen Einsichten: Ein Reisender könne grundsätzlich dann vom Vertrag zurücktreten, wenn vom Veranstalter wesentliche Veränderungen an der gebuchten Reise vorgenommen würden. Ein solcher Fall liege hier eindeutig vor. Den klagenden Eheleuten sei nämlich zuzugestehen, dass der von ihnen beabsichtigte Reisezweck entscheidend beeinträchtigt wird. Wörtlich heißt es im Urteil: »Die Eheleute haben vor Gericht glaubhaft ausgesagt, sie wollten die Reise nutzen, um »gemütlich mit einem guten Buch, einem guten Wein und einer leckeren Zigarette« ihre Zeit hauptsächlich in der Kabine zu verbringen. Dem erkennenden Senat ist ohne Weiteres nachvollziehbar und bekannt, dass ein Rauchverbot in der Kabine unter diesen Umständen eine wesentliche Einschränkung des Reisegenusses darstellt. Dass das Rauchen auf dem Balkon erlaubt blieb, ändert diese Beurteilung übrigens nicht. Schließlich können witterungsbedingte Einschränkungen des Rauchgenusses dort nicht ausgeschlossen werden.«

Fehlt eigentlich nur noch: »gez. Die Marlboro-Männer«.

Oberlandesgericht Rostock — Aktenzeichen: 1 U 183/08

Der Geburtstag

Wie müssen eigentlich Blumenkästen hängen?

Neulich hatte meine Mutter Geburtstag. Ich war zum Kaffee da. Sie kennen das vermutlich: Im Wohnzimmer zur Feier des Tages das beste Porzellan auf dem Tisch, geschätzte fünfzehn verschiedene Sorten Kuchen, Sahne, Dosenmilch, kleine Kuchengabel (sehr wichtig!), Servietten (zwingend: weiß) und um den Tisch herum die engsten Freundinnen meiner Mutter. Ungefähr so sechs bis acht.

Zwischendrin saß mein Vater, ausnahmsweise mal sprachlos. Na ja, und nach kurzer Begrüßung sagt dann meine Mutter: »Hör ma, Jung, schreib doch mal wat über Blumenkästen!«

Auf den Hinweis, dass ich eher auf Rechtsthemen spezialisiert bin und nicht der Gartenredaktion von Schöner Wohnen angehöre, erwidert meine Mutter: »Sei nit so albern, isch mein´doch, wenn so´’n Ding wejen dem Wind runterfällt!« Stille. Ich blicke in die Runde, aufmunterndes Nicken von allen Seiten, sogar mein Vater zeigt die erste Regung des Tages. Und weil es ja der Geburtstag meiner Mutter war, habe ich es dann irgendwann versprochen. Deshalb: Blumenkästen und Recht!

Was übrigens bei genauer Betrachtung dann doch gar nicht mal so uninteressant ist: Oder wussten Sie etwa, dass der Vermieter Ihnen nicht vorschreiben darf, wo genau Sie Ihre Blumen aufhängen? Das hat das Landgericht in Hamburg schon im Jahre 2004 entschieden (Aktenzeichen: 316 S 79/04). Ein Vermieter hatte seinen Mietern untersagt, die Kästen auf dem Balkon nach außen hängend anzubringen, da dies angeblich nicht zur Fassade des Hauses passe und im Übrigen beim Gießen die Nachbarn belästige.

Irrtum! Das LG Hamburg gab den Mietern Recht: Blumenkästen dürfen am Balkon auch außen angebracht werden. Jedenfalls dann, wenn sie die Hauswand nicht offensichtlich verunstalten oder beschädigen. Außerdem spielt es auch keine Rolle, ob die Blumen dort dann in Töpfen oder in Kästen gepflanzt sind. Dies könne der Mieter allein entscheiden, schließlich gehöre der Balkon zur Wohnung. Einzige Einschränkung: Die Kästen oder Töpfe müssen ordentlich befestigt sein, damit Passanten oder sonstige Personen nicht gefährdet werden.

