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DAS WUNDER IN DEN KLEINEN DINGEN

Nach zahllosen Umzügen hat Helen Jukes etwas verloren: das Gefühl, irgendwo hinzugehören.

Keine ihrer Liebesbeziehungen hat den ständigen Adressenwechsel länger als neun Monate überstanden. Zudem arbeitet sie in einem fensterlosen Großraumbüro, in dem nicht einmal eine Topfpflanze überlebt.

Als ihr eine Kolonie von Honigbienen geschenkt wird, stürzt sie sich in das Leben mit einem Bienenstock, und alles wird anders. Die Bienen geben Helen endlich ein Gefühl von Heimat.

Auf faszinierende Weise beschreibt die Autorin das Handwerk der Imkerei und die Kulturgeschichte der Bienen. Sie erzählt aber auch, wie heilsam es für sie war, sich um andere Lebewesen zu kümmern.

 
autor

© Pat Whelan

Helen Jukes, geboren 1984, studierte Psychologie und schreibt u. a. für BBC Wildlife, Junket und LITRO. Sie arbeitet als Tutorin für das Creative-Writing-Programm der Universität Oxford. Zudem engagiert sie sich in gemeinnützigen Organisationen wie Free Word oder Crisis. Sie lebt in Wales und ist Mitbegründerin des Bee Friendly Trusts, einer Londoner Initiative, die sich für den Schutz der Bienen einsetzt. www.helenjukes.com

Sofia Blind übersetzte für DuMont u. a. ›Was gibt’s zu sehen?‹ und ›Denken wie ein Künstler‹ von Will Gompertz, ›Ein Stück Land‹ von John Lewis-Stempel sowie ›Ikigai. Die japanische Lebenskunst‹ von Ken Mogi.

Helen Jukes

DAS HERZ EINER HONIGBIENE HAT FÜNF ÖFFNUNGEN

ÜBER DAS JAHR,
IN DEM ICH IMKERIN WURDE

Aus dem Englischen
von Sofia Blind

 

ANMERKUNG DER AUTORIN

Alle Geschichten entstehen zum Teil durch das Erzählen, und ich sollte anmerken, dass bei dieser – während sie Buchform annahm – einige Namen und Details geändert wurden.

1

Hintertür

Aufm

NOVEMBER

Die Idee kommt an einem Tag, an dem ich dringend hier weg will. Zurück von der Arbeit und zu aufgedreht, um zu Hause zu bleiben, öffne ich die Hintertür und trete hinaus. Vor mir liegt eine abgetretene Fußmatte, auf die drei verblichene Eulen gedruckt sind, darunter das Wort WELCOME in Großbuchstaben. Sie liegt verkehrt herum und heißt diejenigen willkommen, die das Haus verlassen; für Ankommende würde sie auf dem Kopf stehen. Ich starre sie an und blinzele. Ein Nerv im Inneren meines Auges surrt, als wäre das Flimmern des Computerbildschirms irgendwie in meinen Kopf geraten. Meine Schultern sind krumm, mein Nacken ist steif. Ein dicker Muskelstrang hat sich am oberen Ende meiner Wirbelsäule zusammengeballt, und jetzt knete ich mit den Fingerknöcheln darauf herum, mit aller Kraft.

Ich bin müde. Und ich habe immer noch meine Büroschuhe an, die nicht dafür gemacht sind, im Halbdunkel in einem frostigen Garten herumzulaufen. Aber heute Abend muss ich irgendwie Strecke machen – anderswo sein, nicht hier. Im Garten eines Reihenendhauses an einer vielbefahrenen Straße, die aus dem Stadtzentrum von Oxford hinausführt, kommt man nicht weit. Ich zähle die Schritte und komme auf fünfzehn. Am Schuppen vorbei, mit seinen wie eine Perücke herunterhängenden Schlingpflanzen. An der Wand zum Garten des Nachbarn entlang, die ein wenig bröselt, wenn man sie berührt. Kurz vor dem hinteren Ende des Gartens gibt diese Wand ganz auf und verwandelt sich in eine hohe Buchenhecke. Dort kommt ein Kompostbehälter, und dann ein Dickicht aus Unkraut.

Ich bin vor ein paar Monaten eingezogen, mit meiner Freundin Becky. Eine gemeinnützige Organisation im Stadtzentrum von Oxford hatte mir eine Stelle angeboten, als das letzte Projekt, bei dem ich in Sussex gearbeitet hatte, gerade zu Ende ging. Es war ein unbefristeter Vertrag, und das erschien mir nach den vielen Umzügen der letzten Jahre wie ein Glücksfall; die Chance, an einem Ort zu bleiben und vielleicht sogar ein bisschen sesshaft zu werden. Als ich Becky anrief und ihr erzählte, dass ich in ihre Gegend ziehen würde, schlug sie vor, zusammen etwas zu suchen. So landeten wir in diesem Haus. Rote Klinker, zwei Zimmer oben, zwei unten, Kleidermotten in den Teppichböden und dahinter ein schmaler Garten, von Unkraut überwuchert. Das war vor ein paar Monaten, und bisher war es kein durchschlagender Erfolg. Der Job ist schwierig, und ich kämpfe mit dem Arbeitspensum. Wünsche mir, ich hätte eine dickere Haut und mehr Geschick im Umgang mit Dingen wie Bürointrigen und Leuchtstoffbirnen und diesen Bürostühlen, deren Sitze sich ständig drehen. Letzte Woche teilte eine Kollegin mir kühl mit, meine Vorgänger hätten beide wegen Arbeitsüberlastung gekündigt, und ihr Gesichtsausdruck beim Mustern meines eher zierlichen Körperbaus verriet, dass sie auch diesmal keine andere Geschichte erwartete.

