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Ein riesiger Pottwal strandet unerklärlicherweise an der englischen Küste. Kurz darauf werden weitere Wale in der Themse gesichtet, und schließlich schwimmt eine unüberschaubare Anzahl der Tiere mit hoher Geschwindigkeit auf die Badestrände zu …

Im Gegensatz zur hysterischen Öffentlichkeit vermutet der Meeresbiologe Roddy Ormond, dass die Tiere die Menschen nicht angreifen, sondern ihnen etwas mitteilen wollen: eine Warnung, die er zusammen mit der Journalistin Kate Gunning entschlüsseln möchte. Ihre Nachforschungen bringen die beiden schon bald in große Gefahr. Denn die Antworten liegen in der Tiefe des Ozeans – dort, wo die Katastrophe ihren Anfang nahm.

Mike Croft ist das Thriller-Pseudonym des Autors Mike Stocks, dessen Roman ›White Man Falling‹ 2006 mit dem Goss First Novel Award ausgezeichnet wurde. Er ist der Gründer des Literaturmagazins Anon und lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Edinburgh.

MIKE CROFT

TIEF

Thriller

Aus dem Englischen von
Theda Krohm-Linke

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Für Daniel und Tanya Watkins

Prolog

Erst bei Einbruch der Dunkelheit hatte Blackfin sich so nah an den Strand herausgewagt. Es war eine warme Augustnacht, aber es regnete in Strömen, und der Mond war hinter dichten Wolken verborgen. Das Meer war hier schmutzig, und die Wellen spülten über seinen breiten Rücken. Unerkannt dümpelte er im ablaufenden Wasser. Rechts von ihm ragte ein merkwürdiges Bauwerk – Brighton Pier – ins Wasser hinein, stach in den Bauch des Meers, und er beobachtete die Menschen, die darauf herumliefen. Was ein Rummelplatz war, wusste er natürlich nicht, aber er spürte, dass die Menschen spielten. Die Lichter, die sie anscheinend so sehr mochten, blitzten und blinkten. Sie spiegelten sich im verregneten Meer, während der Lärm, in dem die Menschen sich so freudig bewegten – donnernde Rhythmen, klingende Glocken, kreischende Sirenen –, über den Pier hinausbrandete und die Umgebung erfüllte. Die Menschen schrien und jauchzten, während sie in ihren wahnsinnigen Maschinen herumwirbelten.

Auch Blackfin hatte einmal gespielt. Damals war er noch jung gewesen. Als er zum ersten Mal mit seiner Junggesellenherde in den kalten Ozean gezogen war, hatten sie bei Sonnenuntergang Scheinkämpfe miteinander ausgefochten, sie hatten sich gejagt, geschubst, tot gespielt und angeberische Mätzchen gemacht. Knapp unter der Oberfläche waren sie durchs Wasser gerast, hatten sich aufgebäumt und waren dann spektakulär in die Luft gesprungen. Oder sie hatten sich tief im nahrungsreichen Polarmeer irreführende Botschaften geschickt; er hatte sich den Bauch mit trägen Tintenfischen vollgeschlagen, jedoch signalisiert, dass es kaum Beute gab. Aber das war schon eine Ewigkeit her, und die Zeit zum Spielen war vorbei.

Blackfin war ein ausgewachsener Pottwal, riesig und mit Kampfnarben bedeckt. Mit dem Alter war das Bedürfnis nach Einsamkeit gewachsen. Er lebte allein an den Polen des Planeten und gab sich dem uralten Rhythmus hin:tauchen, fressen, aufsteigen, an der Oberfläche schwimmen, atmen, tauchen, fressen, aufsteigen, an der Oberfläche schwimmen, atmen. So gefiel es ihm. Einmal im Jahr, vielleicht auch nur einmal in zwei Jahren, machte er sich auf den Weg in wärmere Gewässer, um sich zu paaren. Wenn er auf eine etwa zwanzigköpfige Herde stieß – zwei oder drei alte Weibchen, fünf oder sechs geschlechtsreife Weibchen, ein Dutzend Jungtiere –, dann blieb er von einem Vollmond bis zum nächsten bei ihnen. Eine Zeit lang war es ganz angenehm, von den jungen Walen verfolgt zu werden. Er brachte ihnen alles bei, was sie über Routen, Nahrungsgebiete und Jagdtechniken wissen mussten. Aber er hielt es selten lange aus, so sehr sehnte er sich nach der Einsamkeit.

Was hatte ihn jetzt getrieben, seine fischreichen, einsamen Tiefen zu verlassen, um in unbekannte, flache Gewässer zu schwimmen?

Er war schon seit einigen Wochen unterwegs. Bei Tagesanbruch hatte er das Ende der Welt erreicht. Das Meer, das zwischen zwei Landmassen lag, war hier flach und schmutzig, ein stinkender Tunnel, durch den er sich schob. Überall waren Menschen – Schiffe und Boote in jeder Größe, Röhren und Kabel unter Wasser, Netze, denen man ausweichen musste, überall Schmutz – und dann noch der Lärm, unablässiger Lärm, der die Schallwellen durcheinanderbrachte, bis sein Gehirn schmerzte. Aber er hatte alles ertragen, bis er gegen Mittag an seinem Ziel angekommen war. Dann hatte er gewartet.

Er wartete noch immer, und als die Nacht halb verstrichen war, meldete Blackfins scharfes Gehör neuen Lärm. Am Ende des Piers hatte ein Nachtclub aufgemacht. Die hypnotische Musik drang durch die Mauern und vibrierte in den Tausenden von Metallstreben. Von dort strahlte sie in eine verständnislose Unterwasserwelt aus. Auch am anderen Ende des Strands nahm der Lärm zu. Pubs und Clubs unter der Esplanade füllten sich, und das betrunkene Geschrei von Männern und Frauen walzte die Küste entlang und übertönte den Regen und die langen Seufzer des Meers.

Es war schon beinahe Tag, als Blackfin seine Wache beendete. Endlich lag der Pier verlassen da, die Lichter waren ausgeschaltet, und die Clubs an der Promenade hatten ihre Gäste ausgespuckt. Noch eine Stunde hatte es gedauert, bis Ruhe in diese seltsame Menschenwelt einkehrte: Männer und Frauen hatten sich grunzend in dunklen Ecken herumgedrückt und waren dann doch, jeder für sich allein, nach Hause gegangen; junge Männer hatten die letzten, fettigen Reste ihres Kebabs oder Burgers gegessen und die Verpackungen achtlos auf den Strand geworfen; zwei Männer hatten aufgehört, sich zu prügeln, weil sie so betrunken waren, dass sie nur noch auf dem Kies umeinander torkelten. Als schließlich alle Spielarten menschlichen Lebens verschwunden waren, senkte sich so etwas wie Stille über die Küste bei Brighton.

