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Thomas Gsella

BLAU UNTER

SCHWARZEN

Gsellammelte Prosa I

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eBook 2010

© 2010 DuMont Buchverlag, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Satz: Fagott, ffm

ISBN eBook: 978-3-8321-8508-4

ISBN App: 978-3-8321-8527-5

für Ursula, Rosa, Emilia und Bella

SALICYLATFREIE DIÄT

Erlaubt:

Fleisch, Fisch, Geflügel, Käse, Milch

Als Kartoffelersatz: Reis, Nudeln, Mais, Bohnen, Karotten, Popcorn, Butter, Margarine, Mayonnaise, Oliven, Nüsse

Gemüse: Artischocken, Spargel, grüne Bohnen, Broccoli, Rote Bete, Kohlsprossen, Kohl, Karotten, Blumenkohl, Sellerie, Mangold, Kresse

Getränke:

Wasser, Cola, Tee (außer Minze- und Kamillentee), Kaffee, Mineralwasser

Pilze, Salz, naturreiner Essig

Verboten:

Kamillentee, Kaugummi und Minze, Mandeln, Pfeffer, Zimt, Lakritzen

Zahlreiche Obst- und Gemüsesorten wie: Gurken, Erbsen, Äpfel, Tomaten, Aprikosen, Kirschen, Grapefruit, Weintrauben, Rosinen, Zitronen, Melonen

Rotwein

Bier

»Die können«, ging es G. schon auf der Fahrt nach Hause, verstärkt dann abends auf, »sich ihren Äskulap samt Schlange in den Hintern schieben«, allein, es half ja nichts, sooft er sich auch wünschte, ein Irrtum sei der Vater dieser grundperfiden Sauerei – dieser, wie er am zweiten Tag nach seiner Entlassung und schon leidlich auf der Höhe der Verzweiflung ergänzte, »vollversauten Höllenscheiße«: Gegen alle Logik, sanitas, humanitas und auch eigene Empirie war – so ganz glauben konnte er’s gleichwohl noch immer nicht – Bier unters Verdikt gefallen. »Hihi«, versuchte G. am vierten Tage sich zu überlisten, »ich glaub’s halt einfach nicht, Punkt«, hakte dann auch telefonisch im Krankenhaus nach: Man solle ihm doch bitteschön erklären, ob die behauptete stofflich-chemische Kumpanei von Aspirin und, hehehe!, Bier denn logisch-kantianisch möglich und gestattet sei!

»Sie … Hackethal!«

Aber wo G. auch fragte, er fand es bestätigt. Köpfte am Tag sieben zwar sehr heimlich ein vertrautes Licher, pustelte jedoch und gab sich drein. In der Folge verengte sich, wie weiland seine Luftröhre, seine Weltwahrnehmung: Was G. sah und registrierte, war vorwiegend Bier, das er nicht haben durfte. Nicht haben und nicht nehmen. »Jawohl, Bier«, faselte er an einem kühlen Frühstücksmorgen schrill in sich hinein, »will genommen werden, vor allem«, wehte es ihn ungewohnt deutlich aus der Bahn, »von hinten« – fasste sich dann wieder, ging zum Fenster, hinter dem ein leichter Regen niedernieselte, steckte beide Hände in die Hosentaschen und ward still.

Zwei volle Kästen, fiel aber G. umgehend und in dieser Stunde zum ungefähr neunzehnten Male ein, standen vorläufig noch in seiner Abstellkammer und kosteten ja nicht zuletzt Miete. Fraßen einen Viertelquadratmeter Wohnkapazität! Drei Euro zwanzig monatlich, überschlug G. sehr erschrocken, das waren über achtunddreißig Euro im Jahr oder zwei neue Kästen. »Die ich Arsch ja wiederum nicht trinken könnte«, verhedderte er sich weiter, wechselte von der Küche ins Wohnzimmer, um dort zu erwägen, ob und inwieweit so ein Glas Bier sich eigentlich ausstopfen ließ. Jawohl, er würde ein liebevoll Gezapftes ausstopfen und als Signum, als Trophäe besserer Zeiten in der Schrankwand deponieren. Als utopischmagisch aufgeladenes voodoo project. Auf dass er eines Tages wieder zischen dürfe.

Eine Heirat, dachte G. dann etwa eine Woche lang, wäre jetzt und hier von Vorteil; oder ein neues Auto. Mit einem blaumetallic Opel-Sierra-Jahreswagen mit ABS und Flankenaufprallschutz wäre letztlich auch die Dienstagskneipenrunde eine Zeitlang stillzustellen, ihre Spottlust zu entkräften!

»Susi Fräulein, eine milde Weißweinschorle für den guten G.«, hieß es freilich schon am selben Abend.