Am Ende des Gartens steht ein Holzzaun. Er ist hinter einer herunterhängenden Konifere und vertrockneten Stachelbeerbüschen versteckt, und außerdem noch unter einem Gewirr aus Brombeeren, deshalb kann man eigentlich nicht ahnen, dass er da ist oder wo der Garten genau endet – er ist nur durch eine Lücke an der Seite, zwischen einem Stechpalmenbusch und einem Vogelhäuschen, zu sehen.

Ich quetsche mich hindurch und berühre den Zaun. Schleiche auf Zehenspitzen an eine Stelle, wo ich nicht hinüberschauen kann. Und jetzt, für einen Augenblick oder vielleicht auch zwei, vergesse ich im Schutz der Stechpalme, die mich in die Oberschenkel pikst, wo ich bin. Vergesse das Haus, das sich noch nicht wie ein Zuhause anfühlt, und meinen hektischen Arbeitsplan. In diesem Moment kommt die Idee. Genau hier würden die Bienen hinkommen, denke ich, und ertappe mich dann dabei, dass ich das denke. Ich trete überrascht einen Schritt zurück. Früher war das eine Gewohnheit, die Suche nach solchen Lücken. Ich habe schon länger nicht mehr daran gedacht. Aber jetzt fange ich an, den Ausblick zu prüfen, den Windschutz, die Feuchtigkeit. Ich schiele nach oben, ob die Bäume sie nicht beschatten werden. In einiger Entfernung liegt das Dach eines Lagerhauses in der untergehenden Sonne. Hinter mir ein Plopp!, als ein Regentropfen fällt.

• • •

Ich habe vor einigen Jahren ein wenig über das Imkern gelernt, als ich in London lebte; dort lernte ich Luke kennen, den Freund einer Freundin, der seine Bienenstöcke über die ganze Stadt verteilt hat. Anfangs waren seine Bienen ein Hobby, ein winziges Stück Land am Naturhistorischen Museum im Tausch gegen ein Glas Honig pro Jahr, aber dann wuchs das Ganze. Schon bald meldete sich ein Unternehmen bei ihm, das auch Bienen halten wollte, und bot ihm Bezahlung an. Als ich nach London zog und ihn um einen Einführungskurs bat, hatte er Bienenstöcke bei Zeitschriften und Modehäusern, Kneipen und Hotels; er versorgte die Bienen und schulte die Mitarbeiter, bis sie das selbst konnten.

Damals waren Stadtbienen noch etwas Ungewöhnliches, und ich hatte noch nie das Innere eines Bienenstocks gesehen. Es klang lustig, und außergewöhnlich, und ich wollte – weil mir angesichts der Größe und Vielfalt meiner neuen Heimatstadt schwindlig wurde – unbedingt jemanden kennenlernen, der sich nebenher mit dem Leben kleiner, summender Wesen befasste. Als wir uns zum ersten Mal trafen, trug Luke einen cremeweißen Anzug mit Weste, einen flachen runden Strohhut und ein rosafarbenes Hemd, und er schwang eine blaue IKEA-Tasche. Er sprühte vor Charme – »Helen!«, strahlte er, als er mich sah, »Wie wunderbar, dich kennenzulernen!« Wir standen vor Coram’s Fields, einem Park für Kinder im Zentrum von London, wo er zwei Bienenstöcke in einem schmalen Streifen Unterholz hinter dem Café aufgestellt hatte.

»Du bist also hier, um die Bienen zu sehen?«, fragte er, und ich nickte. Unter seinem Hut war sein Kopf von grauem Stoppelhaar bedeckt. Er sieht ein bisschen wie ein Maulwurf aus, dachte ich, während ich in der Tasche Gerätschaften aus Metall und Gazemasken erspähte. »Manche Leute glauben, Bienen könnten unsere Angst riechen«, erklärte er, während er ein Tor im Gitterzaun aufschloss und wir auf einem Kiesweg weitergingen. Wir zogen unsere Anzüge über, und ich konzentrierte mich also darauf, mich nicht zu fürchten, aber als er den Deckel hob und sie herausquollen, bekam ich schreckliche Angst.

Bis zu jenem Tag war mir nicht einmal klar gewesen, dass Honigbienen etwas anderes sind als Hummeln, dass es mehr als 20 000 Bienenarten auf der Welt gibt und dass nur ein kleiner Teil von ihnen Honig produziert. »Apis mellifera«, verkündete Luke, als würde er einen alten Freund vorstellen. Das ist die Westliche Honigbiene – die Art, die am häufigsten gehalten und gezüchtet wird.

Diese Bienen waren nicht flauschig, und sie waren nicht weich. Sie waren spröde und zittrig, und als Luke den Deckel hob, summten sie nicht, sondern brummten – wie eine Maschine, aber unregelmäßiger, stärker schwankend. Der Raum unter dem Deckel war vollgepackt mit senkrecht eingehängten Holzrahmen; jeder davon bis zum Rand mit Waben gefüllt, jede Wabe über und über bedeckt mit krabbelnden Bienen.

»Schau«, sagte Luke, während er einen Rahmen herauszog und mir zeigte, in welche Zellen die Königin Eier gelegt hatte, wo die Arbeiterinnen Pollen zum Füttern der Larven lagerten und wo der Nektar die Verwandlung zu Honig durchlief. Honigbienen gehören zu den wenigen Bienenarten, die als Völker zusammenleben – selbst bei den Hummeln, die im Sommer gesellig sind, bleibt im Winter nur eine einzige Königin übrig. Die Bienen produzieren so viel Honig wie möglich, um sich in der kalten Jahreszeit davon zu ernähren.

Sie drängten sich aus den Rahmen und zum Eingang. Wir hatten sie beunruhigt, und jetzt machten sie sich umgekehrt daran, uns zu beunruhigen. Ich schielte zu Luke hinüber, der ruhig und zügig arbeitete, mit einer Lässigkeit, die ich vorher nicht bemerkt hatte.

»Sie schwärmen!«, kreischte ich.