Blackfin blies, und fünf Kubikmeter Gas schossen aus seinen heißen Lungen in die Luft, wo sie sich zu einer kühlen Fontäne aus Dampf verdichteten. Seine flache, mächtige Schwanzflosse schlug aufs Meer. Selbstbewusst stieß er ins Wasser und schwamm innerhalb weniger Sekunden mit höchster Geschwindigkeit. Er hinterließ eine schäumende Bugwelle, als er durchs Wasser pflügte. Er fühlte sich stark. Er spürte das Rauschen der Geschwindigkeit, und das Land kam schneller auf ihn zu, als er denken konnte.

Am Strand sah ihn nur ein streunender Hund kommen; kläglich jaulend machte er einen Satz, als das große Lebewesen sich plötzlich wie ein Ungeheuer aus der Schwärze erhob. Blackfin fühlte seinen mächtigen Körper erzittern, als er aufs Land aufschlug. Eine Kaskade von Kieselsteinen explodierte in die Luft. Erschreckt hoppelte der Hund davon, als die Fontäne sich über ihn ergoss.

Jetzt war Blackfins Lebenskraft zur Ruhe gekommen. Seine Macht hatte sich in Hilflosigkeit verwandelt, und er hatte seine unendliche Wasserwelt gegen einen steinigen Streifen Land eingetauscht. Alle Gefühle waren aus ihm gewichen, auch die Verzweiflung, die ihn zu diesem Akt getrieben hatte, und die schreckliche Angst, die nur der Tod beenden konnte.

Im Grand Hotel, dessen pompöse viktorianische Fassade aufs Meer blickte, ahnte niemand etwas. Die Gäste schliefen in ihren Betten, und das Nachtpersonal döste in fensterlosen Räumen, während ein Wal versuchte, die Welt zu retten.

Teil I

1

»Sie sind aus Kalifornien nach Clacton-on-Sea gezogen?«, fragte Roddy.

»Ja, hab ich doch gesagt«, antwortete Joe Farelli.

Roddy schloss die Autotür ab und blickte den kleinen Amerikaner skeptisch an. Die Falten um seine Augenwinkel kräuselten sich spöttisch-amüsiert. Joe und er kannten sich erst seit ein oder zwei Minuten, seit Roddy sein klappriges Auto auf der Promenade von Clacton geparkt hatte, aber ihr Gespräch nahm bereits kontroverse Züge an.

»Und hier wollten Sie WhaleWorld errichten? Eine Investition in Millionenhöhe? Hier? In Clacton?«

»Na toll«, murmelte Joe. »Ein besonders schlaues Arschloch an seinem Arschtag.«

»Ähm …«, sagte Roddy nach einer kurzen Pause. Er war sich nicht ganz sicher, wie er auf die Beleidigung reagieren sollte. Aber Joe, dessen kahler Schädel mit dem dünnen grauen Pferdeschwanz in der frühen Morgensonne glänzte, war bereits dabei, ausführlich zu erläutern, warum er in einem heruntergekommenen englischen Badeort ein Delphinarium eröffnen wollte. Roddy nickte, amüsiert und verärgert zugleich, während er sich die mit Kraftausdrücken durchsetzten Erklärungen anhörte.

»Haben Sie etwa nie einen Fehler gemacht?«, schloss Joe und hob resigniert die Hände. »Und jetzt habe ich hier einen verrückten Killerwal, Dr. Großkotz. Deshalb habe ich Sie angerufen – wir sollten ihn uns mal anschauen.«

Links lag das Meer und rechts die Stadt, und sie marschierten nebeneinander her, zwei Männer, wie sie unterschiedlicher nicht hätten sein können: Roddy war groß, hatte Haare (die dringend geschnitten werden mussten) und ein Gesicht, das recht attraktiv wirkte, trotz des hervortretenden Kinns und dem Ausdruck der Erschöpfung um die tief liegenden Augen; er war mager und sah aus, als könne er etwas zu essen vertragen. Seine Kleidung wirkte ein wenig heruntergekommen, so als ob sie geflickt, gewaschen und gebügelt gehörte. Man hätte sie auch einfach wegwerfen können. Joe hingegen war klein, untersetzt, kahlköpfig, gekleidet wie ein Streber und so hässlich wie ein Kamel, das auf eine Zitrone gebissen hat.

»Dieses Institut, das Sie leiten, das Institut für Meeressäuger …«

»Ja?«

»Sind Sie sicher, dass Sie der Direktor sind?«, fragte Joe.

»Wie bitte?«

»So einen Schrotthaufen würde doch nicht mal ein Hausmeister fahren«, meinte Joe und zeigte über die Schulter auf das alte Auto. »Stehen Sie darauf, gedemütigt zu werden?«

So in der Art, dachte Roddy – das Institut für Meeressäugetiere war von einem viktorianischen Philanthropen gegründet worden und war mittlerweile in Organisation und Führung ziemlich überholt und exzentrisch. Neben anderen Unwürdigkeiten gehörte auch dazu, dass der Direktor nur ein Gehalt von sechzehntausend Pfund im Jahr bekam … Aber trotzdem musste er Joes Aggressionen irgendwie kontern, dachte er, als sie vor dem schmuddeligen Eingang zum Pier von Clacton hielten. Er betrachtete das jämmerliche EINTRITT FREI!-Schild, die Holzfassade mit der abblätternden weißen Farbe, die Fish ’n ’Chips-Bude.

»Mr Farelli …«

»Joe.«

»Joe, verzeihen Sie mir meine Offenheit, aber ich bin im Morgengrauen hierher gefahren, aufgrund eines unverlangten Telefonanrufs, um Ihnen ohne Bezahlung einen Gefallen zu tun, obwohl Sie mir völlig fremd sind …«

»Ja.«

»… und deshalb bin ich nicht gewillt, mich von jemandem verspotten zu lassen, der seinen Lebensunterhalt mit fünf Delphinen in einem Schwimmbecken verdient.«

»Ja, klar«, seufzte Joe, »aber sie haben es Arsch-verdreht. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt mit mir.«

Roddy versuchte, seine Empörung beizubehalten, aber sie löste sich in Wohlgefallen auf. Arsch-verdreht? Jemandem, der in der Lage war, das Wort Arsch so vielfältig einzusetzen, konnte man einfach nicht böse sein. Außerdem hat es sowieso keinen Zweck, mich mit ihm herumzustreiten, dachte Roddy: Ich bin dreiundvierzig, habe keine Frau, kein Kind, kein Haus, weniger Besitztümer als ein armer Student, und ich verbringe mehr Zeit mit Walen als mit Menschen. Kein Wunder, dass er mich für verrückt hält.

»Hey, nehmen Sie meinen Mist nicht persönlich, Doc, ich bin voll davon – und ich sage immer, besser draußen als drinnen, was? Ich bin Ihnen wirklich dankbar, dass Sie hergekommen sind. Ich habe Sie extra angerufen, weil alle sagen, Sie hätten diesen kreativen, unkonventionellen Ansatz.«

Das sagen sie bestimmt, dachte Roddy; »sie« – andere Meeresbiologen, Wissenschaftler und Wal-Experten – sagten noch einiges mehr. Manche von ihnen bezeichneten ihn als Genie, für andere war er ein verantwortungsloser Einzelgänger. Dass er unkonventionell war, hätte jedoch keiner seiner Kollegen bestritten.