»Pils«, krähte schneidend und in gewohnter Schärfe Altkommunist Schmidt, »ist ihm bis auf weiteres verboten. Bis zur Ankunft neuer Direktiven untersagt!«

»Er hat«, griff wider G.s Erwarten gar der neu hinzugestoßene Gewerkschaftsdoktorand Conrad-Roth den Faden auf, »nämlich Bierallergie, der Schlappschwanz!«

Täuschte G. sich nicht, brach an dieser Stelle eine Art Zwinkern zwischen Susi und dem blass wirkenden Gewerkschaftsschreiber los; sie war, erinnerte er sich schnell, halt kaum die Hellste, wenn auch durchaus lockend und, schwante ihm da plötzlich was, dem kompletten Dienstagstisch samt Neuling schon zu Willen gewesen! Mit Ausnahme gewiss nur seiner, G.s.

»Herr Conrad-Roth, das eine«, replizierte G. lauthals und brachte es, da ein schlimmer Fehler ihm schon hier aufging, flüsternd zu Ende, »hat mit dem anderen rein nichts zu tun« – hängte sich aber rechtzeitig ans allgemeine Prusten. In das auch ’s dumme Fräulein Susi wackelnd fiel.

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Leichtperlend

bernsteinbraune

Puffmutter

guter Laune

Neuerdings, ein rundes Sechsteljahr nach seiner Entlassung aus der Klinik, ertappte sich G. recht häufig beim Abfassen von, wie er in wackeren Momenten formulierte, »schwerstbekloppter Bierlyrik«; sie zu stoppen fehlten ihm aber Kraft und Mut. Öfter geschah’s nun auch, dass G. ein Gläschen der verhassten Weißweinschorle schon zum Frühstück trank und den Vormittag in wütendster Umnebelung verlebte; Kaffee schmeckte ihm, sprach er im Nachhinein verwundert, im Gegensatz zum Weißwein doch sehr gut! Gewiss, es waren Übersprungshandlungen, die aber dann für einen halben Monat zur fast täglichen Routine wurden und G. umso mehr erstaunten, als er in besseren Zeiten sein Quantum Bier stets abends eingenommen hatte: als süßeste Belohnung eines abstinenten Tages. Erst als G., an einem Mittwoch war es, zum Frühstückstoast zwei Flaschen Sprudel nebst einem kompletten Riesling-Liter leergezogen hatte und für gut zwölf Stunden ausfiel, verschwand dieser Charakterzug so überraschend, wie er erschienen war. G. atmete auf.

bier statt

das wär fein

wein

hieß dann wiederum sein Beitrag zum vierten Adventssonntag, der aber zum größten Teil mit seltsam lustbesetzten Auswanderungsgedanken gefüllt war. Ja, G. schien es höchste Zeit, dem in sein Leben bombengleich geplatzten Radikalbruch kraft eines gleichschwer radikalen Umzugs den verdienten Ehrtribut zu zollen: Eine »völlig neue Existenz« würde er anno 2010 starten! Den Mai noch mitnehmen, und dann raus aus Europa. Raus aus der Nordhalbkugel. Grob überschlug G. seine liquiden wie mobilen Kapitalien, kam auf neuntausend und avisierte fürs erste schon mal Peking. »Die chinesischen Boom-Provinzen. Handwerker im Kaiserpalast. Oder wenigstens Honolulu« – wurde indes schon am frühen Abend von einem neuartigen Projekt schier übermannt und hingerissen: nämlich jetzt sofort einen Liter Weißweinschorle in zwei leere Licherflaschen zu füllen, von da aus in ein anerkanntes Bierglas – und alles auszutrinken.

Als es funktionierte, war G. den Tränen nah. Das Gefühl, schluchzte er in sich hinein und mixte alles gleich noch einmal, das Gefühl stimmte wieder. Endlich war die Optik wieder top. Top bis auf 1) Farbe, 2) Krone; aber beides, kam G. schnell auf die rettende Idee, war ja mit einer Multivitamintablette zu beheben.

Das Resultat allein, es schien durchmischt. Die Farbe mochte wohl ins passabel Gelbhellbraune zielen; die Krone aber blieb von ausgesuchter Flüchtigkeit, warf Blasen und, G. zählte mehrmals mit, verschwand nach zwei bis vier Sekunden, zu schnell sogar für einen Schnellaustrinker wie höchstselber ihn! Erst als G., nach einer Viertelstunde tabulos freier Denkarbeit, mit aufgeschäumter heißer H-Milch ein viertes Bausteinelement hinzuzog und auf die Weißweinvitaminsaftschorle strich, war nicht lediglich der Abend, nicht nur die bevorstehende Weihnacht gerettet: Mit dieser Neuerfindung, sinnierte sanguinisch G. und sog die Brühe heilfroh ein, mit solch einem Patentpaket im Rücken ließ sich’s sogar im Lande bleiben. War China praktisch obsolet!

Auch, lachte G. sinister auf und nahm Glas Nummer neun, wenn diese Suppe schmeckt wie frische Gülle, hoh.

Biertrinko ergo sum

(G./Descartes, im Mai 2009)

. . . UND DIE ANDEREN

ICH . . .