»Sie schwärmen nicht«, sagte er. »Schwärmen ist das, was passiert, wenn sich ein Volk teilt und eine Hälfte den Stock verlässt. Die hier verteidigen nur ihren Stock.«

Ich war fasziniert. Von den Bienen, und auch von der Imkerei – diesen präzisen und vorsichtigen Bewegungen, die etwas Zärtliches hatten, eine Art Intimität. Bald beschäftigte ich mich mit Bienen, wann immer ich konnte. Luke schickte mir eine Textnachricht mit einer Adresse und einer Uhrzeit, und ich sprang auf mein Fahrrad und raste durch die Stadt, um mich mit ihm zu treffen. Es fühlte sich ein bisschen so an, als schlüpfe man durch eine Hintertür, träte irgendwie aus dem Fluss der Dinge heraus und in eine andere Version in der Stadt hinein. Wände hatten Nischen, wenn wir imkern gingen. Durch Fenster konnte man steigen, auf Dächer klettern. Wir folgten unterirdischen Tunneln und versteckten Durchgängen, betraten grüne Räume, wo ich keine vermutet hätte. Aber all dies war nebensächlich im Vergleich zur eigentlichen Aufgabe, einen Bienenstock zu öffnen; dann mussten wir zur Ruhe kommen und sehr aufmerksam auf das Bienenvolk und uns selbst achten. Die Schutzanzüge, die uns vom kapuzengeschützten Kopf bis zum gestiefelten Fuß bedeckten, sahen – meiner Ansicht nach – eher so aus, als wären sie als Schutz gegen radioaktive Strahlung entworfen worden, nicht für das Öffnen eines Bienenstocks. In dem Anzug fühlte ich mich gleichzeitig geborgen und seltsam auffällig; das Gebüsch hinter dem Café von Coram’s Fields grenzte an einen Bürgersteig, und oft blieben Passanten stehen und zeigten durch das Parkgitter auf uns, während wir arbeiteten. Wir bemerkten sie kaum. Sobald der Deckel offen stand, waren wir vollkommen versunken. Jede Bewegung von Arm, Bein, Hand oder Kopf war bedeutungsschwer – schon ein plötzlicher Griff, ein plötzliches Zucken konnte die Bienen beunruhigen, und dann mussten wir eine Weile warten und zuschauen, wie die Störung durch das Bienenvolk wanderte wie eine Welle oder ein Frequenzwechsel oder ein Schaudern.

Jetzt könnte ich eine Geheimtür gut gebrauchen, denke ich im Stillen, während ich mit verschränkten Armen über das bereifte Gras des Gartens in Oxford zurück zum Haus knirsche, die Hände unter die Achseln geklemmt. Vielleicht sollte ich tatsächlich Bienen halten, denke ich, und schaue nach oben. Als ich die Hintertür des Hauses erreicht habe, nimmt die Idee in meinem Kopf schon Gestalt an, sie sammelt und festigt sich, nistet sich ein.

Ja, denke ich, und betrachte die Sammlung ungenutzter Blumentöpfe neben der Hintertür. Wir könnten hier ein paar Befruchter gebrauchen. Etwas, das ein wenig Leben injiziert. Meine Finger fühlen sich wie Eisklötze an, und ich bin nicht sicher, ob sie meine Achselhöhlen zum Gefrieren bringen oder ob meine Achselhöhlen sie auftauen.

Am nächsten Tag bin ich wieder bei der Arbeit, eingeklemmt zwischen einem Resopalschreibtisch und einer Wand.

Das Büro ist klein. Fünf Bildschirmarbeitsplätze sind hineingequetscht worden, jeder von ihnen eine etwas andere Variante des gleichen Typs. Tisch, Computer, Stuhl, Mensch – wie nicht ganz verbundene Zellen, und man kann nicht sehen, wer jeweils darin sitzt, außer man lehnt sich zur Seite, was auf einem Drehstuhl mit Rollen ein gefährliches Spiel ist. Jeder Schreibtisch hat oben ein faustgroßes Loch, durch das ein Strang Kabel nach unten in den Fußboden läuft. Der Teppichboden besteht aus Nylonfäden, wie ein Kopf mit Haaren, die flachgepresst wurden oder auf die sich jemand gesetzt hat – ich weiß das, weil ich mich einmal, als ich allein im Raum war, hingelegt und ihn aus der Nähe betrachtet habe. Die Wände sind weiß. Jeden Morgen spüre ich beim Eintreten, wie sich die Muskeln in meinem Nacken zusammenziehen; sie bleiben den ganzen Tag so, bis ich gehe.

Es ist Spätnachmittag, und meine Aufmerksamkeit ist abgedriftet. Die Pflanze, die ich mitgebracht habe, um meinen Tisch zu verschönern, ist gestorben, und ich weiß nicht recht, wie ich sie entsorgen soll. Draußen auf dem Gang gehen Menschen mit hochgezogenen Schultern hin und her; ihre Füße stampfen dumpf über das flachgedrückte Teppichhaar. Eine Frau aus der Marketingabteilung eilt herein und knallt einen Stapel Papier auf meinen Schreibtisch. »Du hattest mich gebeten, Plakate auszudrucken, aber ich kann keine Plakate ausdrucken«, sagt sie so laut, dass jeder in dem vollgestopften Raum sie hören kann. Sie kann die Poster nicht drucken, weil der Drucker kaputt ist, und die Person, die ihn normalerweise repariert, stressbedingt krankgeschrieben ist.

Wir betrachten den Papierstapel. Sie schaut mich an und zuckt mit den Schultern. Dann dreht sie sich auf dem Absatz um und geht.

Ich schiebe den Stapel an die Schreibtischkante und schaue mit zusammengekniffenen Augen auf meinen Computerbildschirm. Ich will hier raus, denke ich, und begrabe den Gedanken schnell wieder. Denn ich kann nicht einfach raus. Ich bin umgezogen, in eine neue Stadt, für diesen Job – ich kann nicht einfach abhauen.