»Vor einem Jahr gab es in England noch keine Killerwale«, sagte Joe. Er steckte seine Hände tief in die Taschen, als sie über die Holzplanken des Piers gingen, vorbei an der Hall of Laughter und einer leeren Spielhalle. »Deshalb habe ich Attila den Killer hergeholt – ich dachte, ich verdiene damit so viel Geld, dass mir der Arsch vor Freude juckt. Ich hatte ja keine Ahnung.« Er kratzte sich im Schritt und wand sich. »Wissen Sie, ich bin aus New York, deshalb dachte ich, ich wüsste alles darüber, wie man sich als großes Stück Scheiße im beschissensten Scheißladen der Scheißstadt fühlt, verstehen Sie?«

»Äh, ja.«

»Genau. Aber ich hasse England, ich verabscheue diese Stadt, ich finde diesen Pier wirklich zum Kotzen, und WhaleWorld finde ich absolut und total scheiße …« Sie gingen gerade durch die Türen seines Unternehmens, und er zeigte dabei auf das Schild. »… und jetzt hat meine größte Attraktion, mein Killerwal …« Er blieb abrupt stehen und schlug die Hände vors Gesicht. »… mein Killerwal hat einen beschissenen Nervenzusammenbruch!«

Vorbei am Ticketschalter und einer großen Tafel mit der Aufschrift ATTILA DER KILLERDER WELT GRÖSSTER THRILLER!, führte Joe Roddy durch ein Gewirr von Fluren, eine Treppe hinauf und durch einen Notausgang wieder hinaus. Schließlich standen sie auf dem obersten Rang einer Arena mit Betonsitzen. Unten lag das abgetrennte Becken, ein mickriges blaues Rechteck mit vier Großen Tümmlern. Gott, stöhnte Roddy innerlich, was für ein elendes, deprimierendes Szenario. Diese armen Tiere.

Am Beckenrand sammelte ein Teenager mit einem großen Netz Delphinkot aus dem Wasser. Die Delphine verfolgten lustlos seine Bewegungen.

»Hi, Mr Farelli«, rief der Junge.

»Hey, Jason.«

Ich wünschte, ich wäre nicht hierhergekommen, stellte Roddy fest – fröhliche, intelligente Säugetiere wie diese, Geschöpfe des offenen Meers, unter so jämmerlichen Bedingungen … schrecklich. Versteht denn Joe die Komplexität ihrer natürlichen Umgebung nicht? Die komplizierten sozialen Hierarchien der Delphin-Gesellschaft? Und für den Killerwal ist es sogar noch schlimmer – das Weibchen ist dreimal so groß wie die Tümmler und hat keinen Gefährten.

»Sie erzählen mir jetzt was von Tierrechten, stimmt’s?«, grollte Joe, der ihn beobachtete.

Roddy seufzte.

»Was haben Sie erwartet? Aber wissen Sie, am meisten fällt mir auf, wie merkwürdig das hier alles ist. Ein kleines Wasserbecken mit Delphinen, das über dem Meer hängt.«

»Was ist denn daran merkwürdig?«

»Manchmal kommen da draußen im Meer bestimmt Wale und Delphine vorbei und wissen gar nicht, dass über ihnen Artgenossen schwimmen. Das ist doch surreal.«

»Oh, sie wissen schon voneinander. Manchmal kann man hören, wie sie einander rufen. Vor ein paar Tagen hat ein Killerwal nach Attila gerufen.«

»Das ist unglaublich.«

»Ja. Irgendwie herzzerreißend.«

»Sie tun Ihnen leid? Glauben Sie, dass sie glücklich sind?«

»Glücklich?« Joe seufzte. »Was heißt schon glücklich? Bin ich glücklich? Sind Sie glücklich? Diese Tiere sind in Kalifornien in Gefangenschaft gezüchtet worden, sie würden in der Wildnis gar nicht überleben. Hören Sie, ich füttere sie gut, sie werden medizinisch versorgt, das Wasser ist sauber und hat die richtige Temperatur, sie werden trainiert, ich beschäftige sie … Klar, es ist so, als ob sie im Gefängnis wären, aber es gibt gute und schlechte Gefängnisse, und das hier ist ein gutes Gefängnis. Es bricht mir den Arsch, aber ich tue mein Bestes.«

Sie gingen die Betonstufen hinunter und umrundeten das Becken. Roddy ging an dem Schirm vorbei, der das Becken des Killerwals von dem der Delphine trennte, und dann hauchte er ein Wort, das seine Überraschung nur unzulänglich wiedergab: »Oh …«

Der Killerwal – trotz seines Namens gehörte er zur Gattung der Delphine – trieb auf dem Rücken. Das Weibchen bewegte sich nicht. Nicht die kleinste Welle trübte die Wasseroberfläche. Ihr weißer Bauch schimmerte, umrahmt von ihren schwarzen Flanken, im Wasser, wunderschön und zugleich erschreckend zeichnete er sich vor den hellblauen Wänden des Beckens ab. Ihre schwarzen, paddelförmigen Flossen wirkten wie Stummelflügel. Die über einen Meter lange Rückenflosse, die direkt im Wasser hing, warf einen dreieckigen Schatten auf den Beckenboden.

»So«, sagte Joe langsam, »das ist alles, was sie macht. Sie frisst nicht, sie macht nichts bei den Vorführungen, und sie bewegt sich nicht – sie treibt einfach so mit dem Bauch nach oben dahin. Ziemlich bescheuert.«

»Seltsam«, murmelte Roddy und hockte sich hin, um dem Tier in die Augen zu sehen.

»Ich habe in den Staaten zehn Jahre lang mit Killerwalen gearbeitet, in drei verschiedenen Sea Worlds, aber so etwas habe ich noch nie gesehen.«

»Sie sagen, sie frisst nicht?«

»Seit drei Tagen jetzt.«

»Wie würden Sie ihren Gesundheitszustand beschreiben?«

»Ziemlich gut. Sie hatte vor ein paar Wochen eine kleine Infektion, aber das war nichts Ernstes. Wir haben ihr zweimal am Tag zweihundertvierzig Kapseln Tetrazyklin gegeben, zweieinhalb Milligramm pro Kapsel.«

»Gab es Nebenwirkungen?«

»Nein.«

»Hatten Sie einen spezialisierten Tierarzt hier?«

»Nein, nicht ganz. Ich habe einen Tierarzt vor Ort gefunden, der sich sehr für sie interessiert. Er hat sich schon ziemlich in das Thema eingearbeitet, aber bis er wirklich fit ist, behelfen wir uns gemeinsam mit Sweeneys Handbook of Marine Mammal Medicine

»Das ist kein Idealzustand. Ich muss Ihnen ehrlich sagen, Joe, ich bin mit dieser Situation nicht einverstanden. Sie halten hochintelligente Geschöpfe in winzigen Becken, sie werden krank – was für eine Überraschung –, und dann lassen Sie sie nicht einmal von einem qualifizierten Tierarzt behandeln. Ich finde, das stinkt zum Himmel.«

»Das ist nur Ihre Meinung.«

»Ja, das ist sie.«

Roddy wandte sich ab. Langsam ging er um das Becken herum. Er hörte, wie das Meer gegen die Streben des Piers unter ihm schlug; aus der Amüsiermeile drangen die blechernen Klänge einer geistlosen Melodie.