DER MEMOIREN ERSTER TEIL

Von meinen ersten vier Jahren weiß ich nichts, aber als ich fünf war, machte ich meine Eltern tot. Natürlich nur im Spiel. Damals war ich immer noch in der Trotzphase und überredete sie mit stundenlangem Strampeln und Schreien dazu, sich bäuchlings auf zwei Skateboards zu legen und ihre Köpfe in den Backofen zu stecken. Sie konnten ja nicht ahnen, dass ich tüchtig vorgeheizt hatte, wurden krank und ohnmächtig und mussten mit Tatütata ins Krankenhaus. Natürlich nur im Spiel. Ich war der Krankenwagen und schob sie auf den Skateboards in mein Spielzimmer. Die Höhle unterm Hochbett war die Intensivstation.

Natürlich nur im Spiel. Ich hatte die Höhle schon Tage vorher mit Kissen und Decken ausgelegt und mir auch allerlei Heilsalben ausgedacht, Zahnpasta, Knete, in Wasser gelöstes Klopapier und so weiter. Das tat ich alles drauf, aber die beiden vorher von den Skateboards zu kippen, war ganz schön anstrengend. Dann krabbelte ich in mein Kuschelhochbett. In der Nacht erwachte Papa und schrie Aua, sodass ich fürchtete, er könne Mama wecken. Schnell kriegte er eine Cortisonspritze in den Oberschenkel. Natürlich nur im Spiel. In echt nahm ich ein Mikadostäbchen, und Papa schlief sofort wieder ein. Am frühen Morgen kam der Onkel Doktor, untersuchte die Patienten und schüttelte resigniert den Kopf. Dafür hatte ich mein hölzernes Sandmännchen extra in ein weißes Handtuch gewickelt.

Die Beerdigung war supertraurig. Alle meine Verwandten und Freunde waren gekommen, Fritzi der Eisbär, der Dino Knuffi, Sandmännchen, die Katze Elisabeth, Frosch, Tiger, Pu der Bär, Ferkel, Eule, Klein Ruh, Eisbär II und Pferd. Alle kamen mit dem Taxi von weit her, aus Indien, Borbeck, Amerika, Australien und Wanne-Eickel, wir sind eine polyglotte Sippschaft, und es war ein kühler, regennasser Spätherbsttag. Alle hatten ihre Schirme aufgespannt, die Lodenmantelkrägen hochgeschlagen und äußerten ihr tiefempfundenes Beileid in den Sprachen der Völker. Natürlich nur im Spiel. Die Beerdigungsgesellschaft hatte ich Tage vorher mit Klebe am Hochbettbalken aufgehängt und ausgerechnet meinen besten Freund Tiger beinahe vergessen, aber der schrie dann plötzlich aus dem Kuscheltierkorb: »Hallo, ich will a-auch!« Als ich ihm sagte, zur Trauermahlzeit seien inklusive meinem aber nur dreizehn Plätze reserviert, schlug er vor, den Dino rauszuschmeißen. Das war eine gute Idee, weil Knuffi eh ein Arm fehlte.

Der Pastor war ein gelber Legostein mit aufgeklebten Staubfusseln und hatte eine bewegende Rede vorbereitet. Natürlich nur im Spiel. In meinen Kinder-Cassettenrecorder konnte man reinsprechen, und Mama hatte gesagt, wenn man gleichzeitig den roten Knopf drückte, käme ein roter Zauberer geflogen, und der zauberte, dass das, was ich sagte oder sang, in den Cassettenrecorder ging. Wenn ich dann den grünen Knopf drückte, käme ein grüner Zauberer und holte es genau so wieder raus. Aber gerade als ich auf den grünen Knopf drücken und die Trauerrede »Alle meine Entchen schwimmen auf dem See, schwimmen auf dem See, Köpfchen in das Wasser, Schwänzchen in die Höh« wieder rauszaubern wollte, hörte ich Gepolter im Treppenhaus, und ein Polizist rief hysterisch: »Aufmachen, oder wir brechen die Tür auf!«

Natürlich nur im Spiel. In echt hatte ich statt der Pastortrauerrede »Alle meine Entchen« schon vor Tagen den letztzitierten Polizeibefehl aufgenommen, bewusst verzerrt sogar, aber Angst kriegte ich wie geplant trotzdem. Ich hatte meine Eltern totgemacht, ich war fünf Jahre alt und durfte nicht allein über die Straße, da war guter Rat teuer.