Die Haut um meine Augen spannt. Vielleicht ist der Bildschirm zu hell oder mein Blickwinkel zu eng, oder vielleicht haben die Muskeln es satt, sich gegen all das anzuspannen, was von außen Druck ausübt. Ich reibe mir die Augen, schaue wieder hin. In diesem Moment kommt die Idee wieder.

»Vielleicht lege ich mir einen Bienenstock zu«, sage ich laut, zu niemand Bestimmtem.

Joanna, die am Tisch gegenüber sitzt, brüllt vor Lachen und gestikuliert in Richtung meiner traurigen Topfpflanze.

»Irrsinn«, sagt sie schroff und wendet sich wieder ihrem Bildschirm zu.

Niemand sonst sagt etwas. Ich sage auch nichts.

Und das, so scheint es, ist das Ende der Geschichte.

• • •

Aber ich habe vergessen, dass Worte wichtig sind. Sobald man etwas laut ausgesprochen hat, fangen die Leute an, einen beim Wort zu nehmen. Oder man setzt etwas schon dadurch in Bewegung, dass man es in Gedanken zu beschreiben beginnt.

Gegen Ende der Woche kommt meine Freundin Ellie vorbei, mit Trauben und einer Schachtel Pfefferminz-Teebeutel. Ellie ist fast einen ganzen Kopf größer als ich, und ihr langes dunkles Haar sieht immer aus wie vom Wind zerzaust. Wenn sie ein Tier wäre, dann vielleicht ein Feldhase, wegen ihrer langen Beine und ihrer großen, grünen, schwarz geränderten Augen. Ihre Stimme ist ruhig – sie spricht leise – und voll. Sie liebt Sprache und formuliert so präzise und klar, dass ich manchmal beim Zuhören denke, egal was passiert, alles ist okay, solange man einen Weg findet, es zu beschreiben.

»Wie läuft’s?«, fragt sie, als wir in der Küche stehen und darauf warten, dass das Wasser kocht. Die Trauben sind klein und grün, ihr Fleisch unter den festen Häuten so herb, dass wir jedes Mal zusammenzucken, wenn wir hineinbeißen.

»Okay«, sage ich. »Viel zu tun. Ich denke darüber nach, mir einen Bienenstock zuzulegen.« Ich werfe eine Traube in die Luft und fange sie zwischen den Zähnen auf, als ob das etwas wäre, das ich möglicherweise tun könnte.

In Wahrheit denke ich unaufhörlich darüber nach. Am Wochenende habe ich die Schränke nach meinem alten Imkeranzug durchsucht, den ich in einer Kiste unter einem Stapel Vorhänge und eingetrockneten Mottenkugeln fand. Ich habe ihn zum Lüften ans Treppengeländer gehängt. Und jetzt streift mein Kopf jedes Mal, wenn ich hinaufgehe, die Kapuze.

»Ich wusste gar nicht, dass du mal Bienen hattest«, sagt Ellie und lehnt sich über die Spüle, um den Garten besser sehen zu können. »Könntest du hier welche halten?«

»O ja«, sage ich. »An zwei Seiten des Gartens grenzen leere Grundstücke. Hinter dem Zaun dort ist nur Wildnis, und dahinter Kleingärten. Und die Buchenhecke teilt den Garten der Nachbarn ab. Es ist wirklich perfekt.«

Sie beugt sich weiter vor und schaut hinaus. Aber es hat den ganzen Tag geregnet, und alles versinkt im gleichen Mattgrau wie der Verkehr und die Straße dahinter. Es ist schwer vorstellbar, dass es hier genug gibt, um auch nur eine einzige Biene zu ernähren, von einem ganzen Volk ganz zu schweigen.

Also beginnen wir stattdessen eine Art Spiel und stellen uns vor, welche Art Mensch Imker wird; wir skizzieren mit Worten eine Figur.

»Ein Mann.«

»Ja, eindeutig ein Mann.«

»Ist gern mit sich allein.«

»Steht kurz vor der Pensionierung.«

»Ist schon Rentner.«

»Oder hat viel Freizeit.«

»Und einen süßen Zahn.«

»Und ein dickes Fell.«

»Oder einen dicken Anzug.«

»Er hat’s schön warm in seinem Schwarm.«

»Autsch«, sage ich und ziehe eine Grimasse.

Ich habe nach wie vor meine Bürokleidung an, Feinstrumpfhosen und drückende Schuhe und ein Kleid, das an den Knien kratzt. Wir könnten noch weitermachen. Aber je länger wir das tun, desto weiter fühle ich mich davon entfernt, tatsächlich selbst Imkerin zu werden. Die Idee, die angefangen hatte, in meinem Kopf Wurzeln zu schlagen, beginnt sich zu verbiegen und verdrehen, bis ich mich frage, ob es nicht wirklich irgendwie verrückt wäre, mir einen Bienenstock zuzulegen. Sollte ich nicht lieber durch die Vordertür hinausgehen und die Gegend erkunden, statt mich am hinteren Zaun zu verstecken?