Attila drehte sich um. Als ihr Blasloch aus dem Wasser war, atmete sie sofort aus. Roddy roch den Salzgeruch des Sprühwassers, das herausspritzte. Er beobachtete, wie das Wasser an der Rückenflosse des Tieres entlanglief. Das Wasser im Becken beruhigte sich wieder. Attila holte Luft und atmete erneut aus. Selbst jetzt, in der richtigen Position, bewegte sie sich nicht. Wieder holte sie Luft. Auf der anderen Seite des Beckens schaute Joe auf die Uhr.

»Sie atmet dreimal aus und ein, dann dreht sie sich wieder um.«

»Stoppen Sie die Zeit?«

»Sechs, fünf, vier, drei, zwei, eins.«

Der Delphin drehte sich wieder. Die Rückenflosse klatschte aufs Wasser.

»Sie dreht sich für genau achtundzwanzig Sekunden, dann liegt sie zweiundzwanzig Minuten und vierzig Sekunden lang wieder auf dem Rücken, plus minus ein oder zwei Sekunden.«

Roddy steckte die Hände in die Taschen und ging, tief in Gedanken versunken, zu Joes Seite des Beckens.

»Sie haben vermutlich diagnostische Untersuchungen durchführen lassen?«

»Na ja, das ist das Problem. Ich würde nichts lieber machen, als eine Blutuntersuchung oder eine Bakterienprobe rund um das Luftloch zu nehmen, aber was soll ich tun, wenn sie nicht mitarbeitet?«

»Wie entnehmen sie normalerweise Proben?«

»In der schlimmen alten Zeit hätten wir das Becken leer gepumpt, um an sie ranzukommen, aber dann haben wir gemerkt, dass das viel zu viel Stress verursacht. Also haben wir die Wale darauf trainiert, uns zu helfen. Attila ist darauf abgerichtet, ihre Unterseite für Blutproben zu präsentieren und ihre Zunge und das Luftloch für Abstriche. Und sie kann auf Befehl pinkeln. Aber solange sie einen Baumstamm imitiert, komme ich natürlich nicht an sie ran.«

»Ist Ihnen schon mal in den Sinn gekommen, dass sie ernste Depressionen haben könnte?«

»Ja, vielleicht, aber warum sollte sie sich dann auf den Rücken drehen? Ich bin auch depressiv – eindeutig zu depressiv, um auf dem Kopf zu stehen.« Die Bemerkung brachte Roddy unwillkürlich zum Lächeln. »Hören Sie«, fuhr Joe fort, »das ist ein Wal, der mit Absicht etwas wirklich Bescheuertes macht. Ich mag Ihnen ja vorkommen wie ein böser Geschäftemacher, der liebe Tiere ausbeutet, aber ich kenne Killerwale, und ich kenne mich in der Branche aus. Ich arbeite schon seit langer Zeit mit Meeressäugetieren in Gefangenschaft, und dieses Verhalten ist einzigartig.«

Roddy nickte, dann stieg er die Sitzstufen hinauf. Er setzte sich in die oberste Reihe und legte die Hände auf die Knie. Joe folgte ihm. Eine Weile saßen sie schweigend nebeneinander. Joe seufzte häufig. Unter ihnen lag Attila in ihrem Becken wie ein Gemälde von Salvador Dalí. Von irgendwoher hörten sie Jason, der die Melodie eines Popsongs in einem schiefen Falsett mordete:

Du kannst meinen Körper kaufen

Du kannst meinen Körper kaufen

Du kannst meinen Körper kaufen

Aber meine Seele kriegst du nicht.

»Ich würde ihm keine zehn Dollar für beides bezahlen«, murrte Joe.

»Können Sie mir etwas über Attilas Nummer erzählen? Wenn sie Vorführungen hat?«

»Das Übliche – Springen, mit dem Schwanz schlagen, Wasserball, Flossenwinken, so was.«

»Was ist mit Reiten?«

»Nein. Das wird heutzutage nicht mehr gern gesehen. Es gibt einen Ort in Spanien, wo sie es noch machen, aber was soll man auch anderes von einem Land erwarten, dessen Nationalsport darin besteht, ein rotes Tuch vor einem Stier zu schwenken und ihm dann Speere in den Arsch zu stecken?«

Joe kicherte zynisch. Im Hintergrund sang Jason immer noch. Roddy bemühte sich, eine Erklärung für Attilas Verhalten zu finden. Kam Depression definitiv nicht infrage? Nein, Joe hatte recht: Depression manifestierte sich anders. Er nagte an seiner Unterlippe und konzentrierte sich. Langsam formte sich eine Idee. Nach einer Weile berührte Joe ihn hoffnungsvoll am Arm und lächelte ihn verlegen an, als ob er die Situation positiv beeinflussen könnte, wenn er – wie unaufrichtig auch immer – nett war.

»Na los, Doc, haben Sie eine Idee?«

»Nicht ganz, zumindest nichts Konkretes.«

»Scheiße.«

»Andererseits, meine legendäre Kreativität und so weiter …«

»Ja?«

»Einige meiner Kollegen beklagen sich, dass ich dazu neige, das Verhalten von Walen zu vermenschlichen …«

»Ja.«

»Wissen Sie noch, was Sie gesagt haben, das mit dem Kopfstehen?«

»Hä?«

»Das hat mich zum Nachdenken gebracht.«

»Ich habe irgendwas übers Kopfstehen gesagt?«

»Ich meine, wenn dieser Delphin ein Mensch wäre, würde ich sein Verhalten als völlig bizarr bezeichnen, weit entfernt von normalen Verhaltensweisen – so bizarr wie ein Mensch, der beschlossen hat, ständig auf dem Kopf zu stehen.«

»Okay«, sagte Joe gedehnt.

»Attila kann nicht mit Ihnen oder Ihren Angestellten reden, aber sie ist ein hochintelligentes, geselliges Wesen, und Sie sind ihre einzigen Kontakte. Wollen wir eine anthropomorphe Analogie herstellen, dann ist sie wie jemand, der in einer gefängnisähnlichen Umgebung lebt, wo er nur seine elementarsten Gefühle – Hunger, Trauer – mitteilen kann. Und plötzlich beschließt er, sich selbst von diesem geringfügigen Kontakt zurückzuziehen, um den ganzen Tag auf dem Kopf zu stehen.«

»Okay …«

»Wenn Sie diese Person wären, was wollten Sie damit vermitteln?«

»Dass ich ein verrückter Hurensohn bin?«

Roddy lächelte.