Fallen die Dinger dann trotzdem runter, wird es allerdings in der Tat problematisch: Wer auf diese Art andere Personen, zum Beispiel Fußgänger oder Nachbarn in unteren Etagen, verletzt, muss mit Schadensersatzforderungen und unter Umständen sogar einer Strafanzeige wegen fahrlässiger Körperverletzung rechnen. Und das leuchtet auch ein, schließlich schafft man mit diesen überhängenden Blumenkästen eine Gefahrenquelle, und wenn man die nicht ordnungsgemäß sichert, muss man für die Folgen eben einstehen.

Unbedenklich sind nach einem Urteil des Landgerichts in Berlin allerdings von Pflanzen fallende Blätter, diese müssen die Mitmieter tatsächlich dulden. Es sei denn, die Bepflanzung wächst in erheblichem Umfang über die Brüstung und führt, wie etwa beim beliebten Knöterich, zu übermäßiger Belastung durch Blätter und herabfallenden Vogelkot (Aktenzeichen: 63 S 39/02). Also: Vorsicht vor dem Knöterich.

Und dann gab es noch den Fall aus dem schönen Berliner Stadtteil Schöneberg: Dort wollte ein Vermieter einem Mieter, der weder Balkon noch Garten hatte, sogar verbieten, einen Blumenkasten auf dem Fensterblech zum Hof aufzustellen. Zu gefährlich, meinte der Vermieter, und vor allem drohe das Blech zu verbiegen. Auch hier gab das Gericht dem Mieter Recht: Vorausgesetzt, der Mieter befestige den Kasten vernünftig, dürfe er diesen natürlich auf dem Fensterblech aufstellen.

Amtsgericht Schöneberg — Aktenzeichen: 13 C 356/00

Shakespeare fährt Zündapp

Warum man sich gegen grausiges Theater nicht wehren kann

Wann waren Sie eigentlich das letzte Mal im Theater? War es schön, oder haben Sie sich vielleicht über eine lausige Aufführung geärgert? Im letztgenannten Falle muss ich Ihnen leider eine traurige Botschaft verkünden: Selbst höchst sonderbare oder schauerliche Theaterinszenierungen berechtigen nach einem Urteil des Amtsgerichts in Hamburg nicht zur Rückforderung des Eintrittspreises. Der zugrunde liegende Fall klingt dabei wie ein schlechter Scherz:

Ein Theaterbesucher hatte sich in einem Hamburger Theater eine Eintrittskarte für die Komödie Viel Lärm um Nichts von William Shakespeare gekauft. Am Abend der Veranstaltung trauten die Besucher dann ihren Augen und Ohren nicht. Anstelle des bekannten Durcheinanders um Liebe, Intrigen, einem am Ende festgenommenen Don Juan und der finalen, glücklichen Doppelhochzeit der vier Hauptfiguren führte das Hamburger Theater eine merkwürdige Inszenierung des vierhundert Jahre alten Stückes auf: Zu Beginn fuhren die Schauspieler mit lärmenden Mofas mehrfach über die Bühne, verdrehten anschließend die von Shakespeare erdachte komödiantische Handlung nahezu vollständig und ließen zum Schluss sogar einen der Protagonisten dramatisch sterben.

Für einen der Besucher war das zu viel: Er schrieb am nächsten Tag an den Theaterdirektor und erklärte, er wolle sein Geld zurück. Schließlich wisse man seit vierhundert Jahren, dass diese Komödie ein Happy End habe – und mit dem dramatischen, der ursprünglichen Vorlage völlig entfremdeten Ende habe das Theater seine Erwartungen auf den üblichen und bekannten glücklichen Ausgang der Geschichte enttäuscht. Er fühle sich im Übrigen unter anderem durch die Mofas auf den Arm genommen, vom Theater in die Irre geführt und sei daher keinesfalls bereit, für diese grausige Aufführung Geld zu bezahlen.