»Letztes Jahr habe ich einen Film über kommerzielle Bienenzüchter in den USA gesehen«, erzählt Ellie. »Es geht gar nicht mehr nur um den Honig; manche von ihnen verdienen die Hälfte ihres Einkommens damit, in Gegenden mit überindustrialisierter Landwirtschaft Befruchtung als Dienstleistung anzubieten. Sie fahren in riesigen Trucks herum, mit Hunderten von Bienenstöcken auf der Ladefläche. Wandererimkerei nennt man das. Der Film handelt von einem Imker, der einen Großteil des Jahres unterwegs ist.«

»Ich kann mich erinnern, dass letztes Jahr etwas über diese Laster in den Nachrichten kam«, sage ich, gieße Tee ein und reiche ihr eine Tasse. »Ein schwerer Unfall, ich glaube, im Washington State. Vierhundert Bienenstöcke fielen herunter und lagen auf der Landstraße. Kurz vor der Morgendämmerung. Als die Sonne aufging, stiegen gleichzeitig Schwärme von Bienen auf.«

»Und was geschah dann?«

»Mit den Bienen? Die Feuerwehr kam und spritzte sie mit Schläuchen herunter. Sie tötete ziemlich viele. Ich glaube, Imker aus dem Nachbarort sind gekommen und haben ein paar eingefangen.«

»In dem Film kam auch etwas über China vor«, sagt Ellie und legt ihre Hände um die Tasse. »Über Orte, an denen es keine Bienen mehr gibt. Die Eigentümer von Apfelplantagen heuern Leute an, die das Befruchten übernehmen. Sie haben es im Film gezeigt. Landarbeiter, die mit winzigen Pinseln auf Bäumen herumklettern. Die Körper halb verdeckt von Blüten.«

Auf dem Weg zum Klo kommt sie an dem Anzug vorbei, der über der Treppe baumelt. »Wow«, sagt sie, »du denkst wirklich darüber nach.«

Ich schaue hinauf zu den herabhängenden Ärmeln und ihren elastischen Bündchen und begreife plötzlich, wie anders es wäre, einen eigenen Bienenstock zu haben. Bisher hatte ich immer unter Lukes Anleitung geimkert. Alle Beobachtungen, alle Entscheidungen konnte er überprüfen und absegnen. Wir bewegten uns von Ort zu Ort, über weite Strecken; ich übernahm nie die volle Verantwortung, war nie einem einzelnen Volk wirklich Rechenschaft schuldig.

Es wäre eine ganz andere Geschichte, ein Bienenvolk hier zu haben, vor meiner eigenen Hintertür. Und ich, in Imkerkleidung, würde sie halten. Um die Wahrheit zu sagen, bin ich in meinem sonstigen Leben nicht sehr gut im Halten von Dingen. Wie viele aus meiner Generation bin ich viel umgezogen. Seit ich erwachsen bin, habe ich nie länger als anderthalb Jahre an einem Ort gelebt. Ich bin dreißig. Es fällt mir nicht schwer, neue Bekannte zu finden, aber abgesehen von ein paar chaotischen Fehlgriffen habe ich seit Jahren keinen festen Freund gehabt. Rastlosigkeit passt nicht gut zu Nähe, oder sie ist eine tolle Methode, um Nähe aus dem Weg zu gehen, und jetzt hat der Gedanke, ein anderes Lebewesen bei mir aufzunehmen, etwas leicht Furchteinflößendes.

Imkern scheint etwas Eindringliches zu haben. Ich habe Imker kennengelernt, die sagen, es habe sie gepackt, es gehe ihnen unter die Haut – als wären die Bienen zur Besessenheit geworden und das Imkern zur Zwangshandlung. Luke redet nicht so, aber er hat mir einmal erzählt, er habe bald nach seinem Einstieg in die Imkerei begonnen, Farben anders wahrzunehmen. Bienen können einen anderen Teil des Farbspektrums erkennen als wir; sie sehen mehr Blau, und viele Blumen, die von Insekten befruchtet werden, haben im Lauf der Evolution blaue oder violette Blüten entwickelt, um für Bienen besser sichtbar zu sein. Luke merkte, dass auch er angefangen hatte, Blautöne in seiner Umgebung wahrzunehmen. Nicht nur den Lavendelbusch vor seiner Tür, sondern auch die Serviette neben seinem Teller, ein Uhrarmband an einem Männerhandgelenk, einen über den Gehweg schlitternden Flaschendeckel. Er war von Farbe angezogen worden, und von der Unsicherheit wechselnder Wetterkonstellationen. »Wenn es regnet, ändern sich meine Pläne. Das Wetter entscheidet, ob ich imkere, nicht ich.«

Eines Frühlings sagte er zu mir: »Das ist ein seltsames Jahr«, nachdem es praktisch einen Monat lang geregnet und dann – nach einer Hitzewelle – geschneit hatte. Auch ich fing an, Dinge zu bemerken, die mir sonst nicht aufgefallen wären. Wenn ich aus dem Anzug schlüpfte und, unbelastet von irgendeiner echten Imkerverantwortung, zurückkehrte auf die Straßen der Stadt, nahm ich Einzelheiten wahr, die ich vorher übersehen hatte; mir wurde bewusst, welche Lebewesen hinter und zwischen den Mauern von London existieren. Manchmal fühlten sich meine Augen anders an, nachdem ich einen Bienenstock geöffnet hatte. Ich fragte mich, was an den Bienen unser Sehen verändert.

Später am Abend, als Ellie nach Hause gegangen ist, klettere ich im vorderen Wohnzimmer auf den Möbeln herum.

»Helen«, sagt Becky, als sie von der Arbeit nach Hause kommt, um zu essen und ins Bett zu gehen. »Es sind keine sauberen Töpfe mehr da. Machst du noch den Abwasch?«

»Ja«, antworte ich, mache aber keine Anstalten, mich in Richtung Küche zu bewegen. Ich balanciere mit den Zehen auf der Kante eines Sessels und greife nach oben ins Bücherregal. »Hast Du meine Bienenbücher gesehen?«

Ich versuchte, einen gründlichen Blick auf die Bienen in Lukes Stöcken zu werfen, aber Bienen sind nicht einfach zu beobachten. Das liegt daran, dass sie so seltsam sind. Genau wie man Licht als Welle oder als Teilchen betrachten kann, ist eine Honigbiene als Individuum oder als einzelne Zelle im größeren Superorganismus des Volkes vorstellbar. Das durchbricht unser Bild von der Welt als einem Ort fester Formen, wo jedes Lebewesen einen Namen und eine Reihe klar benennbarer Teile hat. Schauen Sie einen Hund oder eine Katze an – die Anordnung von Augen, Nase, Mund und Ohren –, und Sie können ein Gesicht erkennen und eine Beziehung dazu aufbauen. Bei einer Biene dagegen würden Sie ein Mikroskop brauchen, und selbst dann ist der Körper so seltsam, dass Sie ihn möglicherweise nur mit Hilfe eines Schaubilds verstehen würden. Und was ist mit einem ganzen Volk? Ein Bienenvolk ist nebulös und unstet; wenn es ausschwärmt, scheint es mehr zur Luft zu gehören als zur physischen Welt. Man kann keinen Ring darum zeichnen; man kann keinen Körper darin erkennen. Wie soll man es anschauen? Wie soll man es verstehen?