»Na ja, vielleicht. Aber ich glaube, es ist eher eine Art Protest. Wenn Leute nicht bekommen können, was sie wollen, oder wenn sie das Gefühl haben, niemand hört ihnen zu, oder wenn sie sich einfach – ach, ich weiß nicht – absolut machtlos fühlen, dann können sie etwas scheinbar völlig Unlogisches tun, etwas, das niemand ignorieren kann.«

»Was zum Beispiel?«

»Na, Sie wissen schon – Dächer besetzen, in den Hungerstreik treten, sich selbst anzünden, sich die Lippen zunähen.«

»Und Sie glauben, deshalb treibt mein Wal mit dem Bauch nach oben durchs Wasser? Weil sie in die Zeitung will?«

»Vielleicht will sie gehört werden … Joe, ich weiß nicht, es ist nur ein Gedanke.«

»Und was will sie damit sagen? Wie soll ich sie verstehen?«

»Das weiß ich auch nicht.«

Erneut schwiegen beide. Joe hoffte, dass Roddy etwas anderes, wesentlich Besseres einfiel. Er rieb sich die Augen.

»Roddy, meine sechsjährige Nichte kann bessere Geschichten erzählen.«

Roddy zuckte mit den Schultern. In diesem Moment klingelte sein Handy.

»Ja, hallo? Derek, hi! Wie geht es …«

Sein Freund Derek Petersen, ebenfalls ein Wal-Experte, der auch auf dem Clare College in Cambridge studiert hatte, und Leiter eines Forschungslabors war, ließ ihn erst gar nicht zu Wort kommen. »Wo bist du?«

»Ich schäme mich zu sehr, um dir das zu sagen.«

»Hast du einen Fernseher in der Nähe? Schalt ihn sofort ein.« »Was ist denn los? Joe, ich brauche einen Fernseher.«

»Sie wollen jetzt Fernsehen gucken?«

»Haben Sie einen oder nicht?«

»Im Büro.« Joe zeigte müde in die Richtung.

Joes Büro war düster und vollgestopft. Auf einem uralten Schreibtisch türmte sich der Müll. Aschenbecher, aus denen Zigarrenstummel über Papiere und Dokumente quollen. An den Wänden waren Kisten und Aktenordner gestapelt, und auf dem Fußboden lagen seltsame Objekte – ein kaputtes Ruder, mindestens sieben überflüssige Computer in verschiedenen Stadien der Auflösung und eine ausgestopfte Riesenkrabbe. In einer Ecke war ein kleiner Schwarz-Weiß-Fernseher an der Wand montiert, den Roddy, das Handy immer noch am Ohr, jetzt einschaltete.

»Welches Programm?«

»Das vierte. Sieh dir das an. Ein Pottwal am Strand von Brighton.«

»Das ist doch absurd!«, rief Roddy automatisch aus; Pottwale strandeten nicht, jedenfalls nicht in Brighton. Aber jetzt erschien er auf dem Bildschirm. Ein junger Reporter stand neben dem Tier und hatte besitzergreifend seine Hand auf dessen riesige Flanke gelegt.

»… immer noch nicht ganz sicher, um was für eine Art von Wal es sich handelt und warum er auf den Strand geschwommen ist«, sagte der Reporter gerade, während hinter ihm grinsende Teenager ins Bild schlurften. »War es ein verzweifelter Versuch, Selbstmord zu begehen, Todessehnsucht, oder hat er sich einfach nur verirrt? Wir werden es vielleicht nie erfahren. Für den Moment jedoch hat Brighton, bis eine Rettungsaktion gestartet ist, eine einzigartige neue Touristenattraktion. Andrew Griffiths für die Morgennachrichten.«

Die Kamera glitt über den Körper des Tiers und an seinem Schwanz vorbei aufs Meer hinaus.

»Siehst du auch, was ich sehe?«, hauchte Dereks Stimme in Roddys Ohr. »Da ist eine Furche im Kies.«

»Aber – das ist erstaunlich.«

»Noch nie da gewesen.«

Ein Kochutensil trat an die Stelle des gestrandeten Wals. Roddy schaltete den Fernseher aus und ließ sich schwer auf Joes Schreibtischstuhl sinken. Derek und er schwiegen.

»Und, was ist das große Geheimnis?«, fragte Joe von der Tür her.

Roddy antwortete nicht. Er sagte Derek, er würde versuchen, in drei Stunden in Brighton zu sein, und bat seinen Freund, Polizei, Tierschutz und Küstenwache zu informieren, dass er unterwegs sei. Und er gab ihm Anweisungen, welche Dinge er bei seiner Ankunft vorfinden wollte: Medikamente, Betäubungsmittel, Instrumentenkoffer für Proben, eine Kamera mit reichlich Filmmaterial, Messgeräte, eine Leiter, einen CD-Player und Yo-Yo Mas Aufnahme von Bachs Cello-Suiten. Roddy hatte über die Jahre mit etwa einem Dutzend gestrandeter Wale zu tun gehabt, und er hatte sich bestimmte Techniken angeeignet. Er verließ Joes Büro und ging eilig über den Pier zurück. Joe bemühte sich, Schritt zu halten.

»Was ist denn eigentlich so Besonderes daran?«, fragte er.

»Es ist ein Pottwal – es kommt äußerst selten vor, dass eine Tiefsee-Spezies wie ein Pottwal überhaupt strandet, aber dass das an einem so flachen Meer wie dem Englischen Kanal passiert, ist schlichtweg unglaublich. Außerdem treibt ein Wal, wenn er strandet, langsam herein, bleibt im niedrigen Wasser stecken und neigt sich beim Versuch, sich zu befreien, zu einer Seite. Er liegt dann eigentlich nie mit dem Kopf zum Land. Dieser hier aber …« Er schüttelte den Kopf, und seine Augen funkelten vor Erregung. »Er lag ganz gerade, und hinter ihm war ein tiefer Graben.«

»Und?«, fragte Joe mit einem leichten Keuchen – er war nicht in bester Form, und um mit Roddys weit ausholenden Schritten mitzukommen, musste er laufen. Aber Roddy antwortete nicht und ging einfach weiter. Schließlich gab Joe auf und blieb am Eingang zum Pier stehen.

»Was ist mit Attila?«, rief er klagend.

Roddy fluchte, als der klapprige Ford Escort nicht ansprang. Schon zum dritten Mal drehte er den Schlüssel und lauschte dem Orgeln des Anlassers. Wieder klingelte sein Handy.

»Ja?«

»Hier ist Whitaker, der Tierschutz ist in der Leitung, es gibt einen riesengroßen …«

»Verdammte Scheiße!«

»Wie bitte?«

»Entschuldigung. Ich will gerade losfahren, aber das Auto springt nicht an.«

»Ah«, sagte Whitaker ernst. »Es ist immer dasselbe.«

Whitaker war Forschungsassistent am Institut für Meeressäugetiere. Sein wirklicher Name war Peter Grant, aber alle außer seiner Familie nannten ihn Whitaker, weil er angeblich dem Filmstar Forest Whitaker ähnlich sah. Er hatte einen seltsamen akademischen Werdegang hinter sich, mit Abschlüssen in Literatur, Psychologie und Zoologie, bevor er mit zweiunddreißig angefangen hatte, unter Roddys Aufsicht seine Doktorarbeit zu schreiben. Letztlich war er Roddys inoffizieller Assistent geworden, forschte aber auch, wobei sein mageres Gehalt nur durch Mauscheleien bestritten wurde.