Zum Glück hatte ich vorgesorgt. In Sekundenschnelle schlüpfte ich in mein Karnevalskostüm, war nun ein gefährlicher Löwe und floh auf meinem Bobby-Car nach Bremen zu Oma und Opa. Natürlich nur im Spiel. Bremen war unterm Küchentisch, den ich schon vor Tagen mit vom Tisch runterhängenden Couchdecken und Handtüchern zum freiwilligen Exil umgebaut hatte, zu einem Unterschlupf par excellence. Mein Elefant war Opa, und Oma, mein roter Eierbecher, stand auf dem Kopf und flüsterte, damit der Polizist es nicht hörte: »Schatz, du hast seit zwei Tagen nichts gegessen und musst Hunger haben. Dreh mich um, hex hex!«

Das passte gut, ich war tatsächlich hungrig, und als ich Oma umdrehte, purzelten, hex hex!, Rohkostgemüse, Vitaminpastillen und frischer Blattspinat an Gorgonzola heraus. Natürlich nur im Spiel. In echt waren es sieben Smarties und drei Brause. Schon vor Tagen hatte ich sie dort deponiert und stopfte sie mir gerade alle auf einmal in den Mund, da hörte ich plötzlich Stimmen aus dem Spielzimmer. Huch! Sie waren doch begraben, aber was ich nun hörte, war wirklich Papas Stimme! Papa hatte eine brummige Stimme gehabt, fast so brummig wie mein Schmusebär, wenn ich ihn aus meinen Armen auf den Rücken legte, und ich hörte genau, wie Papa jetzt brummte: »Aua, aua, Hilfe, Hilfe. Mein Kopf tut ganz schön weh, aber weißt du was, Mama? Ich finde, wir hätten unserem Kind ruhig mehr Smarties als einen am Tag erlauben können, ruhig sechs oder elf, und auch mehr Brausebonbons, vielleicht sogar drei, was meinst du?«

Ich war so aufgeregt und gespannt, dass ich mit Kauen aufhörte und mir ein Faden Spucke aus dem Mund kam. Mama hatte eine hohe Stimme, wie ein Vogel, und sie piepste: »Ja klar ist ein Smarties und ein Brause zu wenig. Komm, Papa, wir beide sagen ab sofort sieben und drei am Tag. Hallo, Ki-hind!«

»Ja?«, sagte ich.

»Wir haben uns überlegt, du hattest recht. Sieben und drei am Tag geht. Machst du uns jetzt wieder lebendig? Wir brauchen aber neue Köpfe, unsere sind im Herd kaputtgegangen.«

»Ich komme«, sagte ich. »Und eure neuen Köpfe hab ich schon.«

»Au ja!«, brummte Papa

»Au ja! Ich a-auch!«, piepste Mama, aber natürlich nur im Spiel. Schon vor Tagen hatte ich das Gepräch mit Brumm- und Piepsestimmen in den Cassettenrecorder gezaubert und extra Pausen gelassen für die Stellen, wo ich dran war. Die neuen Köpfe hatte ich mir sogar schon Dienstag von Mama mitbringen lassen.

Aber plötzlich musste ich aufs Klo. Das konnte ich schon ziemlich alleine, auch das Abputzen, aber noch nicht so richtig. Als ich fertig war und nachguckte, klatschte ich in die Hände und rief »Juchhu!«, denn ich hatte schon wieder genau unsere Familie gemacht, eine große Wurst, eine kleinere und eine ganz kleine, das war ich.

»Mama, Papa, kucken kommen!« –

»Mama, Papa! Kuuukeen kooommeeen!!« –

»Maaaa-maaaa! Paaaa-paaaa! Aaapuuuzäääään!!!« –

»Mir ist kaa-haalt!!« –

»Ich waaaiiin glaaaiich!« –

Niemand kam.

In der Badewanne war eine Spinne, der ich Gras zum Abendessen geben wollte, aber ich durfte ja nicht aufstehn mit dem schmutzigen Popo. Zählen konnte ich schon lange bis zwanzig. Ich zählte die gelben Fliesen an der Wand, eins, zwei, sechs, achtzehn, tausend, neun, dann riß ich Klopapier ab und drückte es gegen meine Augen. Sofort wurde es tränennass. Natürlich nur im Spiel, ich wusste ja, dass Mama und Papa nicht kucken und mich abputzen konnten mit den alten Köpfen. Ich ließ die Hose einfach auf meinen Füßen liegen und watschelte wie ein nackiger Frosch in die Küche, quaak.

Um den Kühlschrank aufzukriegen, muss man ganz feste an dem silbernen Hebel reißen, aber nicht zu feste, sonst kippt die Milch um, und die Sauerei ist da. So kam es jetzt auch, aber wichtiger waren die zwei Gemüsefächer direkt vor meinem Gesicht. Da drin lagen sie.

Wenn Mama einkaufen ging, fragte sie immer, ob sie mir eine Überraschung mitbringen soll, und schon vor Tagen hatte ich gesagt, au ja, diesmal zwei, einen kleinen Kopf Rotkohl und eine Wassermelone, weil Papa ist ein bisschen größer, und einen lila Vorschlaghammer. Lila war meine Lieblingsfarbe, und Mama hatte gelacht, woher ich denn das hätte, das komme ja gar nicht in die Tüte. Wir seien eine Künstlerfamilie, während Vorschlaghammer mehr aus dem Wortfeld Baugewerbe stamme, und morgen müsse sie mit Frau von Heinkes sprechen. Frau von Heinkes war meine Waldorf-Kindergärtnerin, aber jetzt bin ich durcheinander.