Zurzeit gibt es im Büro so viele knappe Abgabefristen und Checklisten, dass ich vielleicht ein gewisses Schwarz-Weiß-Denken entwickelt habe. Ich muss mir Sachen als das Eine oder das Andere definieren, Beides oder dazwischen gibt es nicht. Aber vielleicht muss man bei den Bienen die eigenen Sinne anpassen – zwischen den gewohnten Vorstellungen von Auge und Nase, Mund und Ohr hindurchschlüpfen – um in der Lage zu sein, sie zu sehen.

Die Bücher stehen im obersten Regalfach, und ich muss mich strecken, um sie herunterzuholen. Zu meiner früheren Imkerzeit hatte es auch gehört, über Bienen zu lesen, und jetzt spüre ich, dass das wiederkehrt, wie Durst. Das Gefühl, den Bienenstock kennen zu wollen – zu fragen und herauszufinden und zu verstehen. Ich lege den kleinen Stapel Bücher auf dem Boden aus wie Trittsteine. Sie reichen bis zur Hintertür, bis an Beckys Füße. Ich schaue auf, und mir fallen die wartenden Töpfe wieder ein.

Ein paar Tage später bin ich draußen im Garten, mit einer alten Eiscremedose voller Orangenschalen für den Kompost. Wenn man im Sommer Küchenabfälle auf einen offenen Haufen wie diesen wirft, steigt eine Wolke von Fliegen auf, aber im Winter rührt sich nichts. Ich leere die Dose, und die Schalen fallen heraus. Der Haufen trägt einen orangefarbenen Gipfel. »Psst. Hallo!« Ein trockener Zweig knackt, und ich fahre zusammen, weil ich dachte, ich wäre allein. Ich drehe mich um und sehe meine Nachbarin, die auf ihrer Seite der Hecke kauert. Die Hecke ist hoch, und normalerweise kann man nicht zu uns hinübersehen – aber jetzt ist das Laub abgefallen und das Ganze ist kahl genug zum Hindurchschauen.

Ihr Name ist Hannah. Sie ist jung – Anfang zwanzig – und hat ungewöhnlich glattes braunes Haar, das nie länger oder kürzer zu werden scheint. An Wochentagen verlässt sie morgens um 7.55 Uhr das Haus und kommt um 17.35 Uhr zurück. Sie fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit, genau wie ihr Verlobter, der auch ihr Mitbewohner ist. Sie haben Mountainbikes und tragen die gleiche Fahrradkleidung.

»Alles in Ordnung?«, fragt sie. Und dann sagt sie: »Darren hat mir von den Bienen erzählt.« Darren ist ihr Verlobter. Anscheinend hat Becky ihm gegenüber schon erwähnt, dass wir darüber nachdenken, uns einen Bienenstock zuzulegen, und Darren hat zugestimmt. »Wo kommen sie hin?«, fragt sie mit heller, klarer Stimme, und ich zeige in Richtung Zaun, auf die Stelle neben der Stechpalme, über der ein schwerer Brombeerbusch hängt. »Und wann holt ihr sie?«

In mir steigt der Wunsch auf, die Hecke möge sich wieder mit Blättern bedecken, mir meinen Schutzwall zurückgeben. Der Bienenstock soll mir eine Ruhepause verschaffen; ich bin noch nicht bereit für Verhöre.

»Ich weiß nicht«, sage ich. »Vielleicht im Frühling.«

Da schiebt sie sich so nahe heran, dass die Buchenzweige sie in die Wangen piksen müssen. »Die sind in Not, oder? Die Bienen. Ich habe neulich gelesen, dass die Bestände an Honigbienen zurückgehen. Kein bestimmter Grund, hieß es in dem Artikel. Eine Mischung aus in-ter-kor-re-lier-ten Faktoren.«

Sie spricht interkorreliert sorgfältig aus, jede Silbe einzeln, als würde sie das Wort erst im Kopf zusammensetzen. Und es stimmt. Pestizide außerhalb des Stocks, Parasiten im Inneren; neue Formen der Landnutzung, Klimawandel und Wetter – die Liste der Faktoren, die sich in den letzten fünfzig Jahren auf die Bienenstöcke ausgewirkt haben, nimmt kein Ende.

»Mir ist es kalt den Rücken hinuntergelaufen«, sagt Hannah. »Was denkst du?«

»Über den Rückgang? Ich glaube, es ist kompliziert. Stell dir vor, in deinem Haus würden sich diese ganzen Stressfaktoren aufbauen; irgendwann muss es da einen Knall geben.«

Sie sitzt immer noch in der Hocke, also kauere ich mich ebenfalls hin, und unsere Augen sind auf gleicher Höhe, zwischen den Buchenzweigen.