»Kann ich irgendetwas tun?«, fragte Whitaker.

»Ja, beam mich doch bitte von hier nach Brighton. Nein, warte mal, jetzt ist er angesprungen. Okay, Whitaker, ich habe Derek schon darum gebeten, bestimmte Dinge vorzubereiten, aber ich habe noch etwas vergessen. Ruf die Polizei in Brighton an, damit sie im Umkreis von dreißig Metern alles um den Wal absperrt.«

»Wird gemacht.«

»Und das Tier muss so bald wie möglich mit Meerwasser übergossen werden. Das ist wirklich lebenswichtig. Wie es gemacht wird, ist mir egal – ruf meinetwegen die Feuerwehr an.«

»Ja.«

»Und, äh, ich weiß nicht, lass dir was einfallen … Ach nein, warte, die Gezeiten. Finde heraus, wie es in den nächsten Tagen mit Ebbe und Flut aussieht.«

»Kein Problem.«

»Danke. Ich möchte jetzt erst mal in Ruhe nachdenken. Ich rufe dich später wieder an.«

»Kann ich auch nach Brighton kommen?«

»Ich glaube, du bleibst besser im Büro, damit …«

»Kann ich auch nach Brighton kommen?«

»Mir wäre es lieber …«

»Kann ich auch nach Brighton kommen?«

»Whitaker?«

»Roddy, es ist ein Pottwal!«

»Okay, okay, mach, was du willst.«

Das rostige alte Auto tuckerte langsam aus Clacton-on-Sea hinaus.

2

Hundert Kilometer entfernt, in London, saß Tony Rattigan im Fond seines Bentley. Der Chauffeur kam im Rush-Hour-Verkehr nur langsam voran. Motorradkuriere schlängelten sich durch die Lücken, Taxifahrer fluchten aus offenen Wagenfenstern. Der Augusttag würde heiß und stickig werden, und in der Luft sammelten sich bereits die Schadstoffe. Aber Rattigan störte sich nicht am Lärm oder dem durchdringenden Gestank der Abgase und noch nicht einmal am Schneckentempo, in dem sie vorwärtskamen. Für ihn war der Bentley hauptsächlich ein rollendes Büro. Klimatisiert und luftgereinigt, schalldicht und so ausgestattet, dass er darin seinen vielfältigen Geschäftsinteressen nachgehen konnte, war er seinem eigentlichen Büro sogar vorzuziehen. Hier war er ungestörter, und im Wagen war alles vorhanden, was er brauchte, von Faxgerät und Papierschredder bis hin zu Internetverbindung, Satellitenfernsehen und einer neuen Privatsekretärin, die vorn saß. Eine neue Privatsekretärin, dachte er, die mich nicht besonders gut leiden kann. Genau wie die letzte.

Dieser Gedanke beschäftigte ihn einen Moment lang. Aber warum kümmerte ihn das überhaupt, dachte er dann. Er betrachtete sich nachdenklich im Spiegel. Er war sehr groß, der Spiegel fasste kaum sein Gesicht. Seine Haare waren immer noch tiefschwarz, obwohl er schon Mitte vierzig war; beeindruckend, fand er. Er trug sie kurz geschnitten. Er war eher kräftig als dick, aber wenn er sich seine gut gepolsterten Wangen ansah, war ihm klar, dass er den Eindruck vermittelte, übergewichtig zu sein – als ob seine einst so unwiderstehlichen Muskeln sich in etwas Abstoßendes verwandelt hätten. Ist meine Erscheinung das Problem? Findet sie mich widerwärtig?

Seit er nicht mehr jung war, gab es an seinem Gesicht auf den ersten Blick vieles auszusetzen – die schweren Züge, die Mundwinkel, die unzufrieden herabhingen, der Schweiß, der sich ständig um die Nase mit den viel zu großen Poren sammelte – doch da waren auch noch seine Augen. Er hatte einmal diese Theorie gehört: Manchmal dauert es ein Leben lang, um einem Menschen anzusehen, wie böse er ist; aber in den Augen selbst des schlimmsten Menschen auf der ganzen Welt spiegelt sich nur die Güte, zu der er fähig war.

Rattigans Augen waren dunkel und tief, faszinierend und mächtig. Er wusste das. Und während er darüber nachdachte, verkündete sein Verstand plötzlich: Ich bin immer noch fähig zu mehr außergewöhnlicher Güte. Ja, das bin ich.

»Noch drei Minuten, Mr Rattigan.«

»Was?« Er fuhr erschreckt auf, als die unpersönliche Stimme der Privatsekretärin ertönte.

»Drei Minuten vor acht.«

»Gut. Danke.«

In den letzten Jahren hatte er ein äußerst riskantes, äußerst ertragreiches Geschäft mit den Russen betrieben, und jetzt war der Zeitpunkt gekommen, einem Telefongespräch zu lauschen, das auf einer verschlüsselten Leitung zwischen einem seiner Mittelsmänner und einem Funktionär in Moskau stattfand. Er wählte eine Nummer und wartete.

Punkt acht knisterte es in der Leitung. Eine kühle englische Stimme erkundigte sich nach der Gesundheit, ein stammelnder Russe antwortete mit der korrekten Formulierung. Offensichtlich war der Russe, der Delegierte einer neonationalistischen Partei in der Duma, außer sich vor Angst. Das war auch kein Wunder, dachte Rattigan: Mit einer Hand hing er an den Rockschößen der russischen Mafia, die andere lag schlaff und verschwitzt im bedrohlichen Griff sehr großer, äußerst zynischer militärischer Machthaber – und seine Eier hielten Kleptokraten gepackt. Kurz, ein klassischer Parasit des neuen Russlands, das aus der sowjetischen Implosion entstanden war. Rattigan empfand beinahe so etwas wie Mitleid.

»Wir gratulieren Ihnen zu der Vegas«, sagte die englische Stimme langsam. »Das Schiff soll in ein oder zwei Tagen auslaufen. Ich habe Informationen zu dem Schiff nach der Vegas. Es kommt in neun Tagen in Murmansk an. Der Name ist Jasmine … Jasmine, J-A-S-M-I-N-E … Sie kommt aus Malmö und hat Zement geladen. Er ist für eine neue meteorologische Beobachtungsstation bestimmt, die in der Nähe von Olenegorsk gebaut wird. Die Sicherheitsinspektoren im Hafen sind bestochen worden. Sie werden die Jasmine durchsuchen und verkünden, sie sei wegen des Zustands ihrer Pumpausrüstung nicht seefähig. Sie kommt für drei Tage zur Reparatur ins Trockendock. Verstehen Sie? … Sie haben drei Tage Zeit, um die Ware dort zu deponieren. Der Kapitän dieses Schiffs ist ein Amerikaner namens Schwarzkop. Er wartet auf die Parole ›Sind Ihre Eltern oder Großeltern vielleicht Deutsche?‹ Die Ware sollte in einer gebrauchten Maschinenpumpe versteckt werden. Nach drei Tagen wird das Schiff wieder als seetüchtig deklariert und verlässt Murmansk mit Verspätung, um in Bergen Papierballen für Reykjavík aufzunehmen. Das ist alles. Habe ich irgendetwas gesagt, was Sie nicht verstanden haben? … Gut … Nein … Ja.«

Hervorragend. Es lief alles wie geschmiert. Vorausgesetzt seine Leute hatten das Schiff gut ausgewählt – und bis jetzt war das immer der Fall gewesen –, dann würde in Kürze eine weitere Lieferung hinausgehen. Und eine weitere substanzielle Zahlung von den Russen würde auf ein neu eingerichtetes Auslandskonto überwiesen werden. Rattigan warf sein verschlüsseltes Handy auf den Sitz.