Die Gemüsefächer. Im linken Fach der Salat, rechts die Melone, und zum Glück war Papa zeitlebens ein Bastler gewesen, Stichwort Laubsägearbeit. Schon vor Tagen hatte ich Papas Laubsäge in meinem Tierekorb versteckt, aber als ich dann später ansetzte, sagten beide Aua, aber nur im Spiel und nur einmal, dann waren die Köpfe ausgetauscht.

»Mama, Papa, eure neuen sind dra-han!«

»Danke!«, brummte Papa.

»Danke!«, piepste Mama.

»Nichts zu danken«, sagte ich und krabbelte schnell in mein Hochbett. »Gute Nacht.«

»Schlaf schön«, brummte Papa. »Und denk dran: Sieben und drei am Tag geht.«

»Stimmt«, piepste Mama. »Sogar sieben und vier!«

»Ich hab euch lieb«, sagte ich, kuschelte mich in meine Decke, legte den Frosch neben mich aufs Kissen und schlief ein. Als ich erwachte, war es dunkel, und ich wusste nicht, ob noch oder schon wieder. Aus Angst versuchte ich weiterzuschlafen, wachte auf, schlief, wachte auf und so weiter. So ging es eine ganze Zeit, und als ich zum dritten oder zehnten Mal erwachte, war mein Mund trocken, und mein Bauch wollte Fanta und Smarties, aber zuerst sagte ich zu Frosch: »Iiiih, hier stinkt’s. Mach mal das Fenster auf.« Natürlich nur im Spiel. Frosch konnte zwar laufen, Fensteraufmachen konnte aber nur Pferd. Aber das wollte ich nicht wecken. Ich hielt mir die Nase zu und schlief wieder ein.

DAS WAR MEIN ’68

Eine tagebuchgestützte Erinnerung

Dingeldongdingdingdongelding! Dingeldööööng! »Aufstehn, zack zack, in fünf Minuten Frühstück!« Wie jeden Morgen um Punkt Viertel vor sieben zeterte uns die neue Hausglocke aus dem Schlaf, den Rest erledigte meine kleinbürgerliche Mami: »Los getz, ihr Blagen, aufstehn und Zähne putzen, sonst komm ich hoch oder der Vatter!« Damit aber beide eben nicht hochmussten in die erste, in unsere Kinderetage, hatten sie sich diese reaktionäre Bimmelglockenstrategie ausgedacht: Mami rüttelte am Klöppel, wir fielen aus dem Bett – scheiß kapitalistische Arbeitsteilung. Eintrag im Tagebuch, 4. Februar 1968: »Schlagt den Fordismus, wo ihr ihn trefft!«

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»Ho-Ho-Ho-Chi-Minh! Amis raus aus Vietnam!«, scheint der junge Thomas Gsella in sein tadellos geführtes Deutschheft zu schreiben.

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Endlich bekam ich die Heilige Kommunion. Die ganze Kommune freute sich mit mir, Mama, Papa und meine revolutionären Brüder und Schwestern Peter (11), Moni (9), Luzi (8), Maria (7), Uschi (6) und Margret (5). Ich kriegte ein »Vaterland«-Fahrrad, eine Armbanduhr und Fußballschuhe mit Stutzen. Zwar lästerte Uschi, Religion sei Opium fürs Volk und die erste aller Kritik die an der Religion, aber natürlich war die deformierte Strebertussi nur neidisch.

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Eines Morgens ging mein Lieblingsteddy kaputt. Mein Bruder Peter, ich hab’s echt genau gesehen, trampelte absichtlich drauf, nur weil der Adorno hieß und ich vorher in Peters Aufblaskrokodil Bernstein reingestochen hatte, dieses Revi-Renegatenschwein! Überhaupt wünschte ich mir einen anderen Bruder, wo er im Schulchor jetzt hinter meinem Rücken einfach vom Sopran zum Bass gewechselt hatte. Auf welcher Seite stehst du, Freund?

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Tagebuch, 11.7.: »Rudi Duschke ist tot. Sie schrecken vor nichts zurück. Beim Schlittenfahren im Park mit Vollkaracho gegen den Kletterbaum, aber die Eltern haben ja noch acht oder neun andere – der reinste Kinderladen!«

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Blöd: Nach einer Messdienerprobe log ich meinen eigenen Papa an. Er hatte mich gefragt, ob meine Schulaufgaben fertig seien, ich aus Versehen: Nö. Waren aber! Wo Lüge zu Recht wird, wird aber Beichten zur Pflicht. Hab ich dann auch gleich gemacht. Strafe: sieben Vaterunser, neun Muttergottes. Echt fascho: Zwei Wochen bekam ich kein Taschengeld, das machte einen Verlust von 20 Pfennig. Schon damals erschienen mir Mama und Papa als voll eindimensionale Menschen.