»Vielleicht sind sie wie Kanarienvögel«, sagt sie und verdreht einen Zweig so lange, bis er bricht. »Du weißt schon, die, die sie mit hinunter in die Bergwerke genommen haben. Ihre Lungen sind so klein, dass sie tot umfielen, wenn giftige Dämpfe da waren, und dann wussten die Bergleute, dass sie schnell rausmussten. Vielleicht versuchen die Bienen, uns etwas zu sagen.«

»Ja, vielleicht«, sage ich, und erinnere mich, gelesen zu haben, dass es in Mythen und Volksmärchen aus aller Welt Geschichten gibt über Bienen als Boten, die zwischen Welten hin- und herwechseln können. Im antiken Griechenland hielt man das Summen von Bienen, das aus Felsspalten hervordrang, für Seelen, die aus der Unterwelt aufstiegen; die Maya glaubten, Bienen verfügten über mystische Kräfte; in britischen Volkssagen werden sie »die kleinen Boten Gottes« genannt. Ich denke an die Bergleute in ihren tiefen, dunklen Tunneln, die sich umdrehten und sahen, dass ihre knallgelben Vögelchen draufgegangen waren. »Außer, dass wir nicht hoch an die frische Luft gehen können.«

»Nein«, sagt Hannah. »Stimmt.«

Sie richtet sich auf und klopft sich ab. »Ich muss los.« Als ich denke, dass sie gerade gehen will, hält sie inne. »Ach, und pass mit den Zitrusfrüchten auf.«

»Wie bitte?«

»Die Orangenschalen«, sie nickt hinüber zu der Eisdose, die ich immer noch in der Hand halte. »Zu säurehaltig. Das ist nicht gut für den Kompost.« Ich drehe mich um und starre den Haufen an, der aussieht, als habe seit Monaten keine Zersetzung stattgefunden. »Du brauchst einen Deckel«, sagt sie. »Etwas, das die Wärme hält.« Und ich höre ein leises »ts-ts-ts«, während sie zum Haus zurückgeht.

In der folgenden Woche wird es sogar noch kälter. Der Kanal durch die Stadt friert zu, ein Teil des Flusses auch, und morgens gehe ich unter einem Himmel zur Arbeit, der im gleichen kalten Pink errötet wie meine Haut. Gartentore, Autorückspiegel, der spillerige Stamm eines Rosenbusches – alles ist von spitzen Stacheln aus Raureif überzogen.

Es bleibt nicht lange so. Bald rollen Wolken heran, die Temperatur steigt, und wir bekommen eine Menge Regen. Schimmelflecken tauchen an meinen Schlafzimmerwänden und auf meinen Büchern auf. Haarig, und perfekt kreisrund. Ich fahre ihre Umrisse mit der Fingerspitze nach und reibe sie dann mit einem alten Geschirrtuch weg. Der Schimmel löst sich auf. Wie Staub. Er hinterlässt blaugraue Schmierflecken auf dem Stoff.

Ich habe gehört, wenn man Schimmelsporen im Haus hat, wachsen sie auch im eigenen Körper. Wenn ich nachts im Bett liege, stelle ich mir vor, wie auf den Organen und Durchgängen in meinem Inneren Pelz sprießt. Lunge, Kehlkopf, Rachen. Die Lunge ist interessant. Durch die Bewegung der Luft, die immerzu hinein- und hinausströmt, ist sie in ständigem Kontakt zur Außenwelt.

Wenn ich nachts im Bett liege, frage ich mich auch, ob ich mich dieser ganzen Sache mit dem Bienenstock gewachsen fühle. Was ist, wenn sie sterben oder ausschwärmen, oder ich sie nicht mehr um mich haben möchte? Was ist, wenn sie mich hier festhalten und ich an einem Ort festsitze, an dem ich mich so entwurzelt fühle? Was ist, wenn ich sie nicht behalten kann?

Beim letzten Mal hatte ich mit dem Imkern aufgehört, weil ich umziehen wollte, weg aus London. »Aber du hattest gerade den Bogen heraus!«, protestierte Luke, was mich überraschte, weil ich überhaupt nicht das Gefühl hatte, den Bogen herauszuhaben. Ich hatte die Bienen immer noch nicht verstanden, und wenn es im Stock eine innere Logik gab, hatte ich sie noch nicht erfasst. In jenem Winter hatten wir das Volk in Coram’s Fields verloren, und der Anblick all der grau gewordenen, leblosen Körper, die sich auf den Waben aneinanderdrängten, brachte mich immer noch aus der Fassung. Offensichtlich hatte ich nichts getan, um den Bienen zu helfen, und es wurde immer schwieriger, anderen Leuten zu erklären, warum ich so viel Zeit mit dem Imkern verbrachte. London ist so voller Energie und Druck und Höher-höher-höher-Hinauswollen, dass man das Gefühl haben kann, der Strömung im Weg zu stehen, wenn man kein bestimmtes Ziel hat.

Draußen, in Oxford, regnet es immer noch. Ich muss einen langen Bericht schreiben und arbeite ein paar Tage lang zu Hause, deshalb bin ich öfter bei Tageslicht daheim als normalerweise. Wann immer ich aus dem hinteren Fenster schaue, ist die Stelle am Zaun das Erste, was ich sehe. Sie hat etwas Wartendes an sich, oder Beobachtendes. Sie macht mich kribbelig. Ich schaue weg, wieder in den Raum, wo ein Tisch steht und ein Stuhl und mein Laptop, auf dem zweiundsiebzig E-Mails warten. Dreiundsiebzig.

Ein Muskel in meinem Nacken sticht. Irgendein harter, entschlossener Knoten hat sich fest in meinen Halsansatz geklemmt, und jetzt wird es schlimmer. Ein Schmerzstoß schießt von meinem Kopf hinunter bis in meine Finger, summt dort einen Moment und ist dann weg.

Ich hebe eine Hand und reibe die Oberseite meiner Schultern, im Versuch, den Knoten zu finden und zu lösen, aber ich schaffe es nicht – er hat sich zu tief eingegraben. Während ich reibe, klopft der Regen an die Scheibe, wie Finger oder winzige, starre Bienenleichen.