Der Bentley stand unbeweglich im zähen Verkehr. Als Rattigan nach draußen blickte, sah er einen kleinen Jungen, der sich anscheinend verlaufen hatte. Das Kind, das vielleicht fünf oder sechs Jahre alt war, stand ganz allein auf dem Bürgersteig, während die Leute um es herum zur Arbeit liefen. Das kleine, unschuldige Gesicht war tränenüberströmt. Obwohl er hinter der Scheibe nicht zu sehen war, hob Rattigan die Hand, doch genau in diesem Augenblick kam die erleichterte Mutter des Jungen. Rattigan sank in die Polster zurück und grunzte voller Erleichterung. Seine Gedanken wanderten in eine Zeit zurück, als er in diesem Alter gewesen war.

Mein Leben, dachte er … was für eine Reise. Das Kinderheim, die Verachtung des Personals: »Du bist nutzlos, jämmerlich, ein Nichts.« Warum haben sie ständig auf mir herumgehackt, warum haben sie mich nie gemocht? War es Zufall? Und dann, als ich ein bisschen älter wurde, was der stellvertretende Direktor des Heims mit mir gemacht hat …

Unbehaglich schüttelte Rattigan den Kopf; selbst jetzt konnte er an diese Ereignisse nicht zurückdenken. Es war zu gefährlich für sein fragiles Gleichgewicht … Jeder Erwachsene, mit dem ich in Kontakt kam, hielt mich für ein Nichts, tat so, als würde ich kaum existieren. Aber ich existierte doch. Und ich habe gearbeitet – Gott, wie hart ich gearbeitet habe –, um das Stipendium zu bekommen. Für Oxford, gratulierte er sich selbst und genoss die beiden Silben in seinem Kopf. Aber – wie ein Kind zog er die Nase kraus – diese Bastarde. Grässliche Kerle. In Oxford war es wieder genauso wie im Kinderheim. Subtiler zwar, aber ich war trotzdem der Prügelknabe, der Außenseiter. Na ja, seht mich jetzt an. Ich bin wahrscheinlich wohlhabender als mein gesamtes College und all seine lebenden Alumni zusammen. Und wie viele Menschen auf dieser Welt hatten wohl schon – anonym – fast hundert Millionen Pfund für wohltätige Zwecke gespendet?

Als Hauptanteilseigner einer Frachtschifflinie, deren Flotte Containerschiffe, Eisenerz- und Gefahrengutfrachter, Öltanker und allgemeine Frachtschiffe umfasste, war Rattigan ein anerkannt reicher Mann. In seiner Branche galt er als achtbarer Reeder im mittleren Einkommensbereich. Aber die Quelle seines wahren Reichtums lag woanders, in der unkontrollierten Hektik der globalen Schiffsszene mit ihren unendlichen Möglichkeiten, Geld anzuhäufen. Die Organisationen, die für die Verwaltung der Ozeane verantwortlich waren – die International Maritime Organization und das International Maritime Bureau – waren restlos unterbesetzt und kämpften mit dem System vielschichtiger Eigentumsverhältnisse durch sogenannte Billigflaggen. Einer seiner Tanker, im Besitz einer New Yorker Scheinfirma, der unter liberianischer Flagge fuhr, war vielleicht von einer Bank in Hongkong finanziert, von einem Klassifizierungsbüro in Norwegen registriert, wurde von einer zweiten Scheinfirma in Monte Carlo geführt, war in London versichert und wurde von Singapur aus verwaltet. In so einem System konnte man alles verbergen.

Zufrieden dachte er über diese Dinge nach. In der Zwischenzeit rief er seine Mails ab und sah, dass seine Tochter geschrieben hatte. Oh, Mist! Er spürte, wie Entsetzen in ihm aufstieg. Bitte, flehte er insgeheim, hoffentlich hat sie nicht abgesagt! Er öffnete die Mail.

Daddy, Änderung des Treffpunkts: Bob’s Caff in der Stroud Green Road, Finsbury Park. Bis später, Ally.

Bob’s Caff? Bob’s Caff? In Finsbury Park? Was war denn nicht in Ordnung mit dem Tisch, den er im The Richoux reserviert hatte? Aber wenigstens hatte sie nicht abgesagt. Gott, warum sah er sie in der letzten Zeit so selten? Er hatte noch nicht einmal ihre Telefonnummer. Aber – er seufzte erleichtert – wenigstens treffe ich mich nach Monaten endlich mal wieder mit ihr! Der Gedanke erfüllte ihn mit Vorfreude: meine geliebte Ally.

Wenn jemand ihn jetzt gesehen hätte, wie er in der Vorfreude auf das Wiedersehen mit seiner Tochter schwelgte, hätte er ihn bestimmt gemocht. Und das war alles, was er immer gewollt hatte.

Im Zentrum von Brighton standen die Autos Stoßstange an Stoßstange. Roddy wollte so schnell wie möglich an die Küste und suchte nach Lücken, die es nicht gab.

»Ach, verdammt, mach schon!«

Das Autoradio lief – irgendeine Sendung über Nahrungsmittelmangel. »Müssen wir uns jetzt Sorgen über den Fischbestand im Meer machen?«, sagte der Moderator gerade, aber Roddy hörte nicht mehr zu, als das Auto vor ihm vor einer grünen Ampel stehen blieb.

»Nein, nein, nein«, flehte Roddy, »tu das nicht.«

Er brauchte eine Viertelstunde, um ans Ende der West Street zu gelangen. Am Queen Square verließ er sein Auto, was ihm später einen Strafzettel einbringen sollte, und eilte zum Strand. Über der Promenade blieb er stehen und blickte in beide Richtungen die Küste entlang. Die Stelle, wo der Wal gestrandet war, war nicht schwer auszumachen. Etwa dreihundert Meter rechts von ihm hatte sich unterhalb des verlassenen West Pier eine beachtliche Menschenmenge hufeisenförmig am unteren Teil des Strands aufgestellt. Über ihren Köpfen stieg und fiel ein Wasserstrahl.

Roddy lief die Promenade entlang, bis er auf gleicher Höhe mit der Menge war, dann ging er hinunter an den Strand. Seine Füße sanken im Kies ein.