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Wie viele herrliche Nachmittage spielte ich mit den Genossen Manni, Bonno, Locke und Windel »Deutschland erklärt den Krieg gegen …!« Ich wurde immer besser, am Ende besiegte ich in einem einzigen Spiel Frankreich, England, Böhmen, Pommern, Amerika und Russland. Leider ist Locke mal hingefallen, ihre neue Strumpfhose ging an beiden Knien kaputt, und sie fing total an zu weinen, weil ihre Mutter so einen autoritären Charakter hatte.

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Tagebuch, 6.7.: »Stop dem präfaschistischen Erdbeereisverbot nach Frühstück, Mittagessen, Abendessen und anderswo!!!!!!« Immer wieder das Gefühl, an den versteinerten gesellschaftlichen Verhältnissen zu ersticken.

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Im Sommer verknallte sich Petra aus der Mädchenklasse 5b in mich und gab mir zwei angelutschte Prickel Pits – geschenkt! Und dann hat sie gesagt, ich soll Papa und Mama fragen, ob ich mal wieder bei ihr schlafen darf und vorher gegenseitig Fünf Freunde vorlesen. Hab dann meine Eltern gebeten, dass sie Nein sagen. Ging glatt. Wer zweimal bei derselben pennt …

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Tagebuch, 23.8.: »In der Drogenerfahrung entgrenzt sich das deformierte bürgerliche Individuum normierter Immergleichheit und befreit sich zum revolutionären Subjekt, aber Vorsicht: 20 Milky Way auf ex, und man kriegt Scheißbauchweh!! :-(«

AUS DEM NOTIZBLOCK I

Frühvollendet

Dieses Kind, grad seh ich’s wieder, dieses Kind und diese weißliche Pappschale, schmutzig, zerknittert, von Wind und Wetter angegraut, vielleicht ist längst ein Auto drübergefahren, oder ein Hund hat reingeschifft in dieses arme Schälchen mit den dreivier Pommes drin und den Resten von Ketchup und Mayonnaise; und also dieses Kind, achtneun Jahre alt vielleicht und nicht mal abgerissen oder sonstwie drittweltlich geschlagen: Wie es die Schale vom Boden aufnimmt und sie ausschleckt samt den Pommes, sie in seinen Kindermund befördert und brav durchkaut und begeistert runterschluckt, die kalten Pommes runterschluckt und diesen tagealten, längst lehmig und brockig gewordenen Mörtel aus Ketchup und weißgelb vergorenen Mayonnaisedünen, ja, ich seh’ es vor mir, dieses Kind, es macht dies täglich, froh über jeden neuen Fund, und zum Nachtisch gibt es, wenn vorhanden, alte Straßenkaugummi, von anderen ausgespuckte Bubblegums, die im Mund des Kindes zu neuer Feuchtigkeit und Frische finden, man schreibt die Jahre 1967 bis etwa 1970, und dies Kind, dieser desaströse und unfassliche Saubatzen und Schweinemagen ist natürlich kein anderer als der kleine, wenn auch schon damals irgendwie großartige Gsella, Thomas, ich.

Lieblingssatz

Welche Petitesse mir aus Versehen wieder einfällt, jetzt, da das abgetretene Millennium hofft, die Furie des Vergessens und galanten Schweigens möge sich zumindest über seine eher peripheren Rotzblödheiten breiten: ist ein kleiner Nebensatz aus dem Jahre 1990, dem landesweit startenden EU-Standortgezeter untergemischt vom damaligen und womöglich weiterhinnigen Dortmunder OB Günther Samtlebe, der ausgerechnet diesen seinen grauen Häuserhauf in einem furiosen Anfall als »Sport- und Schach-, Wissenschafts- und Wirtschaftszentrum« und »EU-Metropole«, respektive »Oberzentrum« imaginierte, um seinen scheint’s akuten Hirninfarkt dann noch wie folgt ins Wort zu meißeln: »Die Menschen in Europa müssen das Gefühl haben, Beziehungen zu Dortmund zu besitzen.«

O himmlische Knalltüte. Aber recht behält der Mann halt doch; vgl. etwa mich.

Altersplanung

Weil Essener Friseurläden sich inzwischen »Cuthaarstrophe«, »Haare up« und »Hare Christina« nennen, zog ich kürzlich nach Aschaffenburg, wo ich meine Hare nun so lange wachsen lasse, bis sie mir vom Kopf upstehen. Etwa zwanzig Jahre mag dies dauern. Dann kaufe ich mir einen Langhardackel, nehme den Nachnamen »Mann« an, ziehe weiter in jene Stadt, in der ein »Hair und Hund« aufmacht, lasse uns beide scheren und ziehe dann wieder zurück nach Essen, wo mich dann zwar immer noch kein Schwein kennt, ich aber die Wolle, wie der Einwohner sagt, gewinnbringend an Wollwort f(h)airkaufe. Irgendwelche Einwände?