Und dann hört der Regen auf, und mein Freund Jack kommt vorbei, mit einer Astschere. Jack wohnt ein paar Häuser weiter. Er ist über einen Meter achtzig groß und sieht ein bisschen aus wie ein riesiger Seehund, mit langen schwarzen Wimpern und einem Körper, der für das Wasser gemacht zu sein scheint. Ein paar Hundert Meter von seinem Haus entfernt fließt ein Teil der Themse durch die Stadt, und er geht das ganze Jahr über an jedem frostfreien Tag schwimmen. Wo immer er hingeht, hat er ein Handtuch dabei. Wenn er irgendwo Wasser sieht, aber sein Handtuch vergessen hat, schwimmt er trotzdem.

»Astschere?«, frage ich verwirrt.

»Hab mir gedacht, du könntest ein bisschen Hilfe beim Freischneiden gebrauchen«, sagt er und verlagert sein Gewicht von einem Bein aufs andere. »Den Garten herrichten für die Bienen.« Jack gehört zu den Menschen, denen ich erzählt habe, dass ich mir einen Bienenstock zulegen möchte, und Jack ist keiner, der herumsteht und abwartet. Ich starre ihn einen Augenblick lang an, unsicher, ob ich den Zaun freilegen möchte oder ihn einfach so lassen, wie er ist, unwirtlich für Mensch wie Bienenstock und von Unkraut verfilzt.

»Aber es ist alles noch nass vom Regen«, sage ich und beäuge die Schere.

»Sie ist schon ziemlich rostig.« Er zuckt mit den Schultern und zieht die Schere auf und zu. Sie macht bei jeder Bewegung ein hartes, kratzendes Geräusch, als wollte sie ihre Untauglichkeit demonstrieren.

Ich greife nach meinen Stiefeln. Handschuhe finde ich auch für uns.

»Was für ein Chaos«, sagt er, als wir unten am Zaun stehen. Und dann fängt er an, die Brombeeren zurückzuschneiden und die Stechpalme zu stutzen. Die Schere ist ziemlich stumpf. Sie hackt eher, als zu schneiden, aber sie funktioniert; die Lichtung am Zaun wird größer, und nach einer Weile beginne ich das Ganze zu genießen, während ich armvollweise tote Zweige herauszerre und auf dem Gras zu einem kleinen Berg auftürme.

Zwei runde Schweißflecken erscheinen auf beiden Seiten von Jacks Hemd. »Es gibt ein litauisches Wort für Freund«, sagt er über die Schulter. »Bičiulis. Es kommt von bitė, dem Wort für Biene. Wörtlich bedeutet es eine Person, mit der man gemeinsam Bienen hält.« Jack hat eine enorme Aufnahmefähigkeit für Fakten aller Art. Manchmal kann er abends schlecht einschlafen, und er nutzt diese verlängerten Wachphasen, um sich Neues beizubringen. Letzten Monat war es das Bierbrauen. Jetzt scheint es das Litauische zu sein.

»Hm«, mache ich und reiße einen Strang vergammelten Efeu vom Zaun, wobei ich mich frage, wie ich ihm klarmachen kann, dass es bei der Idee mit dem Bienenstock eigentlich nicht um Freundschaft geht. Es geht nur um mich und die Bienen, und ich bin nicht sicher, ob ich möchte, dass jemand dabei ist und zuschaut.

»Ja«, sagt er, »im alten Litauen wurden Bienen nicht gekauft oder verkauft, deshalb basierten die Beziehungen zwischen den Imkern auf Schenken und Leihen. So waren Menschen in ganzen Bezirken miteinander verbunden. Ich glaube, Imker müssen damals als ehrliche und vertrauenswürdige Menschen gegolten haben. Gute Freunde.«

Ich habe von diesen Schenk- und Leihbeziehungen gehört. In ganz Nordeuropa gab es Traditionen, nach denen das Kaufen oder Verkaufen von Bienen Unglück brachte. Man glaubte, dass Schwärme, die verschenkt wurden oder aus eigenem Antrieb ankamen, besser gedeihen.

Jack dreht sich um. Er schaut mich an und runzelt die Stirn. »Was treibst du denn da?«

Ich stehe am Zaun und tue so, als wäre ich ein Bienenstock, oder eine Biene; ich teste die Stelle auf ihre Tauglichkeit. Die Brombeeren müssen hier jahrelang gewachsen sein. An den Stellen, die wir gerodet haben, ist der Zaun zerkratzt und weicher und andersfarbig, und die Erde kahl – nur ein paar gelbliche Triebe ragen heraus, plötzlich dem Licht und der Luft des Winters ausgesetzt. Außerdem ist die Stelle schlammig und uneben. Ein Bienenstock sollte auf einer ebenen Fläche stehen, und eben ist diese Fläche nicht.

Wenn ein Volk in der Wildnis in eine Öffnung eindringt, bewegen sich die Bienen an den Rändern nach oben und suchen die Decke, eine sichere Fläche, von der aus sie nach unten bauen können. Dann bildet eine Gruppe von Arbeiterinnen eine herabhängende Kette; sie machen sich mit den Häkchen an den Beinen aneinander fest wie eine lebende Lotschnur. An der Innenseite dieser Kette bauen sie senkrechte Waben, der Schwerkraft folgend – ein zweiseitiges Gitter, in dem jede sechseckige Zelle ihre sechs Wände mit den angrenzenden Zellen teilt. Wenn die Wände des Bienenstocks krumm sind, bilden sich die Waben in unregelmäßigen Winkeln dazu und stoßen irgendwann dagegen.

Vom Garten aus hören wir den Verkehr, der draußen über die Straße rumpelt und an den Stellen Wasser emporspritzen lässt, wo die Gullys überflutet sind und der Regen sich in großen Tümpeln auf dem Asphalt sammelt. Ein Mann brüllt. Ein Kind plärrt. Wir starren hinunter auf den Boden.

»Es ist nicht eben«, sage ich zu Jack.