»Der ist aber hässlich, Mami«, hörte er ein kleines Mädchen missbilligend sagen, als er sich durch die Schaulustigen drängte. Roddy lächelte. Das stimmte. Mit ihrer klumpigen, sich abschälenden Haut, den kleinen Augen, dem nach unten gezogenen Maul und den wahrhaft monumentalen Köpfen hätten Pottwale bei einem Schönheitswettbewerb der Meeresbewohner tatsächlich keine Chance gehabt. Dann blieb er stehen – und starrte das Tier an. Ohne seinen Blick von dem Wal abzuwenden, trat er an das orangefarbene Absperrband, an dem ein Polizist stand.

»Ich bin Roddy Ormond, Dr. Roderick Ormond«, sagte er. »Ein Kollege hat mich sicher bereits angekündigt. Ich bin der Direktor des Instituts für Meeressäugetiere in London, und ich werde die Dinge hier in die Hand nehmen, wenn Sie … äh …«

Er kramte in seinen Taschen nach seinem Ausweis und reichte ihn dem Polizisten. Der nahm ihn entgegen und murmelte etwas Unverständliches in sein Funkgerät.

»Jawohl, Sir«, sagte er schließlich. »Dort drüben wartet bereits eine andere Wal-Expertin auf Sie.«

Roddy riss sich vom Anblick des Wals los und sah eine kleine, drahtige Frau asiatischer Herkunft, etwa vierzig Jahre alt. Sie trug ein hellblaues T-Shirt, dunkelblaue Jeans und grüne Gummistiefel und war in eine ernste Diskussion mit einem Polizeibeamten und einem Feuerwehrmann vertieft. Als Roddy durch den knirschenden Kies auf sie zuging, ertönten Stimmen: »Sir, dürfen wir fragen, wer Sie sind, Sir?« »Sir, möchten Sie einen Kommentar für die Presse abgeben?« Roddy blickte hinter sich und sah drei oder vier Journalisten, die sich am Absperrband drängten. Auch zwei Fernsehteams waren da, und beide Kameras waren auf ihn gerichtet. Angewidert runzelte er die Stirn.

»Dr. Ormond?«

»Ja?«, sagte er.

»Kamala Mohandhas, leitende Tierärztin beim Cetology Conservation Trust.« Lächelnd schüttelte sie ihm die Hand.

»Oh, Sie sind Kamala Mohandhas, natürlich – wir sind uns schon verschiedentlich auf Konferenzen begegnet.«

»Ja, genau. Ich war in New York, als Sie diesen Vortrag über die Ölgesellschaften gehalten haben, die gegen die Nordatlantik-Grenze verstoßen.«

»Ich freue mich, dass Sie hier sind. Die Kampagne des CCT gegen die Aufhebung des Moratoriums über die Jagd auf Wale ist ganz fantastisch.«

»Nun, Sie beim MMI sind ja auch nicht gerade Schlappschwänze …«

»Danke!«

»Okay«, sagte Kamala, »ich möchte Ihnen Superintendent Peter Shires vorstellen …«

»Hallo.«

»Hallo.«

»… von der Polizei in Brighton, und, äh, Entschuldigung, ich habe gar nicht …«

»Ich bin Feuerwehrmann«, sagte der Feuerwehrmann und deutete grinsend auf seine schwarz-gelbe Uniform. »Jonathan Edgar.«

»Hi«, sagte Roddy und schüttelte dem Mann die Hand. »Gut, gut. Okay …« Er blickte sich kurz um. »Kann ich davon ausgehen, dass Sie offiziell für das Wohlergehen des Wals verantwortlich sind?«, fragte er. »Soweit ich mich erinnere, muss die Gesamtverantwortung mit der Umweltschutzbehörde der Gemeinde geklärt werden.«

»Ja, das stimmt«, bestätigte der Superintendent. »Die Beamten von der Umweltbehörde waren bereits hier, und es ist alles in trockenen Tüchern.«

»Okay. In diesem Fall können wir sofort ein paar Maßnahmen veranlassen. Ich möchte, dass die Menschenmenge sich etwa zehn Meter weiter zurückzieht«, sagte Roddy. »Ich weiß, dass ich dreißig Meter gesagt hatte, aber es ist eine große Menschenmenge und ein großer Wal.«

»Kein Problem.«

»Außerdem«, fuhr Roddy fort und wandte sich an den Feuerwehrmann. »John?«

»Jonathan.«

»Jonathan, das Wasser …«

»Ja, die Pumpen sind da drüben«, erklärte er und zeigte hinter die Menschenmenge.

»Ich möchte, dass sie weiter weg geschafft werden. Viel weiter, sie sind viel zu laut. Ich möchte Frieden und Ruhe für das Tier.«

»Ich verstehe.«

Roddy betrachtete das Wasser, das auf den Rücken des Wals lief.

»Sie können doch wahrscheinlich den, wie heißt das noch mal, die Art ändern, wie das Wasser dort herauskommt?«

»Wenn Sie wollen, können wir es anders einstellen.«

»Ich möchte den Wasserstrahl viel feiner, im Moment prasselt es ja fast auf seinen Rücken …«

»Mhm.«

»Wir brauchen einen feinen Sprühnebel, der ihn ganz einhüllt. Ist das möglich?«

»Wird sofort erledigt.«

»Danke.«

Der Feuerwehrmann trottete davon.

»Toller Anblick, was?«, sagte Kamala und nickte zu dem Pottwal hinüber.

»Gott, ja, ich glaube, ich sage ihm mal Hallo. Haben Sie alles zusammen, was ich angefordert habe?«

»Ich habe riesige Mengen von allem, machen Sie sich keine Sorgen. Aber halten Sie es wirklich für notwendig, ihn mit Musik zu berieseln?«

Überrascht zog er eine Augenbraue hoch. Natürlich ist es notwendig, dachte er – es ist wissenschaftlicher Standard. Um die Frage nicht beantworten zu müssen, lächelte er sie an und begab sich zum Wal. Interessiert verfolgte die Menschenmenge jede seiner Bewegungen. Langsam ging er von der Seite auf das Tier zu, damit es ihn kommen sah.

»Alles in Ordnung, alter Junge«, murmelte er. »Okay.«

Du lieber Himmel … Ich habe noch nie einen voll ausgewachsenen Pottwal außerhalb des Wassers gesehen. Er ist ja unglaublich riesig …

Das Auge des Geschöpfs, das über seiner tief angesetzten, etwa drei Meter langen Schnauze saß, war reglos. Intensiv musterten sich die beiden unterschiedlichen Wesen. Du wundervolle, wunderschöne Kreatur, dachte Roddy unwillkürlich. Er brach den Blickkontakt als Erster ab und ging nach hinten zur Schwanzflosse. Bis dorthin waren es sechsundzwanzig Schritte, also etwa neunzehn oder zwanzig Meter, rechnete er. Wahrscheinlich wiegt er etwa fünfzig Tonnen. Ach, du liebe Güte. Fünfzigtausend Kilogramm Materie nur für ein einziges Lebewesen … Es handelte sich bestimmt um einen ausgewachsenen Bullen, das bewies allein die Größe, aber auch die langen weißen Narben, die sich quer über den Kopf zogen, zeugten von den üblichen Auseinandersetzungen mit den anderen Bullen. Neben der Schwanzflosse blieb er stehen und betrachtete den Graben, den der Wal in den Kies gezogen hatte. Wow!