SHINING IN OSTTIROL

Im Juli 1969 befand sich der elfjährige Kinderkirchenchorsolist und eifrige Ministrant G. auf dem Weg in die Pfarrjugendferien. Kurz vor Mitternacht hatte der aus Hamburg kommende Eilzug München passiert, war in Rosenheim um zwei Waggons verkürzt worden und stieg nun, parallel zum Inn, der zwischen Mangfall und Kaiserhöhe eine spitze Westkehre beschreibt, die Bayerischen Alpen empor Richtung Innsbruck. Von da aus, aber auch das wusste G. nicht, ging es weiter in die Zillertaler Alpen, hoch zum Brenner, dann südwärts in die Hohen Tauern und schließlich, vorbei an Sankt Peter und dem schneetragenden Hochgall (3430 Meter), ins Osttiroler Zielörtchen Sankt Jacob.

Die Tür des Schlafabteils sprang auf. Mit zwei schnellen Schritten fegte Weinhold, katholischer Jugendpfleger in Diensten der Essener Pfarrei Herz Jesu, durch den Mittelgang und tippte Stefan »Rotze« Mies, der mit dem Oberkörper aus dem Fenster hing und dem nachtkühlen Fahrtwind froh zerzaust entgegenbrüllte, auf den Rücken. Die übrigen fünf Anwesenden, unter ihnen G. und sein älterer Bruder Bernd, erstarrten, pressten die Knie an den Bauch und versuchten, ihre Köpfe zwischen hochgezogenen Schultern zu verstecken. Rotze, von der plötzlichen Stille alarmiert, wandte sich um. Mit halber Kraft, die ganze hätte töten müssen, schlug ihm der Jugendpfleger ins Gesicht.

Rotze schrie zuerst, dann weinte er, dann rieb er sich den linken Kiefer und glotzte Weinhold an. Groß und stark war der. Und dick. Seine Arme waren breiter als Rotzes Oberschenkel. Als ein falsches Grinsen Weinholds rundes Speckgesicht ins Monströse verzerrte, hütete sich Rotze, es zu erwidern. Rotze wartete.

»Hoffe mal, das reicht«, sagte Weinhold, zog das Abteilfenster mit Wucht herunter und drehte sich zur Tür. Das Licht löschte er erst, als alle unter ihren Decken lagen. »Und nicht vergessen: Ich liege nebenan. Ich höre alles. Nacht.«

Kein Laut drang aus den Betten. Die Schienen machten kelack, kelack. Nur Rotze wimmerte noch leise.

»Kommkomm, Herr Jesusus, seisei unser Gast undund segne, was dudu uns bebescheret hasthast«, beteten Weinhold und Zinowski nur halbwegs synchron. Wie Pingbongbälle hüpften die Worte aus ihren Mündern, sprangen schallend gegen die kahlen, in hellem Grün gestrichenen Rauhputzwände des Speiseraums der Pension Heilige Maria St. Jacob, tupften auf weinroten PVC-Belag und rollten aus.

»Amen«, sagten neunundzwanzig Jungen im Alter zwischen zehn und dreizehn, schauten auf ihre Frühstücksteller und wussten, dass die zwei mittelgroßen Scheiben harten Graubrots weder lecker schmecken noch den über Nacht gewachsenen Heißhunger stillen würden. Das sollten Sommerferien sein? Auf den in U-Form gereihten Tischen standen große Pötte Margarine und winzig kleine Pötte Heidelbeergelee. G. gegenüber musste Rotze würgen, knibbelte sich einen Milchschmandlappen von der Zunge und strich ihn am Tellerrand ab. Rotzes Kiefer war leicht blau.

Dann hörte G. links neben sich zwei dumpfe Schläge. Schreie. Ein Geröchel. Sein Bruder Bernd, Gruppenältester und als Ministrant schon ungezählte Male zum Hochamt zugelassen, blutete aus Mund und Nase; eine dünne tiefe Wunde zog sich über die Stirn bis hin zum rechten Ohrläppchen. Sie legte Teile des Wangenknochens frei, Blut tropfte vom Kinn auf das geblümte Frühstücksbrett. Bernd mümmelte an seiner Graubrotscheibe, trank Milch dazu und wusste – G. fiel ein nasser Krümelpatschen aus dem Mund – erkennbar nichts von seinem Zustand. Ein leises, quälend hohes Piepsen lag im Raum.

G. schlug die Hände vors Gesicht.

»Dann esst mal tüchtig, Kinder!«, hörte er Weinhold rufen. »Zum Einstieg nehmen wir den Hochfeiler. Mit dem Bus zur Tauferkapelle, dann hoch bis auf dreieinhalbtausend.«

»Und denkt an Pulli, Schal und Sonnenöl«, ergänzte der Zweitpfleger Zinowski. »Da oben macht das Wetter, was es will.«

G. spreizte seine Finger langsam, sehr langsam. Als sie den Blick auf Bernd freigaben, öffnete er den Mund, schob seine Zunge auf die Unterlippe und ließ Luft ab.

Er hatte sich getäuscht. Auch das Piepsen war verschwunden.

»Ich hab so Angst, bähähäh! Huuhuu! Ich fall da ru-hunter!!«

Schwabbel mal wieder. Der dicke feige Hund und Petzer, Feind G.s wie aller Jungen der 5b, drückte sich rücklings an die leicht überstehende Felswand und hätte gefahrlos zweimal lang hinschlagen können, so breit war der Weg. Aber das war Schwabbel egal. Er wollte nicht mehr. Er heulte, und sein einziger Vorsatz war zu heulen, bis Weinhold den Befehl zum Abstieg geben würde. Schon nach fünf Minuten, bei der ersten kleinen Aussicht auf ein unter ihm gelegenes Stück Erde, war Schwabbel fahl geworden und hatte sich wie ein Kleinkind an den Aufpasser gehängt. Der hatte ihn abgeschüttelt. Jetzt kam Weinhold auf ihn zu.

»Bleib hier, wenn du willst«, sagte er.»Auf dem Rückweg holen wir dich ab.«

Kurz blieb Schwabbel stumm. Dann machte seine Mimik sich erneut zum Heulen fertig.

»Und morgen fährst du zurück nach Essen. Du weißt, was wir mit euren Eltern ausgemacht haben: Wer nicht pariert, wird in den Zug gesetzt. Also überleg’s dir.«

Schwabbel sagte nichts. Es gab nichts zu sagen. Hierbleiben oder Weitergehen, beides war unvorstellbar. Er blickte Weinhold an, danach die Jungen. Im letzten möglichen Moment hörte er Zinowskis Stimme.

»Na komm, wir gehen zusammen. Ich gehe außen, dann fühlst du dich sicherer.«

Die nächsten Stunden waren ihm so lang wie Tage. Seine Hand fest um drei Finger Zinowskis gepresst, meisterte Schwabbel Schritt für Schritt und guckte, wann immer es der Weg erlaubte, vor sich auf den Boden. Erst am frühen Abend, zum Ende des Abstiegs, als hinter einer Kurve die nahe Tauferkapelle erschien, nickte er seinem geliebten Helfer zu, entzog ihm seine Hand und rannte los.

Ein Feuer brannte auf dem lehmigen Pensionsvorplatz und warf zuckendes Licht auf die Gebäudefront. Weinhold stand, umringt von achtundzwanzig Jungen im Alter zwischen zehn und zwölf, kaum zwei Meter von den Flammen entfernt, hielt einen Rosenkranz in den Händen und betete. In Intervallen fiel die Jungengruppe ein: »Heilige Maria, bitte für uns.« Zu beiden Seiten des Hauptgebäudes, vom Feuerschein züngelnd erhellt, führte ein schmaler Fußweg in den von Tannen umwachsenen asphaltierten Lieferhof. Über eine Hintertreppe gelangte man in die Keller- und Betriebsräume des Hauses, den Waschraum, das Vorratslager und die riesige Pensionsküche. Auf einem der Kühlschränke saß der dreizehnjährige Bernd und fasste zum ersten Mal in seinem Leben Brüste an.

»Hm. Schön.«

»Hm … find ich auch.« Ingrid ließ ihre Füße baumeln und schämte sich für diese blöden weißen Strümpfe in den noch blöderen schwarzen Lackschuhen. Um sie zu verstecken, hakte sie den rechten Fuß über dem linken ein. Es half nichts. »Kannst du küssen?«, fragte sie heiser und umkreiste mit den Fingern Bernds Kniescheibe. Weil er das seltsam fand, wusste er nicht weiter, zog die Hand aus ihrem Hemd zurück und legte sie auf ihre Schulter. Das war nicht mehr so schön wie vorher.

»Kannst du denn?«, fragte Bernd und kam sich mau vor.

»Mhm. Ein Junge aus dem Dorf hat’s mir gezeigt.«

Weinhold sah nicht, wie ungelenk sich da zwei Oberkörper zueinanderrenkten und sich küssten, während vier parallele Beine auf dem Kühlschrank festzukleben schienen. Weinhold sah, dass der Gruppenälteste Bernd die minderjährige Tochter der Pension verführte. Mit der Linken riss er das Mädchen herunter. Mit der Rechten holte er aus und traf Bernd auf Wange, Nase und Lippe. Auch den zweiten Schlag tat er mit offener Hand, und ein Ring schrappte an Bernds Stirn entlang, bis hin zum rechten Ohrläppchen.

»Ihr seid nicht achtundzwanzig«, sagte Weinhold und zerrte den Jungen die Treppe hinauf, »ihr seid neunundzwanzig. Also sollte man beim Durchzählen dabei sein. – Wir reden gleich.«

Die Jungen blieben muchsmäuschenstill, als Weinhold und der blutende Bernd an ihnen vorbei ins Haus gingen. Nur G. stöhnte einmal leise auf, dann ditschte er den neben ihm stehenden Schwabbel an: »Alles stimmt. Nur der rausguckende Wangenknochen fehlt.«

Schwabbel begriff so wenig, dass er mit dem Überlegen gar nicht erst begann.